Denk-Aufgabe 1008 vom 21.11.2010

 

Notate zu Liebe, Lust und Ehe

1. Agape-Liebe
Es gibt wohl kaum ein Wort, das massloser missbraucht wird als 'Liebe'. Der Zweisilber muss herhalten für alle möglichen Formen von Triebbefriedigung, Habgier, Lust und Kontrollwahn, für die Legitimation eiskalter Vertragsklauseln, für ökonomische Tricks, Betrug, arglistige Täuschung und Freiheitsberaubung. Da der Missbrauch quantitativ den Gebrauch um ein Vielfaches übersteigt, empfiehlt es sich, für das ursprünglich damit Gemeinte eine andere Vokabel zu bemühen. Ich schlage das griechische Wort für die bedingungslose Liebe vor, die AGAPE
(Betonung auf der zweiten Silbe, das Schluss-'E' ist im Griechischen ein 'Äta', das einem offenen 'e' wie in 'Kern' bzw. einem 'ä' wie in 'mähen' entspricht).

Das, was Kitsch, Boulevard, Pop und Popen dem thumben Volk als 'Liebe' verklickern, hat mit vertraglich nicht vereinbarten Ansprüchen, überquellender Ausschüttung egozentrischer Gefühle, schlecht kaschierter Besitzgier, hinterhältiger Freiheitsberaubung und ökonomisch motiviertem Betrug, aber auch mit schlichter Lust viel, mit dem, was grosse Meister als 'bedingungslose Liebe', als Agape lehrten, rein gar nichts zu tun.

2. Bedingungen und Anmassung
Je mehr die Liebe von ihrer wichtigsten Qualität, der Bedingungslosigkeit, verliert, desto grösser wird die Anmassung dem 'geliebten' Wesen oder Ding gegenüber. Es gibt nichts Anmassenderes als 'Liebe', die besitzen will. Besitz, Verfügbarkeit und Kontrolle sind die häufigsten Bedingungen, die 'Liebende' dem 'geliebten Objekt' aufzuzwingen versuchen – sie sind auch die tödlichsten.

Liebe, die nicht bedingungslos ist, sollte bewilligungspflichtig sein. Bei allem, was unter dem Etikett 'Liebe' firmiert, ohne bedingungslos zu sein, sollte das vermeintliche liebende Wesen das vermeintlich geliebte Wesen oder Ding um Erlaubnis bitten. Wer behauptet, der an Bedingungen geknüpfte Impetus, mit dem er auf irgendein Wesen, eine materielle Entität, eine Sache, eine Idee, einen ideologischen Furz losbraust, sei 'Liebe', sollte das fokussierte Objekt in dessen Sprache höflich anfragen, ob es wirklich mit diesem explosiven Gefühlsgemisch aus Gier, Berechnung und Rücksichtslosigkeit überschüttet werden will.

3. Die Ehe - ein unsittlicher Vertrag
Je mehr Bedingungen, desto kleiner die Liebe. – Und umgekehrt: Je grösser die Liebe, desto geringer die Anzahl Bedingungen, an die sie geknüpft ist. So gesehen wird schnell klar, dass Ehen und eheähnliche Partnerschaften Lichtjahre vom Phänomen der Liebe entfernt sind. Denn bei keiner Beziehung zu einem Wesen, einem Ding, einer Sache, einem Gedanken, einer Idee werden mehr Bedingungen gestellt als bei der Ehe.

