Aktuelle Notate

Notate, Sprüche, Blitzein- oder aussichten, Thesen, Tipps, Verse, mehr oder weniger ironische Rezepte - hier hat alles mittellange Kurzfutter Platz - auch von Ihnen gezogenes, gehegtes, geschnittenes, geerntetes erscheint hier so mehr oder weniger im Wochentakt. Wer's grundsätzlich gern ganz kurz hat, ist vielleicht bei den Aphorismen noch besser bedient. Wer's gern länger hat - nein, das ist weder Ovomaltine-Werbung noch anstössig gemeint - klickt zu den Denk-Aufgaben.Über Zusendungen freut sich: info@marpa.ch

Hier geht's zur thematisch strukturierten Sammlung von Aphorismen und Notaten

2017

W45/17 Schöne neue Welt

Göttern konnte man die Gefolgschaft aufkündigen, Könige konnte man köpfen, Diktatoren hängen, Regierungen abwählen - den alten Maschinen den Strom kappen. Die neuen, die Denken und Handeln mehr und mehr übernehmen, werden sich wohl bald selbst mit Strom versorgen. Dann erfüllt sich endlich der Traum aller Linken: alle Insassen sitzen befreit und geschützt von Arbeit, Wettbewerb, Gefahr und Abenteuer in völliger Gleichheit dement und sicher im Heim vor der programmierten Glotze mit der programmierten Information, essen programmierten Food, werden programmiert betreut und dämmern endlos vor sich hin - es passiert ihnen nichts, es passiert nichts, passiert nichts, nichts. Wenn sie nach ein paar hundert Jahren des Dämmerns doch irgendwann hinübergleiten, ist der Übergang unmerklich und sanft, ändert nichts, nichts.

 

W44/17 Orwell 2.0

Orwell hat sich getäuscht. Es ist nicht Big Brother, auch nicht die Gestapo oder der gute alte KGB aus Putins Kinderjahren - es sind zartgliedrig-altknochig-faltig-vertrocknete Gender-Hysterikerinnen, die sich anschicken, nun auch deine Innereien zu kontrollieren, bewaffnet mit dem elegantesten Tool ever, der 'Political Correctness'. Sobald du tags oder nachts in erotisches Träumen abgleitest, wird das über einen jedem männlichen Nannystate-Insassen implantierten Chip an die Heimleitung gemeldet, und du wirst so lange behandelt, bis du endlich korrekt träumst: von zartgliedrig-altknochig-faltig-vertrockneten Gender-Hysterikerinnen. In allen Stellungen. Machtstellungen. Und ohne all die lächerlich plumpen Folter und Mordwerkzeuge der Machos erreichen sie, dass du dich gerne und freiwillig hinlegst und ohne weitere äussere Einflüsse dem Dasein entschwebst, dich aufmachst in ferne, chiplos erträumte Welten.

 

W26/17 Transgender ist geil!

Schlangestehen vor der Damentoilette, während die Herrentoilette gähnend leer ist? Jede Turnierteilnehmerin, jede Zuschauerin kennt es, der Veranstalter weiss es – aber kaum einer hatte eine Idee, wie das Problem zu lösen wäre. Und jetzt – Mode und Zeitgeist sei Dank! – kriegen wir sie absichtslos und frei Haus ins Körbchen geliefert: Transgender! Wer – wie ich bis vor kurzem – den angesagten Begriff noch nicht im aktiven Wortschatz hat und glaubt, es habe was mit Alpentransit und alten Dampflokis zu tun, sei hier milde aufgeklärt. Es ist das, was Goethe im Faust I noch mit dem erhabenen, viel zitierten Sätzchen zum Ausdruck brachte: "Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust." Aus den zwei sind seit Goethe mittlerweile über 70 'Seelen' geworden, bei den Seelen geht es aber nicht mehr um grosse Ideen, Ziele, Wertehierarchien, sondern schlicht und im wahrsten Sinne des Wortes ergreifend um die tagesaktuelle sexuelle Orientierung oder besser 'Befindlichkeit'. Und jetzt beginnen die Wacheren zu ahnen, wie ich das legendäre Toilettenschlangenproblem mit einem lockeren Schwerthieb löse – wie dereinst Alexander der Grosse den legendären gordischen Knoten zerhieb: Werte, von Lösungsbedürfnis im doppelten Sinne gedrängte Lady, fühlen Sie sich einfach in dem Augenblick, wo Sie vor der Herrentoilette stehen, als Mann, treten Sie selbstsicher hinein, und wenn eine der Wartenden draussen oder einer der Pinkelnden drinnen es wagt, Sie blöd anzukucken oder gar blöd anzureden, töten Sie sie oder ihn mit Ihrem funkelschärfsten, gnadenlosesten Blick und zischen Sie: "Ich bin hier und heute ein Mann. Versuche nicht, mir zu beweisen, dass dem nicht so ist." – Die oder der Angezischte wird sich hüten, eingedenk des weltweiten Social-media-Shitstorms, der über sie/ihn hereinbräche, wenn ruchbar würde, dass eine hinterwäldlerisch-konservativ-zurückgebliebene, politische unkorrekte und in Gender-Topics in der frühen Steinzeit zurückgebliebene Null von einer Jammerfigur es gewagt habe, die tagesaktuellen Transgendergefühle einer modernen, sensitiven, multisexuellen Person anzuzweifeln. Die Sie wird Ihnen, werte Lady, vielleicht, je nach Mut und Harndrang, sogar nacheifern, der Er wird höflich zur Seite blicken, wenn Sie, je nach Intensität Ihrer Verwandlung, das Ihnen beim Eintreten wundersam gewachsene Ding auspacken und sich mutig ans Pissoir stellen. – Wie auch immer, ein altes und bedrängendes – wer sich schon mal mit wechselweise klemmenden Oberschenkeln fast in die Hose gemacht hat, weiss, ein wie ungemütlich bedrängendes – Problem ist gelöst. Zahlungen dankbarer Veranstalter und Teilnehmerinnen bitte auf das Konto der interkantonalen Selbsthilfegruppe "Was-bin-ich-denn-heute?"

 

 

W25/17 Von dummen und schlauen Dummies

Es gibt die dummen Dummies und die schlauen Dummies. Die dummen Dummies erfahren bei jeder Begegnung, dass der andere schlauer ist. Die schlauen Dummies hingegen schauen stets, dass kein Schlauerer in ihrem Umfeld ist. Wenn sie die Macht haben, schaufeln sie die Schlaueren aus dem Weg - und das sind naturgemäss viele; wenn nicht, behandeln sie sie wie Luft, wie inexistent. Im Ignorieren (von lat. ignorare: nicht kundig sein, nicht (er-)kennen, nicht wissen, nicht wollen) sind sie gut, das ist eine ihrer Hauptqualitäten. - Gut, sie sind dann manchmal sehr allein, aber es gibt ja noch die dummen Dummies!

 

W24/17 Hitler und die Linken

Der gruselige Adolf fragte die Massen: "Wollt ihr den totalen Krieg?" - Und das thumbe deutsche Volk kreischte: "Jaaaa!" Die gruseligen helvetischen Linken stellen die Frage "Wollt ihr den totalen Staat?" dem Volk gar nicht, da sie ahnen, dass die Mehrheit der Eidgenossen noch nicht thumb genug ist, um "Jaaaa!" zu krächzen. Aber sie arbeiten daran.

 

W23/17 Male and Female Horse-Talk

Männer: "Toller Gaul. 5 mal Null in Folge über 140. Hat den Kaufpreis längst reingaloppiert." - "Na ja, der war doch auch ein Schnäppchen damals, nicht?" - "Stimmt. Der Vorbesitzer sah die Qualität nicht." - "Nicht verwunderlich bei seiner Reiterei."

Frauen: "Kennst du dich aus mit Rüssler-Salz bei allgemeinem Unwohlbefinden?" - "Ja, ist aber nix für meinen Schwarzen. Kriegte gleich Dünnpfiff." - "Wenn ich nur wüsste, ob ich 3 und 11 oder doch eher 7 und 9 kombinieren soll?" - "Ich gebe im Zweifelsfall immer Berrnika, aber unbedingt als Kügelchen." - "Ich könnte es doch ganz simpel mit Dachblüten-Notfalltropfen probieren? Die helfen auch mir, wenn ich - na du weisst schon." - "Sehr überzeugend wirken auch Goldimplantate auf die Allgemeinbefindlichkeit. Ich spüre das bei Linda ganz stark, vor allem seit sie ihr Fohlen hat." - "Ach es ist verrückt. Meine haben jeden Tag etwas!" - "Wem sagst du das!"

 

W22/17 Beamtengrippe

Stell dir vor, es gäbe sowas wie eine Beamtengrippe, die seuchenartig alle dahinraffte - und die Chemie hätte keine Antwort auf das Virus, da es gar keines wäre, sondern ein gut verstecktes, irreparables Gen. Und nun stell dir das Aufatmen vor, das durch Fauna, Flora und Humanitas ginge, stell dir die unerträgliche Leichtigkeit des Seins vor, wenn du dir nirgends mehr das gelb verrauchkrebste Knitterface eines schwindsüchtig-verhärmt-vergrölzten Beamten-Gaschs anglaren müsstest, wenn kein nach Wohnsiloputzmittel und abgestandener Büroluft miefender Papiermuffel mit abgewetzter Mappe mehr auf den Hof stolpert und kontrolliert, ob die automatische Lichtschaltuhr für die Kartoffelkäfer funktionstüchtig ist, ob es unter der Gesamtfläche deiner Kuhweide eine Jauchegrube habe, ob sämtliche Weinbergschnecken bei AGATE als Heim- oder Nutztiere angemeldet sind, ob kein Rossbölleli neben den Miststock gepurzelt ist und tausend Dinge mehr, stell dir vor, wie es wäre, wenn kein miesmacherischer Kleinmachtmissbraucher dir nach ewigem Warten den Schalter vor der Nase zuknallen könnte, weil er keine Lust mehr hat, weil er jetzt seine Butterstulle verzehren oder hinten rauslassen will, weil er weiss, dass er so hässlich, so ungepflegt, so unhöflich, so faul und so inkompetent sein kann, wie er will, du musst durch dieses Nadelöhr, er ist alternativlos wie Merkels Willkommenspolitik, und weil er weiss: ausser dem Tod oder der Vergewaltigung der Putzfrau rettet ihn nichts vor der lebenslänglichen Anstellung. Was für ein Jubel, was für ein endloses Tanzen und Singen würde den Erball erfüllen...
Okay und dann erwachte ich.

 

W21/17 Transgenderei

Irgendetwas kann man auch den doofsten Verirrungen des Zeitgeistes wie der exponentiellen Vervielfachung der Geschlechtsoptionen abgewinnen. Ich leide nämlich schwer darunter - und leiden ist doch in Zeiten geglätteter Dauerwohlfühlerei etwas, was sofortiglichstens abgeschafft gehört? - dass es mir bzw. den grossen Gen-Schnipslern noch nicht gelungen ist, die tollsten männlichen Eigenschaften wie Abenteuerlust, Risikofreude, Kampfbereitschaft, lebenslängliche Freundschaft, Direktheit, Ehrlichkeit und Geradlinigkeit in die tollsten, kurvigsten, sinnlichsten, laszivsten weiblichen Bodys zu packen. Stell dir mal kurz den Charakter eines US Navy-SEALs im Körper von Scarlett Johansson vor. - Mit dieser Vision bin ich voll dafür: schnipselt weiter! Piepegal zu welchem der gerade 74 Geschlechter sich das Resultat dann gerade zugehörig fühlt.

 

W20/17 Denken

Denken setzt Distanznahme zum Ego voraus und beginnt mit dem Hinterfragen eigener und vorgekauter Urteile. Nur schon deswegen ist Denken elitär, den Wenigen vorbehalten, die sich dieser anstrengenden, oft ungemütlichen, Illusionsblasen zerplatzen lassenden, Selbstdisziplin erfordernden Tätigkeit freiwillig widmen, und die auch bereit sind, die Verantwortung für die Resultate ihrer Denkerei zu übernehmen. Der Pöbel kommt wunderbar und reibungsfrei durchs Leben mit Nachplappern des jeweils gerade angesagten Mainstream-Gedudels, das er sich selbst gegenüber als eigenständig gefälltes 'Urteil', wenn nicht sogar als höchstpersönlich entdeckte 'Wahrheit' verkauft. In einer Kultur, die permanentes physisches und psychisches Wohlbefinden als Menschenrecht propagiert, ist 'Anstrengung' eh ein Unwort.

 

W19/17 Kreatives Strafrecht

Zugegeben, das helvetische Strafrecht ist langweilig geworden. Ausdruck von 'Richtig leben mit Tante Paula'. Und Tante Paula weiss nun wirklich, was sich gehört und vor allem, was sich nicht gehört. Zum Beispiel Freude oder gar - iiickwäääki! - Lust. Oder Spass am Zusammensein ohne sie. All das gibt sofort mindestens 7 Tagessätze à 10 Franken, verbunden mit einer Wiedereingliederungsmassnahme von einer Dauer zwischen 50 Jahren und lebenslänglich, was oft zusammenfällt. Dort, bei dieser Massnahme, lernt der Delinquent bei Tante Paula und ihr Gleichen, was sich gehört - und vor allem, was sich nicht gehört. Wenn er das dann kurz vor seinem Abnippeln gelernt hat, wird er ein weiteres Leben lang auf das Leben in sogenannter Freiheit vorbereitet. Mit nur noch geistigen Fussfesseln.

Dem ist Abhilfe zu schaffen, fanden wir und gründeten die NGO "COOL-PAIN", die sich für kreative, originelle und individuelle Strafen einsetzt. Natürlich ist das bei den wenig humorstarken Helvetiern im Allgemeinen und den nicht gerade mit Kreativität glänzenden helvetischen Juristlein im Speziellen eine echte Herausforderung - aber irgendwie lieben wir die 'mission impossible'.

Als Einstieg wollten wir den tonangebenden Feministinnen, Gleichstellungsbeauftragtinnen und Genderprofessorinnen zu Willen sein und schlugen als Strafe für notorische Machos, Frauenverführer und Playboys vor, eine oder gar mehrere Nächte mit ebendiesen Ladys verbringen zu müssen. Dies könnte eine geniale Win-win-Situation generieren, indem sowohl die schwanzgesteuerten Machos nachhaltig geheilt würden von ihrer zu ausgeprägten Freude an den Frauen beim Anblick von - und der erzwungenen Nähe mit all den ältlich-schmallippig-verkorkst-schamlippig-verbittert-entrüstet-negativ-depressiv-jammervoll-existenzialistischen Anklageweibern, als auch ebendiese Gender-Gleichstellungs-Hyänen den Dégout aller Männer im kopulationsfähigen und -willigen Zustand, sich mit ihnen einzulassen, erleben dürften. Als weitere kreative Ergänzung des öden Tagessätze-mal-Biedermassnahme-Strafrechts schlagen wir vor, Pädophilen nicht ein Berufsverbot mit Kids zu geben, sondern sie im Gegenteil zu zwingen, solange mit einer serbischen oder irischen Jugend-Gang zu leben, bis sie entweder tot oder geheilt sind und nie mehr auch nur in die Nähe von Menschen unter 80 gespült werden wollen. Wieder Win-win-win: die Pädophilen geheilt, die Jugend-Gangs könnten ihre Aggressionen an geeigneten Objekten abreagieren - und wir gewännen Personal für's Pflegeheim!

Weitere Kreativ-Vorschläge auf Anfrage.

W18/17 Lob des Widerstands

Möglichkeiten nicht zu haben, kann lebensrettend, lebensbestimmend sein. Kleine und grosse Notlagen, Katastrophen zeigen uns die wichtige Funktion des Mangels, der Unperfektheit, der Einschränkung durch inneres oder äusseres Geschehen. Die Vision aller kommunistischen, sozialistischen, generell linken Politik, aber auch vieler Medizingläubiger, dass jegliche Form von Mangel durch totale Umverteilung, garantierte Sicherheit und permanente Abwesenheit gesundheitlicher Einschränkungen zu Glück und Zufriedenheit aller führen würde, erwies und erweist sich als Illusion. Die permanente Verfügbarkeit von Lebensmitteln führte zu grassierender Fettleibigkeit, die von Genussmitteln zu exponentieller Zunahme der Süchtigenpopulation, die Möglichkeit in den sogenannt 'freien' Ländern, nicht nur Konsumgüter, sondern auch Beziehungen, Freunde, Berufe, Wohnorte jederzeit grund- und folgenlos zu wechseln, wegzuschmeissen wie McDonalds-Packungen, stützen die These, dass totale Verfügbarkeit nicht das Ziel sein kann, dass es im Gegenteil förderlich ist, sich selbst künstliche Hindernisse in den Weg zu stellen, sich Einschränkungen aufzuerlegen - und sei es nur schon beim Fressen und Saufen, um nicht uferlos in die Breite zu wachsen. Freiheit jedweder Art braucht den Widerstand, um als Errungenschaft erlebt zu werden. Das Nachschmeissen von Abstimmungsunterlagen reicht nicht, um die Möglichkeit der Mitbestimmung als grossartige und keineswegs selbstverständliche Freiheit zu erfahren. Erst das Nichthaben, das Nichtverfügenkönnen, der Widerstand, der Mangel, der Konflikt weckt in uns den Wunsch und die Bereitschaft, uns für die Überwindung des Widerstands einzusetzen. Die Debatte ist der Übungsplatz dafür.

 

W17/17 Are you urban?

Die modische Worthülse 'urban' mit ihrer elitär-sushi-kaviaresk-high-heeligen Kultfüllung bzw. deren Erfinder, Verbreiter und Hochwerter kriegen den Sozialtherapie-Nobelpreis! Naturfern in stinkend-enge, verdichtet ineinander verschachtelte, smog-überdachte, dauerlärmerschütterte, mit der Omnipräsenz des Rechtwinkligen die Gehirne verblödende Betonbunker gepferchte, innen und aussen weitgehend aus Kunststoff und Kabeln bestehende, von seelenlosen Robotern jeglicher nutzbringender Tätigkeit enthobene, unter schweren Schichten von Schminkabgasstaub sich mit der virtuellen, aus Bildschirmen rinnenden Imitaten der Welt abfinden müssende Behinderte so weit zu beeinflussen, dass sie sich nicht nur mit ihrem tristen Schicksal aussöhnen, sondern sogar noch stolz darauf sind, sich freiwillig und mit der überlegenen Miene der metastasierenden Tumorzelle oder des Todestrakthäftlings als 'urban' bezeichnen, ist eine manipulativ-suggestive Leistung der Sonderklasse und erinnert an die ganz Grossen der Zunft. -

Jetzt fehlt nur noch ein äusseres Erkennungsmerkmal, das diese Stadt-Fundis, diese Surrogat-Androiden kenntlich macht für uns, die thumben Landeier, damit wir sie erkennen und ihnen die entsprechend schonende Behandlung angedeihen lassen, sollten sie sich je aus ihren Zookäfigen hinaus zu uns verirren in die freie Wildbahn, wo die Bambis nicht aus Plastik, die Kühe noch nicht vakuumverpackt sind, die Wildschweine sich nicht so leicht fangen lassen wie bei Asterix und Obelix, nachts statt Ambulanzsirenen Käuzchen und Nachtigallen zu hören und fern von Licht- und Stinksmog Myriaden echter Sterne zu sehen sind. - Doch die Nobelpreisträger haben ganze Arbeit geleistet. Sie kommen nicht. Und wenn, dann glaren sie auf die kleinen steifen Dinge, die sie statt anderem geschlechterübergreifend in ihren Hosen haben, jagen ziellos hinter virtuellen 'Taschenmonstern', also sich selbst her, fallen in offene Gullis, über Strassenränder, in Güllengruben und um, niedergestreckt von einem lächerlichen Kuhzaun. Um die Ausfallquote zu senken, könnten die Urbanoiden doch eine Alljahreskopfbedeckung tragen, sobald sie die schützenden Stadtmauern verlassen, eine Behut- oder -hütung, die auch gleich anzeigen würde, dass der Kopf des Trägers innen und aussen bedeckt ist. Der Slogan "Ich urban, drum T-urban" hätte zudem einen hohen Memowert, nationale Anpassungen wie 'T-orban' für Budapest wären möglich. Und die ErdoGans würde bestimmt auch zufrieden schnattern und uns auf den Mus-Lim gehen, wenn all seine Ankaracker T-urban trügen und er seine hörigen Schergen per Verfassungsdekret heissen könnte, weiter waidwunde Kurden zu murden.

 

W16/17 Rural vs urban

'Urban' ist eines der beliebtesten Modewörter unserer Zeit. Erstaunlicherweise konnotiert es für die meisten positiv, ja sogar überheblich im Sinne von 'kultiviert, intellektuell, aufgeschlossen, vernetzt', anyway um Lichtjahre toller als das thumbe Miststock-Land. Taktisch ist allerdings verständlich, dass man es den Büchsensardinen schmackhaft zu machen versucht, die immer 'verdichteter' und mit immer weniger reibungsfreundlichem Öl in den hohen Betonbunkern zusammengepfercht leben müssen. Aber bei Licht betrachtet – wobei ja genau davon immer weniger in die von Hochhäusern und Smog-Glocken eingedunkelten Urbes fällt – gibt es eigentlich herzlich wenig, was man an Vorteilen ins Feld führen könnte für die städtische Lebensweise. Vielleicht die deutlich höhere Chance, überfahren, beraubt und ermordet zu werden und damit der Gesellschaft einen Gefallen zu tun? Vielleicht die opportunity, dank fast völligem Ausschluss von Fauna und Flora die Illusion der 'Krone der Schöpfung' besser aufrecht erhalten zu können? Oder ist es wirklich die Banalität, mit dem Fahrrad zum Kino fahren zu können bzw. zu müssen, da es bei verdichteter Bauweise nun wirklich keinen Platz mehr hat für sowas wie Strassen und Parkplätze. Witzigerweise sind ja die meisten Städte unter rot-grüner Regentschaft, wo es doch kaum Arbeiter und noch weniger Grün hat in der Stadt?

 

W15/17 Nice Nanny-State

Der totale Staat wird nicht so marktschreierisch ausgerufen wie der 'totale Krieg' Adolfs. Er kommt nett, fürsorglich, entlastend und verspricht Schutz, Manna, Wohlgefühl, Sicherheit im Heim. Wenn sich die Insassen die anstrengende Eigenverantwortung und das mühselige Denken und Entscheiden erst einmal abgewöhnt haben, bemerken sie gar nicht mehr, dass sie von der Wiege bis zur Bahre Windeln tragen.

 

W14/17 Demokratie

Demokratie erfordert autonome, freie, mündige Bürger, die dem Staat auf Augenhöhe begegnen, weil sie sich als mitbestimmenden Teil des Kollektivs verstehen und deshalb auch mit grosser Selbstverständlichkeit bereit sind, einen Teil ihrer Zeit diesem Gemeinwesen zu widmen, das nichts anderes ist als die Summe dieser Engagements freier Bürger. Vor kurzem soll ein auftauender Gletscher in den helvetischen Bergen das vermutlich letzte Exemplar dieser ausgestorbenen Spezies freigegeben haben.

 

W13/17 Datenschutz?

Warum das Theater um den Schutz der Krankengeschichte eines Wohlfahrtsstaatsinsassen, wo er – und vor allem sie – doch über nichts lieber berichtet, auch und gerade all denen, die sich keinen Deut dafür interessieren?

 

W12/17 Aggression

Aggression ist im harmoniesüchtigen, anstrengungsfeindlichen Wohlfahrtsstaat in den Schatten gerutscht – und kommt, wie Schatten das notwendigerweise zu tun pflegen, in marktschreierisch übertriebener Form als Terrorismus wieder zu uns zurück. Genau so lange und so intensiv, bis wir die Botschaft begriffen haben und die Balance zurückgewinnen, indem wir die Aggression als Anpackigkeit und gesunde Verteidigungsbereitschaft wieder in unseren Wertekanon aufnehmen.

 

W11/17 Rezept von Berset & Co

Das Rezept der Etatisten ist denkbar einfach – und doch durchschauen es die wenigsten Insassen unserer Nannystates: Das Ziel ist die Entmündigung des Einzelnen. Der Weg ist die totale Fürsorge von der Wiege bis zur Bahre. Die Windeln bleiben in der kurzen Erwachsenenzeit aus Sicherheits- und Effizienzgründen gleich drauf. Die Tarnung ist das Gelabber von Wohlfühlen, Wohlfahrt, Fürsorge, Sorgenfreiheit, Sicherheit, Anstrengungslosigkeit und Unbelastetsein von Verantwortung und Kampf gegen die Unbill des Schicksals – vorgeleiert mit Mutter-Teresa-Blick und dem tröstlichen Gehabe jener, die dir den Rucksack abnehmen, bevor du darum gebeten hast.

 

W10/17 Lob der Terrorszene

Gäbe es die Terroristenszene nicht, man müsste sie erfinden. War es denn je so einfach, die Insassen eines Kollektivs zu kontrollieren, zu gängeln, zu manipulieren, ihre Freiheiten gegen Null zu schrauben als mit der herrlichen Begründung, der Terror lauere überall und verlange deshalb den Ausnahmezustand, der nach einigen Jahren still und leise zum Normalzustand mutiert? Früher mussten sich die armen Etatisten, Diktatörlis und Machthäberlis noch einiges einfallen lassen. Die Nazis, die Kommunisten, die 'Gelbe Gefahr', der Ostblock - riesige Gebilde mussten so hochstilisiert werden, dass man sie als Lebensgefahr wahrnahm und knurrend, aber doch mehr oder minder einsichtig die Verdunkelung, die Lebensmittelrationierung und sogar zarte Einschränkungen der Meinungsäusserungsfreiheit in Kauf nahm. Heute ist das ein Kinderspiel für Möchtegern-Adölflis wie den Pantoffel-Sultan aus Krankara. Man bezichtigt jeden, der einem nicht huldigt, als Terrorist, Verschwörer und Landesverräter, selbstverständlich unterstützt von dunklen, bösen Mächten, die man eben nicht zum Beweis vorführen kann, sonst wären es ja keine dunklen, bösen Mächte - und kann sie alle einlochen, umlegen, Kollektive verbieten - und die zarten, netten, anständigen, immer schön grosszügig-blauäugigen dekadenten europäischen Talfahrtsstaaten schauen genau so naiv, dumm und lieb zu wie anno dazumal, als der gute alte Adolf dasselbe tat. - Und wenn's dann doch mal losgeht, reiben sich alle die Augen und suchen Soldätlis, es hat ja einfach nicht mehr gereicht neben all den Gleichstellungsbüros und Sozialwerken und Velowegen durch die Alpen. Aber die Männlein tragen entweder immer noch Windeln, sind im Vaterschaftsurlaub, an der Geschlechtsumwandlung, im Zivildienst, beim Pokemon jagen - und die allerkriegerischsten schiessen Mohrhühner. Dumm gelaufen. Aber wir können dann immer noch den vorher so verfemten Uncle Sam rufen. Der solls gefälligst richten.
Was wiederholt sich eigentlich schneller, Mode oder Geschichte?

 

 

W5/17 Rassismus?

Die älteste Angst seit dem Urknall ist Ablehnung, Minderwertung und Wegstossen alles Fremden, das einem gefährlich werden, etwas wegnehmen könnte. Und Angst macht dumm. Alles Fremde umarmen und sich mit dem Krokodil ins Bett legen ist nicht weniger dumm. Dazwischen gibt es die Offenheit für das Unbekannte, die Neugier auf das noch nicht Entdeckte, den Respekt vor dem Fremden und das Bemühen, die für beide lebbare Distanz zu finden. Eine Herausforderung, aber zumindest nicht dumm.

W4/17 Saba

In Saba verehrte man nicht Jahwe, Allah, Christus, Manitou, Buddha, Zeus, das Nichts, die Wissenschaft, das goldene Kalb, die Macht oder sonst irgendeinen Gott, sondern die Sonne. Vielleicht war das gar nicht so dumm. Denn sie erhellte und wärmte alle ohn' Unterschied: Meere und Berge, Quallen und Felsen, Pflanzen und Tiere - und ja, auch alle Mutter Gaia wie eine Krankheit überziehenden Zweibeiner: Getaufte und Nichtgetaufte, Heuchlerinnen und Undiplomatische, Eitle und Bescheidene, Langweiler und Ideenreiche, Integre und Trickser, Gesetzestreue und Krummdenkende, Gehorsame und Phantasievolle, Auserwählte und Nichtauserwählte, Pharisäer und Heiden, Koranisten und Ungläubige, Atheisten und Fundamentalisten, Sich-klug-Wähnende und Als-dumm-Geltende, Heiliggesprochene und Verurteilte, Brave und Freche, Spender und Diebe, Ein- und Auswanderer, Grossgekotzte und Kleinlaute, Blinde und Lahme – die Sonne kümmerte sich nicht um die Unterschiede. Sie zog einfach ihre Bahn, schien und wärmte, auf dass alles gedeihen konnte, was seinen Weg fand.

Vielleicht waren die im alten Saba tatsächlich nicht so dumm? Sind wir wirklich so viel schlauer, wenn wir die Sonne nur noch mit Messresultaten beschreiben und mit Feuer und Schwert allen unser Privat-Göttlein - oder die ebenso fundamentalistisch vertretene Behauptung, es gebe nix solches - aufzwingen wollen? Und wenn es denn wirklich so sein sollte, dass die Aussenwelt der nach aussen gestülpten Innenwelt entspräche, und umgekehrt, dann müssten wir ja in uns auch so etwas wie eine Sonne vorfinden, die scheinen und wärmen würde – ohn' Unterschied, oder nicht?

 

 

W3/17 Hi Hitler!
Was heisst da 'Hitler ist wieder da'? - Er war gar nie weg. Okay seine körperliche Hülle. Aber die war ja nur Dekoration. Das, was ihn ausmachte, war vor ihm und ist nach ihm omnipräsent. Die Lust an der Macht zum Beispiel. Die ist in jeder Entität vorhanden, sogar im Baum, der einem andern den Zugang zu Wasser und Sonne wegnimmt. Für den Einzelnen, der von einem anderen machtgeilen Wesen umgebracht wird, ist dabei irrelevant, wieviele andere dasselbe Schicksal erlitten oder erleiden wegen desselben Mörders. So gesehen bringt das Aufrechnen der Anzahl Umgebrachter wenig ausser einer zeitgemässen Rekordliste. Mehr brächte es, die eigene Machtlust anzuschauen und ihr Aufgaben zuzuweisen, die nur uns selbst anstrengen, zum Beispiel die Macht über uns selbst zu erlangen, einer Sprache oder sonst irgendeiner Kompetenz 'mächtig zu werden'.

Dann das Pathos, eines der Werkzeuge, die der alte Adolf meisterhaft beherrschte. Das grossspurige, inhaltlich meist unsäglich banale, pathetische Geschrei funktioniert allerdings nur in einer Gesellschaft mit einer Vielzahl von humorlosen, unmündigen und kollektivistischen Insassen. Da hatte er wohl besonders Glück mit den Deutschen. In Appenzell Innerrhoden hätte das kaum so gut geklappt. Zumindest damals, als die Mehrzahl der Appenzeller noch aus Appenzellern bestand. Aber wenn man sich heute das pathetische Gesabber aller noch so kleinen Möchtegern-Diktatörli von Nordkorea über Afrika und Ungarn bis in die Türkei anhört, so steht Adolf doch zumindest als Einflüsterer hinter manchem Sessel. Schauen wir doch besser mal nach, wo wir selbst zur Kitsch-Hilfe des Pathos greifen, um unangenehmen Fragen - eigenen oder uns von andern gestellten - auszuweichen?

Auch das nett klingende Ziel, das Kollektiv über das Individuum zu stellen, ist doch gross in Mode. Vielleicht war der Adolf diesbezüglich einfach sehr konsequent und hatte die Machtmittel, jedes individuelle Aufmucken im Keime zu ersticken. Erdogan, Putin, Xi Jinping und viele andere 'täppelen' da doch schon ganz toll in seinen Fussstapfen? Aber auch bei uns träumen doch alle Etatisten und Kollektivisten davon, mit letzter Konsequenz ihre Vorstellung vom 'richtig lebendenden' (und sterbenden) Kollektiv durchzusetzen. Was ist denn der unhinterfragt heilige und - im doppelten Sinne - 'mit allen Mitteln' ausgebaute soziale Wohlfahrtsstaat anderes als der Traum jedes Kollektivisten: alle Mittel zentral zusammenfassen um die 'Sicherheit und Wohlfahrt des Kollektivs' - oder das, was die Etatisten darunter gerade verstehen - mit staatlichem Zwang durchzusetzen? Dass dabei Indivualität, Mündigkeit und Eigenverantwortung vor die Hunde gehen, nimmt ein wahrer Kollektivist als Kollateralschaden in Kauf. Schon vergessen, dass Adolfs politisches Vehikel die Nationalsozialistische Arbeiterpartei war? Da war das Soziale drin und die armen, zwangszuschützenden Arbeiter. Und was ist der beste Schutz für einen Arbeiter? Bezahlte Arbeit. Die gab er ihnen. Kriegsvorbereitung schafft Arbeitsplätze. Die exportorientierte Waffenindustrie der friedliebenden Schweden weiss das. Vielleicht sollten unsere lieben, meist dem Pazifismus zuneigenden Kollektivisten einmal darüber nachdenken?

Und wie der legendäre Hitlergruss zeigt, wollte er doch nur das HEIL für alle, wie die heutigen Kollektivisten auch? Gut, wer andere Vorstellungen von seinem persönlichen Heil hatte oder gar schon von seiner Herkunft, Abstammung, Rasse oder Religion her 'unheil' zur Welt gekommen war, der musste leiderleider ins Gas - ich meine ins Gras beissen. Ganz so unnett sind die heutigen Kollektivisten ja nicht mehr. Ausser vielleicht die ganz ganz Bösen vom 'Kalifat'. Aber wie fundamentalistisch es ganz tief drinnen in den Köpfen und Herzen unserer Kollektivisten aussieht und was sie eigentlich am liebsten mit den ewiggestrigen freiheitsdurstigen Individualisten meines Zuschnitts machen würden, wissen wir ja - gottlob - nicht so genau.

 

W2/17 Your choice

Angenommen, du hättest die Wahl, einen Film mit der vorgefassten Meinung anzuschauen, dass der Plot eh nur aus einer Aneinanderreihung völlig sinn- und bedeutungsloser Zufälle bestehe, ohne verstehbare Botschaft, ohne deutbare Zusammenhänge - oder denselben Film mit der vorgefassten Meinung anzuschauen, dass der Film an sich und jede einzelne Szene dich meint, dir etwas zu sagen hat, eine Botschaft - nein unzählige Botschaften für dich enthält, dass alles mit allem zusammenhängt, mit deinem bisherigen, gegenwärtigen, zukünftigen Leben, mit deinen Entscheidungen, deinen Erfahrungen, deinen Erkenntnissen, dass nichts, aber auch rein gar nichts zufällig ist und dass es an dir und deiner Fähigkeit des Deutens, des Decodierens der Sinnzusammenhänge liegt, wenn du einmal etwas nicht - noch nicht - verstehst. Nehmen wir weiter an, es wäre dir - und auch allen dir zugänglichen anderen Wesen - nicht möglich, zu beweisen, welche der beiden vorgefassten Meinungen die richtige sei. Welche Variante würdest du dann wählen, um einen spannenden Filmabend zu verbringen? Und weshalb? Und angenommen, es handelte sich bei dem Film um deine Biographie, dein Leben. Was würdest du dann wählen? Und weshalb?

 

W1/17 Messungen von Welt ersetzen Deutungen von Welt

Wenn Natur- und Geisteswissenschaften in Balance sind, entstehen komplexe Weltbilder in der Kooperation des Messens der Welt der Formen durch die Naturwissenschaft und der Deutung der Welt der Inhalte durch die Geisteswissenschaften. Der aktuelle Zeitgeist ist aber derart formverhaftet, dass die Messungen die Deutungen verdrängt, marginalisiert haben, was zu einer beeindruckenden Datenfülle bezüglich der Aussenwelt und einer ebenso beeindruckenden Orientierungslosigkeit bezüglich der Innenwelt geführt hat. Noch nie in der historisch überblickbaren Menschheitsgeschichte gab es so gewaltige, jederzeit von allen abrufbare Messresultate und Datenmengen zu Form, Materie, Physis. Und noch nie gab es ein so berauschendes Mass an Dummheit, Hilflosigkeit und Deutungsarmut im Bereich des Inhalts, des Geistes, der Seele.

 

2016

W49/16 Juhuuu Emanzipation!

Seit dem Sturz aus dem Paradies zählt es zu den genialsten Tricks der Evas, sich als Opfer zu inszenieren. Früher waren es die im wahrsten Sinne des Wortes umwerfenden Ohnmachtsanfälle. Dabei verdienten aber höchstens die Hersteller von Riechfläschchen und Corsagen. Heute ist es das vielbegehrte und so schön bedeutungsvoll klingende Trauma, das vom ersten Nuggi-Entzug über Hängebusen, Faltenwurf, Fettpolster und - dies vor allem! - männlichem Fehlverhalten bis zum terminalen Karzinom den Weg in die nie endende Therapie moderner Wohlstandsopferinnen pflastert. Daran verdient ein Heer von Gesundheitsaposteln, Psycho- und Traumatherapeuten, Ernährungsberatern und Wellnesstempelbetreibern.

Entscheidender Fortschritt ist aber, dass die segensreiche Emanzipation der letzten 50 Jahre den Frauen die zusätzliche Chance gab, nun auch auf der Klaviatur aller schlechten Eigenschaften der Adams zu spielen. Die moderne Eva darf sich endlich genau so egozentrisch, machtbesessen, geldgierig, gewaltgeil, primitiv und laut geben wie die Adams. Sie darf auch ohne Image-Verlust Zigarren rauchen, Fussball spielen und täglich masturbieren. Umgekehrt ist die Gleichstellung leiderleider noch nicht erreicht. Die meisten Männlein stellen sich unglaublich ungeschickt an, wenn es darum geht, die so lukrative Opferrolle zu spielen. Vielleicht sind sie einfach zu dumm dafür? Oder spielt ihnen das so unzeitgemässe und dringend vollständig wegzuzüchtende 'Eigenverantwortungs-Gen' einen üblen Streich?

 

W42/16 Horsemanship ist riechbar

Wenn es auf den Arbeitsplätzen nach Pferdeschweiss riecht, weil die Pferde nicht nur ein bisschen an farbigen Pfludersäcken vorbei geschubst oder mit orangen Stecken rumgescheucht, sondern reell gearbeitet werden. Und wenn es in den Boxen nach Einstreu und nicht nach Ammoniak riecht.

 

W41/16 Horsemanship ist tastbar

Wenn die Maulecken sich weich und geschmeidig, die 'Hosen' muskelbepackt und rund, die Beine kalt und trocken anfühlen.

 

W40/16 Horsemanship ist sichtbar

Wenn die Boxen sauberer sind als der Stallgang, die Ecken des Aussenplatzes von Hufspuren statt von Unkraut gezeichnet sind und die Reiter nicht neben ihren verfetteten Equiden herwatscheln, sondern in Balance auf gut bemuskelten schlanken Tieren sitzen und diese in allen Gangarten arbeiten.

 

W33/16 Horsemanship ist hörbar

Der Blinde entfloh dem Tussi-Freizeitstall-Dauergequatsche, durchquerte so eilig, wie es sein Stock zuliess, ein Etablissement mit Rundum-Dauer-Radioberieselung und blieb dann fasziniert stehen, als er an einem Ort landete, wo nur im doppelten Sinne taktvolle Pferdegeräusche und ab und zu ein Halsklopfen und ein tiefes 'Guuut' hörbar waren.

 

W32/16 Aufklärung und Intelligenz

Aufgeklärt ist, wer ohne Anleitung von aussen seinen Verstand benutzt, behauptete Kant. Und er meinte durchaus damit, dass man auch SEINE Behauptungen kritisch hinterfragen dürfe, solle, müsse. Dieses respekt- und grenzenlose Hinterfragen von allem, was uns mit oder ohne religiöse, ideologische oder wissenschaftliche Verbrämung vorgekaut serviert wird, ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Intelligenz. Dazu muss kommen, dass man sich der Subjektivität und Relativität jeder Wahrnehmungsinterpretation - eigener und fremder - bewusst ist und mithin weder sich noch andern gestattet, einen absoluten Wahrheitsanspruch für irgendetwas Wahrgenommenes, vermeintlich 'Erkanntes' zu reklamieren. Als dritte Voraussetzung für Intelligenz, wie wir sie hier verstehen wollen, kommt dazu, dass der Wahrnehmende die volle Verantwortung für jede eigene Wahrnehmungsinterpretation übernimmt. Das sagt sich leichthin, hat aber grausliche - und jubelschreiende! - Konsequenzen. Die grauslichen: Wenn wir für jede Aussage über die Welt eigenverantwortlich sind, sie als subjektiv und relativ erkennen, also auch akzeptieren, dass wir die einzigen sind, die die Welt so wahrnehmen, wie wir sie wahrnehmen, so ist der Schritt winzig zur Erkenntnis, dass es die Welt, so wie wir sie wahrnehmen, einzig und allein für uns so gibt. Aussenwelt mutiert dann plötzlich zu nach aussen gestülpter Innenwelt. Das hiesse aber, dass alles Elend, alles Böse, alle Arschlöcher, die wir im Aussen wahrnehmen, letztlich in uns drin stecken und wir diese eigenen Innen-Anteile lediglich nach aussen projizieren, um sie besser wahrzunehmen, um sie in etwas objektivierter Form, als beobachtbare und untersuchbare, erforschbare Objekten beobachtbar zu machen? - Die jubelschreienden Konsequenzen: Wir können unsere Wahrnehmungsinterpretationen ändern - und ändern damit unsere Welt! Und auch alles Schöne, Hinreissende, Liebenswerte und Liebevolle im Aussen ist Spiegel unserer Innenwelt. Das sollte uns doch fast schon wieder versöhnen mit den ersterwähnten Grauslichkeiten? - Wenn's nicht klappt, lass dich getrost zurückfallen in voraufgeklärte Dummheit. Du bist zumindest nicht allein dort.

 

W31/16 Typisch helvetische Berufe 2: Der Soziosoftschnuckieierweggli

Die gute Nachricht: sie, die Sozio-Soft-Schnucki-Eier-weg-glis, oder wie auch immer man den Typ des modernen Wohlfahrtsstaatsinsassen mit Pimmelchen nennen will, sterben aus. Und mit ihnen all die Nietzscheschen 'hoi polloi', die 'Viel-zu-Vielen' - aus der Sicht der übrigen Bewohner des blauen Planeten und diesem selbst sind das wohl früher oder später alle Hominiden. Es gibt also irgendwann wieder Platz, unkontaminierte Luft, Gewässer und Böden. Die schlechte: es dauert noch. Möglicherweise ein paar hundert Jährchen. Bis auch die archaischen Natiönlis auf dem höchsten - und damit zwingend auch letzten - Level der Entwicklung angekommen sind. Einem Gipfelpunkt, auf dem all das, was die früheren 'Männer' so schrecklich inkompetent machte im Bereich des Sozialen, all die gruseligen Dinge wie 'Abenteuer', 'Freiheit', 'Wettbewerb', 'Gestaltungswille', 'Rittertum', 'Rauflust', 'Eroberungshunger' gottlob verschwunden, abgeschafft, aus den Genen entfernt sein wird. Dann, wenn endlich alle Bewohner des Planeten echt feminisiert sind und nur noch zart-dement, nebeneinander Händchen-haltend von Heim zu Heim grabwärts gleiten, dann ist es endlich soweit und die so lärmig-laut aufgetauchten Zweibeiner werden so sanft und leise von der Bühne verschwinden, dass es kaum bemerkt - und schon gar nicht betrauert werden wird.

 

W30/16 Typisch helvetische Berufe 1: Der Jammerlappenmiesmacher

Die schlechte Nachricht: die Masse von Menschen, die von früh bis spät in Horrorszenarien denkt, scheint täglich anzuwachsen. Die gute: sie sterben zwingend irgendwann aus, wenn sie nicht bloss sich interessant zu machen versuchende, stümperhaft Pathos mimende Dramaqueens & -kings, sondern waschechte, todernst-professionelle Jammerlappenmiesmacher sind. Die Welt ist für sie ein derart grauslich-verderbter und elendsiecher Ort, an dem man sich nur auf etwas verlassen kann: dass man sich auf nichts verlassen kann, oder doch: dass immer das schlimmst Vorstellbare eintritt; ein Moderloch, dessen einzig garantierte Sicherheit die ewige Unsicherheit ist, dass sie sich oft in verdankenswerter Weise durch - am liebsten kollektiven - Selbstmord oder - fast noch stimmiger - durch self-fulfilling prophecies aus dem Staub beziehungsweise sich selbst wieder zu Staub machen, im Entschwinden noch den herrlich helvetischen Gedanken brösmelnd: "Ich has ja immer gseit!"

 

W29/16 Integration à la carte

Ein Einzelwesen, ob Mensch, Tier oder Pflanze, lässt sich vergleichsweise schnell in ein neues Umfeld einpassen, wenn die physisch-materiellen Faktoren gegeben sind - und es denn willens ist. Nicht so Kulturen, die über Jahrhunderte gewachsen und tief verwurzelt sind. Auch wenn Elemente einer Kultur offensichtlich veraltet, überholt sind und den aktuell von einem Kollektiv bejahten Werten widersprechen, braucht es oft gewaltige Anstrengungen über lange Zeit, um sie nicht nur aus den Gesetzbüchern und den Benimmregeln, sondern auch aus den Köpfen und Herzen zu tilgen. Der nachhaltigste Bremsklotz im Bereich des Kulturwandels sind religiös verbrämte Aussagen und Regeln, die sich mit diesem 'heiligen' Etikett Unantastbarkeit erworben zu haben wähnen.

Wenn nun in mancherlei Hinsicht inkompatible Kulturen aufeinanderprallen, wie sie das in letzter Zeit etwas intensiver tun dank Globalisierung und Migration, stehen wir vor der Frage, wer sich wem in welchem Masse anzupassen habe. Es entbehrt nicht der Komik, dass die westlichen Wohlfahrtsstaaten mehrheitlich der Ansicht zu sein scheinen, dass sich die Kultur des Gastgebers derjenigen des Gastes anzupassen habe. Dass dies nicht funktioniert, erklärt sich nur schon aus der Verschiedenheit und Widersprüchlichkeit der Gästekulturen. Ein weiterer Grund für das derzeitige Malaise des Kulturen-Crashs liegt meines Erachtens in der Sonderbehandlung religiös begründeter Denk- und Verhaltensweisen. Eine unverständliche Scheu lässt uns immer wieder auf diesen faulen Trick hereinfallen, 300 Jahre nach der Aufklärung, die - ein weiterer Hinweis auf die Stimmigkeit der These von der Langsamkeit des Kulturwandels - offenbar gar noch nicht wirklich angekommen ist in den Hirnen und Herzen der Mehrheit. Solange wir immer wieder kuschen, wenn irgendein Vertreter irgendeiner fremden Kultur auf die religiöse Herkunft seiner abstrusen Ideen und Taten verweist, wird Integration nicht funktionieren, wird weiter frisch und munter im Namen irgendwelcher 'Götter' gemordet, was hinwiederum allen rechtsnationalistischen Scharfmachern die nötige Munition gibt, uns ein paar Jahrhunderte zurückzubomben. Viel Spass allerseits.

 

W26/ Wie geht's deinem 'Fundi'?

Das nachhaltigste Small-talk-Thema quer durch soziale und nationale Gesellschafts-Segmente ist die aufrechte Entrüstung über alles Fundamentalistische. Dabei verlieren wir meist den Blick auf den 'Fundi in uns', der sich bei genauerem Hinsehen in jeder Wahrnehmungsinterpretation zeigt, für die wir einen absoluten Wahrheitsanspruch reklamieren. Das fängt bei ganz banalen alltäglichen Urteilen an. Wenn wir uns auf die Schliche kommen wollen, achten wir einmal darauf, wo wir die Wahrnehmungsmöglichkeiten auf eine simple Polarität reduzieren wie 'richtig-falsch', 'gut-schlecht', 'schön-hässlich' und keine Abstufungen zulassen. Mit dieser Reduktion der möglichen Einordnung von Wahrgenommenem auf zwei Gegenpole haben wir bereits den 'Fundi in uns' genährt und den ersten Schritt in Richtung Fundamentalismus gemacht, der keine Differenzierung zulässt. Der zweite Schritt besteht darin, diejenigen, die bei den zwei Möglichkeiten, die wir überhaupt noch zulassen, nicht dieselbe wählen wie wir, minimal als zu Bekehrende, maximal als zu Vernichtende einzustufen. Dann brauchen wir nur noch die Machtinstrumente, um unsere Überzeugung umzusetzen. Viele 'Fundis' töten die anders Wahrnehmenden im Innern - und im Aussen nur nicht, weil sie weder die Macht noch die Möglichkeit sehen, es zu tun, weil sie an ihren Erfolgs-Chancen zweifeln oder zu feige sind dazu. Aber Mord beginnt im Innern. Und solange es noch ein einziges Wesen gibt, das für irgendeine Wahrnehmungsinterpretation einen absoluten Wahrheitsanspruch zu haben glaubt, solange wird weiter gemordet, im Innen und Aussen.

 

W22/ 'Über - Zeugen'

Sei Zeuge deiner Welt und deiner selbst. Und pass höllisch auf, dass sich dir kein 'Über' überstülpt und dich zum 'Überzeugten' macht. Und wenn es trotzdem geschieht, behalte deine 'Überzeugungen' für dich. 'Überschwemme' die Welt nicht damit. 'Über' assoziiert grundsätzlich ein ungutes 'Zuviel'. 'Über-zeugen' kann man deuten als 'zu viel zeugen', ein 'Übermass' zeugen, erzeugen, bezeugen. Und das 'Übermass' lässt sich quantitativ UND qualitativ verstehen. Also schau, dass du das 'über' loswirst. Belass es beim 'Zeugen', als Verb und als Substantiv. Und vergiss nie, dass sowohl das Zeugen von Nachwuchs wie das, was du als Zeuge in deiner Welt wahrnimmst, indivduelle, nur zwischen dir und allfälligen Mit-Zeugenden bzw. Mit-Zeugen ablaufende und auch dann noch blickwinkel- und standpunktabhängige, nur von und mit deinem Gencode entschlüsselbare An- und Einsichten, Durchdringungen, Erzeugungen sind, die du nicht einmal dem, der es will, 'über-stülpen' solltest. Es ist 'über-flüssig'. Und flüssig reicht. Lass die Dinge im Fluss.

 

W21/ Sokrates lässt grüssen...

Wüssten wir stets, dass wir alles nur glauben, wäre Frieden auf Erden. Aber da wir immer wieder glauben, wir wüssten irgend etwas ganz sicher, unzweifelhaft, absolut, unhinterfragbar und für alle gültig, säen wir Fundamentalismus und Krieg. Ad infinitum? – Ausser, wir würden ganz im Kleinen, hmm, für uns eigentlich im Grossen, bei uns selbst anfangen?

 

W14/Die Leere unter den Masken

An ihr war alles gemacht, gespielt, vorgetäuscht – ihre Unechtheit war so echt, dass sie selbst nicht mehr wusste, wer oder was sie eigentlich war. Nur sie ahnte, dass nach dem Entfernen aller Masken gar kein Gesicht, kein Wesen, keine Identität zum Vorschein kommen konnte – da es all dies gar nicht gab. So wurde sie zwangsläufig zu ihren Masken, Rollen, eine Fleisch gewordene Lüge. Manch einer schaute verstohlen um sich auf der Suche nach dem, der die Fernbedienung für dieses - für einen Nichtmenschen recht kunstvoll gefälschte - Wesen in der Hand hielt. Wer Gelegenheit hatte, sie zu berühren, staunte darüber, dass es sich wie echtes, von warmem Blut durchtränktes Fleisch anfühlte. Als sie starb, versammelte sich ein kleines Häuflein von Ratlosen kopfschüttelnd um den Sarg, der die schaufensterpuppenartigen Reste dieses Vexierbildes notdürftig zusammen hielt. Nur die Getäuschten, Enttäuschten, Betrogenen, Vorgeführten, Geprellten gaben vages Zeugnis davon ab, dass sie - in welcher Form auch immer - einst existiert hatte.

 

2015

W50/Shakespeare

Am besten klappt es mit den Menschen, wenn du sie nicht ernst nimmst, sondern mit Shakespeare liebevoll verlachst, dich eingeschlossen:
"But man proud man
dressed in a little brief authority
most ignorant of what he's most assured
his glassy essence like an angry ape
plays such phantastic tricks before high heaven
as make the angels weep who, with our spleens
would all themselves laugh mortal."

Shakespeare kann man eigentlich nicht übersetzen. Er ist zu gut, zu knapp, zu vieldeutig. Aber man kann ihn zumindest zu übertragen versuchen:
Doch der Mensch, der eitle Mensch
gehüllt in seine winzig-kurze Macht
verkennt, was in die Augen springt:
sein Spiegel-Wesen. Und wie ein böser Affe
spielt er so hohle Tricks vor hohem Himmel,
dass Engel weinen, die - mit unsrem Zwerchfell -

sich sterblich lachen würden"

 

W49/ Werte?

"Werte?" - "Ja!", schreien alle, "wir sind eine Wertegemeinschaft, Zivilisation, Kultur fussen auf Wertevermittlung. Werte machen uns erst zu wahren Menschen", und so weiter. - "Leiden? - "Nein! Niemand soll leiden. Genau DAS ist ein hoher Wert unserer Kultur, dass niemand leiden soll", und so weiter. Und wehe dem Denkerlein, das es wagt, einen Zusammenhang zu behaupten zwischen beiden. Denn, so führt es an, Werte führen doch zwingend zu Leiden? Immer dann, wenn ihnen nicht nachgelebt, wenn sie mit Füssen getreten, unerkannt, unberücksichtig bleiben, leidet der, um dessen Werte es sich handelt. Das würde doch bedeuten, dass der, dem es gelingt, sich von jeglicher Bewertung der Welt und damit auch von Werten freizumachen, nicht mehr leidet , auch wenn ihm das Gleiche widerfährt wie dem, der ein Wertsystem hat, bei dem Leiden ganz unten, bei den 'Tiefwerten', dem zu Vermeidenden ist. Er 'erleidet' vielleicht dasselbe, aber es ist für ihn nicht dasselbe emotionale Erlebnis, da er es nicht negativ bewertet, weil ihm Freud und Leid gleiche Gültigkeit haben. - Eine hohe Stufe der Entwicklung, das sei zugegeben. Aber vielleicht sollten wir daran denken, wenn wir das nächste Mal bei Werten "Jaaa!" und bei Leiden "Nein!" brüllen.

 

W44/15 Helfersyndrom

Hilfsbereitschaft wird dann zum pathologischen Syndrom, wenn der Hilfswillige den Mangel sucht, den Gesunden krank will, krank schlägt, ihm sein Kranksein suggeriert oder zumindest solange an seiner Wahrnehmung schraubt, bis er lauter Patienten um sich wähnt, an denen er seine Leidenschaft ausleben kann.

 

W43/15 Die bösen A...s da draussen!

Wenn du dich von irgendeiner Wahrnehmung beleidigt, diskriminiert, innerlich verletzt fühlst, könnte es natürlich sein, dass da draussen in der Welt ein Arschloch ist, das verantwortlich ist für diese deine Wahrnehmung. Es könnte aber - hmm, rein theoretisch natürlich - auch sein, dass besagtes Arschloch viel näher ist, als du denkst, dass du es - hmm, rein physikalisch natürlich - nicht siehst, weil es - so blöd nahe und sozusagen unzugänglich an dir dran ist und du es höchstens mit einem Spiegel... aber wer macht schon sowas, wenn man es ja so leicht, ohne Verrenkungen und Hilfsmittel draussen, in der Welt, erkennt und es sogar benennen, beschimpfen, anklagen, ja ihm vielleicht mithilfe eines Anti-Diskriminierungs-, Anti-verbale-Gewalt-, oder schlicht Anti-mir-Arschloch-sag-Gesetzes verbieten kann, mich weiter zu beleidigen, hä? - Das Dumme ist nur, auch wenn alle Arschlöcher da draussen in der Welt in die Schranken gewiesen, ja mundtot oder noch besser ganz tot gemacht sind, regt sich da hinten unten immer noch was, dessen Scheiss uns beleidigt, diskriminiert, innerlich verletzt, indem es uns als Scheisser, als Arschlochträger hinstellt und uns irgendwann, vielleicht erst nach Lichtjahren, also langen Jahren, die wir brauchen, um zum Licht, zur Erleuchtung vorzustossen, dass das Arschloch immer schon, leiderleider, zu uns gehörte, ja schlimmer noch, dass wir es sozusagen, unangenehm zu sagen, selbst sind, selbst waren, selbst sein werden. Scheisse, oder nicht?

