Denk-Aufgabe 1007 vom 1.11.2010

 

Freude an der Gewalt

 

Warum ist Freude an der Gewalt das unter Menschen am weitesten verbreitete und am häufigsten zu beobachtende Phänomen, ja vielleicht sogar das, was den Menschen unter allen Tieren am treffendsten kennzeichnet - 'Homo destruens' statt des überheblichen 'sapiens'? Eigentlich ist es trivial: der vom Mutterleib abgenabelte Mensch beginnt langsam wahrzunehmen. Um seine Wahrnehmungen irgendwie einordnen zu können, spielt er mit ihnen herum und erkennt bald, dass er mit 'Rummachen' auf Wahrgenommenes einwirken, es verändern kann. Er erlebt auch, dass ein Teil des 'Rummachens' angenehme, ein anderer Teil unangenehme und ein grosser Teil überhaupt keine direkten Körpergefühle auslöst. Der Spass an diesem ersten, ganz ohne fremde Hilfe erkannten Einteilungsprinzip ist bei den meisten kleinen Menschlein gross und sie schicken sich an, die wahrgenommene Welt aufgrund dieser Einteilung zu erforschen und zu memorieren. Bald kommt es zu ersten Konfliktsituationen: Das Saugen an der Mutterbrust und das Schlucken der Milch, das warmnährende Gefühl der Flüssigkeit im Bauch scheint für das Baby zu den angenehmen Körpergefühlen zu zählen. Die Saugerei gehört also offenbar zu dem Teil des 'an der Welt Rummachens', der für den Säugling positiv konnotiert ist. Was aber, wenn da plötzlich nix mehr kommt, die Milch alle ist oder die Mutter nur schon die Brust wechseln will? Da wird lautstark protestiert und dann vielleicht mal probeweise etwas härter zugepackt. Sobald kleine scharfe Milchzähne vorhanden sind, hat diese Art des 'Rummachens' an der nächsten Umwelt bereits die Züge von Gewaltanwendung. Der Säugling will sein Bedürfnis stillen, die Verfügbarkeit des Begehrten möglichst lange sichern und greift dabei zu den Mitteln, die er gerade zur Verfügung hat. Der allfällige Schmerzensschrei der Mutter kann nun eine ganze Palette von Gefühlsreaktionen auslösen beim Säugling, von "Geschieht ihr Recht. Sie soll sich hüten, mir noch jemals schlappe Titten anzubieten oder halbgefüllte zu entziehen!" über "Naja, sorry, war ja nur eine Warnung!" bis zu "Uuh ich wollte dir doch nicht wehtun, nur kucken, ob Beissen was bringt!" - In allen Fällen ist damit die Basis für verschiedenste Muster lebenslänglichen 'Rummachens an der Welt' gelegt. Allen gemeinsam ist die je nachdem als beglückend oder erschreckend eingestufte Erkenntnis, dass Gewaltanwendung das Wahrgenommene sichtbar, hörbar, spürbar - und meist sehr schnell verändert. Keine andere Art des 'Rummachens' oder schlicht 'Machens' führt so direkt zum Machterlebnis und damit zur Selbstvergewisserung wie die Anwendung von Gewalt.

