Denk-Aufgabe 1003 vom 4.5.2010

 

Mein neuer Traumberuf: Betrugs-Berater!

Frohe Botschaft für Betrüger und solche, die es werden bzw. bleiben wollen: Endlich haben auch wir Betrüger eine Selbsthilfegruppe, ja eine Lobby - wir dürfen sogar auf die Unterstützung des schweizerischen Rechtsstaates zählen! Für Betrug gilt hierzulande die empirisch erfolgreiche 'Try-and-Error'-Methode: Probier's einfach mit Betrügen: wenn's nicht ans Licht kommt, freue dich und betrüge weiter; wenn's wider Erwarten doch auskommt, streite schön alles ab - du glaubst gar nicht, was StaatsanwältInnen alles glauben. Wenn immer noch was hängenbleibt, sag, du habest dich geirrt (error!), gib schlimmstenfalls das Ertrogene zurück, sag, es sei alles nur ein Witz gewesen, ein Aprilscherz am falschen Tag und vor allem: der Betrogene sei ja sowas von naiv, er sei selbst schuld, bei einem solchen Trottel müsse man es ja fast versuchen (try!).

Wir Betrüger, Trickser, Täuscher, Lügner, Pferdeschinder, Abzocker, aber auch alle risikofreudigen Spielernaturen, die mehr wegen des Kitzels als wegen des Geldes andere über den Tisch ziehen, können aufatmen. Das Schweizer Recht und der soziale Talfahrtsstaat sind auf unserer Seite! Das nenne ich mal echt verstandenes Christentum: "Kommet zu mir, die ihr mühselig und beladen seid!"

Endlich dürfen Täter auch mal Opfer sein!
Man darf das nämlich nicht so einseitig sehen mit 'Opfern' und 'Tätern'. Wieso soll nur der Betrogene ein Opfer sein? Ist er nicht auch Täter, wenn er sich so naiv benimmt, dass er die anderen geradezu einlädt, dazu verführt, ihn zu betrügen? Und wird nicht der Betrüger, der vermeintliche Täter, so zum Opfer? Opfer der Verführung durch den Trottel, der sich betrügen lässt, der ihn durch seine Dummheit in Versuchung führte? Mein grosses Schreiber-Vobild, der Berliner Kabarettist Martin Buchholz, hat das einmal einleuchtend formuliert mit den Juden, die immer nur Opfer sein sollten. Als der kommunikativ nicht immer brillant beratene Papst (hmm, hoffentlich liest er das und heuert mich an!) in Auschwitz die etwas linkische Wendung benutzte, die Deutschen und die Juden sollten sich doch näherkommen "im Sinne gegenseitigen Verzeihens", kommentierte Buchholz ganz im Sinne der Einebnung des Unterschiedes zwischen Tätern und Opfern: "Ja, wir verzeihen den Juden, dass sie da waren. Denn wären die Juden nicht dagewesen, hätten wir sie auch nicht vergasen müssen. Das muss man doch mal sagen im Sinne des gegenseitigen Verzeihens!"

Endlich hat das unser Sozialstaat auch eingesehen und schützt nun eben in der Verzweiflung, wenn rundum nur noch schützenswerte Opfer liegen, den Betrüger statt den Betrogenen. Das hat sich soeben gerade in der Finanzkrise bewährt, wieso soll es nicht auch im Pferdehandel hilfreich sein? Ich möchte Ihnen, liebe bereits amtierende oder zukünftige Betrüger, aus meiner Warte als selbsternannter Betrugs-Berater, ein paar Tipps geben und Sie ermuntern, sich diese geschützte Werkstatt Schweiz vermehrt zunutze zu machen: Betrügen Sie drauflos, es macht Spass, ein ganz klein wenig Kitzel bleibt - Sie könnten ja übelstenfalls wie die Top-Banker riskieren, dass die meisten, die Sie auf der Strasse treffen, Sie auf den kleinen Ringmuskel hinten unten in der Mitte bzw. auf das Nichts, das er umschliesst, zu reduzieren. Aber wenn die Kasse stimmt, kann man das in einer materialistischen Zeit doch wagen, oder nicht? Schliesslich bemisst sich das Ansehen eines Zeitgenossen doch immer noch nach seiner finanziellen Potenz und nicht nach so wauscheligen Kriterien wie Ethik oder gar sowas Importiertem wie der weltfremd-britischen Eigenschaft des 'Horsemanship', für das es nicht einmal eine brauchbare deutsche Übersetzung gibt..

