Marpa-Mutmacher

und andere Glücksfälle

Falls Sie einen Satz gefunden, gelesen, selbst formuliert haben, der Sie und vielleicht sogar andere in Ihrem Umfeld ermutigt, ermuntert, ja sogar für einen Augenblick glücklich machte, falls Sie einen Glücks-Tipp, ein Glücks-Erlebnis beisteuern möchten, freue ich mich und publiziere Ihr Bild, Ihren Text gerne hier unter Angabe der Herkunft, falls Ihnen das recht ist. Es geht nicht um allgemeingültige Weisheiten, sondern um ganz persönliche, individuelle Momente, in denen uns das Glück trifft wie ein Blitz, wie eine warme Ladung Sonnenstrahlen, wie ein Lächeln eines Kindes...

Jaja, die Rubrik gab's doch schon mal - aber Anita wollte sie wieder und steuerte das erfrischende Wort 'Marpa-Mutmacher' bei - wer könnte da widerstehen? Ganz wichtig: es müssen gar nicht zwingend Buchstabensuppen sein, die Sie mir zustellen. Bilder sagen bekanntlich oft mehr als tausend Worte. Klar gäbe es auch Düfte, ein Geschmack auf der Zunge, frische Winde, Berührungen, ja schlicht die Ausstrahlung eines anderen Wesens, die alle das Zeug zum Mutmacher haben. Für all das braucht es Übersetzungsvorgänge in Bilder und Worte, da wir leiderleider alle anderen Kommunikationsformen noch nicht elektronisch übermitteln können. Ich sage 'noch nicht', denn sobald die Versessenheit und der Glaube an die einzig seligmachenden Kommunikationsmittel Sprache und Bild dereinst ein wenig abnehmen und die erwähnten anderen Kommunikationsmodi vermehrt Zuwendung erfahren, wird die Technik sie auch transportfähig machen. Auch Technik ist nicht nur eine Frage des Könnens, sondern mindestens so sehr eine Frage des Wollens.

Aber vorläufig müssen wir uns damit begnügen, auch so etwas Wundervolles wie Charisma, Ausstrahlung, Energie eines Wesens über Bild und Text zu vermitteln versuchen. Lassen Sie doch einmal die folgenden Texte und Bilder auf sich wirken. Vielleicht kommt ja etwas aus dem vermeintlich toten Gerätchen heraus und durchrieselt Sie beim Betrachten? - Und wenn nicht, ist das kein Grund zur Aufregung. Denn es ist eine Auswahl, die durch meinen subjektiven Filter gegangen ist: fast alle stammen aus meinen Lebenswelten 'Tiere' und 'Bühne'. Sie dürfen selbstverständlich einen ganz anderen haben - ich hoffe es sogar, denn so kann ich meinen Horizont erweitern, wenn Sie mir Ihre Mutmacher-Bilder und -Texte zustellen.
Und sowieso: wir haben alle Zeit der Welt.

Manchmal braucht es ein wenig Mut um auf etwas hinzuweisen, was man als Missstand zu erkennen glaubt. Den Mut, zu sich selbst und seiner Weltsicht zu stehen. Kunst in allen Formen bietet Möglichkeiten dazu. Z.B. kann man seine Ansicht in Versform kundtun. Die Gedichte im Appezöller-Dialekt sind - vorläufig! - alle von Anita Glunk, und wenn jemand findet, da sei doch ab und zu ein Gemix von Innerrhödler und Ausserrhödler Mundart oder gar noch ein Schuss Toggenburgerisch drin, dann darf er gern mit Anita Kontakt aufnehmen: anita.glunk@zung-design.ch

Munterstens Ihren Mutmachern entgegensehend:
info@marpa.ch

 

Der braune Sack

Anita Glunk, 17.10.2012

 

«Scheisse» stammelte Tom, als sein Versuch, die Büchse weg zu kicken, mit einem kläglichen Tritt in die Luft endete. Torkelnd machte er zwei Schritte zur Seite und konnte sich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten. Was für eine extreme Mischung hatte Jan da heute wieder zusammengebraut. So höllisch eingefahren waren ihm seine Drinks noch nie. Wer weiss, vielleicht landeten auch zwei, drei Tabletten in dem Gesöff. Bei Jan wusste man nie. «Bestimmt hab ich es auch deshalb nicht mehr so gebracht bei der grossen Blonden. Wie hiess sie doch schon wieder?» Egal, Namen brauchte er nicht. Hauptsache sie waren geil, die Weiber. «Keine Angst!», er grinste, «ich werd' dich schon noch flachlegen!»

«Hey Alter, was gaffst du so doof?» fuhr er den älteren Mann an, der auf ihn zukam und mit schnellen Schritten auf die andere Strassenseite wechselte. «Was hast du Arschloch für ein Glück, dass ich derart besoffen bin» dachte Tom «dir hätte ich zu gern deine dumme Fresse poliert.» Was sagte Jan immer wieder zu ihnen? «Lasst euch bloss nicht dumm anmachen. Zeigt ihnen, wer hier das Sagen hat!»

Schwankend ging er weiter. Ein Stück weit vor ihm sah er etwas Braunes am Randstein liegen. Das würde er nicht verfehlen. Er näherte sich, holte aus und trat mit aller Wucht zu. Aber statt wegzufliegen, hielt das undefinierbare Etwas seinen rechten Fuss fest, umschloss ihn und zog ihn förmlich in sich hinein. Gleichzeitig hörte Tom ein empörtes «Aua!» Zu Tode erschrocken wich er zurück. «Wer...was   bist du?» presste er mit erstickender Stimme hervor. «Ich bin dein Gefühl.» Tom drückte die Augen zu. War das Einbildung? Klar war er stockbesoffen, aber er hatte die Stimme deutlich gehört. Das Ding hatte gesprochen. «Ich bin dein Gefühl» hallte es in ihm nach. Mit geschlossenen Augen fragte er: «Und was machst du da?» - «Ich friere.» - «Ich meine, wieso liegst du hier auf der Strasse?» - «Du hast mich weggeworfen.» Tom überlegte. Fieberhaft versuchte er seine Gedanken zu ordnen. Wie war das heute Abend gewesen? Wer war da, worüber hatten sie gesprochen?

«Klar» er fasste sich an die Stirn «klar, das war es!» Hatte Jan nicht gesagt, es wäre mal wieder ein Test fällig? Und seit der letzten Mutprobe war ja auch schon eine ganze Zeit vergangen. «Dieses Mal hat er sich mit diesem sprechenden Sack aber was Besonderes einfallen lassen, anders als die Diebstähle und Schlägereien bis jetzt.» Tom lachte und rief laut in die Dunkelheit: «Hey Jan, und jetzt, was soll ich tun?» Aber die Nacht verschluckte sein Rufen, ohne dass eine Antwort erklang. «Bestimmt will er meine Ausdauer prüfen. Kann er haben. Er wird stolz auf mich sein.» Tom setzte sich mühsam auf den Randstein, umschloss mit beiden Händen seine Knie und wartete auf die Befehle von Jan.

Die Zeit schien stillzustehen. Tom fror und sein Kampf gegen die Müdigkeit wurde immer verzweifelter. Ob er sich wohl getäuscht hatte? «Vielleicht ist Jans Plan ja auch ganz anders. Vielleicht soll ich selbst entscheiden. Vielleicht gibt er auch erst morgen seine Anweisungen?» Er schaute auf den Sack: «Dich nehm ich auf alle Fälle mit. Die Jungs werden staunen.» Erst zögerte er, doch dann packte er mit einem groben, entschlossenen Griff das braune Etwas. Dann legte er schwankend und mit unsicheren Schritten den Rest seines Heimwegs zurück.

Sein Kopf brummte, es war ihm kotzübel und seine Knie drohten zu versagen, als er die letzte Stufe der Treppe bewältigt hatte und die Wohnungstüre aufschloss. «Hau bloss ab du Mistvieh!» Mit einem Tritt verscheuchte er die getigerte Katze, die ihn mit einem lauten Miauen begrüsst hatte. Er warf den Sack in eine Ecke des Wohnzimmers und liess sich stöhnend auf die Couch fallen. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, begann sich erst seine Unterlage zu drehen, dann folgte das Zimmer und schliesslich drehte sich das ganze Haus. Plötzlich tauchten sprechende Säcke auf. Sie tanzten um ihn herum und riefen: «Hallo Tom! Schau uns an, wir sind dein Gefühl. Du hast uns weggeworfen, einfach weggeworfen.» Sie sprangen an ihm hoch, krallten sich an seinen Armen fest und liessen ihn nicht mehr los. Einige von ihnen verbissen sich mit spitzen Zähnen in seinen Hals, andere drangen in seine Augen und vollführten ihren Wahnsinnsreigen in seinem Kopf, bis dieser zu zerplatzen drohte. Unfähig sich zu bewegen, musste er zusehen, wie ein brauner Riesensack auf ihn zuwatschelte, sich unter seine Füsse legte, dann langsam an ihm empor kroch und sich über seine Schultern stülpte. Eine weisse Schnur schlängelte sich heraus und wickelte sich um Toms Hals. Unaufhörlich zog sie sich zusammen, bis er zu ersticken drohte. Wild mit den Armen in der Luft rudernd und keuchend nach Atem ringend, riss er die Augen auf und fiel mit einem lauten Schrei von der Couch auf den Boden.