Destruo, ergo sum
So nett und einleuchtend Descartes These 'Cogito, ergo sum', also in etwa 'Ich denke, zweifle, also bin ich' auf Anhieb klingt - sie ist doch reichlich akademisch, zumal es die wenigsten Menschen überhaupt je bis zum Entwicklungsstand autonomen Denkens schaffen ("Denken ist grundsätzlich allen Menschen möglich. Vielen aber bleibt es erspart." Curt Goetz). Gewaltbereitschaft ist hingegen nicht nur allen Menschen möglich. Sie bleibt auch keinem erspart. Denn es ist immer nur eine Frage der Optik, ob irgendein 'Rummachen' von irgendeiner davon betroffenen Entität als Gewalt erlebt wird oder nicht. 'Destruo, ergo sum!' wäre deshalb die meines Erachtens treffendere Variante des Descartes-Sprüchleins: 'Ich zerstöre, ich wende Gewalt an, also bin ich!' Es ist dieses Grunderlebnis der Fähigkeit, etwas weg zu machen, etwas davon zu jagen, etwas in der Form zu verändern, auf etwas Wahrgenommenes so einzuwirken, dass es kaputt geht, mit Schmerz, Leblosigkeit oder Verschwinden reagiert, das dem Menschen immer wieder versichert: 'Es gibt dich! Denn gäbe es dich nicht, wären alle diese Wirkungen auf die von dir wahrgenommene Welt ausgeblieben!' Der grosse Vorteil dieser Art von Selbstvergewisserung gegenüber der Descarteschen Denk- oder Zweiflerei ist die Verzahnung (sic!) mit dem als 'Aussen', als 'Nicht-Ich' Wahrgenommenen. Der Zweifelnde erhält kein Feedback von sich selbst zur Frage, ob seine Zweiflerei nur Traum, nur realitätsfernes Hirngespinst sei. Das 'Ich bin!' des Denkzweiflers bleibt im Kokon des eigenen Bewusstseins stecken. Der Protagonist tritt nicht in Kontakt mit dem Wahrgenommenen - er zweifelt nur an seiner Wahrnehmung und an der Interpretation, was ich für äusserst wertvoll halte - aber nicht der Bestätigung des 'Ich bin' dienend. Der Gewalt Anwendende hingegen, der 'Homo destruens' tritt in Kontakt mit dem Wahrgenommenen. Wenn es auf seine Gewaltanwendung reagiert, bestätigt ihm das, dass er zumindest nicht allein ist in seinem Wahrnehmungsraum, dass es so etwas wie Mitspieler hat, auf die er einwirken kann. Aus der Reaktion des Wahrgenommenen auf seine Gewaltanwendung schliesst er zurück auf seine Existenz; sie plausibilisiert seine These des 'Ich bin'. Noch stärker wird diese Gewissheit, wenn er auch Gewalt an sich selbst erlebt, sei es, dass er sie selbst gegen sich anwendet, sei es, dass etwas Wahrgenommenes gegen ihn Gewalt anwendet. Aktives und passives Machen - und Machen hat immer einen Gewaltaspekt, wie zu zeigen sein wird - wären also die sichersten Methoden der Selbstvergewisserung. Natürlich liefert auch die aktive und passive Gewalt keine Sicherheit über das Mass an 'Realität' dieses 'Ich bin'. Es könnte immer noch ein gigantisches Spiel, ein Albtraum, eine Schimäre sein, die sich nur in unserem Bewusstsein abspielt, wie das östliche Weisheitslehren postulieren. Aber mit dieser Relativität müssen wir uns abfinden, solange es uns nicht gelingt, über unser Bewusstsein hinaus zu gelangen. Dass dies auf verschiedensten Wegen versucht wurde und wird mit mehr oder weniger Erfolg, sei es mit bewusstseinserweiternden Drogen, mit Musik, Meditation oder mit dem meines Erachtens erfolgversprechendsten, aber nicht so leicht zu behändigenden Mittel, nämlich mit bedingungsloser Liebe, habe ich in anderen Texten zu beschreiben versucht. Hier geht es mir nur um den graduellen Unterschied in der gefühlten Selbstvergewisserung. Ich behaupte, dass aktive und passive Gewalt in ihrer physisch erlebbaren Rohheit das den meisten Menschen am leichtesten zugängliche Mittel der Selbstvergewisserung ist.

Construo, ergo sum?
Menschenliebende Frohnaturen mögen einwenden, das sei doch nur die eine Hälfte des Machens, man müsse doch auch den kreativen Gestaltungswillen, das Konstruktive menschlichen Machens sehen und könne mit gleicher Berechtigung sagen: 'Construo, ergo sum!' - Dagegen spricht die genauere Analyse des 'Konstruierens': dass wir etwas als 'konstruktiv' und damit positiv bewerten, ist eine nachträgliche Wertung eines 'Machens' aus einer ganz bestimmten Sicht. Wenn ich ein neues Haus haben möchte an dem Ort, wo gerade noch ein altes Haus und ein paar Bäume im Weg stehen, so werte ich die Destruktion des Vorhandenen als konstruktiv. Aus der Sicht der Bäume und der ganzen Lebensgemeinschaften in und um die Bäume dürfte die Wertung anders ausfallen. Die Zuordnung der die Wertung umpolenden Vorsilben 'de-' oder 'con-' ist also abhängig vom wertenden Bewusstsein. Was bei einigermassen nüchterner Betrachtung bleibt, ist das 'Rummachen' des Menschen, das immer für irgendeine andere Entität als destruktiv, als Gewaltanwendung erlebt werden kann. Wenn wir Wärme erzeugen, 'konstruieren' wollen und dazu Holz verbrennen, ist es besonders augenfällig, dass das positiv Bewertete, die Wärme, nur über die Zerstörung oder zumindest durch ein massives Eingreifen in den Zustand des Holzes zu haben ist.

