Denk-Aufgabe 1004 vom 10.7.2010

 

'Erziehung' - ein fundamentalistisches Konzept?

Die meisten Menschen sind sich darüber einig, dass Erziehung eine wichtige, positiv besetzte Sache ist: Natürlich soll man die anderen erziehen, die in unseren Einflussbereich kommen. Erst bei der Frage nach den Erziehungszielen und -methoden geraten sich die Teilnehmer der jahrtausendealten Debatte rund um den furor paedagogicus in die Haare. Für einen skorpionesken Querdenker ist Konsens immer verdächtig. Also setze ich mit meiner These gar nicht erst bei dem Bereich an, der sowieso schon herrlich kontrovers ist, sondern dort, wo diese suspekte Einigkeit herrscht.

Bevor ich Ihnen aber eine knackige These zur Erziehung servieren kann, muss ich kurz abstecken, was ich darunter verstehe, denn wie von allen streitbaren Begriffen gibt es fast so viele Definitionsansätze wie Meinungen zur Frage, was denn Ziel und Inhalt der Erziehung sein soll. Es ist das alte Problem der Zirkularität aller Definitionen und der etwas jüngeren, vor allem der Quantenphysik zu verdankenden Entdeckung, dass der Beobachter das Beobachtete minimal beeinflusst, maximal überhaupt erst erzeugt. Es geht meines Erachtens in modernen Diskursen also nicht mehr darum, wer die Definitionshoheit oder gar die Diskursmacht hat und wer diese akzeptiert, sondern lediglich um Kommunikationsunterstützung im Sinne von: "Bei uns bedeutet ein rot leuchtendes Licht, dass man anhalten und warten soll" - "Und bei uns ist es das 'ewige Licht', das über dem Tabernakel brennt, wo die konsekrierten Hostien aufbewahrt werden" - "Hä? Tabak für Gäste? Naja, unser rotes Licht leuchtet manchmal auch Ewigkeiten..."
Sinn solcher Begriffserläuterungen ist also nur, dass man dem anderen sagt, was man unter irgendeinem Kommunikat - einem deutbaren Kommunikationsträger - versteht, und nicht darum, wer nun 'Recht habe', die absolute und alleinige Gültigkeit für seine Interpretation beanspruchen dürfe. Dies schafft Mord und Totschlag wegen lächerlichstem Stumpfsinn noch nicht aus der Welt, aber verschiebt ihn zumindest auf die Ebene der Inhalte, was man angesichts menschlicher Blödheit bereits als einen nicht zu unterschätzenden Sprung nach vorne in der Konfliktkultur einschätzen könnte.

Nun also meine Abgrenzung des Erziehungsbegriffs:
Erziehung ist die zielgerichtete und absichtsvolle Etablierung erwünschter Denk-, Fühl- und Verhaltensweisen bei anderen Lebewesen mit oder - wenn nötig - auch ohne deren Einverständnis.

Die Definition ist insofern eng, als ich die Selbsterziehung und -bildung ausklammere, weit, indem ich auch die Einflussnahme auf Tiere und Pflanzen mit einbeziehe.

Erläutern von Zusammenhängen
Was ich explizit nicht unter den Begriff 'Erziehung' subsumiere, obwohl dies im Alltags-Diskurs durchaus vorkommt, ist das Erläutern und Durchsetzen von Spielregeln, Systemaxiomen und in einem bestimmten Kontext geltenden gesetzlichen Regeln. Ich erziehe niemanden zum Schachspiel, wenn ich ihm klar mache, dass sich sein Läufer nur diagonal bewegen lässt, genauso wenig wie ich es als 'Erziehung' ansehe, wenn ich einem Einwanderer das Primat der schweizerischen Rechtsordnung über religiöse Weisungen zu erklären versuche. Ich zeige nur Zusammenhänge auf, relative Gültigkeiten innerhalb klar abgegrenzter Systeme, Spiele, Modelle, Rechtsordnungen etc. Wenn sich daraus ein Effekt ergibt, der als 'erzieherisch' bezeichnet werden sollte, so entspricht diese Bezeichnung nicht meinem Erziehungsbegriff. Es gelang mir vielleicht, den Empfänger meiner Erläuterungen zu einem Verhalten zu motivieren, das ihm Konflikte oder gar den Ausschluss aus dem betreffenden System oder Spiel erspart, aber wesentlich ist für mich dabei die Freiwilligkeit des Angesprochenen, aufgrund eigener Erkenntnis, die ich ihm offerierte, seine ganz eigenen Entscheidungen zu treffen..