Tipps für erfolgreich sein wollende Stall-Betreiber und Pferdeverkäufer
Probieren Sie doch einfach aus, was da so drin liegt an vergnüglichem Geld-Erwerb. Die Banker mussten das mit den Derivaten auch zuerst lernen, also keine falsche Scheu.

Rauf mit dem Pensionspreis!
Machen Sie ein wenig auf Schickimicki im Stall und erhöhen Sie die Pensionspreise mal so richtig dick. Und das ohne mühsame Begründung - einfach weil Ihr Stall nun eben ein Luxusstall ist. Wenn es doppelt soviel kostet wie sonstwo, ziehen Sie damit genau die Klientel an, die gern damit angibt, dass sie sich das leisten kann - und die Sie weiterhin schröpfen können. Es ist die beste Voraussetzung, dass auch die weiteren Tipps hinhauen.

Perfektionierung der Dienstleistungen kombiniert mit Freiheitseinschränkungen.
Jetzt müssen Sie auf der einen Seite den Service erhöhen - also Pferde geputzt und gesattelt bereit, wenn die Klienten kommen, auf Wunsch und gegen Bezahlung auch auf irgendeinem Trainingsplatz auf der Welt. Im Gegenzug schränken Sie die Freiheit der Klienten ein: verbieten Sie einfach, dass irgendjemand ausser dem Pferdebesitzer sein Pferd reiten darf. Wenn er keine Zeit hat, reiten Sie bzw. Ihre Angestellten - natürlich gegen feine Batzelis.

Der Trick mit dem 'Stall-Tierarzt'
Dann sorgen Sie dafür, dass Sie einen Stalltierarzt haben, der immer blitzartig kommt, wenn etwas los ist. Mit der Zeit ist er für alles zuständig, auch für Ankaufsuntersuchungen. Lenken Sie es so, dass es als völlig daneben, ja ungehörig wirkt, wenn ein Klient einen anderen Tierarzt für irgendetwas konsultiert.

Verantwortungs-Transfer
Halten Sie es gleich mit dem Hufschmied. Schauen Sie für die Impfungen, die Zahnpflege, für Spezialfutter und häufig gewünschte Ausrüstungsgegenstände. Führen Sie perfekt Buch über Ihre Schützlinge und nehmen Sie den Klienten alle derartigen Sorgen ab. Mit der Zeit übertragen diese immer mehr Verantwortung auf Sie - und sind noch dankbar dafür, dass Sie immer häufiger für sie entscheiden.

Keine fremden Trainer!
Selbstverständlich unterrichten nur Sie bzw. Ihre Angestellten auf Platz. Auch hier können Sie es geschickt so lenken, dass alles andere als unschicklich gilt. Oder, wenn Ihre Autorität bereits gefestigt und der Stall voll ist, nehmen Sie das Verbot anderer Trainer gleich in den Pensionsvertrag.

Pferdekauf nur über Sie!
Dann gehen Sie einen Schritt weiter - ein bisschen Kitzel muss sein: Nehmen Sie keine Pensionäre auf, die bereits mit einem Pferd kommen. Verlangen Sie, dass jeder Klient sein Pferd bei Ihnen kaufen muss. Sie suchen ihm ein passendes Pferd - und jetzt können Sie wirklich mit Verdienen beginnen. Minimal 10% des Kaufpreises geht an den Vermittler - das ist Branchen-Usanz. Aber die Skala ist wie die bei Erdbeben nach oben offen. Suchen Sie nicht allzu gesunde Pferde. Sie wollen ja demselben Klienten innert nützlicher Frist ein weiteres Pferd verkaufen. Und gesundheitlich angeschlagene Pferde sind bekanntlich billiger. Dann verkaufen Sie dem Klienten das Pferd natürlich zu einem Preis, wie wenn es strotzgesund wäre. Beim Ankaufsuntersuch bewährt sich der von langer Hand ins Team implementierte Stalltierarzt. Ideal ist, wenn er 'fachlich top' und 'charakterlich flop' ist. Keine Bange, das findet sich - und sonst wenden Sie sich vertrauensvoll an mich. Gegen einen kleinen Unkostenbeitrag - tja, das Schreiber-Geschäft läuft ja nicht so toll zurzeit - habe ich Ihnen da ein paar todsichere Adressen.