«Du hast dir doch nicht etwa weh getan?» tönte es halb erschrocken, halb belustigt aus dem braunen Ding. Tom schüttelte benommen den Kopf. «Sag mal, wohnst du eigentlich allein hier» Wie in Trance antwortete Tom: «Nein mit meiner Mutter zusammen. Aber die zieht meistens mit irgendwelchen Typen umher.» - «Dann hast du gar keine Familie?» - «Klar hab ich eine Familie, die Jungs und Jan!» rief Tom trotzig. «Dieser Jan muss ganz was Besonderes sein, so wie du von ihm sprichst.» - «Ja, Jan ist geil. Er weiss alles. Er sagt uns, was wir tun sollen. Er denkt sogar für uns.» - «Ach, du kannst nicht selber denken?» - «Klar kann ich denken, was glaubst denn du?» - «Und warum tust du es dann nicht?» - «Mann! Halt doch endlich deine Klappe, du blödes Ding!» schrie Tom wütend. Aber das Gefühl sprach weiter: «Wenn er so ein Superkerl ist, wird er bestimmt bei allen Aktionen, die ihr so durchführt, an vorderster Front mit dabei sein?» Tom schwieg. Nein so war es nicht. Jan plante und gab die Befehle, aber die Drecksarbeit hatte er ihn noch nie machen sehen. «Hast du eigentlich eine Freundin?» platzte das Gefühl in die eigenartige Stille, die entstanden war. Tom verdrehte die Augen. «Wozu? Wir haben in unserer Gruppe ein paar Gören. Die teilen wir uns, so für den Hausgebrauch. Das genügt.» - «Das meinte ich nicht. Ich dachte an ein Mädchen, das dir Herzklopfen verursacht, bei dem du die Augen senkst, wenn es dich anschaut, das dich, wenn es in deiner Nähe ist, vergessen lässt, was du eigentlich sagen wolltest.» Tom starrte nachdenklich zu Boden. Genau so war es, wenn er Ulla begegnete, und er wusste nicht einmal wieso. Sie war so ganz anders, nicht geschminkt, nicht modisch gekleidet, ja sie sprach sogar anders als seine üblichen Weiber. Immer wenn er sie sah, hatte sie einen schwarzen, wuscheligen Hund dabei. Wie gerne hätte er sie einmal angesprochen, aber jedes Mal schnürte es ihm die Kehle zu. Und auf einmal wurde ihm bewusst, wie oft er schon alleine hier gesessen hatte und wie einsam er eigentlich war. Tom griff nach der Katze, die ihm schnurrend um die Beine strich und hob sie auf seine Knie. Verlegen streichelte er ihr weiches, warmes Fell und fuhr schnell mit dem Handrücken über seine Augen, um ein paar Tränen, die er nicht unterdrücken konnte, weg zu wischen. Der braune Sack beobachtete ihn interessiert. Wie von Zauberhand gemalt, änderte er seine Farbe und leuchtete nun gelb, orange und rot. Staunend und mit offenem Mund verfolgte Tom das Farbenspiel und sah, wie goldene Streifen entstanden und wieder vergingen, und wie der Sack langsam anfing, sich um die eigene Achse zu drehen.
Plötzlich lachte Tom los. Er lachte und lachte, bis es schmerzte. Er sah Buchstaben aus dem Sack treten und sich in der Luft zur Frage gruppieren: «Was hast du?» Tom prustete, schnaufte, hustete und quietschte dann endlich: «Ich hab mir gerade das Gesicht von Jan vorgestellt, wenn ich ihm erzählen würde, dass ich weinend und eine Katze streichelnd mit einem braunen Sack gesprochen habe, dass dieser Sack behauptet, er wäre mein Gefühl und, dass ich mir gerade überlege, ob das vielleicht sogar stimmt.» Nach einem weiteren Lachanfall fügte er hinzu: «Er würde es nicht verstehen, ausgerechnet sein Musterschüler, ich glaub seine Welt würde zusammenkrachen.»

Tom fühlte, wie eine wohlige Müdigkeit an ihm empor kroch und ihn langsam zudeckte. Er nahm die Katze in seinen Arm, legte sich auf die Couch, schloss seine Augen und glaubte, in weiche, warme Daunen einzutauchen. Als das Gefühl den Jungen so friedlich einschlafen sah, begann es zu hüpfen und sich wie wild im Kreis zu drehen. Goldene und silberne Punkte entstanden auf seiner ehemals braunen Hülle und verschmolzen zu einer strahlenden Einheit. Es öffnete sich und spuckte Sterne in allen Farben aus. Dabei rotierte es immer schneller und schneller, bis es als leuchtender Ball in die Höhe stieg. In atemberaubendem Tempo kreiste es im Zimmer und verschwand schliesslich mit einem lauten Zischen.

Zwei kleine Katzenpfoten, die abwechslungsweise an seine Brust drückten, liessen Tom erwachen. Er blickte zur Decke. Was war das bloss für ein verrückter Traum gewesen? Er schaute sich im Zimmer um. Alles war wie immer. Er versuchte sich an die unglaubliche Geschichte, die er geträumt hatte, zu erinnern. Aber da war nur noch ein eigenartiges Gefühl, das er spürte. Er sah auf seine Uhr. «Wenn ich mich beeile, reicht es noch, um rechtzeitig beim Treffpunkt von Jan und den Jungs zu sein.» Er fütterte die Katze, duschte und zog sich schnell an. Als er zu seiner Jacke griff, überlegte er eine Weile. «Eigentlich könnte ich in der Bäckerei Brötchen kaufen und zum See gehen. Vielleicht treffe ich Ulla mit ihrem Hund, vielleicht hat sie Hunger.» Er fühlte sein klopfendes Herz «und vielleicht können wir ein Stück zusammen gehen.» Dann durchquerte er das Zimmer und «Hoppla!» fast wäre er über einen alten braunen Sack gestolpert, der vor der Türe lag.

Old zerknittert braune Papiertüte close up texture background. Stockfoto - 5385891

 

Wettkampf

Anita Glunk

Hast du’s je gespürt, das Pochen deines Herzens,
hast du’s je gehört, das Piepsen vor dem Start,
hast du’s je erlebt, wie’s ist dahin zu fliegen,
hast du’s je gesehn, das Ziel am Horizont,
hast du je gejubelt, am Ende deiner Strecke,
hast du’s je gefühlt, wie’s ist zuhaus zu sein?

Hast du’s nie erfahren, du wirst es nie verstehn.

 

 

Uffschtoh

Anita Glunk

Isch scho Morge, mo di wecke,
mer mönd uffschtoh, to di schtrecke.

Föf Minute no chli döse,
vo de Nacht sich langsam löse,
dis warm Büchli echli gschpüüre
ond debi de Schlof velüüre,
gsieh we d’Äügli tosch der riibe,
wed’s du gnüssesch noch chli z’bliibe
ond di chraule bim Vewache
bis i s’Gfühl ha, mösesch lache.

Tot di d’Müedi etz no bloge
oder mänsch, mer chönnteds woge?

Chomm etz jocked mer is Lebe,
tönd e Gschicht in Alltag webe.

Luegsch mi a, wet wörsch schtudiere:
«Tot etz niemet me flattiere?»

«Heb kä Angscht, s nörscht Kuschelschtöndli
wartet scho of ös, mis Höndli.»

 

 

Fröschchenliebe

von Anita Glunk

«Komm wir machen eine Reise»
sprach Frau Frosch und summte leise
«muss hinunter zu dem Teiche,
weil in Kürze ich dort laiche.
Komm mit mir, sei mein Begleiter,
sei mein Held, mein kühner Streiter.»

Fröschchenmann sah Autos fahren,
warnte sie vor den Gefahren:
«Schau dort hinten liegt die Tante
und noch andere Verwandte.
Geh noch nicht du holde Schöne,
denk an mich und deine Söhne.»

Sprachs und folgte ihr behende,
ohne Angst vor seinem Ende,
weil er sie so sehr begehrte,
auf die Strasse, die geteerte.

Sah wie Lichter auf ihn zielten,
wie die Räder mit ihm spielten,
sah die schlimmen Autohorden
seine alten Freunde morden.

Fröschchenschreie und Motoren
drangen ihm in seine Ohren,
als er der Gefahr entschlüpfte,
in die sichre Wiese hüpfte.

Zitternd dachte er im Dunkeln:
«Mögen doch zwei Augen funkeln»
und versuchte voller Schrecken
die Geliebte zu entdecken.

Doch vergeblich war sein Flehen,
es war nichts von ihr zu sehen.
Weinend ob des Schicksals Strenge
hört’ er plötzlich traute Klänge:
«Sitz am Wasser hier im Garten,
lass mich nicht so lange warten.»

«Ach wie schön, sie lebt» er lachte
eilte schnell zu ihr und dachte:
«Fröschchenliebe ist zwar herrlich
aber auch ganz schön gefährlich.»

 

 

Die gute Tat

Eine Weihnachtsgeschichte von Anita Glunk

20.12.2011. Er hatte tatsächlich etwas über die Stränge geschlagen, das gab er ja zu. Aber gleich eine derartige Moralpredigt und dann auch noch Strafmassnahmen.... Anton sass mit hängenden Schultern auf der Holzbank vor dem goldenen Saal und schaute auf seine gefalteten Hände. Vielleicht brauchte er einfach ein bisschen mehr Zeit als andere, um sich an den Betrieb hier oben zu gewöhnen.
Nun sass er also hier und wartete auf den Auftrag, den er bekommen würde. «Aus der grossen Weihnachtsfeier heute Abend wird wohl nichts werden» dachte er. «Schade» er seufzte ein wenig, schliesslich hatte er sich doch so darauf gefreut.

Lautlos öffnete sich die schwere Türe neben ihm und aus dem Saal trat Gabriel, sein direkter Vorgesetzter. Er schaute ihn kopfschüttelnd an und sagte nachdenklich: «Anton, Anton was sollen wir bloss mit dir machen?» Anton sah zu Boden. Seine Wangen wurden rot, seine Nase wurde rot, sein ganzer Kopf wurde rot und er schämte sich schrecklich. «ER hat es sich nicht leicht gemacht Anton und ER hat lange überlegt, welche Aufgabe wohl gut für dich ist.» Anton hob den Kopf und schaute Gabriel verlegen an. «Folgendes soll ich dir von IHM ausrichten. Du sollst dich noch heute auf die Erde begeben und dort eine gute Tat tun und einen Menschen glücklich machen. Danach sollst du unverzüglich wieder hierher zurückkehren. Überlege gut, was du tun wirst und denke daran, ER sieht, hört und fühlt alles.» Gabriel entfernte sich mit würdevollen Schritten. Nach ein paar Metern drehte er sich nochmals um und sagte in eindringlichem Ton: «Enttäusche IHN nicht Anton. ER vertraut dir.»

Anton wagte kaum zu atmen. Er sollte auf die Erde zurückkehren, das erste Mal seit seinem Engelsdasein. Er wurde ganz nervös. Was sollte er bloss tun, damit es eine gute Tat wurde? Und womit sollte er jemanden glücklich machen? Er kratzte sich am Kopf. Er studierte hin du her, aber es wollte ihm nichts Passendes einfallen. «Ich mache es genau so wie früher» dachte er plötzlich. «Ich verlass mich einfach auf mein Glück. Das hat damals immer geklappt und heute wird es auch nicht anders sein.»
Er eilte zur Eingangspforte, liess sich dort vom Pförtner einen Passierschein ausstellen und trat dann mit klopfendem Herzen und voller Vorfreude die Reise zur Erde an. Natürlich führte ihn sein Weg in seine ehemalige Heimatstadt. Wenn er schon eine gute Tat begehen sollte, wäre es besser, wenn er sich auskennen würde, fand er. Seit er von seinem irdischen Dasein Abschied genommen hatte, war schon eine lange Zeit vergangen, aber Anton fand sich sofort wieder zurecht. Die Häuser, die Strassen, durch die er jeweils geschlendert war, der kleine Park mit den uralten Bäumen, alles war noch so, wie er es in Erinnerung hatte. Ja sogar die Bank, auf der er manche Nacht verbracht hatte, stand noch am selben Platz. Schmunzelnd betrachtete er den etwas abseits stehenden Abfallkorb. «Leere Flaschen, genau wie zu meiner Zeit.» Er durchquerte den Park und sah von weitem ein Licht, das ihn ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit spüren liess. Tatsächlich, es war immer noch die gleiche Laterne, die den Eingang seiner ehemaligen Stammkneipe beleuchtete. Fast feierlich näherte er sich dem Fenster neben der Treppe. Da er als Engel unsichtbar war, brauchte er sich nicht zu verstecken. So stand er da und betrachtete das Innere des Raums.

