Denk-Aufgabe 1012 vom 24.12.2010

 

Merlins Freundin

Merlin lachte und lachte. Er prustete, schnappte nach Luft und platzte wieder los, als er sah, wie seine Freunde mitleidsvolle Blicke austauschten. Ja, natürlich, er benahm sich völlig daneben, und alle schienen sie besorgt über seinen Zustand – vielleicht zu Recht? Doch er schaffte es beim besten Willen nicht, sich zu schämen oder es nur schon peinlich zu finden, und als er beim Abebben des Lachanfalls nach Worten suchte, um ihnen wenigstens einen einigermassen brauchbaren Grund für sein homerisches Gelächter zu geben, ging es von vorne los, bis er ernsthaft in Atemnot kam, noch ein paarmal gluckste und sich mit dem Taschentuch die Lachtränen aus den Augen wischte. Er konnte ihnen unmöglich den wahren Grund für seine Lacherei nennen. Sie würden es nicht verstehen, und wenn, dann nicht lustig finden und noch besorgtere Blicke tauschen, im Stile von 'um schonendes Anhalten wird gebeten'. – Aber euch kann ich es ja erzählen, schliesslich liegt die ganze Geschichte ein paar hundert Jahre zurück. Merlin war ein enger Freund meines – wenn überhaupt – Ur-hoch7-Grossvaters Mirdo, und ich kam auf verschlungenen Pfaden zu dessen Notizen über die Ereignisse rund um seinen Freund Merlin. Aber ob wahr oder nicht, ob verwandt oder nicht – ich denke, die Geschichte verdient es, erzählt zu werden.

Mirdo beschreibt seinen Freund Merlin als einen zauberhaften Mann mit charismatischer Ausstrahlung, mit einem Charme, der die Frauen noch bezirzte, als er schon weit über 80 war. Ob er es wollte oder nicht, Merlin war stets im Mittelpunkt, wenn er irgendwo auftrat. Und er trat auf. Er war nicht einfach da, irgendwo in der Menge. Er brauchte kein Rampenlicht. Dort, wo er auftrat, war die Bühne. Und bei aller Liebenswürdigkeit: Merlin wusste genau um seine Wirkung und nutzte sie auch immer wieder aus. Und dies sagt Mirdo, sein Freund, der ihn verehrte. Natürlich hatte Merlin zauberhafte Talente als Dichter, Denker, Musiker, Sportsmann und Charmeur – aber es war das Gemisch, die Ausstrahlung, das Ganze, das eben auch bei Merlin mehr als die Summe der Einzelteile war. Mirdo war dabei, als Merlin diesen nicht enden wollenden und für die Anwesenden grundlosen Lachanfall hatte im Kreise seiner mit ihm tafelnden Freunde. Und offenbar war er der einzige, dem sich Merlin später anvertraute, als sie gemeinsam am Fluss entlang gingen mit den Hunden, die Merlin so liebte. Trotz seines hohen Alters schritt Merlin elastisch und federnd aus, sodass Mirdo fast Mühe hatte, ihm zu folgen. "Ich musste doch so lachen an dem Abend", hub er an und musste einen neuerlichen Lachanfall unterdrücken, "weil ich versuchte, die Ohren halb zu schliessen, so wie man das mit den Augen machen kann. Anstatt verschwommen zu sehen, hört man dann verschwommen, es dringen nur Konturen von Sätzen, die lautesten oder häufigsten, die mit am meisten emotionalem Nachdruck versehenen Wörter bis zu dir, und das klappt tatsächlich, obwohl wir ja keine den Augenlidern vergleichbare Ohrenklappen haben – was oft ein Segen wäre! Und weisst Du, was ich hörte? Lauter Gesprächsfetzen mit 'Ich bin…', 'Ich habe…', 'Ich mache…', 'Ich werde…', 'Ich will…', 'Ich muss…', 'Ich kann…' Ich schloss die Ohren noch etwas mehr und hörte nur noch 'Ich!', 'Ich!', 'Ich!', 'Ich!'