Nicht-Menschen = empfindungslose Maschinen?
Aus diesem Dilemma, dass er ohne 'Machen' nicht leben kann, mit jedem Machen aber immer auch zerstört und Gewalt anwendet, rettete sich der Mensch durch die unsäglich faule These, nur er verfüge über die Fähigkeit, Gewalt als Gewalt, Zerstörung als Zerstörung, Schmerz als Schmerz zu erleben. Derselbe Descartes, dem ich oben schon etwas am Zeug herum flickte (jaja, in konstruktiver Absicht, aber mit durchaus zerstörerischer Komponente, wenn ich seinen wohl berühmtesten Satz ersetzen, wegmachen möchte!), ebendieser grosse Descartes, der zum 'Vater des Rationalismus' hochstilisiert wurde, obzwar er eher eso-mässig im Cheminée vor sich hin träumte in seinen 'Meditationes', verstieg sich zur doch recht hanebüchen idiotischen Behauptung, Tiere seien nur Maschinen und hätten keine Empfindungen, seien also auch nicht leidensfähig. Ich erwische mich bei dem leicht sadistischen Gedanken, die Hindus möchten doch Recht haben und der gute René Descartes sei mit diesem grauslichen Karma belastet inzwischen ein paar Mal als Tier zur Welt gekommen und hätte in seinem Cheminée bei lebendigem Leib gebraten um zu erfahren, wie strohbohnenblöd seine Behauptung war, die leiderleider bis heute noch in leicht abgeschwächter Form unseren gewalttätigen und Empathie-armen Umgang mit den Tieren prägt. Auch und gerade die Wissenschaft, die im Solde von Pharma-Unternehmen viele Batzelis verdient, indem sie Medikamente und Hygieneprodukte in grausamsten Tests an Tieren ausprobiert, vegisst die wissenschaftliche Grundhaltung der Unvoreingenommenheit, wenn es um die Fragen nach der Empfindungsfähigkeit nichtmenschlicher Entitäten geht. Anstatt zuzugeben, dass wir schlicht nicht wissen, was welches Tier, welche Pflanze, welche Entität überhaupt in welcher Situation wie wahrnimmt, dass wir es nur immer wieder herauszufinden versuchen können, indem wir mit Tieren, Pflanzen, Dingen kommunizieren, blenden die Wissenschaftler das wenig Ruhm und noch weniger Geld einbringende Thema lieber aus, überlassen es den wenigen angefressenen Ethologen. Hier, im Umgang mit dem Tier als dem uns ähnlichsten Wahrgenommenen, läge meines Erachtens ein Schlüssel zu einem bewussteren, reiferen Umgang mit dem Dilemma der Gewalt, das uns vor die Wahl stellt, zu leben und damit ständig auch zu zerstören, oder mit dem Verzicht auf das Zerstören auch auf das Leben zu verzichten.

Der Motivation auf der Spur
Es lohnt der Versuch, das bluttriefende und in der Regel negativ konnotierte Wort 'Gewalt' also angesichts ihrer Unentrinnbarkeit als 'conditio humana' etwas von der Wertung zu befreien - oder den Begriff nur für den Teil des 'Rummachens' des Menschen an der Welt zu verwenden, wo die Zerstörung, das Wegmachen, das Leidzufügen sich als Motivation, als Ziel und Zweck des Machens verselbständigt. Wenn das Ziel des Säuglings die Sättigung ist und er begreift, dass er das Ziel gerade nicht erreicht mit Beissen und Brüllen, sondern im Gegenteil mit zärtlicher Zuwendung, wird er das für Mutter und Kind letztlich als 'konstruktiv' bewertete 'Rummachen' an den Brüsten wählen. Wenn sein Ziel aber nur das Machterlebnis ist, dass er mit dem Zubeissen nämlich eine Schmerzreaktion bei dem doch viel grösseren Wesen 'Mutter' auslösen kann ohne dass er durch Körpersprache in diesem Vorgehen beeinträchtigt wird, dann ist der Grundstein für das Phänomen der 'Freude an der Gewalt' gelegt und die Chancen sind gross, dass das Muster sich lebenslänglich in allen möglichen Facetten wiederholt.

