Denk-Aufgabe 103

 

'Denn die Weisheit des Ostens geht über die Klugheit des Westens und die Gelassenheit übers Verändernwollen',

stellte vor 65 Jahren der deutsche Philosoph Karl Löwith im japanischen Exil fest. Dieser Satz wirkt so schön antizyklisch in einer Zeit, wo der kluge Westen wieder einmal dazu neigt, alles Östliche in Bausch und Bogen zu verdammen. Wo er nicht sieht - nicht sehen will oder nicht sehen kann? - wieviel Weisheit darin läge, hinzuschauen anstatt einen Schauprozess durchzuführen, Geschehnisse zu deuten, anstatt deren Handlangern nachzuspüren, den hintergründigen Sinn zu suchen, anstatt die vordergründigen Täter, nach innen zu schauen anstatt nach aussen zu schlagen...

Ein delikates Thema, jetzt wo fast die ganze Welt sich endlich mal einig ist, wo ein gemeinsames Feindbild zu unheiligsten Allianzen führt, wo doch endlich wieder einmal klar ist, was und wer nur gut, was und wer nur schlecht ist, wo alles Unausgewogene, Unbalancierte, Einseitige marginal wirkt angesichts des grossen und gerechten Kampfes gegen das Urübel...

Wir setzen da ein Fragezeichen und sind jederzeit bereit, all die heilsamen Wirkungen zu skizzieren, die der 11. September bereits hat und noch haben wird. - Vielleicht bleibt ja zwischen zwei Festmahlzeiten ein wenig Musse, darüber zu sinnieren - mit Verstand und
Herz - oder gar in einen Dialog mit uns zu treten? Wir freuen uns auf Euch - auch auf ganz unweihnächtlich entrüstete Reaktionen! - und wünschen allen sinnlich-besinnliche Tage.