Und wir hatten doch gerade ein Gepräch über die hinduistische Vorstellung von der Aufgabe des Ichs und spielten mit der Doppelbedeutung von 'Aufgabe': dass es 'Aufgabe' – im Sinne von 'Herausforderung', 'Problemstellung', 'Pflicht', 'Ziel' – des Ichs sei, sich selbst zuerst zu bilden, sich durch Füllung mit unverwechselbaren Eigenschaften einmalige Bedeutung und durch Abgrenzung klare Konturen zu geben und sich dann – nach Erreichung des Ziels der ersten Phase – als fettes Super-Ego an den eigenen Abbau zu machen und sich irgendwann einverständlich ganz aufzugeben. Diesen ganzen Gedankengang fasste Marino in die herrlich paradoxe Kompakt-Formel: 'Die Aufgabe des Ichs ist die Aufgabe des Ichs.' – Dann kam der Wein und das Essen – und alle am Tisch taten das Gegenteil des soeben Erkannten. Alle liessen ihr Ich im tollsten Licht erscheinen, vollführten ihre Pirouetten auf der Bühne unserer Tafelrunde, und jeder war so damit beschäftigt, sein Rad zu schlagen, dass keiner dem andern zuhörte – also hörte auch ich ganz langsam auf mit Zuhören – genau das meint ja wohl das Wort 'auf-hören': das Hören sukzessive beenden – , bis ich nur noch all die Ichs 'Ich!' skandieren hörte. Da war es aus mit meiner Ich-Rolle als über den Dingen stehender Alter und ich benahm mich wie ein kichernder, quietschender Backfisch – und bemerkte noch während des herzlich hemmungslosen Lachens, dass auch das vielleicht nur ein selbstbeweihräuchernder Salto rückwärts meines Egos war, denn die Aufmerksamkeit war mir sicher, wenn auch nicht unbedingt eine bewundernde, sondern eher eine besorgt-mitleidsvolle.

Ich möchte dich nun", fuhr Merlin fort, "mit meiner geliebten Freundin bekannt machen, die mir dabei hilft, mein altes, gepanzertes Ich aufzusprengen, bevor mir der Tod zuvor kommt." – Belustigt schaute Mirdo seinen alten Gefährten von der Seite an. Der echt warme Tonfall seiner Stimme und das Strahlen in seinen Augen verwirrten ihn. Meinte es der Alte wirklich ernst? Hatte er sich mit über 80 wie weiland Goethe nochmals in ein junges 'Chrabi' verliebt? Und wieso ging er denn so beschwingt den Fluss entlang, wo weit und breit keine Menschenseele hauste? Merlin fuhr unbeirrt fort: "Eigentlich kenne ich sie seit meinen Kindertagen. Aber ich erkenne sie erst, seit ich sie liebe." – Mirdos Verwirrung stieg: Wenn er sie seit frühester Jugend kannte, konnte es sich kaum um ein junges Mädchen handeln, im Gegenteil, das musste ja eine Greisin sein? – Wie wenn er die Gedanken Mirdos durchschaut hätte, fügte Merlin an: "Sie altert nicht. Obwohl sie sich sekündlich vollkommen verwandelt und nie die Gleiche bleibt, ist sie seit undenklich langer Zeit da, als Gleiche und Nichtgleiche zugleich." – Nun begann sich auch Mirdo langsam Sorgen zu machen um den Geisteszustand seines Freundes. "Ihr Ich passt sich in jedem Augenblick dem Bett an, in dem sie liegt. Und wer oder was auch immer in sie eindringt, wird liebevoll umfangen, umspült von ihrer ewigen Frische. Sie kommt immer und immer wieder, nein, sie braucht gar nicht zu kommen, weil sie immer da ist, ganz präsent, ganz im Hier und Jetzt. Und sie fordert nichts, sie verlangt nichts, weder dass jemand oder etwas eindringe oder dass es nicht eindringe, weder dass es in ihr drin sich bewege, noch sich nicht bewege, weder dass es lebe oder nicht lebe, sei oder nicht sei. Ihre Grossmut ist schrankenlos. Sie kennt keine Eifersucht, keine Gier, und doch hat sie ein Ziel, dem sie unablässig entgegen strebt. Und dieses Ziel ist dasselbe, das ich auch erreichen möchte – und deshalb möchte ich sie mit dir, meinem besten Freund, bekannt machen. Sie strebt unverbissen, leicht, quirlig, fröhlich und doch unaufhaltsam ihrer Selbstaufgabe entgegen. Wo auch immer sie entspringt, was auch immer sich ihr in den Weg stellt, sie bremst und aufzuhalten versucht, nie verliert sie dieses Ziel aus den Augen, sich irgendwann irgendwo ganz hinzugeben, aufzugehen in einem grösseren Ganzen – und jetzt kommt vielleicht das Verrückteste: Sie hat das das Ziel immer schon erreicht, und gleichzeitig hat sie es immer auch nicht erreicht.