Das Eingehen einer Ehe ist ein mit mehr oder weniger gefühlsduseligem Kitsch und pseudoreligösem Brimborium angereicherter privatrechtlicher Vertrag, vergleichbar der Gründung einer Handelsgesellschaft. Nur dass der schlauere Vertragspartner – meistens die Frau – den dümmeren – meistens der Mann – oft sehr geschickt in einen erstaunlicherweise bis heute nicht einklagbaren Zustand verminderter Zurechnungsfähigkeit manövriert, in dem selbiger das Kleingedruckte des Commitments nicht oder zumindest nicht in seiner Tragweite zur Kenntnis nimmt. In der Regel bringt sie ein Produkt in die Gesellschaft ein, das mit Qualitäten angereichert ist, die eine rasend kurze Halbwertszeit haben. Es sind aber genau diese Produkte-Eigenschaften, die den Mann in diesen Zustand verminderter Zurechnungsfähigkeit versetzen, die ihn wie einen unter Drogen Stehenden, einen schwerst Betrunkenen Verpflichtungen auf sich nehmen lässt, die er in nüchternem Zustand nie eingehen würde. Das grausliche Erwachen kommt dann nach Ablauf dieser so ultrakurzen Halbwertszeit und er erkennt, dass er für das nun bereits nicht mehr 'angereicherte' - um in der Sprache der Kernspaltung zu bleiben - Produkt nicht nur lebenslänglich, sondern trotz Abnahme des dafür Erhaltenen sogar noch sukzessive mehr leisten soll. Diese indirekte Proportionalität zwischen den Leistungen der Vertragspartner ist in der Marktwirtschaft einmalig und verdient deshalb einen Platz in der Geschichte der unsittlichen Verträge. Die Erfolgsgeschichte dieses stossenden Vertrags entbehrt nicht der Ironie, da dahinter zumindest im christlichen Abendland die unheilige Allianz zwischen der zutiefst frauenfeindlichen katholischen Kirche und linksfeministischen Kreisen steht, die beide zusammen nicht davor zurückschrecken, alle Männer, die nach der Entdeckung ihrer hanebüchenen Blödheit aus dem miesen Handel aussteigen wollen, der Unsittlichkeit zu bezichtigen.

4. Absurdes im Kleingedruckten
Ob ein Commitment, das Bekenntnis zu einer vertraglichen Verpflichtung, mit mehr oder weniger Gefühlsduselei verbunden ist, zählt für den (Vertrags-)Partner wenig. Was zählt, ist die Qualität und die Verlässlichkeit, mit der er oder sie die eingegangenen Verpflichtungen einhält. In einem Familienprojekt beispielsweise kann der prioritäre Einsatz für das Wohl der Familie und die Lebens-Chancen des Nachwuchses zu diesen Kernverpflichtungen zählen. Im Zusammenhang mit einem solchen Projekt gehört zum Kleingedruckten oft die nachgerade absurde Verpflichtung, dem Vertragspartner das Recht zuzubilligen, als einziger ausser dem Körperinhaber gewisse eigene Körperteile zu benutzen. Der Gipfel dieser menschenrechtsverachtenden Entäusserung der Selbstbestimmung ist, dass der Körperinhaber von dieser Verpflichtung auch nicht entbunden ist, wenn der Partner über Jahre hinweg nicht das geringste Interesse an der ihm und ausschliesslich ihm zustehenden Benutzung dieser Körperteile hat. Einzig die mehrtausendjährige Gewohnheit hindert halbwegs vernünftig Denkende wohl daran, die Absurdität dieser Verpflichtung zu erkennen. Dass rund 50% der Ehen oder 'Familienprojekte' meist einzig wegen dieses stupiden Vertragselements scheitern, hat bislang nicht ausgereicht, um es zu hinterfragen oder aus Menschenrechts-Gründen auszuschliessen.