Eine alte, fleckige Deckenlampe erhellte die Gaststube mit schummrigem Licht. Zwei Männer und eine Frau sassen im Schein einer Kerze an einem Holztisch, der wie das übrige Mobiliar mehr als abgenutzt war. Anton sah die Schnapsflasche und spürte auf einmal das Verlangen wieder, das ihn viele Jahre begleitet hatte. «Nein Anton, du bist hier um einen wichtigen Auftrag zu erledigen und nicht, um Schnaps zu trinken!» befahl er sich entschlossen.
Er öffnete die Türe ein wenig, schlüpfte in die Stube und setzte sich auf einen Stuhl, der in einer Ecke stand. Er betrachtete die drei und hörte, wie sie einander ihren Kummer erzählten. «Ich weiss nicht, was ich falsch mache. Ich gebe mir solche Mühe. Ich bin aufmerksam, ich höre zu, ich bin zuvorkommend, ich bin charmant, aber ich finde sie nicht. Ich finde einfach keine Frau, die zu mir passt. Und wenn sich einmal was ergibt, dann höchstens für kurze Zeit. Ich fühle mich einsam und ich möchte nicht mehr alleine sein, versteht ihr?» Der blonde Mann, der mit schwerer Zunge sprach, mochte wohl so um die dreissig sein, schätzte Anton. Der zweite, der am Tisch sass, älter, schlecht rasiert, mit ungepflegten Haaren und abgewetzter Kleidung lachte: «Ha Weiber! Du hast vielleicht Probleme. Ich suche Arbeit, schon vier Jahre. Niemand hat was für mich, niemand kann mich gebrauchen. Dabei bin ich fleissig und geschickt. Ich war mal Schreiner, dann hab ich auf dem Bau gearbeitet, dann als Hauswart und schliesslich war ich bei einem Pfarrer angestellt. Hört ihr – bei einem Pfarrer!» Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Die Wirtin, die bei den beiden sass, machte ein trauriges Gesicht. «Schaut euch mal um. Dieser alte Schuppen ist schon viele Jahre mein Wirtshaus. Hier sitze ich von früh bis spät und warte bis jemand kommt. Ab und zu verkaufe ich ein paar Bier, manchmal eine Suppe oder Würstchen mit Senf. Ich habe zuviel um zu sterben und zuwenig um zu leben. Ja, wenn ich alles renovieren könnte, dann würden die Leute bestimmt kommen, aber so?» Sie füllte die Gläser und erklärte den beiden, dass sie nun müde sei und dass das endgültig die letzte Runde wäre. Während die drei sich lallend zuprosteten, hatte sich Anton erhoben und stand nun zwischen den beiden Männern. Er hatte längst gesehen, dass beide ihre Geldbörsen unachtsam und nur zu einem Drittel in ihre hinteren Hosentaschen gesteckt hatten. Ob er es wohl noch konnte? Er bewegte seine Finger bis sie schön geschmeidig waren und zog dann sachte den Geldbeutel aus der Tasche des älteren, um sie blitzschnell mit der Börse des Blonden zu vertauschen. «Wie in meinen besten Zeiten» dachte er stolz.

Anton ging schnell zur Türe und trat ins Freie. Er überquerte die Strasse und verfolgte interessiert, was sich nun in der Wirtsstube abspielte. Er sah den jüngeren zur Geldtasche greifen und sie auf den Tisch legen, sah wie der Alte aufsprang, wie er auf den anderen losging, wie ein Stuhl zerbrach und wie Blut spritzte. Die zwei Männer fielen ineinander verkeilt auf den Tisch. Dabei wurde die Kerze weggeschleudert. Sie fiel genau unter die lange, staubige Gardine und schon frass sich das Feuer am schweren Stoff empor.

Anton rieb sich zufrieden die Hände und machte sich schnell auf den Heimweg. Alles hatte ganz toll und genauso, wie er es sich vorgestellt hatte, funktioniert. Es dauerte nur kurze Zeit und er stand vor dem grossen Himmelstor. Er zeigte dem Pförtner seinen Passierschein und wurde sogleich eingelassen. Mit schnellen Schritten ging er durch den langen Korridor zum goldenen Saal. Er freute sich, dass er die grosse Weihnachtsfeier nun doch noch erleben würde. Gerade wollte er die Klinke der Türe fassen, als ihn eine mächtige Stimme zusammen zucken liess. «Anton!» Anton drehte sich langsam um. Er sah Gabriel mit versteinerter Miene vor sich stehen. «Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Du solltest eine gute Tat vollbringen und einen Menschen glücklich machen. Und was ist das Ergebnis deines Erdenaufenthaltes? Eine ausgebrannte Wirtsstube, ein Mensch, der mit drei ausgeschlagenen Zähnen im Spital liegt und ein Mensch, der in der Gefängniszelle sitzt.» Anton senkte den Blick. Es hatte doch alles so prächtig geklappt. Er verstand die Welt nicht mehr. «Setz dich hier auf die Bank und warte.» Gabriel blickte ihn voll himmlischem Zorn an und trat dann in den Saal.

Anton wartete und wartete und beinahe wäre er eingeschlafen, als endlich die Türe geöffnet wurde und Gabriel vor ihn hintrat. «Nun ist es vorbei mit dem Engel Anton» dachte er und seine Augen füllten sich mit Tränen. Gabriel legte ihm lächelnd die Hand auf die Schulter und sprach mit weichem Ton: «Anton, ich habe dir Unrecht getan, bitte verzeih mir. So wie ER alles sieht, was ist und alles was war, so sieht ER auch alles, was sein wird. ER hat es mir gezeigt. Der blonde Mann wird sich bei seinem Zahnarztbesuch in die Dentalassistentin verlieben. Die beiden werden miteinander durch das Leben gehen und ein glückliches Par sein und er wird nie mehr einsam sein. Der ältere wird sein Schicksal dem Gefängnispfarrer erzählen. Da dieser schon lange auf der Suche nach einer Hilfskraft ist, wird er ihn für den Rest seiner Tage bei sich beschäftigen. Der Alte wird glücklich sein, wieder gebraucht zu werden und in Frieden leben. Und da die Feuerwehr zur rechten Zeit erschien, konnte der Brand nach kurzer Zeit gelöscht werden. Dank der Versicherungssumme, die die Wirtin bekommen wird, können die Räume saniert werden und neues Mobiliar wird für Glanz und eine wundervolle Atmosphäre sorgen. Die Gäste werden in Scharen kommen und die Wirtin wird sich nie mehr Sorgen machen müssen.
Anton, du hast wirklich eine gute Tat getan. Du hast nicht nur einen, sondern drei Menschen glücklich gemacht. Trete nun ein in den goldenen Saal und geniesse als Ehrengast an SEINER Seite die himmlische Weihnachtsfeier.»

 

 

 

Bäuerlicher Ausnahmezustand auf dem Weg zur Viehschau

E Tägli för d Vechschau, chönnt schönner nöd seh,
en Glanz ond e Pracht, wa wöt me no meh.

Cha nomme lang goh, i ghöre scho s Gschell.
Dei chönds om de Egge, of d Ziite etz schnell.

D Senne sönd gmietet ond extra schö gschnieglet,
d Chüeh het me potzt ond jedi no gschtrieglet.

Alli sönd suuber, kän Arsch isch veschmiert,
d Gört ond au d Schelle, alls isch poliert.

Jedi lauft brav a dem bsondere Tag.
No ääni hauts ab ond jockt öber de Hag.

De Puur säät zom Goof: «Chom haus hönne dre!»
Sie springt wa no goht, no d Chue mag halt meh.

«Tenk nüd vo hönne, hei bisch du etz blöd,
triib vo de Siite, merksch du denn da nöd?»

Sie secklid dör d Wes, vorus gsieht me s Rend
hönne chont d Määtel mit me ganz rote Grend.

Endlech isch gschafft, sie chont zo de ääne.
«Tönd nüd degliche, söss chönnt me no määne.»

De Puur schweit de Schtecke: «Etz gömmer a d Schau,
dei gehts denn e Worscht ond Wii seb gehts au.»

«Bim Bahöbergang, dei blinkets jo scho.»
«Laufid no wiiter, da wer denn scho goh.»

D Barriere chonnt, nöd all mögid dröber.
E paar blibed schtoh, etz werds echli gröber.

Sie hauid droffie, chum chönds onne före,
chont scho de Zog ond fahrt hönne döre.

«S Schlimmscht isch vebii, cha nüt meh passiere.
Machid etz förschi, etz mömmer pressiere.»

«Etz gömmer a d Schau, etz gohts zo de ääne.
Tönd nüd degliche, söss chönnt me no määne.»

 

 