Damit es mir nun gelingt, Sie für mehrere Minuten von anderen Aktivitäten wegzulocken, hilft es vielleicht, wenn die These etwas provokativ formuliert ist. Aus Gründen der Übersichtlichkeit ist sie in drei Punkte gegliedert

1. 'Erziehung' basiert auf einem fundamentalistischen Weltbild. Das nicht hinterfragte Axiom lautet: Der Erziehende, Bildung bzw. Werte Vermittelnde weiss, was richtiges Denken, Fühlen und Handeln ist und erzwingt dieses notfalls beim zu Erziehenden, wobei sich der Zwang verschiedenster, auch sehr subtiler Methoden bedienen kann.

2. So verstandene Erziehung ist dumm und falsch, da alle von einem menschlichen Bewusstsein hergestellten Aussagen über die Welt relativ zu diesem Bewusstsein und dessen eingeschränkter Erkenntnisfähigkeit sind, somit keine mit menschlichem Bewusstsein ausgestattete Entität über absolute Wahrheit verfügt; sie ist illegitim, zumindest verstösst diese Art der Anwendung von Zwang und Gewalt gegen die Menschenrechte; und sie ist kontraproduktiv, da sich im Zögling Widerstand auch gegen Inhalte regt, die er in zwangsfreiem Umfeld zumindest in Erwägung gezogen oder sogar freiwillig integriert hätte.

3. Die Alternative zur Erziehung ist das zwangs- und gewaltfreie, dem jeweiligen Rezipienten oder 'Kunden' im Markt der immateriellen Güter gemässe Anbieten von Wertvorstellungen, Bildungsinhalten, Welterklärungsmodellen, ohne verkappte Drohungen, ohne suggestive Übertölpelungsversuche. Dabei ist es sinnvoll, auf das Entstehen, die Verbreitung der verschiedenen Modelle und ihren Niederschlag in geschriebenen und ungeschriebenen, rechtsstaatlichen und gesellschaftlichen Normen verschiedener Kollektive hinzuweisen. Ziel ist ein mündiger, autonomer Kunde im Meinungsmarkt, der auch mit werblich aufbereiteten Angeboten so souverän umgehen kann wie im materiellen Bereich.

Plausibilisierungsversuche

Ich will Sie nicht dazu erziehen, meine Sicht der Erziehung zu teilen, sondern im Sinne des 3. Punktes meiner These versuchen, Ihnen das dazugehörige Modell mit seinen Wertvorstellungen so anzubieten, dass Sie sich kritisch damit auseinandersetzen und schliesslich mündig und autonom Ihr eigenes Modell skizzieren können. Bereits mit dieser Aussage sind wir mitten drin in der für mich spannendsten Frage: derjenigen nach den 'sehr subtilen Methoden', deren sich der Erziehungszwang bedienen kann. Denn dass man nicht mit dem Holzhammer, mit Schlägen, Ausschluss von der Gemeinschaft oder geradezu lächerlich autoritären Massnahmen wie der chinesischen Internetzensur 'erziehen' soll, darüber sind sich in einem noch einigermassen freien Land wie dem unsrigen wohl relativ viele einig. Die Geister scheiden sich aber sehr schnell, wenn wir uns das anschauen, was ich unter den 'subtileren Methoden' verstehe. Ein paar Beispiele:

 

Erziehungszwang unter dem Deckmantel von Hochwertwörtern

Der Begriff 'Hochwertwort' wird in der Rhetorik und Linguistik verwendet und meint Wörter, die - zumindest für ein bestimmtes Zielpublikum - mit positiven Assoziationen besetzt ist. Je nach Kontext kann sich ein Hochwertwort in ein Tiefwertwort verwandeln (dieser Begriff ist nicht gebräuchlich, scheint mir aber passender als das gestelzte, doppelt gemoppelte 'negative Hochwertwort')