 

W27/15 Cloooolness

Das Klischee der Coolness der Männer entstand nicht einfach so. Die oft als Teilnahmslosigkeit oder Verstocktheit missverstandene Coolness entstand im Mann, der abenteuerliche, spannende, faszinierende Dinge tat, erlebte, entdeckte, erkannte – und dann auf die Frau traf, eingehüllt in ihren Kokon der eigenen Befindlichkeiten. – Umgekehrt entstand auch das Klischee der unendlichen Mitteilsamkeit der Frauen nicht einfach so. Die oft als Geschwätzigkeit missverstandene wasserfall- oder lawinenartige Kadenz von Myriaden von Silben pro Zeiteinheit entwickelte sich in der Frau, in der jede Wahrnehmung ein hoch differenziertes Gefühl, eine komplexe Befindlichkeit auslöste – und die dann allen, die es hören wollten, aber auch und insbesondere allen, die es nicht hören wollten, davon detailreich Bericht gab, gibt und geben wird für immerdar, was hinwiederum die Coolness der Männer zu einer überlebensnotwendigen Eigenschaft machte, welche hinwiederum die Mitteilsamkeit der Frauen nicht bremste, sondern ungezügelt ins Uferlose galoppieren liess, lässt und lassen wird. Ein Teufelskreis, der - laut Weisheitslehren aus dem südwestlichsten Nordosten - am besten mit Vögeln unterbrochen wird.

 

W26/15 Tipp für Frauen

Wollt ihr Männer nachhaltig loswerden, beginnt eure Sätze mit "Es tut mir weh, wenn..." Was in dem Konditionalsatz dann inhaltlich kommt, ist völlig nebensächlich. Die meisten Männer hören diesen Teil des Satzes gar nicht mehr, sei das, weil die Kotzgeräusche eure liebliche Stimme übertönen, sei es, weil die beachtliche Distanz, die sie bis zur Beendigung eures Satzes zurückgelegt haben, sie bereits ausser Hörweite gebracht hat.

 

W25/15 Tipp für Männer

Redet nur mit Männern über eure Abenteuer, auch wenn es sich aus eurer Sicht um 'harmlose' handelt aus der Welt des Sports, der Arbeit, der schnellen Maschinen, der Wissenschaft oder was weiss ich. Die Frauen interessieren sich nur für euren Erfolg, nicht für die Abenteuer, die zum Erfolg führten.

 

W24/15 Aus-Gelacht!

Lachen wird verboten! Na endlich! Denn Lachen ist IMMER unkorrekt. Wer lacht, ist entweder ein Rassist, ein Sexist, ein Antisemit, ein Fascho, aber ganz gewiss eine intolerante Sau, die irgendwelche andern Wesen - wie z.B. hier die Sau - diskriminiert, marginalisiert, der Lächerlichkeit preisgibt - ja, wieso würde er sonst lachen, hä? Auch wenn du über dich selbst lachst, ist das eine abstossende Tat: du diskriminierst dich selbst - und damit natürlich alle andern, die wie du zur Gattung Homo sapiens gehören. Und du diskriminierst zusätzlich zur ganzen Menschheit speziell noch alle Männer, falls du ein Mann bist, alle Schweizer, falls du ein Schweizer bist, alle Zürcher, falls du ein Zürcher bist, alle Schreibenden, falls du ein Schreibender bist, alle Tierliebenden, falls du ein Tierliebender bist, alle Heteros, falls du ein Hetero bist, ganz besonders aber alle Schwulen, völlig unabhängig davon, ob du einer bist, denn wenn du keiner bist, ist allein das schon diskriminierend für die, die es sind, sie fühlen sich nicht gemeint durch dein Lachen über dich selbst und das ist schlimmer, als wenn sie sich auch gemeint fühlten und dann wenigstens mit allen andern zusammen diskriminiert wären und damit bist du auch schuld an allem Ungemach, das sie als Diskriminierte erleiden bis zu Mord, Totschlag, Absturz in die Sucht und Suizid - tja das gibt dann insgesamt deutlich mehr Diskriminierte als es zurzeit überhaupt Menschen gibt auf dem Planeten, denn du diskriminierst ja auch auf der Zeitachse rück- und vorwärts mit dir selbst alle, die je Mann, Schweizer, Zürcher, Schreibende, Tierliebende, Hetero, Homo, waren und sein werden! Ich hoffe, dir ist das Lachen über was oder wen auch immer vergangen angesichts dieser gigantischen Schuld, die du dir mit einem einzigen unüberlegten Kichern auf deine Schultern geladen hast, du intolerante - hmm Sau kann ich jetzt ja auch nicht mehr sagen, shit. Nein 'shit' geht auch nicht, sonst fühlen sich alle Stinklis, Flädelis und Böllelis der Welt womöglich diskriminiert, undenkbar, wo es doch so viele davon gibt.

 

W23/15 Zeitgenossen I: Granita

Ihr Lebenselixier war die Katastrophe, der Ausnahmezustand, der Schicksalsschlag, die Krankheit, der Unfall – das negativ Spektakuläre, Tragische. Leben hiess Überleben im Chaos, immer hart am Rande des Abgrunds. Kein Tag verging ohne Drama, ohne irgendetwas, das locker zu einem bedeutungsschwangeren Ereignis hochstilisiert werden konnte. Ihr Gesichtsausdruck war meist von pathetischem Ernst, nur ab und zu von einem selten ganz echt wirkenden, zähnebleckenden Lächeln unterbrochen. Bevor sie den Mund öffnete war allen bereits klar, dass nun wieder etwas ganz Schreckliches kam. Aber da sie allen Widerwärtigkeiten zum Trotz immer noch am Leben war, nahmen routiniertere Zeitgenossen aus ihrem Umfeld das Ganze nicht mehr so ernst. Bestimmt hatte sie auch die aktuellste Katastrophe wieder gemeistert. Dank ihrer unsäglichen Zähigkeit, ihrer überragenden praktischen Intelligenz und ihren ans Überirdische grenzenden spirituell-intuitiv-emotionalen Fähigkeiten. Doch dafür wollte sie Bestätigung. Und je weniger ernst ihre täglichen Katastrophenmeldungen von ihrem Umfeld genommen wurden, desto mehr übertrieb sie in der Aufplusterung dessen, was andere als 'courant normal' erlebten. Und je mehr sie übertrieb, desto weniger ernst wurde sie genommen – ein Teufelskreis. Auch für wohlmeinende Involvierte wurde es immer schwieriger, die nüchterne Bedeutung eines Ereignisses heraus zu destillieren, wenn sie dauernd mit unzähligen hochgradig spektakulär dramatischen Berichten konfrontiert wurden. So lebte sie in ihrer furiosen Welt immer isolierter und kaum jemand bemerkte, wie sie sich darin so festsog, dass sie den Kontakt zur aus ihrer Sicht banal-langweilig-grauen Alltagswelt ihres Umfelds mehr und mehr verlor, bis sie ihn schliesslich ganz kappte. Doch sie blieb erzählfreudig und berichtete dem Personal der geschlossenen Abteilung täglich ausführlich von den wahnsinnigen Herausforderungen, die sie gerade wieder bewältigt hatte.

 

W22/15 Sportlich religiös

Ich finde es - unanständiger- und politisch unkorrekterweise - höchst vergnüglich, dass es über 300 Jahre nach dem, was sich vollmundig 'Aufklärung' nannte, auch heute noch nicht nur die aus Fanatismus begangenen, zugegebenermassen weniger lustigen Kehle-Durchsäblereien im Namen des Bartes des Propheten gibt, sondern auch das gezielte Sterben religiös gesteuerter Zeitgenossen, die bei 45 Grad am Schatten nichts trinken, weil gerade Ramadan angesagt ist. Auch die in Helvetien verbreitete Sekte der Zeugen Jehovas, deren Insassen sich kein fremdes Blut in ihre heiligen Äderchen spritzen lassen und dann halt - Jehova sei's geklagt - am Unfallort verbluten, ist eigentlich recht spassig und angesichts der Überbevölkerung sympathisch. Nun warte ich auf den ersten veganen Trendsetter, der mangels Tofu in der Wildnis den Heldentod stirbt. Mein Applaus ist ihm gewiss.

 

W21/15 Dialog

Echter Dialog entsteht nur dort, wo wir uns eingestehen, nicht im alleinigen Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Weisheit kann sich aus dem echten Dialog ergeben, wenn die Beteiligten zu ahnen beginnen, dass gar niemand über die Deutungshoheit darüber verfügt, was 'absolute Wahrheit' sein soll. Seit Sokrates ist dies allerdings kaum jemandem gelungen.

 

W20/15 Umlaut

Wir üben laut den Umlaut 'ei' - und schnappen uns eieiei! dabei gleichzeitig ein philosophisches Amuse-Bouche:
Das Nein zum Sein, wie es zu sein scheint, bleibt mein einzig kleinfeiner Schein als vermeintlich einmalig bezweibeintes Schwein

 

W19/15 Nie mehr allein...

Die Überhöhung eines Kollektivs ist genau so dumm wie die Überhöhung einer Einzelperson - denn plötzlich gibt es das Kollektiv nicht mehr: die Familie ausgestorben, die Sippe in alle Winde verstreut, Partei, Verein aufgelöst, das Quartier umgenutzt, das Unternehmen von einem andern gefressen, die Heimat aufgeteilt, verscherbelt, die Religion mangels Anhänger untergegangen oder von einer andern verboten, ausgelöscht, die Ethnie ausradiert, versoffen. - Doch der Markt funktioniert auch hier: solange es eine Nachfrage nach diesen Projektionsflächen für Deppen gibt, werden findige Köpfe immerdar ein Angebot bereitstellen und das alte, spassige Spiel der Macht spielen, das den Menschen vom Tier und der Pflanze unterscheidet: "Du zahlst dafür, dass ich dich an der Nase herumführe."

 

W18/15 Political Correctness

Hinter der 'political correctness' steckt ein kapitaler Denkfehler, nämlich die Furzidee, man könne die Befindlichkeit eines sich von irgendwas auf der grossen Welt betroffen Fühlenden als Grundlage für Regeln und Gesetze nehmen. Die an sich schon beeindruckende Hirnleistung wird aber noch getoppt durch all die herrlich aufgeblasenen Möchtegernmuttertheresas, die nicht etwa nach Regeln schreien zum Schutz ihrer eigenen neurotischen Psyche, sondern weil sie annehmen, dass sich irgendjemand im Universum dereinst vielleicht durch irgendetwas betroffen fühlen könnte. Da werden von fleissigen Schmallippen Millionen alter Texte durchforstet mit der Sprachmachete, wird getilgt, gelöscht, durch farblos-schwammige Worthülsen ersetzt, damit sich kein Dreikäsehoch mehr von so grauslichen Bibel-Vokabeln wie 'Weib' oder genau so 'schwarz' bedeutenden Wörtern wie 'Neger' traumatisiert fühlen muss. Das Süsse daran ist ja, dass diese gottähnlichen Wesen Jahrhunderte im Voraus wissen, was dereinst Bubis und Meitlis für Gefühle beim Wahrnehmen von Sprache entwickeln werden. Eigentlich recht mutig, oder nicht?
Nur auf mich nimmt niemand Rücksicht, der ich Ärmster doch von akutem Brechreiz bedroht bin, wenn ich mir anhören muss, was aus den Lefzen solcher meist auch noch durch die überwältigende Abwesenheit von Sex-Appeal, Charme und Witz ausgezeichneter und deshalb auch schwerlich einem 'Geschlecht' zuordenbaren Entitäten trieft. Ich fühle mich zutiefst betroffen, beleidigt, ja schwerstens verwirrt und im Hader mit dem Allmächtigen angesichts der bislang nicht wegretouchierbaren Tatsache, dass es diese Wesen überhaupt gibt und verlange Abhilfe, wobei es mir noch egal wäre, wenn diese Hilfe politically badly uncorrect sein tätete. - Dabei, ich weiss es ja, können sie doch nix für.
Zum Trost: Sogar der grosse Superguru Jesus schaffte die Grandezza-Geste mit den Urbi-et-orbi-Worten laut Lukas 23, 34 auch erst als allerletzten Kommunikationsakt: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun."
Und wie der Kasperli frage ich jetzt: "Seid ihr alle beleidigt? Oder habe ich irgendjemanden vergessen, zum Beispiel den Räuber Grüselbart und die Hexe Fetzenhaar, Schande-über-Schande?"

 

W17/15 Lob des Fortschritts

Früher, im finsteren Mittelalter, haben die Menschen gearbeitet, bis es nicht mehr ging. Dann legten sie sich hin und starben zufrieden im Bewusstsein, bis zum Schluss nützliche Mitglieder ihres Umfelds gewesen zu sein. Genau so rückständig ist es immer noch bei den freilebenden Tieren. - Heute hingegen, fortschrittlicher Medizin und fortschrittlichem Sozialstaat sei Dank, schleichen Myriaden nutzloser, frühpensionierter, frustierter, halb bis ganz dementer, mehrfach bypassbestückter Glubscher durch die Gegend und schauen, ob sie irgendeinen Werktätigen bei irgendeiner Behörde verpetzen können, was ihnen, falls es gelingt - und bei der Regeldichte in unseren linken Staaten gelingt es meistens - den schlappen Kleinen in der Hose wenigstens für den Bruchteil einer Sekunde leicht anhebt. Sie fühlen sich dann zwar nicht nützlich, aber wenigstens schädlich und damit noch nicht tot, was sie tatsächlich noch nicht sind. Leider.

 

W16/15 Plapperfreier Sonntag

In den - selbstverständlich aus der Fernsicht 'goldenen' - frühen Seventies des letzten Jahrhunderts gab's mal einen autofreien Sonntag in Helvetien: Gott war das schön und lustig! Heute wünschte ich mir einen quasselfreien Sonntag. Stellt euch vor, auch Tante Frieda und all die Millionen anderen mit Logorrhoe geschlagenen DauertratscherInnen müssten 24 Stunden lang die Klappe halten! Die Glotze wäre so lange ohne Ton und die Radios dürften nur Musik ohne Worte oder noch besser gar nix senden. Man würde die Vögel wieder singen und nachts die Sterne gleiten hören! - Gut, vielleicht gäb's ein paar Moderatörlein, Profilaferis und Tante Friedas, die sich schwerst traumatisiert in die ewigen Jagdgründe wegpusteten, aber - Hand aufs Herz - wär' das wirklich soooo tragisch?

 

W15/15 Gleichstellungsemanzhärminen

Wenn einbusig-hodig halbbartschwanzclitorale Zwitterlinge es reihum alle in gleicher Stellung mit sich selbst tun - selbstverständlich nachdem sie sich schriftlich ihres eigenen Einverständnisses versichert haben - dann könnte für einen kurzen Augenblick der Hauch eines Lächelns über das kampfversehrt eingetrocknete Krötengesicht der Gleichstellungsemanzhärmine huschen, um augenblicklich wieder zu verlöschen angespürs der aufkommenden Panik im Hinblick auf die düstere Zukunft - denn was sollen sie DANN noch tun?

 

W14/15 Reger Verkehr gewünscht!

Wenn ein verkorkst-bebrillt-schmallippig-manikürtes Schluck-Tee-Wesen versucht, ein Lächeln über die Theke zu senden, das so bar jeden Hauchs von Sinnlichkeit ist, dass du Lust kriegst, über das trennende Gemäuer zu kucken, um zu sehen, ob das Wesen überhaupt unterhalb des vergoldeten Gurts über eine körperliche Fortsetzung verfüge, und wenn dann dieses aseptische Gespinst sich strahlend - naja, soweit ihm dies möglich ist - zum Geständnis hinreissen lässt, dass es sich "auf einen regen Verkehr freue", dann sei getrost: es meint den Zahlungsverkehr...

 

W13/15 Religion als Chance

Die zentrale Leistung einer Religion ist meines Erachtens die Promovierung des Verantwortungsgefühls einem wie auch immer vorgestellten 'grösseren Ganzen' gegenüber. Je universaler, grenzenloser, umfassender dieses 'grössere Ganze', desto weniger Platz bleibt für Grenzziehung und Ablehnung. Aber alles Grosse überfordert die Kleinkrämer-Seele des Menschen. Das wohlig selbstgerechte Gefühl, auf der 'richtigen' Seite zu stehen, ergibt sich eben erst, wenn auch Wesen auszumachen sind, die auf irgendeiner andern - und damit falschen - Seite stehen und die man selbstverständlich bekämpfen muss. Mit dem Nein und der Kampfansage ans Du wird das Ich für das Kleinkind erst spürbar. Der Prozess ist durchaus natürlich - nur wäre es schön, wenn man nicht ein Leben lang in der Kleinkindphase stecken bliebe. Und das 'Leben' einer institutionalisierten Glaubensgemeinschaft kann gut und gerne ein paar tausend Jährchen dauern, wie unsere sich aktuell gerade wieder mal den Kopf einschlagenden monotheistischen Religionen zeigen.

 

W12/15 Mächtig statt 'möchtig'

Tipp für die Frauen: Freut euch, wenn alle nicht-schwulen Männer euch signalisieren, dass sie euch vögeln möchten, auch wenn sie das vielleicht etwas plump oder ordinär zum Ausdruck bringen. Echt besorgt könnt ihr dann sein, wenn alle betont anständig werden und ihr den Männern anseht, dass keiner - auch kein besoffener serbischer Kanonier - auch nur im Traum daran denkt... Doch verzaget nicht! Ihr könnt immer noch, Talent, Köpfchen, Biss und Kohle vorausgesetzt, mächtige Unternehmerinnen werden - und wenn nix von alledem auszumachen ist, reicht es alleweil noch für die Politik! Schaut euch Schlitter-Wumpf an, das weibliche Pendant zu Torfick Plackofroh. Beide haben etwas aus ihrer Hässlichkeit gemacht, anstatt als depressive Sozialfälle vor sich hin zu jammern, dass niemand sie vögeln will. Wobei Plackofroh eben noch in reichem Masse über die erwähnten Ingredienzien fürs Unternehmertum verfügt. Bei der andern reichte der Wille zum Verrat - eine altbewährte Masche im schönen Polit-Geschäft.

 

W11/15 Die echte Falsche

Das faszinierend Echte an ihr war ihre Falschheit. Sie hatte Täuschung, Heuchelei, Lug, Betrug, all das 'faire semblant que' derart verinnerlicht, dass es ihr zuerst zur zweiten, dann zur ersten Natur geworden war und sie gar nicht mehr wusste, was hinter all ihrer Verstellung ursprünglich einmal echt gewesen war. Die schleimige Masse hatte ihren Wesenskern zuerst umhüllt, dann erstickt. Hätte jemand versucht, ihr all die Masken auszuziehen, wäre immer wieder eine weitere Maske zum Vorschein gekommen - und darunter kein Gesicht. Ihre Falschheit bedeckte nichts mehr. Sie verstellte sich nicht. Sie war zutiefst das geworden, was sie ursprünglich gespielt hatte. Ihre Falschheit war echt.

 

W10/15 Sancta Simplicitas

Die einfachste Art, sich als Dummkopf zu outen, ist der Schrei nach Einfachheit: nach einfachen Sätzen, einfachen Rezepten, einfachen Erkenntnissen, einfachen Handlungsanweisungen und einem einfachen Weltbild. 'Einfachheit' war früher ein leicht zu decodierender Euphemismus für die Abwesenheit von Intelligenz und Bildung. Das Antonym war nicht 'kompliziert', sondern 'komplex', 'differenziert'. In einer nivellierten Gleichheitsgesellschaft, in der sich alle am Niveau des Einfachsten, sprich des Dümmsten auszurichten haben, wird Einfachheit zum unverzichtbaren Mantra.

Ich träume trotzdem weiter von einem kleinen Kreis von Menschen, die den Mangel bei sich suchen, wenn sie etwas nicht verstehen; und die dann entweder alles daran setzen, den Mangel bei sich zu beheben oder wenigstens ihre Klappe halten. Natürlich kann der wahre Intellektuelle seine An- und Einsichten auch in eine Sprachform giessen, die dem Einfachen zugänglich ist. Aber er ist sich dabei voll bewusst, wie viel vom Inhalt er bei der Simplifizierung opfert. Und dass er den Botschaftsempfänger auch beleidigt mit der Einfachheit der Aussagen. Testen Sie es aus: Sobald Sie zu binären Bildern greifen - schwarz-weiss, Mann-Frau, Tag-Nacht - , wenn Sie etwas erklären, halten Sie, falls Sie ehrlich sind, das Gegenüber mit grosser Wahrscheinlichkeit für hochgradig stümperhaft, dumm oder schlicht für ein Kleinkind. Umgekehrt ist es kaum anders: Wer Ihnen Gegenüber die Reduktion der Vielfalt auf binäre Metaphern betreibt, hält vielleicht auch nicht allzu viel von Ihrer Bildung und Ihren intellektuellen Fähigkeiten. Finden Sie raus, ob zu Recht :-)

 

W9/15 Begleitetes Wohnen für Fanatiker

Gefährlich sind nicht die, deren fanatisch-leidenschaftliches Einstehen für irgendetwas nur vorgespielt ist. Von dieser Sorte ganz gewöhnlicher Heuchler und Lügner wimmelt es und sie sind leicht zu enttarnen, da sie dann, wenn es wirklich todernst werden sollte mit dem Einstehen für ihre Überzeugungen, abwinken und den Finkenstrich nehmen. Sie mögen Feiglinge sein, aber sie sind nicht so dumm, dass sie selbst an die absolute Wahrheit der von ihnen vertretenen Position glauben würden. Brandgefährlich sind m.E. hingegen die Volldeppen, die wirklich an die absolute, also für alle andern genau so wie für sie selbst unhinterfragbare Richtigkeit, Gültigkeit und Wahrheit der von ihnen vertretenen Position glauben. - 'Begleitetes Wohnen', wenn nötig auf einer fernen, einsamen Insel, ist das mindeste, was ich an Therapie vorschlagen würde. Leider macht unsere Gesellschaft aber immer noch grosse Unterschiede unter diesen Volldeppen, die ich 'Fundis' nenne. Je nachdem, wofür sie fanatisch einstehen, werden sie mit Samthandschuhen angefasst. Fundis sind aber m.E. immer therapiebedürftige Arschlöcher, vor denen die Gesellschaft geschützt werden sollte, ob sie nun für X oder für Y morden. Der Christenjäger und nachher Oberlaferi-Apostel war als Saulus wie als Paulus ein fanatischer Idiot. Er hat nur die Seiten gewechselt. Kreuzzügler waren genau so fanatische Trottel wie später die Nazis und heute die IS-Fritzen - zumindest diejenigen, die den ganzen Quatsch glaubten. Wer nur mitmacht, weil Töterlen Spass macht, mag zwar auch ein Idiot sein, der aus dem Verkehr gezogen werden muss, aber er hat nicht das Gefährlichkeitspotenzial des Fanatikers.

Fazit: liebe Eltern und Erzieher, falls ihr selbst nicht zu den oben beschriebenen fanatischen Volldeppen gehört, schaut doch, dass ihr einen Beitrag leisten könnt, dass die euch anvertrauten Kids zu kritischen, nie blind gehorsamen, sich der Relativität ihrer An-Sichten, ihrer Wahrnehmungsinterpretationen bewussten eigenverantwortlichen Persönlichkeiten heranreifen. Das wäre m.E. wichtiger, als dass sie die Gleichungen mit sieben Unbekannten lösen können. Denn die Welt des andern IST eine Ungleichung mit unendlich vielen Unbekannten. Wir können diese Welten besuchen - absolute Aussagen, seien sie nun wissenschaftlicher, religiöser oder ideologischer Provenienz, können wir nicht einmal über unsere eigene Welt machen. Und kommt mir jetzt nicht mit dem Schönwetterwort der Vermittlung von 'Werten'. Auch die Werte sind nichts anderes, als relative Ein- und Ansichten. Ihr könnt eure Werte vorleben und über Werte mit euren Kids diskutieren. Aber verkauft ihnen keine Werte als absolut richtig. Auch nicht den, den ich euch hier verklickere, dass es keine absolut richtigen Werte gebe, weil unser Bewusstsein keinen Zugang zum Absoluten habe. Auch dies darf und soll von kritischen Geistern hinterfragt werden. Denn vielleicht gibt es ja einen Zugang, der einem 'Erleuchteten', 'Erwachten' mit universell erweitertem Bewusstsein offen steht?

 

W8/15 Die Fundi-Population

These: Je stärker und akuter eine Region, eine Gesellschaft von monotheistischen Religionen, politischen Ideologien oder blinder Wissenschaftsgläubigkeit infiziert ist, desto höher die Fundi-Quote.
Argumente:
- In solchen Klimata domestizierte Menschen fühlen sich meist 'auserwählt', erhoben über den Rest nicht nur der Menschheit, sondern über alles, was sie wahrnehmen.
- Diese illusionäre Suprematie leistet dem Fehlschluss Voschub, nur der Wahrnehmende ('Über-)Mensch sei Subjekt, alles Wahrgenommene Objekt.
- Dieses Weltbild verführt zur Instrumentalisierung der wahrgenommenen 'Umwelt'. Zu schützen ist sie bestenfalls, um sie längerfristig benutzbar, plünderbar zu erhalten.
- Typisch für diese Haltung ist das Ressourcen-Denken, das nicht bei der 'Umwelt' im Sinne von Flora, Fauna, Landschaft, Gewässern und Luft haltmacht, wie der weltweit trendige Begriff der 'Human Resources' für den Personalbereich von Unternehmen zeigt.
- Von der Überheblichkeit des sich als 'Krone der Schöpfung' verstehenden Menschen, der sich als Teil des 'auserwählten Volkes' versteht, der den biblischen Auftrag, sich die Erde untertan zu machen oder die Aufforderung des Korans, die Ungläubigen zu bekehren oder zu vernichten, ernst nimmt, ist es ein kleiner Schritt zum Fundamentalisten, der nicht nur meint, es gebe für das menschliche Bewusstsein Zugang zu absoluter Wahrheit, sondern darüber hinaus im Wahn befangen ist, just er habe diesen Zugang gefunden.
- Monotheistische Religionen, politische Ideologien und/oder Wissenschaftsgläubigkeit unterstützen diesen Wahn, da der davon Befallene sich in reicher Gesellschaft wähnt.

 

W7/15 Sich auf die Schliche kommen

Den Zugang zum Menschen finden - über sein Tier, seine Liebe zum Tier. Wo sie fehlt, schwindet meine Motivation, ihn zu suchen. Den Zugang. Den Menschen. Genau so ergeht es mir mit Orten, Landschaften, Städten. Sie werden für mich erst ansehens- und lebenswert, wenn sie von Tieren bevölkert sind. Je weniger Tiere, desto öder ein Haus, ein Dorf, ein Wald, ein Feld, eine Stadt. Mein Traum von der idealen Besiedelung unseres Planeten: auf einem Quadratkilometer leben 100 Grosstiere - und höchstens zwei Menschen.

 

W6/15 Gleichberechtigung

Auf dem Weg zur zweiten Sitzung kurz vor neun Uhr begegnete er zwei in angeregtes Gespräch vertieften Damen. Auf dem Weg zum Mittagessen fand er dieselben Damen selbenorts bei derselben Tätigkeit und staunte über deren Stehvermögen - eine Ausdauerleistung, die selbst waghalsigste Potenzsteigerungsmittelproduzenten den Männern nicht zu versprechen wagen. O Schöpfer, wo bleibt die Gleichberechtigung?

 

W5/15 Die relative Gültigkeit des Mehrheitswillens

Aus philosophischer Sicht ist das Problematische an der Demokratie, dass sie die Fehleinschätzung befördert, die Wahrnehmung einer Mehrheit auf irgendetwas sei die 'einzig richtige' oder gar 'absolut wahre'. Dabei handelt es sich nur um eine Spielregel, die dem Mehrheitswillen relative Gültigkeit gibt, nämlich genau so lang, bis sich die Verhältnisse geändert haben und eine neue Mehrheit einer neuen Wahrnehmung zu neuer, ebenfalls relativer Gültigkeit verhilft - und so fort.

W4/15 Abschied von der Demokratie

Ziel des Sozialstaats ist der jeder Eigenverantwortung enthobene, total betreute unmündige Insasse. Voraussetzung für die Demokratie ist der vollumfänglich eigenverantwortliche, autarke und mündige Bürger. It does not fit together. Ein Grund, warum die Demokratie fast nirgends mehr funktioniert und 'Liberale', so es sie noch irgenwo gibt, belächelt und beerdigt werden.

 

W3/15 Beleidigtsein ist freiwillig - Erschossensein nicht.

Dies ins Poesiealbum all der schleimigen Schlappschwänze, die Verständnis heucheln für die Charlie-Mörder und seitenweise darüber sinnieren, ob die Meinungsfreiheit nicht doch beschränkt sei. - Nein. Sie ist es nicht. Auch wenn die Art der Äusserung der Meinung in vielen 'westlichen Demokratien', die sich mit Meinungsäusserungsfreiheit brüsten, gesetzlich und durch Höflichkeitsusanzen aus purer Feigheit und mit der Ausrede der Konfliktminimierung beschränkt ist: MEINEN darf jeder alles, auch und gerade Dinge, die die meisten andern hirnrissig, dumm, falsch, verletzend, ordinär finden. Erst wenn der Meinung Taten folgen, die die körperliche Unversehrtheit anderer nachweislich und unentziehbar beeinträchtigen, ist der Rechtsstaat befugt, der Meinungsfreiheit Grenzen zu setzen.
Nachweislich
sind aber nur physische Beeinträchtigungen, psychische wie 'Beleidigtsein' sind nicht nachweisbar und vor allem kann man sich diesen Beeinträchtigungen entziehen. Kein Mensch muss Satire-Zeitschriften lesen! Und wenn jemand den Holocaust leugnet - so what? Das muss mich so wenig beeinträchtigen wie ein amerikanischer Präsident, der an den Schöpfungsbericht der Bibel oder ein Starphysiker, der an den Urknall glaubt. So lange die mich alle drei nicht erschiessen, nur weil ich selbst dreimal grinse und 'Blödsinn' gröle, beeinträchtigen sie doch mein Leben nicht? Wir sollten die kollektiven Grenzsetzungsaktivitäten wieder vermehrt auf das Nachweisbare beschränken - und das psychologische Gefasel mit all den vorgespielten Gefühlen dem Individualverkehr überlassen.

 

W2/15 Befreite Sinnlichkeit?

Andere Wesen nach unserer Pfeife tanzen zu lassen, ohne dass sie eine Wahl haben, nicht oder anders zu tanzen, ist die wohl verbreitetste Motivation des Menschen, überhaupt irgendetwas zu tun, was über den Empfang von Sozialhilfe hinausgeht. Vielen ist diese geile Lust am Machtmissbrauch Ersatz für Erotik, die sie nicht leben können oder die sie sich nicht zu leben trauen. Als Beamte, mit politischer Macht Betraute, als Vereins- und Verbandsfunktionäre, als Unternehmer bleibt dieses Machtgefühl aber immer etwas Innerliches, mehr oder weniger Abstraktes. Sinnlich und damit näher bei der verpassten Erotik wird es beim Reiter, der unmittelbar sinnlichen Körperkontakt hat mit dem Wesen, das er tanzen lässt, ohne dass es eine Wahl hat, nicht oder anders zu tanzen. Erst bei Folter, Vergewaltigung und Mord wird auch der Machtmissbrauch an Menschen spürbar konkret, sinnlich in der Bedeutung von 'mit den Sinnen wahrnehmbar'. Die grosse Frage ist, ob eine weltweite befreite Sinnlichkeit, eine von allen religiösen, ideologischen, moralinsauren Hemmnissen emanzipierte und allseits gesellschaftlich befürwortete Erotik diesen hier als surrogativ gesehenen Machtmissbrauch eindämmen würde. - Einen Versuch wäre es doch wert?

 

W1/15 Fundis aller Branchen und Länder

Dumm ist, wer die eigene Wahrnehmung absolut setzt.
Aber das tun doch Fundis aller Branchen und Länder von früh bis spät?
Dumm ist, dass gegen Dummheit kein Kraut gewachsen ist.
Zum Glück hat auch diese Wahrnehmung keinen absoluten Gültigkeitsanspruch.

 

 

W51/14 Welt als Spiegel

"Die Welt ist dein Spiegel" - hauchig ausgesprochen klingt das doch sehr bedeutungsvoll-spirituell-abgehoben? Aber, ähm, genauer hingedacht wärst Du ja dann das, was du wahrnimmst. Wenn du nun rundherum lauter Shit wahrnimmst, dann - naja, bist du eben, ähhm, tut mir unendlich leid, aber irgendwie wäre es dann schon logisch zwingend, wenn du eben - hmm - tja - gespiegelt natürlich, also bestenfalls seitenverkehrt - nun ja, du kannst dir ja nochmals überlegen, was du da genau wahrnimmst; ob das nun wirklich alles nur reiner Shit ist, was du wahrnimmst? Weil, ähm, wenn ja, dann wärst du ja so ziemlich reiner ...?

W48/14 Wissenschaft?

Leidenschaft ist eine wunderbare Sache als Antrieb für Tätigkeiten, die vorher unsere rationale Kontrolle passierten. Ohne diese checks and balances kann Leidenschaft zerstörerisch, auch selbstzerstörerisch sein. Wenn es gelingt, mit leidenschaftlichem Engagement leidenschaftslos wahrzunehmen und das Wahrgenommene so wertneutral wie möglich in Zusammenhang mit anderem Wahrgenommenen zu stellen, haben wir eine notwendige, aber nicht ausreichende Voraussetzung geschaffen für wissenschaftliche Tätigkeit. - Das ist anspruchsvoll - und deshalb gibt es so wenige echte Wissenschaftler. Die meisten Möchtegernwissenschaftler bleiben in ihren Wertungen stecken und wollen mit ihren Studien oder Experimenten etwas Bestimmtes beweisen - und beeinflussen damit das Resultat. Dies zeigte sich vor über hundert Jahren plakativ bei der Untersuchung der Natur des Lichts. Die einen wollten beweisen, dass Licht Welle sei - und es gelang ihnen. Die andern wollten ebenso leidenschaftlich zeigen, dass Licht aus Teilchen bestehe - und es gelang ihnen. Der echte, wertneutral an die Aufgabe herangehende Wissenschaftler hätte schlicht die Doppelnatur des Lichts erkannt und damit den ersten Schritt für eine der nachhaltigsten und friedensstiftendsten Einsichten gemacht: Wahrnehmungen sind immer 'Nehmungen'. Der Wahrnehmende beeinflusst durch seine Art der Wahrnehmung das Wahrgenommene. Damit ist uns als Wahrnehmenden der Zugang zu einer absoluten Wahrheit - so es sie gibt - versperrt. Nicht durch unsere Dummheit oder unsere Faulheit, sondern systemimmanent durch die Art, wie menschliches Bewusstsein Welt wahrzunehmen imstande ist. Bislang zumindest. Als echte Wissenschaftler sind wir selbstverständlich offen für jegliche Entwicklung des menschlichen Bewusstseins. Falls es gelänge, die für wissenschaftliche Untersuchungen notwendige Distanz zwischen Beobachter und Beobachtetem zu gewinnen - in diesem Fall zwischen dem menschlichen Bewusstsein als Untersuchungsobjekt und dem mit menschlichem Bewusstsein ausgestatteten Untersuchenden - wäre durchaus ein Zugang zu grösseren Einsichten mit etwas mehr als nur subjektiver und damit relativer Gültigkeit denkbar. Die Sehnsucht nach dieser Wahrnehmungsfähigkeit jenseits der 'conditions humaines' zeigt sich seit Urzeiten in den Myriaden kulturgeprägter religiöser Geschichten und Legenden, in denen regelmässig Wesen vorkommen, die über eine 'grössere' Wahrnehmungs- und damit auch Handlungsfähigkeit verfügen. Die Autoren dieser Legenden wollten die Empfänger der Geschichten wohl motivieren, nicht aufzugeben, weiter zu suchen und über die bescheidene enge, subjektive Weltwahrnehmung hinaus zu gelangen. - Die Dummies unter den Rezipienten machten aus fast all diesen Geschichten starre orthodoxe Systeme mit absolutem Wahrheitsanspruch. Wahrscheinlich schütteln all die Jesusse, Mohammeds, Buddhas und Jahwes, Thors, Prometheuse und Zeuse in ihren Olymps und Himmels und Nirwanas über die Dussligkeit ihrer Epigonen die Häupter - und lassen es mit göttlicher Geduld und Nachsicht zu, dass sich die zweibeinigen Deppen in ihrem Namen auch weiterhin gegenseitig umpusten.

 

W47/14 Völker sind einfach wunderbar...

Völker sind doch einfach alle wunderbar, jedes auf seine Weise. Was wollen wir sie vergleichen? Natürlich: hier wird ein bisschen gefoltert, da ein wenig getöterled, dort ein klitzekleinwenig an der Klitoris rumgeschnipselt - und in einigen Ländern hat halt das Steinigen vergewaltigter Frauen eine ehrwürdige Tradition - was solls? Waren wir denn besser vor ein paar hundert Jahren? Wann wurde denn hierzulande das letzte Hexlein verbrannt, wanneliwann? - Na also. Hauptsache ist doch, dass wir Handel treiben können mit all den wunderbaren Völkerlein in statu nascendi. Wenn sie dann erst unsere tollen Flugis, Flabkanönelis und Bänklis im Land haben, werden sie doch ganz gewiss und automatisch auch unsere tolle Ethik und unser tolles Frauenbild übernehmen? Man sieht ja, wie schnell das geht, an all den wunderbaren Menschen aus diesen wunderbaren Völkern, die bei uns leben und nur noch ganz selten so gruselige Sachen machen wie zuhause. Öffnet die Bijouterietüren und die Arme, nehmt sie zur Brust, lasst euch auch mal ein bitzeli bestehlerlen, hauerlen, vöglerlen und dann - ach dumm gegangen - ein wenig steinigerlen - mit ein bisschen Geduld wird alles WUNDerbar! Weil - wenn ihr das nicht tut, dann wird es womöglich noch langweiliger im Vollkasko-Dörfli Helvetien und die Abenteuerlustigen unter unseren Jungs trampen über Istanbul nach Rakka zu den wunderbaren Freunden der IS. Dort ist es lustig. Da darf man all die glatten Sachen noch machen. Big Brother ist kalter Kaffee. Hier kann man vor laufender Kamera mit einem wunderbar scharfen Messerli ein Köpfli vom Rümpfli schnipseln. Das kommt dann auf youtube, man wird berühmt - und neben dem Flackerfilmli hat ein gewitzter helvetischer Händeler schon ein Popup mit seinem wunderbaren Messerschleifservice platziert.

 

W40/14 Nähe und Nicht-Nähe

Das Auf und Ab der Sinuskurven gehört zu den am häufigsten beobachteten Korrelaten des von bewussten Entitäten Wahrnehmbaren. Verliebte vergessen gern, dass sich auch das Bedürfnis nach Nähe und Nicht-Nähe in Sinuskurven ausdrückt. Allerdings decken sich die Frequenzen und die Amplituden der Kurve meist nur kurzfristig, was wohl jeder Katzenbesitzer bestätigen kann. Bei Tieren führt diese Inkongruenz der Sinuskurven glücklicherweise selten zur Trennung, weil man sie nicht vertraglich zur Dauer-Nähe zwingen kann.

 

W39/14 Rettung des Planeten

Lasst uns 'Propheterlis' spielen! Was? Ihr kennt das Spiel nicht? Das macht die Wetterfee jeden Tag! Meine Prophezeiung ist tröstlich: Der blaue Planet wird gerettet, weil die Menschheit ausstirbt. Und Aussterben tut sie, weil der ideale soziale Wohlfahrtsstaat hilft, jede Anstrengung zu vermeiden. Sex und Denken sind aber mit Anstrengung verbunden. Ergo hilft der perfekte Mix von flächendeckender Verblödung und Kopulationsmüdigkeit des homo demens impotens der Restwelt, wieder aufzublühen. Die ganze Aufregung um die Klimakatastrophe umsonst. Der Mensch - das ist das unwiederbringlich Geniale an ihm - erledigt alles pflichtbewusst, auch sich selbst.

 

W38/14 Femmes mal baisées

Wieso können die vielen 'femmes mal baisées' nicht Sozialhilfe beantragen? Die gibt's doch eigentlich für alles, was das totale Wohlbefinden der Nannystate-Insassen ankrätzerlet? In natura geleistet würde das nicht mal was kosten. Und das Klischee des typischen schmuddligen Sozialhelfer-Softys mit fetthaaarigem Rossschwänzli bekäme eine originelle neue Farbe.

 

W37/14 Prinzengevögel

Die Häufigkeit, mit der ein Spruch zitiert wird, macht ihn weder kluger noch gültiger. 'Nichts ist älter als die Zeitung von gestern' scheint mir ein solch thumber Spruch zu sein. Denn die NZZ kann gar nicht so stein- oder uralt sein, dass sie nicht immer noch tausendmal spannender, intelligenter, anregender, in die Gegenwart und Zukunft hineinwirkender wäre als die Masse brandaktueller Boulevard-Journaille, komponiert mit stereotyper Verlässlichkeit aus einer Portion aufgeblasener Kleinverbrechen als amuse-bouche für die lower-class, einem aufgemotzten Skandälchen rund ums runde Leder für die Couchpotatos und Pantoffelhelden, abgeschmeckt mit einer Prise Prinzengevögel für die femmes mal baisées.


W18/14 Wir spielen morgen

Die Anfälligkeit für Nationalismus und Rassismus ist ein gutes Indiz für die Zugehörigkeit zur Unterschicht. Und genau das machen sich grosse und kleine Diktatoren zunutze. Auch wenn sie die Gauss'sche Kurve nicht kennen, wissen sie, dass die Unterschicht in jeder Gesellschaft die Mehrheit bildet.


W17/14 Lob der Aggression

Wenn man 'aggressiv' in unsere Sprache zu übersetzen versucht, könnte man auf Helvetismen wie 'anpackig' kommen - und schon verlöre es den negativen Beigeschmack, den es für die meisten weichgespülten Insassen sozialer Wohlfahrtsstaaten mit ihrem femininen Wertgefüge hat. 'Anpacken' hingegen ist doch eine tolle Sache, ja unabdingbar nötig, wenn man überhaupt auf die Welt kommen und sich auf die Hinterbeine stellen, den Kopf himmelwärts recken, das Abenteuer 'Leben' antreten und bestehen will.

 

W16/14 Ergänzung des Menschenrechtskatalogs

Dringend aufzunehmen in den Menschenrechts-Katalog: Ab Geburt hat jeder Zweibeiner, der schon oder nur noch oder nie mehr als Lallen kann/konnte, das Recht auf permanentes Rummachen an einem Handy, immer, überall, 24 Stunden an 7 Tagen die Woche. - Also bitte! Alles andere wäre thisckrieminirrend (sorry, das Wort ist wohl nicht im Wortschatz meines Handy-Schreibhilfesystems, seufz...)

 

W15/14 Regeln und Entwicklungsstand

Regeldichte und Entwicklungsstand einer Gemeinschaft sind umgekehrt proportional und interdependent miteinander verknüpft.Jede Regel trägt zur Abnahme des Entwicklungsstands bei - und jeder Entwicklungsschritt macht Regeln überflüssig. So gesehen entwickeln sich die modernen Staaten in rapidem Tempo rückwärts und bewirken damit eine galoppierende Entmündigung ihrer Insassen, deren belämmerter Zustand immer neue Regeln nötig zu machen scheint, die wiederum ihren Beitrag zur weiteren Verblödung der Masse leisten. Eine Spirale, die mit simpelster Logik in die beliebteste aller Staatsformen führt: die Diktatur. Denn 'Diktatur' kommt nicht - mit irgendeiner spätgermanischen c-Verschluckung - von 'dick' - dick ist höchstens der Diktator und seine Entourage - vielleicht ein bisschen von 'Tat' und 'ur', denn seit Urzeiten tat der Diktator das, was das zugehörige Verb meint, nämlich 'diktieren'. Eigentlich ist es eine Win-win-Situation: Wenn man genügend blöd ist, ist man froh, wenn einem das Leben von der Wiege bis zur Bahre diktiert wird. Und wenn man genügend machtgeil ist, umgibt man sich liebend gern mit Blöden, die sich alles diktieren lassen. Wozu also die Aufregung?

 

W14/14 Mangel und Wertung

Was man ermangelt, wertet man hoch. Meist finden wir im Nachhinein, wenn der Mangel behoben ist, wir hätten das Ermangelte sogar zu hoch bewertet. Dem Dürstenden wird das Glas Wasser zum alleinseligmachenden Heilsbringer - doch kaum hat er getrunken, treten andere Mängel in den Vordergrund. Es gibt aber Mängel, die nicht behoben oder zumindest nicht nachhaltig gestillt werden können, sei es, dass Masslosigkeit und Gier nach immer mehr verlangen, sei es, dass sie wie z.B. Intelligenz oder Charisma, kaum vermittelbar und schon gar nicht 'umverteilbar' sind. Aus dieser Überbewertung des Ermangelten lässt sich die Fokussierung auf das Monetäre, die unstillbare Geldgier der Linken nachvollziehen. Sie basteln sich - zusehends erfolgreicher - einen Staat, der ständig umverteilt. Vorläufig vor allem Geld, da sich andere Werte, an denen es ihnen mangelt wie Intelligenz, Eigenverantwortung, Unternehmergeist, Heldenhaftigkeit, Trutz, Schönheit, Charisma, innere Grösse, Liebreiz und Liebesfähigkeit nicht so leicht anderen wegnehmen und von Mangel Betroffenen anheften lassen. Noch nicht.

 

W13/14 Der Fundi in uns

Solange wir selbst Absolutheitsansprüche hegen für unsere Wahrnehmungsinterpretationen, nur weil sie gerade aktuell von sich wichtig wähnenden Meinungsmultiplikatoren und/oder Wissenschaftlern gestützt werden, müssen wir uns nicht wundern, wenn auch andere ihre Interpretationen des Wahrgenommenen mit allen möglichen Begründungen für absolut erklären und für ihre Sicht zu Mord und Totschlag und jeglichem Rechtsbruch bereit sind. Das Problem sind nicht die Legitimationsmittel, seien es nun religöse, politische, ideologische, machtgiergenährte oder wissenschaftlich herausgeputzte - das Problem ist der Absolutheitsanspruch, der zwingend zu Konflikten führt. Sobald wir den Anspruch anmelden, dass irgendeine unserer Wahrnehmungen von irgendwelchen anderen zwingend gleich interpretiert werden müsse, wie wir das tun, sind wir in die Fundi-Falle getappt. Wir können nur Spielregeln aufstellen und andere einladen, an unserem Spiel teilzunehmen. Wenn sie das tun, akzeptieren sie nur die Spielregeln, aber gerade nicht deren absolute Gültigkeit. Denn Spielregeln sind nicht natur- oder gottgegeben, sondern menschengemacht und damit willkürlich und änderbar. Wenn wir jedem scharf gegenübertreten, der für seine Wahrnehmungsinterpretation eine Gültigkeit beansprucht, die über sein eigenes Wahrnehmen hinausgeht, so geht es nie um die vom andern als Legitimation vorgebrachten Gründe, sondern nur um den Anspruch der Gültigkeit, den wir ablehnen. Wir sehen auch nicht ein, wieso ein religiöser oder wissenschaftlicher Gültigkeitsanspruch mehr Respekt und Rücksichtnahme verdienen sollte als ein anderweitig begründeter. Es ist nicht einzusehen, wieso irgendein Pope, Mullah, Papst, Nobelpreisträger oder Machtpolitiker auch nur im leisesten einen höheren Anspruch auf die über ihn hinausgehende Gültigkeit seiner Wahrnehmungsinterpretation haben sollte als eine Schnecke, die bekanntlich bereits bei 7 Bildern pro Sekunde einen Film ablaufen sieht und damit - für sich als Schnecke - natürlich 'Recht' hat in ihrer Wahrnehmungsdeutung. Ich glaube nicht, dass eine Schnecke so blöd wäre, vom Menschen zu verlangen, nicht erst bei 18, sondern wie sie bereits bei 7 Bildern pro Sekunde einen Film zu sehen und nicht eine schnelle Abfolge von Einzelbildern. So blöd ist nur der Mensch. Wobei: dies zu verlangen ist nur die eine Hälfte dieser unsäglichen Blödheit. Die andere Hälfte ist der falsche Respekt, die unnötige Scheu gegenüber Gültigkeitsansprüchen, die mit religiöser Verpackung daher kommen. Dabei ist das Gedankenspiel so einfach: Gründe eine neue Religion, die das Seelenheil an das Umbringen aller Wesen knüpft, die dir gerade im Weg stehen - und vielleicht noch an die Abschaffung aller Regeln, die deine willkürliche Machtentfaltung behindern. das Beispiel ist gar nicht so gesucht. Im Hardcore-Islam finden wir einige Elemente daraus: Aufruf zum Heiligen Krieg gegen alle Ungläubigen, Absolutsetzung eines verächtlichen Frauenbildes, Rechtfertigung von Gewalt, Folter, sexuellem Missbrauch, Todesstrafe, Gültigkeit der Scharia auch für Nicht-Muslime, an den Bann und die Tötungsfreigabe gegen Salman Rushdie und so weiter. Und wer sich als Christ jetzt gleich pharisäerhaft in Positur werfen will, sei an die Inquisition, an Jahrhunderte des christlich induzierten Antisemitismus und an den bis heute gestellten, meines Erachtens hochgradig lächerlichen absoluten Gültigkeitsanspruch des vom aktuellen Pontifex der katholischen Kirche gerade 'ex cathedra' Gelaberten - ein Anachronismus, der heute noch Millionen katholischer Schäfchen in Gewissensnöte ihrem Leithammel gegenüber bringt.

Fazit: Respekt im Sinne von Geltenlassen jedweder uns noch so abstrus scheinenden Wahrnehmungsinterpretation - verbunden mit dem Recht, sie zu kritisieren und uns darüber lustig zu machen. Kein Respekt gegenüber all denen, die mit gefletschten Zähnen oder mit Opfer-Mitleids-Blick Absolutheitsansprüche stellen. Beispiel dafür gefällig? Ich sage fröhlich lachend Ja zu Monty Pythons Verulkung der Jesus-Geschichte im Kultfilm 'The Life of Bryan', zum genialen Film-Epos 'The Last Temptation of Jesus Christ', und genau so lache ich munter über Mohammed-Karikaturen und alle Terroristen-Witze. Ich freue mich über jede Verballhornung von Putin, Kim Jong Un und all ihren Mit-Diktatörlis - auch von denen kleineren Formats hierzulande. Uns fehlen Filmemacher wie Chaplin, der zu Leb- und Wirkungszeiten Adolfs seine Komödie 'The Great Dicator' drehte. Deshalb lade ich Sie ein zu mehr und lauterem Spott über alle, die ihre Ansichten für absolut gültig halten. Selbstverständlich dürfen Sie auch hemmungslos und frohgemut spotten über meine hier geäusserte Sicht. Erst wenn Sie ihre Sicht meiner Sicht für absolut richtig erklären, pinkle ich Ihnen ans Bein, so ich kann :-).

 

 

W6/14 Die WohlFühlFahrtsFrau

Die Insassin des Wohlfahrtsstaats
trägt als Bestandteil des Ornats
am platten Fusse Adiletten
darüber Leggins, die die fetten
Bein' cellulitös umspannen.
So hält sie fern die bösen Mannen!
Es hilft dem staatsgenährten Weibchen
ein farbenfrohes, enges Leibchen
weichgespült und frei von Dreck
zeichnet es die Würst' von Speck,
die wie Wucherndes an Rampen
über ihre Hüften lampen.

"Was solls? Es sagt die WHO
seid doch euch selbst und immer froh
denn unablässig' Wohlbefinden
-geht das nicht in eure Grinden?-
ist verbrieftes Menschenrecht
und beim Verzicht geht es mir schlecht!"

Und brauch ich für mein Wohlgefühl",
so droht die Wohlfahrtsfrau ganz kühl,
"nebst Suff und Frass und viel Klamotten
zur Abwechslung 'nen Mann, 'nen hotten,
dann muss der Staat mir dafür sorgen
und einen mir genehmen borgen,
wenn er's nicht schafft, dann soll er drögeln
denn ich hab s'Menschenrecht auf Vögeln!"

 

W5/14 Der Held

In einem fernen Inselstaat auf anderen Planeten,
da gibt es noch der Helden viel, nicht nur wie hier Proleten.
Die grossen Helden werden dort nicht nach der Tat gekürt.
Ein wahrer Held ist dorten nur, wer alles tief erspürt.
Er spürt den nahen Untergang, das unausweichlich' Ende
und kleidet sein apokalyptisch Gspür in Wort behende.
Er spürt so tief, er spricht so stark, die Wirkung ist ganz toll,
das ganze ferne Inselvolk hat drum die Hosen voll.

Denn eins ist klar: man kann nichts tun, das Ende ist in Sicht
und dank dem Helden wissen sie: es wartet auch kein Licht.
Am End' des Tunnels bleibt es schwarz. Er sieht das ew'ge Dunkel
Drum stirbt das Volk an kollektivem Wahn mit Hirnfurunkel.

Wie gut, dass dieser Inselstaat so fern von uns und tot
So schmunzeln wir entspannt, getrost und streichen unser Brot.

 

 

W4/14 Vom Umgang mit Gefühlen

Das endlose Plappern über die reiche Palette von Gefühlen, die die Welt im Allgemeinen und Beziehungen zu den ach so gefühlsarmen Männern im Speziellen in empfindsamen Seelen auslösen, sollte auf den innerfemininen und den therapeutischen Diskurs beschränkt bleiben. Da sorgt es für Befriedigung von Neugier, Labung an der Not anderer, was oft mit Empathie verwechselt wird - und im Falle des Therapeuten für Einkommen. Mit dem männlichen Interesse für weibliche Gefühle steht es nämlich - leider Gottes oder der Göttin - meist ähnlich wie mit dem Fokus auf Duft, Farbe und Konsistenz des Kinder-Stinklis: das interessiert - völlig zu Recht! - den Kinderarzt, aber auch ihn nur, wenn das Kind krank ist.

Gefühle sind Antriebskräfte für kulturelle, sportliche, wirtschaftliche, gesellschaftliche Leistungen, völlig unabhängig davon, ob sie in ihrer Rohform von der herrschenden Meinung gerade als positiv oder negativ bewertet werden. Entscheidend ist der Prozess der Sublimation, der Transformation des rohen Gefühls in eine nutzbare Leistung. Ob Mozart einen Kanon aus religiösen oder fäkalen Gefühlen heraus schrieb, ist dabei für die Empfänger des Kunstwerks völlig wurst. Ob der Impetus für eine bahnbrechende Leistung auf Ehrgeiz, Eifersucht, Gier nach Macht, Geld, Sex, auf Hass, ohnmächtiger Wut - oder tatsächlich auf schnuckeliger Empathie oder gar überirdischer All-Liebe beruht, interessiert höchstens die Biographen - und auch dort sind solche 'Entdeckungen' wenig relevant und lenken von der Leistung ab. In der Wirtschaft ist diese Erkenntnis im Paradoxon des personal vice, public benefit eingefangen. Anstatt uns also in pharisäischer Pose zu entrüsten über die vices, die von uns als 'schlecht' bewerteten Gefühle hinter einer Leistung, könnten wir uns in aller Seelenruhe am public benefit erfreuen. Natürlich können sich die Produzenten herausragender Leistungen im Small-Talk darüber austauschen, welche Sorte Gefühle in welcher Quantität vorhanden sein müsse, damit sie zur Spitzenperformance auflaufen könnten. Wichtig ist aber eigentlich nur, dass jeder individuell seine Mischung findet, die ihn antreibt, falls er denn überhaupt gefühlsinduziert arbeitet. Über die zur Leistung antreibenden einzelnen Gefühle zu quatschen, ihnen gar in Rohform hemmungslosen Ausdruck zu verleihen und sich womöglich als Opfer seiner eigenen Gefühlsintensität zu inszenieren, ist hingegen nicht nur ein für die Kontaminierten meist höchst unangenehmer Leerlauf, sondern sogar kontraproduktiv, indem der Energiegehalt, der in jedem intensiven Gefühl steckt, wie heisse Luft wirkungslos entschwindet, der Raketenantrieb verpufft ohne irgendetwas zum Abheben gebracht zu haben.