Eine Pferdeweihnachtsgeschichte - mitten im Sommer

von Anita Glunk

«Nun hast du aber sauber genug gewischt» dachte Sunisha, die Schimmelstute mit dem Arabergesicht, und scharrte ungeduldig im Stroh. «Wieso muss er es gerade heute so übertreiben mit der Sauberkeit.» Es war Weihnachten und wie alle anderen Tiere hatten sie und ihre vier Mitbewohner in dieser einen besonderen Nacht, die Fähigkeit zu sprechen wie die Menschen. Und genau das wollte Sunisha und zwar so schnell wie möglich. Sie hatte in den letzten Tagen oft gewiehert, um ihre Stimme zu kräftigen. Schon die ersten Worte sollten klar und gut verständlich sein, nicht so wie im letzten Jahr, als sie sich mit ihrem Gekrächze schrecklich blamiert hatte.
Endlich, nachdem er auch noch den letzten Strohhalm wegbefördert hatte, hängte der Stallknecht den Besen an einen Haken und warf nochmals einen kurzen Blick in jede Boxe. Er hatte es heute ganz besonders gut gemeint mit der Heuration, schliesslich war ja Weihnachten. Mit einem zufriedenen Lächeln ging er zur Tür, blickte nochmals zurück, löschte das Licht und trat hinaus in den bissig kalten Winterabend.
Die fünf Pferde waren schon eine ganze Weile zusammen, und es war zur Tradition geworden, dass sie sich in der Weihnachtsnacht jeweils ihre Wünsche für das kommende Jahr erzählten. Wie jedes Jahr war es Ramos, der älteste, der als erster sprach. Er hob den Kopf, schaute alle kurz an und begann: «Meine lieben Freunde» und mit einem Seitenblick auf Sunisha, die bereits ihre Ohren missmutig ins Genick gedrückt hatte «und natürlich meine lieben Freundinnen Wieder einmal ist sie gekommen, die Nacht der Nächte. Wir Tiere haben nun die besondere Gabe, sprechen zu können wie die Menschen. Wir wollen uns nun unsere Wünsche für das nächste Jahr erzählen. Ich bitte euch respektvoll zuzuhören und Zwischenrufe oder unpassende Kommentare zu unterlassen.» Sunisha verdrehte die Augen. Es war jedes Jahr dieselbe Ansprache, die er hielt. Ramos fuhr weiter: «Tundra, du bist älter als Sunisha. Ich erteile dir als erste das Wort. Erzähl uns, was du dir wünschst.» Tundra, die braune Stute, blickte ihn an und sagte: «Ich werde immer gut gepflegt. Meine Hufe werden sorgfältig behandelt und immer zur rechten Zeit beschlagen. Ich habe genügend Bewegung und darf oft auf die Weide. Eigentlich bin ich ganz zufrieden. Nur einen klitzekleinen Wunsch hätte ich. Ich möchte so gerne einmal einen neuen Reitweg kennenlernen.» - «Wieso das? Wir haben hier doch so viele verschiedene Wege?» fragte Ramos. «Meine Besitzerin ist sehr ängstlich, und so legen wir immer die gleiche Strecke miteinander zurück. Es ist ja auch nicht so schlimm und ich mache es gerne mit ihr, aber einmal etwas Neues zu sehen wäre halt schon schön. Ich würde auch keine falsche Bewegung machen, das verspreche ich euch.» Tundra senkte den Kopf und suchte im wohlduftenden Heu nach ihren Lieblingshalmen. «Tundra, wir alle hoffen, dass sich dein Wunsch erfüllen möge.» sprach Ramos und schaute dann zu Sunisha. «Sunisha, was sind denn deine Wünsche?» Kaum hatte er es ausgesprochen, warf Sunisha den Kopf hoch und schüttelte ihre lange, weisse Mähne. Sie holte nochmals tief Luft und antwortete mit glockenhellem Ton:«Ich möchte ein goldenes Stirnband.» - «Aber Sunisha, du hast doch schon fünf Stirnbänder.» - «Aber noch kein goldenes. Oder findest du etwa ein goldenes passt nicht zu meinem Typ?» fragte Sunisha angriffig. Ramos kannte sie nur allzu gut, und er wollte jeglichen Streit vermeiden. «Oh nein Sunisha. Ich kann es mir gut vorstellen, wie du mit einem goldenen Stirnband über den Boden schwebst. Wir alle hoffen, dass dein Wunsch in Erfüllung gehen möge.» Er drehte den Kopf nach links und suchte vergeblich den Kopf von Moritz, dem kleinen Braunen. Schmunzelnd sagte er: «Moritz mein Guter, möchtest du uns deine Wünsche für das kommende Jahr mitteilen?» - «Na was schon!» rief Sunisha dazwischen. Nach einer Weile hob sich ein kauender brauner Kopf. Moritz schob das Heu, in die rechte Backe und antwortete dann schmatzend: «Wischt ihr, ich möchte nur einmal wirklich genügend zschu Eschen haben.» - «Hab ich’s doch gewusst, er denkt wieder nur ans Essen und spricht mit vollem Maul, wie immer» empörte sich Sunisha. Moritz warf ihr einen wütenden Blick zu. «Diese eingebildete Gans» dachte er. Schliesslich konnte er auch nichts dafür, dass er immer Hunger hatte. «Armer Moritz» tröstete ihn Ramos, «Wir kennen dein Problem und wissen auch, dass du ständig auf Diät bist. Wir alle hoffen, dass dir das kommende Jahr gutes Futter und möglichst grosse Portionen bringen möge. Er schaute Sunisha streng an. «Nicht wahr Sunisha?» Er fuhr fort: «Reglisse, du bist unser Jüngster. Wie sind denn deine Wünsche für das neue Jahr?» Der elegante Fuchs mit der hellen Mähne begann mit etwas scheuer Stimme: «Ich möchte ein berühmtes Sportpferd werden. Ich möchte in der Welt umherreisen und grosse Springen gewinnen. Ich möchte von allen bewundert werden. Ich möchte, dass meine Fotos in allen Zeitungen erscheinen und dass die Leute vor meiner Box stehen und mich bestaunen. Ich möchte gerne so werden wie er.» Er schaute ans Ende der Stallgasse zu Basilio. Ramos sagte nachdenklich: «Reglisse, das sind aber viele Wünsche, die du hast. Du wirst einen weiten anstrengenden Weg zurücklegen müssen, um das alles zu erreichen. Aber wenn das deine Ziele sind, hoffen wir alle, dass du sie erreichen wirst.» Nach einer Weile sprach die braune Stute Tundra: «Jetzt haben wir erzählt, was wir uns herbeisehnen. Nun möchten wir aber auch deinen Wunsch kennenlernen Ramos.» Der schon etwas in die Jahre gekommene Ramos verlagerte sein Gewicht vom linken auf das rechte Hinterbein und ächzte dabei ein wenig. «Ich bin nicht mehr der Jüngste, wie ihr ja wisst, und mein Rücken hat sich im Lauf der Jahre verändert. Mein Sattel passt mir nicht mehr so, wie er sollte und bereitet mir manchmal etwas Schmerzen. «Aber das ist doch kein Problem» ermutigte ihn Tundra «dein Besitzer tut ja alles für dich. Er wird dir bestimmt einen neuen Sattel kaufen.» Ramos schüttelte langsam den Kopf «Da bin ich mir nicht so sicher. Er hat vor zwei Wochen seine Arbeitsstelle verloren. Er hat sogar geweint, als er es mir gesagt hat. Ich werde deshalb auf die Zähne beissen und mir nichts von meinen Problemen anmerken lassen. Er hat immer gut zu mir geschaut und ich möchte ihn nicht belasten.» Alle schwiegen und stocherten im Heu bis Reglisse leise bemerkte: «Basilio hat noch nicht von seinen Wünschen gesprochen.» - «Phu der spricht doch nicht mit uns Gewöhnlichen» rief Sunisha empört. «Ruhe Sunisha» herrschte sie Ramos an und sagte dann mit ruhiger Stimme: «Basilio, du bist der Beste von uns. Du bist berühmt und hattest schon auf der ganzen Welt Erfolg. Schon oft konnte man dich im Fernsehen und in der Zeitung bewundern und du hast für deinen Besitzer schon grosse Geldsummen verdient. » - «Ja und du bekommscht immer  genügend zschu freschen. Ich habe die Portschionen schon geschehen» murmelte Moritz kauend dazwischen. «Und er hat ein goldenes Stirnband» bemerkte Sunisha. «Und er bewohnt zwei Boxen, nicht nur eine wie wir» ertönte es von Tundra. Ramos wartete, bis wieder Ruhe war und fragte dann: «Basilio möchtest du uns vielleicht von deinen Träumen und Wünschen erzählen?» Doch es erklang keine Antwort. «Seht ihr, ich habe es ja gesagt, er ist zu fein, um mit uns zu sprechen.» Sunisha zog verächtlich die Lippen hoch. Die vier begannen wieder Heu zu knabbern, als nach einer Weile plötzlich eine leise Stimme beinahe unhörbar sagte: «Ich wünsche mir Liebe.» Ramos spitzte vergeblich die Ohren. «Was hast du gesagt Basilio. Ich habe dich nicht verstanden.» «Ich wünsche mir Liebe» tönte es wieder aus der grossen Doppelboxe am Ende des Stalles. Dieses Mal konnten es alle gut verstehen. «Aber Basilio, du wirst am besten umsorgt von uns allen. Du bekommst regelmässig Massagen, du darfst unter dem Solarium stehen, du hast die beste Ausrüstung und ein extra für dich zusammengestelltes Futter. Du hast schon die ganze Welt gesehen. Du wirst beklatscht und bestaunt. Wieso sagst du so etwas?» Wieder vergingen ein paar Minuten bis Basilio sprach: «Du hast Recht Ramos. Ich bin eines der besten Pferde. Ich bin berühmt und habe schon unzählige Prüfungen gewonnen. Ich trage ein goldenes Stirnband und ich werde mit den schönsten Decken zugedeckt. Wenn es mich irgendwo ein bisschen zwickt, erhalte ich die besten ärztlichen Behandlungen. Es fehlt mir an nichts. Nur die echte Liebe habe ich noch nie gespürt. Ich möchte so gerne einmal wissen, wie das ist.» Verlegen grabschte Sunisha mit der Nase im Stroh umher. Die anderen kauten nachdenklich und mit langsamen Bewegungen das frisch duftende Heu. Ramos räusperte sich und sprach mit etwas belegter Stimme: «Guter Basilio, wir alle hoffen von ganzem Herzen, dass sich deine Träume erfüllen mögen. Wir wollen zusammen mit dir ganz fest daran glauben.»
Eine merkwürdige Stille hatte sich im Pferdestall eingestellt. Alle fünf waren mit ihrem Heu beschäftigt und es mochte keiner mehr etwas sagen. Plötzlich wurde von draussen langsam die Türe geöffnet und Joana, das kleine Mädchen des Stallknechts trat aus der winterlichen Kälte in den Stall. Es brauchte seine ganze Kraft , um die schwere Türe wieder zu schliessen. Nachdem es den Schnee von der Jacke geschüttelt hatte, ging es mit einem Teller voll frischem Weihnachtsgebäck von Boxe zu Boxe und reichte jedem Pferd zwei Stück davon. Als es bei Basilio angekommen war, schüttete es den ganzen Rest des Gebäcks in den Futtertrog. Joana stellte sich auf die Zehenspitzen und konnte so mit ihren Fingern die Nüstern von Basilio berühren. Sie streichelte ihn ganz sachte und flüsterte ihm dann zu: «Lieber Basilio heute ist Weihnachten und ich habe das schönste Geschenk das man sich vorstellen kann, bekommen. Ich durfte dich trockenreiten. Weisst du Basilio, ich habe alle Pferde gern, aber am liebsten habe ich dich. »
Basilio tat einen tiefen Atemzug und schloss die Augen. Langsam überkam ihn ein Gefühl, das er so noch nie gespürt hatte. «Das muss sie sein» dachte Basilio, «das muss die echte Liebe sein.»