Ankaufsuntersuch durch den Stalltierarzt
Ja, Stichwort 'todsicher': auch wenn das untersuchte Pferd schon fast tot ist, lässt es sich sicherlich nochmals verkaufen - Sie glauben gar nicht, was die moderne Veterinärmedizin da alles hinkriegt. Nun gibt es misstrauische Kunden - v.a. Ausländer - die wollen da unbedingt dabei sein, wollen sehen, was da abgeht, wollen womöglich einen Bluttest, der allenfalls später Auskunft gäbe, ob da nicht irgendwelche Substänzchen drin waren am Tag X, die eigentlich nicht so ganz original ins Pferdeblut gehören. Noch schlimmer: es gibt Leute, die wollen doch tatsächlich das zu kaufende Pferd von einer unabhängigen Klinik oder einem Tierarzt eigener Wahl untersuchen lassen! Kein Grund zur Aufregung: Lassen Sie solche renitenten Klienten wissen, dass das in der Schweiz nicht üblich sei, dass man hier noch mündlichen Aussagen vertrauen dürfe, dass der Stalltierarzt doch das grösste Interesse habe, dass der Käufer zu einem langjährigen zufriedenen Kunden werde (bitte lachen Sie nicht, wenn Sie diesen Spruch hersagen, sonst könnte ein Käufer vielleicht merken, dass das grösste Interesse eines charakterlich flopigen Tierarztes ist, dass das frisch gekaufte Pferd möglichst oft, am liebsten immer etwas hat, was er behandeln kann...). Aber machen Sie solche Sprüche rund um Vertrauen und Glaubwürdigkeit immer nur mündlich. Wenn es doch mal zu einem Rechtsstreit kommen sollte, wird Ihr Anwalt (falls Sie da den richtigen wählen - Tipps und Adressen kriegen Sie zu moderatem Preis von mir) selbstverständlich das Gegenteil sagen und behaupten, nur ein naiver Volldepp verlange keinen schriftlichen Untersuchungsbericht, nur ein hirnloser Trottel habe sowas wie ein Markenvertrauen, wenn er in einem renommierten, teuren Stall ein köstliches Pferdchen kaufe. In einem solch üblen Fall würde es sich schlecht machen, wenn der Klient Ihre gegenteiligen Behauptungen schriftlich dem Gericht vorlegen könnte.

Helfen Sie beim Pferdeverschleiss mit
Sollte sich wider Erwarten ein im Stall verkauftes Pferd als längerfristig gesund erweisen, reissen Sie es sich unter den Nagel und gewinnen Sie ein paar Turniere, falls Sie das können - so kriegen Sie ihn am ehesten platt und dann geht das lukrative Spielchen wieder von vorn los.

Und wenn's mal auffliegt?
Tja das gehört natürlich zum Spiel: no risk no fun! Aber auch dann müssen Sie noch lange nicht gesiebte Luft atmen. Ich kenne Leute, die machen das Spielchen schon seit geraumer Zeit und haben sich dumm und dämlich verdient dabei. Der Erfolg machte sie natürlich auch etwas übermütig und sie erhöhten den Poker-Einsatz immer mehr, bis letztlich ein Bravour-Stückchen dann eben doch mal aufflog:

Der Fall 'Schimmel mit Manko'
Die Ausgangslage war eigentlich rosig: Da kommt eine bildschöne, herzensgute, junge ausländische Dame in den Stall spaziert und sagt, sie möchte wieder mit Reiten beginnen und - wenn denn alles gut laufe - wieder an Springturnieren teilnehmen. Das erfahrene Stallbetreiberpaar zwinkert sich zu und macht der Dame gleich die Bedingungen klar: Sie müsse bei ihnen ein Pferd kaufen, wenn sie es hier in diesem Stall einstellen wolle. Die schöne Lady ist einverstanden und lässt sich ein erstes Pferd zeigen. Wie alle Pferdehändler, die ihr Handwerk wirklich verstehen, zeigen die beiden zuerst eins, das sicher nicht passt, um den Boden für ein nachfolgendes, das man wirklich platzieren will, zu bereiten. Genau so läufts: als zweites zeigt man eine bildschöne Stute, von der man tolle Spring-Videos zeigen kann, die man als 'Rolls-Royce des Stalles' anpreist und die deshalb auch nicht ganz günstig sei - und verschweigt natürlich, dass das liebe Tierchen ein ganz kleines Manko hat, dass sie nämlich vor kurzem neurektomiert wurde (für Nicht-Rösseler: eine Operation, die v.a. bei chronischer Strahlbeinlahmheit gemacht wird und bei der Nerven im Bereich des Fesselgelenks so durchtrennt werden, dass das Pferd den Schmerz der chronischen Entzündung nicht mehr spürt und damit meist für eine gewisse Zeit lahmheitsfrei wird. Das Tierschutzgesetz verbietet den Einsatz neurektomierter Pferde im Turniersport). - Der Ankaufsuntersuch durch den Stalltierarzt, der die Neurektomie selbst veranlasst hatte, klappt im Beispielsfall vorzüglich - in Abwesenheit der Käuferin.

