Denk-Aufgabe 1002 vom 3.4.2010

 

Prostitution

Der Begriff leitet sich ab vom lateinischen Verb 'prostituere' und bedeutete ursprünglich 'vorn hinstellen', 'öffentlich zur Schau stellen'; die Wertung verlagerte sich mit der Zeit ins Anrüchige: 'sich blossstellen um einen Vorteil zu erzielen' - eine Formulierung, die man geradezu als das Credo der Marktwirtschaft und des Polit-Klamauks auffassen könnte - und die Verwendung des Begriffs verengte sich immer mehr auf den Bereich sexueller Dienstleistungen gegen Entgelt. Lasst uns doch für ein paar Zeilen diese wenig einsichtige Verengung des Blickwinkels wieder aufheben und die Tätigkeit des 'prostituere' unabhängig von einem bestimmten Wirtschaftszweig anschauen:

Prostitution im weiteren Sinne könnten wir dann fassen als das Zurverfügungstellen zeitlich und/oder räumlich begrenzter oder auch unbegrenzter Teile des Körpers und/oder des Geistes und/oder der Seele - so umschrieben stellen wir augenreibend fest, dass es kaum etwas anderes gibt als Prostitution unter der Sonne - zumindest unter Hominiden. Wer sein Herzelein oder gar sein ganzes Leben, sein Sein mit Haut und Haar und Seelelein Jesus, Allah, Buddha, Jahwe, Zeus, Donar, Thot, Anubis oder wem auch immer weiht und widmet, prostituiert sich doch in kaum überbietbarer Weise? Er stellt ja alles, Körper, Seele und Geist in den Dienst dieses oder dieser Angebeteten und verzichtet auf jegliche Autonomie und Selbstbestimmung.

Und ist die Prostitution desjenigen zu schlagen, der als Yamaha-Mitarbeiter in einer Yamaha-Wohnung wohnt, Yamaha-Food futtert während er in eine Yamaha-Glotze glotzt um dann in ein Yamaha-Bettchen zu sinken und selbstverständlich einen Yamaha-Traum zu träumen?

Aber auch als Schreibkraft vermieten wir doch Hand und Hirn? Wenn ich nur schon Werbetexte für Produkte verfasse, die ich selbst nie kaufen würde, so erfüllt doch dieser Tatbestand alle Merkmale der Prostitution. Man kann sich durchaus auf den Standpunkt stellen, all diese Formen geistig-seelischer 'Vermietung' sei übler als die sexuelle Prostitution, denn dort stellt sich die oder der Prostituierte in der Regel selbst zur Schau, ohne den Rezipienten zu täuschen (ausser vielleicht beim Transvestismus), wogegen der Werber und Redenschreiber immer wieder sein wahres eigenes Selbst verleugnet zugunsten des Auftraggebers.

Und prostituiert sich nicht jeder Machtgierige, jeder Politiker und tritt die eigenen Überzeugungen und Werte - so er denn je welche hatte - mit Füssen für den Lohn von ein paar Stimmen, ein paar Helfershelfern, die dazu beitragen, dass er an die Macht kommt oder an ihr bleibt? Und all diese Formen der Prostitution dauern meist länger als eine halbe Stunde.

Wieso nun sollte das alles weniger unter den Prostitutionsbegriff fallen, als wenn jemand für klar bemessene Zeit einen Körperteil zur Benutzung anbietet, notabene ohne eine Verknüpfung mit geistiger oder gar seelischer Beteiligung zu versprechen? Ist das nicht vergleichsweise hochgradig harmlos gegenüber der allüberall stattfindenden Selbstentäusserung? Warum also 300 Jahre nach der Aufklärung noch immer dieses Theater? Man könnte doch ganz generell über das zuträgliche Mass von Prostitution debattieren, aber ohne diese viktorianische Fokussierung auf das älteste Gewerbe der Welt?

Riecht es bei dieser gesellschaftlichen Ächtung des 'horizontalen Gewerbes' vielleicht doch immer noch ganz gruftig nach dem hoch erfolgreichen Imperium Kirche, das seine Macht nicht zuletzt auf der Verteufelung alles Erotischen aufbaute und dessen Repräsentanten sich zurzeit gerade unfreiwillig als gar nicht so körperfeindlich outen, wie sie sich seit zweitausend Jahren zu geben bemühten?