 

 

Die neue Dienstwaffe

Es wiiters Gääässer Möschterli vo dr Anita Glunk

An einem ganz gewöhnlichen Abend sassen meine Eltern und ich im Wohnzimmer, um einen der üblichen Fernsehabende zu geniessen. Jeder hatte seinen Platz eingenommen, mein Vater und ich in den Polstersesseln, während sich meine Mutter mit dem unbequemen Sofa begnügen musste. Nebst dieser «grossen» Stube besass unsere Wohnung auch noch das sogenannte «Nebenstübli». Dort befanden sich auf der linken Seite ein Tisch mit einer Eckbank, hinter der ein wenig versteckt, eine schon etwas ältere Couch stand. Rechts vor dem Fenster auf einer Truhe stand immer die Büchse, in der sämtliche Süssigkeiten unseres Haushaltes aufbewahrt wurden. Je nach Lagerbestand konnte man darin verschiedene Schokoladen, Willisauerringli, Nussstengeli und andere leckere Sachen finden.

Diese Büchse war mein Ziel, als ich so ganz nebenbei das Wohnzimmer verliess. In der Küche trank ich, als kleines Ablenkungsmanöver mit etwas mehr Aufwand und Lärm als erforderlich, ein Glas Wasser und schlich dann zu den zuckrigen Verführungen. Ich wollte die Büchse so leise wie möglich öffnen und dann schnell mein süsses Gelüstchen befriedigen. Ich trat ins Zimmer und da sah ich sie auf dem Tisch liegen. Die neue Dienstwaffe meines Vaters, grau und stählern im Licht der Stubenlampe schimmernd. Ich erinnerte mich, dass mein Vater, der Polizist in Gais war, vor ein paar Tagen erzählt hatte, er bekäme eine neue Pistole. Ich hatte noch nie Scheu vor Waffen gehabt. Und wenn ich es mir recht überlegte, hatte ich eigentlich schon immer ein Gewehr besessen. Erst waren es nur besonders geformte Äste, denen man aber mit etwas Fantasie durchaus Schiessqualitäten zugestehen konnte, die mich beim Spielen begleitet hatten. Dann im Alter von etwa sechs Jahren bekam ich an der Gaiser Chilbi nach langem Betteln endlich mein erstes «richtiges» Gewehr. Ich fand, dass es sehr echt aussah, mit dem schwarzen Lauf und dem Holzschaft. Leider konnte ich meine Freude nicht allzu lange geniessen, denn dummerweise ging genau in dem Augenblick, als ich es in die Hände bekam, die Kindergartentante an uns vorbei. Seit ich bei ihr im Unterricht gemeinsam mit meinem «Gschpänli» Jacques mit Holzklötzen einen Panzer gebaut und damit auch noch geschossen hatte, war unser Verhältnis etwas angespannt. Tante Hitz schien mir auf alle Fälle ein lohnendes Ziel zu sein und ich hob das Gewehr und nahm sie ins Visier. Was folgte war ein längerer Vortrag über das nichterlaubte Zielen auf Menschen, sowie der sofortige Verlust meines doch so sehr ersehnten Gewehrs.

Das waren die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, als ich die Pistole meines Vaters etwas näher betrachtete. Sie war ziemlich gross und klobig. Wie sie wohl so in der Hand liegen würde, fragte ich mich. Langsam und sehr respektvoll ergriff ich sie und war überrascht, wie schwer sie war. Ich stellte mir meinen Vater vor. In bester Combatmanier, die Knie etwas durchgedrückt, die Waffe mit beiden Händen ein Stück vor der Brust haltend auf irgendeinen Verbrecher zielend. Ich aber hielt sie mit gestrecktem Arm, wie ich das, als ich meinen Vater einmal begleiten durfte, im Schiessstand gesehen hatte. Als Ziel hatte ich mir den Glaskasten, in dem seine Schiessauszeichnungen hingen, ausgesucht. Ich hatte gelernt, dass man nicht einfach am Abzug zieht, sondern dass zuerst der Druckpunkt gesucht werden musste. Genau diesen Druckpunkt wollte ich jetzt spüren. Dass die Dienstwaffe meines Vaters gesichert war, war für mich so selbstverständlich wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche. So langsam und behutsam wie möglich bewegte ich den Zeigefinger nach hinten. Das Gewicht machte es mir schwer, die Hand ruhig zu halten. Es war nichts von einem Druckpunkt zu bemerken. Ich wurde etwas mutiger und zog ein wenig stärker, aber der verflixte Punkt wollte einfach nicht kommen. Ich krümmte meinen Zeigefinger mehr und mehr. Durch die Anstrengung senkte sich mein Arm und plötzlich – eine Explosion! Der Knall, mein Erschrecken und die Vorstellung des unglaublichen erzieherischen Gewitters, das sich gleich entladen würde, all das ereignete sich in denselben zwei Sekunden. Ich stand noch mit offenem Mund da, als voraus mein Vater und hinter ihm meine Mutter daher rannten. Ich stammelte irgendeine Entschuldigung und war bereit, sämtliches Schimpfen würdevoll zu ertragen. Aber es kam nicht so schlimm, wie ich vermutet hatte. Eigentlich konzentrierten sich meine Eltern mehr darauf, herauszufinden welchen Verlauf der abgegebene Schuss genommen hatte. Nach intensivem, minutiösem Nachforschen, das einer kriminaltechnischen Untersuchung alle Ehre gemacht hätte, hatten sie entdeckt, dass die Kugel die Eckbank genau zwischen Lehne und Sitzbank durchschlagen und sich dann in die dahinter stehende Couch gebohrt hatte. Etwas bleich im Gesicht bemerkte meine Mutter, da hätte sie heute noch ihr Mittagsschläfchen genossen. Ich wunderte mich damals ein wenig, dass das Thema so schnell und relativ schmerzlos abgehakt wurde, aber vermutlich fand mein Vater, dass er seine Pistole doch nicht ganz am richtigen Ort gelagert hatte.

Zwei Tage später war er zum Nachtpatrouillendienst eingeteilt. Irgendwann während der Fahrt erzählte er seinem Dienstkollegen von meinen «Schiesskünsten.» Als die beiden in der Polizeizentrale einen kurzen Aufenthalt einlegten, fragte der Kollege meines Vaters den diensttuenden Beamten, ob er seine Waffe eigentlich gesichert hätte. Mit einem: «Jo, sicher scho!» nahm dieser seine Pistole in die Hand, richtete sie auf den Boden und zog am Abzug. Diese Kugel schlug ins Parkett ein, nur ein paar Zentimeter neben einem Kästchen, in dem sämtliche elektrischen Leitungen zusammenliefen.

An die technischen Einzelheiten kann ich mich heute nicht mehr erinnern, aber ich glaube es war so, dass man zum Schutz des Polizisten mit dieser Waffe auch in gesichertem Zustand, einfach mit etwas mehr Kraft, einen Schuss abgeben konnte. Auf alle Fälle meinte mein  Vater damals, das wäre eine ganz schön gefährliche Sache, und auf dem Stubentisch habe ich seine Pistole nie wieder liegen sehen.

 

Für meine Hunde Felix und Ronja
von Anita Glunk

Wenn ich einsam bin, seid ihr bei mir.

Wenn sie alle gehn’, dann bleibt ihr hier.

Wenn ich Liebe such’, ihr gebt sie mir.

Seid mehr als nur Hund, mehr als nur Tier.

In eurer Mitte find’ ich das 'Wir'.

 

 

D' Forrenchrott

 Es Gääässer Möschterli vo dr Anita Glunk

 

Es war in einer Zeit, in der man sich noch kannte in unserem Dorf. Man kannte auch diejenigen, die vielleicht ein wenig «ägeliger» oder «gfitzter» waren als die anderen. Einer von diesen, etwas spezielleren Gääsern war Emil Enz genannt die «Forrenchrott.»

 

Dieser lehnte an einem sonnigen Vormittag, heute würde man wohl sagen «lässig» an der Mauer des Bahnhofgebäudes. Er war immer sehr interessiert an allem, was sich in der Gemeinde so abspielte und wusste dank seiner ausgeprägten Fähigkeit, im richtigen Moment den richtigen Leuten die richtigen Fragen zu stellen, auch stets über alle Aktualitäten Bescheid. Vom lieben Gott mit einer ganz besonderen Sehtechnik ausgestattet, konnte er geradeaus schauen und dabei gleichzeitig das von links kommende Appenzeller-Geleise sowie die St. Galler-Linie auf der rechten Seite im Auge behalten.

 

Der Zeiger der grossen Bahnhofsuhr über ihm sprang mit einem Ruck Richtung volle Stunde und Enz streckte erwartungsvoll den Kopf nach vorne. Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln und dann würde der Zug von St. Gallen im Bahnhof Gais einfahren. Dann, das war der Grund seiner Anwesenheit, würde sich herausstellen, ob es eine Gelegenheit ergäbe, irgendwelche Neuigkeiten zu erfahren. Kaum gedacht, sah er schon die schmucke Lokomotive des grün-gelben «Gäässerbähnli» mit drei angehängten Wagen daher schnaufen. Eine Mischung aus Spannung, Vorfreude und Neugier erfasste ihn, und er mochte es kaum erwarten, bis der Zug mit einem lauten Quietschen zum Stillstand gekommen war und die Fahrgäste ins Freie traten. Er musterte die Ankommenden mit ausgeprägtem Kennerblick und bemerkte einen gut gekleideten Herrn, der sich bemühte, mit einem grossen Koffer die drei Stufen des Bahnwagens zu bewältigen.

 

Als der Fremde auf dem Perron angekommen war, wurde er von Enz mit einem freundlichen: «Guten Morgen!» empfangen. Der Besucher war sich aber aufgrund des enormen Schielens der «Forrenchrott» nicht ganz sicher, ob auch wirklich er gemeint war. Als er bemerkte, dass sich weder links noch rechts von ihm jemand befand, erwiderte er den Gruss und freute sich über die Höflichkeit des Einheimischen. Enz trat etwas näher an den Fremden heran und fragte: «So, gibt es ein paar Ferientage in Gais?» Als seine Frage bestätigt wurde, quoll es geradezu aus ihm heraus: «Da haben sie aber eine ausgesprochen gute Wahl getroffen. Gais ist genau das richtige Dorf, um etwas auszuspannen und sich von den Strapazen der Stadt zu erholen.» Ganz in seinem Element fragte Enz weiter: «Haben sie denn schon ein Zimmer? Falls sie noch etwas suchen, ich bin hier aufgewachsen und kenne mich bestens aus und könnte ihnen bestimmt eine gute Adresse vermitteln.» Als der Gefragte erklärte, er habe im Hotel Krone bereits ein Zimmer bestellt, steigerte sich die Begeisterung der «Forrenchrott» schier ins Unermessliche. «Nun muss ich ihnen aber gratulieren. Die Krone ist weit herum die beste Adresse und unbestritten das erste Haus am Platz. Eine gescheitere Wahl hätten sie gar nicht treffen können. Der Service ist vorzüglich, die Küche ausgesprochen schmackhaft und die Zimmer nobel, das darf man mit gutem Gewissen sagen. Und dann erst der Kronenwirt, das ist ein ganz speziell netter und zuvorkommender Mensch und obendrein noch geschäftstüchtig, klug und weltoffen. Nur sein Leiden....» Enz setzte eine geheimnisvolle Miene auf «....das macht ihm halt schon sehr zu schaffen!» Auf die Frage, was das denn für ein Leiden sei, erklärte er mit leiser mitfühlender Stimme: «Ganz plötzlich hat dieser arme Mann einen Teil seines Gehörs verloren. Stellen sie sich vor, und das in seinem Beruf. Wo er doch so viel mit Leuten zu tun hat. Das ganze Dorf hat Respekt davor, mit welcher Fassung er sein Schicksal trägt. Ich kenn ihn gut und weiss deshalb auch, wie dankbar er ist, wenn man kein grosses Aufhebens damit macht sondern einfach speziell laut und deutlich mit ihm spricht. Das alles sage ich ganz und gar nicht gerne, und es geschieht nur, weil ich meinem guten Bekannten einen freundschaftlichen Dienst erweisen möchte.» Der Fremde bedankte sich für den gut gemeinten Ratschlag und versprach, ihn gewissenhaft zu beherzigen. Die Frage von Enz, ob er denn nun sofort zur Krone gehen würde, verneinte der Feriengast und erklärte, er wolle zuerst ein wenig das Dorf kennenlernen und erst später sein Zimmer aufsuchen. Enz wünschte ihm mit einem verschmitzten Lächeln einen erholsamen Aufenthalt und verabschiedete sich unter mehrmaligem höflichem Nicken mit den Worten: «Vielleicht sieht man sich ja wieder einmal.»