Man kann den Umgang mit Gefühlen auch zum Kriterium für Kultur und Zivilisation machen. Je direkter Gefühle zum Ausdruck gebracht werden, je weniger Sublimation stattfindet, je weniger Gefühle in Leistung verwandelt werden, desto unkultivierter, unzivilisierter, 'primitiver' ein Kollektiv. Und umgekehrt: je selbstverständlicher die Transformation von Gefühlen in Leistung, je mehr die Bewertung der 'User' die Leistung und nicht die allfällig dahinter als Antrieb steckenden Gefühle fokussiert, desto kultivierter, zivilisierter das Kollektiv. Wenn man dieser These zustimmt, muss man vielleicht über die Bücher gehen bei seinen Vorstellungen von Primitivität. Closomat und die Anzahl TV-Sender treten dann etwas in den Hintergrund…

Es zählt zu den untrüglichsten Dekadenz-Zeichen, wenn in einem Kollektiv dieser simple Prozess der Sublimation der Gefühle und deren Umsetzung in Leistung nicht mehr stattfindet - und stattdessen endlos über Gefühle gequatscht wird, sie bewertet werden und das Kollektiv als letzte Stufe der Dekadenz eine 'politisch korrekte Gefühlshierarchie' durchzusetzen versucht mit erlaubten -nein befohlenen! - und verbotenen Gefühlen. - Wir bewegen uns mit viel Staatsfurzwind im geblähten Segel munter auf dieses letzte Riffchen zu.

 

W3/14 Frei-Sinn?

Freiheit war in der ganzen Geschichte der Schweiz bis vor wenigen Jahrzehnten ein Wert, der klar höher rangierte als Wohlstand oder Sicherheit. Die linken Etatisten haben das gar nie gewusst. Aber die Bürgerlichen wussten es bis vor relativ kurzer Zeit, als die Freisinnigen sich vom Sinn für die Freiheit lösten und ihren Kampf auf die Freiheit verengten, mit allen Glünggis dieser Welt lukrative Geschäfte zu machen. Heutige Freisinnige hätten 1291 mit Gessler und 1315 mit den Österreichern ein Freihandelsabkommen geschlossen. Der gute alte Freiheitskämpfer Tell erschoss Gessler und die alten Eidgenossen warfen die Österreicher ins Meer.

Es gibt meines Erachtens kein deutlicheres Zeichen für Dekadenz und Untergangswürdigkeit einer Nation als diese Wertverschiebung: Weg von der Freiheit und Eigenverantwortung des Einzelnen, weg vom Trutz gegen fremde Mächte, hin zur staatlich garantierten kindlichen Windelsicherheit und dementen 'Wohlfahrt'. Die Masseneinwanderungsinitiative mag in ihren Auswirkungen vielleicht zu einem kleinen vorübergehenden Wohlstandsverlust führen. Und in den Machtzentralen der Welt wird wieder einmal geflucht. Aufgeblasene Deppen werden vielleicht wieder nach der Kavallerie rufen. So what? Ihre Annahme erinnert immerhin daran, dass der helvetische Trutz und das Gespür für das Aussterben einer in Jahrhunderten erkämpften Freiheit zum Glück noch nicht ganz besiegt ist.

 

W1/14 Abschaffung des Arbeitnehmer-Status

Die politisch klugste Tat in einem der konkursiten Sozialstaaten wäre die Abschaffung des Arbeitnehmer-Status und die Schaffung einer Gesellschaft von eigenverantwortlichen Unternehmern. Doch das Unterfangen ist so hoffnungslos wie der Versuch, die Heiligen Kühe Indiens zu schlachten. Sozialismus und Gleichmacherei sind längst zu religiösen Dogmen mutiert.

 

 

2013

 

W49/13 Minimalismus

Minimalismus in der Leistung und häufige, faul oder gar nicht begründete Absenz am Arbeitsplatz sind die untrüglichen Zeichen, dass jemand kein Unternehmerblut in sich trägt. Es ist eine selbst gewählte und entsprechend auch auflösbare Klassenzugehörigkeit.

 

W48/13 Beziehungen

Beziehungen sind immer problematisch. Denn einerseits steckt in allem, was ist, die Ahnung, dass alles irgendwie miteinander verkettet ist, dass alles eigentlich zusammengehört, eigentlich eins - EINS - ist und mithin nichts einfach nur das ist, als das es erscheint, ja mithin eigentlich nichts wirklich und wahrhaftig IST, sondern alles nur Maya, Täuschung, durch das Glasprisma in Farben zerfallene Täuschung ist, die immer dann partiell aufgehoben wird, wenn bedingungslose Zuwendung die vermeintliche Getrenntheit schmelzen lässt, zur Integration, Vereinigung führt. Diese Ahnung wird durch ganz vordergründige Alltagserlebnisse gespiesen, zum Beispiel durch das Speisen und in anderer Form wieder Hergeben von Speisen. Und an diesem an Einfachheit nicht zu überbietenden Beispiel lässt sich auch die Eingangsthese plausibilisieren von der sytemimmanenten Problematik aller Beziehungen: Der Wille zur Integration des Aussens ist ab Geburt vorhanden und wird auch ab sofort bei der Muttermilch erstmals ausgelebt. Aber es reicht nicht, die Muttermilch zu vereinnahmen. Wir können sie nicht dauerhaft und vollständig 'behalten'. Im gesunden Fall entziehen wir ihr das, was wir aktuell gerade brauchen - und stossen den Rest umgeformt wieder ab.

Das ist das Grundmuster aller Beziehungen - zumindest solange wir in einer materiellen Hülle stecken. Alle Entitäten gehen mit jeder Wahrnehmung eine Beziehung ein - und in jedem Wahrnehmungsprozess steckt dieses Einswerdungsbedürfnis, das wir in der abgeschwächten Variante als Harmonie-Bedürfnis kennen. Die Beziehung des Säuglings zur Muttermilch ist allerdings insofern einfach, als letztere kaum protestiert gegen die selektive Aufnahme und Abstossung. Und wenn sie es tut, nehmen wir es nicht wahr. Sobald der Beziehungsprozess aber zwei oder mehr Wesen betrifft, die ihre je eigenen Vorstellungen vom Mass der Integration, der Selektion des Aufgenommenen in Behaltenswertes und Abzustossendes haben, wird die Problematik virulent.

Wichtig scheint mir zu erkennen, dass sie systemimmanent, also von den beteiligten Entitäten unabhängig ist - aber eben nur die Problematik an sich, nicht die Art, wie wir damit umgehen. Erst eine Entität, die zumindest partiell keine mehr ist, ihre Wesensgrenzen teilweise oder vollständig aufgelöst hat, kann über die Problematik jeglicher Beziehungen hinausgelangen. Die Pointe ist, dass es sich dann auch nicht mehr um Beziehungen handelt, wenn völlige Verschmelzung, Einswerdung stattgefunden hat. Eine Einsicht, die die Eingangsthese noch stärker macht, wenn wir ergänzen: Beziehungen sind immer problematisch. Sind sie es nicht, handelt es sich nicht mehr um Beziehungen.

 

W47/13 Kürzestgeschichte: Helvetias Busen

Helvetia liebt es, lauter Kinder um sich zu haben, die sie brauchen und keinen Schritt machen, von dem sie nicht weiss. Sie stillt alle, die nach ihr schreien. So opulent ihr Busen ist - die Milch reicht nicht, solange alle Insassen Säuglinge bleiben. Doch sie liebt das Muttersein und ihre Kinderlein so sehr, dass sie lieber stirbt, als die grösseren zu entwöhnen.

 

W46/13 Sind Kinder dümmer?

Wieso werden Kinder verlacht und für dumm gehalten, wenn sie ans Christkind glauben oder an den Osterhasen, ans Rotkäppchen, an König Blaubart, an Gespenster und den Wolf, wenn sie sich darüber austauschen, was es in ihrer Welt gerade für Gespenster, Dinos, Piraten und Engel gibt und interessiert lauschen, was es in der Welt der anderen Kinder alles gibt? Wo sich doch Erwachsene totschlagen, wenn einer ans Christuskind glaubt - statt an Mohammed, Allah, Jahwe, Odin oder sonst eine tolle Gestalt, die es in der Welt einer Gruppe, eines bestimmten Kollektivs eben gibt? - Könnten die klugen Erwachsenen da vielleicht etwas lernen von den Kindern und sich auch austauschen über ihre Welten? Und vielleicht sogar die Entdeckung machen, dass es immer wieder um dieselben Inhalte geht, die einfach verschieden verpackt sind, andere Schachteln, anderes Papier, andere Schlaufen, andere Kärtchen und andere Beschriftung. Und wenn man sich die Mühe macht, die Geschenke auszupacken, die Form vom Inhalt abzustreifen, ist derselbe Teddy oder dieselbe Wasserpistole drin. Kinder wissen das.

 

W45/13 Von der Gefahr, als Mann irgendetwas 'schön' zu finden

Wenn Frauen etwas schön finden, haben sie Sinn für Ästhetik, zeigen Geschmack und ernten von vielen Seiten Beifall. Wenn Männer etwas schön finden, sind sie perverse, schwanzgesteuerte Schweine, potenzielle Vergewaltiger, bestenfalls dank weiblicher Kontrolle mit knapper Not sublimierende Ersatz-Triebtäter. Dabei ist es egal, ob der Mann eine Frau, einen Mann, ein Tier, eine Pflanze, einen Berg, einen Fluss, einen Baum, ein Auto, eine Maschine, ein Gebäude, ein simples Dreieck oder einen Gedanken schön findet. Dahinter steckt immer - da ist sich frau gewiss - eine widerwärtig dreckige, notgeile, gewaltbereite, nach Missbrauch lechzende Gier, die nur durch Kastration oder Mord erstickt werden kann. Es gibt eigentlich nur eine einzige Ausnahme von diesem Generalverdacht. Und diese Ausnahme macht immer nur eine einzige Frau und nur dann, wenn sie diejenige ist, die der Mann 'schön' findet. Aber der Trost ist gering, denn alle anderen Frauen sind weiterhin überzeugt, dass er auch diejenige, die das selbst nicht so empfindet, nur schön findet aus einer widerwärtig dreckigen, notgeilen, gewaltbereiten, nach Missbrauch lechzenden Gier heraus - was die Betroffene in ihrer grenzenlosen Naivität nur gerade nicht sieht. Noch nicht.

 

W44/13 Diktatur der Gleichheit

Bislang hat noch niemand zeigen können, dass es Gleichheit bzw. Identität überhaupt in irgendeiner Form gibt. Niemand hat bislang absolute Gleichheit gesehen, geschaffen, bewiesen, erfahren, gelebt. Auch relative Gleichheit erweist sich bei genauerem Hinsehen nur als partielle Ähnlichkeit, Vergleichbarkeit. Im besten Fall lassen sich oberflächlich gemeinsame Merkmale wahrnehmen. Gleichheit oder Identität ist aber nicht nur inexistent in der Schöpfung, mir ist auch kein einziges triftiges Argument bekannt, warum sie anzustreben, herzustellen wäre. Gleichheit ist meines Erachtens das naturfremdeste, aber auch das dümmste Konzept, das je gedacht wurde. Auch Agape oder bedingungslose Liebe ist ein naturfernes Konzept - aber bereits die bescheidensten Annäherungsversuche zeigen wundervolle Wirkungen. Nicht so die Versuche, Gleichheit herzustellen in einer Welt der Vielfalt, der Verschiedenartigkeit, der Fülle. Alle Versuche bedienten und bedienen sich des Zwangs, schränkten und schränken die Freiheit ein und verhindern echte Brüderlichkeit oder Solidarität, die nur freiwillig geleistet diesen Namen verdient. So gesehen ist der ex post der französischen Revolution umgehängte Slogan der 'Liberté, Egalité, Fraternité' eine in sich widersprüchliche Mogelpackung. Von den drei Zielen ist in der aktuell dominanten linken Politik nur die verbissene Promotion der Egalité geblieben. Und mit ihr die Abschaffung von Freiheit und Solidarität. - Und niemand merkt, dass die vermeintlich 1989 abgeschaffte, als Unsinn entlarvte Diktatur des Proletariats einem noch grösseren Unsinn zu weichen droht: der Diktatur der Gleichheit.

 

W43/13 Form und Inhalt

Demokratie erfordert Klugheit, Reife, Abstraktionsvermögen von den eigenen vordergründigen Wünschen und die Fähigkeit, hinter dem Wortlaut von Regeln den Inhalt zu sehen, das, was gemeint ist, in Juristensprache die 'ratio legis', der Sinn, die Idee hinter einem Gesetz. Der soziale Fürsorgestaat hilft aber wacker mit, dass alle diese Eigenschaften nur noch auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tugenden zu finden sind. Die Fokussierung auf den reinen äusseren Wortlaut ist bei Kleinkindern, niederen Beamten und dementen Heim-Insassen verständlich - deshalb lässt man die Kleinkinder ja auch nicht abstimmen. Aber wieso die andern? Und was sollen wir tun, wenn es nur noch auf dem intellektuellen Niveau von Kleinkindern, niederen Beamten und dementen Heim-Insassen Stehengebliebene gibt in einem Kollektiv? - Dann übernehmen doch einfach die das Ruder, die sich für kluger halten und die die Macht dazu haben. Das sind zurzeit die Betreiber des Fürsorgeheims Schweiz und ihre Schergen. Und die wollen, dass die Dummen dumm bleiben und setzen sich deshalb für das Festklammern an der äusseren Form, am Wortlaut einer Regel ein, damit die Chance grösser ist, dass auch der Dumme anstrengungslos versteht. Denn für die Inhalte müsste er sich anstrengen, und was ein anständiger Fürsorgestaat ist, der nimmt seinen Insassen jede Anstrengung hab. Es sind ja nicht Inrenner oder Inläufer oder Insteher, sondern Insassen - und die sollen es mängel- und anstrengungsfrei haben. Im Fall: Denken ist ebenfalls anstrengend. Das übernehmen deshalb die Heimleiter auch gleich selbst...

W42/13 Empfindlichkeiten

Der Unterschied in der Reife, Aufgeklärtheit und Intelligenz sowohl von Individuen wie von Kollektiven zeigt sich mit hoher Trefferquote im Zulassen der lächerlichsten aller Emotionen: dem Beleidigtsein. Ich schlage vor, dass man die Darwinsche Pyramide, wenn man sie nicht gleich flachlegen will, nach diesem Kriterium einteilt. Auf der tiefsten Entwicklungsstufe, weit unter den Einzellern, ja auch meilenweit entfernt von den Steinen und Plastictüten, wäre da der Mensch anzusiedeln. Innerhalb dieser Spezies zuoberst am ehesten der Brite, der am Weihnachtstag seit Jahren den Montypython-Film 'The Life of Bryan' schaut und sich immer wieder königlich amüsiert am unüberbietbaren Schluss-Song:
Always Look on the Bright Side of Life

(falls Sie, liebe Leserin, zur Generation gehören, die zur Entstehungszeit dieses Songs noch Sternchen putzte und trotzdem gerne wissen möchten, wo Sie etwa hingehören in der besagten Pyramide, klicken Sie einfach auf den Songtitel, hören und sehen sich den an und forschen dann nach Beleidigtsein-Gefühlen in den Tiefen Ihrer empfindsamen Seele. Klappt natürlich nur, wenn Sie irgendwie christlich-abendländisch gross geprügelt wurden :-)
Verlassen wir die Höhen Britanniens, deren herrliche Gelassenheit und ihr unnachahmliches Understatement ja auch nicht ganz bis nach unten zu den Fussball-Hooligans dringt und wenden uns dem breiten Boden der Pyramide zu. Ganz zuunterst, fast schon unter dem Boden, finden wir nämlich den Grossteil der übrigen Menschheit: die Fundis! Am schönsten heutzutage repräsentiert von den Islaminskis, die sich bereits bei weissen Reithosen, Karikatürchen ihres 'Bryans' und nicht von den eigenen Mullahs abgesegneten Deutungen ihres von irgendwelchen selbsternannten Auserwählten heilig gesprochenen Büchleins in die Hosen machen und den Bann ausrufen über die Schänder. Aber es gibt weltweit auch Millionen anderer religiöser Fanatiker, auch in den Seitentälern Helvetiens. Und sie alle profitieren von der hirnrissigen Furzidee, man müsse vor religiösen Überzeugungen mehr Respekt haben als vor anderen. Neben diesen auffälligen Fanatikern der blutrünstigen Sorte finden sich aber auch Myriaden sonstiger Fundis aller Art. Man kann fast sagen, dass die Neigung zum Funditum durchaus als differentia specifica für die Spezies Mensch herhalten könnte. Die Oberschicht der Briten und die paar wenigen weiteren menschlichen Nicht-Fundis weltweit wären dann einfach die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Diese Fundis finden sich in Parteien, Verbänden, Vereinen, Unternehmen, Familien - überall dort, wo flachhirnige, machtgeile Dummys noch Dümmere gefunden haben, die sich bereitwillig auf den Rücken legen und sich Maulkörbe umbinden lassen in der Hoffnung, dass dann niemand merke, dass sie ausser "Kohle, Fressen, Saufen, Pinkeln, Scheissen, Vögeln" nichts zu sagen haben und deren bescheidene kommunikative Kompetenz in der Erkenntnis gipfelt, dass sich diese Bedürfnisse auch nonverbal äussern lassen. Falls Sie Mühe haben, den Fundi in sich oder in Ihrer Umgebung zweifelsfrei zu erkennen, schauen Sie sich doch einfach das Machtverhalten an: Nutzen Sie Ihre Macht, um andere einzuschränken oder sie gar daran zu hindern, ihre verqueren und selbstverständlich hochgradig falschen, beleidigenden, staatsschädigenden und so weiter - Ansichten zu äussern? Oder halten Sie es mit Voltaire, der zu einem ihn übel anpinkelnden Kritiker gesagt haben soll: "Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie äussern dürfen!"

 

W41/13 Tod durch Denken

Die Todesart 'Tod infolge Denkens' zieht sich konstant durch die Geschichte der Menschheit. Sei es, dass der Tod uns ereilt, weil wir uns etwas ganz toll Tödliches ausgedacht haben, sei es, dass wir genau mit dem toll Erdachten andere töterlen, die was Anderes, und damit Falsches, und damit zu Entfernendes, Wegzumachendes, zu Tilgendes gedacht und das Gedachte in ihrer Unverfrorenheit sogar noch geäussert haben. Man könnte die Kompetenz zum 'Tod infolge Denkens' sogar als 'evolutive turn', als 'differentia specifica' bezeichnen, die den Unterschied zwischen Tier und Mensch klarer und sauberer markiert als all die Messerei von relativer Hirngrösse, genetischem Code etc. Denn dass ein Vertreter der Tier- oder Pflanzenwelt aufgrund seines Denkens den Tod gefunden hätte, ist zumindest bislang nicht gezeigt worden. Dass die Menschen daraus den Schluss zogen, Tiere und Pflanzen könnten eben gar nicht denken, zeigt, wie bescheiden die Denkfähigkeit beim haarlosen, instinktlosen, sinnlich und emotional benachteiligten nackten Äffchen ausgestaltet ist. In seiner Aufgeplustertheit, die schon fast wieder rührend wirkt, macht er aus einer blinden Annahme eine gesicherte Erkenntnis, versieht das Resultat mit dem Etikett 'Denken' und pflanzt noch eigenmächtig ein Qualitäslabel auf's Etikett. Die Fähigkeit zu dieser Art von dem Menschen vorbehaltener Tätigkeit - nämlich sich Tötungshilfsmittel auszudenken um Wesen, die zu anderen Wahrnehmungsdeutungen kommen als der vom jeweiligen die Deutungshoheit beanspruchenden Machthaber gerade für richtig befundenen - legitimiert ihn dann auch gleich, sich über den Rest der auf 'seinem' Planetchen vorgefunden Entitäten herauszuheben und hinwegzusetzen. Irgendwie scheint die schlichte Erkenntnis, dass die einzige Legitimation die Macht ist, doch etwas zu wenig fein zu sein. Es flattiert dem Ego schon etwas wenig, wenn man zugeben müsste, dass man tut, was man tut, weil man es kann, weil niemand die Macht hat, uns daran zu hindern.

Das Hochwertwort 'Denken' ist bei näherem Besehen in gängiger Praxis nur irgendeine koordinative Tätigkeit, die sich erst ex post aufgrund ihrer Resultate als 'Denken' entpuppen soll. Wenn Resultat dieser koordinativen Tätigkeit ist, dass jemand aufgrund ebendieser Tätigkeit, je nachdem, wie unangepasst er sie ausübt und wie vernehmlich er die dabei herauskommenden Ergebnisse äussert, den Tod finden kann, dann musste es sich bei dieser koordinativen Tätigkeit um 'Denken' gehandelt haben. Und sein Mörder, also der, der sich behufs dieses Töterlens von anders und damit falsch Denkenden die prächtigsten Klingelis, Kugelis und Bömbelis auszudenken und zu basteln imstande war, der kommt auch zur Ehre, sich ein 'Denkender' und damit über den Rest der Schöpfung Erhabener zu nennen. Und weil die thumben Tiere weder A-Bömbelis basteln können, noch wegen Falschdenkens von Kollegen umgebracht werden, ist der Fall für ebendiese Grossdenker klar: die Tierlein können's nicht! Schluss daraus: wir dürfen stolz sein darauf, wenn unser Lebenslichtlein infolge Andersdenkens ausgepustet wird. Und wir dürfen auch prächtig stolz sein, wenn wir wirkungsreiche Wäffelchen erdenken können. Wir wissen dann, dass wir zum Höhepunkt der Evolution, zur abschliessenden - oder abschiessenden? - Krone der Schöpfung gehören :-)

 

W40/13 Tot, toter am totesten...

Denken beginnt mit dem Hinterfragen, dem Setzen von Anführungszeichen vor und hinter die Resultate von Wahrnehmungsdeutungen anderer. Wenn diese 'andern' - bewusst kleingeschrieben - Anspruch auf Deutungshoheit reklamieren und über die Macht verfügen, diese durchzusetzen, wird sowohl weiterdenken wie weiter denken gefährlich. Wenn 'die andern' nur aufgeblasene Wissenschafter sind, kommst du wahrscheinlich mit dem Leben davon. Sie strafen dich mit Nichtbeachtung, Ignoranz, Marginalisierung und Verachtung. Wenn sie aber mit Gewaltmitteln ausgestattete Diktatoren sind, dann Gnade dir Gott. Je dümmer sie sind, je mehr Kim Jong Un mal bärtiger Mullah mal schwarzer Gorilla, desto toter bist du, bevor du mit dem Fragen beim Hintern angelangt bist

 

W39/13 Tod den Staatskassenprellern

Die Werte-Hierarchie im Strafrecht des überschuldeten Wohlfahrtsstaats scheint einigen pervers, dabei ist sie staatswirtschaftlich völlig logisch und in sich folgerichtig: Tötungsdelikte sind für die Staatskasse positiv - eine Person weniger, die man durchfüttern und durchmedizinern muss, also kriegt der Töter eine Geldstrafe, das bringt was ein, und wird nur ungern eingelocht, denn das kostet ja wieder was. Beliebt sind auch die bedingten Geldstrafen, die eigentlich eine nur marginal verkappte Belohnung darstellen sollen - und damit eine Motivation, weiter zu töterlen, denn das freut ja den Staat, da es seinem Kässeli hilft. Steuer- und Abgabe-Delikte hingegen sind katastrophal für die Staatskasse: Da wird ihr irgendetwas vorenthalten, was sie dringend bräuchte, um noch mehr Sozialstaat zu machen. Also werden Steuer- und Abgabe-Delinquenten so hart bestraft, wie es irgendwie geht. Das Traumziel sozialistischer Straf-Politiker ist, jegliche Art von Staatskassenprellern hinzurichten, verbunden mit der Auflage, dass allfällig vorhandenes Vermögen dieser Übeltäter in toto an die Staatskasse fällt. Putin ist schon nahe am Ziel - aber wenn wir uns etwas Mühe geben, holen wir auf!

 

W38/13 Beleidigt sein

Willst du den todsicheren Tipp, wie du nix mehr tun musst, das aber nicht legitimieren, nicht erklären, ja überhaupt nicht kommunizieren musst und dich mit nichts und niemandem auseinandersetzen musst? - Hmm, eigentlich sollte man diesen genialen Tipp nicht gratis geben... Aber wenn ich's nicht tue, bist du vielleicht beleidigt? Denn DAS ist es: sei einfach beleidigt! Es ist völlig egal weswegen. Beleidigtsein braucht keinen Grund, da der Beleidigte nicht kommuniziert, weswegen er beleidigt ist. Er ist es einfach. Und wenn du als Beleidigter einen brauchst, erfinde einen. Niemand kann dir je nachweisen, dass er erfunden ist. Der Anlass kann auch beliebig dumm sein, auch du kannst beliebig dumm sein. Es reicht, wenn du das entsprechende Gesicht machen kannst und es schaffst, als völliger Sozialverweigerer doch die ganze Aufmerksamkeit auf dich und dein Beleidigtsein zu ziehen. Stell dir vor, wie sich andere abmühen, bis sie irgendetwas so gut können, dass sie mal kurz im Mittelpunkt stehen! - Und du schaffst das ohne Hirn, ohne Anstrengung, ohne Können, ohne Wissen - naja nicht GANZ ohne: du musst wissen, wie man auf beleidigt macht. Aber das schaffen erfahrungsgemäss auch die Dümmsten. Die zeigen sogar oft ein herausragendes Talent dafür - und sind damit eben schon nicht mehr die Dümmsten, sondern Fachleute, Spezialisten, Experten: des Beleidigtseins! Holla! Vielleicht wird die Disziplin ja sogar eines Tages olympisch?

 

W37/13 Nur keinen Streit!

Alle Diktatorinnen und Diktatoren, auch die ganz kleinen in den Familien, Vereinen und Budelis, legitimieren ihre Zensur, die Unterdrückung der Meinungsäusserungsfreiheit, generell ihren Machtmissbrauch gerne mit dem euphemistischen Spruch, das von ihnen gelenkte Kollektiv könne sich interne Auseinandersetzungen nicht leisten, das würde nur das Kollektiv schwächen, man müsse jetzt zusammenhalten und am gleichen Strick ziehen, die Meinungsverschiedenheiten vertagen, Hand an die Hosennaht und für das Kollektiv kämpfen und so weiter. Und die Dummerchen unter den Insassen glauben ihren DiktatorInnen, die den vermeintlichen Ausnahmezustand immer wieder verlängern, bis auch den aufgeweckteren Angehörigen des Kollektivs die Lust, aber auch die Kompetenz zur Debatte, zum Erkenntnisgewinn über die prononcierte Auseinandersetzung abhanden kommt und sie den Dummerchen immer ähnlicher werden und zu passiven, gleichgültigen Insassen verkommen. Genau das war und ist das Ziel aller DiktatorInnen. Und sie erreichen es nicht nur in Nordkorea, Russland und China, sondern auch bei uns im kleinen Helvetien in Familien, Vereinen, Verbänden, Parteien, Unternehmen. Wer die Ohren spitzt, hört die immer gleiche Leier allüberall.

 

W36/13 Intelligenz

'Intelligenz' ist ein Auslaufmodell. Sie ist - wie andere altmodische Dinge wie 'Freiheit' und 'Verantwortung' nicht mehr gefragt, nicht mehr nötig im sozialen Wohlfahrtsstaat, der für seine Insassen denkt. Und lenkt. Und für sie antwortet, ihr Da-Sein ver-antwortet, bis sie fast unbemerkt hinüberdämmern.

 

W35/13 Odysseus

Dem grossen antiken Held Odysseus wurde die damals positiv bewertete Eigenschaft des 'Krummdenkens', des 'Listigseins' zugedacht. Seither haben wir zwar feine Atombömbelis, unbemannte Bumbum-Flugis, nicht zu vergessen den ohrschmeichelnden Laubbläser und weitere unsere exponentielle Gottwärts-Entwicklung belegende Bedeutsamkeiten erfunden, aber das 'Um-die-Ecke-' oder 'Über-die-Nasenspitze-hinaus-Denken' scheint bei all dem wichtigen Fortschreiten im Matsch stecken geblieben zu sein. Wie anders wäre es zu erklären, dass die sozialen Wohlfahrtsstaaten allüberall in fast schon tränenrührender Einigkeit ihren Insassen soviel Sicherheit angedeihen lassen, dass darob so komische, für die Heimbewohner bereits leicht muffig riechende Werte wie 'Freiheit', 'Abenteuer', 'Gefahren bestehen', 'Angst überwinden' bestenfalls noch in der Glimmstengelwerbung vorkommen? Dass es im nachbarlichen REICH mehr gehorsams- und gashahn-geile Neonazis als Liberale gibt, mag man der Geschichte und dem Volks-Charakter zuschreiben, aber dass die trutzige Eidgenossenschaft zum sozialen Weichheim wird, die Wilhelm Tell'sche Willens-Nation, in der jedes Kind die Legitimation für das Umlegen blöder Vögte mit der Muttermilch eingeflösst bekommen sollte, befremdet. Dass hierzulande auch diese kniefällige Staats-Anbetung im Trend ist und 'Föderalismus' im Volk zum nicht mehr decodierbaren Fremdwort mutiert - oder bestenfalls mit 'Förderband' verwechselt wird, einem Band, auf das man sich legt und das dann automatisch via Bern Richtung Brüssel führt, dieses Gleiten in Richtung völliger Hingabe jeglicher Eigenverantwortung strömt leichten Verwesungsgeruch aus. - Vergessen geht dabei, dass der Witz der Unsicherheit, der Gefahr, der Angst im Lustgewinn besteht, der sich jedesmal dann einstellt, wenn man sich in die Unsicherheit hineingewagt, die Gefahr bestanden, das Abenteuer durch- und überlebt hat. Auf der simpelsten Ebene ist es das herrliche Gefühl, das sich auf den Gesichtern kleiner Kinder spiegelt, wenn sie aus der Geisterbahn herauskommen und das Schüttel-Wägelchen zum Halt kommt. Wenn wir etwas tiefer schauen, entdecken wir bei uns und andern nach jedem bestandenen Abenteuer, bei jeder überwundenen Angst wie die innere und äussere Stärke und Selbstsicherheit wächst. Das Kind will selbst aufstehen und gehen lernen, auch wenn es dabei unzählige Male hinfällt. Wenn wir das Hinfallen durch dauernde Stützerei und Helferei vermeiden wollen, verderben wir dem Kind den Lustgewinn, die Freude am selbständigen Erreichen eines Ziels. Und wir behindern seine Entwicklung zu Selbstsicherheit und Eigenverantwortung. Kluge Eltern wissen dies - und sind bereit, wenn nötig Trost zu spenden und das Kind zu ermuntern, wieder aufzustehen und weiter zu üben. Und ein gesundes Kollektiv verhält sich gegenüber seinen Mitgliedern genau so: nicht Angst vermeiden, nicht das Abenteuer verunmöglichen - sondern im Gegenteil einladen, sich den Gefahren zu stellen, die Ängste zu überwinden, das Abenteuer zu wagen. - Vielleicht sollte die Odyssee doch Pflichtlektüre werden? Zumindest für Politiker?

 

W34/13 Warum reitest du?

Weshalb reitest du? Macht es dir Spass, ein anderes Wesen nach deiner Pfeife tanzen zu lassen, ohne dass es die Wahl hat, nicht oder anders zu tanzen? Ist es das Bedürfnis, weiter oben zu sein als die Fussgänger? Zu sitzen, wo andere laufen müssen? Ist es die Möglichkeit, als mässig begabter Athlet doch irgendwie zu sportlichem Ruhm und Ehre zu gelangen? Ist es der Versuch, als 'Herrenreiter' der bescheidenen Herkunft ein Schnippchen zu schlagen? Ist es schlicht die für dich einfachste Art, dein Brot zu verdienen? Ist dein Pferd dein 'Geschäftspartner'? - Oder ist es die Liebe, die dich treibt? Die unbeschreibliche Weichheit und Wärme der Pferdenüstern? Dieses Kentauren-Gefühl, wenn du in Balance und Harmonie eins wirst mit deinem Pferd. Wenn du spürst, wie es mitdenkt, wie es dein nächstes Ansinnen vorausahnt und deine Hilfen fast überflüssig macht? Wenn es dir aus der Patsche hilft, wenn du mal aus dem Gleichgewicht gerätst, eine verwirrliche Hilfe gibst, eine Distanz falsch einschätzest? Ist es dieses prickelnde Partnergefühl, dieses abenteuerliche Team-Erlebnis auch und gerade in nicht ganz ungefährlichen Situationen? Dieses Wissen um die nicht selbstverständliche Verlässlichkeit des vierbeinigen Freundes? - Prüfe sie täglich, deine Motivation für den Umgang mit diesen wundervollen Geschöpfen. Und wenn es nicht die Liebe ist, lass es bleiben.

W33/13 Göttliche Witze

Die Schöpfungsparameter Zeit, Raum, voneinander (vermeintlich) getrennte Entitäten und ihre (vermeintlich) kausalen Verknüpfungen sind überaus gekonnt erzählte Witze Gottes. Und über Witze sollte man eigentlich lachen. Das Anstrengende an diesen 'blagues' ist allerdings, dass ich mich ihnen schwerlich durch Weghören oder Wegschauen entziehen kann. Ich erkenne die Luftig- und Lustigkeit dieser gigantischen Jokes erst, wenn ich sie hinter mir lasse - und dann ist es meist schon zu spät, zumindest für das Ich. Denn wenn das Ich sich hinter sich lässt, ist es kein Ich mehr - und schon zerfällt das ganze Kartenhaus von irreversibler Zeit, unendlichem Raum und den einseitig kausalen Verknüpfungen zwischen dem Ich und der Welt, die dann in ihrer Zersplittertheit ebenfalls zerbröselt. - Und da hat dann halt für viele der 'Spass a Loch', wie die Bayern sagen.

 

W28/13 Angssssst

Es gibt nichts, vor dem niemand Angst hat - und nichts, vor dem alle Angst haben. Ängste sind offenbar relativ und freiwillig. Ihr Sinn und Zweck könnte darin bestehen, die sie Habenden zu spiegeln und ihnen die These der 'self-fulfilling prophecies' be-greifbar zu machen.

 

W27/13 Klebrige Versprechungen

Der soziale Wohlfahrtsstaat lockt mit dem klebrigen Versprechen allumfassender Sicherheit die letzten sich frei wähnenden Bürger auf die leimbestrichenen Sofas, von wo aus sie in warmen Pantoffeln abenteuerlich-archaische Bilder von ausgestorbenen Gütern wie 'Freiheit' über den Bildschirm flimmern sehen. Szenchen, die ihnen im besten Fall ein wohlig grausliches Schauern über den Rücken jagen und - noch vielleichter - ein mattes Zucken oder ein unerwartetes Feuchtwerden evozieren. Selbstverständlich kontaktfrei und sicher.

 

W26/13 Skorpione

Skorpione können mittelfristig weder transparent noch entspannt leben. Sie brauchen Geheimnisse, die mit Einsamkeit, und Leidenschaften, die - wortgetreu! - mit Leiden verbunden sind. Bei keinem anderen Zeichen sind die Gegensätze so verquickt, so untrennbar verwoben, scheint Glück nur erlebbar auf dem Nährboden des Sehnens, Leidens - dessen, was andere als Unglück empfinden, ist Nähe nur dank Distanz möglich. Diese Intransparenz und Leidenschaftlichkeit macht sie faszinierend, aber auch ungemein anstrengend für ihre Zeitgenossen.

 

W25/13 Staatliche Fürsorge

Staatliche Fürsorge ist für die, die ohne staatliche Fürsorge elendiglich zugrunde gehen würden. Um sie zu finanzieren, nimmt man denen, die noch ohne staatliche Fürsorge überleben könnten, soviel, dass sie ebenfalls staatliche Fürsorge benötigen. Damit werden die Finanzierenden immer weniger und die Bedürftigen immer mehr, was einer exponentiellen Erodierung der Finanzierenden und einer ebenso exponentiellen Zunahme der Empfänger entspricht. Und da wundert sich jemand, dass dieses System unaufhaltsam und zielsicher in den Staatsbankrott führt?

 

W24/13 Rundweg

Das Bild vom Leben als Rundweg, der durch das gleiche Tor beginnt und endet und bei dem man sich zuerst vom Start- und Zielort entfernt, weg geht, damit überhaupt ein Weg gegangen werden kann, findet sich immer wieder in religiösen Erzählungen, in Mythen, Legenden, Märchen, Romanen, Dramen, Filmen – aber auch in unserem nächsten Umfeld und letztlich auch bei uns selbst. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, Prometheus, natürlich auch Faust, Parzival – überhaupt alle Helden in den unzähligen Artus-Romanen des Mittelalters, aber auch Christus, Buddha – alle haben sie den Hinweg bewältigt, um dann den Heimweg antreten zu können. Und immer wieder hat die Rezeption – seien es religiöse Institutionen, weltliche Interpretations-Autoritäten – zu einer Erstarrung geführt, nur noch das Ziel fokussiert und den 'Hinweg' verurteilt als 'unethisch', 'sündhaft', 'verwerflich', als 'schuldhaft', 'böse', 'schlecht'. Aus dieser Falle herauszukommen ist nicht einfach, gehört aber genau zum beschriebenen Hinweg, zur Rebellion gegen herrschende 'Moral', gegen die Diskursmacht einer Gesellschaft oder Kultur, die uns vorgeben will, was richtig und was falsch sei. Also hat auch diese 'Moralin-Umgebung' ihren Sinn. Je engstirniger und kleinkarierter, je dümmer und absoluter sie daherkommt, desto einladender für den Rebellen auf dem Hinweg, dagegen zu opponieren, aufzubrechen Richtung Autonomie, sich selbst Gesetz zu sein, sich seine Freiräume – äußere und innere – zu erkämpfen, um dann selbstverständlich irgendwann auf diesem Weg zu straucheln, zu scheitern und zu erleben, wie die Motivation für den Heimweg wächst.

 

W23/13 Erpressung

Erpressung ist dann gegeben, wenn jemand seine Machtposition so ausnützt, dass er versucht, einen anderen zum Gehorsam zu zwingen, indem er ihm empfindlichen Schaden ihn Aussicht stellt, wenn er nicht tut, was der in der Machtposition Befindliche verlangt. Wichtig für den Tatbestand der Erpressung ist die Abgrenzung zu direkter Gewaltanwendung, die dem Betroffenen keine Verhaltensoption offen lässt. Der von einer Erpressung Bedrohte hingegen ha noch eine Wahlmöglichkeit. In der Regel ist es die Wahl zwischen zwei Übeln: Entweder kommt er der Forderung des Erpressers nach, was meistens ein Übel ist für den Erpressten, oder er riskiert, dass der Erpresser seine Drohung wahrmacht, was zumindest in den Augen des Erpressers ein grösseres Übel für den Erpressten darstellen sollte, damit die Rechnung des Erpressers aufgeht. Natürlich kann sich der Erpresser bei der Einschätzung des Übels täuschen, wie im alten Witz vom Millionär, dessen Frau entführt wird und der auf die Forderung der Erpresser nach einer Million Lösegeld antwortet: "Ich zahle die Million, aber nur, wenn ihr die Frau behaltet!" Entscheidend ist aber, dass dem von einer Erpressung Bedrohten noch ein Handlungsspielraum, minimal eine Wahlmöglichkeit bleibt. Er kann noch agieren und muss deshalb auch die Verantwortung übernehmen für seine Entscheidungen. Hier scheint mir die Einsicht wichtig, dass Erpressung 'Krieg' bedeutet, mit der entsprechenden Legitimation für den Erpressten, sein Arsenal an strategischen und taktischen Vorgehensweisen unbekümmert um den Kodex 'anständigen Koexistierens' auszuweiten. Wenn ihm das Scheitern des Erpressers am Herzen liegt, darf, ja soll er ihn täuschen, belügen, betrügen - und in Kauf nehmen, dass der Erpresser psychischen und physischen Schaden nimmt. Am elegantesten ist es natürlich, sich die Dummheit des Erpressers zunutze zu machen. Nicht alle Erpresser sind dumm, moralische Verwerflichkeit kann durchaus mit Durchtriebenheit und Bauernschläue gekoppelt sein. Aber Schwachstellen sind immer zu finden, bei jedem Kriegsgegner. Diese Schwächen sind vom Erpressten ohne falsche Hemmungen auszunützen. Eine gute Spur zu den Schwächen ist das, was der Erpresser unbedingt will mit seiner Erpessung. Das kann im banalsten Fall Geld sein. Hier lohnt es sich, so gut wie möglich zu recherchieren, weshalb und wofür der Erpresser so dringend Geld braucht. Simples Beispiel ist die Erpressung der Schweiz durch Deutschland, das sogar vor Hehlerei und Diebstahl nicht zurückschreckt, um an die Steuereinnahmen zu verbessern. Desgleichen die aktuellen Erpressungen der Schweiz durch die USA mit demselben Ziel. Man muss nicht lange recherchieren um herauszufinden, dass Überschuldung auch Kollektive moralisch so weit sinken lässt, dass sie zu Methoden greifen, die innerhalb ihres Rechtsraums als Straftaten einklagbar wären. Die überschreitung solcher Anstandshemmschwellen nach unten ist ein untrügliches Zeichen für die Panik, die solche Erpresser umtreibt, seien es nun Einzelne oder Staaten. Und Angst ist immer eine Schwachstelle. Eine der ersten Massnahmen ist, die Angst publik zu machen, darüber liebevoll therapeutisch bis ätzend kabarettistisch zu sprechen und zu schreiben. Das gelingt aber nur, wenn die Angst beim Erpressten nicht ebenfalls so gross ist, dass er jeglichen Humor verliert. In diesem Powerplay um Geld gewinnt in der Regel derjenige Spieler, der seine Angst besser kaschiert, der besser so tun kann, als gehe ihm das Ganze am A. vorbei. Von dieser nonchalanten Haltung ist die biedere Schweiz - bzw. die für die Deals und deren Kommunikation Verantwortlichen - leider Lichtjahre entfernt. Dies ist umso erstaunlicher, als sich die helvetische Finanzministerin Widmer-Schlumpf doch an krumme Touren gewohnt sein sollte, kam sie doch schon über eine solche überhaupt in ihr Amt. Und Erpressern gegenüber sind krumme Touren nicht nur erlaubt, sondern ein 'Muss', v.a. dann, wenn man nicht nur für sich, sondern für ein ganzes Land an der Front steht.

Sehr oft sind Erpressungen aber auch ideologischer Natur: der Erpesser will nicht primär einen ökonomischen Vorteil für sich. Es geht ihm um emotionalen Gewinn in Form der Befriedigung darüber, dem Erpressten bzw. dem erpressten Kollektiv einen möglichst grossen Schaden zufügen zu können.

 

W22/13 Gleichheit und Ähnlichkeit

Absolute Gleichheit gibt es nicht. Und sie lässt sich auch nicht herstellen, weder mit Zuckerbrot noch mit Peitsche. was der grossen Mühe wert wäre, ist der Versuch, Ähnliches ähnlich zu behandeln. Aber es gelingt nie ganz, weil es keine absolut gültigen Massstäbe für die Bewertung von Ähnlichkeit gibt. So bleiben menschliche Kategorisierungen, menschliche Begriffe, menschliche Kollektive mit Regeln und Gesetzen stets unvollkommenes Stückwerk und sind nur als Notnägel zu gebrauchen - und nach Ende der Not so rasch wie möglich wieder zu entfernen.

 

W21/13 'Menschlich'?

Der beste Beweis, dass die Sprache wenig mit Realitätsabbildung und viel mit Selbstbeweihräucherung zu tun hat, ist das Adjektiv 'menschlich', das der Mensch von sich als Gattungswesen gebildet, mit triefend lobhudligem Inhalt gefüllt und dem negativ konnotierten 'tierisch' gegenübergestellt hat. Dabei gibt es nichts Unmenschlicheres und sich 'tierischer' Gebärdenderes in Fauna und Flora als den Menschen.

 

W20/13 Flucht

Es gibt unzählige Fluchtwege aus der Eigenverantwortung des erwachsenen, mündigen Bürgers. Einige führen in die individuelle Rückentwicklung, Verblödung und Demenz, andere laden mit missionarischem Eifer Wankelmütige zum Mitlaufen ein und die übelsten entziehen mit Zwang auch den gesunden Erwachsenen ihre Selbstbestimmung. So gesehen scheinen mir Alkohol, Drogen, Sicherheitswahn, Bequemlichkeit, religiöse Eifererei, Wissenschaftsgläubigkeit, ja sogar ideologische Verbohrtheit recht harmlos, solange sie individuell bleiben und nicht mit Machtmitteln ausgestattet sind. Wirklich stinkig für die wenigen, für die 'Freiheit und Abenteuer' mehr als eine Marlboro-Reklame ist, die keinen Fluchtweg aus der Eigenverantwortung suchen, sondern ihr Leben noch selbst gestalten möchten, ist einzig das, was heute am meisten im Trend und bald schon weltweite Mode oder 'Zeitgeist' ist: Die sausende Fahrt in den totalen Wohlfahrtsstaat, der - mit allen Machtmitteln ausgestattet - seine Insassen zu hirnlosen, schutzbedürftigen Idioten macht - allfällig Renitente notfalls mit Gewalt.

Zugegeben: Idioten sind leichter führbar, stellen sich nicht quer. Wenn keiner mehr einen eigenen Gedanken denkt, sinkt die Konfliktquantität - und ist es nicht ein schöner Traum: Lauter gleichgeschaltete, harmonisch spurtreu von der Wiege bis zur Bahre vegetierende Zweibeiner, die nicht mehr dement werden können, weil sie es schon längst sind?

 

W19/13 No shame

Wenn du Axiome - nicht weiter hinterfragte Annahmen - oder gar zu 'absolut richtigen Wahrheiten' erhobene Hypothesen brauchst als Fundamente, um in deiner Welt zurecht zu kommen, so schäme dich nicht. Nutze sie als Hilfsmittel wie die Seitenräder für Kinder, die verhindern, dass das Fahrrad kippt, wenn sie noch Mühe mit der Balance haben. Und wenn dich jemand fragt, warum du so gut zurecht kommest mit deiner Welt, dann darfst du auch von deinen Stützrädern erzählen. Aber versuche nicht, andere zu zwingen, dieselben Hilfen für ihre wackeligen Schritte in ihre eigene Welt hinein zu benutzen.

 

W18/13 Ungeheuer

Schau dir die grossen Deppen der Weltgeschichte an, von den Schlächtern der Antike über Hitler und Stalin bis zu so hirnrissigen Figuren wie Kim Jong Un, tritt einen Schritt zurück und du wirst erkennen: Der Mensch mag ein Ungeheuer sein - aber sogar als Ungeheuer ist er primär eines: lächerlich.

Wenn Sie's gern von kompetenterer und v.a. sprachlich unüberbietbarer Seite hören möchten, sei Ihnen einmal mehr Shakespeare ans Herz gelegt. Zur Erinnerung ein Zitat aus der Komödie 'Measure for Measure', 2. Akt, 2. Szene, Zeilen 117ff; Isabella zu Lucio:

"But man, proud man,
dressed in a little brief authority,
most ignorant of what he's most assured,
his glassy essence, like an angry ape
plays such phantastic tricks before high heaven
as make the angels weep who, with our spleens
would all themselves laugh mortal."

für die, die sich nicht die Zeit nehmen wollen oder können, sich auf die geniale Dichte dieses Shakespeare-Textes einzulassen, hier mein unbeholfener Übersetzungsversuch:

"Doch der Mensch, der eitle Mensch
gehüllt in seine winzig-kurze Macht
verkennt, was in die Augen springt:
sein Spiegel-Wesen. Und wie ein böser Affe
spielt er so hohle Tricks vor hohem Himmel,
dass Engel weinen, die - mit unsrem Zwerchfell -

sich sterblich lachen würden"

 

W17/13 Entwicklung ist Angstüberwindung

Einer der deutlichsten Hinweise auf das Endstadium dekadenter Kollektive ist der Umgang mit Angst. Anstatt dass sich der Angstgeplagte mit dem Angstauslösenden beschäftigt, sich ihm stellt, mit ihm zu kommunizieren und die Angst so zu überwinden versucht, delegiert er sein Problem ans Kollektiv und verhindert so jegliche Entwicklung. Er bleibt in seiner Unmündigkeit stecken, erwirbt keine Kompetenz zur gestalterischen Mitwirkung im Kollektiv. Die logische Folge ist der soziale Wohlfahrtsstaat voller dementer, sich schutzbedürftig wähnender, die eigenen Freiheitsrechte und die dazu gehörige Verantwortung weder kennender noch verteidigender Idioten. Eine zeitlang lässt sich ein solches serbelndes Kollektiv noch von geschickt und machtgeil umverteilenden Apparatschiks über Wasser halten - einfach so lange, bis es nichts mehr umzuverteilen gibt. - Das Positive daran: bislang sind alle derart in die Dekadenz geschlidderten Kollektive untergegangen und schufen damit Platz für neue Gemeinschaften mit jungen, trutzigen, ungehorsamen, ihre Freiheit mit allen Mitteln verteidigenden, verantwortungsgierigen und kampffreudigen Individuen.

 

W14/13 Opfer

Opfer sein ist sooo etwas Schönes, dass unsere Gesellschaft das unangenehme und mit popeligen Begriffen wie 'Verantwortung', 'Haftung', 'Schuld', 'Einstehenmüssen' verunreinigte Antonym, den Täter, einfach abgeschafft hat. Ein einig Volk von Opfern auf dem Weg zum Opferstock - mmmh, riecht das nicht fein nach gebratenem Opferlamm? - Tod, ok, aber wenigstens ein schöner, christlich verbrämter, hingebungsvoller Tod: die westlichen Wohlfahrtsstaaten opfern sich, damit junge Täternationen wie China, Nordkorea und all die aufblühenden Diktaturen in Südamerika und Afrika endlich den ihnen gebührenden Platz an der Sonne kriegen...

 

W5/13 Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppen sind etwas Wundervolles: Sich gegenseitig 'Opfer' auf die Stirn tätowieren und sich dann treiben lassen im warmen Fruchtwasser des 'Bitte-findet-raus-wer-verantwortlich-ist-für-mein-Ungemach-ICH-bin-es-niiicht!' - Neuerdings soll es auch eine solche Gruppe für kritikgeschüttelte Vereins- und Verbands-Ehrenämtler geben...

 

2012

W35/12 Ausreden - Heilpflästerchen für's Ego

Es gibt nichts Hilfreicheres und Wohltuenderes für dein Ego als eine tolle Ausrede. Und wohl kaum eine Sorte Mensch, die darin grössere Meisterschaft entwickelt, als wir Rösseler. Was will der arme Kugelstösser schon sagen, wenn etwas nicht klappt? Die Kugel hätte einen schlechten Tag, sei überhaupt sehr schwierig, eigentlich komme überhaupt niemand klar mit ihr? Sie habe wenig Flugeigenschaften, keine Leistungsbereitschaft, plumpse einfach so in den Sand, lasse sich schlecht motivieren und überhaupt: gestern hätte sie der Heiri gehabt – logisch gehe heute nix mehr! Ja, wenn man natürlich die Kugel des Weltmeisters hätte, dann wäre man natürlich auch immer vorne mit dabei, die fliege ja gratis? – Glaubt ihm das überhaupt jemand oder wird ein solcher Laferi nicht flugs aus dem Kader Richtung 'Geschützte Werkstatt' gestossen? Tja, als Rösseler kriegt man da richtig Mitleid. Das könnte uns nie passieren. Oder hast du schon je einen Rösseler angetroffen, der nicht in jeder Lebenslage eine Ausrede parat hätte, die verhindert, dass auch nur der leiseste Schatten auf ihn fiele? Das Schöne ist doch: Das Pferd eignet sich ideal als Leinwand für jegliche Schuldprojektion – und fällt uns doch nicht ins Wort, auch wenn wir den grössten Stuss quasseln. Nur, von wegen Schatten: Ist es nicht der Schatten, der den Wärmesuchenden motiviert, sich zur Sonne durchzukämpfen?

 

 

W34/12 Die Illusion linker und rechter Politik

Linke und rechte Politik kranken an der Illusion, das 'Alles-ist-eins' der Erleuchtung, die Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung lasse sich mit Gewalt herbeiführen, die Linken durch erzwungene Öffnung und Gleichmacherei, die Rechten durch rassistische oder nationalistische Einmauerung von überblickbaren Kollektiven, innerhalb deren dann möglichst wenig Spaltung sein soll. Beide Wege haben etwas rührend Bemühtes, scheitern aber seit Tausenden von Jahren - und werden weiterhin scheitern, was nicht weiter aufregend ist. Wer den weisen Weg über das freiwillige Suchen nach dem Erlebnis des Einsseins gehen will, braucht Mut, und Mut ist ein rares Gut, vorab in den dekadenten westlichen Wohlfahrtsstaaten. Aber es gab und gibt immer wieder vereinzelte Mutige, die den Weg in aller Stille gehen - und wer am Ziel ankommt, erhebt sich damit nicht über die andern, die noch auf dem Weg sind - denn würde sich der Weise über den andern wähnen, wäre er nicht am Ziel.

 

W33/12 Gratis-Tipp für zeitlosen Ruhm

Angenommen, du möchtest ein richtig gigantisch tolles, weltweit beachtetes A-Loch werden und weisst nicht, wie du das schaffst? Hier der Gratis-Tipp: Fülle die grosse Leere, die du in deinem Kopf spürst, mit irgendwas, was bereits andere für absolut wahr und einzig richtig halten und hilf ihnen, alle noch Lebenden weltweit mit viel Pulverdampf und Säbelrasseln zu zwingen, dieses absolut Wahre und einzig Richtige auch ab sofort und für immer als das absolut Wahre und einzig Richtige anzuerkennen, dafür zu kämpfen und notfalls das Leben dafür zu lassen bzw. das Leben gleich subito zu lassen, wenn sie das absolut Wahre und einzig Richtige nicht als das absolut Wahre und einzig Richtige anerkennen sollten.

Ja, das klingt komplizierter als es ist: Hau einfach denen den Kopf ab, von denen die sagen, du sollest ihnen den Kopf abhauen - eigentlich ganz easy he! Und mach dazu ein Gesicht, wie wenn du in einer höheren Mission stündest. Du stehst natürlich in einer höheren Mission, klar, aber mach auch das nötige Gesicht.

Was denn das absolut Wahre und einzig Richtige ist? Das ist völlig nebensächlich: Zeus, Wotan, Jahwe, Gott, Christus, Allah, Mohammed, Konfuzius, Buddha, der Athe- Kommun-, Vegetar-, Kapital-, Ideolog-, Spirit- oder sonst ein -ismus, die Mutter-, Paten- oder Wissenschaft, die Demo-, Oligo-, Pluto- oder Aristokratie, die Monar- oder Anarchie, deine Nation, dein Idol oder Odol, deine Haut-, Haar- oder Zehennägelfarbe, dein Fussballklub, deine Peters- oder Fam-ilie, deine Rassel- oder Gangsterbande, deine TV-Soap, dein Lieblingssong, dein After-Shave - es ist wirklich Wurst - ja kämpf für die einzig wahre Wurst und wedle mit irgendeiner heiligen Fleisch-Fibel rum, die der über den Wolken thronende Metzgermeister persönlich ediert hat! Hauptsache Kampf und Kopf ab all denen, die nicht für das absolut Wahre und einzig Richtige einstehen. - He und du landest in den Geschichtsbüchern! Kuck mal in eins rein, sie sind voll von genau solchen Typen. Du schaffst es!

