Denk-Aufgabe 102

 

Nichts ist nur richtig - nichts nur falsch


behauptet Thorwald Dethlefsen unter Bezug auf Hermes Trismegistos. Das tönt so locker und wahrscheinlich nickt männiglich, solange der Spruch so abstrakt daher kommt. - Aber da ist Zunder drin, explosive Sprengkraft, wenn man das philosophische Lehrsätzchen konkret anwendet, z.B. auf so nette Erscheinungen wie Terrorismus, Krieg, Mord, auf die rechthaberischen Behauptungen von Wissenschaftern, Ökonomen, Politikern, Theologen oder - am schlimmsten - auf unsere eigenen Überzeugungen, vehement vertretenen Ansichten, unsere Beurteilung des eigenen Partners, unserer Nächsten....WOW, da fallen Kartenhäuschen zusammen, Festgezimmertes löst sich in nichts auf, die für absolut gehaltenen Leitplanken unseres Weltbildes erweisen sich als trügerisch, relativ - auf rein gar nichts ist wirklich Verlass. Oder gibt's da nicht wenigstens ein paar kitzekleine Ausnahmen? Ist nicht wenigstens die Liebe etwas 'absolut und nur Richtiges'? - Na ja, bereits Nietzsche benutzte für die menschliche Liebe das starke Bild 'Zuviel-nie genug', und man muss weder Italiener noch Psychiater sein, um zu wissen, dass die vielgepriesene Mutterliebe auch einengend, entwicklungshindernd, ja neurotisierend sein kann. Und sogar bei der höchsten Form der Liebe, der Agape, die nichts mehr für sich will, die nur noch verströmt, alle Ego-Ansprüche aufgibt, drängt sich die relativierende Einschränkung auf: 'Ja, aber zum richtigen Zeitpunkt - also nicht in Kinder- und Jugendjahren.' Wer nämlich kein Ego aufbaut, hat auch nichts zum Einreissen, zum Abbauen und Aufgeben. - Das einzig Tröstliche an diesem brisanten Sprüchlein liegt vielleicht in der streng logischen Applikation der Aussage auf den Satz selbst: Wenn nichts nur richtig ist, dann ist ja auch dieser Satz nicht nur richtig? - Ein Hoffnungsschimmer, dass doch irgendetwas nur richtig sei? Und wo wäre wohl die hoffnungsfrohe Ausnahme dingfest zu machen? Vielleicht im Prinzip Hoffnung?