 

Dann marschierte er zielstrebig die Hauptstrasse hinauf zum Dorfplatz und erreichte nach zweihundert Metern das Hotel Krone. Er stieg die Stufen der Aussentreppe empor, trat in die Wirtsstube, setzte sich an einen der langen Holztische und bestellte bei der Serviertochter wie gewohnt einen Zweier Kalterer. Nach einem genussvollen Schluck fragte er ganz beiläufig den Kronenwirt, der sich hinter dem Buffet aufhielt: «Du bekommst heute wohl noch einen Kurgast?» Der Gefragte antwortete etwas überrascht: «Ja tatsächlich, es hat sich einer aus der Stadt angemeldet.» Woher er jetzt das schon wieder wisse, konnte er nicht mehr sagen denn Enz kam ihm zuvor. «Stell dir vor, ganz zufällig war ich wieder einmal beim Bahnhof und habe diesen Besucher dort kennengelernt. Also da kannst du dich aber wirklich freuen auf einen derart netten und zuvorkommenden Menschen. Ich habe mich ein wenig mit dem Herrn aus der Stadt unterhalten und sofort bemerkt, wie klug und weltoffen er ist. Und geschäftstüchtig muss er auch sein, das habe ich auf den ersten Blick gesehen. Um einen solchen Gast muss man dich ja direkt beneiden. Allerdings....» und er winkte den Mann hinter der Theke zu sich heran «....allerdings hat er ein starkes Leiden, der arme Mann» sagte er beinahe flüsternd hinter vorgehaltener Hand. «Also ich mache das gar nicht gerne, und es geschieht wirklich ganz im Vertrauen, aber vielleicht kann ich so diesem netten Herrn einen wohlgemeinten Dienst erweisen.» Der Kronenwirt trocknete seine Hände an der nicht mehr ganz weissen Schürze und setzte sich neben Enz auf einen Stuhl. Gespannt sah er ihn an und wollte mehr über dieses Leiden wissen. Die «Forrenchrott» nickte geheimnisvoll und erklärte: «Schon nach wenigen Augenblicken habe ich es bemerkt. Dieser arme Mann leidet unter einem schweren Gehörfehler. Ich habe mir aber nichts anmerken lassen und einfach ganz laut und deutlich mit ihm gesprochen, und so ist es dann auch ganz gut gegangen. Wenn du es auch so machst, wirst du bestimmt keine Schwierigkeiten haben, auch längere Gespräche mit ihm zu führen.» Er leerte sein Glas und bezahlte und hatte es plötzlich eilig, das Wirtshaus zu verlassen, wollte er doch auf keinen Fall dem Fremden hier begegnen.

 

Tage später, der Kronenwirt stand mit verschränkten Armen vor der Haustüre und beobachtete das Treiben auf dem Dorfplatz, schlenderte Emil Enz gemächlich die Strasse entlang. Er hatte sich nicht mehr blicken lassen in der Krone und seine Zweier stattdessen im Falken, im Hirschen, im Bierhaus und in der Traube getrunken. Als er den Kronenwirt sah, lachte er über das ganze Gesicht und rief: «So, ist dein Kurgast wieder abgereist?» Der Kronenwirt hob halb drohend halb belustigt die Faust und antwortete, Enz wäre «en nützige Chog» und darüber würden sie dann noch sprechen. Die «Forrenchrott» aber ging mit einem zufriedenen Schmunzeln weiter. Wieder einmal hatte er mit einer seiner Schelmereien Erfolg gehabt.

 

Verliebt?

von Anita Glunk

Dem Verstand war zu Ohren gekommen, dass sich das Gefühl verliebt hatte. Da er ein bisschen mehr darüber wissen wollte, so quasi von Berufs wegen, und weil er das Gefühl schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte, beschloss er, sich wieder einmal mit ihm zu treffen. Nach einer herzlichen Begrüssung schaute er dem Gefühl tief in die Augen, runzelte die Stirn und sagte mit gewichtiger Stimme. «So so, du hast dich also verliebt.»

Das Gefühl sprang in die Höhe und rief: «Ja verliebt!» und ehe es wieder zu Boden kam, hatte es einen dreifachen Salto mit doppelter Schraube vollführt.
V: «In einen Menschen?»
G: «Jaaaaaa» und seine Augen leuchteten.
V: «Und warum?»
G: «Was, warum?»
V: «Na, warum hast du dich verliebt?»
G: «Einfach so.»
V: «Einfach so?»
G: « Ja, einfach so.»
V: «Sei nicht albern», er schaute das Gefühl streng an, «du musst doch irgendeinen Grund haben. Das macht man nicht einfach so.»
Das Gefühl kicherte und meinte ein wenig trotzig: «Ich schon, ich darf das, ich bin das Gefühl.»
V: «Dieser Mensch, wie ist er denn?»
G: «Weiss ich nicht.»
V: «Wieso, kennst du ihn denn nicht?»
G: «Nicht gut»
V: «Und du bist trotzdem in ihn verliebt?»
G: «Ja.»

Der Verstand erinnerte sich an frühere, ähnliche Diskussionen. Sie hatten noch nie zu einem für ihn befriedigenden Ergebnis geführt. Da es aber seine Aufgabe war, zu verstehen, fragte er weiter: «Wie ist das denn, wenn du an diesen Menschen denkst?»
G: «Ich fliege», sagte das Gefühl und schloss dabei seine Augen.
V: «Siehst du, da haben wir es. Du kannst gar nicht fliegen, oder hast du etwa Flügel? Schau dich doch um. Jeder, der fliegen kann, hat auch Flügel.»
Das Gefühl schaute an sich herab. Tatsächlich, da waren keine Flügel. Aber was war es denn sonst, wenn nicht fliegen? Nach einer Weile blickte es den Verstand strahlend an: «Ich schwebe! - Schwebst du auch, wenn du verliebt bist?» fragte es neugierig den Verstand.

Dieser dachte so angestrengt nach, ob es wohl möglich sei, zu schweben, dass er die Frage des Gefühls nicht hörte.
G: «Los sag schon. Schwebst du dann auch?»
V: «Wann?»
G: «Na wenn du verliebt bist.»
V: «Äh, ich weiss nicht.»

Es war ihm ein wenig peinlich, dass er diese Frage nicht in der für ihn gewohnten, souveränen Art beantworten konnte.
G: «Was fühlst denn du, wenn du verliebt bist?»
Ein wenig hilflos sagte der Verstand: «Aber ich bin doch der Verstand. Das Fühlen ist deine Sache.»
G: «Du fühlst überhaupt nichts? Nie? Auch wenn du verliebt bist?»

Die Gedanken des Verstandes begannen, sich im Kreis zu drehen. Jedes Mal, wenn er einen halbwegs festhalten konnte, entschlüpfte er ihm wieder. War es wirklich so? Fühlte er wirklich nichts? Sollte er denn überhaupt etwas fühlen?

Nachdenklich sagte er zum Gefühl: «Und was machst du, wenn du enttäuscht wirst?»
«Was für eine rücksichtslose Frage», dachte das Gefühl. «Er kennt mich schon so lange und weiss genau, wie empfindlich ich darauf reagiere.» Es stampfte mit dem Fuss auf den Boden und sagte entschlossen: «Ich werde nicht enttäuscht werden. Dieses Mal nicht.»

Doch der Verstand liess nicht locker: «Einfach mal angenommen du wirst wieder einmal enttäuscht, sag, was wirst du dann machen?» Das Gefühl drückte ihm einen dicken Kuss auf die Backe und antwortete mit einem verschmitzten Lächeln: «Das weisst du doch! Dann komme ich zu dir und frage dich um Rat. Irgendetwas Gescheites wird dir dann schon einfallen.» Es sprang nochmals in die Luft, winkte dem Verstand fröhlich zu und war schon bald nicht mehr zu sehen. Der Verstand blickte ihm noch lange nach und dachte mit leicht erröteten Wangen: «Tatsächlich, es schwebte.» 

 

Das weisse Bündel

Eine Weihnachtsgeschichte von Anita Glunk
Dezember 2010
; redigiert 18.3.11

 «So das wäre dann die letzte.» Der Verkäufer stopfte eine weitere DVD in die gelbe Plastiktasche und reichte diese dem Mann, der vor dem Ladentisch stand. «Da haben sie sich aber ganz schön was vorgenommen für die Festtage» sagte er freundlich, «hoffentlich kommt bei all diesen tollen Filmen das Feiern und die Verwandtschaft nicht zu kurz». Mit einem heiteren Lächeln sah er seinen letzten Kunden an und schob ihm die Rechnung zu. Nur noch schnell kassieren, ein wenig aufräumen, alles abschliessen und ab nach Hause. Er freute sich auf einen gemütlichen Weihnachtsabend mit seiner Frau. Schön altmodisch mit Tannenbaum, Kerzen und Weihnachtsbraten sollte es werden und fast meinte er, den Duft von Weihnachten jetzt schon zu riechen und ein wohliges Gefühl stieg in ihm auf. Der Mann, der ihm gegenüber stand, schien aber nicht in derselben guten Stimmung zu sein. Zusammengekniffene, leere Augen in einem bleichen, mürrischen Gesicht sahen ihn an und er hörte etwas wie «ist meine Sache» und «keine Sorge». Der Mann bezahlte und trat aus dem Laden in die Kälte des späten Nachmittags. Um ihn herum funkelten und glitzerten tausende von Lämpchen, Kerzen, Laternen. Die ganze Einkaufsstrasse war festlich geschmückt, aber der Mann sah es nicht. Er wollte es gar nicht sehen. Er hatte sich gut auf die Festtage vorbereitet. Sein Kühlschrank war gefüllt mit Esswaren, auch Wein hatte er genügend zuhause, und falls es nötig sein sollte, fehlte es auch nicht an stärkeren Getränken, und nun hatte er ja auch noch das passende Filmprogramm ausgewählt. «Nun sollen diese elenden Festtage nur kommen» dachte er. Vor störenden Besuchern brauchte er keine Angst zu haben, da er nur wenige Leute kannte und, so war seit langer Zeit sein Eindruck, er allgemein unbeliebt war.