 

W32/12 Moderne Kunst

Was wir als 'Kunst' wahrnehmen sollen oder serviert kriegen, ist oft nur der mehr oder weniger toll aufsteigende Dampf aus einem Ventil, das sich bei Verzweifelten öffnet, die in ihrem als elend empfundenen Wahrnehmungsraum keine direktere Handlungsmöglichkeit sehen oder nicht sehen wollen. Selbstverständlich darf man diese These auch auf dieses Notat anwenden, so man es partout unter 'Kunst' subsumieren will.

 

W31/12 Rekord, Rekord!

Der absolute Wahrheitsanspruch, der auch lächerliche Klein-Fundis (na ja, letztlich sind alle Fundis lächerlich, auch Adolf & Co., aber als von Gross-Fundis Abgemurkster vergeht einem wohl das Lachen) wie Hooligans, Wissenschaftsgläubige und Werte-Ideologen antreibt, benebelt die Hirnpotenz so nachhaltig, dass dabei ein Verhalten rauskommt, das im ganzen zurzeit beobachtbaren Universum an Blödheit unerreicht ist. Kein Tier, keine Pflanze, kein Berg, kein Fluss und schon gar kein Planet verhält sich so hinreissend dumm wie der Mensch, der glaubt, seine aktuelle Wahrnehmungsinterpretation sei allgemeingültig.

 

W30/12 Die simple Struktur der Machtgierigen

Machtgierige funktionieren auf denkbar simple Weise. Ihre Gier korrumpiert jegliche höheren Wertmasstäbe, sofern sie je solche besassen. Ob ein eigenes oder fremdes Verhalten kriminell oder sonst ethisch verwerflich sein könnte, fällt ausser Betracht, wenn es dem eigenen Machtgewinn oder Machterhalt dient. Dies macht sie zwar ziemlich ekelhaft, aber so leicht berechenbar wie Drogen-Junkys. Es gibt diese einfach gestrickten Wesen allerdings nicht nur in der besonders popeligen Ausgabe als Diktatoren, Kriegsanzettler oder steuergeile Hehler in sozialen Wohlfahrtsstaaten, sondern auch ganz klein und wurmig in Unternehmen, Vereinen, Verbänden, ja sogar in der Miniaturausgabe in Familien und Zweierkisten. Meist sind sie dumm, hässlich und mit wenig Talent gesegnet – und wissen es, was sie natürlich so erbost, dass sie als Ersatz für Schönheit, Klugheit und Kompetenz wenigstens Macht wollen. Und wenn sie die ergattert haben, dann wehe denen, die ihnen – meist unwissentlich und ohne Absicht – so lange die Schau gestohlen haben.

 

W29/12 Kein Stimmrecht für die am Staatstropf Hängenden

Früher kriegte man für Petzen mindestens eine Ohrfeige, heute mindestens 100 Millionen. Solche Veränderungen in der Wertehierarchie sind interessante Symptome für den Zustand von Kollektiven. Für mich ist die Wendung in der Bewertung des Verrats, des 'Hinten-herum-andere-Schlechtmachens' nicht erstaunlich. Es passt zu den letzten Dekadenz-Zuckungen des sogenannten 'sozialen Wohlfahrtsstaats', der sich auch nicht scheut, kriminelle Handlungen wie Diebstahl zu belohnen, sich selbst zum Hehler zu machen und damit die Grundprinzipien der Rechtsstaatlichkeit mit Füssen zu treten. Die Erkenntnis dämmert vielleicht ganz langsam, dass unsere 'sozialen Wohlfahrtsstaaten' gar keine Rechtsstaaten mehr sind, auch nicht sein wollen. Einziges Ziel ist die permanente und schrankenlose Umverteilung: möglichst täglich soll dem, der irgendwas hat, weggenommen und dem, der ebendies nicht hat, gegeben werden, unabhängig von der Motivation der Beteiligten. Die Kurzsichtigkeit und Dummheit dieses Ziels zeigt sich darin, dass die Promoter dieser Umverteilung von einem immer gleich fett bleibenden Substrat ausgehen, von einem Topf, der sich immer wieder quasi automatisch füllt. Dass denen, die den Topf füllen, irgendwann die Motivation abhanden kommen könnte und sie das Land verlassen, das sie so schröpft, wird nicht bedacht. Ebensowenig dass bei denen, die ständig kriegen ohne etwas dafür zu tun, auch nicht gerade die dem Kollektiv nützlichsten Eigenschaften gefördert werden. Die aktuelle Verschuldung der sozialen Wohlfahrtsstaaten führt zu immer verzweifelteren Versuchen der Apparatschiks, überall zu holen, wo noch was zu holen sein könnte. Anstatt die eigenen Steueroasen zu plündern (wo vielleicht ja das eigene Geld sich anhäuft), werden ausländische Steuerparadiese angegriffen - und dies mit allen, eben auch kriminellen Mitteln und Massnahmen wie dem Belohnen von Diebstahl, Verrat und Petzerei. Dass auch dies nicht zur Gesundung der Haushalte führt, liegt auf der Hand. Aber wer wiedergewählt werden will, kann es sich nicht leisten, zum Sparen aufzurufen. Denn die, die am Umverteilungs- und Staatstropf hängen, dürfen leider auch abstimmen - etwas, was im Athen der Antike undenkbar gewesen wäre. Aber nicht einmal Blocher getraut sich, den Vorschlag zu machen, den ich hier mit Vergnügen bringe: Sozialhilfebezüger gehören nicht an die Urne. Wie sollen sie mit staatsbürgerlicher Distanz klug über Ab- oder Ausbau der Sozialhilfe abstimmen, wenn sie selbst Nutzniesser sind? Ihnen fehlt die Demokratiefähigkeit. Der Entzug des Stimmrechts hätte einen doppelten Effekt: es wäre wieder etwas ehrenrührig - wie weiland bis in die 50-er Jahre die Armengenössigkeit - und es gäbe eine kleine Motivation, sich aus dieser Abhängigkeit zu befreien. In Deutschland gibt es junge Leute, die auf die Frage, was sie mal werden möchten, sagen "Hartz-IV-Empfänger wie meine Eltern!" - Tja, schon schade dämmert am Horizont die grausliche Erkenntnis, dass auch die Segnungen des Sozialstaats nicht ewig währen...

 

W28/12 Kommunikation mit Nichtmenschen

Solange wir uns nicht mit Entitäten unterhalten können, die ein anderes als ein menschliches Bewusstsein haben, fehlt uns die für wissenschaftliche Analysen notwendige Distanz zum untersuchten Objekt: das menschliche Bewusstsein kann mangels Beobachtungsdistanz keine stringenten Aussagen über sich selbst machen. Grund genug, Kommunikationsversuche mit aussermenschlichen Entitäten wie Tieren, Pflanzen, Bergen, Gewässern, Planeten und Sonnen zu machen. Dazu braucht es kein esoterisches Gehauche und kein spirituelles Gefasel. Wissenschaftliches Interesse und Offenheit genügen.

 

W27/12 Einladung zum religiös-rituellen Beamtenmord

Wenn man bei der Verstümmelung Abertausender von Mädchen auf Rücksicht zählen kann in der vorgeblich aufgeklärten westlichen Welt, nur weil man diese abscheuliche Straftat religiös begründet, wieso soll ich denn hinter Gittern schmoren, wenn ich etwas für alle von Beamten Gepiesackten - und das sind so ziemlich alle, denn auch Beamte werden von anderen Beamten gepiesackt - wenn ich also etwas tue, was alle glücklich macht, indem ich Beamte in einem wunderschönen Ritual in kleine Stückchen zerlege, sie grilliere und dem grossen Apparatschik hinter den Wolken opfere? Nur schon die Vorstellung von diesem auch die Weltbevölkerung meines Erachtens genau am richtigen Punkt regulierenden Ritual zaubert bei den meisten ein Lächelns auf's Gesicht. Ausser vielleicht bei den Umgelegten.

 

W26/12 Der Mangel an Mangel

Der grösste Irrtum des sozialen Wohlfahrtsstaats ist das verzweifelte Vermeiden des Mangels, ein an Dummheit kaum zu überbietendes Unterfangen, das selbstverständlich misslingt, da es zum Mangel an Mangel führt. Und - auch das sollte sogar für Halbschlaue nachvollziehbar sein - Mangel ist die stärkste Triebfeder aller Entitäten auf unserem Planeten. Schon ein wenig anspruchsvoller, aber immer noch Grundschulhirnstoff ist der Gedanke, dass 'Mangel' immer ein rein subjektives Empfinden ist und es unmöglich ist, für andere festzulegen, was sie als zu beseitigenden Mangel wahrzunehmen haben. Genau das tut aber der Wohlfahrtsstaat mit der Differenziertheit einer serbischen Dampfwalze.

 

W25/12 Kurztheorie der Macht

Nur der Mensch steht sich so ätzend vor dem Glück, macht ein so gigantisches Theater um das herrlich-harmlose und doch lebensnotwendige Wohlbefinden, das Körperkontakt auslösen kann. Ein Wurf Welpen, kreuz und quer ineinander verschlungen, schlaftrunken abwechslungweise oder gleichzeitig an der Mama nippelnd... Übertragen auf den Menschen wären das notgeile, bisexuelle, inzestuöse Halbwüchsige, die ihre Mutter übelst missbrauchen und alle lebenslänglich verwahrt gehören. - Delphinweibchen, die es mit jedem Männchen der Gruppe treiben, wenn sie merken, dass sie aufgenommen haben - damit sich jeder als Vater fühlt und sich um den Nachwuchs kümmert. Ich erspare euch die Analogie...

Körperkontakt ist bei Menschen streng reglementiert und - Gipfel der Lächerlichkeit in einer vorgeblich 'aufgeklärten', globalisierten' Gesellschaft - seine Vermeidung meist mit religiösen Argumenten legitimiert. Aus der Sicht der Machtgierigen nachvollziehbar: Frustrierte und Verängstigte sind leichter am Gängelband herumzuführen als Glückliche, Selbstsichere, die ihr Bedürfnis nach körperlicher Nähe befriedigen können ohne schlechtes Gewissen. Deshalb - Kurztheorie der Macht - wenn du Macht über Viele ausüben möchtest, versuche mit allen Mitteln, die einfachsten, natürlichsten Dinge zu verbieten oder wenigstens als moralisch verwerflich hinzustellen, erfinde grausliche Szenarien für die Ungehorsamen, Abtrünnigen - aber lagere sie in eine Sphäre, von der nie eine Mängelrüge oder ein beglückter Ferienkartengruss kommt, der womöglich zeigen würde, dass irgendwas an den pharisäischen Prognosen falsch war oder dass es gar nicht so höllisch sei da unten.

Nun - velleicht war das ja eher eine Kurztheorie der Entstehung der Religionen als eine Kurztheorie der Macht - und - noch vielleichter - ist es ja das Selbe?

 

W24/12 Fidelisierung

Am Anfang jeder Revolution steht das Hinterfragen des Bestehenden - und am Ende jeder Revolution steht die Erstarrung, die Zementierung des neuen 'Bestehenden'. Man könnte diesen Prozess auch 'Fidelisierung' nennen, denn wo ist dieser Prozess plakativer, komödienhafter inszeniert worden als in Kuba?

 

W23/12 Die Halbschlauen

Der ganz Simple und der ganz Weise brauchen keine absoluten Wahrheiten. Denn der Einfältige macht sich gar keine Gedanken darüber, ob irgendwas nicht nur für ihn und seine Fussballmannschaft, sondern gleich für die ganze Welt gelte - und der Weise hat eine so starke Persönlichkeit entwickelt, hat soviel Distanz zum Treiben und soviel Einsicht in die Relativität aller menschlichen Wahrnehmungsinterpretation, dass er ohne absolute Wahrheiten zurecht kommt. Aber die vielen Halbschlauen dazwischen....

 

W22/12 Diktatoren-Heime

Eine echt tolle Innovation wären schnuckelige Heime für Diktatoren (und solche, die es werden möchten). Jedes Diktatörlein hätte in seinem geschützten Raum seine ganz für und - falls sein IQ das zulässt - von ihm programmierte Spielkonsole. Er könnte sich in seinem Heim-Spiel zum Gott machen und ganze Universen zerstören. Und falls dann abends immer noch ein Bisserl Trieb übrig wäre, gibt's ein halbes Viagra und eine Gummipuppe mit ins Bettli. Die von Putin hiesse 'Pussypussy'.

 

W21/12 Demut

Klingt sie nicht schön, ethisch wohltuend, kantenlos weich, die Demut? So viel gottgefälliger als der Hochmut? Könnte es nicht sein, dass sich hinter dieser Wertung eine dicke Portion Feigheit verbirgt? Die Haltung des feigfaulen Schwächlings, der seine Mickrigkeit, seine Mutlosigkeit, sein Kriechertum und seine Unfähig- und Unwilligkeit, Verantwortung zu übernehmen, hinter dem Deckmantel frömmlerischer Selbstaufgabe verbirgt? Und der im Tiefsten neiderfüllt auf den Abenteurer, den Risikofreudigen, den mit hohem Mut Ausgestatteten schielt, darauf wartend, dass der Starke stolpere, dass dem Mutigen etwas misslinge und er mit hämischer Schadenfreude auf ihn zeigen könne? - Die zeitgenössische Ausgabe des heuchlerisch-frommen Feiglings früherer Jahrhunderte ist der vom Sozialstaat jeglicher Mündigkeit enthobene, am Kollektivtropf nuggelnde Fettwanst, der auf das Hartz-IV-Sofa gefläzt vor der Glotze sitzt und sich rülpsend durch die Abenteuer-Sequenzen der wenigen auf der Bühne verbliebenen Akteure zappt - demütig selbstverständlich.

 

W20/12 Anleitung zum Überleben (für Männer, mit Frauen)

1. Lass dir jeden Tag eine neue Lüge einfallen, die stets dieselbe Botschaft an deine Partnerin, Freundin, Gattin neu verpackt: "Ohne dich, meine Göttin, Königin, mein Engel, meine Angebetete etc. (Liste mit viel Phantasie und Online-Synonymwörterbüchern endlos verlängern!) wäre mein Dasein wertlos, sinnlos, unerfüllt, hohl, leer, eigentlich undenkbar, suizidal, dem Untergang geweiht etc. (auch diese Liste verlängern!) und beweise ihr die Wahrheit dieser Lüge mit äusseren, handfesten, sicht- und spürbaren, durchaus auch Geld gekostet habenden Zeichen wie Blumen, Schmuck, Klamotten, Schuhen, Urlaubstickets, Haushaltgeräten, Ferienhäusern, Inseln, aber auch Kniefällen, Gedichten, Verehrungsliedern, dem Angebot, sie zum Altar zu führen (falls du das nicht unüberlegterweise bereits getan hast), mit ihr Kinder zu zeugen (und gross zu ziehen!) - naja, die letzten beiden Dinge solltest du dir gut überlegen; du fährst auch mit sehr teurem Schmuck oder einer günstigen Insel in der Ägäis wahrscheinlich billiger, vor allem seelisch.

2. Sage einer Frau nie - hörst du: NIE! - deine Wahrheit. Ausser du willst sie sofort loswerden. Dann - und nur dann - kannst du ihr sagen, dass du heute lieber mit deinen Kumpels das Spiel anschauen oder sonst was Heiter-Unbeschwertes unternehmen möchtest, als auf glühenden Kohlen jegliche Spontaneität unterdrückend, jedes Wort auf die Goldwaage legen, Interesse für biologisch-dynamisch-vegetarisch-vegane Ernährung und kinderarbeitsfrei produzierte, dafür 10mal teurere Schuhe heucheln zu müssen, um dann - vielleicht, wenn nicht ein kleiner Migräne-Anfall, eine Zwischenblutung oder der Anruf der besten Freundin dazwischen kommt, den Hauch einer Chance zu haben, Ewigkeiten an ihren vom Tragen unmöglicher, aber sündhaft teurer Schuhe arg verformten Füssen, ihren trotz gesundester Ernährung doch immer noch mit dem Makel der Cellulitis befallenen Weichteile und anderen, für dich nicht wirklich hochinteressanten Teilen (sag ihr das nie!) rumzumachen, bis dann - sehr vielleicht - sie sich hinreissen lässt, sich und mit Glück sogar auch dich... na ja, du weisst schon. - Bedenke also: Wenn du eine solche oder ähnliche innere Befindlichkeit auch nur andeutest, kannst du deine Sachen packen. Auch und gerade, wenn die Wohnung oder das Haus dir gehört. Denn vor Gericht haben Opfer immer die besseren Chancen. Und beim Spielen der Opferrolle sind wir Männer geradezu Stümper im Vergleich mit der facettenreichen Brillanz, mit dem geschickten Einsatz von Pathos, Reue und Schmerz, den Frauen dabei auf die Bühne bringen können.

 

W19/12 Die simple Psyche des Mannes

Eine der übleren Folgen der politischen Emanzipation der Frau ist das exponentielle Wachstum linker, lieber, aber unsäglich weltfremder Ideen. Wie kann man die an sich simple Psyche des Mannes so missverstehen, dass man ihm die einzige legale Ausrede, die es ihm erlaubt, möglichst täglich die nötige, heilende Distanz zu Weib und Kindern aufzusuchen, zwangsweise entzieht, indem man ihn in Rente schickt? Oder, noch schlimmer, indem man ihm einen staatlichen Monatslohn zahlt, sodass ihm die Ausrede bereits genommen ist, bevor er sich überhaupt auf eine Beziehung einlässt? Tut er es trotzdem, ist er ein armes Schwein. Denn sobald er irgendwas tut OHNE die Ausrede, er müsse Geld verdienen für den Unterhalt der Familie, könnte er ja gerade so gut zuhause bleiben und der Frau im Haushalt und bei der Erziehung zur Hand gehen. - Dann bleibt ihm nur noch Demenz, Infarkt oder Flucht, um der tödlichen Nähe aus dem Weg zu gehen.

 

W18/12 Die Schweiz halbieren

Wie wär's, wenn wir die Schweiz halbierten? In der einen Hälfte der totale Schutz, die totale Sicherheit dank totalem Staat mit Regeln für alles und jedes und Beamten für alles und jedes - also fast wie jetzt. Die andere Hälfte ein Nachtwächter-Staat ohne Beamte, wo sich die Bewohner landsgemeindeartig über das Allerallerallernotwendigste einigen, immer nach dem Motto: "Jede zwingende Regel schafft Unfug, Unsinn und Ungerechtigkeit", also so wenig wie möglich davon. Wo würdest du leben wollen?

 

W17/12 Neue Landeshymne

Frohe Kunde: bald gibt es nur noch Beamte! Wir alle sind im Solde des Wohlfahrtsstaats! Auch ich habe bereits ein Angebot vom Bundesamt für Kackommunikatzion erhalten: ich bin Agent 64152427113 und darf eine neue Landeshymne texten. Einfach ohne 'Morgenrot', das verbiete sich in der Finanzkrise. Hingegen sei das 'Ahnen' drin zu lassen. Bei unseren Ahnen ahnte ja die fromme Seele etwas. Heute sind es eher Investmentbanker, und die sind in der Regel weder fromm noch haben sie Seelenanteile - zumindest solange die nicht börsenkotiert sind.

 

W16/12 Vor- und Nachteile der Macht

Warum ist der Beamtenstatus so begehrt? Vielleicht, weil man alle Vorteile der Macht hat, ohne ihre Nachteile? Man kann andere Menschen gängeln, belästigen; ja nur schon andere endlos warten zu lassen ist doch ein Genuss. Denn der Beamte ist in der Regel ein konkurrenzloses Nadelöhr, durch das man - zwingend und alternativlos - durch muss. In der Privatwirtschaft gibt es immer Alternativen: Wenn die Kassierin im Laden A unfreundlich, der Salat angefault, der Parkplatz zu teuer ist, geht man in Laden B. Beim Beamten ist da nix drin. In gewissen Fällen kann man vielleicht den Zeitpunkt des Kontakts verschieben, wenn man sieht, dass gerade ein besonders übles Exemplar Dienst tut. Aber wer sagt denn, dass am nächsten Tag was Angenehmeres auf dem Platz sitzt? Der Beamte muss sich in aller Regel nicht um seine Kunden kümmern, muss sich nichts einfallen lassen, um die Kunden zu gewinnen, zu binden, zu halten. Er muss auch nicht effizient sein, geschweige denn gut oder gar brillant. Sein Lohn ist nicht an seine Leistung gekoppelt. Er wird weder grösser bei herausragendem Einsatz noch kleiner bei Kotzbrocken-Verhalten. Dass dies auf das Verhältnis zwischen herausragenden und Kotzbrocken-Beamten einen Einfluss hat, der klar die Tendenz zugunsten der Kotzbrocken stärkt, ist eigentlich auch für Leute mit bescheidenen geistigen Möglichkeiten nachvollziehbar. Und genau die wollen dann Beamte werden. Weil sie wissen, dass sie mit selbst erarbeiteter Macht nie zu solchen Jobs kämen, wo sie so herrlich andere runtermachen, unten halten, belästigen können - je nach Position vielleicht auch verhaften, einkerkern, schnoddrig vernehmen oder - welch ein Hochgefühl! - sogar ein klitzeklein wenig fölterlen können. Nicht jeder träumt auch davon, andere umlegen zu können. Das ist dann doch das Privileg der Militärs und der höheren Politiker. Aber attraktiv ist das natürlich schon: wer einen legitim umbringen darf, ist vielleicht ein Polizist, wer mehrere straflos ins Jenseits befördert, vielleicht ein Soldat, wer reihenweise Leute von der Karte pustet, könnte General sein und - das wäre dann in dieser Hierarchie das höchste - wer ganze Völker oder wenigstens Volksteile, Ethnien umbringt, ist ein Staatsmann, wenn es Millionen waren, ein grosser. Von dieser letzteren Sorte gibt es verständlicherweise nicht sehr viele, weil es ja auch gar nicht so viele Völker gibt, die man vergasen oder sonstwie beseitigen könnte, aber das Spiel mit der geliehenen Macht mach auch im Kleinen Spass.

Und eben: Die Nachteile der Macht, z.B. die Verantwortung, die hat man als glücklicher Beamter eben nicht. Jeder Nicht-Beamte muss für das, was er tut, gerade stehen und haftet für das, was er anrichtet (ok es gibt da ein paar Ausnahmen, z.B. gelten die Banker in unserer Gesellschaft als zu unerwachsen, als dass man sie für ihre Misswirtschaft haften lassen könnte. Man sprach deshalb früher auch von 'Bankbeamten', weil sie dieselbe Haftungsfreiheit genossen wie die 'richtigen' Beamten, die bei all ihren Handlungen - und vor allem, was häufiger vorkommt, bei all ihren Unterlassungen - stets die Hände in Unschuld waschen können mit dem Lebensmotto: "Ich halte mich nur an die Vorschriften!" Damit ist der Beamte auch völlig befreit von einem weiteren Nachteil, der sonst mit Macht verbunden ist: dem Denken. Wer sich als Privater, als Unternehmer Macht erarbeitet, muss schon bei diesem Prozess autonom denken, erst recht aber bei der Ausübung und beim Erhalt der Macht. Herrlich dagegen die Situation des Beamten: er muss weder etwas denken noch etwas können. Er muss auch die Vorschriften nicht verstehen, die er durchsetzt; er muss sie nur einhalten - und vor allem dafür sorgen, dass wir, die hochverdächtigen, nicht zu seiner Kaste gehörenden Privatmenschen, sie einhalten, ansonsten... Natürlich wünscht sich der Beamte zutiefst, dass wir die Vorschriften NICHT einhalten, denn nur so kann er seine unmittelbare Macht auch ausüben und spürt sich selbst, wenn er Nachteile androhen, mahnen, strafen, foltern oder - Klimax der Lust - töten kann.

Nun könnte diese doch etwas gruselige Vorstellung dazu angetan sein, den Nicht-Beamten das Leben gründlich zu vermiesen. Ganz so schlimm ist es aber nicht, da auch hier die Sinuskurve spielt: in Frankreich ist es ja schon fast so weit, dass alle Insassen Beamte sind, und in kommunistischen Staaten war es sogar ganz so, dass alles dem Staat gehörte und jeder, der damit irgendwas tat, staatliche Macht ausübte. Deutschland, der alte Preussenstaat, hinkt zwar quantitativ noch leicht hinter Frankreich her, aber qualitativ sind die deutschen Beamten natürlich 1A! Die lassen nichts anbrennen und scheuen auch vor kriminellen Handlungen nicht zurück, wenn sie nötig sind, um den heiligen Vorschriften Nachachtung zu verschaffen.

Und doch funktioniert das unterhaltsame Spiel natürlich auf die Dauer nicht, da ja irgendwann gar keiner mehr da ist, den man nach Herzenslust gängeln und quälen könnte, wenn das ganze Kollektiv nur noch aus denen besteht, die gängeln und quälen möchten. Deshalb gibt es dann irgendwann einen Umschwung: der Spass an der geliehenen Macht nimmt ab, da man sie nicht mehr so richtig geil ausleben kann und es wird wieder lustvoller, selbst etwas auf die Beine zu stellen, sich dem Abenteuer des Wettbewerbs zu stellen, bis es dann irgendwann wieder dreht... Es ist doch wie mit allen Furzideen linker Provenienz: sie führen früher oder später in den Bankrott, in den totalen Stillstand. Der ist im Idealfall dann erreicht, wenn solange umverteilt wurde, bis es nichts mehr umzuverteilen gibt und es deshalb auch keine Beamte mehr braucht, die diese permanente Umverteilung durchführen. Dieser untere Wendepunkt der Sinuskurve ist - so scheint es mir zumindest - bald erreicht. Und ich freue mich drauf! Denn dann geht ja die Gegenbewegung wieder los und es geht aufwärts, zumindest wenn man eine Zunahme des autonomen Denkens und Handelns, ein Wachsen der Freiheit und der Verantwortungsübernahme durch den Einzelnen und den bewussten, eigenverantwortlichen Umgang mit Macht als 'aufwärts' wertet, wie ich das - mit Vorfreude - tue.

Wobei, ganz ehrlich, ich hab mich auch schon erwischt beim Gedanken, wie es denn wäre, wenn ich die Macht geliehen bekäme, alle Beamten, die mich oder meine Nächsten und Freunde schon mal zur Weissglut brachten, im Gegenzug auch ein wenig zu ärgern oder gar - nur ein ganz klitzeklein wenig - zu quälen. Ich wäre dann sowas wie ein Chefbeamter in einem Lager für Beamte, die zu beamtisch waren und dürfte sie - natürlich streng nach Vorschrift - korrigieren, reparieren, therapieren, soweit letzteres überhaupt möglich wäre.... Hmmm ich weiss wirklich nicht, ob ich der Versuchung widerstehen könnte :-)

 

W15/12 Die ideale Distanz

Eine meiner banal klingenden und im Alltag doch recht nützlichen Maximen lautet: "Bemühe dich stets, die ideale Distanz zu finden zu dem, was du wahrnimmst!" Das kann sich auf die heisse Herdplatte oder Minderjährige, die Kälte Sibiriens oder Silvias, die Zuwendung eines Hundes oder eines Krokodils und auf vieles mehr anwenden lassen und lohnt sich in der Regel - vor allem bei Fällen wie dem Krokodil oder seinen zweibeinigen Verwandten. So weit so gut, nur: manchmal liegt es nicht in unserer Macht, die ideale Distanz zu bestimmen und zu wahren. Davon wissen Verheiratete, Angestellte und andere Gefangene ein Lied zu singen. Aber auch ledige, selbständige, zur Zeit gerade in Freiheit Lebende wie ich kennen diese Sorge. Z.B. bei der Wunschdistanz zu Beamten, die bei mir ähnlich wie bei radioaktiven Abfällen rund 10 Lichtjahre beträgt. Die wird regelmässig unterschritten und - angesichts der Tatsache, dass in Bälde auch in Helvetien - wie bereits in den anderen sozialen Talfahrtsstaaten rundum - die erdrückende Mehrheit der Insassen Beamte sind, bleibt nur die Flucht in eine andere Galaxie - und diese gelingt natürlich erst, wenn Raumschiff Enterprise sich endlich aus der fiktionalen Distanz löst und vor mir zwischen den Kuhfläden und Pferdeäpfeln landet!

 

W14/12 Das Theater um 'religiöse Gefühle'

Woher und warum eigentlich dieses hosenkackig-weicheiige Schwanz-Einziehen vor Fanatismus und Terrorismus, sobald er religiös begründet wird? Wieso sollten just religiöse Gefühle, Überzeugungen und Rituale eine Sonderbehandlung verdienen in einem säkularen Rechtsstaat? Ob mich jemand ungefragt mit materiellen oder geistigen Produkten belästigt, ob er dabei zu Mitteln wie Drohungen, Mobbing, Ausgrenzung, Vertreibung, Mord oder Völkermord greift, es bleiben doch dieselben Straftatbestände, völlig unabhängig davon, ob der Täter religiös motiviert war oder nicht? Und Körperverletzung bleibt doch Körperverletzung, ob nun jemand aus einer abgeschnittenen Knabenvorhaut ein Potenzmittel destilliert, aus einer abgekluppten Mädchen-Klitoris ein Männerspielzeug macht und verkauft - oder ob der Trottel religiöse Motive vorschiebt? War das nicht mal eine der Grundideen der Aufklärung, alles Religiöse in die Privatsphäre zu verschieben? Ging dabei vielleicht vergessen, einen Straftatbestand einzuführen für das ungefragt mit religiösem Geschwafel Belästigt-Werden? Für all die offensive Missioniererei, die das Religiöse wieder aus der Privatsphäre herausreisst? Heisst das Motto eines modernen Rechtsstaates zum Thema Religion nicht schlicht: "Es ist völlig Wurst, mit welcher Religion du offen und tolerant bist"? Die Toleranzforderung geht aber an die Religionsausübenden untereinander, nicht an den Rechtsstaat, der seine Regeln mit derselben Konsquenz durchzusetzen hat gegenüber religiös motivierten Rechtsbrechern wie gegenüber allen anderen. Religion ist nie und nimmer eine Legitimation für einen Rechtsbruch, und Gefühle sind etwas überaus Interessantes und ab und zu auch Erfreuliches, aber als Ausreden für Rechtsbrüche taugen sie nicht, auch wenn sie als 'religiöse' verpackt daher kommen.

 

W13/12 Pfeift auf die Regeln!

Das Hinterfragen aller Regeln - und das Missachten der vielen unnötigen und stupiden darunter zugunsten einzelfallgemässer, von gesundem Menschenverstand geleiteter Entscheide würde zur täglichen eisernen Ration, zum unverzichtbaren Lehrplan jedes liberalen Kollektivs gehören - als Gegengewicht zu totalitären Kollektiven wie den Diktaturen des Proletariats, die von den sozialen Wohlfahrtsstaaten schon bald überholt werden mit der blinden Gehorsam verlangenden, ins Uferlose wachsenden Unzahl idiotischer Regeln, Anweisungen, Geboten, Verboten, Verordnungen, Gesetzen und Verfassungsfesseln. - Doch liberale Kollektive scheinen ausgestorben zu sein, falls es sie denn je gab und diese schöne Furzidee von Freiheit und Autonomie nicht nur dem Wunschdenken hoffnungslos naiver Optimisten wie mir entsprungen sind.

 

W12/12 Freiheitsstimmung

Das Mass der in einem Kollektiv virulenten Stimmung in Sachen Freiheit und Eigenverantwortung lässt sich an der Heiterkeit und Unbekümmertheit bei der Übertretung von Regeln und der Missachtung von Verboten ablesen. Der Eigenverantwortliche macht mithilfe des eigenen gesunden Menschenverstands eine spontane und schnelle Abwägung der in Frage stehenden Rechtsgüter - und entscheidet sich im Zweifelsfall für die Freiheit, nach eigenen Regeln zu handeln - und die Verantwortung zu tragen, wenn das Kollektiv laut aufschreit und mit nackten Fingern auf ihn zeigt.

 

W11/12 Der Trick der Wissenschaft

Seit der Demontage der Autorität der katholischen Kirche in der Aufklärung war kein Glaubenssystem erfolgreicher als die Wissenschaft. Ihr Trick: sie ersetzte das Wort 'glauben' durch 'wissen' und umflorte es mit einem Wahrheitsanspruch, der höher sein sollte, weil er tiefer war.

Das Markenzeichen der wissenschaftlichen Aussage ist ihre Falsifizierbarkeit. Die Wissenschaft gibt zu, dass alles 'Wissen' relativ und nur vorübergehend gültig ist, es sich also um das handelt, was die Alltagssprache 'glauben', 'für wahrscheinlich halten' nennt. Dies im Unterschied zu religiösen oder ideologischen Aussagen mit ewigem und absolutem Gültigkeitsanspruch, was dem entspricht, was man in der Alltagssprache als 'wissen' bezeichnet. Der Unterschied liegt also nur im - in beiden Fällen unberechtigten - Wahrheitsanspruch. Bei Licht besehen sind menschliche Wahrnehmungsinterpretationen immer relativ, subjektiv, da sie nie von einer unabhängigen Instanz - z.B. einer Intelligenz mit einem nicht-menschlichen Bewusstsein - geprüft werden können. Mithin handelt es sich bei allem menschlichen Gefasel stets nur um ein 'Für-wahrscheinlich-Halten', ob man es nun mit fanatischer Glut in den Augen 'glauben', oder mit cooler Arroganz 'wissen' nennt.

 

W10/12 Vom Aussterben bedroht!

Ein Abenteuer ist immer ein Handeln, Fühlen oder Denken mit unsicherem Ausgang. Deshalb erfordert jedes echte Abenteuer Mut, Offenheit und ein gerüttelt Mass an Angriffigkeit. In den dekadenten, sozialen Wohlfahrtsstaaten, deren entmündigte und verblödete Insassen von der Wiege bis zur Bahre nach vollumfänglicher Sicherheit schreien und sich lebenslänglich in den Windeln des totalen Fürsorge- und Kontrollstaates suhlen, sind diese Eigenschaften akut vom Aussterben bedroht - und mit ihnen das Abenteuer, und das, was in vorblaustrümpfig-patriarchalischen Zeiten unter dem zugegebenermassen etwas ungeschickten Label 'Männlichkeit' bewundert, besungen, beschrieben, gemalt, in Holz, Stein, Marmor und Metall gegossen wurde - und auch damals schon ebenso häufig in weiblichen Wesen auszumachen war. Jeanne d'Arc lässt grüssen. Moderne 'Helden' sind das Gegenteil: Whistle-Blower, Petzer, Verräter, Daten-Diebe - lauter Feiglinge, die noch vor lumpigen 40 Jahren auf jedem helvetischen Pausenplatz den Ranzen voll gekriegt hätten. Unsere Lehrer und Eltern hörten gar nicht hin, wenn einer petzte. Kleine erhielten eins auf's Maul, Grösseren wurde die Sache mit der Verräterei in scharfem Ton erklärt und es wurde ihm der Ostblock, die Stasi, die Verbindung von Gesinnungs-Schnüffelei und Diktatur unter die Nase gerieben. - Heute werden die Widerlinge gesetzlich geschützt, zum Petzen motiviert, in den Medien gefeiert, vom höchsten Gerichten gesegnet - und vom profitierenden Staat fürstlich entlohnt. Vielleicht ist ja das, was in einem Kollektiv als 'Held' gilt, eines der sichersten Dekadenz-Zeichen, ein Hinweis darauf, wie nahe eine Gesellschaft schon vor dem selbstverschuldeten Verschwinden steht?

 

W9/12 ...und erlöse mich vom Denken, denn dein...

Menschen sind zu allem bereit, wenn ihnen die Anstrengung des Denkens abgenommen wird. Sie verkaufen ihre Freiheit, ihre Würde, ihren Anspruch auf Entwicklung. Und es findet sich immer eine machtgeile Institution, die in die Lücke springt. Früher dachte die Kirche für die von Denkfäulnis Gezeichneten, dann sprang die Wissenschaft herbei und riss sich einen fetten Brocken raus, und seit es Menschen gibt, gab es Marktschreier, Anpreiser, Propheten und Gurus jeder Couleur, Werbe-Profis für äussere und innere 'Heils-Produkte' - und immer wieder der Staat, der von seinen Insassen sogar angefleht, ja per Abstimmung dazu gezwungen wurde und wird, für 'alle' zu denken.

Kein anderer Markt ist so unendlich gross, hat so herrliche Zukunftsaussichten, nach keinem Produkt wird mehr und intensiver gegiert als nach dem 'richtigen Wissen', nach dem 'verlässlich Wahren', nach den 'gesicherte Orientierung gebenden Erkenntnissen'. Drum prüfe, wie weit der Fäulnis-Prozess bei dir schon fortgeschritten ist: Vielleicht reichen die Reste deines Denkvermögens ja gerade noch aus, um wenigstens ein paar wenige andere am Gängelband herum zu führen? Am einfachsten ist es, du wirst Politiker, das erfordert keine Ausbildung, ausser reden zu können, ohne etwas zu sagen. Am besten ein Linker, da kannst du das Geld der andern verteilen, das macht zusätzlich noch Spass. Oder werde Werber und steck dir so richtig hohe, herausfordernde Ziele wie zum Beispiel, das Bedürfnis nach eingepackter Scheisse in die leeren Hirne der nach Führung Dürstenden einzupflanzen. Falls du nicht über genügend Geschick dafür verfügst, kannst du aber auch Lieferant des Werbers werden. Um ein erfolgreicher Unternehmer zu werden und irgendein unnötiges Produkt zu fabrizieren, brauchts aber etwas Anfangskapital. Mach's dir doch leichter und werde Künstler. Produziere die vom Werber dann zu promovierende eingepackte Scheisse, die du als der Weisheit letzter Schluss, als 'Spiegel unserer Zeit' anpreist und vielleicht gar nicht so daneben liegst damit. Wenn nichts hilft, werde Pfaffe oder - weniger ausbildungsintensiv und einträglicher - schnapp dir was aus dem Eso-Markt, werde Guru, gründe eine Bewegung, werde Krieger des Lichts oder des Nichts, des Schattens oder des Begattens, verbinde dich in schlierigen Nächten mit dem Erzengel Spaniel und verkünde, dass Spanien nicht Fussballeuropameister wird, da es gesündigt hat im Bankensektor - und du wirst zu einem Siegeszug antreten am, im und auf dem Boulevard, denn haften für dein Gestammel wirst du nie: wenn sich das Prophezeite bewahrheitet, bist du der Held, wenn nicht, hat Spaniel Mist erzählt, sich im Planeten geirrt oder halt schlicht den Ein-, Durch- und Überblick verloren. Und sei dir nicht zu schade, von der grossen Urmutter der Entmündigungs-Profis zu lernen: studiere die durchstrukturierte Hierarchie, geniale Einfälle wie die jungfräuliche Empfängnis, die Beichte (was für ein effizientes Mittel zur Festigung der Macht über den 'gläsernen Kunden'!), die Fundrising- und Motivationstechniken - modernere, elegantere Formen der mittelalterlichen Ablasszettel, die ja damals mit Anlass waren für die leidige Abspaltung der Protestler unter Luther. Freue dich über die Herrlichkeit der Mängelrüge-Freiheit bei allen religiösen bzw. spirituellen Produkten und Dienstleistungen, die erst nach dem Tode des Kunden fällig werden: bis heute ist keiner zurückgekommen, um sich zu beschweren. Von diesem eleganten Trick lebt - oder besser: stirbt - ja auch der islamische Selbstmordattentäter. 19 Jungfrauen soll der - meist junge, zumindest noch im sexuell aktiven Alter stehende - Mann kriegen im Himmel, wenn er sich da samt ein paar netten Zeitgenossen im Lift, im Bus, im Kino, auf dem Marktplatz, im Flugi oder sonstwo in die Luft sprengt - und wenn es lauter Israelis oder Amis waren, die mitflogen, gibt's da sicher locker noch eine zwanzigste Jumpfer als Bonus obendrein. Tja, dann mal los - ausser du seist eben auch schon so weit angefault, dass du doch lieber mal schaust, was denn gerade (Denk-)Mode ist, was andere für dich gedacht haben. Du wirst ganz bestimmt fündig, mit oder ohne Fernbedienung.

 

W8/12 Wie geht es dir?

Wie wär's, wenn wir uns diese Frage - und umgekehrt die Beantwortung, falls sie uns gestellt wird, abgewöhnten? Oder sie, wie in gewissen effizienzbetonten Unternehmen sogar offiziell angeordnet, stereotyp mit "Danke, ausgezeichnet - nun aber zum Anlass unseres Gesprächs..." dorthin zu spülen, wo sie nach Ansicht jener Firmenbosse eben hingehört: in die völlige Belanglosigkeit, zumindest bei einem Geschäftsgespräch. Nun, im privaten Bereich wird das schwieriger: Was, wenn der einzige 'Anlass des Gesprächs' eben just die Nachfrage nach der Befindlichkeit ist? Ich meine, dass man sich in jedem Fall mehr einfallen lassen sollte. Stinkt es nicht auch der kranken Uroma, immer nur von ihren Gebresten zu erzählen, wenn ihr diese phantasieloseste aller Fragen gestellt wird? Freut sie sich nicht viel mehr, wenn die Anrufenden begeistert von irgendwas berichten, was sie umtreibt und sie daran teilhaben lassen, ja sie sogar zu etwas einladen, ihr in Aussicht stellen, dass sie sie besuchen kommen, etwas unternehmen wollen mit ihr? Ich behaupte, dass wir mit dieser Floskelfrage die Befragten sogar erst darauf stossen, sich ihre Wehwechen bewusst zu machen, sie hervorzuklauben, um damit Gesprächs-Sekunden oder gar -Minuten zu füllen, weil man sich sonst nichts zu sagen hat. Wäre es nicht mutiger, im Live-Kontakt auch mal zu schweigen oder eben gar nicht anzurufen, wenn man sich ausser dieser läppischen Frage nichts zu sagen hat? Gibt es denn überhaupt etwas weniger Geeignetes, Langweiligeres für den kommunikativen Austausch als die körperliche Befindlichkeit - sowohl die eigene wie jene der andern? Oder hilft es den Freudlosen wenigstens zu etwas Schadenfreude, wenn es dem andern noch schlechter geht als ihnen selbst? Wenn denn schon Belanglosigkeiten ausgetauscht werden müssen, reicht da nicht das wahrscheinlich weltweit gefahrlose Jammern über das Wetter (ich gebe allerdings keine Garantie für die Gefahrlosigkeit: es mag liebenswürdige Religionsanhänger geben, bei denen Gemotze über Schiff und Strätz als Beleidigung ihres Obersuperallmächtigen, der ja bestimmt auch das Wetter macht, gedeutet werden könnte, was sie flugs zu einem Päcklein Sprengstoff greifen liesse, was Ihnen dann vielleicht nicht so gut bekommen täte - "Dumm gelaufen", würde man an Ihrer Beerdigung dann sagen...). Na dann reden Sie mit der Uroma doch über den Garten, die alten Zeiten, als Uropa noch lebte, über die schrecklichen Modefarben dieses Sommers, wenn Sie ihr partout nichts über Ihren neuen Freund erzählen wollen (was sie hinwiederum garantiert interessieren würde!). Und wenn's eben nicht die Uroma ist und Ihnen partout nichts einfällt: reden Sie über Geld. Das ist zwar auch entsetzlich langweilig, aber in unserer materieversessenen Zeit eigentlich in fast jeder Lebenslage erlaubt, auch und gerade auf Beerdigungen. - Und wenn Ihnen all das Vorgeschlagene nicht passt, dann bleiben Sie halt bei der geheuchelten Allerweltsfrage nach der Befindlichkeit, die auch nicht weniger belanglos wird, wenn sie urban-pseudomodern-technofreakig aufgemotzt wird und als "Alles im grünen Bereich?" dahertaumelt. Die Strafe folgt ja meistens auf dem Fuss - wenn die Befragte dann tatsächlich den Fussverband abnimmt und die Schwären zeigt, oder der Befragte uns stundenlang sein aktuelles Burn-Out beschreibt. Geschieht dem Frager recht, finde ich.

 

W7/12 Avatartar, Vishnuggel oder was?

Tipp für Unerleuchtete: Falls du mal in hochspirituelle Kreise gerätst, grosse Teile des Eso-Geturtels schon rein sprachlich nicht verstehst und grausliche Minderwertigkeitsgefühle aufkommen spürst angesichts bzw. angehörs all dieser herabgestiegenen Gottheiten, die vor der endgültigen Befreiung vom Rad der Wiedergeburten noch schnell eine Ehrenrunde als Krieger des Lichts zur Rettung des blauen Planeten drehen müssen, frage einfach nach den Ängsten all der Hochentwickelten - wobei du natürlich die Vokabel 'Angst' umschiffen musst. Die Ängste zeigen sich ja wunderschön in allem, was Menschen so für grauslich falsch halten, für bekämpfenswert, für dringend abzuschaffen oder schlicht: für alles, was sie dringend zu vermeiden empfehlen. Schau und hör dir an, wie einverstanden und glücklich die Lichtgestalten mit sich und ihrer Welt sind. Frage nach allem, was an der Aussenwelt noch falsch, noch zu ändern, zu verbessern und vor allem wegzuhaben, zu meiden sei. Wenn auch nur einer dir sagt: "Nichts ist falsch an meiner Welt, ich muss nur noch an mir und meiner Wahrnehmungsinterpretation arbeiten, meine Wertungen überwinden - aber dafür bin ich ja da!", dann stehst du wirklich vor einem Weisen. Sollte es aber nur so hageln von zu Meidendem, vom Fleisch über Alkohol, Nikotin, Drogen, Gewalt, Krieg, Umweltverschmutzung, Ungerechtigkeit bis zu allen möglichen Menschensorten wie Kapitalisten, Etatisten, Beamten und Räubern sowie politischen oder religiösen Ideologien, dann, lieber Freund, nimm noch einen guten Schluck von irgendwas - sofern es ausser biologisch-dynamisch-veganem Mineralwasser überhaupt was gibt, spül damit das Haferkern-Toffu-Häppchen runter, das du irrtümlicherweise vom selbstgestrickten Tablett gefischt hast, und verlass fröhlich pfeifend das Etablissement, wissend, oder zumindest ahnend, dass die verlassenen Damen und Herren wohl weiter von der Erleuchtung entfernt sind als dein Turnschuh, der ja immerhin mal schon mit dir sozusagen eins ist und bislang bei keinem Schritt in die Vermeidungshaltung ging, sonst wärst du ja längst auf die Schnauze gefallen und gar nicht bis hierher gekommen, oder nicht?

 

W6/12 Wunden lecken

Zu den Segnungen des fürsorglichen Sozialstaats gehört es, dass Menschen im Unterschied zu Tieren lebenslänglich nichts tun müssen, als ihre Wunden zu lecken, in seliger Nabelschau fokussiert auf die eigene Befindlichkeit. In freier Wildbahn würden solche Wesen gefressen, verhungern, erfrieren, weggespült, vom Blitz getroffen. Die ketzerische Frage sei erlaubt: wäre das wirklich so viel schlechter?

 

W5/12 Wo ist die verflixte Welt? Ausserhalb oder innerhalb?

Auf 'die Welt' einschlagen, sie umdrehen, reinigen, retten wollen können wir nur, solange wir daran glauben, dass sie ausserhalb von uns ist. Weil aber dieses Draufdreschen derart Spass macht und eigentlich unser aller Lebenselixier ist, wird dieser Glaube mit Inbrunst gehegt und vor jeder Aufklärung ferngehalten; ja er wird sogar besser gehütet als der Glaube, Wissen sei etwas anderes als Glauben.

 

W4/12 Wackliges Podest

Woher kommt eigentlich die naive Meinung, das Komplexere, das Kompliziertere, Differenziertere sei zwingend das 'Höhere', 'Fortgeschrittenere' und gar das moralisch 'Bessere'? Diese Furzidee stimmt doch weder bei Pflanzen, Tieren noch Dingen? Oder ist die komplexeste Kaffeemaschine, das komplexeste Auto, die fleischfressendste Pflanze, die komplizierteste Frau die 'beste'? Wieso also die dusslige Idee vom Primat des Menschen über den Rest der Schöpfung, nur weil sein Hirn so komplex-kompliziert konstruiert ist? Dass sich ein Wesen selbst als das tollste bezeichnet, ist psychologisch trivial - und trotzdem wollen es die meisten immer noch glauben? Könnte es nicht sein, dass die Ausbildung des menschlichen Hirns eine schiere evolutionäre Notwendigkeit war, um all die Mängel der Sinne wettzumachen? Ein Wesen, das im Vergleich zu den andern Wesen auf demselben Planeten derart schlecht sieht, hört, riecht, schmeckt, tastet, weder Ultraschall noch Infrarot wahrnimmt, über eine weitgehend verkümmerte Intuition und nurmehr über die primitivsten Formen von Instinkt verfügt, als hilflose Frühgeburt zur Welt kommt, kein Fell hat, über vergleichsweise lächerliche Bewegungsmöglichkeiten verfügt, nicht fliegen, kaum schwimmern kann und auch zu Lande unsäglich langsam vorwärtskommt, insgesamt also miserabel ausgerüstet ist für das Leben in freier Natur, muss doch logischerweise ein grösseres Hirn und differenziertere Gliedmassen entwickeln, wenn es überleben soll? Wobei man sich heute durchaus fragen darf, ob die Evolution das nicht doch lieber hätte bleiben lassen...

 

W3/12 Mega out

Nichts ist zurzeit wohl 'outer' als so Zeugs wie 'Freiheit', 'Selbständigkeit', 'Verantwortung' oder gar 'Trutzigkeit' - ein Wort, das die heutigen Kids schon gar nicht mehr decodieren können. Dafür kennen sie SALE, was nicht etwa ein schweizerdeutscher Gruss ist, sie kennen 'RAV', 'AV', 'IV', 'Hartz IV', 'Rettungsschirm' und den omnipräsenten sozialen Wohlfahrtsstaat, der dafür zu sorgen hat, dass Babys mit dem Abstillen ein I-Phone kriegen - (Kommunikation ist schliesslich ein Menschenrecht! Und sind denn das keine Menschen oder was? Zudem gilt längst: "the medium is the message", auf den Inhalt kommt's nicht an). Und ihre Eltern? Die kennen 'Anspruch', 'Sicherheit', 'Gleichheit' und 'Anpassung'.

Grund zum Lamentieren? Ich meine nein. Eigentlich hat diese Entwicklung doch auch etwas Amüsantes, zumindest wenn man von der These ausgeht, der Mensch sei ein evolutorisches Fehlprodukt: zu schlau, um in Schach gehalten zu werden von natürlichen Feinden, zu doof, um Verantwortung für seine Machtfülle zu übernehmen. Diese Behauptung vorausgesetzt geschieht doch genau das Richtige: der Mensch entwickelt sich zurück in die Unbedarftheit. Geistig geht er längst wieder auf allen Vieren, moralisch ist er sogar konkurrenzlos hinten-unten angelangt, wobei ja nicht einmal sicher ist, ob ein Stein oder ein Furz nicht ethisch wertvoller seien als die sich so toll wähnenden Zweibeiner. So gesehen bemühen sich gigantisch viele Zeitgenossen um eine Beschleunigung dieses erfreulichen Prozesses in Richtung Harmlosigkeit.

 

W2/12 Spieglein, Spieglein an der Wand...

Nichts ist leichter zu manipulieren als dummes, unmündiges, verantwortungsscheues Gesindel. Deshalb zielt Machtpolitik seit jeher auf die Entmündigung des Fussvolkes. Ein hochprofessionelles Gesellenstück dafür bot die katholische Kirche. Die Krönung aber liefert der soziale Wohlfahrtsstaat.

In dem Mass, wie wir jemandem Verantwortung vorenthalten, halten wir ihn für ein Baby, einen Anfänger, für unmündig oder dumm. Die sozialen Wohlfahrtsstaaten gaukeln ihren entmündigten Bürgern vor, sie übernähmen sämtliche Verantwortung, gehen pleite dabei und sind zu guter Letzt eben doch das getreue Abbild ihrer Insassen: Auch Staaten können dumm sein wie Babys, Anfänger und Unmündige...

 

 

W1/12 Kürzestgeschichte: Der Bedeutende

Er litt sichtlich unter der schweren Last der Bedeutung, die er sich selbst beimass. Es war das Wissen um seine Bedeutung, das er jederzeit und überallhin mit sich trug, das zum Pathos seiner Auftritte führte - und er trat immer auf, nie wäre er irgendwo einfach hereingekommen oder hätte sich schlicht dazugesellt. Das Pathos - und das war das wirklich Tragische seiner Existenz - war nicht etwa gespielt, sondern zutiefst echt und liess die Erträglichkeitsdauer für die meisten Zeitgenossen auf Nanosekunden schrumpfen. So blieb er allein mit der Erkenntnis seiner überragenden Bedeutung und starb fernab des grossen Rummels einen Heldentod, dessen Heldenhaftigkeit allerdings auch wieder nur er erkannte - eine Erkenntnis, die ihm im letzten Augenblick seines Lebens die Bitternis nahm und ein erstes und zugleich letztes Lächeln auf sein erblassendes Antlitz zauberte.

 

W33/11 'Vermenschlichung'?

Dummheit und Arroganz des Menschen nehmen manchmal skurrile Formen an. Zum Beispiel bei seinem verzweifelten Versuch, sich und seiner Welt die Vorstellung einer Entwicklungs-Pyramide zu suggerieren mit ihm selbst an der Spitze. Bei der Methodenwahl zur Selbsterhöhung scheut er - wie jeder rechte Diktator und alle, die mangelnde Kompetenz mit Macht wettmachen wollen - auch vor lächerlichsten Tricks nicht zurück. Einer von diesen besteht darin, Vergleiche mit anderen Wesen als unzulässig hinzustellen nach dem altrömischen Motto 'Quod licet Iovi, non licet bovi' - oder etwas helvetisch-bäurisch-bodennaher: Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Wer sich als Herrenrasse etablieren und vor allem legitimieren will, wer Macht ausüben will über andere, muss seinen Anspruch auf eine Vormachtstellung irgendwie plausibel machen. Hitler und viele andere haben das vorexerziert, zuletzt ein widerwärtiger kukluxklanesker Ami, der behauptete, beweisen zu können, dass die Schwarzen dümmer seien als die Weissen (der Beweis, dass die Schwarzen im Schnitt bessere Sportler sind als die Weissen, war längst erbracht, nur haben die Schwarzen daraus keinen Machtanspruch abgeleitet).

http://www.youtube.com/watch?v=zeoT66v4EHg

W32/11 Multimodale Kommunikation

Die menschlichen Sprachen sind wunderbare Hilfsmittel für den Austausch von Einfachen über Einfaches. Poesie, Musik, bildende Kunst, Tast-, Duft- und Schmecksprache und Charisma weisen den Weg darüber hinaus in die reiche Welt multimodaler Kommunikation, die alles Wahrnehmbare miteinander in Verbindung zu bringen vermag.

 

W31/11 Wahrnehmungsverweigerung

Kuck mal, wo du nur die Kommunikation, wo sogar die Wahrnehmung verweigerst. Erfolgt das Nicht-Antworten auf die Ansprache durch Welt, durch Wahrgenommenes bewusst, handelt es sich wohl um die beliebteste und verbreitetste Form von Arroganz: das Schöne daran ist, dass sie weder Macht noch Wissen oder Können erfordert und damit auch den Dummen zugänglich ist. Geschieht die Kommunikations- und Wahrnehmungsverweigerung unbewusst, dürfen sich die Psychiater und Therapeuten die Hände reiben. Sie nennen es 'Verdrängung' und behandeln dich mindestens so lange erfolglos, bis die Krankenkassen endlich bankrott sind.

 

W30/11 Die Faust-Frage

Du möchtest wissen, was die Welt
im Innersten zusammenhält? -
Du selber bist es, der sie trennt,
sie nicht als ganz, als eins erkennt.

 

W29/11 Anspruchsvolle Liebe?

Mit jedem Anspruch, den Liebe stellt, verblasst ihre Kraft, verkleckert sich ihre Reinheit, banalisiert sich ihr Anliegen der Gegensatzvereinigung - und sie mutiert mehr und mehr zur ordinären Gier.

 

W28/11 Schon mal 'nen korrupten Hund gesehen?

Man sollte Politiker und Beamte dringend und weltweit durch Hunde ersetzen; denn Hunde sind nicht nur intelligenter und verlässlicher, sie sind vor allem immun gegen Korruption. Ohne korrupte Politiker und Beamte wäre die Ernährung von Mensch und Tier rund um den Globus ein Kinderspiel.