Tricks für den Ankaufsuntersuch
Hier ein wichtiges Detail für den Fall, dass eben doch mal was schief gehen sollte: Sorgen Sie dafür, dass Sie als Stallbetreiber dem Stalltierarzt den Auftrag für den Ankaufsuntersuch erteilen; geben Sie aber als Rechnungsadresse den Käufer an. So zahlt er und der Stalltierarzt kann trotzdem behaupten, er sei nie in eine vertragliche Beziehung mit dem Käufer getreten, er habe nur den Auftrag der Stallbetreiber ausgeführt und habe auch nur diese über das Resultat ins Bild gesetzt. Dann können Sie als Verkäufer rechtlich einwandfrei den Käufer mündlich über das 'positive Resultat' informieren. Genau so lief es in diesem Fall: der Stalltierarzt informierte die Stallbetreiber, die ja von der selbst in Auftrag gegebenen Neurektomie wussten, über den 'Rest' des Ankaufsuntersuchs, der i.O. war, die Stallbetreiberin ihrerseits informierte die Käuferin, aber selbstverständlich wieder nur mündlich und nur über den 'Rest', nämlich dass alles bestens sei. Man feierte, man bezahlte, und die Reiterei begann.

Worst-Case-Szenario
Der Stallbetreiber - eine risikofreudige Spielernatur - setzte das verkaufte Pferd selbst nach der Neurektomie wieder ein im Turnier, um schon gar keine Zweifel aufkommen zu lassen, dass die Stute, die doch geraume Zeit weg war vom Sport, gesund sei. Die neue Besitzerin tastete sich sorgfältig an ihre wieder aufgenommene Reiterei heran und liess eine Angestellte des Betriebs ihre begabte Stute im Training und am Turnier vorstellen. Diese beklagte sich über häufiges Stolpern und die beiden beschlossen, die Stute einer gründlichen Untersuchung im Tierspital zu unterziehen. Die Stallbetreiber taten alles, um dies zu vermeiden, aber das erregte nur den Verdacht der Besitzerin, dass da nicht alles ganz koscher sei. Der Stalltierarzt kam noch schnell in den Stall, untersuchte die Vorderpfötchen der Stute und grinste, da er glaubte, die Neurektomienarben seien unsichtbar. Aber da hatte er die Rechnung ohne die pingeligen Staats-Tierärzte gemacht. Die rasierten die Beinchen schön aus und fanden die Narben.

Geschickt gelogen ist halb betrogen
Aber wie bei allen richtigen Abenteurern mit gesunder krimineller Energie erhöhte das nur mal die Spannung. Die Stallbetreiberin kam auf eine dünn scheinende, aber letztlich erfolgreiche Strategie: sie behauptete, von allem nichts gewusst zu haben, das habe ihr Mann hinter ihrem Rücken gemacht. Wer sie und den Betrieb kennt, weiss wie unwahrscheinlich diese Variante ist, da sie eine perfekte Buchhaltung führt und über jedes Wehwehchen jedes Schützlings im Stall genaustens im Bild ist. Wie sollte sie da nicht wissen, was mit ihrem eigenen, ursprünglich teuer selbst erworbenen Pferdchen während Monaten im Ausland lief? Aber - das die frohe Botschaft für alle, die Ähnliches im Sinn haben - es gibt junge, unerfahrene, faule und auch mit nicht allzu hohem IQ belastete StaatsanwältInnen, denen sowas nicht auffällt (auch da kann ich Ihnen gerne Tipps geben, wo die weniger schlauen tätig sind).