 

Ohne die Schaufenster und die Lichterpracht eines Blickes zu würdigen, machte er sich auf den Weg zu seiner Wohnung. Vor ihm ging ein kleines Mädchen, das ein weisses, zottliges Hündchen an der Leine führte. Der Mann hörte, wie das Mädchen mit seinem vierbeinigen Freund sprach. Es erklärte dem Wollknäuel, dass heute Weihnachten sei, und dass auch er zuhause ein Geschenk bekommen würde, genauso wie die grosse Puppe, die kleine Puppe, der rote Bär, die Giraffe und überhaupt alle Spielkameraden des Mädchens. Der Mann sah in die hereinbrechende Dunkelheit und hörte die Stimme des Mädchens, und plötzlich erinnerte er sich wieder an alles, den Hund, den er als kleiner Junge hatte, die Weihnachtsfeier, die Verfolgungsjagd rund um den Christbaum, die zerstörte Dekoration, das zerbrochene Geschirr und die schrille Stimme seiner Mutter. «Jetzt reicht es. Das war das letzte Mal, dass dieses Mistvieh etwas kaputt gemacht hat!» Am nächsten Tag war sein Hund weg. Niemand antwortete ihm auf seine Frage, wohin man ihn gebracht habe. Seltsam, eigentlich war diese Weihnachtsfeier die letzte Erinnerung, die er an seine Mutter hatte. Ein bitteres Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes.

 

Das Mädchen überquerte mit dem Hund die Strasse. Der Mann hinter ihm blickte nach rechts, sah die Katze, sah den Hund zitternd vor Jagdfieber erstarren, sah ihn nach vorne schnellen und sah wie das Mädchen die Leine nicht mehr halten konnte. Laut bellend sprang der Hund auf die Katze los. Sie erwartete ihn erst fauchend zum Kampf, zog es dann aber doch vor, zu flüchten. Eine wilde Hetzjagd begann, Passanten stolperten, Pakete fielen zu Boden. Der Mann sah die Katze direkt auf die Brücke vor ihm zu rennen. Der Hund hatte sie fast eingeholt. Laut kreischend sprang die Katze ans Brückengeländer und krallte sich fest. Der Hund aber, schwerfälliger als seine vermeintliche Beute, vermochte nicht mehr zu stoppen und schoss ins Leere.

 

Mit schnellen Schritten war der Mann den beiden Tieren gefolgt. Er hörte das Aufklatschen des Hundekörpers auf dem Wasser und hinter sich das Weinen des Mädchens und das Schimpfen der Leute. Er beugte sich über das Geländer und sah wie der Hund, von der Strömung an den Brückenpfeiler gedrückt, verzweifelt gegen das Wasser ankämpfte. «Geh nach Hause», dachte er, «damit hast du nichts zu tun. Hat sie halt Pech gehabt, die Kleine. Hunde gibt es wie Sand am Meer». Er starrte auf das Wasser und sah das weisse Fellknäuel und bemerkte, dass er seinen warmen Mantel auszog. Er würde ganz bestimmt nicht da hinunter springen, nicht wegen so einer Göre. Aber seine Beine stiegen über das Geländer und seine Hände hielten sich am kalten Eisen fest. Er atmete zwei- dreimal tief ein und stiess sich dann mit aller Kraft weg. Das eisige Wasser raubte ihm beinahe den Atem. Er keuchte und rang nach Luft. Nach ein paar Sekunden sah er das Hündchen vor sich und streckte seine Hand aus, um es am Halsband festzuhalten. Nach zwei erfolglosen Versuchen konnte er es endlich packen. Nun musste er es noch die paar Meter bis zur Mauer schaffen. Schwamm er? Er fühlte nichts, aber er sah, wie er sich dem Ufer näherte, also musste er schwimmen.

 

Auf der Brücke hatte sich eine kleine Menschenmenge angesammelt. Alle starrten auf das Wasser und sahen den Mann kämpfen. «Du schaffst es!» - «Ja Mann, super!» hörte man die Leute rufen. Sie sahen, wie der Mann beinahe schon am Ufer angelangt, abgetrieben wurde und wie er ein weisses Bündel aus dem Wasser warf. Die Leute klatschten und jubelten. Sie warteten darauf, dass er sich an der Mauer emporzog und zu ihnen auf die Brücke kam. Eine richtige Heldentat hatten sie beobachtet - und das auch noch an Weihnachten, besser ginge es ja fast nicht mehr, dachten einige. Der Arm des Mannes aber sank kraftlos ins wasser zurück und sein Körper entglitt langsam den Blicken der Zuschauer. Noch Wochen später behauptete eine Frau, sie habe ein Lächeln in seinem bleichen Gesicht gesehen, als er von der Dunkelheit verschluckt wurde.

«Schau doch Mama» aufgeregt zog ein kleiner Junge auf der Brücke seine Mutter am Ärmel. «Da liegt ja eine ganze Plastiktasche mit DVD’s». In letzter Zeit war das seine liebste Freizeitbeschäftigung. Er sass vor dem Fernseher und erlebte mit seinen Filmhelden die spannendsten Abenteuer, die man sich vorstellen konnte. «Ob die wohl jemand verloren hat?» fragte er. Ein kleiner, glatzköpfiger Mann drehte sich vom Brückengeländer weg und sagte: «Nein, die gehörten dem Verrückten, der vorhin wegen einem Hund ins Wasser gesprungen ist.»

 

 

Der Grizzly und die Schlange
oder
Die Relativität der Qualität

Der Grizzly sprach zur Schlange
"He Schlange, mir ist bange!
Ich frage mich schon lange
ob es genügt im Klange
wenn ich das schöne Wiesli
hier nehm' als Reim auf 'Grizzly'?

Denn Qualität muss sein!
Ich lasse mich nur ein
auf Zeugs mit Hand und Fuss..." -
Weg war sie ohne Gruss!

Da dämmert es dem Bären
und er weint dicke Zähren:
sie hat doch weder Hand
noch Fuss zum Marsch durchs Land!
Er kann sich einen Reim
drauf machen - und geht heim.

Der Petz ist sehr verlegen
"Ich hab des Reimes wegen,
nur auf die Form versessen
und qualitäts-vergessen
die Freundin arg verletzt.
Jetzt hat sie mich versetzt!

Wie mach ich's wieder gut?
Erklär der Schlangen-Brut
wie leid mir alles tut?
Der schlangenhafte Gang
hat Qualität schon lang!
Ja: mehr als das Gewackel
von mir! Ich bin ein Lackel!"

"Hör auf zu lamentieren,
mein Freund auf allen Vieren!"
zischts irgendwo im Raum;
von hier, von diesem Baum?
von dort, von jenem Strauch?
Da hinten tönt es auch
und vorne, unten, oben:
"Ach Bär, ich muss dich loben!"
Sie lässt sich auf ihn fallen
umfängt ihn mit dem prallen
geschmeidig-warmen Leib:
"Geh du zu deinem Weib,
und tu reumütig Buss!
Mach was mit Hand und Fuss
und biete früh bis spät
ihr Bären-Qualität,
derweil ich schlängelnd sause
zum Schlängerich nach Hause
ihn zärtlich zu entzücken
und schlangig zu beglücken.

Und die Moral von der Geschichte
ist diesmal eine eher schlichte:
Die Qualität ist eine andre
ob Schlange oder Grizzly wandre,
wer meint, sie sei in Stein gehauen
der fehlt – zumindest bei den Frauen!

 

 

Kampf der Geschlechter

Männer – hört man – seien Schweine.
denn sie wollten nur das eine...
Vom Ural bis an die Elbe
woll'n auch Frauen stets dasselbe,
doch aus einem andern Grund.
Hier begraben liegt der Hund,
schuldig an der Riesenkluft,
die uns trennet bis zur Gruft.

Männer tun es hirnlos heiter,
Frauen denken – meistens – weiter,
sind im Sinnlichen gescheiter,
wägen Spross für Spross die Leiter
aller Folgen solchen Spassens.
Resultat ist oft: sie lassen's.

Denn sie wollen mehr als Lüste,
runde Po's und pralle Brüste.
Frauen suchen Arbeitskräfte,
Potentaten im Geschäfte,
die sich lebenslang verdingen,
ruhelos den Pickel schwingen,
den Verdienst nach Hause bringen.
Solchen Mannen kann's gelingen,
dass zum Ziele kommt die Lust,
da die Frau sich sagt: 'Du musst!'

Also lässt sie Spitzen spielen,
lässt ihn durch die Ritzen schielen,
gross die Augen, klein das Näschen,
mimt sie ihm das Playboy-Häschen,
gibt sich schwach, lässt sich verführen,
sich fast überall berühren,
da ein Seufzen, dort ein Stöhnen,
das da soll den Mann entlöhnen
für sein eifriges Bemühn.

Ach der Eitle wähnt sich kühn,
glaubt, ER sei der dominante
König über Bettes Kante,
wo er doch in Lustes-Hetze
sich verfängt in Spinnes Netze.

Die Moral von der Geschicht?
Allzu übel ist das nicht.
Jeder kriegt was er erstrebt
und bezahlt, solang' er lebt.

Einzig eines ist verboten:
Diese Dinge auszuloten
zu beleuchten, aufzudecken.
Dies kann beide Teile schrecken.
Also weg mit dem Pamphlet
Auf dass es stets so weitergeht.

 

Schnägge


S git Schnägge, die tröume
zwüsche de Böume
u angersnöime,
dass sie’s versöume,
im Läbe
eini z’häbe
u zäme z’chläbe
aber äbe….

sött mer zwüsche de Böume
u angersnöime
nid tröume
vom Versöume,
sondern im Läbe
eini häbe
u zäme chläbe
aber äbe….