Ach ja von wegen Kinderspiel: die Hundehalter sollten im Idealfall durchwegs Kinder sein.

 

W27/11 Jenseits der Zeit

Schönheit kann so gross, so umwerfend sein, dass sie uns fast erschlägt, den Atem raubt, und spürbar schmerzt. Die Lust, endlos davon zu kosten mischt sich mit dem intuitiven Wissen um die Vergänglichkeit, die Unwiederbringlichkeit des Jetzt als Jetzt - ausser wir lernen, innerlich in ein beliebiges Jetzt zu reisen, was etwas völlig anderes ist als sich an etwas zu erinnern. Denn das Jetzt, in das wir tauchen, muss nicht in unserer Vergangenheit - muss überhaupt nicht in der Vergangenheit liegen; 'Jetzt' ist nur eine unbeholfene Etikettierung für einen Zustand, der sich den Schöpfungsparametern, der 'conditio humana' der 'Normalos' - und damit auch der menschlichen Verbalsprache entzieht und sich bestenfalls umkreisen lässt mit Buchstabenwolken: eine Befindlichkeit jenseits, ausserhalb der Zeit, ein Schweben in der Leichtigkeit des Zeitlosen.

 

W26/11 Elegante Diktatur

Die eleganteste Diktatur ist der 'soziale Wohlfahrtsstaat'. Er kommt ohne Folterkammern und Zensurbehörden aus. Das Diktat setzt im Hirn an: getarnt als Fürsorge wird jeder Ansatz von Eigenverantwortung oder gar autonomem Denken im Keim erstickt. Ziel ist - wie bei jeder Diktatur - der steuer- und berechenbare gläserne Einheitsbürger. Wir sind schon nahe dran.

 

W25/11Entmündigung

Von 'Entmündigung' kann man nur sprechen, wenn das Wesen, von dem man spricht, je 'mündig' war. Ziel des sozialen Talfahrtsstaats ist aber zu verhindern, dass überhaupt irgendjemand je diesen unbequemen Status der Mündigkeit erreicht, die man dann nur wieder mit Mühe, Gehirnwäsche und Druck aller Art austreiben müsste. Das Ziel ist weitgehend erreicht.

 

W24/11 Verantwortung

Der Begriff 'Verantwortung' verschwand zuerst aus dem aktiven, dann auch aus dem passiven Wortschatz. Heutige Wohlfahrtsstaatsbürger können ihn nicht mal mehr entziffern - was auch daran liegen kann, dass sie gar nicht lesen können. Das ist auch gar nicht nötig. Sozialtherapeutische Massnahmen und Subventionsbescheide werden auch mündlich eröffnet.

 

W23/11 Vernetzung

Heute können - theoretisch - alle mit allen vernetzt sein, zumindest alle mit Internetanschluss. Vielleicht reicht diese äusserliche Vernetzung von allen mit allen aus für den Bewusstseinssprung, der in der Erkenntnis gipfelt, dass völlig unabhängig von äusseren Kommunikationsmitteln und weit über die Menschheit hinaus immer schon alles mit allem vernetzt war, ist und sein wird.

 

W22/11 Die Lust nach Fremdbestimmung

Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich vor Freiheit, Autonomie, Verantwortung - kurz: vor dem Erwachsenwerden - zu drücken. Man kann sich von einer Religion, einer politischen Ideologie, einem modischen Weltbild, einer Wissenschaft - oder schlicht und banal vom Wohlfahrtsstaat fremdbestimmen lassen. Aber auch straff geführte Institutionen wie die Armee, die Polizei, die Feuerwehr, der Zoll - überhaupt die Staatsdienste sind oft sehr hilfreich beim Bestreben, lebenslänglich Kind zu bleiben.

 

W21/11 Lebensentwürfe

Wer Wahrnehmungen und Daten nur konsumiert, ohne sich mit ihnen auseinanderzusetzen, mit ihnen in Dialog zu treten, bringt eine wesentliche Voraussetzung mit für ein Leben als Lakai, Sklave, Untertan, Hooligan, Staatsbeamter, als Knet- und Tret- und Manipuliermassenteilchen, als nützlicher Idiot, Parteisoldat, höriger Ausführender, als 'Human Resources'-Tröpfchen, Mitläufer und Arschkriecher - also eigentlich für so ziemlich alle typischen Lebensentwürfe unserer Zeit ausser man will ums Verwurgen Klein- oder Gross-Diktator und Knetmassenkneter werden. Das aber ist a bisserl anstrengend, a bisserl gefährlich und erfordert ein klitzeklein wenig Mut: zum Tricksen und Treten, Fangen und Foltern, Tunken und Töten. - Hmm: tertium datur?

 

W20/11 Der 'Fundi' in uns

Wenn Kommunikation Austausch verschiedener Weltwahrnehmung ist, so entsteht Fundamentalismus immer dort, wo wir diesen Austausch verweigern, sei es, weil wir unsere Wahrnehmung absolut setzen, für einzig wahr und richtig halten, sei es, dass wir dem Gegenüber, dem Wahrgenommenen, keine Kommunikationsfähigkeit zubilligen. Ob es sich bei der Wahrnehmung um etwas für andere Relevantes handelt, ob wir unsere Verweigerung stumm, lautstark oder mit Gewalt äussern, ja ob wir uns ihrer überhaupt bewusst sind, ändert nichts am Phänomen Fundamentalismus, am 'Fundi in uns', den es zu entdecken, zu belächeln und - so wir innere Entwicklung anstreben - im Laufe der Jahrzehnte zumindest etwas einzudämmen gälte, uns und der durch unsere Wahrnehmung selbst gebastelten Welt zuliebe.

 

W 19/11 Dialog mit dem Wahrgenommenen

Jeder Akt der Wahrnehmung birgt kommunikatives Potenzial, das sich aber erst dann entfaltet, wenn der Wahrnehmende sich auf einen Dialog mit dem Wahrgenommenen einlässt.

Dialog ist aber mehr als Zuordnung zu Kategorien von Bekanntem. Dialog setzt voraus, dass wir dem Wahrgenommenen Kommunikationsfähigkeit zubilligen und uns auf dessen Kommunikationsmittel einlassen.

 

W18/11 Hohe Schule der Kommunikation

Man könnte das schonungslose Hinterfragen und Debattieren von allem, was man bislang für absolut wahr und richtig hielt, als eigentliche 'Hohe Schule der Kommunikation' bezeichnen. Die elitäre Bezeichnung 'Hohe Schule' suggeriert dabei, dass es einer innerlich reifen, über den Niederungen der Überidentifikation mit dem eigenen Ego stehenden Persönlichkeit bedarf, wenn man sich diese Stufe geistiger Autonomie leisten will.

 

W17/11 Hinten raus...

Der Sozialstaat ist dort
lieb und lobenswert,
wo er Fallende auffängt
und wieder auf die Füsse stellt -
und dort
mies und motzenswert,
wo er Faule anreizt
sich fallen zu lassen.

 

W16/11 Sozialstaat und Psychiatrie

Im Sozialstaat zeigt sich ein ähnliches Phänomen wie in der Psychiatrie: Beide Einrichtungen erzeugen durch falsche Anreize ein 'Kundensegment', das es ohne diese Anreize gar nicht gäbe. Die Frage ist, ob diese falschen Anreize überhaupt von den sie setzenden Einrichtungen getrennt werden können - oder ob die Einrichtungen als ganze abgeschafft werden müssten, um dieses 'Kundensegment' zum Verschwinden zu bringen?

 

W15/11 Mündigkeit

Wenn es denn eines Beweises bedürfte für die Erkenntnis, dass Regeln, die für eine Mehrzahl von Individuen gelten sollen, regelmässig Unsinn schaffen, und dass die Dummheit und Ungemässheit von Kollektiven direkt proportional mit der Regeldichte ansteigt, so eignete sich für diesen Beweis vorzüglich die Mündigkeit. Wir sind es gewohnt, Mündigkeit ganz plump, hilflos, simpel und äusserlich an das Erreichen eines bestimmten Alters zu knüpfen. Wenn Mündigkeit aber die Fähigkeit meint, mit Meinungspluralismus leben und umgehen zu können, ohne für sich bzw. seinen Clan, seine Religion, seine Ideologie die absolute Wahrheit zu reklamieren, so gäbe es nur noch eine winzige Elite Mündiger, völlig unabhängig vom Alter. Nach meiner bescheidenen Erfahrung wiese der obere Teil der Gauss'schen Kurve der Mündigkeit sogar eine erstaunlich grosse Zahl Minderjähriger auf. Das Älterwerden scheint bei den meisten nicht nur eine körperliche Erstarrung, sondern auch eine geistige Verkalkung mit sich zu bringen.

 

W14/11 Gedenk-Gedanken

Das Denken erwies sich zunehmend als schädlich und wurde deshalb still und leise entsorgt. So still, dass niemand es bemerkte. Niemand dachte mehr ans Denken, da er ja dazu hätte denken müssen. Wurde ein Mensch doch einmal unerwartet von einem Gedanken getroffen, wurde ihm alle medizinische Hilfe des fürsorgenden Sozialstaats zuteil, sodass er meist rasch wieder genas - oder gut beschützt in einer geschlossenen Anstalt davor bewahrt wurde, sich der Ansteckung anderer schuldig zu machen.

 

W13/11 Das Prinzip des hundertsten Affen

Das 'Prinzip des hundertsten Affen' funktionierte auch bei der Abschaffung des Denkens. Als die ersten paar hundert Hominiden aufgehört hatten damit, folgte der Rest der Menschheit in einem synchronen 'Chlapf'. Und unsere Generation ist der stolze Beweis, dass es doch ganz nett auch ohne geht, oder nicht? (Was stelle ich Trottel eine Frage, die Trottel ja per definitionem nicht beantworten können, sollen, wollen, und auch nicht müssen...)

 

W12/11 Das Füllen der eigenen Leere

Aufgrund der Fiktion der völligen Abgetrenntheit, der Isolation, der unüberbrückbaren Subjekt-Objekt-Spaltung empfindet sich der Egozentriker - zu Recht - als bedeutungslos, als wenig. Also nimmt er, was auch immer greifbar ist für ihn und versucht, die Leere zu füllen, das Loch zu stopfen - was selbstredend nie befriedigend gelingt. Dieses Einverleiben alles Greifbaren wird zum Suchtverhalten und es wird nachvollziehbar, dass der Egozentriker nichts hergeben kann. Ein Lösungsansatz könnte im einzigen liegen, was der Egozentriker liebt: im Nehmen. Prima vista scheint ein Widerspruch darin zu liegen, dass Liebe ja immer etwas mit Geben zu tun hat; aber der Egozentriker gibt sich ein ins oft sogar leidenschaftliche Nehmen. Das Gefühl des sich in etwas Hineingebens, der Hingabe an das Nehmen könnte über die coniunctio oppositorum, die Gegensatzvereinigung von Geben und Nehmen zum Schlüssel werden für den Egozentriker, der ihn das Geben - und damit die Liebe - erst entdecken liesse.

 

W11/11 Die Crux mit dem Urteilen

Immer, wenn wir ein Urteil fällen - und das findet bei jeder Wahrnehmung mehr oder weniger bewusst statt - schaffen wir Distanz zwischen uns und dem Beurteilten; wir vertiefen die Subjekt-Objekt-Spaltung. Liebe, zumindest in ihrer höchsten Form der Bedingungslosigkeit, bleibt auf der Strecke. Denn Liebe vereint, überbrückt die Subjekt-Objekt-Spaltung. Könnte es sein, dass die vielgerühmte Aufklärung mit der Vergötterung der distanzschaffenden, urteilenden Rationalität ganz wesentlich beitrug und -trägt zur Lieblosigkeit des Menschen in seinem Umgang mit 'Welt', mit allem, was er wahrnimmt und zuordnend ein- und beurteilt?

 

W10/11 Mördchen

Anita Glunk

Ein klitzekleines Mördchen
an einem stillen Örtchen,
im Kornfeld oder Weizen,
das würde manchen reizen.

Den Mitmensch etwas plagen,
ihn auch mal zu erschlagen,
zur Stärkung seiner Leiden,
die Kehle durchzuschneiden,

zur Strafung seiner Macken,
den Kopf ihm abzuhacken
und ihn für seine Taten,
am Spiess ganz leicht zu braten.

Kommst du bei den Gedanken
auch manchmal leicht ins Wanken?
Und hast du Zweifel, leise,
betreffend Art und Weise?

S’ist so mit der Geschichte,
zum Glück gibt es Gedichte.
Sie liefern dir die Wörtchen
Für’s ganz private Mördchen.

 

W9/11Sich in Rage reden

Offener Brief an Stefan Weber-Aich, Kantonsratskandidat der SP des Bezirks Meilen, zu seinem Auftritt beim Politbankett am 1.3.11: anzuhören auf www.bruderbarnabas.ch bzw. auf youtube

Der Kernpunkt der für mich schwer nachvollziehbaren Dummheit linker Ideologie ist die Verwechslung des 'Gemässen' mit dem 'Gleichen'. Kein Tier, keine Pflanze käme auf diese hirnverbrannte Idee – und die ganze Natur ist voll von Beispielen, aus denen der Mensch lernen könnte, dass das, was dem einen frommt, noch lange nicht gut ist für den andern. Hopeless Unmusikalische singen lassen ist so hirnrissig wie einen Fisch aus dem Wasser nehmen und an die Sonne legen, damit er nicht ertrinkt und sich nicht erkältet. Mir 'zahlbaren Wohnraum in Meilen' vermitteln wäre ähnlich idiotisch, da ich in der Pampa bei meinen Tieren wohnen will, ohne Komfort, mit uralter Holzheizung, ohne TV, also unter dem Existenzminimum, – aber eben mir GEMÄSS. Das Gleichheitsgesabber der Linken ist für mich so unwahrscheinlich dumm, dass es schon wieder lustig ist – und die SP hat mit ihrem Auftritt beim Politbankett am 1.3.11 in Meilen einmal mehr mit dem linken Fuss ein herrliches Eigentor geschossen.  

Gleichmacherei ist aus meiner Sicht die übelste Form von Vergewaltigung; wenn sie mit Staatsmitteln erzwungen wird, sind wir in der Despotie. Man wird keinem Wesen gerecht, wenn man es gleich behandelt, ihm die gleichen Möglichkeiten gibt, ja gar von ihm verlangt, die gleichen Bedürfnisse wie 'die andern' zu haben (wobei es auch diese 'andern' als amorphe Masse gar nicht gibt), sondern indem man ihm die Freiheit gibt, das ihm Gemässe zu entwickeln, zu erarbeiten – im Rahmen einer möglichst freiheitlichen Rechtsordnung, die nur das Allernotwendigste regelt – und auch dies permanent kritisch auf seine Notwendigkeit überprüft. In den verfetteten sozialen Talfahrtsstaaten westlicher Prägung ist das Gegenteil der Fall: bald werden auch die Scheisszeiten und die Portionengrössen des Geschissenen reglementiert, auf dass alle zur gleichen Zeit dieselben Haufen scheissen – wir sind – leiderleider – viel näher an diesem linken Traum des totalen Staates als an meiner völlig veralteten Vision von 'Freiheit und Abenteuer'.

Ich bin eine verwöhnte Ratte, da ich meinen Traum noch leben konnte – und immer noch lebe, aber wenn ich mit jungen Menschen zu tun habe und sehe, wie sie fast ersticken in der überregelten stinkbünzligen Welt (die Sie ja auf die Schippe nehmen in Ihren Songs? Wie bewusst selbstironisch war das wohl gemeint? Sowohl die Lächerlichkeit der überall gleichen, genormt wirkenden Doofmann-Wahlplakate wie die miefige Biederbünzligkeit der Hausordnungsnachbarschaft sind für mich Beispiele von geistiger und äusserer Unfreiheit, wie wir sie ein paar Jahrzehnten linker Politik zu verdanken haben) – dann entwickle ich Verständnis für all die mehr oder weniger selbstzerstörerischen Ausbruchsversuche in abenteuerlichere, wenigstens nach Freiheits-Surrogaten riechenden Welten: Drogen, Extremsportarten, Querdenken, Querfühlen, Querhandeln zum wohlfahrtsstaatlich verordneten gleichmacherischen Bullshit.

 

W8/11 Vorurteile

Jede Zuordnung einer Wahrnehmung, jede Etikettierung und Schubladisierung, die wir zur Orientierung vornehmen, entspricht einem Vor-Urteil. So gesehen sind Wahrnehmungsverarbeitungs-Resultate immer nur Vorurteile. Denn auch als abgesichert oder endgültig etikettierte Urteile können sich - früher oder später, meist später - als einseitig, falsch, subjektiv und damit beschränkt gültig erweisen.

 

W7/11 Das 'Absolute-Wahrheits-Teufelchen'

Das 'Absolute-Wahrheits-Teufelchen' ist allgegenwärtig. Nistete es früher gerne bei Rabbis, Pfaffen und Talibänlern, so sitzt es heute mit Vorliebe auf den Laptops mittelmässiger Wissenschaftler und putzt sich mit Studien, Experimentlein und fein codierten Blabla-Prognosen heraus.

 

W4/11 Wahrheit

Ob etwas wirklich immerdar
absolut und ewig wahr,
das ist heute nicht mehr klar.
Alles ist heut' relativ,
subjektiv, im Konjunktiv,
keine Messung objektiv. 

Jeder Goalie, jede Barmaid
hat eine ganz private Wahrheit. 

Doch geblieben ist die Klarheit
bei der ganz bewussten Lüge:
wenn ich euch heut' dick betrüge,
braucht es nicht mal eine Rüge,
denn ich weiss im Herz das Eine:
Lügen haben kurze Beine -
und die meine, das war eine... 

Meist viel eher als man's mag
bringt's die Sonne an den Tag.

Und die Moral von der Geschicht':
Nach der Wahrheit suche nicht,
denn es gibt weit mehr von ihr,
als es Marken gibt beim Bier!
Es reicht das Lügen sein zu lassen,
sowohl im Leben wie beim Jassen!

 

W3/11 Abschied

Sie summte "Time to say Goodbye..."
und entschwand ins Einerlei
hinterliess ergraute Seelen
und ein Würgen in den Kehlen
Elend und gestaute Wut
Trauer und erstarrtes Blut
Erinnerung an gute Zeiten
heiteres durch Weiten gleiten
bis hinaus zum weichen Rand
wo sich löst das straffe Band
das dein Ich zusammen hält
und es trennet von der Welt
Wagst du's hier hinaus zu sinken
von der All-Eins-Luft zu trinken
dich mit einem letzten Beben
an das Ganze hinzugeben?

 

W2/11 Bewusstseinsgrenzen

Wenn deine Wahrnehmung im Gefängnis von Trennung, Differenz, Unterschied und Gegensatz sitzt, ist das kein Beweis dafür, dass es jenseits davon nichts gäbe. Es ist nur ein Hinweis darauf, dass du selbst noch im Gefängnis bist. Dein Bewusstsein muss sich selbst sprengen, um darüber hinaus zu gelangen. Das braucht Mut - und deshalb sind es so wenige, die es wagen.

Ist es nicht lächerlich zu glauben, die Grenzen unseres Bewusstseins seien mehr als die Grenzen unserer Welt?

Die Grenzen unseres Bewusstseins sind nur die Grenzen unserer, nicht die Grenzen der Welt.

Wenn das Embryo behauptet, es gebe keine Welt ausserhalb des Mutterbauchs, so wäre das altersgemäss verzeihliche Kindlichkeit. Wenn Erwachsene glauben, es gebe ausserhalb ihrer engen Wahrnehmung keine Welt, so ist das immer noch verzeihliche Kindlichkeit. Erst wenn Erwachsene anderen Entitäten die enge Welt ihrer Wahrnehmung aufzwingen wollen, beginnt das unverzeihliche Verbrechen - statistisch nicht erfasst, aber mit grosser Wahrscheinlichkeit das verbreitetste und häufigste Verbrechen gegen die Entwicklung.

 

W1/11 Mensch und Schaf

Es gibt Menschen, die wähnen, sie seien schlauer als ein Schaf. Nur schon dieser naive Glaube zeigt, dass bereits die Annahme, weniger dumm zu sein, ziemlich dumm ist. Wenn man Gehorsam als Kriterium für Dummheit und Unmündigkeit nimmt - und das empfehle ich mit Vergnügen -, kommt man zu anderen Schlüssen. Denn Schafe sind nicht gehorsam, sie laufen in der Gruppe mit, weil sie von den Vorteilen der Delegation gewisser Führungs- und Schutzaufgaben überzeugt sind und sich so in Ruhe dem Fressen widmen können. Nur Menschen sind gehorsam, indem sie gegen ihren Willen und ihr Gespür einem Gehorsam Fordernden zu Willen sind, aus Furcht vor den Konsequenzen bei Ungehorsam. So dumm und feige ist kein Schaf.

 

 

2010

 

W52/10 Freundschaft

Nicht jeder, der auf die Schulter mir klopft,
nicht jeder, der Geld in die Taschen mir stopft,
nicht jeder, der Honig ums Maul mir streicht,
nicht jeder, der Lobhudeleien mir reicht
ist ein Freund, ein richtiger – denn die sind selten.

Einer jedoch, der mich schüttelt und schilt,
einer, bei dem keine Floskel was gilt,
einer, der mich verhöhnt, wenn ich jammre,
einer, der mich tritt, wenn ich klammre,
das ist ein Freund, und den lass ich gelten.

Wir nehmen uns oftmals zu ernst und zu wichtig!
Der Freund lacht uns aus – und liegt damit richtig.
Er mag uns mit all unsren Mängeln und Macken,
er murrt nicht, wenn's gilt, einmal anzupacken,
er teilt mit uns Höhen und Tiefen und Öde
kann wechseln zwischen blitz-hell und blöde;

wenn niemand mich will, bei ihm kann ich landen,
wir kommen uns bis zum Schluss nicht abhanden.

 

W51/10 Housi Moser: Ode a d'Terrorischte
Versuch der Rehabilitation eines in Misskredit geratenen Berufsstandes, dem delikaten Unterfangen Respekt zollend in Hexametern

Zerscht afe hecke si uus ihri bombige Plänli u Lischte,
wähle als Ziel am liebschte e Chlumpe vo Jude u Chrischte,
süüferli stopfe si Sprängstoff u Zünder i hölzigi Chischte,
polschtere fein alles uus wie wenn Vögeli müeste drin nischte;
denn bemurmle si d' Wääge u d'Örtlechkeite u Frischte,
gürte sich sälber mit chlöpfigem Gschmöis, di verbissene Trischte,
wild entschlosse dr Gring tü si ds letscht Mal ds Outo usmischte,
alls wird verkablet, verhänkt, s'git kes zrügg me, si müesse uf Pischte,
fahre druflos u bim Chlapf nä si dig de u mig u ne Tschuple Tourischte
mit zum em oberschte Chriesgsgott eis z'singe als bravi Chorischte
zäme mit angere Gross-Revoluzzer u Separatischte,
Chrüüz-Zügler, Folterer, Hänker u alte Trotzkischte,
si mir drbii i däm gluetöigig bluetige gmischte
Grüppli u ghöre derzue zu de sälig vor Ärde Verzischte,
hocke im Himmel ganz ohni Verdienscht ume dank Terrorischte.

 

W50/10 Neid auf die Naiven

Fern von Europas Dekadenz
blinkt froh Amerikas Potenz:
so gross und reich und fett und mächtig!
Ach, ist die USA nicht prächtig?

Ungebremst von Trübsal-Blasen
baut man an Raketen-Basen,
um dann fernen Universen
- in Piktogrammen, nicht in Versen –
von all den schönen Erden-Pfründen
und der eignen Pracht zu künden.

So viel Kindlichkeit kann rühren
und zu leichtem Spott verführen
aus der Sicht von aufgeklärten
europäischen Gefährten.

Doch Hand aufs Herz: ein bisschen Neid
ist auch dabei. Wir tun uns leid,
dass wir nicht auch so herzig sind
mit Black-and-White-Schema im Grind.

Ist nicht sich selbst so toll zu finden,
sich so süss an sein Land zu binden
- vom 'Good-Guy-Sein' zutiefst beseelt –
Naivität, die uns wohl fehlt?

Wenn man beliebig mischen könnte
und sich das frohe Glück auch gönnte
so nähm ich nebst viel Abendland
ne Prise USA zur Hand
tät alles mixen und verrühren
und so mein Unternehmen führen!

 

 

W49/10 Frauenschauen

Ich sprach zu meinem Freund: Komm, schau
dir an die wunderschöne Frau!
Doch dieser wehrt betreten ab
mit trübem Blick, die Haltung schlapp,
und sagt, solch Tun sei ihm verboten,
sei seinem Weib nicht zuzumuten.
Sie wittre überall Gefahren
von hier bis zu den Balearen
sei jede Schöne ihr ein Schreck,
Ein solches Leben sei kein Schleck.

Doch als ich spöttisch kicherte
und tröstend ihm versicherte,
es handle sich bei dieser Schönen
die ich gelobt in höchsten Tönen,
um ein Modell für Business-Kleider,
nicht für Dessous, und leiderleider
nur um ein Bild, das flach hier liege
und nichts von meinem Lob mitkriege,
da warf er dann doch einen Blick...

Seither durchschaut er meinen Trick:
Das Frauenschauen ist gefahrlos
wenn sie so liegen haut- und haarlos
papieren, flach und ohne Ton.
Es können erst Gefahren drohn
wenn sich ein fleischlich' Exemplar
der Gattung 'Weib' mit echtem Haar
dazugesellt und protestiert.
Dann, lieber Freund, bist du geschmiert.

Denn dies weiss ich mit letzer Klarheit:
Die einzig absolute Wahrheit
ist, dass nur EINE wirklich schön ist,
und dass dich DEINE am Gestöhn misst,
das du bei IHREM Anblick stöhnst
und über andere nur höhnst.

Hast du mal diese Lehr' begriffen,
dann kannst du fressen, saufen, kiffen,
kannst gaunern, morden oder stehlen
doch nur in diesem Punkt nie fehlen:
Es gibt nur EINE SCHÖNSTE, BESTE!
Die liegt bereits in deinem Neste...

 

W48/10 Würde?

Viele Menschen tun sich schwer mit dem schweizerischen Tierschutzgesetz, das dem Tier eine Würde zuspricht, die es zu achten gelte. Soeben haben schweizerische und deutsche Wissenschaftler gegen diese 'Würde' protestiert, die sie daran hindere, mit Affen Versuche zu machen, um die immer häufiger werdenden neurodegenerativen Erkrankungen der immer älter werdenden Menschen zu erforschen. Wir könnten dies doch zum Anlass nehmen, selbst über unsere Haltung den Tieren und speziell den Pferden gegenüber nachzudenken. 'Würde', so meinen viele, sei dem Menschen vorbehalten. Das Tier ist für die einen Nahrungsgrundlage, für die andern wirtschaftlicher Faktor – so ist für die Apparatschiks der Verwaltung ein Pferd 0.8 GVE, also nicht mal eine ganze 'Grossvieheinheit' – , für wieder andere ist das Pferd ein Sportgerät, das man bei Nichtgebrauch oder Geldmangel entsorgt, wie es gerade in Irland mit vielen Tausenden von Pferden geschieht. Von 'Würde' keine Spur. Genau so wenig passt das Hochwertwort 'Würde' natürlich bei den Tierversuchen, wo es unter anderem darum geht, Tiere gezielt krank zu machen oder zu verletzen, um Medikamente und Operationsmethoden auszuprobieren oder – wie bei Pferden – Serum gegen Vergiftungen zu gewinnen. Dahinter steckt die auch von der christlichen Religion gestützte Idee, der Mensch stehe über dem Tier, sei mehr wert als das Tier; es sei sein Recht, sich die Erde untertan zu machen, sie zu nutzen nach seinen Bedürfnissen. Heute mehren sich die Stimmen, die diese menschengemachte Einteilung in 'oben' und 'unten' hinterfragen und die These postulieren, dass der Mensch über die Natur nur herrscht, weil er es kann, nicht weil er dazu ein Recht hätte. Gerade unter Pferde- und Hundefreunden gibt es immer mehr Menschen, die ihre Tiere als Partner achten und ihnen eine Zuwendung entgegen bringen, die sich nicht von der Zuwendung zu menschlichen Partnern unterscheidet; Rösseler, bei denen die Pferde und Hunde zur Familie gehören – mit dem selbstverständlichen Anrecht auf sorgsame Pflege, Betreuung und die im Gesetz geforderte Würde. Anzeichen dafür sind Pferde, die nach ihrem aktiven Sportlerleben noch auf der Weide alt werden dürfen, Pferde, deren Bedürfnis nach Sozialkontakt in der Haltung ernst genommen wird, Pferde, die rücksichtsvoll und mit Anstand ausgebildet und eingesetzt werden. Noch sind sie in der Minderzahl, aber wir haben mitten im klirrendkalten Winter das sonnenwarme Gefühl, dass ihre Zahl am Wachsen, ihre Haltung am sich Verbreiten ist. Vielleicht gibt es ja diesen schon mehrfach beobachteten quantitativen Sprung, wo das Wissen um die Anwendung einer Technik oder eines Werkzeugs sich plötzlich schlagartig verbreitet, dereinst auch bei der Einsicht in die Würde des Tieres? In der Pferdewelt wäre dies vielleicht daran erkennbar, dass die Haltung all der unzähligen jungen Mädchen, die mit Liebe und Hingabe ihre Pflegepferde umsorgen, sich plötzlich epidemisch verbreiten und die Tierversuchsleute derart überspülen würde, dass sie Messer und Spritze freiwillig aus der Hand legen, die Käfige öffnen und die Tiere zurück in ihre Lebensräume bringen würden – dorthin, wo sie artgerecht und in Würde leben und sterben könnten. Naiv vielleicht, diese Vorstellung, aber doch auch ein wenig weihnachtlich und getreu dem Motto: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

W47/10 Verlässlichkeit

Verlässlichkeit macht feste Beziehungen langweilig - scheitern tun sie aber meist aufgrund ihrer Abwesenheit. Vielleicht sollte man die Idee der 'festen Beziehungen' hinterfragen?

Sicherheit, Voraussehbarkeit, Planbarkeit, Berechenbarkeit, sich 100% darauf verlassen können, dass jemand so reagiert auf Welt, wie wir das erwarten - danach streben alle Diktatoren, alle Machtgierigen, alle zutiefst Unsicheren, Orientierungslosen, alle Feiglinge, alle die, denen das Abenteuer zu gefährlich ist. Also streben sie auch in den privaten Beziehungen höchstmögliche Sicherheit an, und steigen immer dann aus, wenn sich dieses Streben als Illusion erweist - also immer (wenn man das Umbringen der sich als nicht 100% Verlässlichen auch zur Kategorie 'Ausstieg' zählt, da ja die feste Beziehung zu Toten so eine Sache ist).. Verträge, in denen man sich in klar begrenztem Mass zu einer klar begrenzten Verlässlichkeit in einem klar begrenzen Bereich verpflichtet, sind ein wundervolles Hilfsmittel für alle Projekte, bei denen mehr als ein Einzelner involviert ist. Der Ehevertrag und - fast noch schlimmer - der meist nicht einmal mündlich, sondern nur gerade durch konkludentes Verhalten geschlossene Partnerschafts-'Vertrag' (der eben gar keiner ist, meist nicht mal eine 'Abmachung', sondern eher eine vermeintliche Übereinstimmung, deren Vermeintlichkeit sich auf Schritt und Tritt offenbart) scheitert in aller Regel daran, dass weder der Bereich noch Art und Mass der zu vereinbarenden Verlässlichkeit klar begrenzt sind.

 

W46/10 Über Männer...

Gastautorin Anita Glunk schreibt endlich die Antwort auf mein ätzendes Gedicht über den 'Kampf der Geschlechter'

Über Männer soll ich schreiben
und dabei ganz ruhig bleiben,
auch betrachten Geist und Leiber,
einfach so, aus Sicht der Weiber.

Männer sagt man, wären Schweine,
doch ganz ehrlich, sie sind keine.
Frag ein Schwein zu dieser Sache
und es grunzt, dass ich nicht lache,
nichts wär schlimmer, als das Wissen
einmal sein wie sie zu müssen.

Wieso sollten sich da Frauen
mehr begeistern als die Sauen,
denn bei näherer Betrachtung
ist vorbei oftmals die Achtung,
wenn der einst so tolle Knabe
heute nur noch hat die Gabe,
Bier zu saufen und zu prahlen
mit all den verdienten Zahlen.

Früher war er meist gescheiter,
auch im Sinnlichen recht heiter.
Heute braucht’s für seine Lüste
mehr als Pos und pralle Brüste.

Doch der arme kann’s nicht lassen,
alle Weiber anzufassen
und merkt nicht, dass sein Gebaren
sie vertreibt, und das in Scharen.

Doch es ist ja nicht verboten
diese Dinge auszuloten,
mal etwas in sich zu wühlen
und zu suchen nach Gefühlen.
Nur das Innre zu entdecken,
könnte manchen Mann erschrecken.
Also weg mit dem Pamphlet
auf dass es stets so weitergeht.

 

W45/10 Das Blutbad zur Linken

Ist das Rot des Bades im Blut des Kapitalismus, dem die helvetische Linke nun endlich den Todesstoss versetzen will, ein Abend- oder Morgenrot? Dummheit hat ja, vor allem bei Kindern, auch etwas Rührendes, und wenn die Aussicht besteht, dass die lieben 'JUSOS' dann nach der grossen Tat auf dem Robinsonspielplatz die Windeln abstreifen und den Schnuller rausnehmen, wäre es ein herziges Morgenrot gewesen. Sollten sie sich aber samt ihrer schmallippig-doppelzüngig-zartbitterätzenden Bundesrätin im selbst angerichteten Blutbad ertränken, tippe ich auf Abendrot - anyway, beides durchaus erspriessliche Aussichten...

 

W44/10 Fortschritt?

Alles, was von den Menschen in den letzten paar tausend Jahren als Fortschritt gepriesen wurde und wird, diente immer primär dem Ziel, schneller und effizienter andere Wesen zu täuschen, ihnen ihren Lebensraum, ihre Nahrungsgrundlage zu rauben und sie auszulöschen. Und genau diese Art von 'Fortschritt' dient ihm als Legitimation für die Vorherrschaft auf dem blauen Planeten. - Der einzige Grund für das arrogante Handeln des Menschen, der aber keine Legitimation beinhaltet, ist das Phänomen, dass er es zu können scheint, dass ihn niemand an seinem selbstherrlichen Tun hindert - zu hindern scheint. Denn das den Planeten versauende Zweibeinerchen hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht - aus der dümmlichen Arroganz heraus, dass es den Wirt für einen bewusstlosen Klumpen Materie hält.

 

W43/10 Bubis Coming-out

Bubi kam zu Mutti und Papi und sagte: "Ich muss euch nun endlich etwas gestehen. Es quält mich schon lange und ich halte es nicht länger aus, allein zu sein mit dieser erschütternden Tatsache; nicht zu wissen, ob ich von meiner Familie, meinen Freunden, meinen Sportkameraden verstossen werde, wenn ich euch, wenn ich ihnen das Geheimnis offenbare: Ich ähm, ich weiss nicht, wo ich beginnen soll. Wie ihr vielleicht gemerkt habt, bin ich, obwohl eigentlich durchaus normal aufgewachsen - also ihr habt euch da nicht die geringsten Vorwürfe zu machen! - , eben anderem zugetan als - ja, als ihr, als sie, als all die gottverdammten Kartoffelfresser! Ja, ich schrei es euch ins Gesicht. Ich bin andersrum. Ich liebe Pasta und nochmals Pasta! Basta! Und wenn ich nun deswegen mein geliebtes Elternhaus, ja vielleicht sogar das Land verlassen muss wegen meiner Andersartigkeit, wenn ich gegen Süden ziehen muss, um meine Abnormalität leben zu können und zu dürfen - so werde ich das schweren Herzens tun. Denn wenn ich eins sicher weiss: Kartoffeln törnen mich ab, da ess ich lieber nichts, gehe in den Hungerstreik! Ihr könnt mich nicht zwingen, niemand kann mich zwingen, diese unförmigen Dinger an mich ranzulassen, in mich reinzulassen, mich mit diesen abstossenden Knollen zu vereinigen, jawoll! Es ist ein Menschenrecht, Pasta lieber zu haben als diese dämlichen Kartoffeln, versteht ihr das endlich?! Okay, wenn ihr das mögt, wenn andere das mögen - aber ich muss nicht!!! Man kann von niemanden verlangen, etwas zu mögen, etwas als Genuss zu betrachten, was man scheusslich, abstossend, widerwärtig findet. Diese faden, weich-matschigen, unförmig gerundeten Dinger - nein! Wenn ich die mit feinen Maccaroni, Spaghetti, Tortelloni, Penne rigate, Tagliatelle lisce, Celentani, Chifferi, Farfalle tricolori, Fagottini, Fricelli, Fusilli Napoletani, Garganelli und - aaah - den herrlichen Gemelli vergleiche, nur schon diese Vielfalt schöner, schlanker Formen, al dente gekocht, irgendwie stramm, klar, konturiert - ach ihr habt ja einfach keine Ahnung! Wer sagt denn eigentlich, was normal ist und was nicht? Für mediterrane Völker seid IHR abnormal mit eurer ewigen phantasielosen Kartoffelfresserei! Oder steht es in einem eurer gottverdammten heiligen Bücher, dass der Mensch Kartoffeln fressen müsse - und dass Pasta-Liebhaber nicht in den Himmel kommen? Und wenn es noch drin steht: glaubt ihr tatsächlich jeden Quatsch, den irgendwelche Deppen zwischen zwei Buchdeckel klemmen und euch als 'heilig' verklickern? Muss ich tatsächlich eine eigene Religion gründen, ein paar tolle Geschichten erfinden, den ollen Kloses die Eigernordwand runter schweben und aus seinem Notebook das ultimative Gebot verkünden lassen: Lasset die Vögel des Himmels und die Tiere des Waldes, des Meeres und der Ställe am Leben, lasset was unter Tag wächst unter Tag bleiben, und nähret euch von Korn in allen seinen Erscheinungsformen!

Und muss ich den ganzen absolutistisch-fundamentalistischen Kram mitmachen, damit ihr meinen Furz als Religion anerkennt? Muss ich wie die Inquisitoren und all die netten Terroristlis mit Pathos durch die Lande wüten mit dem Kampfschrei "Pasta oder Kopf ab!"? Ist es nicht von unüberbietbarer Perversi- und Absurdität, dass man mit einem Anliegen erst ernst genommen wird, wenn man alle mit Mord und Totschlag bedroht, die anderer Ansicht sind? Ich verlange nur, dass ihr mich ohne weiteres Geschrei meine Pasta geniessen lasst. Ich lass euch eure Kartoffeln - mit grösstem Vergnügen.

 

W42/10 Hysterie I - III

Hysterie I
Ob gar nicht oder ausschliesslich über etwas gequatscht wird, ist gleichermassen Indiz für Steckenbleiben, Unreife, mangelnde Gelassenheit, nicht über der Sache Stehen. Als Beispiel mag der Umgang monotheistisch geprägter Kulturen mit der Sexualität dienen. Wir können nur hoffen, dass die Zeitspanne, in der fast nur noch über Sex gelabbert und geschrieben wird, nicht gleich lange dauert wie die im Vergleich dazu schon fast gemütlich anmutende Zeit, in der Sex zwar ebenso fleissig praktiziert, aber ausserhalb der Begattungsplätze totgeschwiegen wurde.

Hysterie II
Hysterie-Wechsel hat mit Aufklärung herzlich wenig zu tun. Dass heute jeder Volldepp sein 'Coming-out' zelebriert und glaubt, die Welt darüber aufklären zu müssen, welche eigenen Körperteile er mit welchen Teilen anderer wannwiewowarum und behufs welchen Ziels verstöpselt zu haben vorzieht, ist meines Erachtens genauso hysterisch-unreif-lächerlich-pubertär-verknorzt wie die jahrhundertelange Tabuisierung und Totschweigerei unter dem Diktat popliger Popen jedweder Couleur, die heute - ach wie banal, erwartbar und langweilig - als Hintenrumvonhintenreinstecher, als ihre dusslige Macht missbrauchende Superböcke entlarvt werden. In gewissen östlichen Kulturen hat man für beides nicht einmal ein müdes Lächeln übrig.

Hysterie III
Die sexuelle Orientierung irgendwelcher sich zum 'Coming-out' genötigt fühlender Deppinnen und Deppen interessiert mich etwa gleichermassen brennend wie die Form und Konsistenz ihres allmorgendlich Gekackten.

 

W41/10 Verkehrte Welt

Den meisten Menschen muss man zurufen: "Tiere sind auch Menschen!" - Bei mir ist es umgekehrt.

 

W40/10 Geheimnis der Gegensätze

Wieso sich sträuben gegen etwas, was dem, was wir lieben, durch seine Gegensätzlichkeit erst zu dem Glanz verhilft, den wir zu erkennen glauben? Zum Beispiel gegen die Nacht, gegen Alter, Krankheit, Tod - und gegen die Tiefzeit nach der Hochzeit?

 

W39/10 Umweg

Der Mensch ist das Tier, das den grössten Entwicklungsumweg macht, um dann vielleicht irgendwann dort anzukommen, wo alle anderen schon immer waren: beim intuitiven Wissen um die untrennbare Verquickung von allen mit allem.

 

W38/10 Rekorde

Eines der sichersten Anzeichen für nobelperisverdächtige Verdrängungskompetenz ist, wenn der schlechteste Schüler darauf besteht, der beste zu sein. Der Mensch schafft dies locker in der Klasse mit Tieren, Pflanzen und Dingen.

 

W37/10 Treue

"Ich bin nicht süchtig - nur treu", meinte der begeisterte -Raucher und entflammte fröhlich die 7-millionste Gauloise. - Wenn 'Treue' bedeutet, auch bei Gegenwind unbeirrt einem Gedanken anzuhängen oder bei einem irgendwann für richtig befundenen Verhalten zu bleiben, so kann man doch auch seiner Zigarettenmarke, seinem Whisky und den Blondinen 'treu' sein - was Blondine 1 dann angesichts von Blondine 2 bis X als 'Untreue' qualifizieren könnte - und schon landen wir im herrlichen Paradoxon, dass man auch seiner Untreue treu sein kann. - Könnte es vielleicht sein, dass mit dem Etikett 'Treue' des öftern nur die Faulheit kaschiert wird, seinen Hintern zu heben und einen winzig kleinen Entwicklungsschritt zu machen, ja dass die positiv konnotierte Vokabel schnell und gern als Euphemismus für Borniertheit, Bequemlichkeit und Dummheit herhalten muss? Dafür spricht, dass der mittelalterliche Begriff meist in emotional aufgeladenen Diskurs-Situationen zitiert wird, in denen sachliche Argumente nicht gefragt sind. Ursprünglich wurden mit 'Treue' Sachverhalte umschrieben wie: 'Verlässlichkeit im Kampf', 'Solidarität', 'zu etwas oder jemandem Stehen'. Antonym zur 'trüwe' war im Mittelalter der Verrat, das Wechseln der Seite, das Kämpfen für einen andern als den Dienstherrn. Heute wird der Begriff der 'Treue' fast nur noch im Geschlechterverhältnis als Euphemismus für die Einhaltung eines bei Licht besehen menschrechtswidrigen und unsittlichen Vertrags verwendet, nämlich der im Ehefall sogar lebenslänglichen Vepachtung insbesondere der eigenen Geschlechtsteile zu ausschliesslichem Gebrauch durch den Begünstigten, wobei es sich dabei gnädigerweise nur um den Gebrauch als Sexualorgane handelt, pinkeln darf der Verpächter in der Regel noch ohne Einholung einer Spezialbewilligung in Eigenregie. Stossend wird dieser pachtähnliche Vertrag vor allem dann, wenn er sogar dann noch als unkündbar gilt, wenn der Pächter nur über die Einhaltung seines Sonderrechts wacht, ohne die Pachtsache selbst zu benutzen...

 

W36/10 Welt als Spiegel?

"Dein Beruf, deine Familie, deine Pferde spiegeln dich. Sie zeigen dir deinen Charakter, deine Stärken, Schwächen, Bedürfnisse, Entwicklungsmöglichkeiten" etc. Solche Sprüche sind durchaus Hochglanzheftli-tauglich. Einzig wenn man die offenbar unbequeme Frage stellt, wieso denn nicht die ganze Welt als Spiegel herhalten könnte und mithin für jeden anders sei, eben sein individueller Spiegel, geraten die Mainstream-Plapperi dann schnell ins Stottern und brabbeln irgendwas von Tatsachen, von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die dann eben doch absolut und allgemeingültig und eben nicht mehr individuell seien und die Metapher vom Spiegel dann eben sprengten und so weiter. Dieses Schwanzeinziehen ist verständlich, denn wenn man die Spiegelvorstellung konsequent weiter ausmalt, fällt all das, was wir so gerne anprangern in der schlechten Aussenwelt, wie ein nettes Bumerängchen auf unser edles Haupt zurück: das Elend, der Krieg, die Gier und die bösenbösen Krebszellelein - all das wäre dann ja auch 'nur' Spiegel und es gälte, darin die Entwicklungsmöglichkeiten zu suchen. Die Welt als Spiegel? - Igittigitt welch anstrengendes Konzept! Dann doch lieber weiterschimpfen am Stammtisch über alles, was nicht so ist, wie es sein sollte - und alles leiderleider unseren Einflussmöglichkeiten völlig entzogen....

 

W35/10 Wie viel Aggression soll's denn sein, Rösseler?

Reiten, Fahren, überhaupt mit Pferden umgehen ist nichts für Gewalttäter. Aber auch nichts für totale Softys, für überängstliche Weichflöten. Das Mass von 'Anpackigkeit' – so könnte man 'Aggression' übersetzen – muss also irgendwo dazwischen liegen. Ein gewisses Mass an Führungswillen müssen wir ja mitbringen, sonst können wir ein Pferd nicht einmal aus der Box bis zum Putzplatz oder von der Weide zurück in den Stall führen. Die meisten von uns kennen die Spiele, die schlaue Pferde gern spielen, um zu testen, wer der Chef ist, wenn die Weide schön gross ist. Sehr oft funktionieren bei Pferden Dinge, die bei Menschen auch hinhauen, so zum Beispiel der 'Ich interessier mich für was anderes'-Trick: anstatt dem Pferd, das wir reinholen wollen, auf der Weide hinterher zu laufen, verwöhnen wir ein anderes mit 'Gutis' – und schon kommt der eigentlich Gemeinte angetrabt. Ein geschickter Pferdezahnarzt demonstrierte uns denselben Trick in der Boxe. Er stand mit dem Rücken zum Pferd, das sich in den Auslauf verdrückt hatte, als es den Fremdling mit seiner scheppernden Ausrüstung herannahen sah, in der offenen Boxentür und hielt uns einen Vortrag über die Wichtigkeit der regelmässigen Zahnpflege – er nutzte also die verstreichende Zeit noch für Eigenwerbung – und siehe da, innert Kürze schlich sich die misstrauische Stute von hinten an den plappernden Mann heran, der sich so wenig für sie zu interessieren schien, stupste ihn schliesslich sogar an und kommunizierte mit ihrer Körpersprache, was wir in etwa so in unsere Wörtersprache übersetzen könnten: "He, Kerl, du stehst in meiner Box und hast dich gefälligst für mich zu interessieren. Was hast du anzubieten? Wenn du ein Futterlieferant bist, könnten wir ins Geschäft kommen..." Der Zahnpfleger drehte sich lachend um, gab der Stute ein 'Guti', plapperte weiter, streifte ihr das fürchterliche metallene Maulöffnungs-Gestell über und begann mit seiner Arbeit, die sie gelassen über sich ergehen liess. Ähnlich trickreich und aggressionsarm geht unser Dressurtrainer vor, ein genialer und überaus humorvoller Pferdemensch. Er bleibt nie stur und verbissen bei einer Lektion, verlangt nie Kadavergehorsam, wird nie sauer und streitet sich nie ernsthaft mit den Pferden. Wenn sie etwas nicht tun wollen und dafür etwas anderes anbieten, dann verlangt er das solange, bis sie so richtig Lust auf das kriegen, was er ursprünglich wollte. Wenn zum Beispiel ein aufgeregtes Pferd völlig verspannt mit kurzen Tritten herum trabt, anstatt sich mit langem Hals in die Tiefe zu dehnen, was er eigentlich gerade abrufen wollte, dann nimmt er das Angebot des Pferdes und übt solange hohe Versammlung mit passage-artigen Tritten, bis das Pferd richtig Lust hat nach Dehnung, nach Raumgriff und intensiverer Vorwärtsbewegung. Und wenn er dann auch die Verstärkung eine Runde länger reitet, als das Pferd es selbst anbietet, ist es gerne bereit für eine weitere versammelnde Lektion. Wir versuchen diese Ideen auch im Spring- und Geländetraining anzuwenden – und siehe da, zumindest der 'Ich interessier mich für was anderes'-Trick funktioniert auch hier. Wenn eine Gruppe von Pferden sich in einem Teich vergnügt und vor dem Teich steht eins, das noch nie im Wasser war, so kann der Reiter entspannt sein Handy zücken und seiner Grossmutter zum Geburtstag gratulieren – auf jeden Fall die erfolgversprechendere Variante, als wütend und erfolglos sein Pferd mit Sporen oder Peitsche zu traktieren. Meist ist das Pferd schon freiwillig bei den Kollegen im Teich, bevor die Grossmutter abgenommen hat. Nun mag es Situationen geben, in denen alle Spiele und Tricks nicht helfen und wir doch etwas deutlicher unseren Autoritätsanspruch durchsetzen müssen, wenn wir nicht wollen, dass uns die Pferde auf den Füssen herum trampeln. Da stellt sich vorab die Frage nach den Kommunikationsmitteln. In unserer menschlichen Wörtersprache herumschreien mag auf der rein klanglichen Ebene ankommen und wir können die Pferde auch an den Klang einzelner Wörter gewöhnen, aber wenn Kommunikation gelingen soll, reicht es nicht, dem Dialogpartner unsere Sprache aufzuzwingen; wir müssen versuchen, die Sprache des Gegenübers zu verstehen, sie zu erlernen und anzuwenden. Und neben den wenigen Lautäusserungen des Pferdes ist es vor allem die Körpersprache, die wir beobachten, erlernen und dann auch selbst anwenden können. Wenn wir sehen, wie freie Pferde auf der Weide miteinander umgehen, können wir in ähnlicher Weise unser Pferd am Putzplatz herum schubsen, bis es von uns wegweicht und stillsteht. Dabei sollten wir innerlich ruhig und schmunzelnd bleiben, denn es geht ja auch hier nicht um Kadavergehorsam, sondern um eine für beide erspriessliche Partnerschaft, die wir anstreben. Wenn uns dieser Gedanke des Dialogs unter Partnern nie verlässt, finden wir auch immer wieder das richtige Mass von 'Anpackigkeit', das den echten Rösseler ausmacht.

 

W34/10 Vier Pfeilchen zur zeitgenössischen Literatur

1) Noch elender als das Elend sind die Elenden, die das Elend so elend umschreiben, dass auch die Nochnichtelenden zu ihnen hinunter ins Elend gezogen werden.

2) Zeitgenössische Literatur bestätigt das Gesetz der Entropie: der ordungsärmere, elendere Zustand setzt sich auf die Dauer durch.

3) Eine konstruktivistische Philosophie der Eigenverantwortung hat zumindest in den Feuilletons keine Chance. Denn die Vorstellung, dass die elende Welt der beelendeten Autoren und der sie belobhudelnden Kritiker nur deren Inneres spiegelt und keiner allgemeingültigen Realität entspricht, ist verständlicherweise unzumutbar. Wer stellt schon gern fest, dass er überall nur seiner eigenen Kaputtheit und Arschlöchigkeit begegnet? Und der diese Tristesse ausbalancierende Schritt zur Vorstellung, dass auch alles von uns wahrgenommene Schöne, Edle, Beglückende unser Inneres spiegelt, ist den niedergeistigen medialen Trendsettern unserer Tage nicht vergönnt, denn wenn Kunst allgemein und Literatur speziell heutzutage eines nicht sein darf, dann schön, edel, beglückend. Bei Schönem schüttelt sich der sich im Elend suhlende Kritiker, denn er weiss, es kann sich nur um Kitsch, spirituellen Quatsch oder Pornografie handeln...

4) Die gültigste Regel des Journalismus, die schon galt, bevor es ihn, ja bevor es Verbalsprache gab, die man auch mit Grunzen, Brunzen und Keulenschlägen vermitteln kann, lautet in ihrer modisch-neulateinischen Version 'Only bad news are good news'. Dass diese sakrosankte, die sonst von Berufs wegen zerstrittene Sekte der verbalen und digitalen Paparazzis einigende Regel längst auch in der Welt der mehr oder weniger reichen Ranitzkyaner und Oprahnistinnen ihre gegensatzvereinigende Kraft entfaltet, stimmt tröstlich, ist zutiefst sozial und gibt auch den wenigst talentierten aufstrebenden Buchstabenjongleuren Aufwind. Völlig egal, ob du dein Handwerk beherrschst, auch wurst, ob du überhaupt irgend etwas zu sagen hast: leg dich hin, meditier darüber, was alles 'bad' sein könnte, und dann bring es so richtig fein fäkal, verpack alles, was dir an Kaputtem und Hässlichem in dein trübes Hirnlein steigt von hinten-unten rauf - es wird garantiert ein Reisser. Aber reiss dich zusammen und lach nicht über die Lächerlichkeit des Erfolgs - sonst könnte er sich so schnell verflüchtigen, wie er kam. Denn spätestens seit dem 2. Weltkrieg zeichnet sich der Intellektuelle dadurch aus, dass er gezeichnet ist vom Elend dieser Welt. Wer lacht, ist ein Ignorant. Wer wissend ist, träg das Wissen um die Atombombe und die Klimakatstrophe permanent auf seinem verhärmten Antlitz spazieren. Lachen ist was für's bierselige Volk, nicht für die, die die Last des Diesseits auf ihren Schultern spüren...

 

W33/10 Erzwungene Solidarität ist keine...

...so wenig wie befohlene Liebe Liebe ist. Deshalb funktioniert der Sozialstaat auf die Dauer so wenig wie die Ehe. Kern von Solidarität und Liebe ist die Freiwilligkeit, für die man werben, zu der man andere durch Vorbildverhalten motivieren kann. Zwang hilft nicht nur nicht, er erweist sich in aller Regel als kontraproduktiv. Die vom Staat über Umverteilung erzwungene 'Solidarität' beeinträchtigt die in jedem Menschen genuin vorhandene Empathie für die Mitwesen. Trotz Untergang der kommunistischen und galoppierendem Niedergang aller sozialistischen Staaten hat diese vergleichsweise banale Einsicht noch keinen Eingang in die ideologieverbrämten Hirne linker Fundis gefunden. Vielleicht, weil es dort gar keine Eingänge gibt? Oder höchstens solche für Zaster, den andere verdient haben?

 

W32/10 Fundamentalismus und Weltverbesserung

Fundamentalismus beginnt dort, wo wir überzeugt sind, dass die Welt nicht ist, wie sie sein sollte. Denn diese Überzeugung verhärtet sich leicht zu etwas Absolutem. Wir benützen Wörter wie 'nur', 'immer', 'ausschliesslich', 'keinesfalls' und über unsere emotionale Entrüstung schleicht sich der absolute Gültigkeitsanspruch unserer Überzeugung unerkannt in unser Herz und benebelt unser Hirn. Wenn wir überhaupt über diese verdichteten Überzeugungen nachdenken, dann höchstens in Kategorien der Dringlichkeit des zu erreichenden Zwecks, der die Mittel heiligt. Die Welt muss ganz dringend, am liebsten zeitverzugslos sofort anders, selbstverständlich besser werden, und deshalb hat alles, was sich unserem edlen Ansinnen entgegenstellt, zu weichen. Wer oder was nicht für uns ist, ist gegen uns - und muss entfernt, eliminiert, ausgelöscht werden.

