Denk-Aufgabe 1006 vom 30.9.2010

 

Dialog auf Augenhöhe

Die Evaluierung der jeweils gerade richtigen, stimmigen Distanz zwischen zwei sich getrennt wahrnehmenden Entitäten besteht in einem - meist nonverbalen - Kommunikationsprozess. Behindert wird der Dialog am meisten durch die anthropozentrische, rassistisch-fundamentalistische und ich-trunkene Illusion der meisten Menschen, nur sie seien kommunikationsfähig oder - in der milderen, aber immer noch von abenteuerlicher Dummheit triefenden Variante - nur sie könnten bestimmen, welche anderen Entitäten in welchem Mass und mit welchen Mitteln kommunikationsfähig seien. Es ist die durch Jahrtausende vor allem im christlichen Abendland kultivierte Arroganz der Menschen, die Welt sich 'untertan zu machen', sie als Servicestation, als Ersatzteillager, als Konsumtempel anzuschauen, die das Kommunizieren auf Augenhöhe, den partnerschaftlichen Dialog mit allem, was man wahrnimmt, für den Grossteil der nackten Affen so unsäglich erschwert. Dabei würde bereits eine nüchterne Vor-/Nachteil-Analyse zeigen, dass sich diese Überhöhung der eigenen Species nicht lohnt, schon gar nicht auf die Dauer. Denn wie uns das die Krebszellen so wunderschön deutlich spiegeln: wenn sich Einzelteile in einem komplexen, vernetzten System abkoppeln von dem, was für das ganze System förderlich ist, wenn sie sich als Dominatoren, als Chefs aufführen, sich rücksichtslos vermehren und ungefragt an jeder Ecke Filialen bzw. Metastasen eröffnen, dann geht eben nicht nur der Wirt, der Körper, der Planet ein, sonder die arroganten Abkoppler mit ihm.

Wer je in einer straffen Hierarchie eine Funktion innehatte, weiss, dass in einem vertikalen System nicht dialogisch-partnerschaftlich kommuniziert wird, sondern dass hier die sogenannte einseitige Übermittlung vorherrscht ( was nur ein Euphemismus für den Befehl ist, der nicht auf ein Gespräch, sondern höchstens auf eine Quittierung wie 'Verstanden' und vor allem auf ein Verhalten abzielt, das den Inhalt des Befehls umsetzt). Genau so geht der Mensch nicht nur mit dem Planeten und all seinen nicht-menschlichen Bewohnern um, sondern überall, wo er kann, auch mit Seinesgleichen. Wo zwei oder drei beisammen sind, da geht's zwar nicht immer gleich fromm zu und her, aber es wird bestimmt sofort eine hierarchische Struktur erstellt, und sei es auch eine inexplizite. Ob das in der Natur des Menschen liege, wie z.B. der Trieb, immer dann, wenn er den Drang verspürt, seine Notdurft zu verrichten, dies auch sofort ohne Umschweife zu tun, oder ob es doch vor allem eine Prägung der im Dunstkreis des idiotischen Bibelsatzes 'Machet euch die Erde untertan' sozialisierten 'Abendländer' sei, können wir getrost den Soziologen späterer Jahrhunderte überlassen, so es sie denn noch gibt (die Jahrhunderte mit lebenden Hominiden, die sich der Soziologie verpflichtet wissen), mich führt die Beobachtung zu folgender, leicht ätzender These:

Kultur beginnt mit dem Kommunizieren auf Augenhöhe.

Damit wären alle Aktivitäten in vertikal-hierarchischen Strukturen ausserhalb des Kulturbegriffs anzusiedeln. Rücksichtsloses Benutzen von Wesen und Dingen kann durchaus Phänomene erzeugen, die gemeinhin als Kunst verhökert und als 'Kultur' bezeichnet werden. Die These will den Fokus auf den Dialog legen, auf die Kommunikation mit dem Gegenüber, sei es Wesen oder Ding. Zivilisation als äusserlich sichtbarer, bescheidener Ausdruck von Kultur beginnt ja für viele auch dort, wo man eben nicht einfach in die Zimmerecke pinkelt, wenn einem danach ist, sondern dazu vorgesehene und geeignete Lokalitäten aufsucht. Genau so meine ich es mit der Kultur im Grossen: condition sine qua non ist der Dialog mit dem Wahrgenommenen. Und damit Dialog möglich ist, braucht es eine minimale Empathie, eine hierarchiefreie Zuwendung auf Augenhöhe, die man auch mit den Begriffen Rücksicht, Respekt, Achtsamkeit umkreisen könnte. Dies scheint mir die beste Haltung zu sein, wenn man so wenig weiss über Bewusstsein und Kommunikationsprozesse bei dem von uns Wahrgenommenen. Solange wir nicht wissen, ob eine andere Entität, z.B. ein Fluss, ein Berg, ein Baum über Bewusstsein verfügt und wenn ja über was für eine Art von Bewusstsein, solange wir auch nicht mehr über die Kommunikationsmöglichkeiten anderer Entitäten wissen als das, was wir selbst schon direkt erlebten oder wovon uns andere berichteten, sollte uns dieses sokratische Nichtwissen in eine neugierig-abenteuerliche Haltung von Zuwendung und Kommunikationsversuch schubsen. Wenn man beispielsweise einem Baum nicht nur als Pinkelgelegenheit, Schattenspender oder Papierlieferanten begegnet, sondern als Mitwesen, das vielleicht schon viel länger da ist als wir und das uns auf seine Weise etwas 'erzählen' und unser Sosein spiegeln kann, so wird es nicht nur unheimlich spannend, sondern es beginnt auch das, was ich mit meinem Kulturbegriff meine: das einzige Hindernis, dass es zu einem Austausch, zu einem echten Dialog kommt, ist, wenn wir es für unmöglich halten und nicht zulassen, wenn wir gar nicht bereit sind, uns auf die Suche nach dem gemeinsamen Draht, der funktionierenden Kommunikationsschiene zu begeben. Der alte Marpa-Aphorismus, dass es Grenzen nur dort gibt, wo wir sie ziehen, gilt ganz besonders bei der Kommunikation. Wer überzeugt ist, dass man mit einem Tier, einer Pflanze, einem Fluss oder sonst irgendeiner wahrgenommenen Entität nicht kommunizieren kann, wird so wenig Kommunikationserfahrung machen wie der, der den Radioempfänger für ein totes Stück Kunststoff hält und weder bereit ist, ein paar Schritte aus dem Zivilschutzbunker hinaus zu treten, noch willens, mit feiner Hand die Frequenzen abzusuchen. Wer sich umgekehrt auf ein Gegenüber einlässt, kann erleben, dass sich das vermeintliche Objekt als ein mit uns verknüpftes, dialogfähiges Subjekt entpuppt

Und die Denk-Aufgabe? - Just try! Am besten eignen sich Entitäten, mit denen wir uns berufs- oder hobbybedingt sehr intensiv auseinandersetzen. Wenn der Schreiner Holz nicht einfach als toten Werkstoff, sondern als lebendiges Gegenüber betrachtet und die Bearbeitung als Dialog zu erleben versucht, kann's bereits gelingen. Über Kommunikationserfolge, aber auch über Protestgeheul solcher, die dem Primat über die Primaten nachtrauern, freut sich wie immer: info@marpa.ch