Auf jeden Fall konnte die Stallbetreiberin mit dieser Ausrede die zur Wiedergutmachung Bereite spielen, entschuldigte sich bei der Käuferin und zahlte den gesamten Kaufpreis innert Tagen zurück unter Überlassung des Pferdes an die Käuferin. - Ein wirklich cleverer Coup. Etwas weniger tragfähig war dann die Ausrede des Gatten, eines auch international auftretenden Springreiters, der Lehrlinge ausbildet. Er behauptete, er habe nicht gewusst, dass man neurektomierte Pferde nicht mehr im Sport einsetzen dürfe. Da konnten ihn sogar weder sein von ethischen Bedenken gottlob unbelasteter Anwalt und auch die nicht gerade arbeitsgeile Rechtsanwenderin raushauen. Der Ärmste wurde zu einer unanständig hohen Busse verurteilt, für die er zwei hart errittene L-Sieggelder hinblättern musste. Ganz böse, nachtragende Rösseler - wahrscheinlich waren die nur eifersüchtig auf sein bislang so abenteuerlich gelaufenes Gamblerleben - versuchten dann noch, eine vom Pferdesportverband auszusprechende Turniersperre gegen ihn zu erwirken - aber zumindest bis anhin vergeblich. Jeglicher Zusammenhang mit der Tatsache, dass sein Anwalt im Nebenamt noch das tonangebende Juristlein, ja sozusagen das juristische Gewissen des Verbandes spielt, ist selbstverständlich rein zufällig (honny soit qui mal y pense...).

Was wir aber für unsere zukünftigen lustigen Betrugsspiele rund um die Rösslis lernen können: Deinen Papa kannst du nicht auswählen, deinen Anwalt und deinen Stalltierarzt hingegen schon. Also bitte keine Spielverderber mit ins Boot nehmen, die dann, wenn's um die Wurst geht, plötzlich auf vegetarisch machen.

Happy-End
Tja, ich bin Ihnen noch den aufmunternden Schluss der kleinen Vorbild-Story-schuldig: Zuerst sah es fast ein wenig finster aus für unser liebes 'trio infernal'. Die bildhübsche Käuferin hat nämlich einen smarten Partner, der auch über den nötigen Atem verfügte, um eine Strafuntersuchung in Gang zu setzen wegen Betrugs und Gefährdung des Lebens. Denn wenn so ein Hüpfiross mal von zwei Meter Höhe steil auf seinen Vorderflossen landet und dort nichts spürt, ist die Chance ja schon ein wenig erhöht, dass es einknickt und das Reiterlein unter sich begräbt. Und das wäre ja dann doch schade, wenn man einen noch nicht um den letzten Heller betrogenen Klienten auf diese Weise verlöre.

Derr smarte Partner hatte auch eine gute Nase für Helfershelfer und fand eine Top-Anwältin mit reicher Erfahrung in Pferde-Fällen und die - das gibt es erstuanlicherweise auch in dieser Berufsgattung - sich gleichzeitig als echte Horsewoman erwies. Sowas Ethisch-Kitschiges wie eine um das Pferdewohl besorgte und mit juristischer Cleverness ausgestattete Anwältin im Verbund mit finanzieller Potenz und Hartnäckigkeit haben wir als fröhliche Betrüger natürlich nicht so gern auf der Gegenseite. - Aber Freude herrscht! Die unzähligen angebotenen Zeugen, die das filigrane Lügengebäude leicht zum Einsturz gebracht hätten, wurden alle gar nicht vorgeladen und einvernommen. Das Verfahren wurde schlicht und ergreifend - eingestellt. Und nun beim zweiten Anlauf definitiv. Sie dürfen also durchaus ein wenig darauf pokern, dass unsere Gerichtlein notorisch überlastet sind und deshalb im Zweifelsfall pro tabula rasa - für den aktenfreien Tisch entscheiden.

