Denk-Aufgabe 1104 vom 26.7.2011

 

Wenn Glück weh tut...

Eine Wahrnehmung kann so berückend schön sein - ein Wesen, ein Klang, ein Duft, eine Landschaft, eine Bewegung, ein Lächeln - was auch immer es schafft, uns innerlich oder äusserlich so zu berühren, dass wir von Glück durchströmt werden - und gleichzeitig dieses Glücksgefühl als Schmerz empfinden - les extrèmes se touchent. Vielleicht ist es das intuitive Wissen um die Vergänglichkeit von allen und allem - auch und gerade der Schönheit und des Glücks? Bei hochentwickelten Menschen - so geht die Kunde - weiche dieser Schmerz - wie alle andern Schmerzen auch - einem Lächeln über die Relativität der Schöpfungsparameter Zeit, Raum, Ego und Kausalität. Was, wenn es sich nur um ein göttlich-witziges Spiel handelte? Eine Projektion der unsichtbaren Einheit in die sichtbare Vielheit? Und das Spiel erforderte als Spielplatz den - virtuellen - Raum, angefüllt mit mehr oder weniger leicht wahrnehmbaren Entitäten, als Spieler die - vermeintlich voneinander abgetrennten - wahrnehmenden Egos, als Verknüpfung zwischen allen Entitäten die Illusion von irreversibler Kausalität, die sich in den Vordergrund drängt vor allen anderen Verknüpfungen wie der Analogie, dem Dialog, der Liebe - und als dynamisierendes Bewegungselement der Spielanlage die Zeit? - Würde dann nicht auch die Vergänglichkeit zu einem spielnotwendigen Witz?

Wem es gelingt, das hier postulierte göttliche Spiel wirklich einmal spielerisch als Spiel anzusehen, der hat zumindest die Chance, über die Vergänglichkeit zu lachen, die Zeit als Hilfsinstrument zu nehmen, das man auch mal weglassen kann, im Baby den Greis, in der Uroma den knackigen Teenager, im Samen die Frucht, im Frühling den Herbst zu sehen - und plötzlich wird der Status, den die andern gerade als 'Gegenwart' bezeichnen, zweitrangig, relativ.

Wer gerade auf der Bühne auftreten und sich in Szene setzen will, kann und soll das tun, daran ist nichts falsch. Aber man kann sich genau so gut ab und an aus dem Spiel zurückziehen, all die Spielbedingungen oder Schöpfungsparameter beiseite lassen und versuchen, sich aus der Zeit, aus dem Raum, aus der hölzernen Kausalität und vor allem aus dem engen Ego davon zu stehlen und einzutauchen in den Bereich jenseits des Spiels, für den uns, die wir innerhalb des Spiels kommunizieren, die träfen Worte fehlen, weshalb wir zu Hilfsbildern wie 'Einheit', 'Jetzt', 'Gott', 'Tao', 'Nirwana', 'Leere', 'Paradies' und vielen anderen greifen, deren Verschiedenheit dann für die im Spiel Zurückgebliebenen oft schon wieder Anlass für Zeter, Krieg und Mordio ist.

Lassen wir die Bezeichnung doch wurst sein - ja, wieso nicht WURST? - oder hätten wir da schon wieder die Metzgergilde und die Vegetarier auf dem Hals? Wichtig ist nur der Vorgang des sich Davonstehlens aus dem, was die meisten für ehern, für unausweichlich, für 'real', für das, 'was der Fall ist', für die 'wahre Welt', die 'Wirklichkeit' halten. Man wird dann vielleicht für verantwortungslos gehalten - zumindest für die Zeit, in der man nicht auf der Bühne funktionierte - aber die Erlebnistiefe, das Glück, das man in diesen 'anderen' Zuständen erleben kann, lässt den Vorwurf durch uns hindurch gehen. Wer die Relativität seines Ichs durchschaut hat, nimmt Vorwürfe und andere Geschosse nicht mehr so persönlich. Sie prallen nicht ab, sie gehen durch den lichtleichten Restschein seines Egos hindurch und verlieren sich im Uferlosen.

Aber es ist ein wenig wie mit dem Meer oder dem grössten Glück der Erde, von dem wir Rösseler natürlich mit Bestimmtheit wissen, dass es auf dem Rücken der Pferde liegt. Wer noch nie am Meer war und noch nie auf einem Pferd durch Feld und Wald preschte - und sich auch nicht dazu bewegen lässt, sein gewohntes 'reales' Gärtlein auch nur für ein Schrittchen zu verlassen, dem bleibt das Erlebnis verschlossen. 'Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen', erkannte schon der grosse Geheimrat. Die Nichts-Wagenden schimpfen diese inneren Abenteurer dann Taugenichtse und werfen ihnen Weltfremdheit vor - und liegen natürlich aus ihrer Optik gar nicht so falsch damit. Denn wer die Schöpfungsparameter relativiert, taugt tatsächlich nicht mehr viel auf einer Bühne, auf der sie als unverrückbar gelten und in einem Stück, in dem jeder möglichst viel aus seinem Ego, seiner Zeit und seinem Raum machen und möglichst viele nützliche Kausalverbindungen in Gang setzen sollte. Er ist dieser Bühnen-Welt tatsächlich entfremdet, nicht weil er sie ablehnt, aber weil er sie - was für die betroffenen 'Realos' fast noch schlimmer ist - nicht ganz ernst, jedenfalls nicht so todernst nimmt, wie die omnipräsenten Fundis jedweder Couleur sie nehmen. Hier nimmt das Unverständnis eine Dimension an, die unüberbrückbar scheint. Ein Fundi, ein Fanatiker religiöser, ideologischer oder - heute am gängigsten - wissenschaftlicher Prägung kann alles nachvollziehen, auch das Vertreten der seiner eigenen diametral gegenüber stehenden Position, er kann verstehen, dass Freund und Feind mit allen Mitteln für ihre Überzeugungen kämpfen - nur eines bleibt ihm fremd: dass einer gar nicht kämpft auf der Bühne, sondern schmunzelnd beobachtet, und auch das nur, wenn er nicht gerade 'andernorts' ist.

Unüberbrückbar ist die Kluft - dies meine These - jedoch nie. Und eine Brücke können die Glücksmomente bilden, die schmerzen. Hier kann es sein, dass auch ein hartgesottener 'Realo', für den es nur gibt, was er anfassen und ankucken kann, für einen luziden Augenblick berührbar wird - und vielleicht sogar empfänglich für den Gedanken, dass es sich bei der Zeit und der Vergänglichkeit um den grössten Witz der Weltgeschichte handeln könnte, dass es mithin auch längerdauerndes Glück durchaus geben könnte - einfach jenseits der Schöpfung und ihrer Bedingungen. Dass dies auch bedeuten würde, in einen Zustand jenseits des eigenen Egos zu gelangen, müssen wir den Neulingen ja nicht gleich unter die Nase reiben...