Die Appezöllere Anita Glunk kann auch Berndeutsch! Und sie nimmt mit ihrem Schnägge-Poem natürlich die vielleicht etwas gar schwärmerisch geratene Lobhudelei Housis aus den 80-er Jahren über die Vielseitigkeistreiterei auf die Schippe:

Military-Rösseler

S'git Lüt, die tröime
Zwüsched de Böime
Si sigid nöime
Ganz angersch

Ire Zit ohni Chips
Ohni Redli u Träht
Imne Land ohni Niid
Ohni Ängi u Zwäng

U si presche vergnüegt
Über Fälder u Flure
Dür Büsch u dür Wälder
Dür Dickicht u Bäch

U si häschele, päschele
Weide u schaffe
All Arte vo Arbeit
U artgrächter Büez

Die Ross heis wie Chünge
Prinzässinne, Stars
Si frässe nu ds'Bescht
U Hüüffe drvo

U zwöi-drümal ds Jahr dur
Da trätte si uf
Für nüt alls für d'Freud
U für ds zeige wos stöh

U de tröime si wieder
U gloube s'sig nöime
In Böime
En angeri Zit

 

Freudig erregte Gedanken eines Appenzeller Bauern beim Anblick einer
Gruppe von Reitern und Reiterinnen

Log dei chönd's, die mit de Chöle,
vedreckid alls mit erne Bölle.
Riite tönd's, schtatt näbis schaffe,
lueg's gad a, die huere n'Affe.
Latschid döri, ohni grüesse,
wartid no, seb mönd er püesse,
wör mer denn no seltse seh,
gäb's de Aschtand nomme meh.
Bläss chom usi, ond denn zui,
cha denn all no säge pfui.
(Anita Glunk/August 2010)

 

Hommage an die Frauen

Das ewig Weibliche, so heisst's, zieht uns hinan
ein jeder folgt dem starken Sog, so gut er kann
und bleibt doch immer wieder stolpernd, strauchelnd stecken,
rennt hinterher dem schönen Weib, dem lockend-kecken,
statt Weiblichkeit im eignen Herzen zu entdecken.

Es gälte Weibliches, nicht Frauen zu erjagen,
denn dies bleibt meist ein Traum, ein unerfülltes Plagen
und in so manchem wagemut'gen Männerleben
ein stetig', doch nicht von Erfolg gekröntes Streben.

Das Fazit lautet drum für manchen schlicht:
Ich liebte euch – doch ich verstand euch nicht.
(cam, 2010)

 

1. August

Chlepft ond tätscht ond d'Welt goht onder,
isch vill schlimmer als de Tonder.

Knallt ond hület ond tot rüüche,
s'Höndli wäs nöd wo vechrüüche.

Lueg'd mi a, i gsiehs mi froge,
wo fend i Schlof, wo chan is woge?

Höndli chom i ha e Plätzli,
lig du gad zo mer, mis Schätzli.

Schnuuf ganz tüüf ond schlof denn i,
morn isch guet, morn isch vebii.
(Anita Glunk)

 

 

D'Berg
D’Nacht isch lang gseh, voller Schmerz,
wirr min Chopf ond schwär mis Herz.
I lueg i d’Berg, sie rüefed mer,
chom zo ös, mer helfed der.
Säg wa trockt, mer gend der Muet,

lueg ös a ond alls werd guet.
(Anita Glunk)

 

Fraue ond Chüe
Sät de Ma, du choge Chue,
lo mi etz emol in Rueh,
werd bi ös kä Frau nervös,
denn sie wäs, am meischte Müeh
geht de Ma sich mit de Chüeh.
(Anita Glunk)

 

Of em Bänkli
Of em Bänkli send mer g‘sesse,
hend dei wölle d’Ziit vegesse,
hesch mi g’hebet, i di au,
hesch mer g‘sät, wer mini Frau.

Of em Bänkli send mer g‘lege,
trotz em Gwitter, trotz em Rege,
hesch vo dine Trömm vezellt,
ha der g‘sät, du bisch min Held.

Of em Bänkli send mer g‘chnület,
du hesch prüelet, i ha g‘hület,
hesch mi g‘hebet, i di au,
hesch mer g‘sät, i gang etz, tschau

Of em Bänkli bin i g’schtande,
ha di g’seh dei hine lande,
hesch mer g’ruefe, hoi min Schatz,
chome gad, i bis, din Schpatz.
(Anita Glunk)

 

Pschötte
Bitte Herr, to s‘ Wetter segne.
Mach dass chont recht fescht go regne.
Denn chan i pschötte, judihui,
ond niemet sät, do schtinkt‘s, wäh pfui.
Mis Bächli schwemmt sie fort, die Brüeh.
Ond bald isch d’Wes scho wieder grüe.
Ond isch vebi de Regetag,
isch alles i de Kläralag. 
(Anita Glunk, 29.7.2010)

Ganz im Sinne der Multikulti-Schweiz mit ihren vielen herrlich individuellen tonfarbenprächtigen Dialekten folgt ein Mutmacher-Poem in Berndeutsch. Autor ist Housi Moser, der legendäre Berner Strassenphilosoph, den schon einige gehört, aber noch niemand gesehen haben will.

    S'git Lüt, die wei...
    S'git Lüt, die wei - aber si chöi nid
    U s'git Lüt, die chöi - aber si wei nid
     S'git Lüt, die wei mir - aber si chöi nid
    U s'git Lüt, die chöi mir - aber si wei nid
     S'git Lüt, die wette chönne - aber si chö nu welle
    U s'git Lüt, die chönnte welle - aber sie wei nu chönne
     S'git Lüt, die wette chönne welle - aber si chö nu welle wette
    U s'git Lüt, die wette chönne welle wette - aber si chö nu welle chönne chöie
     Uf all Fäll - git's e Huuffe Lüt...


    (cam, 1979)

    Ein ähnlicher Gedanke - aber mit dem herrlich rässen Geschmack des Appenzeller Dialekts:

    Geht äsig wo tönd
    will’s mönd
    ond nöd will’s wönd.
    Drom cha s seh, dass nöd chönd.
    (Anita Glunk)

     

     

    Mutmacherbilder...

     


    (Foto Daniela Melileo)


    (Fotos Tamara Acklin)


    (Anita Glunk)

     

     

    29.7.10


    (C. Meier)


    (Andreas Zihler)


    (Tamara Acklin)


    (Honigleu Inc.)

     


    (C. Meier)

     


    (Andreas Zihler)


    (Tamara Acklin)


    (Tamara Acklin)


    (Tamara Acklin)


    (C. Meier)


    (C. Meier)

     

     

     

     

    ...und Glücksfälle

    Housi Moser hat sich natürlich auch schon Gedanken übers Glück gemacht. Dass er sich dabei verheddert, kann niemanden verwundern, der ihn kennt:

    Housi Moser – Glück

    S'git Lüt, die hei Glück
    U s'git Lüt, die wei Glück

    S'git Lüt, die sueche ds Glück u gfinges niened
    U s'git Lüt, die gfinges Glück – u heis gar nie gsuecht!

    S'git Lüt, die si gäng hingerem Glück här – u wärde vom Päch verfolgt
    U s'git Lüt, die si hinger gar nüts här – u wärde vom Glück verfolgt!

    S'git Lüt wo ds Glück gäng echappiert we si meine si chönnis pha
    U s'git Lüt, di si eifach im Glück we dr Hans im Glück,

    Also äbe nid dä chrotechrüz unzfride Tonners-Housi im Schnäggeloch!
    I meine dr Housi im Glück, wo gäng iverstangen isch, öb er itze öppis het oder nid, wo eifach drinnen isch im Glück oder ds Glück in ihm drinne

    Wo o ne Housine cha si
    Wo überhoupt ke Name mues ha
    Wo gar nüts mues ha u pha

    Ja das müessti ga mit däm Verschwinde vom Name, vom Wort, vom Zeiche

    Jetz nä mer mal ds Glück ir Schnüerlischrift:
    Stelled nech vor, die beide ü-Pünktli purzle i das 'u' ache wo sech bimne Haar verschlückt dranne u dr Glucksi bichunt wills ume no Gluck heisst

    U wills Schnüerlischrift isch u die ü-Pünktli amne fiine Schnüerli am 'l' u am 'c' agmacht si ziets die beide o ids 'u' ache, s'heisst ume no 'Guk'

    O ds agschnüerlete 'k' u ds grosse 'G' schletzts i das 'u' iche
    U decklets zue, macht es 'o' drus, es Chreisli

    U drininne isch ds ganze Glück, i dem chugelirunde 'o', a eim Huuffe si alli die Pünktleni, Strichleni u Bögleni linksume u rächtsume

    Vermixe sich, verbinde sich, reagiere mitenang, s'git en Implosion
    Das Chugeli dehnt sich us über die ganz Wält bis es nüts me git wo dussen isch

    Oder es schmüürzeled zäme bis es nüts me git, wo drinnen isch,
    E winzige Punkt, en unäntlech chline Ort wo kei Ort isch u alli Ort
    Wo nüt me isch u alles zuglich, wo immer isch u nie, wo isch u nid isch

    U am Schluss blibt nu ds Värsli vom Housi im Glück u o das schmüürzeled zure Sag, zumne Gfüel wo me ume no vom Ghöresäge kennt - u chunt plötzlech wider füre

    Aus verschmitzts Ougezwinkere vomne Meitschi


    (Foto: Erik Benitez)

     

    In Anlehnung an die schnucklige Comic-Serie 'Liebe ist...' begannen wir mal mit einem Analogieversuch mit Glück. Comic-ZeichnerInnen gesucht! Bis eine gefunden ist, behelfen wir uns ab und an mit einem Föteli...

    Glück ist...

    ...schöne vergangene Erinnerungen ins Hier und Jetzt zu holen, sie lebendig werden zu lassen, mit dem Wissen, dass dabei die Zeit keine Rolle spielt
    (CW)


    ...sich an einen direkten Augenkontakt erinnern zu können und das Erlebte als Erinnerungsenergie wieder erwachen zu lassen und zu geniessen
    (CW)

    ...die Zeit auszutricksen und reine Gegenwart zu erleben

    ...Ferien vom Ich zu machen

    ...eine Angst zu überwinden

    ...die Potenzialität - die Möglichkeit und die Kraft - von weltumarmenden Ideen und Gedanken zu spüren

    ...die Gelassenheit eines alten Wesens, sei es Mensch oder Tier

    ... einen Freund zu haben - und Freund zu sein

    ... nach dunkler Nacht ein heller Morgen

    ... nach strengem Tag ein Feierabend

    ...einfach SEIN, in wacher Gegenwärtigkeit (von Pelli)

    ...der weichwarme Bauch eines jungen Hundes

    ...wenn die Fahrtwind-Tränen des Reiters im Galopp nach oben wegfliegen

    ...der Geruch von Wald

    ...das wache Blitzen in den Augen eines Kindes

    ...die Liebe für etwas zu teilen

    ...die Lust eines Pferdes zu spüren, wenn es mit Leichtigkeit über ein Geländehindernis fetzt

    ...zu spüren, wie sich selbstgezogene Grenzen auflösen