'Kinderschutz' und 'Sicherheit'
Wenn Sie ein politisches Anliegen durchbringen möchten, mit dem Sie die Freiheit möglichst vieler Zeitgenossen nach Ihren persönlichen Vorstellungen einschränken möchten, und Ihr Anliegen auch nur im entferntesten mit unter 20-Jährigen zu tun hat, lassen Sie es wenn immer möglich unter dem Hochwertwort 'Kinderschutz' segeln. Das Wort löst bei einem Grossteil der Rezipienten Mami- bzw. Papi-Reflexe aus und benebelt erfolgreich jeglichen nüchternen Menschenverstand, sofern davon vor der Verwendung des Wortes überhaupt etwas vorhanden war. Obwohl alle nicht als Eremiten in einer einsamen Höhle Lebenden meist schon mehrfach mit Jugendlichen zu tun hatten und es niemandem in den Sinn käme, die frechen, lustigen, verkorksten, wilden, ruhigen, schlauen, stumpfen, friedlichen und aggressiven, selbständigen und weniger selbständigen 15-Jährigen als 'Kinder' zu bezeichnen, fallen die meisten dann doch darauf herein, wenn wieder irgendeine hysterische Aktion gegen Fettleibigkeit, Drogen, Gewalt und zurzeit der absolute Renner: gegen sexuelle Übergriffe durch aller Gattung Wüstlinge und - naja da kommen ausser der eigenen Grossmutter so ziemlich alle in Frage, und - hmm, bei näherem Hinsehen eigentlich auch sie: hungert die längst verwitwete Oma nicht verdächtig nach Zuwendung, auch und gerade nach körperlicher? Und hat sie den 3-monatigen Enkel nicht etwas gar lang geherzt und sich anerboten, die Windeln zu wechseln? Die begeilt sich doch nur an dem zarten Häutchen - Übergrifffffff!

Und da gibt es immer wieder glücklich-naive Fortschrittsgläubige, die meinen, die Zeit der Inquisition, der Gestapo und Stasi-Mentalität, der McCarthy-Hetze, der Informanten und Verräter, der Schnüffler und Petzer sei vorbei, überwunden, gehöre einer Unkultur an, die wir längst hinter uns gelassen hätten? - Mitnichten. Ich glaube nicht, dass es eine Zeit bzw. eine 'Kultur' gab, die neurotischer, verklemmter und hysterischer in jedem Händedruck einen Übergriff witterte, als unsere Gegenwart in den vermeintlich freien westlichen Ländern. Was da alles absolut gesetzt und über die faule Metapher des 'Kinderschutzes' an Zwang ausgeübt und an Freiheitseinschränkung realisiert wird - auch und gerade denen gegenüber, die man schützen zu wollen vorgibt, ist gelinde gesagt erstaunlich. Dahinter steckt die Erziehungshaltung, die ich anprangern möchte: irgendwelche selbsternannten Besserwisser wissen, was für die jugendlichen Abenteurer absolut richtig und was absolut falsch ist. Und damit diese PharisäerInnen ihre Erziehungsabsichten politisch durchbringen, benutzen sie den Trick mit der Suggestion, es gehe um Kinder, Babys, schutzlose Winzlinge, die dem rauen Wind der ach so bösen Welt ausgesetzt sind.

Muss man 15-jährige Raubrittertypen, die mal erkunden wollen, wie lange es geht, bis einer - oder eben die Gesellschaft - zurückschlägt und sie endlich wahr- und ernstnimmt, muss man diese 'Kinder' dringend so speziell und tiefgreifend schützen? Und wollen Sie überhaupt geschützt werden? Könnte es sein, dass sie genau das Gegenteil wollen, nämlich endlich als vollwertige eigenverantwortliche Akteure zu gelten? Und dass sie mit ihren aggressiven Aktionen auf sich aufmerksam machen wollen, wenn es anders nicht gelingt, dass man endlich merkt, dass sie keine harmlosen Kinderleins mehr sind?

Und die knapp 16-jährigen Girls mit knappen Kleidern, die total gestylt in den Ausgang gehen mit einem ganz ähnlichen Ziel wie die Jungs: nehmt uns endlich für voll, fahrt auf uns ab, giert nach uns, wir sind die Stars von morgen - nein von heute! Könnte es sein, dass da einige kurzhaarig-verblichene früh-verhärmte SP-Muttis vielleicht sogar eifersüchtig auf die eigenen Töchter sind, bei denen noch nichts hängt, sich nichts in Falten legt, denen leider auch die Adonisse nachkucken, deren Blicke sie selber noch zu gern auf sich gezogen hätten? - Und dann kommt die Rache, zu deren Raffinement nur Frauen fähig sind: das 'Kind' wird 'geschützt', dass ihm Hören und Sehen - und vor allem das Gesehenwerden vergeht. Moderner Terror, moderne Unterdrückung tarnt sich als 'Schutz', 'Hilfe' und 'Fürsorge'. Dieser Trick funktioniert über die Mafia bis hinauf in die internationale Politik: Kluge Global Player drohen nicht mit militärischen Interventionen, sondern mit Schutz und Hilfe.