5. Befohlene Lust
Ehen und eheähnliche Zweierkisten scheitern daran, dass Lust zu einem unabdingbaren Vertragsbestandteil gemacht wird. So dumm ist kein Arbeitgeber und auch sonst kein Vertragspartner in der Marktwirtschaft, dass er die Vertragserfüllung daran knüpft, dass die Leistungen der Vertragsparteien mit 'Lust' erbracht werden müssen. Das, was in Ehen und eheähnlichen Partnerschaften fälschlicherweise als 'Liebe' bezeichnet wird, ist aber nur Lust. Wenn ein Ehepartner zum Beispiel nach 10 Jahren keine Lust mehr hat auf Sex mit seinem Partner, dann wird dies als mangelnde Liebe und als Nichterfüllung des Vertrages eingeklagt, auch wenn er bzw. sie allen anderen Verpflichtungen aus dem Vertrag mustergültig nachkommt. Vertragliche Verpflichtung auf Lusthaben ist nicht nur dumm, es ist meines Erachtens auch zutiefst sittenwidrig und verstösst gegen das Grundrecht auf Selbstbestimmung. Ein Arbeitsvertrag wäre bestimmt ungültig, in dem der Arbeitnehmer sich verpflichtete, seine Arbeit immer mit Lust zu verrichten und die mangelnde Lust an der Arbeit - bzw. noch schlimmer: die in der Freizeit beim Hobby festgestellte Lust – trotz perfekter Arbeitsleistung ein Kündigungsgrund wäre.

6. Das faule Argument mit dem seelischen Schmerz
a) Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten bei PepsiCola Inc., haben aber ständig Lust auf CocaCola. Nehmen wir weiter an, Sie seien ein ausgezeichneter Mitarbeiter. Der Arbeitgeber könnte Ihnen nun das Coca-Trinken am Arbeitsplatz verbieten. Er könnte auch zum Ausdruck bringen, dass es ihn schmerzt, dass einer seiner besten Mitarbeiter keine Lust auf das Produkt des Hauses hat. Aber er könnte Ihnen weder diese Lust noch das Trinken von Coca ausserhalb des Unternehmens verbieten. Und wenn er Sie deswegen entliesse, müsste man doch an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln, oder nicht? Ganz absurd wäre nun aber, wenn der Arbeitgeber Ihnen nicht nur Coca verböte, sondern auch kein Pepsi zu trinken gäbe - mit dem hinreissenden Argument, Sie hätten ihm mit der Lust auf Coca und der Tatsache, dass Sie ausserhalb des Unternehmens Coca tränken, so tiefen seelischen Schmerz zugefügt, dass Sie nun auch kein Pepsi mehr kriegten... Wahrscheinlich würden Sie diesen Arbeitgeber in der Klapsmühle anmelden, geschlossene Abteilung, oder nicht? Nun: ersetzen Sie einmal 'Pepsi' durch... na Sie wissen schon.

b) Fast noch schöner ist der Missbrauch des Arguments mit dem seelischen Schmerz, wenn es als Drohung präventiv vorgebracht wird. Im obigen Beispiel würde der Pepsi-Arbeitgeber Ihnen bereits bei der Vertragsunterzeichnung androhen, dass er - sollten Sie je Lust auf CocaCola haben und diese Lust auch zum Ausdruck bringen oder gar ausagieren, indem Sie irgendwo auf der Welt zum CocaCola griffen, dass solches Verhalten ihm derartige seelische Schmerzen bereiten würden, dass er sich ausserstande sähe, Sie weiterhin im Unternehmen Pepsi trinken zu lassen und - im Wiederholungsfalle - er sich genötigt sähe, das Arbeitsverhältnis aufzulösen. All dies würde er selbstverständlich nicht aus der Position des drohenden Machthabers, sondern aus der Position des Opfers ausdrücken, dem seelische Schmerzen zugefügt werden könnten, falls Sie Ihre Lust auf markenfremde Getränke je nicht bezähmen können sollten.