Wer würde denn am heiligen Bundesgericht zweifeln?
Ja und dann haben sie sogar in Lausanne unten beim hochwohllöblichen Bundesgericht durchaus ein Herz für Betrüger und nehmen es sehr grossherzig mit der 'Arglist'. Das müssen Sie sich auf der Zunge zergehen lassen, bevor Sie mit noch mehr Motivation Ihren Luxusstall eröffnen: ein paar der hohen Lausanner Herren befanden, dass man im Zweifelsfall doch alles ein bisschen teilen sollte miteinander - so ein echt kommunardisch-schöner Gedanke. Man teilt Tisch, Bett und doch auch die Schuld. Was soll da ein armes Mörderlein die Schuld allein tragen? Hat nicht der Vater gesoffen, die Mutter war eine Hure, der Onkel und der Pfarrer haben ihn vernascht, der Lehrer hat ihn niedergemacht, die Mitschüler haben ihn gequält, die Mitarbeiter gemobbt - da soll doch auch jeder sein Stückchen vom grossen Schuldkuchen kriegen. Am liebsten würden sie alle irgendwie und irgendwo am Sosein unseres Mörderlein Beteiligten zu ein paar Tagessätzen verknurren. Die ganze Gesellschaft ist schliesslich mitschuldig, dass aus unserem lieben Dölfli ein grosser böser Adolf wurde, jawoll. Und deshalb soll die Gesellschaft auch mittragen, und wenn es nur die finanzielle Last der Luxushotel-Gefängnisse mit TV und Internetanschluss ist, in deren sorgsame Obhut unsere Opfer-Mörderlein kurzfristig gegeben werden, auf dass sie bald wieder gestärkt in den Urlaub gehen können. - Und was für Mörderlein billig ist, soll doch auch für uns Betrügerlein recht sein. Wenn wir also jemanden reinlegen, dann ist der von Anfang an und per se mitschuldig. Wenn er auf den Betrug reinfällt, ist er doof und Doofheit soll bestraft werden, und wenn er nicht reinfällt, tja dann war's ja gar kein Betrug, sondern nur ein Scherz und wir wollten ja gar nicht, dass er reinfällt, wir sind doch nicht arglistig, ach wo! Und wenn er's merkt und uns eins haut, dann ist er sowieso schuldig: Körperverletzung! Dann kommt er richtig dran. Also los! Es kann nun wirklich rein gar nichts mehr schief gehen beim Betrug. Im allerallerschlimmsten Fall, wenn wir hopps gehen sollten mit unserem Luxusstall, dann bringen wir das UBS-Argument und sagen, wir seien 'to big to fail' - und wenn der Staat drauf reinfällt und uns rettet, ist er naiv, doof und selber schuld. Noch Fragen?

Das Reputationsrisiko?
Na jetzt tun Sie aber nicht komisch. Glauben Sie wirklich, all den helvetischen Grossbank-Bonirittern sei das nicht piepegal, wenn die Leute im Tram hinter ihnen den Stinkfinger machen? Die fahren gar nicht Tram - und das tun wir erfolgreichen Betrüger auch nicht. Glauben Sie den Quatsch nicht, der da rund um Goldman Sachs erzählt wird: dass Wirtschaftsethik nun plötzlich relevant geworden sei, weil man mit einem schlechten Ruf auch schlechter Kasse mache. Unsere Vorilder, die lieben Finanzakteure beweisen doch das Gegenteil. Gestern mal kurz in den Negativ-Schlagzeilen - heute schon wieder umschwärmt wie ein Bollenhaufen von den Fliegen. Denn Geld stinkt bekanntlich nicht. Und wenn das Volk Gold sieht, vergisst es rasend gern und schnell, woher es kommt. Dafür sind wir Schweizer sogar berühmt. Und wenn man wirklich mal wegen übler Machenschaften verurteilt worden ist, kann man immer noch gegen aussen den Geläuterten geben. Ist Ihnen noch nie aufgefallen, wie ein früher mal wegen Pferdeschinderei gesperrter, heute hocherfolgreicher Springreiter kamerabewusst sein Pferd auf den Hals küsst beim Verlassen des Parcours? Treten können wir die Zossen dann zuhause wieder. Wichtig ist, wie wir uns in der Öffentlichkeit geben. Dankesschreiben an Sponsoren und Helfer im 'Pferde-Blick', hübsche Foto-Kärtchen mit Dankesworten an die Preisspender und wenn nötig auch mal eine kleine Schönheits-OP, um die mephistophelischen Züge etwas zu entschärfen - aber ganz alles will ich Ihnen nicht verraten, was ich da alles auf Lager habe, um aus ätzenden Räuber-Hotzenplotzlis schnuckelige Chasperlis zu basteln in der öffentlichen Wahrnehmung.

In meinem hübschen Beispielfall 'Schimmel mit Manko' ist es sogar so, dass der Stall gar nicht dem Betreiberpaar gehört, sondern feinen, angesehenen Leuten aus einer grossen Schweizer Finanzmetropole. Wenn Sie nun glauben, die hätten ihre Pächter wegen der kleinen Ungereimtheit gleich vor die Tür gestellt, täuschen Sie sich kräftig. Solange der Service stimmt und der Pachtzins pünktlich bezahlt wird, ist die Welt für diese Herren in Ordnung. Und wenn mal jemand den Stall verlässt - so what, die Warteliste ist lang. Solange da keine minderjährigen Ministranten vernascht werden auf dem Heustock, gibt es keinen Grund zur Aufregung. Sie haben ein grosses Herz und wissen selbst, dass kleine Betrügereien die Karriere vieler Erfolgreichen säumen wie Stinklis die Hundemeile.