Schutz dem, der um ihn nachsucht - und auch da mit Mass
Dabei - so meine ich - wäre der Lösungsansatz so einfach: Bevor man Hilfe, Schutz gewährt, sollte man den auserwählten Hilfe- oder Schutzempfänger fragen, ob er Schutz oder Hilfe wolle und brauche. Und sogar wenn er nach Schutz und Hilfe schreit, ist das Ziel immer, dass er Schutz und Hilfe nicht mehr braucht, dass er autonom, selbständig, unabhängig wird. Der erzieherische Übergriff zum Schutz vor Übergriffen beginnt schon beim Ratschlag (da steckt das Verb 'schlagen' drin!). Er sollte nicht ungefragt erteilt und nicht suggestiv verpackt werden. Natürlich ist der nüchterne Hinweis auf die Eigenverantwortung erlaubt, oft wirkt er aber etwas schmallippig-bieder und oberlehrerhaft: "Bist du dir bewusst, was du für eine Verantwortung du übernimmst, wenn du dir diese Wüstenratte kaufst?"

Auch wenn jemand um Schutz nachsucht, ist meines Erachtens Augenmass zu wahren durch den Schutzgebenden. Das Ziel des mündigen, autonomen Bürgers ist beim Mass des gewährten Schutzes immer anzustreben. Wie weit wir in den westlichen Fürsorgestaaten von dieser Haltung entfernt sind, zeigt ein Blick auf die Quote der am Staatstropf Hängenden. Hier füge ich mit grösstem Vergnügen eine ketzerische Bemerkung ein, die sich kein Politiker leisten könnte: In Athen waren nur 'in bürgerlichen Ehren stehende', das heisst aber auch 'zahlungsfähige' Bürger stimmberechtigt. Wäre es denn so frevelhaft, wenn wir das auch so halten würden? Die Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung trübt doch den gesunden Menschenverstand und damit das Abstimmungsverhalten ungemein. Können Sie sich in Frankreich oder Deutschland oder anderen Ländern, bei denen nahezu die Hälfte der Bevölkerung am Staatstropf hängt, eine Volksabstimmung vorstellen, bei der es ums Sparen bei den Sozialwerken geht? Aber auch bei uns: Stellen Sie sich vor, ich würde versuchen, die Idee zu lancieren, die AHV wieder abzuschaffen und zum früheren, m.E. ausgezeichneten System der Armengenössigkeit zurückzukehren. Oder zur Sanierung des Gesundheitswesens das Krankenkassenobligatorium wieder abschaffen und zu einer 'Mehrklassenmedizin' stehen (was ist denn eigentlich so schlimm am Gedanken, dass der verängstigte Millionär, der unter anderem wegen seiner grossen Angst vor Alter und Tod soviel Geld zusammengerafft hat, sich eben sieben Bypässe und ein paar Ersatznieren, -herzen und bald vielleicht auch -hirne kaufen kann, wo der andere, der seinen Zaster ständig das Leben geniessend ausgegeben und bereits damit gezeigt hat, dass er etwas weniger angsterfüllt ist, sich dann, wenn's Zeit ist, diese teuren, den Tod vielleicht ein klitzeklein wenig hinauszögernden Massnahmen nicht mehr leisten kann. Es sind doch unterschiedliche Lebenskonzepte, die wir eigenverantwortlich wählen und die nicht vom Nanny-State in seinem Gleichmacher-Wahn zurechtgebogen werden müssen?). Aber eben, das sind politische Ideen ohne jegliche Realisierungs-Chancen, solange nicht nur die selbständigen Bürger, sondern alle Staatshilfebezüger auch mit abstimmen.