7. 'Treue'?
'Treue' steht nicht weit hinter 'Liebe' auf der Rangliste der meist missbrauchten Wörter. In den meisten Fällen dient der mittelalterliche Begriff (trûwe), der die Loyalität des Untergebenen gegenüber seinem adligen Dienstherrn bezeichnete, der Verbrämung von ziemlich 'parterrigen' Auswüchsen von Unsicherheit, Machtgier und Kontrollwahn. Was in heutigen Arbeitsverträgen eher mit nüchterneren Begriffen wie 'Loyalität' und 'Konkurrenzverbot' verlangt und oft mit saftigen Konventionalstrafdrohungen abgesichert wird, wird in partnerschaftlichen Abmachungen oder Eheverträgen gern euphemistisch mit dem Hochwertwort 'Treue' kaschiert. Im nach wie vor christlich geprägten Abendland hallt immer noch die Drohung des alttestamentarischen Diktator-Gottes nach: "Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!" (was für ein lächerlich unsicherer Gott, der mit der Drohung wie ein schäbiger Gewaltherrscher ja implizit eingesteht, dass er durchaus Konkurrenz hat im Chef-Himmel, sonst müsste er ja seinen Untertanen nicht verbieten, sich umzusehen, ob da nicht noch etwas lebensfröhlichere Gestalten auszumachen seien, wie z.B. im griechischen Olymp! Da waren eindeutig noch weniger gewiefte Machtstrategen am Werk als bei der katholischen Kirche). Aus der Sicht des Machthabers, sei er nun ein religiöser, politischer, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher oder künstlerischer Macho, ist die Forderung nach Treue, Loyalität, Gehorsam banal und einleuchtend. Deshalb versucht jeder rechte Diktator, möglichst auch die Gedanken und Gefühle seiner Manipuliermasse zu kontrollieren. Eines der genialsten Mittel zur totalen Kontrolle ist meines Erachtens die katholische Beichte. Daneben nimmt sich 'Big brother is watching you' und das ganze Gezeter um den 'gläsernen Bürger' bzw. Konsumenten geradezu lachhaft harmlos aus. Wenn es um das Verfügbarmachen von Geist, Seele und Körper anderer geht, um das Geradebiegen seiner Gedanken und Gefühle, um das Lenken und Beherrschen seiner Diskurse, um die Implementierung der eigenen bzw. kollektiven Wertungen, dessen, was der zu Manipulierende für wahr oder falsch halten soll, wenn es letztich um die möglichst totale Kontrolle anderer geht, werden oft Rituale eingesetzt und von Pathos triefende Geschichten erzählt. Der Schwur oder Eid auf die Fahne, die Bibel, das dem Ritterschlag nachempfundene Ritual der Offiziersbrevetierung, die Einkleidung und Weihe in Sekten und Kirchen, die 'Taufe', die über den religiösen Bereich hinaus in Jugend- oder Studentenorganisationen dem Freiheitsverlust das Unschöne nehmen und die Einbettung ins Kollektiv verklären soll. Auch in politischen Parteien, Unternehmen und Wissenschaftsbranchen gibt es unzählige Facetten dieser Ritualisierung, die den Autonomieverlust des 'Neuen' verklären soll. Wenn es gelingt, diese Initiation, diesen Übergang zum 'point of no return' hochzustilisieren, ist das Ziel erreicht. Wer auf die Fahne geschworen hat, kann nicht mehr zurück, kann nicht den Dienst verweigern, auch wenn er zutiefst davon überzeugt ist, dass das, wozu er gezwungen wird, grundfalsch ist, auch wenn er noch so leidet unter seinem Autonomieverlust und dem Dilemma zwischen eigener Überzeugung und der Forderung des Kollektivs, dem er sich in einer schwachen Stunde in völliger Verblendung hingegeben hat - oder vielleicht auch in einem Moment, als er noch einverstanden war mit dem 'Programm', den Projekten, der Ausrichtung.

Gerade die Kirche ist ein Beispiel dafür, wie schnell sich ein Kollektiv von den Ideen der Gründer abwenden, ja sie in ihr Gegenteil pervertieren kann. Am simpelsten lässt sich dies am Beispiel der hier ja zur Debatte stehenden 'Liebe' zeigen. Jesus predigte und lebte Agape, All-Liebe, Liebe ohne Bedingungen, die auch die Feinde einschliesst (wer beim 'Nächsten' an ein knackig erotisches Partnerwesen denkt, ist mit grandioser Blödheit geschlagen; Jesus meinte den Zöllner, den Dieb, die Prostituierte, und weil das heute politisch nicht korrekt klingt, sagen wir doch besser: er forderte uns auf, unsere ganz persönlichen Lieblingsarschlöcher zu lieben, und zwar nicht irgendwie, sondern 'wie mich selbst'.