 

W31/10 Skala der Angst

Angst ist eine riesige Skala von abenteuerlich-angenehmer Vorfreude auf das Kennelernen von Unbekanntem, die das Leben in Gang bringt, die man als eigentliches Salz des Lebens bezeichnen kann, bis zur Schreckensstarre, die jegliches Leben blockiert. Es gilt für jede Entität herauszufinden, wo das eine ins andere zu kippen beginnt. Entwicklung heisst, den Kipp-Punkt immer weiter Richtung Schreckensstarre zu verschieben, sodass der Anteil von Abenteuer und Vorfreude immer grösser wird. Damit haben wir auch gleich ein griffiges Kriterium für die Beurteilung unserer Lebensqualität und unseres Entwicklungsstands: unsere Reaktion auf Unbekanntes zeigt uns mit erstaunlicher Genauigkeit an, wo wir stehen.

 

W30/10 Der reine Rainer

Es gab Rainer stets ein Gefühl der Reinheit und der Aufrichtigkeit, nicht nur den Abfall, sondern auch seine Gefühle, seine Fähigkeiten, seine Gaben fein säuberlich zu trennen, jegliche Überlappungen zu vermeiden. So hätte er es als Betrug, Treulosigkeit, ja als Verrat angesehen, mit jemand anderem als mit Hans im Sternen sein Feierabendbier zu nehmen. Auch das heilige Ritual des gemeinsamen Fussballkuckens teilte er nur und ausschliesslich mit Fritz, seine handwerklichen Fähigkeiten gehörten allein seinem treuen Arbeitgeber Sepp und sein Schwänzchen - ja auch da dieses Gefühl der Reinheit - hatte er in den Anfangsjahren nur in die entsprechende Lücke seiner angetrauten Elsie gestopft. Seit langem benutzte er es nur noch zum Pinkeln - aber immer mit diesem sonnigen Gefühl der Reinheit.

 

W29/10 Naturferne = Zivilisation?

Sinnenfeindliche Religionen und Ideologien wurden wohl samt und sonders von neiderfüllten impotenten alten Säcken begründet. Erstaunlich nur, dass sich in verschiedensten Kulturen über unzählige Generationen hinweg junge Menschen im Vollsaft sinnlicher Lustfähigkeit den Genuss vermiesepetern lassen - und innert Kürze den Bockmist, den die Gruftys ihnen predigten, selbst weiterlallen. Woher dieser sado-masochistische Reiz, Naturferne mit Zivilisation oder gar Kultur zu verwechseln? In allen anderen als 'kulturell' geltenden Betätigungsfeldern gilt doch das Raffinement, die Intensivierung und Verlängerung des Genusses als Kriterium für die Qualität? Nur bei Sinnlichkeit und Erotik sollte es anders sein?

 

W28/10 Heuchelei

Nebst seinem unbestritten beeindruckenden Zerstörungspotenzial und seinem nicht minder beeindruckenden Talent für Absolutsetzung, Fundamentalismus und Terrorismus zeichnet sich der Mensch vor allem durch die Gabe der Heuchelei aus. Fast 2000 Jahre lang hat doch das jetzt recht gut geklappt mit der nach aussen zelebrierten Sinnenfeindlichkeit und dem Zölibat - ein idealer Nährboden für Völlerei, Sauferei, für die Bildung homosexueller Gemeinschaften und für die Vernascherei junger Knäblein im und auf dem Schosse der Kirche. Die heute noch vorgebrachte Begründung für die Ablehnung alles Sinnlichen wegen dessen Unreinheit' wird unter diesem Aspekt noch abstruser. Zumal ja Gottesliebe nicht nur erlaubt, sondern sogar gefordert wurde. Immerhin wurde deren Abstraktheit im Christentum dadurch etwas gemildert, dass all die vom Keuschheitsgelübde Gezeichneten beim Masturbieren wenigstens an ihre konkreten Versionen von Jesus und Maria denken durften. Letztlich war es der Kirche wohl wurst, was ihre Schäfchen taten, Hauptsache sie hatten ein schlechtes Gewissen und beichteten. Der Reichtum der Kirche steht m.E. in direkter Relation zur Verteufelung des Sinnlichen. Man stelle sich vor, fröhlich gelebte Sinnlichkeit wäre nie als Sünde gebrandmarkt worden - mit dem bisschen Geld der paar Mörder und Räuber, die versucht hätten, sich von ihren Sünden loszukaufen, wäre die Kirche hoffnungslos verarmt. Deshalb der Lehrsatz Nummer 1, wenn du Macht erlangen willst: Es ist völlig egal, womit du die Menschen ängstigst, Hauptsache sie haben Angst.

 

W27/10 Untergang des Abendlandes?

Na und? Angesichts der madenartig zunehmenden Quote übelgelaunter, unmündiger Vollkasko-Insassen der konkursiten westlichen Talfahrtsstaaten ist doch das schleichende Entschwinden der Abendländer etwas völlig Unspektakuläres, ein Hinüberdämmern in die kollektive Demenz, ein lautloses Verstieben, wie wenn man auf verfaultes Holz tritt. Vielleicht überleben ja Homer, Shakespeare, Bach, Mozart und ein paar weitere Preziosen partiell auch in etwas gröber gehobelten Köpfen?

 

W26/10 Beglückende Berufe 2: der Anwalt

Wie die Schmeissfliegen immer dort sein, wo die Kacke am Dampfen ist...

 

W25/10 Beglückende Berufe 1: il Paparazzo

Jemanden zur (Bild-)Strecke bringen

 

W24/10: Sisiphus-Steinchen im freien Angebot

Wir bestimmen unser Leiden immer selbst. Weder physischer noch psychischer noch 'geistiger' Schmerz sind objektivierbar, quantifizierbar. Wenn wir dieses unser subjektives 'Leiden', diese Reibung zwischen dem, was gemäss unserer individuellen Wahrnehmungsverarbeitung 'ist' und dem, was gemäss unserer selbst gezimmerten Idealvorstellung von Welt sein sollte, minimieren möchten, so sollten wir das in völliger Eigenverantwortung tun. Wir sind - innerhalb der Spiele und Gesellschaftsordnungen, in denen wir gerade freiwillig mitspielen - weitgehend frei, das Wandlungsquantum, den Sisiphus-Stein, den wir hinan wälzen, den Aufgabenberg, den wir von 'soll' zu 'ist' verschieben möchten, so zu bestimmen, dass es sich als für uns förderlich und unserem Wesen, unserer Lebensphase, unserem Entwicklungsstand entspricht.
Von nichts ist der moderne westliche unmündige Vollkasko-Wohlfahrts-Bürger weiter entfernt als von so verstandener Eigenverantwortung.

 

W23/10: Le malentendu éternel

Männer sind Jäger, Sammler und Mischformen davon. Dem Nur-Jäger reicht es, das Jagdobjekt in seine Verfügungsmacht gebracht zu haben. Ihm geht es um den Prozess, bis das Objekt liegt.
Dem Nur-Sammler hingegen reicht es, das Objekt in seiner Verfügungsmacht zu wissen. Für ihn ist der Status des Besitzens zentral.
Beide sind nicht daran interessiert, mit den Objekten in Interaktion zu treten. Der einzige Beziehungsakt ist beim Jäger der Schuss, beim Sammler das Drehen des Safe-Schlüssels.
Es mag ein paar individuelle Ausnahmeobjekte geben im Bereich der Fahr-, Flug- und Werkzeuge, Sportgeräte und Unternehmen, bei denen männliche Zuwendung beobachtet werden kann, die über den Jagd- und Sammlertrieb hinaus gehen.
Frauen gehören in der Regel nicht dazu.

 

W22/10: Liebe?

Wenn eine Frau einem selektionierten Mann die vorübergehend ausschliessliche Benützung eines Teils ihrer Körperregionen gewährt als Belohnung für vergangenes oder Motivation für zukünftiges Wohlverhalten, so mag das clevere Mitarbeiterbindung sein - mit Liebe hat es ähnlich viel zu tun wie die Weihnachtsgrüsse einer Bank. Als besonders gewieft gelten die Frauen, die sich das Wohlverhalten ihrer Männer auch sichern können allein mit der Vorgaukelung der Möglichkeit einer Eigenleistung in nebelverhangener Zukunft. Und am erfolgreichsten werden von Frauen diejenigen Geschlechtsgenossinnen eingeschätzt, die weder etwas tun, noch etwas zur Verfügung stellen noch Erwartungen wecken - und doch lebenslänglich bestens von den Einkünften ihrer Männer leben.

 

W21/10 Kurzgeschichte: Parallelen

Hund...
Er wurde mit seinem letzten Hund alt, bewegte sich weniger, und langsamer, schlief häufiger, fuhr nicht mehr wegen jedem kleinen Reiz hoch, spürte, wie die Gier nach Haben, nach Neuem und nach ewigem Fortleben in diesem Körperfahrzeug nachliess - und beide verliessen dieses eines Morgens in aller Frühe, ganz still, unaufgeregt hinüberdämmernd.

...und Katz
Sie schnurrte wie ihre Katze, wenn man sie am richtigen Ort im richtigen Mass während der richtigen Zeitspanne kraulte. Und sie fauchte, kratzte und satzte von dannen wie selbige, wenn der Kraulende auch nur ein My das labile Gleichgewicht der drei Richtigkeitsparameter verfehlte. Am ähnlichsten aber war der indignierte Gesichtsausdruck beider über dieses unvorstellbare Mass an männlicher Unsensibilität.

 

W20/10 Kultur

Kultur war mal was Nicht-Verzwecktes
Unaufgeregtes, Unverschrecktes
und hatte was mit Geist zu tun,
mit Bildung, Musse und mit Ruhn.

Nicht jede Kult-Uhr ist Kultur
manchmal braucht es dazu nur
einen Zugang zum Gewissen,
Geistesbildung, Herzenswissen
und ein gut Mass Empathie
für Menschenwesen und das Vieh,
für alles, was da kreucht und fleucht
und was wir alles aufgescheucht,
für Pflanzen, Berge, Seen und Meere
und für die alte Weisheitslehre
des Dienens und der Achtsamkeit,
ein Weniger an Eitelkeit –
und schon sind wir ihr auf der Spur,
der schönen Eigenschaft 'Kultur'!

 

W19/10 Kurzgeschichte:Trug

Was er wie massgeschneidert trug, war Trug.
Nachdem er lange Anzug A trug,
entschied er,
dass er fortan nur noch Be-trug.
Lange ertrug man ihn.
Dann erschlug man ihn.

Auf seinem Grabstein stand:
Der Trug geht zum Brunnen
bis er erbricht.

 

W18/10 Kurzgeschichte: Tracht

Zuerst probierte er die Eintracht
- und wurde ausgelacht.
Dann versuchte er es mit der Zwietracht
- und wurde niedergemacht.
So darniederliegend
sinnierte er über die Tracht Prügel,
die er kassiert hatte.
Dann entdeckte er die Tracht,
die seinem Wesen zutiefst entsprach
und zog sie nicht mehr aus:
die Niedertracht

 

W17/10 Kleine Wörterkunde: 'Sprengen'

Gibt es etwas Schöneres, als an einem heissen Sommertag den Rasen zu sprengen? Der Beweis, dass 'sprengen' nicht zwingend etwa Zerstörerisches ist, wie viele glauben. Man kann auch die eisernen Ringe ums Herz sprengen, die es am Lieben hindern - auch das doch eigentlich eine sehr erfreuliche Sprengerei, ausser man sei gerade so ein eiserner Ring - eine der menschlichen Lieblingsrollen. Man kann auch dahersprengen oder aus einer Gasse heraussprengen, zum Beispiel als Reitergruppe im Galopp. Natürlich gibt es auch Sprengmeister, die mit explosiven Sprengsätzen hantieren - aber kann nicht ein richtig starker Satz auch ein 'Spreng-Satz' sein? Zum Beispiel der Sokrates zugeschriebene Satz "Ich weiss, dass ich nichts weiss"? Der Satz hat soviel Sprengkraft, dass er ganz tief in ein Munitionsdepot mit dicken, unsprengbaren Betonwänden eingelagert wurde. Zumindest scheint das grosse Gros der Menschheit mitsamt den paar Millionen Wissenschaftlern vom Gegenteil überzeugt zu sein: sie wissen felsenfest und absolut, dass sie haufenweise Zeugs wissen. Z.B. was heute im Fernsehen kommt. Und wer in der WM-Mannschaft mit tschutet. Und das ist doch Wissen, oder nicht? Wer das nicht 'Wissen' nennt, den sprengen wir in die Luft. Oder wir vergasen ihn, das braucht weniger Trotyl. Liefert dann aber vielleicht in historischen Debatten für Jahrhunderte weiteren Sprengstoff. Also besprengen wir diese Ketzer doch besser mit etwas Weihwasser und segnen sie. Sie wissen ja nichts. Nicht einmal, was sie tun.

 

W15/10 Kleine Wörterkunde: 'Schiessen'

Schiessen tun Pilze aus dem Boden, natürlich auch giftige und atomige, aber auch das grüne Gras schiesst nach einem erfrischenden Frühlingsregen aus dem feuchten Humus. Ja, wenn man nicht jätet, schiesst da einiges ins Kraut!
Die Milch schiesst ein nach der Geburt - zumindest sollte sie das, damit die junge Mutter ihren saugenden Säugling stillen kann. Überhaupt gehört die Stille in die Phase nach dem Schiessen. So tritt sie regelmässig auf Schlachtfeldern nach der Schlacht ein, während der fleissig geschossen wurde. In der Stille können aber auch Gedanken durch den Kopf schiessen, wie wichtig die Schiesserei doch sei und dass jene, die diese Schlachtfeldstille nicht schätzen, die sozusagen auf das Schiessen scheissen und der Schiesserei ein Ende machen wollen, indem sie all diejenigen erschiessen lassen, die weiterhin schiessen wollen, Scheisskerle seien und erschossen gehören. So bleibt es beim fröhlichen Schiessen aller gegen alle, und die Entwicklung findet vor allem bei der Schiessmunition statt. Da wird auch mit Worten, Klängen und Geräuschen, ja mit Düften und Gestänken geschossen, dass es eine Freude ist. Doch auch der gute alte Pfeil, den wir fast nur noch von Wilhelm Tell und Indianerfilmen her kennen, wird immer noch abgeschossen vom einzigen Gott aus altgriechischer Zeit, an den bis heute jeder glaubt, der einmal von einem seiner Pfeile durchbonrt wurde: Amor! Wenn er einen richtig schrägen Vogel erwischt, kann man sagen: Jetzt hat er den Vogel abgeschossen!

 

W14/10 Kleine Wörterkunde: 'Ausbrechen'

Ausbrechen können Ein- und Verbrecher aus ihren staatlichen Luxuswohnungen, Schafe und des Schaffens Überdrüssige aus ihren Pferchen, Vulkane und Kriege (woraus eigentlich?), Seuchen (aus der Büchse der Pandora?), Pandemien (aus den Hirnen grosser Impfstoffanbieter), Philosophen (aus Denkmustern) und zum Glück auch Fröhliche in Gelächter...

 

W13/10 Kleine Wörterkunde: 'Verloren'

Verloren - kann man ein Wesen oder Ding, ein Spiel, seine Unschuld, einen Krieg, seine Hemmungen, eine Wette, ein Körperteil, seine Zuversicht oder auch gleich das Leben haben, aber auch sich fühlen, z.B. als schalenloses Ei in heissem Wasser, das dann auch noch damit rechnen muss, abgeschreckt zu werden, wie wenn die Verlorenheit nicht schon Schrecken genug wäre. Verloren gehen können Dinge wie Schlüssel, die es aber in dem Augenblick noch nicht sind, wo man davon spricht, dass sie verloren gehen könnten und man sie am Gehen noch hindern könnte - überhaupt merkwürdig, dass all die meist beinlosen Dinge gehen können, dazu noch verloren. Wobei völlig verloren durch den Wald zu gehen nicht dasselbe ist wie verloren gehen. Was verloren geht, scheint zu wissen, wohin es geht, nur der oder die, der oder die es sucht, weiss nicht, wohin das Verlorengegangene gegangen ist. Wüsste er oder sie es, wäre es nicht verloren. Im Unterschied dazu weiss der oder die, der oder die verloren irgendwo rumgeht, eben typischerweise nicht, wohin er oder sie geht. Meist fühlt er oder sie sich deshalb verloren, weil er oder sie zwar selbst nicht weiss, wohin er oder sie gehen soll, aber zu wissen glaubt, wohin ein anderer, ihm bislang nahestehender und nun verloren geglaubter Mensch zu gehen beabsichtigt - oder zumindest zu wissen, dass er oder sie zu gehen beabsichtigt. Und auch wenn er oder sie nicht weiss, wohin dieser bzw. diese andere zu gehen beabsichtigt, reicht das vermeintliche Wissen um das Gehen bereits aus um sich selbst verloren zu fühlen und die Sache verloren zu glauben.

Verlieren kann man wie gesagt auch Kriege, die vorher ausgebrochen sind. Ungeschickterweise herrscht beim Homo gar nicht so sapiens das Missverständnis vor, verlorene Kriege seien etwas, das man wie sonst Verlorenes unbedingt wieder suchen, aufsuchen, finden und wieder in Funktion setzen müsse. Der Finderlohn oder besser Erfinderlohn für verlorene Kriege wird in bei ebendiesem verlorenen Leben berechnet.

 

W12/10 Egozentrik

Viele Spitzensportler sind egozentrische Ekel - aber leider sind nicht alle egozentrischen Ekel Spitzensportler, sonst würde es wimmeln von dieser Spezies und die Sportverantwortlichen könnten sich darauf beschränken, dafür zu sorgen, dass sich all die tollen Ekel neben dem Sportplatz nicht umbringen.

W11/10 Krieg

"Je religiöser dein Land ist, desto eher wird es Krieg geben", lässt Hallgrimur Helgason eine seiner Romanfiguren sagen. Schön, wenn es so einfach wäre. Dann brauchten wir ja bloss die Religionen abzuschaffen und es herrschte Friede, Freude, Eierkuchen? Ich glaube, es geht beim Krieg, den ja nur Menschen führen, um eine ganz grundsätzliche 'condition humaine': Bislang ist kein anderes Wesen als der Mensch mit einem Konzept absoluter Wahrheit aufgefallen. In der übrigen Natur gibt es wohl Fressen und Gefressenwerden, es gibt Verdrängung, Erosion, Zerstörung, Untergang - aber diese Phänomene gründen nie auf Fundamentalismus, auf Ideologien, auf dem Anspruch, die absolute Wahrheit zu besitzen. Die beiden nur beim Menschen vorkommenden Erscheinungen 'Krieg' und 'Absolutheitsanspruch' lassen sich meines Erachtens sehr wohl in eine interdependente Verbindung bringen: der Absolutheitsanspruch ist eine notwendige, wenn auch nicht ausreichende Voraussetzung für Mord und Krieg; umgekehrt helfen Kriege bei jeglicher Spaltung zwischen Entitäten, und die Vorstellung oder das Gefühl der Getrenntheit, der Unverbundenheit mit dem Rest der Welt ist der Nährboden für Fundamentalismen, Ideologien und absolute Wahrheitsansprüche. Meine Version des Eingangssatzes würde demzufolge lauten:
"Wenn du Krieg willst, setze irgendetwas absolut"

 

W10/10 Umgang mit Behinderten

Mitleid und ungefragte Hilfe als Reaktion auf behinderte Mitmenschen sind meist gut gemeint, aber gleichzeitig bevormundend. Ich bemerke das täglich im Umgang mit geistig behinderten Professoren, Politikern, Boni-Rittern und anderen, deren Behinderung gerade darin besteht, dass sie sie nicht erkennen. Sie wollen verständlicherweise weder Mitleid noch Hilfe. Mir hilft das sonnenwarme Vertrauen, dass jeder immer im richtigen Zeitpunkt das ihm und seiner Behinderung gemässe Hilfsangebot serviert bekommt - auch wenn die Geduld des Ungeduldigen dabei arg strapaziert wird.

 

W9/10 Freund sein

Freund-Sein ist leicht, wenn's allen gut geht
Wenn's mit allen und allem zum Besten steht
Freund-Sein ist schön mit den Guten und Schönen,
da bleibt alles leicht ohne Stöhnen und Klönen
so leicht ist die Freundschaft, dass keiner sie spürt,
dass jeder mit jedem was Ähnliches führt.

Ich suche die andre, die tiefe, die schwere:
dem Freund sein, der jählings vor sich sieht die Leere,
Misserfolg, Krankheit, Verlust – oder schlimmer:
Verstossen sein aus der Gesellschaft – was immer;
wenn er oder ich sich im Tief unten wähnt,
wenn das schwärzeste Loch uns entgegen gähnt,
dann zählt schon ein Anruf, ein Lächeln, ein Wort,
eine Einladung an einen heiteren Ort,
ein Gespräch – oder keines – ein Freund spürt das wohl,
weiss, wann er mit uns unternimmt welchen Kohl
sei's Spiel oder Reise, sei's ernst oder witzig
sei's ablenkungsreich, sei's cool oder hitzig,
vielleicht lacht der Freund uns auch einfach nur aus
und klopft sich die Schenkel – es wackelt das Haus;
vielleicht nimmt er uns auch nur still an der Hand,
zeigt uns Elend in x-einem anderen Land –
auf jeden Fall weiss er gezielt uns zu schütteln,
und uns aus der Ich-Fixierung zu rütteln,
nutzt wie in der Halfpipe die Tiefe zum Schwung
nach oben, hinauf zur Kante, zum Sprung!
Er lässt uns nicht liegen, nicht harren, nicht ruhn,
er drängt uns ins Leben, ins Schwingen, ins Tun.

Wer solche Freunde hat, der hat Schwein
ich hab beides – und möchte ein solcher Freund sein.

 

W8/10 Darwin flachgelegt

Der Mensch ist das bislang gescheiterte Experiment der Natur, drastische Mängel im Bereich des intuitiven Wissens um die Verbundenheit von allem, was ist, durch einen vergleichsweise bescheidenen Zuschuss an rationalen Fähigkeiten wie Kombinatorik und Feinmotorik auszugleichen. Konkludentes Verhalten des Menschen plausibilisiert die These, dass kaum ein anderes Wesen auf diesem Planeten die morphogenetischen Felder alles Seienden so wenig wahrzunehmen im Stande ist wie der Mensch. In seiner Überheblichkeit, die vermutlich auf seiner tatsächlich beeindruckenden Spitzenposition in quantitativer und qualitativer Zerstörungseffizienz beruht, erkennt er den eklatanten Mangel nicht einmal als solchen. Die Ausrede, er könne nicht etwas erkennen, für das ihm die Erkennungsinstrumente fehlen, sticht nicht. Denn auch der Taube kann - auf anderen Kommunikationswegen - erfahren, dass es Nicht-Tauben möglich ist, über Musik, Töne, Geräusche, mündliche Sprache zu kommunizieren. Es braucht nur die grundsätzliche Bereitschaft, anzuerkennen, dass es mehr gibt, als was uns direkt und anstrengungslos zugänglich ist. Aber daran hindert uns die von Darwin leider senkrecht hingestellte Pyramide mit dem Menschen als höchstentwickeltem Wesen an der Spitze. Doch hätten nicht unzählige Religionen und Theorien diese eigentlich lächerliche Sichtweise vorbetoniert, wäre Darwin vielleicht schon selbst auf die gloriose Idee gekommen, das Ganze um 90 Grad zu drehen und flach zu legen. Man muss bloss die arrogante Wertung, ja überhaupt dieses verzweifelte Bedürfnis nach Überhöhung der eigenen Art ablegen, und schon wird der Erkenntnisprozess faszinierend interessant. Dann haben Tiere, Pflanzen, Steine, Dinge, Atomteilchen nicht keine, sondern nur andere Kommunikationsmethoden. Es gilt dann plötzlich, die Sprachen all der gleichberechtigten Entitäten zu lernen, die nicht unter, sondern neben uns existieren. Und mit diesem horizontalen Blick fällt es viel leichter, anzuerkennen, dass die anderen Entitäten uns in Vielem weit überlegen sind. Zum Beispiel in der intuitiven Wahrnehmung morphogenetischer Felder. Aber machen Sie sich's nicht zu schwer. Lernen Sie doch zuerst einmal ein wenig Bäumisch, oder vielleicht Pferdisch, da könnte ich Ihnen sogar ein paar Sprachexperten vermitteln...

 

W7/10 Der liebe Wohlfahrtsstaat

Weder Erfolg noch Effizienz und schon gar nicht die maximierte Wohlfahrt sind die wichtigsten Kriterien für die Wünschbarkeit politischer Systeme. Im Gegenteil. Kriterium ist meines Erachtens das Mass an Mündigkeit, Freiwilligkeit und Selbstbestimmung der in ein politisches System Miteingebundenen. Lieber etwas bescheidenere Zahlen, dafür etwas echtere Wahlen. Lieber etwas weniger soziale Wattebäuschen, dafür selbst den Weg, die Stationen und das Ziel der eigenen Wohlfahrt bestimmen.

Der soziale Wohlfahrtsstaat hat uns zu Car-Reisenden gemacht, deren Freiheit nur noch darin besteht, die klimatisierte Luft, die vorgegebene Aussicht, die fix geplanten Halts und die vom Sponsor aufgedrängten Produkte in sich hineinzustopfen - oder in die bereitstehenden Papiertüten zu kotzen.

Der Wohlfahrtsstaat weiss wohl, wie wohl allen zu sein hat bei der klimatisierten Carfahrt in die wohlige Selbstaufgabe der Demenz.

Gibt es etwas, was mehr nach üblem Verkäufer-Slang klingt als 'garantiertes Wohlbefinden'? Ist es unanständig anzunehmen, wer dies anbiete, ja zum politischen Programm mache, könnte allenfalls eine ganz kleine undichte Stelle im cranialen Bereich haben? Und wäre die Annahme verstiegen, zu wähnen, dass bei denen, die darauf hereinfallen, das Hirnrisslein noch ein klitzekleinwenig grösser sei?

 

W6/10 Autonomes Denken

Autonom zu denken ist eine der vergnüglichsten Aufgaben, der man sich im Leben stellen kann. Wenn man die Aufgabe gelöst hat - aber erst dann - kann man sie locker aufgeben und versuchen, das individuelle Vergnügen zum kollektiven Glück zu erweitern.

 

W5/10 Ordnung

Der unsichere Mensch glaubt, die kleinliche, eindimensionale Ordnung, in die er seine Wahrnehmungen presst, sei die bereits vor seinem Wahrnehmungsakt vorhanden gewesene, wahrnehmungsunabhängige 'Ordnung der Natur', dabei ist es bloss eine seinen bescheidenen Fähigkeiten angepasste, dem Wahrgenommenen aufgezwungene Hilfs-Fessel.

 

W4/ Deutsche und Deutschschweizer

Die gemeinsame Sprache täuscht eine trügerische Nähe vor. Bei Licht besehen zeigen sich beträchtliche Unterschied bereits bei den Grundwerten und den sogenannten 'Tugenden'. So hat beispielsweise der Gehorsam einen völlig anderen Stellenwert bei den Germanen als bei den Alemannen. Die helvetischen Helden zeichnen sich durch Ungehorsam aus, durch ein tiefes Misstrauen gegenüber jeder Art von Machtballung, durch Widerborstigkeit gegen alle Bevormundung - was zu Föderalismus und direkter Demokratie führte - und zu der legendären Abneigung gegen alles Grossgekotzte, Ideologische. Kein Zufall, dass es sogar für die Pathetisierung unseres eigenen Gründungs-Mythos' eines Deutschen bedurfte. Heldenverehrung liegt uns nicht - und sich aufplusternde 'Führer' werden rasch auf Normalmass gestutzt.

 

W3/10 Analogien

Analogien ziehen macht Spass, insbesondere wenn man sie in praxi überprüfen kann. Delikat wird es, wenn man sie aus lauter Begeisterung über ihre Stimmigkeit unmerklich in Bikonditionale umfunktioniert und 'Immer wenn X, dann Y' hinaus posaunt.

 

W2/10 Besuche machen immer Freude: wenn nicht beim Kommen, dann beim Gehen

Wenn du ein Haus betrittst, in dem permanent die Glotze flimmert und aus Kisten dringendes Geplärr wie blasenbildende Jauche sich in den Raum ergiesst, Ohr und Auge trübend, dann mach dich hurtig und leise wieder aus dem Staub - die Chance, dass die Bewohner bereits vom dumpfen Dämmer dösiger Demenz umfangen sind, ist so gross, dass sie weder dein Auf- noch dein Abtauchen bemerken werden.

 

W1/10 Denkspiele

Denk dir den Menschen ohne Welt - schlecht vorstellbar; was würde er denn den ganzen Tag kaputt machen? Und nun denk dir eine Welt ohne Menschen - hmm, herrlich, paradiesisch, zumindest eine Zeitlang, dann würden die Affen das 'W' entdecken, vor sich hinstellen - und schon hätten sie W-Affen, mit denen sie sich und allen anderen Tieren den Schädel einhauen, den Regenwald fällen und sonstige schöne Dinge tun lernten. So lang ist's ja nicht her, seit dieser bedeutsame Entwicklungsschritt uns aus Affen hinunter zu dem degenerieren liess, was wir heute sind. Bleibt die kleine Hoffnung, dass die Affen keine Deutschen wären und das mit dem W nicht hinhaut.

 

W 0/10 Vorsatz

Im Unterschied zu einem Chor-Satz
der dem entspricht, was letztlich klingt
ist so ein Jahreswechsel-Vorsatz
noch lang nicht das, was auch gelingt.

So ist der VOR-SATZ einer Katz
auch nicht der Satz zum Fang der Maus
Es ist der Satz VOR diesem Satz
und schwupps: die Maus entflieht ins Haus.

Genau so ist auch unser VOR-SATZ
der Satz zuvor, der nicht verfängt
der Satz ist meistens für die Katz
weshalb er bald am Nagel hängt.

 

2009

W50/09 Ethik und Sozialstaat

Normierte, vom Staat befohlene und überwachte 'Ethik' ist keine. Normierung ist immer Notlösung, nur dann am Platz, wenn die Freiheit nachhaltig versagt hat. Zur Ethik gehört aber zutiefst das Konzept der Freiwilligkeit. Nur wer eine Wahl hat und freiwillig, ohne Not, ohne Angst vor Strafe oder vor massiv negativen gesellschaftlichen Konsequenzen ethisch handelt, darf sein Tun mit diesem Prädikat adeln. Alles andere ist etwas weniger berauschend: Normtreue, Gehorsam, Kalkül oder eben nur schiere Angst. Im exponentiell zunehmend regulierten Sozialstaat westlichen Zuschnitts, im Gottesstaat nahöstlicher bzw. orientalischer Prägung, aber auch in Diktaturen und Quasi-Diktaturen - das heisst gesamthaft gesehen in fast allen Staaten der Welt ist ethisches Handeln demnach nur noch im privatesten Bereich möglich. Dort, wo Aug' und Arm von Big Brother nicht hinkommen: ein winziger und immer winziger werdender Bereich, zumindest im televisionären Westen, wo sich degoutanter Exhibitionismus, digitale Kontrolltechnik und freiheitstilgende Normierungssucht unter dem Deckmantel des Schutzes vor Terroristlis, Tali- und anderen -Bä(h)nchen, wahnsinnigen Rinder-, Vogel-, Schweine- und sicher bald Faultier-Deseases zu einer spiraligen Walze zusammenfindet, die Tsunami-artig letzte Reservate von Freiheit und Autonomie wegspült. Der langen Schreibe kurzer Sinn: wenn man unter 'sozial' ethisches Handeln zugunsten der Gemeinschaft versteht, so kommt man zum etwas tristen Schluss, dass es etwas Asozialeres als den Sozialstaat gar nicht gibt. Hier haben nicht einmal diejenigen die Möglichkeit, sozial zu handeln, die es möchten. Denn es wird flächendeckend 'Solidarität' befohlen - auch das eine 'Contradictio in adiecto'. Denn solidarisch ist man freiwillig - oder nicht. Befohlene Solidarität ist keine - der Kreis schliesst sich. Oder ist, um das Triplett voll zu machen, noch ein Beispiel mit dem Begriff 'Liebe' gefällig? Sozialstaat ist 'befohlene Liebe'. Das schaffte bislang nur die katholische Kirche, aber auch ihr gelang es nur, die Liebe ihrer Klientel zu ihr, zur Kirche obligatorisch zu erklären. Bei drakonischen Strafen bis und mit dem jüngsten Gericht im Unterlassungs- oder nur schon Nachlassungsfall. Doch glücklicherweise gab es die Möglichkeit, sich mit der Zahlung guten Geldes den Kopf aus der bereits geknüpften Schlinge zu ziehen - zumindest wenn man nicht gerade ein Häretiker oder eine Hexe war und das Vis-à-vis ein fetter geldgieriger Knäbleinschlecker und nicht ein fundamentalistischer Inquisitor... Tja, da ist man doch besser 'befohlen lieb', oder nicht?

Das Problem bei befohlener Liebe, Solidarität und Ethik ist immer dasselbe: die Chose ist nicht nachhaltig. Kaum ist der Druck, die Angst vor dem Erwischtwerden, vor Sanktionen und Strafen weg, verschwinden auch im Hui 'Ethik', 'Solidarität' und 'Liebe' - d.h. sie brauchen nicht zu verschwinden, sie waren gar nie da. Es waren bloss Briefkastenfirmen wie im Kanton Zug...

 

W36/09: Reiten - Sinnlichkeit jenseits kleinkarierter Normen

Reiten ist eine wundervolle Möglichkeit, mit vielen sinnlichen Wesen in intensiven sinnlichen Kontakt zu treten, physisch und psychisch eng verbunden Abenteuer zu erleben, die gleichermassen mit höchstem Glück und sinnenstarken Höhepunkten wie mit geteilten Niederlagen und herben Enttäuschungen gespickt sind. Wer unter Erotik Sinnlichkeit versteht und sie nicht mit Libido und Sex verwechselt, kann zu Pferden, Hunden und vielen anderen Tieren, ja auch zu Pflanzen und Dingen eine erotische Beziehung leben. Der Hauptunterschied zu menschlichen Beziehungen liegt darin, dass die Beziehungen zu Tieren frei sind von all dem sinnenfeindlichen religiösen - vor allem christilichen Ballast, aber auch von all der bieder-kleinkariert bürgerlichen Enge, die der religiös begründeten Borniertheit höchstens in der Androhung der Folgen nachsteht: Die Biederbürger verheissen die Hölle auf Erden, die Gott-Allah-Talibänchen verschieben dies wenigstens aufs Jenseits.

 

W35/09: "Do's" und "Dont's"

Die Qualität einer Gemeinschaft lässt sich nicht zuletzt daran ermessen, inwieweit sie sich über ihre positiven, verbindenden Inhalte - und inwieweit über ihre negativen Ausschliessungen und Abtrennungen definiert. Es gibt Familien, Unternehmen, Vereine, Parteien, Regionen, Nationen, Sekten und Religionen, die ihren Hauptfokus darauf richten, was sie sind und tun, auf ihre Angebote und Wesensmerkmale, auf die Wege und Ziele, die sie gehen und anstreben. Neulateinisch vereinfacht wären es die mit dem Imperativ "Do it!", noch verkürzter die "Do's". Und es gibt von all diesen Gruppierungen auch viele, die sich fast ausschliesslich auf das konzentrieren, was nicht zu ihnen gehört, auf das Ausgeschlossene, was keinesfalls reindarf bzw. gedacht oder getan werden darf. In Analogie zu den "Do's" sind dies die "Dont's". Meine These geht nun dahin, dass am Anfang jeder Gemeinschaft das "Do" überwiegt und die Tendenz während der 'Laufzeit' einer Gemeinschaft in mehr oder weniger ausgeprägten Sinuskurven Richtung "Dont" verläuft. Am besten lassen sich solche Entwicklungen bei den grossen Religionen beobachten, aber es eignet sich jede Gemeinschaft dafür, dieser Behauptung auf den Grund zu gehen, auch die eigene Lebens-Partnerschaft, sofern man in einer solchen lebt. Die Zunahme der "Dont"-Sicht vergiftet das Klima, engt ein und führt letztlich zur völligen Pervertierung der ursprünglichen Gemeinschats-Idee.

 

W34/09: Ziel des Klagens

Wer das Maul aufreisst, um sich über irgendetwas zu beklagen, sollte denen, die sich das anhören müssen, immer gleich klar kommunizieren, ob er einen Beitrag zu einer Lösung des Problems, zur Behebung des beklagten Missstandes erwartet - oder ob sie nur nach Empathie giert.

 

W33/09: Scheisse umkreisen statt entwickeln

Viele Menschen fixieren sich ein Leben lang auf eine einzige Thematik und umkreisen diese bis zum jämmerlichen Ende wie Fliegen einen Haufen Scheisse - nur regelmässig mit weniger Erfolg als die Fliegen, die es meistens schaffen, sich auf der Scheisse niederzulassen und ihr Stück davon abzukriegen. Die in ihrer Borniert- und Beschränktheit um Dasselbe kreisenden Menschen hingegen schaffen meist nur das nur vermeintliche Paradoxon, in ihrer wilden Kreiserei stehen zu bleiben. Vermeintlich deshalb, weil sie nur äusserlich in Bewegung sind, innerlich jedoch stagnieren und jegliche Entwicklung verpassen.

 

W30/09: Einstein zum Thema Zeit:

"Menschen, die wie wir an die Physik glauben, wissen, dass die
Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur
eine besonders hartnäckige Illusion ist."

 

W29/09: Abschied von der 'Wahrheit'

Dass auch über hundert Jahr nach der Relativitätstheorie, nach der Erkenntnis der Doppelnatur des Lichts und nach allen unsere Wahrnehmungsergebnisse relativierenden Erkenntnissen der Quantenphysik immer noch weltweit - und nicht nur von religiösen, sondern mindestens so grob von wissenschaftlichen Fundis mit dem Zweihänder des absoluten Wahrheitsanspruchs herumgewuselt wird, ist - mild betrachtet - eine Don Quichotterie oder - etwas ätzender - ein nettes Mosaiksteinchen in der unendlich langen Beweiskette für die ebenso unendliche Blödheit des Menschen, finde ich.

Natürlich darf man sich totschlagen, weil jeder findet, nur seine Sichtweise sei richtig - wenn man Spass daran hat. Aber mir sei es unbenommen, dies als meine Definition von Blödheit zu qualifizieren. In der Wissenschaft wimmelt es inzwischen von Experimenten, die zeigen, dass der Beobachter das Beobachtungsresultat beeinflusst - aber es gibt trotzdem noch eine Mehrzahl von Wissenschaftern (zugegeben, der Unter- und Mittelbau, nicht die wirklich klugen), die sich aufplustern und den von ihnen gerade erreichten Stand des Irrtums als 'gesichertes Wissen' präsentieren und hochnäsig von 'glauben, meinen und wähnen' zu sondern trachten.

Keine Sonnenblume käme auf die doch recht gesuchte Idee, ihre Sicht der Sonne für die einzig richtige, die absolut wahre zu halten. Nicht weil sie dazu nicht intelligent genug wäre - welche Verblendung, wo der Absolutheitsanspruch ja gerade herrlich taugt als Kriterium für Dummheit!- sondern weil die nichtmenschlichen wahrnehmenden Entitäten auf unserem Planeten durch konkludentes Veralten zwar jede Menge Intelligenz, aber nicht einmal den Hauch von fundamentalistischem Absolutheitsanspruch für ihre Wahrnehmung demonstrieren. Einzige mir bekannte Ausnahme gibt es bei Haustieren, die häufig ihre natürliche Intelligenz partiell verlieren und zumindest Teile der paranoiden Wahrnehmungsverabsolutierungstendenzen ihrer Frauchen und Herrchen übernehmen.

Das, was wir so leichthin 'Wahrheit' nennen ist bei genauerem Hinsehen das Produkt eines Konsens-Prozesses, eines Einigungsverfahrens. Man verständigt sich zumindest auf eine partielle Übereinstimmung bei der Interpretation von Wahr-NEHMUNGEN. - Hélas, allein das Wort zeigt, dass es dereinst intelligentere Menschen gab (zumindest im deutschen Sprachraum :-), denen bewusst war, dass es ein 'NEHMEN' ist, ein subjektiver Akt des WahrNEHMENDEN. Dieser Konsens kann als Vertrag, als sprachliche Übereinkunft in der Benennung, als Rechtssystem, als Spielregel, als Axiom einer Wissenschaft, als künstlerische Rahmenbedingung, als Auftrag daherkommen - aber immer haftet ihm der Charakter der Vorläufigkeit, der Abänderbarkeit und vor allem auch der Freiwilligkeit an. Und hier, bei der Freiwilligkeit liegt der Hase im Pfeffer. Denn solange irgend einer ganz für sich allein - und ohne damit auf die Welt loszuschlagen - der absolut felsenfesten Überzeugung ist, dass x, lockt das keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Übel wird es (einem) ja erst, wenn einer seine Wahrnehmung grund- und hirnlos zu einer Wahrseiung umwandelt, seine felsenfeste Meinung, dass x, der Menschheit oder gleich dem Universum felsbrockenartig um die Ohren haut. Dann und erst dann ist meines Erachtens 'schonendes Anhalten' und in schweren Fällen halt in Gottes Namen 'geschlossene Abteilung' angesagt. Jemand anderem seine Wahrnehmung aufzwingen ist meines Erachtens eine der widerwärtigsten Arten der Freiheitsberaubung - und wenn die Zwängerei gelingt, ist das Resultat von einer Ödheit und Langeweile, nach Sklaverei oder noch schlimmer: nach Gehorsam miefend...

Es könnte dann allerdings sein, dass sich das von Dürrenmatt in den 'Physikern' so schelmisch angelegte Problemchen zeigt. Dass man nämlich nicht mehr so genau weiss, was nun 'draussen' und was 'drinnen' sei...

 

W28/09: Offenheit und Toleranz

"Es ist egal, mit welchem Glauben ein Mensch offen und tolerant ist"
Das sagte weder Gandhi noch der Dalai Lama, sondern der New Yorker Event-Manager Asaf Youbiner. Und zu finden ist der Spruch in einem PKZ-Katalog, nonchalant als Begleitsatz zu eleganter Herrenmode. Diese Vermischung von Philosophie und Handel gefällt mir. Sie gibt dem Handel mehr Tiefe und holt die Philosophie aus dem Elfenbeinturm. Jetzt hoffe ich natürlich, dass die uralte Werbe-Suggestion, dass man mit dem angepriesenen Produkt auch gleich die Schönheit, die Ausstrahlung des Models oder das oft grandiose Ambiente rundherum miterwirbt, sich ausdehnt auf diesen Satz, auf die Haltung der Offenheit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen. Ist nicht alles Denken letztlich nur ein Meinen, ein Glauben, auch wenn es noch so wissenschaftlich herausgeputzt daherkommt? Wenn jeder, der im PKZ einkauft, mit dem Anzug diese Haltung anzöge, sie zu seiner zweiten Haut werden liesse, dann würde meine Behauptung vielleicht schneller wahr, als ich dachte: dass Achtsamkeit - hier ganz stark verstanden als das Achten des Andersseins anderer - zu einer wesentlichen Leitlinie wirtschaftlichen Handelns werden wird in absehbarer Zukunft.

 

W24/09: Dummheit

Es gibt haufenweise delikate menschliche Eigenschaften, mit denen ich einigermassen klar komme, wenn sie mir begegnen: Machtgeilheit, Geldgier, Geiz, Selbstsucht, Eitelkeit, Gemeinheit, Täuschung, Heuchelei, Korruption, Verlogenheit, Gewalttätigkeit, Feigheit, Hinterlist, ja sogar die widerliche Lust am Quälen - für bzw. gegen all das hab ich Konzepte und Ideen, wenn es mir in die Quere kommt. Das Einzige, was mich nahezu hilflos macht, was mich immer wieder regelrecht erschüttert, ist die schiere Dummheit, die hanebüchene Blödheit, die legendären Bretter vor dem Kopf, die meist für irgendeine Sorte von Fundamentalismus stehen. Am erschütterndsten ist die Dummheit, wenn sie bei Wissenschaftern, bei Professoren auftritt, die sich für so bedeutend und schlau halten - und dabei mit Blindheit geschlagen sind, kein My über ihren winzigen Fachbereich hinausglaren und auch innerhalb ihrer Branche borniert auf veralteten, nie hinterfragten Axiomen hocken wie ausgestopfte Kröten. Und was fast noch erschütternder ist als die Existenz solcher Volldeppen am Katheder ist der unterwürfige Blick der Massen auf diese Titelhelden und das windige Schwarwenzeln der Medien, die ihnen mit Gleitcreme eingeseift hinten reinkriechen - und nicht zuletzt die Tatsache, dass sie ihre feisten Ränzen mit Steuergeldern eben dieser sie kindlich bewundernden Massen füllen und damit gar keinen Anlass sehen, irgend etwas Brauchbares zu leisten, irgend einen Beitrag zu leisten zur geistigen, psychischen oder wenigstens körperlichen Befindlichkeit derer, die sie ernähren. - Gut, wenn ich mich ganz fest bemühe, erahne ich ein klitzeklein wenig von der schenkelklopfenden rumpelstilzligen Tausendsassa-Befindlichkeit, die sich vielleicht ergibt, wenn man erkennt, dass niemand merkt, dass man dumm ist und gar nichts leistet, ja dass man für seine Dumm- und Faulheit noch bezahlt wird. Aber mich beschleicht die bange Frage: Erkennen die Dummen, dass sie dumm sind? Wäre das nicht bereits ein Beweis von berauschender Intelligenz?

 

W22/09: Machtmissbrauch

'Macht' ist das einer Entität zu Gebote stehende Potenzial, irgend etwas zum Ausdruck zu bringen, mit irgend etwas in einem wie auch immer gearteten 'Aussen' Spurenzu hinterlassen. 'Missbrauch' meint diejenigen Arten der Anwendung dieses Potenzials einer Entität A, die, von anderen Entitäten angewendet, von A als inakzeptierbar eingestuft würde. Oder, anders ausgedrückt: Missbrauch ist all dasjenige Ausdrücken eigenen Potenzials, was Kants kategorischem Imperativ widerspräche, also vom Agierenden selbst nicht als tauglich für die Verallgemeinerung in einem für alle geltenden Gesetz eingeschätzt würde.

Nach dieser Begriffsklärung nun die These:
Alle Entitäten verfügen über Macht, und sei es nur diejenige, die aus der Abtrennung, der Unterscheidbarkeit, der Absonderung, aus der Gegenüberposition in Bezug zu anderen Entitäten, aus dem Besitz einer unverwechselbaren Identität ergibt. Aber keine erliegt der Versuchung, sie zu missbrauchen, quantitativ und qualitativ so exorbitant wie der Mensch.
oder kompakter:
Wo wir auf Machtmissbrauch treffen, ist der Mensch nicht weit.
oder zugespitzter:
Es gibt keine dem Menschen zu Gebote stehende Macht, die er nicht permanent missbrauchte.
oder messerscharf:
Beim Menschen ist die Regel der Missbrauch, die Ausnahme der achtsame Umgang mit Macht

 

W18/09: Tiere töten, Menschen morden

200 Jahre nach Darwin erkenne ich endlich die entscheidende differentia specifica zwischen Mensch und Tier: Tiere töten - Menschen morden. Der Unterschied liegt in der Motivation.Hunger, Ohnmacht und Notwehr sind Motive zum Töten; Machtgier, Hass, Rache sind Motive zum Morden.

 

W17/09: Paradigmenwechsel

Nach rund 300 Jahren Rationalismus, Materialismus und Realismus kehrt die Liebe zurück. Nicht die von und zu Freud, sondern eine freudvollere, immaterielle: die Agape-Liebe.

 

W16/09: Kausalität und Liebe

Liebe und Kausalität verhalten sich indirekt proportional zueinander: je mehr Argumente, desto weniger Liebe - und umgekehrt: je weniger Gründe du angeben kannst für deine Liebe, desto höher ihre Qualität. So gesehen braucht man sich nicht mehr zu wundern über die Lieblosigkeit des 'aufgeklärten' Zeitalters und der in die Kausalität vernarrten Rationalisten.

 

W15/09: Der Bluff der Wissenschaft

Wissenschaft ist eine Ideologie und gehört in dieselbe Kategorie wie die monotheistischen Religionen, wie Marxismus, Faschismus, Sozialismus etc. Das, was eine Ideologie ausmacht ist die mangelnde Bereitschaft, zuzugeben, dass die Basis der eigenen Überzeugungen willkürlich festgelegte Axiome sind, Setzungen, Behauptungen, Glaubensannahmen. Alle Ideologien versuchten und versuchen, dies zu vertuschen und geben sich ein mehr oder weniger wissenschaftliches Outfit. Auch die monotheistischen Religionen geben ihrer Ideologie einen wissenschaftlichen Anstrich, erfinden eine 'Theologie', die den 'Logos' mit dem 'Theos' möglichst rational analytisch verbinden soll. Im Christentum gipfeln diese Anstrengungen in lächerlichsten Gottesbeweisen, wie sie beispielsweise Anselm von Canterbury präsentierte. Die Wissenschaftler versuchten immer, sich vom Ideologieverdacht fernzuhalten, schmückten ihre Aussagen mit Statistiken, Zahlen, wiederholbaren Experimenten und statuierten sprachlich den Unterschied zwischen 'Wissen' und 'Glauben'. Und obwohl jeden Tag sogenanntes 'Wissen' falsifiziert wird und ein kluger Geist namens Popper die Falsifizierungsmöglichkeit geradezu als Merkmal einer wissenschaftlichen Aussage postulierte, merkte kaum jemand, dass auch das ganze Theater um das Wissen und die Wissenschaft purste Ideologie und das Verstecken hinter der Exaktheit von Rationalität und Zahlen purer Bluff ist. Denn die willkürlichen Grundlagen der Wissenschaft wurden immer gehütet wie der Augapfel, bewahrt vor bösen Buben, die es wagen könnten, diese Grundlagen zu hinterfragen. Genauer betrachtet, handelt es sich um ein höchst wackliges Fundament. Es besteht unter anderem auf der Glaubensannahme, dass es absolute Wahrheit gebe und dass die Wissenschaft die einzige Methode sei, sie zu finden. Angesichts der permanenten Falsifizierung wissenschaftlicher Aussagen und der ernüchternden Tatsache, dass sich bis heute keine einzige wissenschaftliche Behauptung als absolut wahr erwies, das heisst losgelöst von einem Modell, das wiederum nur auf Annahmen beruht. Dass die Winkel im gleichschenkligen Dreieck gleich sind, ist nicht absolut wahr, sondern gilt nur innerhalb der Euklidschen Geometrie und in einem Modell, das von den Abweichungen abstrahiert, die sich bei jedem konkret materialisierten Dreieck ergeben. Wissenschafts-PR bemüht sich aber bis heute und zum Teil recht erfolgreich, bei der breiten Masse die Illusion zu nähren, das von ihr Herausgefundene, das als 'Wissen' Präsentierte sei absolut wahr, allgemein gültig. Sie erreicht damit zumindest im Westen ein ungleich grösseres Zielpublikumssegment als zum Beispiel der Buddhismus, der sich klar als möglichen Weg bezeichnet, als relative, freiwillige Möglichkeit, sich seelisch und geistig zu entwickeln, ohne den geringsten Absolutheitsanspruch. Buddhismus blufft so wenig wie eine Feriendestination, ein Spiel, eine liberale Rechtsordnung - alles Modelle, die zu ihrem Modellcharakter stehen.

Ein weiteres Axiom der Wissenschafts-Ideologie ist der Glaube an die Kausalität. Und zwar einzig an die Causa efficiens, die Wirkursache, bei der die Causa auf einer als linear angenommenen Zeitachse vorher, die Wirkung nachher stattfinden muss. Obwohl sich ein riesiger und wesentlicher Teil des Wahrnehmbaren nicht auf diese simple Verknüpfung reduzieren lässt, obwohl die Quantenphysik längst an die Grenzen dieses Verknüpfungsmodus gestossen ist, obwohl alternative Modelle wie Synchronizität, Analogie, Dialogie, und auf Vereinigung zielende Modi wie die Libido, Eros, Philia und Agape längst bekannt sind, hält die Schulwissenschaft scheuklappenbewehrt und verkrampft an ihrem Credo fest, dass einzig und alleinseligmachend die Wirkursache als Göttin der Wissenschaft angebetet werden dürfe. Modelle wie z.B. die hermetische Philosophie, die primär mit der Analogie als Verknüpfungsmodus arbeiten, werden nicht etwa nüchtern-sachlich als andere Erkenntnismöglichkeiten angeschaut, kritisch beleuchtet und mit der anerkannten Kausalität verglichen, sondern mit Panik und Abscheu als 'Voodoo' oder 'Eso' abgestempelt. Dies Art der Verunglimpfung anderer Denkansätze ohne Prüfung , des Denunzierens anderer Modelle als völlig neben den Schuhen finden wir in allen Ideologien. Es ist eine Haltung, die eigentlich nichts als die logische Konsequenz des Anspruchs auf absolute Wahrheit ist. Wer sein Modell eben nicht als Modell, sondern als universal-gültige, einzig richtige Sicht der Dinge ansieht, kann gar nicht tolerant sein, sonst fällt auch das erste Axiom. Damit zeigt sich die Wissenschaft mit ihrer starren Glaubenshaltung genau so borniert wie die katholische Kirche - die sich immer noch als die 'una ecclesia', die eine und einzige Kirche versteht - und wie die Islamisten und Taliban, die Scharfmacher aus der anderen monotheistischen Ecke.

Bereits angetönt ist das Axiom der linear vorgestellten Zeit und des dreidimensionalen Raums - zwei Glaubensannahmen, die zwar bereits Einstein vor hundert Jahren relativierte, die aber immer noch heilig gehalten werden in den biederen Schulräumen westlicher Universitäten.

Natürlich gibt es auch einzelne Wissenschafter, die bescheiden bleiben, die die Grenzen ihrer Methoden, die Beschränktheit des aktuellen Standes von Annahmen, die Modellhaftigkeit ihrer Konzepte erkennen, um die Begrenztheit der kausalen Verknüpfung wissen und sogar nach aussen dazu stehen. Aber sie sind so selten, dass sie von 'Pro Specie Rara' unter Artenschutz gestellt werden sollten - und die Wissenschafts-PR-Maschinerie, hinter der selbstverständlich handfeste wirtschaftliche Interessen stehen, sorgt schon dafür, dass diese Nestbeschmutzer nicht von zu vielen Ohren gehört werden.

Mein Tipp: Bleiben Sie kritisch, fallen Sie nicht auf jeden Bluff herein. Ersetzen Sie grundsätzlich in allen Texten 'wissen' durch 'glauben', dann fällt es bereits leichter, mit den Erkenntnissen der Glaubenschaftsgemeinde umzuspringen.

 

 

W14/09: Das Murmeln des Flusses

Der Erfolgreiche hört nicht, was der Fluss ihm erzählt
Der Sieger spürt nicht die unendliche Sanftheit der Nüstern
Der Beklatschte ahnt nicht die Frucht in der winzigen Knospe
Wir brauchen Leid und Schmerz, Misserfolg und Niederlage
um wach zu werden für das Winzige,in dessen Kern das ganz Grosse sich birgt.

 

W13/09: Zweifrontenkrieg?
Ein Menschlein liebt A und eines Tages begegnet ihm B - und es passiert das Grauenvolle: es liebt auch B, ohne A deswegen weniger zu lieben. Nun wäre das alles kein Problem, solange es sich bei A und B um die eigenen Kinder handelt, oder um Tiere, Pflanzen, Dinge, Seen, Berge, Ferienhäuser. Aber wenn es sich um veritable Zweibeiner handelt, mit denen - zumindest theoretisch - auch nur ein Hauch einer erotischen Beziehung denkbar wäre, dann hat das arme Menschlein ein gröberes Problem und sieht sich bald in einem handfesten Dilemma. Denn auch 300 Jahre nach der Aufklärung gilt immer noch, dass Erotik generell etwas Verdächtiges sei und deshalb nur innerhalb vertraglich geregelter Beziehungen stattfinden solle - im Wissen, dass sie dort am schnellsten stirbt und man damit dieses verdächtig Knisternde, schlecht zähm- und kontrollierbare Phänomen am ehesten austrocknen könne. Woran man merken kann, dass die Aufklärung leider nur im Bereich rationaler Machtansprüche stattfand: die Kirche wurde nur durch die etwas diffusere 'Gesellschaft' ersetzt, von Autonomie des Individuums keine Spur. Das Dilemma besteht darin, dass sich das Menschlein entscheiden sollte. Es kann durchaus A durch B ersetzen; es kann nach einer Weile das Ganze auch wieder rückgängig machen und wieder zu A zurückkehren, falls A noch will. Aber was nach gängigen Moralvorstellungen nicht geht, ist A und B gleichzeitig zu lieben. So etwas wird dann - nicht nur in gefühlstriefenden historischen Romänlein, sondern durchaus auch im handfesten 'real life' - sogar zum Zweifrontenkrieg hochstilisiert. Der Held, die Heldin hat auf zwei Seiten eine Geliebte, einen Geliebten mit seinem ganzen sozialen Kontext - und von beiden Seiten wird geschossen, teils mit schwerem Geschütz...