Das verlogene dreifache Menschenbild
Hinter dem aufgezwungenen Schutz für Kinder und Erwachsene, den die Staatsgläubigen allen aufpfropfen wollen, steckt ein höchst verlogenes Menschenbild, das dem grossspurig verkündeten Gleichheitsgrundsatz spottet. Da gibt es nämlich nicht nur eine Zwei- sondern sogar eine Dreiklassengesellschaft, drei Schichten, drei Menschentypen, die völlig undurchlässig voneinander getrennt sind. Die wichtigste Kaste sind natürlich sie selbst, die Ideologen, die dieses Weltbild mit den drei Menschentypen erfunden haben oder zumindest hegen und pflegen. Es sind die den Schutz gebenden und dessen Inhalt bestimmenden Besserwisser, Menschen, die derart erleuchtet sind, dass sie wissen, was allen anderen frommt. Für jeden im Lande wissen sie haargenau, was ihm gut tut, ja sie kennen die Bedürfnisse ihrer Schützlinge besser als diese selbst. Es handelt sich um gottähnliche Wesen, die über Allwissen und den totalen Durchblick verfügen. Sie fokussieren aber interessanterweise nur auf den Teil der Manipuliermasse 'Volk', der auf ihr entmündigendes Helfen und Schützen hereinfällt - das wäre die zweite Sorte 'Mensch' in ihrem Weltbild - und plündern dafür die Kassen der Selbständigen, Autonomen und Eigenverantwortlichen, die auf diesen Schutz pfeifen - die dritte Menschesorte in diesem höchst fragwürdigen Weltbild. Besonders schizophren ist nämlich das Verhältnis von Sorte 1 zu Sorte 3: Sorte 1, die linken Besserwisser, hassen eigentlich Sorte 3, da sie ja das Bild von den schutzbedürftigen Opfern der Sorte 2 versauen, von denen Sorte 1 die Legitimation ableitet für Staats- Interventionismus und Umverteilerei. Aus dieser Sicht sollte es möglichst wenige der Sorte 3 geben. Andererseits benötigen sie Sorte 3 dringend, um sie zu plündern, um überhaupt ein Substrat zu haben, das sie umverteilen können. Denn sie selbst haben natürlich nichts oder wenig - und wenn sie was haben, dann geben sie es bestimmt nicht gern her; und Sorte 2 definiert sich ja gerade dadurch, dass es ihnen an materiellen Gütern mangeln soll. Unter diesem Aspekt braucht es Sorte 3 für Sorte 1 dringend und zwingend, aber am liebsten ist es ihnen, wenn es wenige sind, die die Statistik nicht belasten, die aber über so grosse Mittel verfügen, dass man sie gut und langfristig plündern kann. Die Schizophrenie steigert sich noch, wenn man die Zielerreichung in Betracht zieht: die grösste Katastrophe für linke Umverteilungspolitiker wäre, wenn die, die sie ständig als fürchterliche Bösewichte hinstellen, nämlich die Vertreter der Sorte 3, ausstürben, wenn sie ihr Ziel also erreichten, dass alle ausser ihnen zur Sorte 2 gehören würden. Denn ohne Umverteilungssubstrat könnten sie nichts mehr umverteilen, verlören das Feindbild, und plötzlich würde der unsägliche Betrug in ihrem Welterklärungsmodell sichtbar. Wenn der Unterschied zwischen Sorte 2 und 3 wegfiele, rückte plötzlich der Unterschied zwischen Sorte 1 und 2 in den Blickpunkt des Interesses, dank dem Wegfall der Unterstützung schmölze auch die Dankbarkeit der Sorte 2-Empfänger dahin - und siehe da: auch die Naiveren unter den Zwangs-Geschützten würden erkennen, dass die Gleichheits-Propheten sich selbst immer ausnahmen vom Gleichheitsgebot: der Peterli Bodenmann, das Ruthli Dreyfuss und die Micheline Calmi wussten zwar immer sehr genau, was dem Volke frommt (was das thumbe Volk natürlich selbst nie wusste) - und nur schon wegen dieses Unterschiedes gehörten sie selbst nie zu diesem unmündigen Volk. Linke Politik funktioniert also genau so lange, als es das Feindbild mit dem Pländerungssubstrat gibt und solange sich wenigstens Teile des Volkes das Hirn so benebeln lassen, dass sie vor lauter Unterschied zwischen ihnen und den materiell Begüterten den Unterschied zwischen sich selbst und ihren Ideologen der Sorte 1 nicht entdecken. Als markantesten Unterschied zwischen linker und liberaler Politik könnte man also die gegenseitige Abhängigkeit bezeichnen: existenzielle Abhängigkeit auf der linken Seite, völlige Unabhängigkeit auf der liberalen Seite. Kein Liberaler braucht auch nur eine Sekunde lang die Ideologen und Umverteiler der 'Sorte 1', ja in seinem Weltbild gibt es gar keine verschiedenen Menschensorten: alle sind so frei, so eigenverantwortlich, so autonom, so selbständig im Denken, Fühlen und Handeln wie möglich - und 'Erziehung' funktioniert durch das Anbieten von Hilfe zur Selbständigkeit - und nicht durch entmündigendes Erzwingen.

So viel zum Trick, über Hochwertwörter erzieherischen Zwang auszuüben, also 'zielgerichtet und absichtsvoll erwünschte Denk-, Fühl- und Verhaltensweisen bei anderen Lebewesen zu etablieren' - auch ohne deren Einverständnis.