Das wahnsinnige, revolutionäre, explosive und jegliche Machtstrukturen Sprengende dieser Forderung konnte unmöglich Basis einer auf totale Weltherrschaft zielenden Organisation wie der katholischen Kirche sein. In bravourös-macchiavellistischer Weise verkehrten die Machtstrategen der Kirche Schritt um Schritt die Forderung ihres Gründers und Vorzeige-Gurus nach All-Liebe in ihr Gegenteil: in auf einen einzigen Partner fokussierte 'eheliche' Zuwendung, die der möglichst produktiven Nachzucht von Manipulanden zu dienen hatte und - dies vor allem - kontrollierbar sein musste. Und wie die brillanten Psychologen damals schon sehr genau erkannten: Es gibt keine idealere Voraussetzung für Gehorsam und Kontrolle als ein schlechtes Gewissen. Ein schlauer Schachzug war es, hier den 'Alten Bund' zu bemühen und die 10 Gebote, die in ihrer Primitivität vielleicht der rüden Kontrolle einer archaischen Gesellschaft dienen mochten, hervorzuklauben und prominent zu platzieren in der eigenen Theorie. So wurde gar nicht sofort ersichtlich, wie sehr dies den aktuellen Zielen der machtgierigen Kirchenmanager diente. Wo das Alte Testament nicht passte, distanzierte man sich locker und stellte zum Beispiel der für zarte Herzen doch etwas gar kriegerisch-unversöhnlichen Maxime 'Aug um Auge, Zahn um Zahn' die bedeutend nettere Theorie der Gnade entgegen. Aber auch dies nicht ohne hinterhältige Absicht: denn Gnade für die zu Beherrschenden gibt es erst, wenn die Verfehlungen eingestanden wurden, und zwar nicht etwa nur im unkontrollierbaren Direktgespräch mit dem Firmenchef persönlich, sondern gefälligst auf dem Dienstweg, im Beichtstuhl mit dem lokalen Popen hinter dem Gitterchen. Sehen Sie wie genial die Herren waren! Verzeihen Sie, aber daneben sind alle MBA und sonstign Managerausbildungen, ja sogar ein Workshop bei Ospel-Vasella & Co., ein Lehrgang bei
Putin oder Bin Laden persönlich nur ridiküler Firlefanz. Wer wirklich etwas über erfolgreiche Unternehmensführung und Machterhalt über Jahrtausende lernen will, der kniee sich in die Geschichte der katholischen Kirche, aber nicht mit gefalteten Pfötchen, sondern mit entfalteten Hirnzellchen.