Achtsamkeit beim 'Machen'
Kriterium für meine subjektive und relative Wertung der unvermeidbaren Gewalt, die in jedem Akt des Machens liegt, wäre also die Verselbständigung der Freude an der Gewalt als Selbstzweck. Und die Kompetenz, um bei jedem Akt des Machens, sei er äusserlich oder innerlich, zu unterscheiden, ob die von uns angewendete Gewalt und die von uns bewirkte Zerstörung wirklich unabdingbar sind für unser Überleben und das derjenigen Entitäten, für die wir Verantwortung übernommen haben, wäre die Achtsamkeit. Auch wer achtsam und bewusst einen Fuss vor den andern setzt, zerstört Kleinstlebewesen, auch wer achtsam einen Kopfsalat erntet, köpft ihn, trennt ihn von seinem Lebensumfeld, aber er kann es bewusst, liebevoll und mit Dankbarkeit tun, dankbar, dass der Boden ihn trägt, dankbar, dass Gewachsenes ihn nährt - und immer bewusst, dass das Werden des einen das Vergehen des anderen bedingt. Mit dieser Haltung träte vielleicht auch die Hybris des Menschen etwas in den Hintergrund, die lächerliche Vorstellung, er sei das einzige Wesen, das sich diesem Werden und Vergehen entziehen könne, dieses hysterische Kämpfen gegen das Vergehen, gegen Alter und Tod, an dem viele bis heute den 'Fortschritt' messen ("Heute kann man mit gesunder Ernährung, Sport und Spitzenmedizin locker 120 werden! Bald sind wir dank Gentechnologie und Klontechnik unsterblich....").

Vertrauen in die Sinuskurve
Aus einer Sicht, in der alles mit allem verbunden ist, der Mensch nicht in einer Hierarchie zuoberst steht, sondern mit allem, was ist, in ein grosses Netz eingeflochten ist, sind diese kindlichen Allmachts- und Fortschrittsphantasien ein Hinweis auf das spirituelle Tief, in dem die Menschheit gerade dümpelt, auf die Unreife des Mainstream-Denkens und -Wollens. Aber da sich bislang alle beobachteten Prozesse als wellenförmig erwiesen, wird es auch aus diesem wohl stumpfsten Zustand, in dem sich die Zweibeiner je befanden, eines Tages einen Aufschwung geben.

Und die Denk-Aufgabe? - Suchen Sie die ideale Distanz zu sich selbst (DA 1006) und schauen Sie sich doch einmal beim 'Rummachen' an sich und der Welt zu. Prüfen Sie ganz genau, wo welche Art von Freude an dieser 'Rummacherei' aufkommt. Das kann beim Jäten sein, beim Schnetzeln von Gemüse in der Küche, beim Entlassen von Mitarbeitern, beim Richten und Bewerten des Tuns anderer, aber auch beim sich Quälen im Fitnessraum oder beim Jogging: Wo geht es wirklich um das Ziel, um die als unabdingbar eingeschätzte Gestaltung des eigenen Körpers, des eigenen Denkens oder eben des im Aussen Wahrgenommenen. Und wie gross und wie selbständig ist dabei die Freude am Zerstören, am Gewalt anwenden, am Schmerzen bereiten? Bevor Sie sich aufgrund des Erkannten Gewalt antun, melden Sie sich doch noch schnell bei mir. Wenn Sie mir die Schuld an Ihrer Verwirrung in die Schuhe schieben können, wäre das vielleicht ein letztes Mal 'Freude an der Gewalt' :-)
info@marpa.ch