 

'Erziehung' durch Liebesentzug und Drohung

Eine der gängigsten Methoden erzieherischer Zwangsdressur liegt in der trickreichen Reaktion der nächststehenden Personen des 'Zöglings' auf das von ihnen als unerwünscht eingestufte Verhalten. Hier müssen wir sauber unterscheiden zwischen dem eingangs erwähnten 'Erläutern von Zusammenhängen' und den hier als fragwürdig hingestellten Reaktionen: der Unterschied liegt meines Erachtens in der Transparenz und der emotionalen 'Beipackung'. Das von mir gemeinte Erläutern von Zusammenhängen, das Erklären von Spielregeln erfolgt offen, neutral, sachlich, ohne dass der Erläuternde sich emotional einbringt. Bei Spielen ist uns das noch vertraut und wir fänden es reichlich merkwürdig, wenn uns jemand voller Leidenschaft erklärte, dass man eben nur mit einer heiligen Fünf aus dem Haus könne beim 'Eile mit Weile'. Delikater wird es bereits, wenn man einem Extraterrestrischen erläutert, dass er von Deutschland südwärts brausend locker 200 oder mehr Stundenkilometer aus seiner fahrenden Untertasse herauslocken könne, unmittelbar nach dem Grenzübertritt aber nicht nur als grauslicher Verkehrssünder scharf gebüsst, sondern auch in allen Boulevardmedien als 'Raser' gebrandmarkt und von eifrigen Apparatschiks in die Psychiatrie eingewiesen werden könnte, wenn er im gleich Stile weitertuckerte. Auch hier hat sich der die Zusammenhänge zwischen nationalen Grenzen und Rechtsordnungen Erläuternde wenn immer möglich emotionaler Zurückhaltung zu befleissigen - sogar dann, wenn der Unterschied für ihn selbst durchaus emotional aufregend ist, z.B. wenn es sich um die Erläuterung des Unterschiedes zwischen US-Staaten handelt, in denen die Todesstrafe noch vollzogen wird und solchen, wo sie nicht mehr im Gesetz auftaucht.

Liebesentzug
Ganz anders die Reaktionen, die ich als fiese Erziehungsmethoden brandmarken möchte. Die schlimmste - und häufigste - ist meines Erachtens der Liebesentzug. Anstatt offen zu kommunizieren, dass man Mühe habe mit der Akzeptanz eines bestimmten Verhaltens des andern, reagiert man nur durch 'konkludentes', also 'schlüssiges', deutbares Verhalten. Wenn der vom Liebesentzug Betroffene in einem Abhängigkeitsverhältnis steht zum 'entziehend Erziehenden', wirkt die Massnahme meist besonders verstörend. Das Kind oder der Liebende steht unter der ständigen Angst vor dem Liebesentzug und versucht oft mit den verrücktesten Mitteln, diesen Entzug zu vermeiden. Auch wenn ihm dies immer wieder gelingen sollte, erschwert es seine Entwicklung zu einem angstfreien, eigenverantwortlichen selbständigen, mündigen Bürger ungemein. Der tragische Witz an der Geschichte ist, dass genau diese Wirkung sehr oft auch beabsichtigt ist, denn wer auch immer was für eine Art von Macht auch immer ausüben will über andere Menschen, es erleichtert ihm sein Vorhaben, wenn die Wesen, über die er Macht ausüben will, unmündig, unselbständig, verantwortungsscheu und voller Angst sind - und es möglichst bleiben. Dieser Prozess mag sich bei vielen Machtausübern unbewusst oder zumindest nur teilbewusst abspielen, doch dies mindert seine ethische Verwerflichkeit in meinen Augen in keiner Weise. Ich gehe so weit und behaupte:

'Liebe', die je nach Verhalten des 'Geliebten' entzogen werden kann, war gar keine. Es war vielleicht ein Deal, ein Projekt, eine Investition, ein Lock- und Druckmittel, aber keine Liebe im tieferen Sinn des Wortes.