Hier also, so behaupte ich, kommt der heute noch weihrauchtriefende Umgang mit dem Wort 'Treue' her. Und heute noch fallen vor allem die meist etwas thumberen Männlein reihenweise um und rein, wenn ihnen die Drohung aus einem geschwungenen Kussmäulchen unter grossglänzenden Augen über einem Décolleté, dessen appetitlich-runder Inhalt ebenso sehr zum Vergreifen einlädt wie der knackige Po, der sich unter dem weissen Kleidchen seinem Gemächte entgegen wölbt - wenn er denn Treue zu geloben bereit ist, was er natürlich ist, im häufigsten und folgenreichsten gedanklichen Short-Cut der Menschheitsgeschichte: Er sieht die ganze Pracht und verspricht, dieser Pracht treu zu sein, ja vor allem dem, was er mit dieser Pracht am liebsten tut. Er gelobt, auch weiterhin auf diese Pracht abzufahren, auf solch reizende Schönheit, auf solch erotische Versprechung zu stehen, Lust zu haben - und bedenkt nicht, wie schnell es mit dieser aktuell ihm gegenüber stehenden individuellen Pracht zu Ende ist, wie rasch aus der glutäugig begehrlich-begehrenden Schönheit, aus dem so viel versprechenden Abenteuer eine verhärmte, missmutige, langweilige und gelangweilte, zellulitöse, griesgrämige, eifersüchtige, krächzende, ungepflegte, phantasielose, rechthaberische Xanthippe werden kann, die auf ebendiese Rechte pocht, auf die einstens geschworene 'Treue', die sich meist auf zwei ähnlich elende, das Leben vergällende Bereiche bezieht und den ganzen Hochwertklang des Wortes längst verloren, entblättert hat: die 'Treue' wird zur Drohung, zum reinen Zwang, den Verdienst abzuliefern und der Pracht, die es ja nach wie vor haufenweise gibt allüberall, mit hängendem Kopf und mehr und mehr auch hängendem Bauch über hängendem Darunter zu entsagen. Und da wundert sich irgendjemand noch über Beziehungskonflikte, Gewalttaten, Drogen, Alkoholismus, Suizid- und Scheidungsrate? Schon der gute alte Goethe liess eine seiner Romanfiguren in den 'Wahlverwandtschaften' die Idee lancieren, Ehen nur auf 5 Jahre abzuschliessen mit der Möglichkeit, sie bei Einverständnis beider Partner zu verlängern. Eine wundervolle Idee, die den oben etwas gar grausam beschriebenen Verfall dessen, was die meisten Männer in die eheliche Zwangshaft treibt, zumindest etwas hinaus zu zögern hälfe.

8. 'Sexuelle Treue'?
'Sexuelle Treue' ist ein begriffliches Konstrukt, das vielleicht einen Sinn ergibt, wenn man es deutet als 'Treue zum Sex' – und auch dann könnte es wohl nur für eine bestimmte Lebensphase gemeint sein. So kann man doch weder vom 5-jährigen Büblein noch von der 90-jährigen Oma erwarten, dass sie diesem durchaus lustigen Spielchen schon bzw. immer noch die Treue halten. Deutet man 'sexuelle Treue' hingegen als 'lebenslänglich mit nur einem einzigen Partner das Spielchen spielen', dann ist es etwas so Realitätsfernes, wie es von seinen Erfindern, macchiavellistischen, mit religiösen Tricks taktierenden Fieslingen, auch gedacht und lanciert wurde. Da haben kluge Miesmacher lange darüber nachgedacht, wie man den Menschen die Lust am Leben am geschicktesten und mit der grössten Breitenwirkung vergällen könnte – und sie hatten Erfolg. Bei den Braven war es die Freudlosigkeit, bei den weniger Braven das schlechte Gewissen, das sie in die Fänge der wenigstens optisch, akustisch und olfaktorisch sinnlich-opulenten Kirche trieb. Zugegeben, ein genialer Schachzug. Aber warum man nach gut dreihundert Jahren sogenannter 'Aufklärung' immer noch auf den alten Schmarren reinfallen soll, ist mir schleierhaft.

8. Lust und Liebe
Lust ist fokussiert und ausschliessend. Wer Lust auf X hat, will in der Regel im gleichen Augenblick nicht auch Y. Liebe ist unfokussiert und einschliessend, im Falle von Agape sogar allumfassend und dergestalt einschliessend, dass die Identität, die Abgegrenztheit des Liebenden aufgegeben wird.