Und die Pferde? - Täter oder Opfer?
Ach vergessen Sie solch spirituellen Schwachsinn. Pferde sind Investitionen, wie Menschen ja letztlich auch. Der gängige Ausdruck für Menschenmaterial ist nicht zufälligerweise 'Human Resources'. Über die verfügt man nach der Devise 'hire and fire' - und wenn sie lästig sind, entsorgt man sie. Machen wir uns doch nichts vor: Adolfs Geist ist überall. Heute in unseren Regionen einfach etwas mehr in der Wirtschaft als in der Politik, aber er ist da, zum Glück. Wo kämen wir da hin, wenn wir Chefs auf die Boni verzichten müssten anstatt zuerst saftig unten 'HR' wegzustreichen. Und jetzt wollen Sie da noch die Pferde beseelen? Das wusste schon Descartes, dass Tiere nur Maschinen sind. Und der ist schliesslich der Urvater des Rationalismus - und wenn wir überhaupt an etwas glauben, dann doch an unseren brillanten kühlen Verstand, oder nicht?

Also machen Sie sich keine Sorgen, wenn Pferde zu den Spielsteinen in unserem Betrugs-Imperium gehören. Die sollen ja gar nicht allzu alt werden, das ist nicht gut für's Geschäft. Und auch während ihres kurzen Sportlerlebens sollen sie doch nicht ständig gesund sein. Schliesslich verdienen wir ja mit an der Tätigkeit unseres Stalltierarztes. Wie? Sie staunen. - Ach Gott, Sie sind aber wirklich neu im Business. Das mindeste, was Sie von Ihrem Stalltierarzt verlangen können, ist, dass er Ihre Pferde gratis behandelt zum Dank dafür, dass Sie ihm soviele Kunden am selben Ort zuhalten. Wenn Sie gar keine eigenen Pferde haben, lassen Sie sich einen Prozentsatz seiner in Ihrem Stall gemachten Einnahmen überweisen - oder noch besser: Sie verrechnen das, was er Ihnen schuldet, gleich mit dem, was er für seine Gefälligkeits-Ankaufsuntersuchungen zugut hat. Auf jeden Fall sollten solche Dinge nicht in Ihrer Buchhaltung erscheinen. Ach ich erzähle Ihnen schon alles, was ich Ihnen als Berater eigentlich verkaufen wollte!

Unsere Stallbetreiberin im Beispielfall war auch schlau genug, die Rechnung der deutschen Klinik für die - klugerweise unter falschem Namen vorgenommene - Neurektomie schon gar nie in ihren sauberen Buchhaltungsordner einzufügen. In der polizeilichen Einvernahme behauptete sie natürlich, nie eine Rechnung gekriegt und auch keine bezahlt, ja gar nicht gewusst zu haben, wo sich ihr teures Tierlein die ganzen drei Monate denn aufgehalten habe und ihr spielfreudiges Männlein gab zu Protokoll, er hätte das bar erledigt. Tja und der Klinikleiter hätte wohl erst ausgepackt, wenn er vor ein helvetisches Gericht geladen worden wäre. Freuen Sie sich mit mir, dass man auch mit den faustdicksten Lügen durchaus gute Chancen hat, den Samthandschuhen der eidgenössischen Justiz zu entkommen. Natürlich sind nicht alle Staatsanwälte ganz so blöd, aber ein bisschen Glück darf man ja auch mal beanspruchen.

Also munter drauflos. Sie dürfen Pferde schinden, quälen, gesundspritzen, neurektomieren und im Sport einsetzen, Sie dürfen sie auch jederzeit umbringen (falls Sie sich nicht dabei erwischen lassen, wenn Sie es kurz nach dem Abschluss einer hohen Lebensversicherung für selbiges Tier machen, wie der Papa eines ziemlich berühmten Springreiters). Sie dürfen unbesorgt so ziemlich alles machen mit den Pferden - nur vögeln sollten Sie sie nicht. Da gilt dasselbe wie für Minderjährige. Unsere Gesellschaft hat mit nichts mehr Mühe als mit Erotik. Und weil die meisten tief im Manko leben diesbezüglich, wittern sie in allem und jedem was Anzügliches. Also merken Sie sich: hassen, quälen, schädigenist ok und kein Problem, ob Mensch oder Tier, aber wehe Sie fotografieren Ihr Baby nackt in der Plansch-Wanne und speichern dieses Bild auf Ihrem Computer. Dann hilft Ihnen nicht mal mehr der beste Betrugsberater, ja nicht einmal der skrupelloseste Anwalt haut Sie dann mehr raus. Denn was ist schon Mord und Totschlag gegen sowas Grusiges wie ein nacktes Baby? Also irgenwo hört's dann doch auf. Unsere Rechtsordnung hat da schon ein feines Gespür für das, was wirklich schlimm ist. Also bleiben wir doch lieber beim Betrug, das stört die Justiz nicht, macht mehr Spass und schenkt auch mehr ein.