Drohung
Etwas plumper und damit auch leichter durchschaubar ist das Erziehungsmittel der Drohung, Sogar wenn Liebesentzug angedroht wird, kann der Bedrohte sich immerhin auf den Missbrauch dessen, was er für 'Liebe' hielt, einstellen.Gedroht werden kann natürlich auch mit dem Entzug von 'Liebe' in einem weiteren Sinne als dem direkter persönlicher Zuwendung, also z.B. mit Entzug von Freiraum, von Gestaltungsmöglichkeiten wie der Art und Intensität von Kontakten, von freier Verfügung über Zeit und - vielleicht am banalsten, aber deswegen nicht minder effektvollen - über materielle Güter. So kann beispielsweise ein Kind, das innig an seinem Teddybären hängt, den Entzug dieses 'materiellen Gutes' sehr wohl als 'Liebesentzug erfahren. Zu den klassischen Drohungen im 'Erziehungskontext', bei denen die Halbwertszeit ihrer Wirksamkeit aber glücklicherweise sehr kurz ist, gehört die Androhung von physischer Gewalt. Die Mütter, die ihrer Brut nicht mehr Herr bzw. eben Frau werden und der Rasselbande androhen "Wartet nur bis Papa heimkommt!" ernten vielleicht beim ersten Mal noch leises Erschrecken, bald aber schon werden sie ausgelacht oder überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Diese Art von 'Erziehung' ist insofern allerdings durchaus effizient, als sie mit hoher Trefferquote zum Gegenteil des Intendierten hinführen hilft, nämlich dazu, dass die mit physischer Gewalt bedrohten oder auch tatsächlich geschlagenen diese Methode so bald wie möglich auch selbst anwenden, zuerst an hilflosen Tieren, dann an kleineren Kindern - und sobald die Möglichkeiten dafür vorhanden sind, auch an den 'Urhebern' bzw. an denen, die vom Jugendlichen in denselben Topf geworfen werden. Mir scheint es einleuchtend, dass diese simpelste Form von Durchsetzung der eigenen Interessen am raschesten Nachahmer findet: eben weil sie so unsäglich einfach ist, ausser primitivsten Waffen und ein wenig Körperkraft nichts erfordert, vor allem dann nicht, wenn man sich seine Opfer gezielt bei den Schwächeren sucht. So gesehen ist der von seinem Vater oft geschlagene Junge, der eines Tages den Spiess umdreht und dem eigenen Alten ein paar an die Löffel gibt, direkt schon belobigenswert aufgrund seines Mutes. Unvergesslich die Szene, die ich auf dem Hofplatz eines Transportunternehmens erlebte: der 15-jährige Sohn des Unternehmers dreht mit einem grossen Tanklastwagen, den er sich geschnappt hat, als der Chauffeur kurz ins Büro verschwand, eine Runde auf dem Platz, den linken Arm cool auf dem Fenster aufstützend. Auf die Drohung des Chauffeurs, wenn das sein Vater sehe, werde es wohl was absetzen, meint der Schnösel lässig: "Was mein Alter schlagen kann, kann ich einstecken!" - Schöner kann wohl Erziehung kaum gelingen, oder nicht?

 

Zwang bei der Durchsetzung von Spielregeln

Damit will ich aber nicht sagen, Drohung, Zwang und Gewalt hätten nirgends ihre Berechtigung. Meine Kritik richtet sich nur gegen den Einsatz von Drohung, Zwang und Gewalt als Erziehungsmittel, die unter dem Aspekt hehrer Pädagogik eingesetzt werden zum 'Wohle der Zöglinge'. Bei der Durchsetzung von Spielregeln sind diese Mittel hingegen meines Erachtens immer dann legitim, wenn der 'Mitspieler' freiwillig mitspielt und auch jederzeit aus dem Spiel aussteigen kann bzw. Kenntnis davon hat, wie Spielregelen geändert werden können. Wenn jemand nicht mit einer Fünf, sondern mit einer Vier das Haus verlassen möchte beim 'Eile mit Weile', so kann diese Regel problemlos geändert werden, wenn alle Mitspieler einverstanden sind. Die Änderung demokratischer Spielregeln unterliegen demselben Grundprinzip. Die Komplexität der Spielstruktur in einem so grossen Kollektiv verlangsamen und komplizieren den Änderungsprozess zwar, und es gibt in der Regel Grenzen bei den Grundfesten, auf denen ein politisches System steht. So ist es in den meisten Demokratien unmöglich, per Volksabstimmung die demokratische Staatsform völlig abzuschaffen, aber schleichend und schrittweise findet dies längstens auch bei uns statt. Aber dass die vom Kollektiv einverständlich bzw. mehrheitlich abgesegneten Spielregeln auch mittels Androhung von Nachteilen mit dem Ziel der Spezial- und Generalprävention und wenn nötig mit Zwang und Gewalt durchgesetzt werden, ist meines Erachtens eben genau dann legitim, wenn der 'Spieler' die Möglichkeit hat, das 'Spielfeld' - im politischen Falle: das Land, die Nation - zu verlassen und sich ein anderes auszusuchen - aber nicht erst, wenn er die geltenden Regeln verletzt hat, sondern zuvor, wenn er von ihnen Kenntnis nimmt. Dies ist allerdings nicht bei allen Kollektiven gegeben. In Diktaturen wie z.B. China, Nordkorea oder religiös-fundamentalistisch regierten Staaten ist schon die Kenntnisnahme der nötigen Grundregeln durch Zensur erschwert bis verunmöglicht. Dass gerade in solchen Staaten Drohung, Zwang und Gewalt an der Tagesordnung sind, nimmt diesen Mitteln aus meiner Sicht jegliche Berechtigung.