Einen Spezialfall stellt der gerade in der heutigen Zeit gefürchtete und damit auch anerkannte und - angesichts der Abgangsrate - beeindruckend stark vertretene Berufsstand der Selbstmordattentäter. Sie prostituieren sich zumindest körperlich doch recht ganzheitlich für eine Idee, eine Sache, ein Anliegen irgendwo im Zwielicht zwischen religiöser und politischer Ideologie. Eigentlich tut dies jeder brav mordende Soldat auch, und der auf den ersten Blick plausible Unterschied im Mass der Freiwilligkeit könnte sich bei näherer Betrachtung als wenig markant erweisen. Zumindest gab und gibt es Soldaten, die mit Begeisterung in den Krieg zogen bzw. ziehen und umgekehrt hielte die Freiwilligkeit, mit der sich die jungen Nachwuchsterroristlis in die Luft jagen, wahrscheinlich auch nicht in jedem Fall einer psychologischen Feinanalyse stand. Die Thematik ist ja im von sterbewilligen Greisen durchsetzten westlichen Wohlfahrtsstaat eher bei der umstrittenen Sterbehilfe virulent: Wie frei ist der Sterbewillige, seinen Willen frei und jederzeit wieder zu ändern, z.B. im letzten Moment, vielleicht sogar nach dem ersten Schluck aus dem Schierlingsbecher?

Merkwürdigerweise ist aber sogar diese wenig freundliche Form der Prostitution des aus Hass tod-bringenden Selbstmordattentäters bis heute gesellschaftlich in vielen Kulturen weniger geächtet als der Liebesdienst, der minimal vitalitätsfördernd, maximal sogar lebensspendende Folgen zeitigen kann. Könnte es sein, dass Mord eben je nach Kontext durchaus einer Macht dienen kann? Zum Beispiel der Staatsmacht? Und dass umgekehrt erotische Liebe meist ein individuelles Gegenüber meint und dass die Machtfrage gerade bei diesen simplen Geschäften rund um die kurzfristige Körpermiete zwecks Verlustierung kaum im Vordergrund steht? Dass es ausser der Vereinigung der Bordellbetreiber - die es in wohlgeordneten durchstrukturierten Staaten wie den Deutschsprachigen bestimmt gibt - dass es also ausser diesen wenigen Branchenvertretern kaum eine Lobby gibt für das geächtete Gewerbe, wogegen alles, was irgendwie mit Waffen, Mord und Krieg zu tun hat, rund um den Erdball auf kräftigste Unterstützung zählen kann? Vielleicht ist das etwas zynisch, wo doch eine der helvetischen Waffenschmieden gerade so arg in der Bredouille steckt, aber stellen Sie sich vor, es wäre der Beate Uhse-Konzern. Würde sich da irgendjemand stark machen dafür? Es geht mir nicht darum, sowas Läppisches wie einen Erotikmarkt weit über sowas Läppisches wie eine Waffenschmiede zu stellen, sondern nur darum, das Sensorium für die allgegenwärtige Prostitution zu schärfen und die einseitigen Wertungen unserer verlogenen Gesellschaft zu relativieren. Und vielleicht ein klitzeklein wenig zum Denken anzuregen: Wie halten Sie's mit der Prostitution? Was stellten und stellen Sie 'vorne hin', welchen Teil Ihres Körpers, ihres Geistes oder Ihrer Seele vermieten Sie gegen welche Art von Vorteilen? Welchen Teil von sich geben Sie öffentlich preis, und was ist der 'Return on investment'?

Ich war immerhin bereit, mich soweit zu prostituieren, dass ich Ihnen meine Gedanken zur Prostitution 'vorne hinstellte', ja den Teil meines Hirns 'öffentlich blossstellte', in dem diese Gedanken abgespeichert sind. Da könnten Sie doch eigentlich auch ein ganz klein wenig.... oder fehlt dazu die Lobby, der Druck interessierter Machthaber? Unterschätzen Sie Google nicht. Die basteln daraus eine Weltkarte, aus der jederzeit herausgelesen werden kann, wer wie wo und warum zu welcher Art von Prostitution zu haben ist. Und vielleicht bin ich ja nur ein Freudenjunge im Dienste solcher Mächte? Wie auch immer, die zuhörende Barmaid heisst auch heute: info@marpa.ch.