Denk-Aufgabe 1011 vom 20.12.2010

 

Der Spaziergang

Sie stand bei der Haustür und angelte sich die beiden Hundeleinen. Einer intuitiven Eingebung folgend strich sie mit ihren feingliedrigen Fingern über die weisse, makellose, aber auch etwas langweilige weisse Fläche der Tür, bevor sie den kühl blitzenden Metallknauf drehte und die Tür schwungvoll aufzog. Emel und Maex sausten ins Freie und tobten herum, hechteten sich gegenseitig an, kugelten über die Wiese und rannten dann los Richtung Fluss. Mit einem Schmunzeln folgte sie ihren übermütigen Biestern. Sie fühlte sich gut, gesund, abenteuerlustig, stark, aufnahmebereit und tatendurstig, neugierig auf die Welt und auf das, was sie selbst in dieser ihrer Welt anrichten konnte. Sie fiel in lockeren Laufschritt und versuchte im Laufen ihre wilde Haarmähne einigermassen zu bändigen. Die Hunde waren schon im Fluss, planschten herum, schreckten Enten auf, die gerade noch mit dem Putz ihres Gefieders beschäftigt waren. Aufgeregt beschnupperten die beiden einen frisch von Bibern benagten Baum, begrüssten mit freudigem Gebell über den Fluss hinweg einen bekannten weissen Riesenhund, der 'Fuchur' aus der 'Unendlichen Geschichte' glich, und hetzten gleich wieder in riesigen Sätzen über die Lichtung, verfolgten zum tausendsten Mal eine der vielen Krähen, die sich – müde lächelnd über die bodengebundenen Vaganten – erst im letzten Augenblick kurz in die Luft erhob, um sich ein paar Meter entfernt wieder völlig unbeeindruckt der Würmersuche zu widmen.

Sie rannte immer noch dem Fluss entlang, doch nicht mehr ganz so leicht und locker. Ihre Haut war gerötet, Schweiss tropfte von ihrer Stirn, lief als kühles Rinnsal in ihren Ausschnitt. Die gazellenartigen Bewegungen ihrer Beine waren etwas schwerfälliger geworden. Auch die beiden Hunde trotteten jetzt folgsam neben ihr her. Die überschüssige Energie war verpufft. Es folgte der Aufstieg auf den bewaldeten Hügel. Mit einem hörbar scharfen Ausatmen fiel sie in Schritt und konzentrierte sich auf den Weg, der immer schmaler und steiler wurde. Wiederholt musste sie sich an Ästen und Steinen hochziehen. Manchmal fand nur ein Teil ihres weichen Schuhs Platz auf einem Felsvorsprung und ihre Wadenmuskeln begannen zu schmerzen. Mehr als einmal schienen die Hunde zu erwägen, ob sie ihr wirklich folgen sollten. Nach einigen Stellen, bei denen das Gelände neben dem Weg bedrohlich steil abfiel, flachte der Weg ab, der Baumbestand wurde lichter und gab einen beeindruckenden Ausblick auf die umliegenden Gehöfte, Weiher und Hügel frei.

Begierig sog sie die kühle Luft ein. Wohlige Ruhe durchströmte sie. Wie in Trance setzte sie sich auf einen Baumstrunk und nahm die im Abendlicht so lieblich wirkende Landschaft in sich auf. Für einen Augenblick schien die Zeit stehen zu bleiben, dann wurde sie sanft von einer kaltfeuchten Hundenase gestupft und erwachte aus ihrer Versunkenheit. Sie suchte in ihrem Hüfttäschchen nach dem Schokoriegel und genoss ihn Bissen um Bissen – beim letzten Stück wurde sie allerdings weich, als beide Hunde sie mit schräg gehaltenen Köpfen und treuherzigen Blicken anschauten. Gestärkt machten sich die drei auf den Rückweg. Doch kurz bevor sie die Raststelle verliess, drehte sie sich noch einmal um.

Ein Anflug von Wehmut streifte sie und die völlig grundlose Ahnung, sie sehe diese Landschaft zum letzten Mal. Die steilen Passagen waren abwärts fast noch delikater zu bewältigen als aufwärts. Das Abfedern des Gewichts auf den teils kleinen Vorsprüngen und dem rutschigen Terrain ging gehörig in die Knie. Auch die Hunde waren gefordert und fussten vorsichtig auf. Endlich wurde der Weg wieder breiter und sie wollte den Schritt beschleunigen, spürte aber eine bleierne Schwere im ganzen Körper, die auch in ihr Herz und ihren Geist eindrang. Statt schneller wurde sie immer langsamer und eine Sekunde lang glaubte sie, Emel habe ein paar graue Haare um ihre schwarze Schnauze bekommen. Sie versuchte, sich auszulachen: Das war nur der Abendtau, der in den letzten Sonnenstrahlen so hell glänzte. Aber Maex hinkte leicht, das war keine Einbildung. Sie bückte sich zu ihm hinunter - wie schwer ihr das fiel? - und untersuchte seine Pfoten. Nichts, keine Verletzung, kein Fremdkörper zwischen den Zehen - aber die Pfoten rochen etwas alt. Sie schaute Maex ins Gesicht. 'Um Gottes Willen, war der Spaziergang so anstrengend gewesen?' dachte sie, richtete sich mühsam auf und schleppte sich ermattend Richtung Haus, das im letzten Abendlicht stand.

Die letzten Meter waren eine Qual und sie war froh, als sie die Tür erreichte, dieselbe Tür, durch die sie vor nicht allzu langer Zeit herausgekommen war mit den quirligen Hunden, die nun müde hechelnd neben ihr lagen. Aber die Tür sah von aussen völlig anders aus als von innen. Hätte sie nicht gewusst, dass es dieselbe Tür war, sie hätte es nicht geglaubt. Langsam und etwas ungelenk fuhr sie mit den Fingern über das verwitterte Holz mit den ausgewaschenen Jahrringen. Sie war erstaunt, wie ähnlich verwelkt ihre Hände aussahen. Sie roch an dem alten Holz, schloss die Augen und überliess sich den Bildern, die vor ihrem inneren Auge auftauchten. Und plötzlich wusste sie, dass die Ahnung auf dem Gipfel sie nicht getrogen hatte.

Aber die Wehmut war weg. Sie freute sich auf die Wärme, die Ruhe, die Stille jenseits dieser Tür. Nur eines war ihr nicht klar. War sie herausgetreten und jetzt im Begriff, wieder einzutreten? Oder umgekehrt? Oder beides? Führte nicht jede Türe über eine Schwelle in etwas hinein, aber auch aus etwas heraus, was man mit dem Überschreiten der Schwelle hinter sich liess? - Sie lächelte, liess es gut sein und öffnete die Tür, liess sie offen stehen. Vielleicht wollten die Hunde ja noch draussen bleiben bis es ganz dunkel war?