Nun: Zweifronten-Krieger mögen bewundernswert sein, aber normalerweise haben die auf zwei Seiten Leute, die sie als Feinde betrachten, die sie zumindest nicht lieben. Im Falle, wo jemand mehr als eine Person liebt von zwei Fronten zu sprechen, mutet doch eher etwas absurd an. Darf und soll man denn nicht möglichst viele und vieles lieben? Liebt der Erleuchtete nicht ALLE und ALLES? Natürlich nicht auf der simplen Besitzes-Ebene: jemanden besitzen wollen, mit niemandem teilen wollen, oder – der Gipfel der Absurdität - ein Ausschliesslichkeitsrecht auf die Benützung bestimmter Körperteile des andern zu beanspruchen, kann wohl kaum mit Liebe verwechselt werden, würde man meinen. Wird es aber. Ich behaupte sogar, dass es nach wie vor die vorherrschende Deutung des Wortes 'Liebe' ist, auch wenn es bei näherem Hinsehen nur um Macht, Geld, Einfluss, Stabilität, Führbarkeit dank Unwohlbefinden, Gängelbarkeit dank schlechtem Gewissen, Ordnung und Gehorsam dank Strafandrohungen geht. Gegen die Vermietung von Körperteilen zwecks Erledigung von Arbeiten und Dienstleistungen ist überhaupt nichts einzuwenden. Ich leihe meine schreibenden Finger auch Auftraggebern, jeder angestellte Handwerker leiht seinen Körper bzw. Teile davon in vertraglich geregeltem Masse seinem Meister. Und auch mit dem horizontalen Gewerbe habe ich kein Problem, solange der Auftraggeber sich nicht anmasst, vom Dienstleister 'Liebe' zu verlangen. Liebe lässt sich nicht einfordern, nur freiwillig geben. Der Angestellte, der Dienstleistende, auch ich als für andere Schreibender - wir alle können freiwillig liebevoll das tun, was wir vertraglich zu tun versprochen haben. Es ist sogar höchst förderlich für die Qualität unserer Arbeit, wenn wir sie mit Liebe ausführen. Aber da geht es immer um Geben, um ein freiwilliges, nicht einforderbares Plus, um Qualitätserhöhung aus eigenem Antrieb - und nicht um vertraglich zugesicherte und damit einforderbare Leistungen. Natürlich ist es denkbar, dass jemand sich vertraglich so bindet, dass er z.B. einer Modelagentur zusichert, sich nur von ihr und über sie für Fotoaufnahmen vermieten zu lassen. Eine Call-Boy, eine Prostituierte können sich vertraglich gegenüber einem Etablissement verpflichten, ihre Dienstleistungen - die Vermietung ihres Körpers, insbesondere des Geschlechtsapparats, zu spezifischer Benützung - nur über ebendiesen Vertragspartner laufen zu lassen. Aber das heisst noch lange nicht, dass der Kunde einen einrforderbaren Anspruch auf 'Liebe' habe. Wenn sich zwei (Ehe-)Partner vertraglich verpflichten, ihre primären und sekundären Geschlechtsteile nur sich selbst gegenseitig zum ausschliesslichen Gebrauch zur Verfügung zu stellen, so ist das zwar ein aus meiner Sicht hoch idiotischer Vertragsinhalt, aber durchaus im Rahmen dessen, was ich für legitim halte. Dummheit ist schon aus rein ökonomischen Gründen nicht verbietbar, sonst müsste man fast alles verbieten, was Menschlein so anrichten den lieben langen Tag. Erst wenn sie diesen dussligen Vertrag mit einem Hochwertwort wie 'Liebe' verkitschen, verspüre ich leichten Brechreiz. Und Sie?

 

W12/09: Langfristig beglückende Beziehungen
Fast täglich höre ich von langfristigen glücklichen Beziehungen - und erlebe auch ständig solche an Innigkeit und Verschmelzungsgrad oft kaum überbietbare Beziehungsintensität, die über Jahre, ja Jahrzehnte anhalten und immer tiefer, immer reicher werden kann. Es gibt auch Beziehungen, die unterbrochen werden, die zwar innerlich immer noch da sind, aber im physischen Aussen für eine Zeit - zum Teil eine lange Zeit - nicht gelebt werden. Dann kommt es wieder zu einer Begegnung, und alles ist wieder da, reicher und intensiver denn je, blüht wieder auf, kulminiert in ungeahnten Höhepunkten.

Nun ist mir aber ein vielleicht vernachlässigenswertes Detail aufgefallen, sowohl bei meinen Beziehungen wie bei denen aller andern Menschen, von denen ich höre, sehe, lese: der, die oder das andere, der oder die Beziehungspartner können alle Arten von Tieren sein - ich kenne Menschen, die leben in innigster langjähriger Beziehung mit Schlangen, Spinnen, Krokodilen! - es können Pflanzen sein, auch Landschaften, Gewässer, Berge, Wälder, Meere, auch Dinge: ich kenne eine Frau, die seit Jahrzehnten in einer fast unvorstellbar innigen Beziehung mit ihrer Stradivari lebt, eine Beziehung, die sie fast täglich während acht Stunden pflegt! Ich weiss aber auch von Männern, die eine tiefe Beziehung zu ihrem Rennwagen unterhalten, ihm ihr Leben anvertrauen, und das über lange Zeit. Ich habe auch schon langfristig beglückende Beziehungen zwischen Tieren - gleicher und verschiedener Gattung - erleben und beobachten können. Nur etwas ist mir nie begegnet bislang: dass der langfristig beglückende Beziehungspartner eines Menschen auch ein Mensch war, mit dem er täglich zusammen war. Könnte es sein, dass sich der Mensch von allen Tieren, Pflanzen und Dingen vorab durch seine Unerträglichkeit für seinesgleichen auszeichnet? Die einzigen leidlich funktionierenden Beziehungen zwischen Menschen waren solche temporärer Natur, also entweder kurzfristig intensive oder langfristig sporadische. So kenne ich durchaus Ehen und Partnerschaften, in denen sich die Beteiligten derart selten begegnen, dass eine gewisse Frische erhalten bleibt. Aber die Art von Dauer-Intensität, wie sie mit allen anderen Entitäten möglich scheint, habe ich nie getroffen. Ich habe einen 70-jährigen Hufschmied nach der Beziehung zu seinem Hammer, seinem Amboss gefragt, und sah eine Augen aufleuchten - eine Jahrzehnte dauernde, ungebrochene Liebe, trotz oder gerade wegen dauernden täglichen vielstündigen Zusammenseins... Es gibt gleichgeschlechtliche Freundschaften nicht homosexuell Veranlagter, die auch ein erstaunliches Mass von Dauer und Nähe erreichen - aber nur, wenn die Freunde nicht zusammen hausen, sich nicht permanent sehen.

Die Folgerung daraus: Lebt mit Tieren, Pflanzen und Dingen zusammen - und besucht Menschen, und wenn ihr sie denn unbedingt einquartieren wollt, lasst die Türen offen stehen, damit einer von beiden rechtzeitig fliehen kann.

 

W11/09: Der Spaziergang

Sie stand bei der Haustür und angelte sich die beiden Hundeleinen. Einer intuitiven Eingebung folgend strich sie mit ihren feingliedrigen Fingern über die weisse, makellose, aber auch etwas langweilige weisse Fläche der Tür, bevor sie den kühl blitzenden Metallknauf drehte und die Tür schwungvoll aufzog. Emel und Maex sausten ins Freie und tobten herum, hechteten sich gegenseitig an, kugelten über die Wiese und rannten dann los Richtung Fluss. Mit einem Schmunzeln folgte sie ihren übermütigen Biestern. Sie fühlte sich gut, gesund, abenteuerlustig, stark, aufnahmebereit und tatendurstig, neugierig auf die Welt und auf das, was sie selbst in dieser ihrer Welt anrichten konnte. Sie fiel in lockeren Laufschritt und versuchte im Laufen ihre wilde Haarmähne einigermassen zu bändigen. Die Hunde waren schon im Fluss, planschten herum, schreckten Enten auf, die gerade noch mit dem Putz ihres Gefieders beschäftigt waren. Aufgeregt beschnupperten die beiden einen frisch von Bibern benagten Baum, begrüssten mit freudigem Gebell über den Fluss hinweg einen bekannten weissen Riesenhund, der 'Fuchur' aus der 'Unendlichen Geschichte' glich, und hetzten gleich wieder in riesigen Sätzen über die Lichtung, verfolgten zum tausendsten Mal eine der vielen Krähen, die sich – müde lächelnd über die bodengebundenen Vaganten – erst im letzten Augenblick kurz in die Luft erhob, um sich ein paar Meter entfernt wieder völlig unbeeindruckt der Würmersuche zu widmen. - Sie rannte immer noch dem Fluss entlang, doch nicht mehr ganz so leicht und locker. Ihre Haut war gerötet, Schweiss tropfte von ihrer Stirn, lief als kühles Rinnsal in ihren Ausschnitt. Die gazellenartigen Bewegungen ihrer Beine waren etwas schwerfälliger geworden. Auch die beiden Hunde trotteten jetzt folgsam neben ihr her. Die überschüssige Energie war verpufft. Es folgte der Aufstieg auf den bewaldeten Hügel. Mit einem hörbar scharfen Ausatmen fiel sie in Schritt und konzentrierte sich auf den Weg, der immer schmaler und steiler wurde. Wiederholt musste sie sich an Ästen und Steinen hochziehen. Manchmal fand nur ein Teil ihres weichen Schuhs Platz auf einem Felsvorsprung und ihre Wadenmuskeln begannen zu schmerzen. Mehr als einmal schienen die Hunde zu erwägen, ob sie ihr wirklich folgen sollten. Nach einigen Stellen, bei denen das Gelände neben dem Weg bedrohlich steil abfiel, flachte der Weg ab, der Baumbestand wurde lichter und gab einen beeindruckenden Ausblick auf die umliegenden Gehöfte, Weiher und Hügel frei. Begierig sog sie die kühle Luft ein. Wohlige Ruhe durchströmte sie. Wie in Trance setzte sie sich auf einen Baumstrunk und nahm die im Abendlicht so lieblich wirkende Landschaft in sich auf. Für einen Augenblick schien die Zeit stehen zu bleiben, dann wurde sie sanft von einer kaltfeuchten Hundenase gestupft und erwachte aus ihrer Versunkenheit. Sie suchte in ihrem Hüfttäschchen nach dem Schokoriegel und genoss ihn Bissen um Bissen – beim letzten Stück wurde sie allerdings weich, als beide Hunde sie mit schräg gehaltenen Köpfen und treuherzigen Blicken anschauten. Gestärkt machten sich die drei auf den Rückweg. Doch kurz bevor sie die Raststelle verliess, drehte sie sich noch einmal um. Ein Anflug von Wehmut streifte sie und die völlig grundlose Ahnung, sie sehe diese Landschaft zum letzten Mal. Die steilen Passagen waren abwärts fast noch delikater zu bewältigen als aufwärts. Das Abfedern des Gewichts auf den teils kleinen Vorsprüngen und dem rutschigen Terrain ging gehörig in die Knie. Auch die Hunde waren gefordert und fussten vorsichtig auf. Endlich wurde der Weg wieder breiter und sie wollte den Schritt beschleunigen, spürte aber eine bleierne Schwere im ganzen Körper, die auch in ihr Herz und ihren Geist eindrang. Statt schneller wurde sie immer langsamer und eine Sekunde lang glaubte sie, Emel habe ein paar graue Haare um ihre schwarze Schnauze bekommen. Sie versuchte, sich auszulachen: Das war nur der Abendtau, der in den letzten Sonnenstrahlen so hell glänzte. Aber Maex hinkte leicht, das war keine Einbildung. Sie bückte sich zu ihm hinunter - wie schwer ihr das fiel? - und untersuchte seine Pfoten. Nichts, keine Verletzung, kein Fremdkörper zwischen den Zehen - aber die Pfoten rochen etwas alt. Sie schaute Maex ins Gesicht. 'Um Gottes Willen, war der Spaziergang so anstrengend gewesen?' dachte sie, richtete sich mühsam auf und schleppte sich ermattend Richtung Haus, das im letzten Abendlicht stand. Die letzten Meter waren eine Qual und sie war froh, als sie die Tür erreichte, dieselbe Tür, durch die sie vor nicht allzu langer Zeit herausgekommen war mit den quirligen Hunden, die nun müde hechelnd neben ihr lagen. Aber die Tür sah von aussen völlig anders aus als von innen. Hätte sie nicht gewusst, dass es dieselbe Tür war, sie hätte es nicht geglaubt. Langsam und etwas ungelenk fuhr sie mit den Fingern über das verwitterte Holz mit den ausgewaschenen Jahrringen. Sie war erstaunt, wie ähnlich verwelkt ihre Hände aussahen. Sie roch an dem alten Holz, schloss die Augen und überliess sich den Bildern, die vor ihrem inneren Auge auftauchten. Und plötzlich wusste sie, dass die Ahnung auf dem Gipfel sie nicht getrogen hatte. Aber die Wehmut war weg. Sie freute sich auf die Wärme, die Ruhe, die Stille jenseits dieser Tür. Nur eines war ihr nicht klar. War sie herausgetreten und jetzt im Begriff, wieder einzutreten? Oder umgekehrt? Oder beides? Führte nicht jede Türe über eine Schwelle in etwas hinein, aber auch aus etwas heraus, was man mit dem Überschreiten der Schwelle hinter sich liess? - Sie lächelte, liess es gut sein und öffnete die Tür, liess sie offen stehen. Vielleicht wollten die Hunde ja noch draussen bleiben bis es ganz dunkel war?

 

W10/09: 'Ethisch herausgefordert'

Die 'political correctness' ist schon ein Segen. Musste man früher so deftige Ausdrücke wie 'Arschloch' brauchen, wenn man jemanden für ein solches hielt, so kann man heute elegant und klugscheisserisch von einem 'ethisch herausgeforderten Mitmenschen' sprechen, in getreuer Analogie zur Bezeichnung 'sehvermögensmässig herausgefordert' für den Blinden, 'hautfarbmässig herausgefordert' für den Schwarzen. Es steckt die gleiche wertende Überheblichkeit dahinter, in letzterem Fall die bodenlose Frechheit, zu suggerieren, Schwarzsein sei ein Makel, aber sie präsentiert sich so ungemein viel kultivierter. Früher fluchten Schwarze über Weisse, die sie betrogen, indem sie sie Bleichgesichter oder Weissärsche nannten und umgekehrt kriegten Schwarze, die Mist bauten, Nigger hinterhergeschrien. Es war vielleicht ordinär, aber auf beide Seiten in gleicher Weise ordinär. Denn bei genauerem Hinsehen oder besser Hinhören zeigt sich doch ein kleiner, nicht ganz unwesentlicher Unterschied: das Arschloch konnte sich durch eine Änderung seines Verhaltens, Reue, Wiedergutmachung, eine Entschuldigung, die Akzeptanz einer Strafe wieder 'entarschlochisieren', wieder 'ok' werden, wieder Vollmitglied der Gemeinschaft, wieder Freund sein. Wer hingegen das Etikett 'ethisch herausgefordert' verpasst kriegt, bleibt es, wie der Blinde blind bleibt. Das pseudokultivierte Etikett 'ethisch herausgefordert' riecht auch viel mehr nach objektiver Feststellung, nach absoluter Tatsache mit Allgemeingültigkeitsanspruch als das impulsive, aus bewusst einseitig individueller Sicht herausplatzende 'Arschloch'.

Der kurzen Rede langanhaltender Schluss: Mir ist das gute, alte, grobe, politisch unkorrekte Arschloch immer noch lieber als all die ölig-schmierigen, heuchlerisch-pseudozivilisierten, geschminkten und gelifteten Ausdrücke mit 'herausgefordert' am Ende. Hab ich Sie herausgefordert damit?

 

W9/09: Kraut oder Unkraut?

Hand auf's Herz: Würden Sie als extraterrestrisches Wesen, das den blauen Planeten unter die Lupe nimmt, die Menschen zum Kraut oder zum Unkraut zählen?

 

W8/09: Das "Ich bin doof"-Schild

Einteilungen, Typologien, Kategorien - hélas, alles Menschenwerk, alles Willkür, alles subjektiv und frei erfunden - zugegeben. Aber ist es denn so wichtig, dass sich unsere Zuordnungen im Aussen bestätigen, beweisen lassen? Haben wir denn überhaupt den Anspruch, dass sie für alle und jeden gültig sind? Haben diese herrlich praktischen Setzkästen, Hängeregistraturen, Ordner, Gestelle, Aktenschränke und ja, vor allem die Schliessfächer nicht primär einen eigentherapeutischen Zweck? Sie bieten uns Orientierung und können uns den Umgang mit dem Wahrgenommenen so ungemein erleichtern. Natürlich wäre es am allerschönsten, wenn die Phänomene bereits etikettiert daher kämen - wie in Globis Schlaraffenland-Vision die gebratenen Hühner mit Besteck im Leib durch die Lüfte gondeln. Stellen Sie sich mal ganz kurz und innig vor, wie viel Ärger Sie sich ersparen könnten, wenn alle Deppen ein Schild um den Hals trügen 'Ich bin doof'. Wir würden doch viel sanfter, ja mit Rücksicht und Empathie auf sie reagieren, ihnen bei ihrem schweren Los sogar Hilfe anbieten. Die ganze Aggressivität und Arroganz im Umgang mit Polizisten, Zöllnern, Staatsbeamten und vielen andern - sie flöge weg und wiche mitleidsvoller Zuwendung. Ja was können die denn dafür - Doofsein ist eine Behinderung wie jede andere auch. Eine gelbe Binde um den Arm, ein gelber Kleber am Auto mit durchgestrichenem Hirn - und die Welt würde ein bedeutend friedlicherer Ort. Und die gelben Dingerchen schüfen noch Arbeitsplätze, da es ja doch recht viele davon bräuchte: he, in Heimarbeit hergestellt, vielleicht noch mit der Applikation des Kantonswappens. Am Schluss würden sie gesammelt, gesucht, gejagt - horrende Summen würden bezahlt bei Christies für die gelbe Binde von Micheline mit der aufgespritzten Strähne, für den Kleber von Ospel aus Goldpailletten... ja letztlich könnte dies der Weg aus der Finanzkrise sein. Und wenn mehr als die Mehrheit diese Binde trüge, wäre es auch nicht mehr diskrimierend, ja eines Tages würde es vielleicht sogar kippen und die wenigen Nicht-Doofen wären die Abnormalen, die Aussätzigen, die Geächteten und ein ganz schlauer Sparer im Jahre 2050 käme auf die Idee, nicht mehr die Doofen sondern die Nicht-Doofen zu kennzeichnen, um den Doofen den Umgang mit ihnen leichter zu machen. Denn Doofe untereinander hätten gar keine Probleme miteinander, wenn Doofsein das Normale wäre. Sie würden friedlich Sozialhilfe beziehen und ebenso friedlich das Fernsehangebot und auch das übrige Angebot konsumieren. Mann, sind wir doof, dass wir nicht endlich alle doof werden! Äh oder dazu stehen, dass doof geil ist, wie Geiz. Ist ja gar nicht so weit auseinander, oder? Aber ich mag jetzt nicht mehr denken, ist mir echt zu doof...

 

 

W7/09:

      Mediterrane Sinnlichkeit
      Mediterrane Sinnlichkeit im Jetzt verwechselt der Germane gern mit Dummheit. Er weiss nicht, wie lebensklug das Sinnliche sein kann. Umgekehrt verwechselt der Mediterraner die geistigen Höhenflüge des Germanen gern mit Langeweile. Er weiss nicht, wie sinnlich auch geistiges Fliegen sein kann.

       

      W6/09: Sinn und Zweck
      Sinn und Zweck sind keine Synonyme
      Der Unterschied ist mehr als marginal:
      Den Zweck verfolgen wir ganz ungestüme
      am Boden, vor der Nase, trivial
      - er ist auch meist aus festem Material.
      Den Sinn hingegen, suchst du ihn im Leben,
      so musst du deinen Kopf nach oben heben.
      Er lässt sich nicht leicht fassen mit der Hand,
      noch ganz begreifen nur mit dem Verstand.
      Der Sinn gibt seinen Sinn nur preis dem Herzen
      und - aus der Sicht des Egos - nur mit Schmerzen.

       

      W5/09: Sex in der Ehe ist wie:
      - Toffu
      - eine Sackgasse, die zum Friedhof führt
      - eine salzlose Suppe
      - eine Nacht mit Widmer-Schlumpf
      - das Nachtleben von Niederscherli
      - Blöterliwasser ohne Blöterli
      - Fernsehen
      - ein Beamtenlächeln
      - die Ansichten eines Trams
      - eine Politikerrede
      - turnen mit Sämi Schmid
      - ein Schwarzweissfoto des Regenbogens
      - englische Küche (oder Kleidermode…)
      - das Psychogramm eines Investmentbankers
      - ein gebrauchter, aber leerer Staubsaugersack
      - ein Glas abgestandenes Wasser
      - Papier fressen
      - ein Sandsturm-Kuchen von Tante Hanni

      Erfinde weitere lustige Vergleiche - das tröstet die Verheirateten wie die Unverheirateten!

       

      W4/09: Lust und Last der Lust.
      Die Last: Lust lässt sich nicht erzwingen, nicht verordnen, weder sich selbst noch andern. Die Lust: Lust lässt sich nicht verbieten, weder sich selbst noch andern. Sie lässt sich höchstens vergällen durch kleinkarierte Tugendbolde, die dem Lustgeniesser das Fegefeuer verheissen. Wer daran glaubt, ist allerdings selbst schuld.

       

      W3/09: Gedankenstrich

      Ich bin oft auf dem Strich anzutreffen. Auf dem Gedanken-Strich. Dann lasse ich mich mit jeder Blitzidee, mit jedem Denk-Anstoss ein - ohne das anstössig zu finden. Im Gegenteil, ich fände es sogar belobigenswert, wenn grösste Promiskuität herrschen würde im Feudenhaus der Gedanken, wenn sich möglichst jeder mit jeder, jede mit jedem einliesse, auch mit solchen aus ganz entlegenen Gebieten, mit Fremden, mit Andersfarbigen, mit Mischlingen, Hybriden, so richtig Multikulti ohne Berührungsängste, ohne fundamentalistische A-priori-Ablehnung, ohne Vorurteile, ja mit Gedanken, die gar keine mehr sind, zumindest nicht im engeren Sinne von 'vernünftigen', rationalen Überlegungen. Ich empfehle herzlichstens, sich abenteuerlustigstens mit Wahrnehmungen einzulassen, die nicht den (Um-?)Weg über die (linke) Hirnhemisphäre genommen haben, die aus dem Herzen, dem Bauch und - jaja ihr tugendhaft verlogenen Frömmler - auch aus dem untersten Chakra entspringen. Die Puritaner und zugewachsenen Nönnlein, die Mönchlein mit dem Knopf drin sollen sich doch mal mit der Lehre von Kundalini, der zusammengerollten Schlange befassen, die im Sexualchakra schlummert und - einmal aufgeweckt - sich durch die Chakren hinauf entrollt bis sie schliesslich aus dem Scheitel-Chakra austritt. Ihr lieben sinnlichkeitsverteufelnden pseudoreligiösen faden Anstands-Bolzen: die Schlange kommt schon bis zum edlen Köpfchen, aber mit der Lebensenergie von ganz tief unten. - Tja, auch das wäre einen kleinen Ausflug auf den Gedanken-Strich wert... Es grüsst ein bekennender Gedankenstrichjunge.

       

      W2/09: Paradies Ahoi!
      (another black-poem tja, wenn man mal Gefallen findet daran - wehret den Anfängen!)

      Wenn auf Matratzen Ratzen Katzen kratzen
      wenn während Stunden Hunden Kunden munden
      wenn sich an Schwabenknaben Raben laben
      und wenn in Kriegen Ziegenfliegen siegen
      dann – ist das Paradies wohl nah.

       

      W1/09: 'Black-Poem' in memoriam Georgii Kreisleri
      (durchaus auch singbar, z.B. zu Melodien wie 'Gehn wir Tauben vergiften im Park')

      Wenn Max im Schnee die Raben jagt,
      der Vater seine Knaben plagt,
      die Mütter mit dem Nachwuchs keifen,
      die Metzger ihre Messer schleifen,
      dann liegt die Einsicht nah zum Greifen.

      Wenn irgendwo ein Talibänchen
      sich rüstet bis zum letzten Zähnchen
      mit fetten, feinen Handgranätchen
      für ein gekonntes Attentätchen,
      wenn tief in hübschen Katakömbchen
      ein Schläuling bastelt geile Bömbchen,
      wenn Folterknechtlein gehn zur Schröpfung
      und Henkerlein zur nächsten Köpfung,
      - dann wird die Einsicht zur Erchlöpfung:
      'Wir sind die Krone dieser Schöpfung!'

       

       

      2008

      W52/08: Laus & Maus

      Erika, die Laus
      wohnt auf Paul, der Maus
      und lebt in Saus und Braus.

      Doch eines Tags, oh Graus,
      fand Kater Fratz heraus
      - denn er war kein Banaus -
      dass Laus auf Maus im Haus.

      Er sagt sich: "Find heraus,
      die Feinstruktur des Baus,
      verrammle jeden Aus-
      weg der Maus, und saus
      zum letzten Loch, und schaus
      dir ganz gut an, und traus
      dir zu! Sie kommt heraus,
      dann pack sie und zerzaus
      das Fell ihr, such die Laus
      mach alle Haare kraus,
      treib ihr die Flausen aus,
      dann gönn dir diesen Schmaus!"

      Fratz macht ne kleine Paus'.

      Die Laus weiss etwas Schlau's
      und Paul, die Maus, hält raus
      die Feder eines Pfaus
      zu Fratzens Nas hinaus.
      Der kommt erst gar nicht draus,
      sieht nur ein Aug, ein blau's
      und nimmt schockiert reissaus.

      Welch Jubel, eiderdaus!
      Hier ist das Märchen aus.

       

      W51b/08: Das Krokodil

      Das Krokodil
      das grünlich-gelbe
      schwamm nur zum Spiel
      einst auf der Elbe
      stromauf mit Stil

      So sah man viel
      denn Start und Ziel
      war stets dasselbe.

       

      W51a/08: Die Ratte

      Eine satte Ratte
      trank matt noch etwas Latte,
      da stürmt herein ihr Gatte,
      ein bärtiger Mulatte,
      beruflich Prof. in Mathe
      und sprach zu ihr: "Gestatte
      dass ich Bericht erstatte:
      Ich fahr mit der Fregatte
      hinaus ins Meer ins glatte."

      Schon kam's zur Streit-Debatte:
      "Die ewig gleiche Platte!
      Dein Hirn ist wohl aus Watte?
      Nur zu, nur zu, begatte
      die heisse Siam-Ratte
      die mickrige, die platte!
      Hinwiederum: beschatte
      nicht mich und meine Matte!"

      Er lacht und sagt: "Ich hatte
      gedacht du weisst: 'Fregatte'
      ist nicht ein Weib mit Pfiff;
      es ist ein fettes Schiff!"

       

       

      W50/08: Die Schlange

      Der sattgrünen Schlange
      mit gelblicher Wange
      war lange schon bange;
      die Angst war im Schwange
      vor menschlichem Klange,
      dass er sie einst fange
      mit stählerner Zange...

      Erfüllt von dem Drange
      nach höherem Range
      umwand sie die Stange,
      setzt alles in Gange,
      auf dass sie erlange,
      wonach sie so plange:

      Dass sie dereinst hange,
      entrückt Schlamm und Tange,
      der Schwerkraft am Hange
      und irdischem Zwange
      am Sternhimmel prange
      und hell-rund als Spange
      Erleuchtung empfange.

       

      W49/08: Der Schakal

      Ein Jung-Schakal
      mit Muttermal,
      sehr vif mental
      und etwas kahl
      am Hals, trug Schal
      beim Abendmahl.

      Mama empfahl
      dem Kleinen: "Mal
      mir doch einmal
      Jonas im Wal!"

      Papa befahl:
      "Das schmeckt doch schal
      und ist banal.
      Begreif die Wahl
      der Macht von Stahl."

      "Das ist brutal
      katastrophal"
      meint Mama fahl.

      Der Kleine stahl
      durch den Kanal
      sich fort ins Tal,
      das medial
      liegt im Ural
      und heult zu Baal,
      dem Gott der Früchte ohne Zahl.

      Der gibt Signal
      als Leucht-Fanal,
      das Tal wird Saal,
      und im Ritual
      wird aus dem Baal
      der Kelch des Gral.

      Den stahl Schakal
      und schlüpft letal
      noch in den Wal.
      Und die Moral?
      Suchst du den Gral,
      frag den Schakal.
      Final.

       

      W48/08: Spine

      Bine
      Spine
      bou jetz
      mis Netz
      vom Struuch uus
      zum Buch uus
      warte
      im Garte
      plange
      fange
      biss Mugge
      in Rugge

      Min Fade
      cha schade
      cha Mane
      umspane
      flöösst Fraue
      ii Graue...

      mich träit er
      als Läiter
      zume Gfangene
      blibe Phangene
      wo nachli zabled
      dis dänn versabled
      min gschwungne Chifer
      das Ungezifer

      Du mit Ziitig
      ame Friitig
      wotsch mit schliise,
      Bäi uusriisse?

      Laa diich
      und miich
      stäili Schabe
      am Säili abe;
      verschwinde
      i d'Winde,
      legge
      im Egge
      e Falsch-Spur

      Du fallsch stur
      druf ine
      mäinsch hine
      seig iich
      "das Viich!"

      Debii
      hocki bim Wii
      zwüsched Fläsche
      und Täsche
      spini Lasche,
      nöii Masche,
      bouen uus
      i dim Huus,
      Netz uf Voorraat!

      Wër devoor staat
      findt Gfale
      a mine Fale:
      "We findscht
      mis Gschpinscht?"

      Tautöpf
      i de Chnöpf
      ich stiig ir Gunscht
      mis Netz wird Kunscht

      Mir doch gliich;
      wird nüd riich.
      Intressier
      mi für Tier,
      wo phanged,
      dass' langed
      zum überläbe
      und wiiterwäbe

      Jetz chönd er sine:
      Isch spine 'spine'?

       

      W47/08: Denken

      Denken führt weit in die Vergangenheit und – etwas weniger weit – in die Zukunft, aber nie in die Mitte der Gegenwart.

       

      W46/08: Tiere

      Das Tier ist etwas vom Besten, was dem Menschen passieren kann. Der Mensch ist etwas vom Übelsten, was dem Tier passieren kann.

      Mutter Erde, Tiere, Pflanzen, Steine und Gewässer sind sich einig: Der einzige Schädling ist der Mensch. Wären da nicht die Kinder...

      Stuten sind wie Schwestern. Nur besser.

       

      W45/08: Bäume

      Bäume sind wie grosse Brüder: schon länger da, haben mehr gesehen, und wenn wir sie hartnäckig ausquetschen, erzählen sie uns haarsträubende Geschichten.

      Wenn Baum und Mensch sich auf Augenhöhe begegnen wollen, wer muss sich dann eigentlich herablassen?

       

      W44/08: Mut ist...
      ....im Feigling seinen Lehrer zu erkennen.
      ... all seine Lehrer zu verlassen
      ... vor dem Applaus zu verschwinden
      ... nichts über Mut und Applaus oder sonstwas zu wissen
      (von Gastautorin Marta Kassai)

       

      W43/08: Tapis rouge
      Die Motivation wächst, den Teppich, der die Welt bedeutet, auszurollen, wenn die Rolle wundertütengleich Überraschungen birgt


      Arkansas, beaufsichtigt von Altmeister Slevi, beide geschult von Deborah Schaad, fotografiert von HONIGLEU-PICTURES, Daniela Melileo

       

      W42/08: Welt der unbegrenzten Projektionsmöglichkeiten
      Kein Tand zu klein
      Leinwand zu sein

       

      W41/08: ALLES
      Alles ist Täuschung - ausser ALLES

      W40/08: Puzzle
      Die Menschen sind alle einmalig wie ihre Fingerabdrücke - aber als Teile der Schöpfung sind sie alle miteinander verbunden und es gälte, sich zusammen zu setzen - zum universalen Puzzle.

      W39/08: Weltformel
      Nichts ist gleich, aber alles ist verbunden

      W38/08: Freiheit
      Die drittgrösste Freiheit ist die Freiheit von den gerade herrschenden Meinungen und Wertungen
      Die zweitgrösste Freiheit ist die Freiheit von Ideologien und Absolutsetzungen
      Und die grösste Freiheit ist die Freiheit vom eigenen Ich.

      W37/08: Freiheitskompetenz
      Kaum eine Kompetenz ist so schwierig zu erlangen wie die Fähigkeit zur Freiheit

      W36/08: Innere Freiheit
      Innere Freiheit kann man nicht geschenkt kriegen. Man muss sie sich immer wieder neu erwerben.

      W35/08: Bindung und Freiheit
      Die Gier nach Bindung straft das Geschrei nach Freiheit Lügen.
      Der Drang zu festen Bindungen zeigt das Unbehagen an der Freiheit.

      W34/08: Suchen
      Es ist gar nicht entscheidend, ob etwas erkannt, gesagt, rezipiert wird - denn es ist immer alles da. Wer den Zugang zu irgendeiner Erkenntnis sucht, entwickelt sich, bis er ihn findet. Wer ihn nicht sucht, entwickelt sich auch nicht, wenn man ihm die Erkenntnis um die Ohren schlägt.

      W33/08: Ernst
      Der erste Schritt auf dem Weg zur Selbstüberschätzung ist, sich ernst zu nehmen.

      W32/08: Italianità
      Was in Deutschland eine Katastrophe wäre - z.B. Berlusconi - ist in Italien nur ein schlechter Witz.

      W31/08: Links und Rechts
      Kapitalisten können ohne Sozialisten bestens leben - auf jeden Fall besser als mit.
      Umgekehrt brauchen Sozialisten die Kapitalisten zum Überleben wie der Schmarotzer den Wirt.

      W30/08: Linkes Denken?
      'Linkes Denken' ist eine contradictio in adiecto. Ausser man zähle die Rülpser unverdauter Ego-Kränkung auch zum Denken.

      W29/08: Rezept
      Der Cocktail aus Geiz, Angst und Humorlosigkeit gilt als todsicherer Tipp für dauerhafte Abwesenheit von Glück.

      W28/08: Verwechslung
      Linke verwechseln gern Verbundenheit mit Gleichheit. Das Kollektiv funktioniert dank der Verschiedenheit miteinander Verbundener, nicht dank der erzwungenen Gleichstellung Getrennter.

      W27/08: Jähzorn
      Der Jähzornige taug nicht einmal als Terrorist

      W26/08: Konfliktkultur
      Konfliktkultur heisst, die Wertschätzung eines Gegenübers nicht vom Konsens in Sachfragen abhängig zu machen

      W25/08: Liebe
      - Liebe sagt weder 'nie' noch 'nur'
      - Liebe ist immer Grenzöffnung
      - Liebe ist Hereinlassen des nocht nicht Geliebten, Hinaustreten ins Fremde, ins Andere, ins Abgelehnte, ins Angst Einflössende, ins Abstossende
      - Liebe gewinnt umso mehr an Qualität, je stärker sie das Andere im Anderen einhüllt und umfängt

       

      W 24/08: Der Gänsemarsch

      Mutter Gans
      Vater Hans
      und die Basen
      blasen
      den Marsch.
      Schnabel an Arsch
      folgt voll Tugend
      die Jugend.
      Ich frag harsch:
      "Ist der Marsch
      auch ein 'Marsch'
      ohne Basen,
      die blasen?
      Ohne stier
      im Vier-
      Takt,
      bekackt,
      stur
      nur
      Shit-
      Schritt?"
      Weicher,
      reicher,
      freier,
      im Zweier:
      'Klatschkladdatsch'
      durch den Matsch;
      schnäbelnd
      statt säbelnd,
      schnatternd
      statt knatternd,
      Flügelnd
      statt zügelnd,
      als Hörende,
      betörende
      Klänge,
      Gesänge
      von Innen -
      zerrinnen.

      Die Gans
      namens Frans
      von Stans
      hört schlicht
      nicht
      das Gleiche,
      wie die bleiche
      Goose
      von Wildhus.

      Vers-Moral
      ist banal:
      Ziemlich barsch
      wird der 'Marsch'
      abgesetzt,
      weil besetzt:
      'Hans' wird 'Schang'
      'Marsch' wird 'Gang'
      Und wir streichen
      noch ein Zeichen:
      'Gans' wird 'Ganz'
      'Gansgang' wird 'Ganzgang' wird 'Tanz'.
      Firlefanz?
      Nein, Markanz:
      "Gang der Gänze"
      Stolz die Schwänze
      in die Höh.
      Nix von "Jö".
      Schwingt das Tanzbein
      Lasst uns Ganz-Sein!

       

      W 23/08: Der Ententraum


      Mit Zaum
      Auf Baum
      Nippt Schaum
      Vom Ufersaum
      Putzt Flaum
      Nimmt kaum
      Wahr Raum
      Schiebt Daum'
      An Gaum'...

      Wessen Traum?
      Der potente
      Traum der Ente?
      Oder eher
      vielmehr
      der
      vom Daumendreher?

      W 22/08: Was unsterblich werden will, muss seine Einmaligkeit aufgeben

      Dazu von Marta Kassai:
      Wer die Unsterblichkeit verstehen will, muss die Ein-Maligkeit der Dinge annehmen.

       

      W 21/08: Im JETZT gibt es weder Rationalität noch Angst
      Ratio ist ein effizientes funktionales Werkzeug für das Erstellen möglicher Zukunftsszenarios durch Analyse von Vergangenheit und Extrapolation bzw. Projektion des Analyseergebnisses mit verschiedenen Hypothesen auf die Zukunft. Als Teil eines Entscheidungsprozesses ist die Ratio mithin bestimmt immer wieder hilfreich. Die Kehrseite ist, dass Ratio oft Angst generiert. Angst gibt es nur in Seins-Modi bzw. Befindlichkeiten jenseits des 'Im-Jetzt-Seins'. Angst ist nie im Jetzt, sondern stets auf die Zukunft gerichtet. Es kann sich um die allernächste Zukunft handeln, um Sekunden - aber eben doch 'jenseits des Jetzt'. Die Angst kann z.B. suggerieren: 'Jetzt tut es dann gleich weh!' - aber sie ist nicht zu verwechseln mit dem Schmerz selbst, der durchaus im Jetzt stattfindet. Die Angst VOR dem Schmerz ist aber in aller Regel schlimmer als der Schmerz selbst, ja macht ihn oft erst zu etwas Grossem, Schrecklichem. Schmerz führt ja immer nur bis an eine Grenze des Erträglichen, hinter der das 'Schwinden der Sinne', die 'Ohnmacht', die Bewusstlosigkeit uns umhüllt. Angst hingegen kann zum Dauerzustand werden, ständig genährt von den neusten, rational analysierten Horror-Szenarios. Aus diesem Grund ist reine Ratio nicht kompatibel mit grossen Leistungen, weder im Sport, noch in der Wirtschaft und schon gar nicht in - dies ist speziell hervorzuheben - in der Wissenschaft. Reiner Rationalismus führt bestenfalls ins mittlere Beamtentum, zu Verwaltungsstellen mit möglicht wenig Menschenkontakt. Für den Lehrerberuf reicht Rationalität bereits nicht mehr aus. Hier ist zusätzlich Menschenliebe gefragt. Vollends versagt reine Ratio dort, wo echter Mut vonnöten ist. Mit der permanenten Horrorszenarienkreation lähmt die Angst erzeugende Ratio jeden Protagonisten. Kein Spitzensportler, kein Top-Shot in der Wirtschaft, aber auch kein herausragender Forscher kann reiner Rationalist sein. Es sind samt und sonders risikofreudige Abenteurer mit starker Intuition, die Spitzenleistungen erbringen. Dies tun sie - und das ist die Behauptung, über die sich vielleicht eine Woche nachzudenken lohnt - nicht zuletzt wegen dem Lustgewinn, den sie in den völlig angst- und egofreien JETZT-Momenten erleben. Versuchen Sie's, auch und gerade wenn Sie sich als reine Rationalisten empfinden und zur Beamtenschaft zählen. Es ist nie zu spät für ein Hupferl ins Jetzt. Wann? - Jetzt natürlich.

      W20/08: ICH
      Für viele Kommunikationsteilnehmer könnte man die Sprache reduzieren auf die Vokabel 'ICH'. Ihr 'Denken' oder vielleicht bescheidener: ihre 'Wahrnehmungsverarbeitung', sofern es denn diese immer noch etwas hochtrabende Bezeichnung verdient, reduziert sich in den überwiegenden Fällen auf:
      "Ich? - Ich! - Ich!!"
      Hängt man am Schluss noch "Ic..." für das Ableben an, hat man auch bereits die gesamte Biographie der meisten Hominiden erfasst. Das nach umverteilender Gerechtigkeit dürstende links getragene Herz dürfte dabei besonders erfreuen, dass diese 'Sancta Simplicitas' in allen Schichten, allen Kulturen und durch alle Jahrhunderte hindurch festzustellen ist - ja man könnte fast versucht sein, eine differentia specifica für den Menschen daraus zu basteln und das selbstbeweihräuchernde 'Animal rationale' bzw. den 'Homo sapiens' zu ersetzen durch 'Animal egocentrale' und -da Alk und andere Drögis oft den einzigen Weg darstellen, für kurze Momente den Ich-Wahn etwas zu ertränken, die Gattungsbezeichnung auf 'Homo Schnapsiens' anzuheben. Denn die Kunst des Kelterns, des
      Brennens, des Hanfanbaus, der Kokain- und Heroingewinnung zählen doch nebst dem Ich-Kult zu den kulturellen Errungenschaften, die uns vom Neandertaler oder gar von den Primaten unterscheiden?

      'Ich? – Ich! – Ich!!' ist auch der einzige wirklich individuelle Gedanke vieler Menschen. Die meisten Menschen denken zwar äusserlich, auf der Ebene der Zeichen, des 'signifiant', genau denselben Gedanken. Jeder denkt 'Ich? – Ich! – Ich!!' Aber auf der Ebene des Bezeichneten, des 'signifié' ist der Gedanke tatsächlich bei jedem ein anderer. Hierin liegt die crux der Sprache. Das mit Abstand wichtigste Zeichen – zumindest in der menschlichen Verbalsprache – nämlich die Zeichenfolge, mit der der Sprecher auf sich selbst verweist, also in der deutschen Sprache 'ICH' – ist gleichzeitig das polysemste. Es hat genau so viele Bedeutungen wie Benutzer. Schon dieser Umstand sollte an der Eignung der Verbalsprache für Kommunikation zweifeln lassen.

      (Anmerkung für nicht mit der unseligen Gabe der Ironie Belastete deutsche Professoren, das Büro für Gleichstellungsfragen, Pathetiker jedweder Couleur und Vertreter irgendwelcher fundamentalistischer Organisationen von Opus Dei bis Al Kaida - die Amis kann ich weglassen, die können eh nicht Deutsch...: die vorliegenden Texte sind Fallen (Freudianer: nicht Phallen!) und haben alle mindestens einen wenn nicht mehrere 'doppelte Böden'. Wir empfehlen dringend, die wenigen verbliebenen Hirnzellen vor solchen Minenfeldern fernzuhalten und gute Miene zum bösen Spiel zu machen: ine, mine, muh...)

      W13/08: Stress ist unsexy
      Karrieristen auch. Überhaupt Leute, die sich furchtbar wichtig nehmen. Und wer gestresst ist, überschätzt sich, seine Bedeutung, die Wichtigkeit dessen, was er gerade tut oder tun sollte. Der Gestresste hält sich für unentbehrlich, unersetzlich - eine der naivsten Illusionen, wie alle Todesfälle täglich zeigen. Gestresste, Karrieristen, Super-busy-people sind auch deshalb unsexy, weil sie nie da sind, nie im JETZT, nie bei dem, was sie gerade tun. Sie sind sogar während des Liebesakts bereits beim nächsten Termin. Sie haken den Liebeshandel ab wie ein anderes Geschäft. Deshalb sind Gestresste und Karrieristen die idealen Kunden im horizontalen Gewerbe. Den AnbieterInnen ist es nämlich ziemlich wurst, ob der Kunde sexy ist oder nicht. Sie schätzen sogar Karrieristen, weil die meist rasch wieder gehen und in der Regel die nötigen Nötchen bei sich tragen. Nun könnte man vom Ausmass der Prostitution in unseren Breitengraden auf die Anzahl Gestresster schliessen. Demnach gäbe es relativ viele Leute hier, die unsexy sind?Gut, Leuten über 70 mag das ziemlich egal sein - und das sind ja bald die Mehrzahl. Man könnte natürlich auch sagen "Stress macht doof" - aber 'unsexy' ist in unserem materialistisch-postfreudianischen Zeitparadigma für die meisten die grössere Beleidigung.
      Ja, was ich Sie eigentlich fragen wollte: Sind Sie gerade gestresst?

      W12/08: Mut
      Der Mutige wird von innen gestützt, der Feige von aussen
      Mut ist Handeln ohne Schielen nach Applaus
      Mut ist erst dann mehr als Tollkühnheit, wenn er auf mehr als nur den Applaus der Feigen zielt
      Mut ist die positive Seite der Aggression
      Mut ist die Kraft, seinen Weg zu gehen, ohne sich von der Missbilligung oder Ignoranz der Meinungsmodezaren anfechten zu lassen.
      Mut ist die Kraft, Dinge zu denken, zu sagen und zu tun, die aus Sicht der Meinungsbeherrschenden, der Diskursmächtigen daneben sind
      Mut wächst aus Gelassenheit, Autonomie und Authentizität
      Mut ist das, was Petrus fehlte. Die katholische Kirche gründete ihr Imperium auf einen exemplarischen Feigling

      W11/08: Erst wenn Liebespaare zu Freunden werden, wird ihre Beziehung tragfähig.

      W10/08: Freundestreue ist vielleicht das beeindruckendste Phänomen auf diesem Planeten.
      Sie ist bei Tieren häufiger zu beobachten als bei Menschen. Weshalb wohl?

      W9/08: 'Erziehung' ist ein auf eigenverantwortliche Verhaltensbeeinflussung zielender bewusster Konfrontationsprozess mit vom Erziehenden als relativ wahrscheinlich eingestuften Zusammenhängen.
      Bei allem Wissen um die Zirkularität von Definitionen - dass man das einzugrenzende Wort ständig mit anderen einzugrenzenden Wörtern umkreist - kann es doch hilfreich sein, sich mit dieser Umkreiserei versuchsweise dem Mittelpunkt zu nähern und sich durch die Reibung unterschiedlicher Formulierungen etwas klarer darüber zu werden, was man selbst mit einem Wort meint und bezeichnet. Im Falle des obigen Versuchs 'Erziehung' zu definieren, können folgende erläuternden Überlegungen angestellt werden zur Begründung:

      1. Ist keine Verhaltensbeeinflussung intendiert, fehlt das 'Ziehen', der 'Zug' in eine bestimmte Richtung, das 'Abzielen' auf etwas, die Zielgerichtetheit des Prozesses.

      2. Wird die Verhaltensbeeinflussung erzwungen, fehlt die intendierte Eigenverantwortlichkeit auf Seiten des zu Erziehenden.

      3. Kommt es nicht zu einer bewussten, aktiv herbeigeführten Konfrontation mit den vom Erziehenden postulierten Zusammenhängen, handelt es sich um Deskription, die durchaus eine erzieherische Wirkung haben kann; es fehlt aber das Moment der erzieherischen Intention und die Einleitung bzw. Begleitung des Prozesses durch den Erziehenden. Freiwillige Verhaltensänderung aufgrund von Deskription - das heisst den zugänglichen Wahrnehmungsverarbeitungsresultaten anderer - kann man als 'Selbsterziehung' oder 'Lernen', aber nicht als 'Erziehung' bezeichnen. Erziehung erfordert minimal zwei voneinander äusserlich getrennte, d.h. in verschiedenen Körpern inkarnierte Entitäten.

      4. Werden die Zusammenhänge, mit denen der zu Erziehende vom Erzieher konfrontiert wird, nicht als 'relativ wahrscheinlich', sondern als 'zwingend', 'absolut richtig', 'gültig' vorgestellt, sinkt die Eigenverantwortlichkeit des zu Erziehenden gegen Null. Es handelt sich nicht mehr um Erziehung, sondern um Indoktrination, ideologische Vergewaltigung, Missbrauch der Position des Erziehenden. In dieser fundamentalistischen Haltung von vermeintlich 'Erziehenden' liegt meines Erachtens ein viel grösserer und folgenschwererer Missbrauch als in der gerade so modischen Aufplusterung der 'sexuellen Übergriffe', die jegliche hilfreiche Zuwendung, jede liebevolle Beziehung zwischen Erziehendem und zu Erziehenden abwürgt und erstickt. Die Fokussierung auf das rein äusserliche Geschehen und die einseitige Kausalbetrachtung (Aussen als causa für Innen) passt zum - allerdings auslaufenden - Zeitparadigma des Materialismus und wird meines Erachtens abgelöst werden von einer vermehrten Ausbalancierung der Bedeutung geistig-seelischer und äusserlich-körperlicher Missbräuche in der Erziehung

      5. Die Haltung des Erziehenden aufgrund meines Definitionsversuchs von Erziehung liesse sich in der Grundaussage konkretisieren, in die er jeden Erziehungsprozess dem zu Erziehenden gegenüber einkleiden könnte:

      Wenn du XY lernen willst, solltest du meines Erachtens folgende Zusammenhänge beachten

      Mit dem Konditionalsatz wird jeder Erziehungsprozess immer wieder an die Eigenverantwortlichkeit des zu Erziehenden geknüpft. Will er XY gar nicht lernen, kann er wiederum mit Zusammenhängen konfrontiert werden, die sich aus der Weigerung ergeben können - auch diese selbstverständlich mit der Allerheilsformel 'Meines Erachtens' relativiert.

      W8/08: Sein und Zeit
      Quantität ist Haben, Qualität ist Sein. 'Chronos', der quantitative Aspekt von Zeit, gehört so gesehen zum Bereich des Habens. Man hat Zeit. Aber wenn man ist, wird der quantitative Aspekt der Zeit, ihr Ablaufen, ihre Prozessualität ausgeblendet. Sein ist Zeitqualität (im Altgriechischen gab es ein Wort dafür: kairos). Wenn wir 'sind', sind wir dies nicht im quantifizierbaren, messbaren Ablauf von Zeit, sondern im Jetzt, in der Gegenwart, in der reinen Präsenz. Dekadenz und Depressivität unserer Kultur haben meines Erachtens viel damit zu tun, dass es an Balance zwischen Haben und Sein mangelt bzw. dass 'Sein' ebenfalls quantitativ verstanden wird ("Ich bin Chef über X-tausend Y..."). Dies hat schon Heidegger in seinem bahnbrechenden Werk 'Sein und Zeit' nicht begriffen, indem er 'Sein' prozessual verstand - und damit der existenzialistisch-pessimistisch-depressiven Vorstellung des 'Seins zum Tode hin' Bahn brach. Er und seine quantitativ existierenden Mit-Existenzialisten machten auch einen entsprechend glücklichen Eindruck. Ich bin mir nicht sicher, ob er damit nicht sogar den nachhaltigeren Blödsinn erzählt habe als mit seinen nazibraun angekränkelten Sprüchen, die von der Geschichte längst weggespült sind.

      Der Wochen-Tipp geht dahin, dass ich Ihnen empfehle, Ihre ganz persönliche Balance zwischen Sein und Haben, zwischen Quantität und Qualität in Ihrem Leben immer wieder neu und bewusst herzustellen und zu pflegen. Nicht so simpel rezeptartig wie die ganze Entschleunigungs-Welle in den vielen 'Lebensratgebern', die sich ja längst zu einer eigenen literarischen Gattung entwickelt haben, frei nach dem Motto:
      "Was Betty Bossi für die Küche
      sind wir für geistige Gerüche";
      eher etwas individueller, differenzierter, ausgewogener. Es geht nicht darum, Quantität und Haben völlig auszublenden oder gar zu verteufeln. Seien Sie nur weiterhin effizient und nutzen Sie die ablaufende Zeit dazu, Ihr Haben so zu gestalten, dass Raum entsteht für's Sein. Instrumentalisieren Sie die Quantität zugunsten der Qualität. Aber lassen Sie sich vor lauter Arbeit am Instrument der Quantität die Momente des Seins nicht versauen. 'Momente' ist natürlich falsch, da es bereits wieder etwas Quantitatives, nämlich einen 'kurzen Augenblick' suggeriert. Gerade darin liegt aber das Geheimnis der Zeitqualität, dass sie sich dem quantitativen Aspekt völlig entzieht. Wenn Sie sich an die stärksten Glücksmomente Ihres Lebens erinnern: Verging da Zeit während des Glücks? Oder stellten Sie erst im Nachhinein fest, dass offenbar Zeit vergangen war, Zeit, die in keinem Verhältnis zur Intensität des Erlebten stand? Ich bin überzeugt, dass alle diese Disproportion zwischen dem qualitativen Erleben und dem quantitativen Messen eines Zeitabschnitts kennen. Genau darum geht es. Diese Seins-Zustände, diese Jetzt-Erlebnisse sind aber nicht einfach Zufälle, die uns irgendwann überspülen. Wir können sehr viel dafür tun, dass sie sich häufen. Grob erzwingen lassen sie sich allerdings so wenig wie das Einschlafen. Aber wenn Sie sich darauf einlassen und mit der Zeit immer geschickter werden darin, nicht nur Jetzt-Erlebnisse, sondern auch die Balance zwischen Haben und Sein herzustellen, könnte sich eine Wirkung einstellen vergleichbar derjenigen, die in der Ovomaltine-Werbung witzig versprochen wurde, nur umgekehrt: "Sie leben nicht länger, aber besser"

      W7/08: Geiz und Angst
      Geiz und Angst sind eng verwandt: Enge des Herzens ist das gemeinsame Symptom

      W6/08: Hass
      Hass verbreitet sich schneller als ein Lauffeuer. Die Ansteckbarkeit ist indirekt proportional mit dem Entwicklungsstand einer Entität.

       

      W5/08: Wer eine Fähigkeit bei sich entdeckt, entwickelt und trainiert, nimmt sie auch leichter und differenzierter wahr bei andern.

      W4/08: Glauben oder Wissen - das ist die Glaubensfrage
      Die Grenzziehung zwischen Wissen und Glauben ist eine reine Glaubensfrage. Für die Fundamentalisten unter den Gläubigen ist Glauben viel stärker, stringenter, zwingender und vor allem stabiler als das stündlich sich wandelnde 'Wissen' der Wissenschaft. Für die Fundamentalisten unter den Wissenschaftern ist natürlich umgekehrt ihr Wissen viel stärker, zwingender, objektiver, gültiger als all die Glauberei in den Religionen, die sich ja nicht einmal auf anständige Kausalzusammenhänge bis auf den Urknall oder andere Axiome zurückführen lässt. Das hübsche Fremdwort 'Axiom' lässt dabei vergessen, dass es sich dabei um eine nicht weiter hinterfragte, nicht beweisbare Annahme handelt, also einen klassischen Glaubenssatz. Ob man an Götter, Gott oder an die Ratio, an die Kausalität glaubt, ist insofern einerlei und dagegen ist auch nichts einzuwenden, solange jeder jeden Andersdenkenden leben und weiterglauben lässt. Aber bei ebendieser Toleranz hapert es nach wie vor - hüben und drüben. Wie ist das denn bei Ihnen zuhause, im eigenen Oberstübchen und Familiengärtlein? Wissen Sie um den Glauben oder glauben Sie ans Wissen? Glauben Sie, dass Wissen auch nur Glauben ist oder wissen Sie, dass auch Gläubige zu wissen glauben?