Die meisten Missverständnisse rund um den Gebrauch des Substantivs 'Liebe' und des Verbs 'lieben' könnten vermieden werden, wenn es durch 'Lust' bzw. 'Lust haben auf' ersetzt würde. Dann würde auch die nahtlose Nähe zum Käuflichen und Mietbaren deutlich, zu allem, was Gegenstand eines Vertrages sein kann. Die Satzexposition 'Ich habe Lust auf' passt genau so gut zu 'Spaghetti', 'Ferien auf den Malediven', 'einen Kaderjob bei Novartis', 'eine Birke im Garten', 'ein Dressurpferd' wie zu 'einen Ehepartner', 'ein Kind', 'eine Familie'. Gegen dieses differenzierende, fokussierende, selektionierende und damit auch exkludierende, priorisierende und damit wertende 'Lusthaben' ist nicht das Geringste einzuwenden. Gerade die individuelle Unterschiedlichkeit des Lusthabens ist die elementare Voraussetzung für das Funktionieren der Marktwirtschaft (etwas, was linke Ideologen nie begriffen haben mit ihrer Furzidee der Fixierung aller auf die gleichen 'Gelüste', die bei ihnen dann zu 'Bedürfnissen' regredieren, einem Wort, dem der ganze Eros der 'Lust' abhanden gekommen ist und das ziemlich streng nach Pissoir riecht).

Bei aller Freude an der Lust: mit (Agape-)Liebe hat sie nicht nur nichts zu tun, sie steht ihr in vieler Hinsicht diametral gegenüber. (Agape-)Liebe ist im Gegensatz zur Lust nicht differenzierend, sondern zielt auf die Überwindung aller Unterschiede; sie fokussiert keine Einzelwahrnehmung, sondern will alle und alles umfassen; somit selektioniert sie auch nicht, schliesst nicht aus, sondern ein; Rangordnungen, Prioritätenlisten und generell Wertungen sind ihr fremd. Damit wird auch klar, wo sie hingehört: (Agape-) Liebe ist ein wundervolles Instrument auf dem Weg zur Erleuchtung, zur Gottwerdung, zur Überwindung des Egos und des Machtstrebens - aber zum Einkaufengehen oder zur Suche nach dem idealen Vertragspartner für eine Zweierkiste eignet sie sich denkbar schlecht. Da hilft die Lust, die uns sagt, was uns gerade Spass macht, Freude bereitet und unserem Entwicklungsstand gemäss ist. Zwei wundervolle Hilfsmittel für ein sinnerfülltes, mit Sinnlichkeit erfülltes Leben, aber nicht zu verwechseln. Zumindest solange nicht, bis man die (Agape-)Liebe voll entwickelt und entfaltet hat. Dann kann man sich jegliche Verwechslung leisten, weil es dann gar nichts Unterscheidbares und damit Verwechselbares mehr gibt, weil man bereits jenseits der Lust in der All-Liebe angelangt ist und die letzten Bedingungen fallen gelassen hat, auch und gerade die Bedingung, dass man noch wisse, wer man als Liebender denn überhaupt sei.

Aber angesichts der bislang eher bescheidenen Anzahl von Menschen, die dieses doch sehr sehr grosse Ziel in den von uns überblickbaren paar tausend Jahren erreichten, können wir uns Zeit lassen und uns vorläufig noch mit Vergnügen zwischen Lust und Etüden zur (Agape-) Liebe 'verlustieren'.

Die Denk-Aufgabe liegt auf der Hand - und diese vielleicht auf dem Herzen vor Entsetzen. Was? Jetzt liebte ich doch wie verrückt ein Leben lang den X bzw. die Y - und jetzt soll das eine Anmassung gewesen sein? Und für die ganz grosse Liebe soll man die ganzen Errungenschaften der letzten paar tausend Jahre, unser ganzes Differenzierungsvermögen, unsere rational-analytischen Kompetenzen vergessen, ja überwinden? Und wenn nicht, dann bleibt uns nur gerade 'Lust haben auf..'? Auf solche Denkereien sollten wir Lust haben, die wir dann auch noch aufgeben sollten für die grosse Liebe? - Heisst der ganze Quatsch hier deshalb Denk-AUFGABEN, weil wir unseren ganzen Stolz, das Denken letztendlich aufgeben sollten?
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