Als ich das erkannte, begriff ich, dass man nicht tot sein muss, um die Zeit zu überlisten. Man muss nur sein Ich so weit fassen, seine Grenzen so öffnen, dass sowohl der Teil, der am Ursprung ist, wie der Teil, der unterwegs ist, als auch der Teil, der bereits am Ziel ist, dazu gehören. Und so wie sie, meine geliebte Freundin, der Zeit ein Schnippchen geschlagen hat, hat sie auch den Raum ausgetrickst. Sie ist an tausend Orten gleichzeitig, fast überall und nirgends, und auch das scheint ihr nur zu gelingen, weil ihr Ich gar nicht so scharf begrenzt und fassbar ist, dass man sagen könnte 'Hier ist sie' und 'Hier ist sie nicht'.

Die nächste grosse Lehre, die sie mir erteilte, war die Sache mit der Kausalität. Ja, sie ist schrecklich klug, und gerade deshalb braucht sie es nicht zu sein. Da ich ja mein Ich abbauen, verkleinern, seine Ansprüche dämpfen und irgendwann ganz aufgeben möchte, versuchte ich herauszufinden, ob ich nun als erstes die Zeit überwinden müsse und wenn ich das geschafft hätte, wäre das dann der Grund, die Voraussetzung für die Überwindung des Raums und dann, sozusagen als Wirkung der beiden vorgängig zu leistenden Taten, würde ich mein Ich überwinden können. – Doch ich konnte die drei Voraussetzungen, die drei Daseinsbedingungen hintereinander stellen, wie ich wollte, es klappte nicht, weil die Überwindung von jeder für die Überwindung der beiden anderen Voraussetzung war.

Da plötzlich ging mir ein Licht auf: Ich musste mich gleichzeitig auch noch von der Vorstellung der Ursache-Wirkungs-Ketten befreien, da sie ja mit der Zeit und dem Raum und der Idee von voneinander abgetrennten 'Ichs' verbandelt war! Es fiel mir schwer, lebte ich doch während Jahrzehnten in diesem geistigen Korsett. Aber die befreiende Wirkung war unvorstellbar. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge nahm ich Abschied von diesen Konzepten, die mich ein Leben lang begleitet – aber auch getäuscht hatten. Und nun habe ich nur noch ein Ziel: meiner Freundin so ähnlich zu werden wie möglich. Denn sie zeigt ja, dass Aufgabe und Hingabe nicht Untergang und Tod bedeuten, sondern im Gegenteil: ewigen Wandel im Jetzt!" Merlin hielt inne in seinem Redefluss, legte seine Kleider ab, ermunterte Mirdo, dasselbe zu tun, nahm ihn bei der Hand und sagte: "Lass dich umfassen, umfangen, erfrischen und liebkosen von meiner grossen Lehrerin und Freundin, sie ist nicht wählerisch." – Lächelnd stiegen beide in den Fluss.

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