      W3/08: Man sollte Quantifizierbarkeit nicht mit Wissenschaftlichkeit verwechseln.
      Nur weil sich Liebe, Freude, Begeisterung, Sich-Hingezogen-Fühlen, Vitalität, Charisma, Ausstrahlung und viele wichtige Dinge mehr nicht in Zahlen ausdrücken lassen, sollen sie wissenschaftlicher Annäherung und damit auch wissenschaftlicher Bedeutung entzogen sein?

      W2/08: Das Paradoxon der Distanz
      Der Weg zur Selbstironie, aber auch der zu Glück und Erleuchtung, führt über die Gewinnung von Distanz, um sie - einmal gewonnen - ganz aufzugeben.

      W1/08: Programmierungen ändern
      Halten Sie einmal es zumindest für eine Woche lang für möglich, dass Sie mit Ihren Gedanken Ihre Wirklichkeit beeinflussen können. Es ist allerdings etwas mehr Anstrengung nötig, als oberflächliches 'Positives Denken' oder simple 'Bestellungen beim Universum' abgeben. Denn in den tieferen Schichten unseres Bewusstseins sind Überzeugungen und Wertungen eingeritzt, die man erst mal an die Licht heraufholen muss, wenn wir sie mit unseren aktuellen Gedanken ändern wollen. Aber die Mühe lohnt sich - und die Ausdauer auch. Denn es gilt, neue Prägungen zu schaffen, unsere neuen Gedanken in die Sedimentschichten zu ritzen - oder, moderner ausgedrückt: es reicht nicht, eine neue E-Mail zu schreiben, wir müssen in vielen Bereichen die Software umprogrammieren, die Links ändern, die Formatvorlagen ändern und vieles mehr. Und wählen Sie zuerst ein paar kleinere Dinge, die Sie ändern möchten - und wenn Sie erste Erfolgserlebnisse haben, wagen Sie sich an die grossen Themen Ihres aktuellen Lebens.

       

      2007

      W52/07

      Angenommen: Alles, was uns passiert, ist sinnvoll und uns gemäss

      Nehmen wir einmal an, der obige Satz sei nicht nur 'angenommen' im Sinne von 'vermutet', sondern 'angenommen' im Sinne von akzeptiert, was ergäbe sich daraus? Könnte es sein, dass sich viele Ungereimtheiten schlagartig klärten? Wieso gewinnt DER im Lotto und wir nicht? Wieso kann DIE (fr)essen, was sie will und bleibt gertenschlank? Wieso wird just bei UNS eingebrochen? Wieso gerate ich immer wieder an SOLCHE Männer/Frauen? Warum werde immer ICH reingelegt? - Oder dicker: Wieso habe ausgerechnet ICH diese Krankheit? Wieso hat MEIN Kind einen Unfall? Warum muss ausgerechnet MIR ein naher Mensch so früh wegsterben? - Ist denn dies sinnvoll, mir gemäss?
      Könnte es sein, dass die obige Spielregel hilft, Antworten auf solche und ähnliche Fragen zu finden - nur schon weil sie hilft, überhaupt nach funktionalen Antworten zu suchen. Denn wer vorschnell mit 'Zufall', 'Schicksal' oder spezifischeren Schuldprojektionen operiert, bleibt stecken wie in einer Sackgasse. Wer nach Sinn und Gemässheit seines Schicksals forscht, muss vielleicht lange suchen, aber er wird früher oder später fündig - behaupte ich.

      Probieren Sie's aus - wenigstens eine Woche, lieber aber ein ganzes Jahr lang. Lassen Sie sich bei der Sucherei helfen von Leuten, die Sie lieben. Wer den Mut hat, fragt auch Leute, die er eher als Kritiker oder Gegner einstuft; oder gut geschulte Profis. Und zur Aufhellung der Stimmung: Man darf sich durchaus auch fragen: Warum habe ausgerechnet ICH immer wieder so viel Glück? Wieso fällt mir so viel zu - ohne dass ich es mir sauer 'verdient' habe? Wieso treffe ich immer wieder auf so liebenswerte Menschen, auf so beglückende Musik, so hinreissende Bilder, so beflügelnde Sätze wie 'Alles, was uns passiert, ist sinnvoll und uns gemäss'?

       

      W48/07

      "De Wäg wird ja je länger je chürzer!"
      (Anna-Käthi Gäumann-Altmann)

       

      W24/07

      "Du sollst mehr lachen!"

      Eine Zeitlang war das richtig im Trend in der Werbung, dieser irgendwo zwischen Feldweibel, Gott-im-Dornbusch und Tante-Frieda-Ernährung oszillierende Imperativ-Stil. "Mutter, gib deinem Kinde Honig" - war so ein Spruch, den ich zur sofortigen Umsetzung den Daheimgebliebenen anheim legte. Aber auch "Sie sollten mehr Joghurt essen" war ein Imperativ, dem ich nur allzugerne Folge leistete, vor allem wenn es 'Das im Glas' war. Ganz scharf war der Ton der Käse-Union dereinst, als von Plakatwänden der Befehl Big-Brother-artig erscholl: "Du gehst jetzt in den nächsten Käseladen und sagst: "300 Gramm Greyerzer bitte" - siehst du, es geht ja!"

      In diesem Sinn und Geiste sage ich euch nun von der wabernden Monitor-Scheibe aus: "Du sollst mehr lachen!" Ich wäre kein echter Schweizer, wenn hinter dem Polizistentonfall nicht auch noch der ewig besserwisserische Lehrer steckte. Und so sage ich euch auch noch, worüber denn am besten gelacht werden sollte: über euch selbst natürlich, denn immerhin seid ihr die Einzigen, die ihr immer dabei seid, wenn ihr Mist baut. Aber das ist ja geschenkt, das weiss jeder, deshalb gehe ich - Pädagoge, der ich zu sein vorgebe - noch etwas tiefer in die Details und spezifiziere: Lacht doch ganz speziell über den Fundamentalismus in euch, über all die Dinge, die ihr für undiskutabel haltet, für absolut richtig oder absolut falsch, einfach dort, wo ihr nicht mehr mit euch reden lasst, wo es nur eine einzige Lösung, eine einzige Antwort gibt: eure. Was, das geht nicht? Weil ihr gar nirgends Fundis seid? Oder weil uns eben genau dort das Lachen vergeht, wo's Ernst wird, wo es um die Grundwerte, die Basis, das Fundament geht - eben, Fundi kommt von Fundament. - Na gut, dann lacht doch über andere Fundis, so als Einstieg fällt das leichter. Aber nicht vergessen: Es gibt namhafte Leute, z.B. mich haha, die dem kruden Welterklärungsmodell anhängen, die Aussenwelt spiegle die Innenwelt. So gesehen wären dann die Fundis, über die wir lachen, ja was denn: wir selbst? Das ist ja zum Lachen!

      Wie auch immer: Hier eine kleine, simple Einstiegs-Story aus dem World-Wide Witz-Web:

      Ich ging eines Tages eine Brücke entlang und sah einen Mann am Rande stehen, der gerade hinunterspringen wollte. Also rannte ich zu ihm und sagte "Halt! Tun Sie es nicht!" - "Warum sollte ich nicht?" sagte er. "Nun, es gibt so Vieles, für das es sich zu leben lohnt." Er: "Was denn?" Ich: "Nun ... sind Sie religiös oder atheistisch?" Er: "religiös."

      "Ich auch! Sind sie ein Christ oder Buddhist?"
      "Christ."
      "Ich auch! Sind sie Katholik oder Protestant?"
      "Protestant" Ich sagte
      "Ich auch! Sind Sie episkopalisch oder baptistisch?"
      "Baptistisch!"
      "Mensch! Ich auch! Gehören Sie zur baptistischen Kirche Gottes oder der baptistischen Kirche des Herrn?"
      "Baptistische Kirche Gottes!"
      "Ich auch! Sind sie in der ursprünglichen baptistischen Kirche Gottes oder der reformierten baptistischen Kirche Gottes?"
      "Reformierte baptistische Kirche Gotttes!"
      "Ich auch! Gehören Sie zur reformieren baptistischen Kirche Gottes der Reformation von 1879 oder der reformierten baptistischen Kirche Gottes der Reformation von 1915?"
      "Reformierte baptistische Kirche Gottes der Reformation von 1915!"

      Ich sagte "Stirb ketzerischer Abschaum!" und stieß ihn hinunter.

       

       

      W9/07

      "Lerne Schiessen, und triff Freunde"

      So steht es weiss auf braun über der Tür des Braunauer Schützenhauses, das nebst dem Wappen auch noch mit einem nach Erstklässlermanier gemalten zivilgekleideten Jüngling in Ruhn-Strellung mit dem Sturmgewehr geschmückt ist. Wir Schweizer allgemein und die thurgauische Landbevölkerung speziell werden einfach unterschätzt. Auch und gerade in unserer revolutionären prostpostmodernen Gefährlichkeit. Wir gelten als harmlos, bieder, basisdemokratisch, eigenbrötlerisch und etwas besserwisserisch-pharisäerhaft.

      Insgeheim oder auch laut am Stammtisch tun wir kund, froh zu sein, dass wir nicht sind wie die andern, wie beispielsweise die grauslichen Terroristen, Islamisten, Revolutionisten in den Löchern und Kisten allüberall im bösen Ausland. - Und jetzt dieses Coming-out in Braunau! Ob der Dorfname doch irgendwie abfärbt auf die Gesinnung? Denkt man hier braun - au-ch und gerade die Schützen? Auf jeden Fall scheint mir der Satz, der nicht in einem geheimen Weblog anonym kurz aufschimmert, sondern mit schönen Buchstaben eingeritzt auf dem Stirnbalken der Eingangstüre des schmuck und allein auf grüner Weide thronenden Schützenhäuschens prangt, weltweit einmalig zu sein. Gut vorstellbar, dass terroristische oder auch ganz gewöhnliche militärische Ausbilder ihre 'Azubi' mit ätzendem Pathos anraunzen "Lerne schiessen und triff Feinde!". Denn das ist ja normalerweise der Witz der Schiesserei - ausser man tue es aus sportlichen Ambitionen, zum reinen Vergnügen oder als Freudsche Ersatzhandlung. Aber dass man mit der erworbenen Treffsicherheit die FREUNDE treffen und umpusten soll, das ist ja schon etwas dick. Vielleicht verbirgt sich dahinter die bei Jägern häufige für Nichteingeweihte leicht pervers anmutende Einstellung, dass man vorgibt, dieselben Wesen zu lieben, die man umlegt?

      Aber hier am Braunauer Schützenhaus ist es der Befehlston, der die Nackenhaare sträubt. Man ist versucht, den Tonfall und den grimmigen Gesichtsausdruck des Schützenmeisters zu imaginieren, wie er den gwundrigen Dorf-Knäblein befiehlt: "Lerne Schiessen, und triff Freunde!" - man beachte auch die Grossschreibung, die der Schiesserei noch mehr Gewicht gibt, und das Komma vor dem und, mit dem das Nacheinander betont wird: "Zuerst lernst du anständig dein Handwerk als Schütze - und dann knöpfst du dir deine Freunde vor, einen nach dem andern." Hier liegt ja doch wieder eine gutschweizerische Tugend hinter dem teuflisch anmutenden Befehl, ein Schuss L ehrerhaftigkeit , ja fast ein pädagogischer Eifer liegt in dem Hinweis, dass man zuerst sein Handwerk beherrschen soll, bevor man sich aufs Schlachtfeld begibt und über Kimme und Korn - oder moderner mit dem Zielfernrohr - die Freunde trifft.

      Auf jeden Fall hüte ich mich, allzu schnell Freundschaften zu knüpfen hier in Braunau. Hier scheinen Feinde länger zu überleben. Das erklärt vielleicht auch, warum die Bauern fast alle miteinander verkracht sind - Krach hilft, dass es nie zum Krachschuss zwischen Freunden kommt.

       

      W8/07

      Testen Sie die Autonomie Ihres Denkens, Fühlens und Handelns

      Wenn Sie folgende Spielregeln beachten, haben Sie nicht nur mehr Spass am Spiel, sondern auch mehr 'Return on investment' - denn schliesslich investieren Sie Ihre kostbare Zeit, die gnadenlos verrinnt - ausser Sie klinken sich aus der Vorstellung aus, dass Zeit, insbesondere ihr quantitativer Aspekt 'CHRONOS', etwas Absolutes sei; aber davon ein andermal.

      1. Verlieren Sie keine Zeit mit der Zuweisung von Schuld an sich selbst oder andere.
      Das mag ein unterhaltsames Spiel sein für Vier- bis Fünfjährige. Natürlich gibt es auch Erwachsene, die es sogar berufsmässig spielen. Aber es ist wenig ergiebig. Denn wenn Sie die Schuld für irgendeinen Mangel in Ihrer Autonomie anderen zuweisen, bleiben Sie aussen vor als Opfer, zerfliessen möglicherweise in Selbstmitleid oder nähren Wut- und Hassgefühle , ja vielleicht verschleudern Sie all Ihre Energie zur Bekämpfung der vermeintlich 'Schuldigen' und meinen womöglich, damit autonom zu handeln, dabei sind Sie nur in der Reaktion. Und umgekehrt, wenn Sie sich selbst die Schuld zuweisen, ist die Chance gross, dass Sie in dumpfen, rückwärtsgewandten Gefühlen und Gedanken versumpfen, anstatt gelassen die Verantwortung zu übernehmen - und die Mängel in der Autonomie so gut wie möglich zu beheben. Denn Verantwortung ist an sich etwas Wertneutrales und bedeutet zuerst einmal nur, dass man antwortet auf das Angesprochenwerden durch Welt. Und verantwortungsbewusst, verantwortungsvoll ist diese Antwort an die Welt, wenn wir sie aus uns heraus geben, nicht eine vorgegebene, abgekupferte, 'gängige', sondern unsere bewusst gewählte Antwort.
      Verantwortung ist mithin eine Grundvoraussetzung für Autonomie und schlägt erst um in Schuld, wenn wir sie innerhalb eines Modells negativ bewerten. Wenn wir uns vorwerfen, unsere Antwort an die von uns erkannte Welt nicht so gegeben zu haben, wie z.B. eine ethische Theorie, eine Religion, eine Rechtsordnung oder unser ganz eigenes Werte-Modell es verlangt, so ist das erst die Feststellung einer Diskrepanz, einer Unstimmigkeit, eines 'Fehlers'. Dieser Fehler kann innerhalb des Systems Folgen haben, sogar einschneidende. Wenn wir innerhalb des Modells 'Schachspiel' einen rettenden Zug nicht erkennen, kann dieser Fehler 'Schachmatt' zur Folge haben. Wenn wir innerhalb der Rechtsordnung, in der wir freiwillig leben, eine wichtige Verantwortung - z.B. die für das von uns gesteuerte Fahrzeug - nicht so wahrnehmen, wie diese Ordnung, dieses Modell das vorsieht, so landen wir vielleicht im Gefängnis, werden gebüsst. Aber zur pathetischen 'Schuld' im triefend-moralischen Sinne werden solche Mängel in der Wahrnehmung unserer Verantwortung erst in einem 'moralischen Modell', in einer Ethik, die wir teilen können oder nicht. Wenn es uns gelingt, unsere Verantwortung mitsamt den Mängeln in ihrer Wahrnehmung durch uns wertneutral zu halten, also auch einverstanden zu sein mit Diskrepanzen, Unstimmigkeiten und Fehlern, bleibt uns zukunftsgerichtete Energie für die Veränderung unseres Denkens, Fühlens und Handelns. Auch und gerade für die durch unser mangelhaftes Wahrnehmen der Verantwortung Betroffenen ist es bedeutend wertvoller, wenn wir uns entwickeln, wenn wir autonom an unserer Verantwortungswahrnehmung arbeiten, anstatt uns selbst zu blockieren mit dem dumpf-lethargisch-hilflosen Schuldgefühl, enttäuscht von uns selbst und vielleicht reumütig, aber tatenlos und rückwärtsgewandt vor uns hinzubrüten.

      2. Lassen Sie nichts aus.
      Und wenn Sie wenig Zeit haben, nehmen Sie sich nur einen ganz bestimmten Bereich vor, aber den gründlich. Z.B. Ihre Vorstellungen von Liebesbeziehungen: Sind die ganz autonom gewachsen, erarbeitet durch Erfahrung? Oder gab und gibt es Einflüsse? Wenn ja, welche? Eltern, Freunde, das gesellschaftliche Umfeld, die Religion, das, was gerade als 'ok' gilt, die Medien (welche?), Literatur (welche?), Filme (welche?). Haben Sie alle Modelle, die Sie schon erlebten, von denen sie hörten, die Sie wahrnahmen bereits hinterfragt, auf ihre Funktionalität, ihren Sinn, ihre Nützlichkeit für Ihr persönliches Leben analysiert? Und wie ist es mit Ihren Gefühlen in Liebesbeziehungen? Sind Sie schön parallel, kongruent zu Ihrem Denken? Und falls Denken und Fühlen auseinanderklaffen sollten: handeln Sie entsprechend Ihrem Denken oder gemäss Ihren Gefühlen? - Das waren ein paar wenige Fragen in einem einzigen Bereich. Sehen Sie wie lebensfüllend dieses Spiel sein könnte? Aber hinterfragen Sie auch den Sinn der Frage: ist es überhaupt wichtig, autonom zu sein im Denken, Fühlen und Handeln? Und wenn ja, was hilft es, was nützt es, was bringt es mir, was andern?

      3. Verwechseln Sie Autonomie nicht mit Eigensinn und Originalitätssucht. Autonom ist nicht einfach, wer überall etwas völlig Originelles, von allen andern Abweichendes denkt, fühlt oder tut. Man kann auch ganz bewusst Gedanken nach-denken und für gut befinden. Man kann Gefühle, die jemand anders zeigt, beschreibt, lebt, in Kunst umsetzt, nach-spüren, in sich entdecken und wecken. Und man kann Taten anderer, die man bewundert, die man für wertvoll hält, nach-machen und weiter entwickeln.

       

      W2/07

      Ein geeigneter Gradmesser für das Mass von Demokratie in einer Gemeinschaft sind die kommunikativen Strukturen, insbesondere die Medienfreiheit und -vielfalt. Diese lässt sich durchaus auch anwenden auf Gemeinschaften wie Familien, WG's, Unternehmen, Vereine und Verbände.

       

      2006

      W49/06

      Die Aufklärung fand nicht statt

      Der Götze 'Kirche' wurde einfach durch den Götzen 'Ratio' ersetzt. Zu den heute noch an vielen Universitäten - z.B. derjenigen von Zürich - geltenden Axiomen der post-kirchlichen Sekte gehört der Glaubenssatz, dass nur rationale Kausalketten zugelassen seien zur Deutung von Wahrgenommenem. Alles andere wird aus dem Raum der 'Wissenschaft' verdrängt. Also fast alles, was wirklich zählt im praktischen Leben. 'Aufklärung' wie ich sie verstehe würde bedeuten, sich bewusst zu machen, dass wir als immer an irgendeinen Standpunkt gebundene Wahrnehmende keinen Zugang haben zur Absolutheit, so es sie denn gibt; dass wir also auch keine Aussage machen können mit dem Anspruch absoluter Wahrheit, absoluter Objektivität, mithin auch keine absoluten Aussagen über die 'Wirklichkeit'. Die Erkenntnis, dass wir uns immer in Glaubenssystemen. Modellen, Theorien, Spielen, willkürlich festgelegten 'Ordnungen' bewegen, ist m.E. der erste Schritt der Aufklärung. Wir können dieses Bewusstsein zum Ausdruck bringen, indem wir versuchen, die Axiome des Modells, in dem wir gerade wahrnehmen und deuten, freizuschaufeln und zu kommunizieren. Dies muss nicht verbal erfolgen. In vielen Fällen ergibt es sich durch konkludentes Verhalten, so z.B. im Wechsel von Spiel zu Spiel, wo wir durch regelkonformes - in den verschiedenen Spielen aber verschiedenes, ja widersprüchliches - Agieren zeigen, dass wir um die relative Gültigkeit der Spielregeln wissen.

       

      W48/06

      Suchtkontrollsucht

      Er war Nichtraucher, Antialkoholiker, Vegetarier, betrieb massvoll Sport, arbeitete massvoll, war in allem, was er tat, dachte, fühlte beherrscht - nur ein einziges klitzekleines Leck war da: Er liess dem Gedanken, besser zu sein als die andern, dem Gefühl der Verachtung für die weniger Disziplinierten so viel Raum, dass durch dieses Löchlein in der perfekten Suchtkontrolle das Gift der Überheblichkeit eindringen und den Kontrollsucht-Krebs auslösen konnte, der so rasch Metastasen bildete, dass alles, was einst gelassen und liebevoll an ihm gewesen war, vom Krebsgeschwür überwuchert wurde - mit letalem Ausgang. Auf dem Totenschein stand: Er erlag der Suchtkontrollsucht. Die von ihm zeitlebens Gemassregelten liessen Fünfe grad sein und feierten an seinem Leichenmahl bis in die frühen Morgenstunden...

       

      W47/06

      Der eigenen Schuldprojektion auf die Schliche kommen

      "Da geht's ja zu wie in einer Juden-Schule!" - "Kommst ja daher wie ein Tschingg am Sonntag" - "Bist du auch so ein angekränkelter Stink-Ami?" - "Der Couchepin ist aufgeblasen wie ein Franzos'!" - "Wieder ein typischer Fall von eidgenössischer Biederkeit" - "Die dumme Kuh!" - "Äff mich nicht ständig nach!" - "So eine Drecksau!" - "Der Kerl ist gierig wie ein Raubtier!" - "Ein richtig fauler Hund" - "Du trampelst da rum wie ein Elefant im Porzellanladen!"

      Die Liste könnte beliebig verlängert werden und zeigt nur mal die Spitze des Eisbergs dessen, was ich 'Schuldprojektion' nenne. Nämlich nur gerade mal die deutlichsten Fälle, wo wir in der Sprache Unangenehmes nach aussen projizieren, d.h. von uns weg schieben und anderen Wesen anhängen. Zugegeben, das Spiel macht auch Spass, denn wer ist schon gern für irgendetwas selbst verantwortlich, das als negativ oder zumindest nicht gerade Image fördernd angesehen wird. Ein geradezu herziges Beispiel für kollektive Projektion ist das Kondom, das in einer superverklemmten Kultur wie der (nach-)christlichen zwar überall benutzt, aber eben doch immer noch mit dem Ruch des Unguten behaftet ist, da der Vatikan nach wie vor jegliche Verhütung mit dem Verlust des Fensterplatzes im Himmel sanktioniert. Man schiebt also mit der Bezeichnung des Gummis die 'Schuld' dafür, dass es das Ding überhaupt gibt, einfach ins Nachbarland. In der Schweiz heisst das Kondom im Volksmund deshalb 'Pariser' - und wissen Sie, wie ein Pariser, also ein in Paris lebender Franzose, den 'Pariser' nennt? 'Capote anglaise'! Die Engländer spielen den Ball im Buchstabenspiel wieder über den Kanal zurück und sagen 'French letter'. - Ein weiteres hübsches Beispiel freundnachbarlicher Zuweisung von als unerfreulich Eingestuftem ist die im deutschen Sprachraum übliche Wendung "sich französisch verabschieden", d.h. abhauen ohne sich beim Gastgeber zu bedanken bzw. allen die Pfötlis zu schütteln.

      Aber nun geht's ja darum, uns selbst auf die Schliche zu kommen: Versuchen Sie doch einmal eine Woche lang auf die eigene Sprache - noch besser: auf die Gedanken - zu achten. Ich habe mich z.B. ertappt dabei, Grobheit in den Balkan abzuschieben, als ich über einen sehr rüde vorgehenden Typen frotzelte: "Der hat den Charme eines serbischen Kanoniers!" Viel Vergnügen bei der Jagd - und sagen Sie nicht, Sie würden sowas nie tun, sonst werfe ich Ihnen typisch helvetische Selbstgerechtigkeit vor...

       

      W46/06

      Die Mitte zwischen aufreizend langsam und eklig gehetzt

      Versuch mal während einer Woche, an jedem Tag in mindestens 7 Bereichen ein 'Balance-Erlebnis' zu haben, die Balance zu finden zwischen trantütig und atemlos, lahmärschig und gestresst, zwischen 'tire-au-cu' und rasendem Zugpferd. Und vergiss dabei nicht, über dich zu lachen. Der Einstieg geht natürlich am leichtesten über die andern. Jeder kennt Leute, die irgendwas sooo langsam machen, dass man ihnen am liebsten eins in den Hintern treten würde - und auch das Gegenstück dazu ist wohlbekannt: die Typen, bei denen alles so lärmig, hastig ist, denen auch ständig was aus den Händen fällt, weil sie so fahrig und gestresst sind. Meist nehmen sie sich noch furchtbar wichtig, sind immer schon am nächsten Ort, können nicht zuhören usw. - Aber das ist nur der Einstieg. Nachher wird das Spieglein gedreht und wir kucken uns selbst zu. Am Anfang reicht's, wenn wir ganz banale Alltags-Tätigkeiten anschauen. Wie stehen wir auf? Wie geht's im Bad zu? Wie lahm oder stressig in der Küche? Brauchen wir Stunden, bis wir auf Touren kommen? Oder fliegt gleich schon alles kreuz und quer herum, kaum sind wir auf den Füssen? Für mich ist der erste Test, ob ich es schaffe, den mit Kaffeepulver gehäuften Löffel ohne ein Krümchen zu verlieren vom goldenen Chicco d'Oro-Sack (product placement...) bis zum 'Tschingge-Chäntli' (nochmals, aber politically uncorrect) in den Metallfilter zu befördern. Wenn das gelingt, war das bereits die erste Balance - denn zu langsam zu sein ist nicht so die wirklich grosse Gefahr bei mir.

       

      W45/06

      Geh mal von der Annahme aus, Kommunikation sei grundsätzlich mit allem möglich, was du wahrnimmst.

      Wir kennen das doch alle, wenn wir mit Schrauben sprechen, die nicht ins Holz wollen, mit Autos, die nicht so tun, wie sie sollten, mit Nähmaschinen, die nicht auf Touren kommen, Computern, die spinnen - meist sind es Momente, wo wir eher knurrig-verärgert sind und dem Ding sagen, es solle doch gefälligst...
      Und es sind weiss Gott nicht nur abgehobene Eso-Hürschis, die solche Dialoge führen, sondern währschafte Holzfäller, nüchterne Automechaniker, coole Informatiker, fleissige Näherinnen usw.

      Wir kennen es aber auch vom eher nonverbalen Kontakt mit Dingen, Pflanzen, Tieren. Wenn der Geigenbauer mit dem Holz kommuniziert, das er bearbeitet, der Künstler mit dem Bild, dem Stein, dem leeren Blatt, der Musiker mit dem Instrument ins Zwiegespräch tritt. Eigentlich müssen wir den Begriff der Kommunikation nur genug weit fassen, dann ist alles Tun Zwiegespräch, Auseinandersetzung und Zusammenfinden von Wahrnehmendem und Wahrgenommenem. Und wenn Kommunikation mit allem möglich ist, kann man sie auch verbessern. Lernen, üben, trainieren, sich ausbilden wäre so gesehen nichts anderes als Verbesserung der Kommunikation. Mir geht es aber weniger um Begriffs-Spiele als um die innere Haltung: Wenn wir alles Wahrgenommene als kommunikationsfähig anschauen, besteht die Chance, dass wir achtsamer damit umspringen. Ob wir dem Kommunikationspartner - sei es nun ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze oder ein Ding - im philosophischen und psychologischen Sinne Entitäts-Charakter zusprechen, ihm ein Bewusstsein zugestehen, ist für Theorie-Fritzen wie mich zwar wichtig. In der Praxis reicht es vollauf, den Dialog mit allem, was wir wahrnehmen, als einen echten Dialog zu führen, also nicht nur als Selbstgespräch, sondern insofern echt, als wir auch eine Antwort erwarten und zur Kenntnis nehmen. Das Holz muss ja nicht Sprechblasen bilden wie im Comic-Strip, es reicht doch, wenn es durch sein Verhalten antwortet. Es kann sich sträuben, splittern, brechen - oder weich bearbeiten lassen. - Viel Vergnügen beim Kommunizieren! Die eine oder der andere wird vielleicht so viel Spass haben, dass er/sie glatt die Einwegberieselung per Glotzkiste etwas reduziert. Wobei man durchaus auch mit einem TV-Gerät in Dialog treten könnte. Meist schlafen die davor Sitzenden aber ein, bevor sie zur Antwort anheben könnten... Dialog braucht eben etwas mehr Energie und Wachheit als passives Beträufeltwerden.

       

      W44/06

      Verlieb dich gemeinsam in etwas Drittes!

      Dieses Dritte kann ein Wesen, eine Tätigkeit, ein Ziel - irgendeine Wahrnehmung sein, von der beide begeistert sind. Diese gemeinsame Liebe minimal zweier Wesen für etwas Drittes hat eine andere Qualität als die Liebe zweier Wesen direkt füreinander. Witzigerweise ist die Liebe von Zweien füreinander grundsätzlich unterschiedlicher als die Liebe von Zweien oder mehreren für ein Drittes. Schaut man genauer hin, ist es völlig einleuchtend: denn die Liebe von A für B ist - solange sie noch keine bedingungslose ist, und das ist sie nur schon deshalb nicht, weil sie auswählt, sich auf ein bestimmtes Wesen richtet - eine anders gefärbte Zuwendung als die Liebe von B für A. Im Fokus ist ja einmal das Wesen A, das andere Mal das Wesen B. Also ist auch die auf das je andere Wesen gerichtete Liebe eine andere. Natürlich kann da auch eine grosse Gemeinsamkeit sein nur schon in der Tatsache des Liebens, des Sich- Öffnens, im Zurückweichen des Rational-Berechnenden, aber es bleibt doch auch eine grosse Differenz, da sich die Liebe von A und B auf ein völlig anderes Objekt, ein anderes Du richten.

      Anders ist es bei der gemeinsamen Liebe von A und B für C. Hier kann ein höherer Grad von Gemeinsamkeit, von Überlappung der beiden Zuwendungsqualitäten erreicht werden, weil das Liebesobjekt dasselbe ist. Kriterium für das Mass der Gemeinsamkeit ist das Ausmass von Begründungen und Bedingungen. Je mehr A erklärt, dass er C liebe, weil x oder nur wenn y und B dagegen hält, dass sie C eben gerade liebe, weil nicht-x oder speziell dann, wenn nicht-y, desto stärker entfernen sich die beiden Liebensqualitäten wieder voneinander, desto geringer der verbindende Effekt. Wem das zu algebraisch klingt, der ersetze doch munter mal A und B mit dem eigenen Namen und dem eines wichtigen Partners, C durch 'Kind', 'Hund', 'Pferd', 'Tennisspielen', 'Bergsteigen', 'Musizieren', 'Reisen', x (z.B. wenn C = Hund) durch 'klein' und y durch 'schönes Wetter' - und schon wird auf dem Buchstabensalat eine ganz alltägliche Situation: Ein Paar liebt Hunde und möchte einen haben, der eine Partner stellt aber zur Bedingung, dass er klein zu sein habe und will nur bei schönem Wetter spazieren, für den anderen Partner ist es gerade eine Bedingung, dass der Hund gross ist und er beschäftigt sich lieber mit dem Hund bei Hundswetter. Die zweite Bedingung (y) wäre kompatibel, ja ergänzte sich ideal, aber die erste führt - je nachdem wie stur beide auf ihrer Vorstellung von 'klein' und 'gross' beharren - dazu, dass es gar nicht zum Erwerb eines Hundes kommt. Daraus lässt sich ein Muster, eine Struktur ablesen, die sich m.E. überall finden lässt: Es sind die 'weils und wenns', die Begründungen und Bedingungen, die 'liebes-bremsend' wirken. Eine allererste Causa, ein 'Liebes-Grund' ist natürlich das Liebesobjekt, das ja Resultat einer Selektion, einer Auswahl ist. Wir sind es nur nicht gewohnt, dies auch mit einer Kausalverknüpfung auszudrücken: "Ich liebe dich, weil du DU bist - und eben nicht eine andere/ein anderer." - Wie delikat und liebesbremsend nur schon diese Aussage sein kann, merken wir, wenn wir sie konditional/temporal weiterspinnen: "Ich liebe dich, wenn und solange du DU bist." Hier wird jegliche Veränderung blockiert. Das DU darf sich nicht entwickeln, muss genau dasjenige DU bleiben, in das sich A ursprünglich verliebte. Wenn man nun noch mit Einstein und mit den Konstruktivisten das Modell der Relativität und Subjektivität jeglicher Wahrnehmungsdeutung teilt, dann wird es noch delikater, weil ja bereits das DU, das A in B wahrnimmt, nur beschränkt übereinstimmen muss mit dem ICH, das B in sich sieht, also mit der Selbstwahrnehmung von B. Hier haben wir also bereits ein Auseinanderklaffen in der Wahrnehmung des Liebesobjetks B ohne die Zeitachse mit der ganzen möglichen Veränderung und Entwicklung hinzu zu nehmen.

      Der simple Zusatz zum Wochen-Tipp wäre also: Falls es dir gelingt mit dem gemeinsamen Verlieben in etwas Drittes, versucht euch zurückzuhalten mit 'weils' und 'wenns'; die Chancen auf glückliche Momente - so behaupte ich fröhlich - steigen exponentiell.

       

      W43/06
      Wechsle vorübergehend eine Anschauung oder eine Gewohnheit
      Am besten eine, die du schon lange hast und für die du keine rechte Begründung hast. Irgend ein Mosaiksteinchen aus deinem Leben. Würde dich ein Ausserirdischer fragen, warum du das tust oder diese Ansicht hast, käme dir spontan der Satz über die Lippen: "Das war schon immer so."
      Bei mir ist es z.B. das Streicheln von Tieren. Seit ich als kleiner Junge mit 'Hüüslischnägge' spielte, ist dieser Automatismus da: Sobald ich in Armdistanz zu einem Tier komme, streichle ich es, und zwar nicht nur Hunde, Katzen, Pferde und Kühe, sondern alles, was da kreucht und fleucht und es zulässt, auch Frösche, Salamander, Blindschleichen, Schweine, Hühner, Stiere und Elefanten. Einzig bei Spinnen war ich immer etwas zurückhaltend, bis ich Steffi kennenlernte, die die Achtbeiner fasziniert auf ihren Händen und Armen rumkrabbeln liess und mir die Augen öffnete dafür, dass man sich auch bei den Insekten nicht auf 'herzige' Marienkäferli und prächtige Sommervögel beschränken muss.

      Erst viel später merkte ich, dass das Nicht-streicheln-Dürfen mit ein Grund war, warum es mir im Zoo nur beschränkt gefiel, obwohl ich da so viele Tiere antraf. Bestimmt kamen noch andere Gründe hinzu, z.B. dass kaum ein Zoo-Tier artgemäss gehalten werden kann, dass viele entsprechend traurig blickten und Ticks hatten wie Rilkes Panther ("Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe, und hinter tausend Stäben keine Welt."). Schon damals störte mich intuitiv die Überheblichkeit des Menschen, der Tiere fängt, einsperrt und ausstellt - grundlos, einfach, weil er es kann mit seinen Waffen, seiner kalten Rationalität, seiner Technik, seiner Eitelkeit und Lieblosigkeit.

      Das Bedürfnis, Tiere zu streicheln war also auch ein Symptom für die Abwendung von den Menschen, wo alles mit komplizierten Verboten und Regeln gespickt war; sogar so etwas, was ich als naiver Knirps nur für liebevollen Ausdruck meiner Zuwendung hielt.

      Diese Gewohnheit, diesen Automatismus des Tiere-Streichelns galt es nun also aufzugeben. Ich forderte dies von mir zumindest vorübergehend und lernte dabei, dass Tiere gar nicht immer ungefragt gestreichelt werden wollen, dass sich bei ihnen genau wie bei uns individuell verschieden die Phasen unterschiedlichen Nähe-Bedürfnisses abwechseln, dass es aber auch generell 'verschmustere' und 'coolere' Wesen gibt. Vor allem aber kam ich endlich auf die Idee, andere Formen des Kontakts auszuprobieren als den des Streichelns und der körperlichen Berührung. Mit Erstaunen stellte ich schon als Bub fest, dass Tiere nicht nur unsere Körpersprache auf recht weite Distanz, sondern auch unsere Ausstrahlung wahrnehmen und deuten können. Unterdessen konnte ich ein paar Jährchen Erfahrungen sammeln mit verschiedensten Tieren und ich bin immer noch fasziniert über die reiche Palette von Kommunikationsmöglichkeiten. Wenn ich mich nicht bewusst zurückhalte, so streichle ich nach wie vor spontan jedes Tier, ausser es melde mir auf einem anderen Kommunikationskanal, dass es dies zur Zeit gerade nicht wünsche, aber ich habe dank der Hinterfragung dieser Gewohnheit, dank der Entdeckung der dahinter liegenden Anschauungen und der zeitweiligen bewussten Änderung einen gewaltigen Reichtum gewonnen.

       

      W42/06
      Die Kunst des Trauerns
      Trauer, Melancholie, Abschiedsstimmung, Sonnenuntergang, Wegzug, Trennung, Hintersichlassen - möchten wir denn all das missen? Wir wissen doch intuitiv, dass Fröhlichkeit, Ausgelassenheit, Willkommensstimmung, Sonnenaufgang, Ankommen, Vereinigung, Vorfreude nur erlebbar sind auf dem Boden all der eingangs skizzierten Antonyme. Anstatt all diese Stimmungen, Gefühlslagen, Wahrnehmungen in 'gut' und 'schlecht' einzuteilen, in 'anstrebenswert' und 'unbedingt zu vermeiden', könnten wir doch versuchsweise mit allem einverstanden sein, alles zulassen, uns allem öffnen - immer auf der Suche nach der Balance, nach unserer Balance, die sich ändert mit der Übung, genau so wie wenn wir auf einem Dach, einem Seil, einem Geländer, einem Baum das Balancieren üben. Und wie immer, wenn man etwas übt, kann es zur Kunst werden. Kunst kommt von Können. Wer mit seinen Wahrnehmungen umgehen kann, wer nichts zu verdrängen braucht, sondern alles anschauen kann, sich allem öffnen, mit dem Wahrgenommenen üben kann, der wird zum Künstler des Lebens, seines Lebens, denn es nimmt ja jeder etwas anderes wahr. Archaische Kulturen wussten das und schufen als Übungshilfe Rituale. Für den Umgang mit schwierigeren Wahrnehmungen eine herrliche Hilfe, wie Steigeisen auf dem Gletscher, wie ein Seilgeländer über einem tosenden Bach: der Abgrund, die Schlucht verliert den Schrecken und gewinnt den Kitzel des Abenteuers.

       

      W41/06
      Masochismus des Abendlandes
      Die aktuelle Dekadenz des Abendlandes zeigt sich witzigerweise in einer Anbetung des Korporalen, des Materiellen. Da die Verewigung des Materiellen mit allen Konservierungstricks und Operationskünsten nicht gelingt, resultiert eine Kultur panischer Angst anstelle des für dekadente Kulturen sonst so typischen 'laisser faire', des lasziven, hemmungslosen Geniessens. Das Abendland betrügt sich damit in seiner stupenden Humorlosigkeit selbst um die Vorzüge der Dekadenz.

       

      W40/06
      Leben heisst Balancieren zwischen der Trittsicherheit des Ichs und der Unsteuerbarkeit des Selbst

       

      W39/06:
      Sich öffnen ist der grösste Trick des Lebens - er führt über alles hinaus, auch über das Leben.
      Sich öffnen beginnt damit, dass man 'Ja' sagt zu dem, was man wahrnimmt und zur Deutung, die man dem Wahrgenommenen gerade überstülpt. Aber dieses 'Ja' kommt nicht mit dem fundamentalistischen Eifer dessen daher, der gerade die einzig richtige, die absolute Deutung einer absoluten Wahrnehmung getätigt hat. Es ist ein schmunzelndes 'Ja', das den zu sich selbst gesagten Satz beinhaltet 'Ah soo siehst du das heute, tiens, tiens...'. Es ist ein 'Ja', ein Einverstandensein, das das Wissen um die Relativität und Subjektivität des ganzen Wahrnehmungs- und Deutungsvorgangs mitträgt. Wenn man ordentlich geübt hat mit dieser Öffnerei, kann als Dessert, als Krönung eines schmunzelnden Lebens auch die Wahrnehmung der Endlichkeit, des Sterbens mit einem Schmunzeln gelingen.

       

      W38/06:
      "Killing the Ego"

      Nun hab ich mich aber während einiger Wochen sehr kurz gehalten, so kurz, dass der Tipp gar nicht mehr in die Sichtbarkeit trat. In der Zeit haben sich natürlich einige angestaut. Den am grauslichsten klingenden zuerst: "Killing the Ego" klingt zwar etwas netter, weil es englisch daherkommt, aber zu gut deutsch heisst es: "Bring dich um!" - und das ist definitiv kein netter Tipp, oder? Gemeint ist nicht, den Körper zur Strecke zu bringen, indem man sich eine Kugel in den Kopf schiesst, sondern etwas viel Anspruchsvolleres, Langwierigeres: nämlich denjenigen Teil unserer Identitätswahrnehmung abzubauen bis zum letztlich völligen Verschwinden, den wir als unser profilierendes Ich bezeichnen. Es ist das, was wir in der Jugend mühevoll aufbauten, bei dem uns unser Körper, aber auch die Eltern, Lehrer, Freunde, Partner, ja die ganze Gesellschaft so ungemein behilflich waren. Wir finden uns vor als Menschen mit einem Geschlecht - bereits eine Zuordnung, gegen die man sich zur Wehr setzen kann: Mowgli wohnte unter den Wölfen, fühlte sich als Wolf, dann gibt es Tausende von Menschen, die das Geschlecht wechseln wollen, die sich teilweise auch auf der Körperebene umbauen lassen, so gut es geht. Dann kriegten wir alle einen Name, der uns mehr oder minder identifiziert. Und dann begannen wir mehr und mehr selbst an unserem Profil zu basteln. Dagegen ist nichts zu sagen, ein fettes, profiliertes Ego ist Voraussetzung für dessen Abbau. Schade nur, wenn der gar nie stattfindet. Wobei: der Abbau findet auf jeden Fall statt, einfach freiwillig oder unfreiwillig. Alter, Gedächtnisschwund, Demenz, genereller Verfall all dessen, was einst 'die Persönlichkeit' ausmachte, bis zum Tod. Mein These geht nun dahin, dass es viel spannender, abenteuerlicher, aber auch glückbringender ist, wenn man den Prozess nicht einfach passiv erduldet, sondern aktiv und autonom in Gang setzt und immer weiter treibt - bis zum einverständlichen Sterben.

       

      W24/06:
      Wahr-Nehmung und Witt-Gen-Stein

      Immer wenn wir etwas wahrnehmen, neigen wir dazu, es für absolut wahr zu nehmen, für allgemeingültig zu erklären. Blitzgeschwind wird aus der subjektiven Wahrnehmung eine 'Tatsache' und wir erklären im Brustton der Überzeugung, was wir wahrgenommen hätten, sei der Fall. Kaum kommt ein anderer Wahr-Nehmer und behauptet, nicht das, was wir, sondern das, was er wahrgenommen habe, sei der Fall, haben wir einen Streit-Fall, aus dem oft ein Rechts-Fall, ja sogar ein Kriegs-Fall werden kann, jedenfalls etwas Phallisches. Wenn wir immer noch nicht lachend die Subjektivität unserer Wahr-Nehmung - und die des andern - erkennen, fallen wir plump plumpsend in die Falle, die sogenannte Fundi-Falle, die immer dann 'der Fall' ist, wenn zwei Humorlose ihre Wahrnehmungen verabsolutieren. Die drei roten Falle-Fähnchen sind also: "Es isch eso!" - "U nid angersch!" - "Da verträgi de gar ke Gspass!" Haben wir uns diesbezüglich durchschaut, können wir uns alle Nachrichten über Fundamentalisten, Terroristen, Ideologen, Fanatiker sparen und stattdessen immer wieder das Spieglein zu Rate ziehen, uns in unser Konterfei vertiefen und fragen: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der grösste Fundi im ganzen Land?" - Falls die Antwort des Spiegels nicht zu unserer Zufriedenheit ausfallen und es der Fall sein sollte, dass wir das Spieglein an die nächstbeste Wand schmettern: Spiegelfirmen freuen sich. Überhaupt: einer freut sich immer.

      Und nur dass das klar ist: Meine Wahrnehmung bezüglich dieses Themas ist natürlich absolut wahr und allgemeingültig. Es ist der Fall! "Es isch eso!" Und es ist mir todernst mit dieser Fundi-Falle, in der sich das ganze Abendland tummelt - äh, ich suche gerade die Ränder, um mich daraus zu befreien. Wie ging das schon wieder? - Humor wäre angesagt? - Tatsächlich? - Absolut! - Hu-Mor, mein Lieber!- Who? More (about that next time)...

       

      W22/06:
      Starkult und Heldenverehrung

      Spüren und denken Sie mal darüber nach, wie und wo es in Ihrem Leben Starkult oder Heldenverehrung gibt, sei es dass Sie irgendwen vergöttern, sei es, dass Sie sich vergöttern lassen durch andere. Falls ein provokativer Satz dabei hilft, sich auf die Schliche zu kommen, liefere ich gerne einen aus den Marpa-Aphorismen:
      "Heldenverehrung ist bequem und macht blind - das gilt auch, wenn die Heldin Madonna heisst. Oder Christus, Mohammed, Buddha. Oder Vernunft. Oder Ego."

       

      W20/06:
      Nie! Nur! Immer! Absolut! Entweder-oder! Unmöglich!

      Achten Sie darauf, wann, in welchem Zusammenhang und wie häufig, in was für Situationen sie eine der obigen Vokabeln benutzen. Kommen Sie sich, ihrer Einstellung zu sich und der Welt auf dem Umweg über Ihr Sprachverhalten auf die Schliche.Es sind dies nicht die einzigen, aber vielleicht die häufigst-verwendeten, die eine einseitige, verabsolutierte Wertung zum Ausdruck bringen. Wenn Sie Lust auf Krach haben, mit sich selbst oder mit andern, so sind das unverzichtbare Helfer. Die so eingeleiteten Konflikte enden allerdings rasch, entweder in Tätlichkeiten oder in Türknallen, da ein echter Dialog, ein Austausch, ein kommunikativer Prozess oder gar eine Entwicklung natürlich nicht in Gang kommt, wenn der eine beginnt mit: NIE akzeptiere ich das, NUR so gehts, IMMER so oder gar nicht, ABSOLUT falsch, was du da sagst/tust, ENTWEDER das -ODER das, eine dritte Möglichkeit oder gar etwas Zwischendurch gibt es nicht. UNMÖGLICH was du vorschlägst...

      Falls Sie also nicht unbedingt auf eine feine kleine Schlägerei aus sind und auch nicht auf das Reparieren von durchgeknallten Türen, dann reduzieren Sie mit Vorteil den Einsatz obiger Wörtchen - wobei das allein natürlich noch nicht viel hilft, wenn's in Ihnen weiterbrodelt im Stil von 'NUR über meine Leiche...' Es geht schon eher um die innere Haltung als um das, was uns aus dem Mäulchen purzelt. Aber 'wes das Herz voll ist, des geht der Mund über' weiss doch der Volksmund. Und drum ist schmunzelnd-kritisches Beobachten der eigenen Sprache gar nicht so ungeeignet, um sich auf die Schliche zu kommen.

       

      W19/06:
      Atmen Sie bewusst tief durch

      Banal, werden Sie vielleicht sagen. Aber gehen Sie raus - ok wenn Sie gerade mitten in einer stinkigen Grossstadt sind ist das vielleicht eine suboptimale Idee, aber ich liess mir sagen, es gebe auch in der grauslichsten Stadt sowas wie Pärke, Grünzonen - und atmen Sie ganz bewusst und ganz tief durch. Möglich, dass Ihnen schwindlig wird, weil Sie das schon lange nicht mehr gemacht haben. Und vielleicht wissen Sie nicht, was das soll mit 'bewusst'. Sollen Sie nun während des Atmens denken 'ich atme'? Jein, eigentlich meine ich: lassen Sie alle anderen Bewusstseinsinhalte fahren und konzentrieren Sie sich nur auf das Atmen - und sobald Sie das geschafft haben, lassen Sie auch diesen Bewusstseinsinhalt los und was bleibt? - Na ja, nichts, bzw. Atem, vielleicht Blütenduft, wenn Sie so Glück haben wie ich noch etwas Tannen-, Pferde- und Hunde-Duft. Aber das soll Sie nicht dazu verleiten, gleich wieder analytisch zu denken und die Düfte zu sortieren. Einfach atmen - und dabei auch nicht naturwissenschaftlich denken - nix da von Alveolen und all dem Zeugs. Einfach atmen - tja, gar nicht so einfach, gar nicht so banal, wie man im ersten Augenblick vielleicht denkt. Aber wir sind ja jetzt bereits beim zweiten Augenblick und denken nicht mehr, jetzt. Wir sind so im Jetzt des Atems, dass wir auch nicht 'jetzt' denken, sonst fallen wir paradoxerweise gleich wieder aus dem Jetzt heraus.

      Aber ich sage Ihnen: dieses 'Nur-Atmen' kann saumässig glücklich machen - also das heisst: es macht natürlich überhaupt nichts, jedenfalls nicht im Sinne von bewirken - nix von Kausalität: WEIL Atmen DRUM glücklich - nur Analogie, Dialogie zwischen Atem und Glück. Sie können interagieren miteinander, sozusagen ins Gespräch kommen, Herr Atem und Frau Glück können sich vereinigen - ach probieren Sie's doch einfach, bevor mir die Luft ausgeht!

       

      W16/06:
      Sprengen Sie etwas!

      Selbstverständlich können Sie im Aussen ganze Felsmassive sprengen - als alter Panzergrenadier mit Sprengbrevet weiss ich, dass das ordentlich Spass macht. Aber eigentlich dachte ich eher an Sprengungen im Innern. Die ganze Sache ist dann auch technisch weniger aufwändig. Kein Trotyl, keine Zündschnüre, Sprengkapseln, kein Absperren des Gebiets, keine Warnung in den regionalen Medien etc. - Wobei: im Innern braucht es natürlich all das Zeugs auch, sogar erstaunlich grosse Mengen an Sprengstoff - und diese feuchten Zündschnüre! Mir scheint manchmal bei meinen eigenen Sprengversuchen, das Verhältnis zwischen dem benötigten Sprengstoff und dem Resultat sei nicht ausgewogen.

      Nehmen Sie doch irgend ein klitzekleines Vorurteil, eine winzige fixe Annahme. Irgend eine Ansicht, eine Wertung, die Sie seit Kindsbeinen oder jedenfalls schon lange unhinterfragt wiederholen oder - noch schöner - über die Sie überhaupt noch nie nachgedacht haben. Das muss gar nicht gleich so was Polit-Triefendes oder spektakulär Konfliktträchtiges sein wie 'Serben sind gewaltbereit' oder 'Männer sind klüger als Frauen' - Sie können ganz nah bei sich anfangen. Sprengen Sie doch mal - wenigstens für die Dauer eines Grappa Nardini oder sonst eines Ihnen lieben Getränks - den Satz: "Das kann ich nicht!"

      Ganz erstaunlich, was passiert, wenn Sie das dann doch mal ausprobieren. Das, von dem Sie so felsenfest überzeugt waren, dass Sie das nicht können. Und wenn's dann schon mal klappte, könnten Sie ja einen Schritt weitergehen und etwas essen oder trinken, von dem Sie seit Jahrzehnten behaupten: "Das krieg ich nicht runter". Und weil's so überraschend war und Sie dabei gar nicht zur Magenauspumpung ins Kantonsspital eingeliefert wurden, könnten Sie noch ein winziges Hupferl machen und ein paar schnucklige Anwendungen des Ausrufs "undenkbar!" oder "nie im Leben!" in die Luft jagen. Wie wär's zum Dessert noch mit "das ist einfach so, darüber diskutier' ich nicht"?

      Falls Sie das Experiment nicht nur überleben sollten, sondern sogar noch fast so etwas wie Spass daran finden, überlegen Sie sich doch mal, ob Sie mit folgender These etwas anfangen können:

      "Das, was jemand als das 'Böse' bezeichnet, ist seine höchstpersönliche Sammlung an Vorurteilen und absolut gesetzten Bewertungen. Diese Sammlungen sind völlig individuell und können vom jeweiligen Eigner einzeln oder kollektiv gesprengt werden"

      Meine Bewertung dieser These sprengt den Rahmen dieses Spreng-Tipps der Woche und kommt deshalb früher oder später als Denk-Aufgabe daher. Bis dann wünsche ich mal von Herzen eine heisse Spreng-Woche. Sprengen Sie mit Ihrem Pferd - so Sie eins haben - über den Rasen, den der Nachbar am ersten heissen Tag gesprengt hat - sie liefern ihm einen Grund, Sie - oder das Vorurteil, das er Ihnen gegenüber hegt - zu sprengen. Springen Sie davon - obwohl: Sprengen ist nachhaltiger als Springen (aber das ist ja nur mein Vorurteil...)

       

       

      W15/06:
      Lesen Sie Shakespeare!

      Keine Zeit? - Die sollten Sie sich nehmen, bevor die Ihrige vorüber ist. Hier ein Appetithäppchen aus der Komödie 'Measure for Measure', 2. Akt, 2. Szene, Zeilen 117ff; Isabella zu Lucio:

      "But man proud man
      dressed in a little brief authority
      most ignorant of what he's most assured
      his glassy essence like an angry ape
      plays such phantastic tricks before high heaven
      as make the angels weep who, with our spleens
      would all themselves laugh mortal."

      Versuche einer Übersetzung
      (von Dietrich Schwanitz in seinem Buch: Alles, was man wissen muss.):

      "Doch der Mensch, der stolze Mensch,
      gekleidet in ein wenig Amtsgewalt,
      verkennt, was ihm am nächsten ist
      (seine Spiegelseele), und wie ein wütender Affe,
      spielt er solch irre Faxen vor dem hohen Himmel,
      dass die Engel weinen, die mit unserer Milz
      sich alle sterblich lachen würden."

      Eigentlich ist Shakespeare unübersetzbar. Nur schon die ersten zwei Zeilen sind derart dicht und assoziationsreich, dass jeder Versuch, all das zu sagen, was Shakespeare auf engstem Raum sagt, entweder zu epischen Erläuterungen führt und damit den ganzen Charme verliert, oder hoffnungslos scheitert, weil der grösste Teil aussen vor bleibt. Bereits 'man' und 'Mensch' sind nicht deckungsgleich, so wenig wie 'stolz' denselben Begriffsumfang, dieselbe Nuancierung hat wie 'proud'. Dann fällt bei 'little brief' die Hälfte unter den Tisch, wenn wir mit 'ein wenig' übersetzen, denn es ist räumlich - little - und zeitlich - brief - wenig, von kurzer Dauer, was sich der Mensch da an 'authority' umhängt. Auch 'authority' ist mehr als nur 'Amtsgewalt'. All die Eitelkeit vermeintlicher geistiger Autoritäten oder von Geldsäcken, die sich Einfluss kaufen, ist mitverlacht, mit relativiert. - Dann könnte man sich stundenlang darüber unterhalten, was 'glassy essence' alles bedeuten könnte. Und dass 'spleen' zwar unter anderem auch 'Milz' heisst, daneben aber durchaus auch Koller, Rage, üble Laune, Verdriesslichkeit, Tick (so wie wir das Leihwort 'Spleen' verwenden), gäbe ebenfalls zu debattieren. Und das ist erst die Spitze des Eisbergs. Deshalb nochmals: Lesen Sie Shakespeare! Und versuchen Sie selbst, den Text zu übertragen in Ihre Sprache. Ich hab's auch gewagt:

      "Doch der Mensch, der eitle Mensch
      gehüllt in seine winzig-kurze Macht
      verkennt, was in die Augen springt:
      sein Spiegel-Wesen. Und wie ein böser Affe
      spielt er so hohle Tricks vor hohem Himmel,
      dass Engel weinen, die - mit unsrem Zwerchfell -

      sich sterblich lachen würden"