Eine delikate Mischung von Demokratie und Diktatur finden wir in der Regel in Familien und Ausbildungsstätten an. Je nach Alter haben die Heranwachsenden keine oder nur sehr beschränkte Möglichkeiten, das Vermittelte kritisch zu hinterfragen, eine Abänderung der Regeln vorzuschlagen oder gar aus Spielen auszusteigen, mit deren Regeln sie nicht einverstanden sind. Umgekehrt ist es nie leichter, die natürliche Zuwendung der Kinder zu ihren Eltern und das meist anfänglich naive Vertrauen in die Kompetenz von Lehrkräften zu missbrauchen, als wenn die Kinder noch klein vertrauensvoll und glaubensselig sind. Gerade diese Formbarkeit, diese Beeinflussbarkeit reizt die sogenannten 'Erziehungsberechtigten' zum Missbrauch ihrer Position und ihrer Macht. Anstatt den für beide Seiten viel anstrengenderen Weg der Motivation, der Offenlegung der Angebotspalette von Werten, Denkformen und Welterklärungsmodellen zu gehen, wird oft mit plumpesten Mitteln indoktriniert, werden 'Werte' eingepaukt, oft in rüdem Kontrast zu denjenigen, die vorgelebt werden. Dieses Missverhältnis ist allerdings bereits wieder eine Chance für die Heranwachsenden, da sie die Relativität der suggestiv als hohe Werte angepriesenen Tugenden durchsichtig werden lassen. Bei mir geschah dies anlässlich einer Debatte mit meinem Vater im frühen Pubertätsalter. Ich berief mich auf das christliche Gebot der Nächstenliebe um zu begründen, warum ich eben nicht nur eine ausgewählte Dame, sondern unzählige lieben würde, ja auch bereits verstorbene Männer wie den damals schon hoch verehrten Johann Sebastian Bach, in dessen Musik ich mich stundenlang liebestrunken versenken konnte. Nun sähe ich aber, dass in unserer Gesellschaft das Gegenteil dieser hochgepriesenen Tugend gelebt werde, ja dass Viel-Liebe sogar suspekt sei, zumindest weniger akzeptiert als 'Viel-Hass'. Mein Vater versuchte mir klar zu machen, dass es bei der christlichen Nächstenliebe um ein für uns eigentlich unerreichbares Ziel, um eine innere Haltung und nicht um ein äusseres Tun gehe, um die bedingungslose Agape, die Gnade, mit der Gott auch den grössten Verbrecher nicht fallen lasse - doch er überzeugte mich nicht mit dieser Unterscheidung in 'gelebte, und damit von Eros kontaminierte Liebe' und dieser 'inneren Haltung'. Ich konterte, eine 'innere Haltung' nütze wenig, wenn wir nicht versuchten, sie in unserem Leben zu verwirklichen, und es sei egal, ob wir dabei nicht ans erstrebte Ideal herankämen, Hauptsache, wir würden es wenigstens versuchen. Er bestritt dies nicht, gab aber zu bedenken, dass die Bedingungslosigkeit, die das Wesensmerkmal der Agape sei, uns Menschen überfordere, da wir bedingte Wesen seien, an Zeit, Raum, unseren Körper, unser beschränktes Potenzial und an die Vergänglichkeit gebunden seien und es deshalb kluger sei, sich auf eine tiefe Beziehung einzulassen anstatt auf unzählige oberflächliche. Im jugendlichen Ungestüm verwarf ich diese Lösung natürlich, da ich glaubte - und bis heute noch glaube, dass die Intensität einer Liebesbeziehung nicht direkt proportional mit der zur gleichen Zeit am gleichen Ort verbrachten Zeit zusammenhänge und dass Oberflächlichkeit sehr wohl oder sogar gerade besonders häufig in langjährigen Ehen und Partnerschaften vorkomme.

Entscheidend für unseren thematischen Zusammenhang ist an der Geschichte aber, dass mein Vater mir seine Werte nur vorstellte, sie mir aber nicht aufzwang. So konnte ich in Eigenverantwortung meine eigene Position finden und zu leben versuchen. Es entsprach zutiefst dem, was ich oben unter Punkt 3. meiner These als Alternative zum gängigen Erziehungsmodell postulierte.

Die Denk-Aufgabe bestünde nun darin, sich auf die eigenen Erfahrungen als Erzogener bzw. als Erzieher zu besinnen und je nach Einsichten, die sich aus der Beschäftigung mit dem Thema ergeben, allenfalls Korrekturen an letzterer Rolle vorzunehmen. Auf engagierte Plädoyers für die zwangsweise Wertevermittlung oder für die Erhaltung des Konzeptes Viel-Hass JA, Viel-Liebe NEIN, aber auch auf ergänzende oder gar zustimmende Voten freut sich wie immer: info@marpa.ch