Wir Betrüger - die wahren Gutmenschen!
Ich glaube - und mit meinem Start-up Unternehmen als Betrugsberater muss und will ich das glauben - dass Betrug in keiner Weise ein Reputationsrisiko birgt, dass ganz im Gegenteil das Ansehen eines erfolgreichen Betrügers durch seine Tätigkeit steigt. Ich werde mich dafür einsetzen, dass er zum mutigen Abenteurer, zum Risk-Gambler, ja zum Helden hochstilisiert wird. Einer, der in dieser biederen, überregelten Welt noch etwas wagt. Ja man könnte einem tollen Betrüger sogar therapeutische Kompetenzen zusprechen: konfrontiert er die Dummen und Naiven nicht in ganz praktischer und spürbarer Weise mit ihren Mängeln? Ich träume vom Tag, wo die Betrogenen ihren Betrügern die Hand reichen, sich bei ihnen bedanken für die wertvolle Lebenslehre, die sie ihnen erteilt haben. - Letztlich sind wir Betrüger vielleicht die einzigen wahren Gutmenschen, wo wir doch nahezu selbstlos zur Entwicklung der Betrogenen beitragen, uns von ihrem Wohl leiten lassen.

Mein Ziel wäre, Sie alle, liebe Leser, so weit zu bringen, dass Sie ein schlechtes Gewissen haben, wenn Sie nicht sofort, noch heute, mit Betrug in grossem Stil anfangen. Ich gehe mit gutem Beispiel voran und gelange hier und jetzt mit der Bitte an Sie, mir ein paar gesundgespritzte Pferde zu vermitteln. Ich habe nämlich gehört, dass die ehemalige Welt-Nummer-Eins aus einer anderen, finanziell sehr einträglichen Sportart gerade auf Einkaufstour ist. Sie wäre meine Traum-Klientin: sie ist noch recht neu in der Pferdewelt und hat bestimmt keine grosse Ahnung von unserem feinen Geschäft, sie hat bestimmt noch ein paar der in ihrem ursprünglichen Sport erkämpften Milliönchen - und sie ist ehrgeizig, das heisst sie will nicht nur ein Pferdchen, sie will viele - und immer wieder neue!. Ich kann nur hoffen, dass mir da die bereits eingefuchsten Marktpartner nicht schon um eine Nasenlänge voraus sind....

Und die Denk-Aufgabe? Tja, vielleicht macht es Ihnen ja Spass, den Text von seinem satirischen Kleidchen zu befreien und sich die Gretchenfrage zu stellen, wie Sie es denn selbst halten mit der Einstellung zu Mensch und Tier, wie Sie es halten mit der Rolle, die Betrug in Ihrem Leben spielt, aber auch mit dem Kick, den so ein wenig lügen und betrügen in unseren überregelten Alltag bringt. Wenn Sie an juristischen Fragen interessiert sind, denken Sie vielleicht mal über unsere aktuelle Rechtspraxis mit den hohen Anforderungen an die Arglist beim Betrug nach. Sollten Sie sich gern politische Gedanken machen, könnten Sie auch über den Zusammenhang zwischen sozialem Wohlfahrtsstaat, linkem Denken und der Verwischung des Opfer-Täter-Unterschieds nachdenken. Und nicht vergessen: am Schluss der Denkerei das Denken im engeren Sinne aufgeben und der Intuition Raum geben. Vielleicht kriegen Sie dann die tollsten Einsichten sozusagen geschenkt? Auf solche, aber auch auf grauslichen Widerspruch oder - noch schöner - auf betroffene Reaktionen von Leuten, die sich karikiert sehen in dieser Denk-Aufgabe -, freut sich wie immer info@marpa.ch