Denk-Aufgabe 1201 vom 1.1.2012

 

Erleuchtung zum Schnäppchenpreis

 

In drei Minuten zur Erleuchtung! – stand in handgemalten Lettern auf dem Kunststoffvorhang, der den Eingang zu einer geheimnisvollen Bahn auf dem Rummelplatz verdeckte. Und darunter in knalligem Rot: Zum Schnäppchenpreis von 3.5 Euro!– "Und das im Euro-Tief..." murmelte Carlo grinsend, klaubte ein paar Münzen aus der Hose und schritt entschlossen zur Kasse. "Ein bisschen Erleuchtung kann ja nicht schaden in diesen finsteren Zeiten..." Das Kabäuschen mit der Aufschrift 'Erleuchtungs-Kasse' lag hinter einem Vor-Vorhang in schummrigem Halbdunkel. Carlos Neugier wuchs und er trat näher heran in der Hoffnung, eine aufgepeppte heisse Maus hinter dem Glas auszumachen. Er staunte nicht schlecht, als er statt dessen eine grosse schwarze Katze – echt und vierbeinig – mit blitzend grüngelben Augen hinter dem Schalter liegen sah, die lasziv mit ihrer rechten Pfote auf den Drehmechanismus wies, wo die Kunden ihre Münzen reinlegen konnten. Eine Sekunde lang spielte Carlo mit dem Gedanken, die Münzen wieder wegzustecken und einen Zehner hinzulegen: Wär' doch interessant zu wissen, ob das Viech fähig ist, mir das Wechselgeld korrekt rauszurücken?, sinnierte er und staunte nicht schlecht, als die Katze eine Taste drückte und auf einem ihm zugewandten Display die Zahl 6.5 Euro aufleuchtete. Verdammt, das Biest kann nicht nur rechnen, die weiss sogar, was ich denke!, dachte er verdattert und das Blut schoss ihm in den Kopf beim Gedanken, dass sie womöglich auch seine abwertenden Bezeichnungen 'Viech' und 'Biest' mitgekriegt hatte.

Er schaute missmutig auf ihre ihn jetzt doch ziemlich gross dünkenden Pfoten, aus denen sie wie auf Abruf kurz ihre Krallen hervorlugen liess. Ihm schien es, er halluziniere bereits, denn er hätte wetten können, dass sie lächelte. – Können Katzen lächeln? – Er hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da erschien auf dem Display ein lakonisches Ja. Carlo wurde es langsam mulmig. Wenn das so weiter geht, bin ich am Ende durchgeknallt statt erleuchtet, dachte er und staunte schon gar nicht mehr, als auf dem Display Don't worry erschien. Noch war es Zeit umzukehren und den Spinnerladen auf schnellstem Weg zu verlassen. – Aber er war doch keine Memme? Nein, bist du nicht leuchtete auf. Er schluckte einmal leer, setzte eine grimmige Miene auf und knallte etwas allzu schwungvoll seine dreieinhalb Euro auf die Drehscheibe. Die lächelnde Katze tippte elegant auf den Drehknopf, fischte die Münzen von der Scheibe und wies ihn durch den Hauptvorhang, den er entschlossen teilte und durchschritt.

"Holla! Das sieht ja aus wie eine Achterbahn!" rief Carlo verwundert, als er das Einsitzergefährt mit Sturzbügel auf Schienen vor sich stehen sah. Dass ihm ein wohlbeleibter, gemütlich blickender, in einer etwas zu knappen knallorangenen Leuchtweste steckender Grizzlybär den Sturzbügel öffnete und ihn mit seiner Riesenpranke freundlich zum Einsteigen einlud, schockierte ihn bereits nicht mehr. Im Gegenteil, Carlo grinste frech und dachte sich, dass die Bude wohl rentieren müsse, wenn sich der Grizzly so vollschlagen könne – und schon erschien auf dem Display über dem Sturzbügel Ja, ich habe etwas zugenommen und dann Nein, ich bin nicht aus Holland, obwohl sich die Assoziation 'Holland', die sich bei Carlo im Unterbewusstsein immer bildete, wenn er etwas knallig Orangefarbenes sah, noch gar nicht bis in sein Bewusstsein geschlichen hatte. Das kann ja heiter werden, dachte Carlo und im selben Augenblick erschien schon die Antwort: Natürlich wird es heiter: du suchst je Erleuchtung, oder nicht? – Carlo liess sich kopfschüttelnd in den Sitz des komischen Gefährts fallen, der Grizzly schloss mit routinierter Geste den Sturzbügel und schon setzte sich das Ding lautlos in Bewegung. Anfänglich machte das durchaus Spass. Es ging in flotter Fahrt geradeaus, vorbei an tollen Film-Landschaften mit allen möglichen Tieren, Pflanzen, Menschen. Carlo fühlte sich wie in Spielbergs Dream Factory und begann die Reise zu geniessen – für lumpige 3.5 Euro konnte man da wirklich nichts sagen. Doch dann erschien auf dem Display die Aufforderung:

Denk den folgenden Satz zu Ende: Ich bin...

Carlo war zuerst belustigt und dachte schlicht ...Carlo. Klar, ich bin Carlo! In diesem Augenblick sackte das Gefährt in die Tiefe. Carlo fühlte sich wie im freien Fall in einem Liftschacht. Rundum Schwärze, ab und zu glühte etwas Rotes auf im Vorbeifallen, dann wieder wurden er und das ganze Gefährt von der Dunkelheit verschluckt. Scheisse, dachte Carlo – und schon glitt sein Einsitzer wieder locker geradeaus. Carlo wischte sich mit dem Ärmel den Angstschweiss von der Stirn und versuchte, dem Verwirrspiel auf den Grund zu kommen. Noch etwas benommen starrte er auf das Display vor seiner Nase:
Gratuliere zum ersten Lernschritt: Ja, du bist auch Scheisse http://www.joergschneider.ch/wp-includes/images/smilies/icon_biggrin.gif! – Das Wort 'auch' war wirklich hervorgehoben und nach 'Scheisse' kam tatsächlich ein 'Smily'. Die Gedanken schossen Carlo kreuz und quer durch den Kopf: Wer versucht mich zu verarschen? – Was soll das mit dem 'auch'? – Ich bin also nicht nur Carlo, sondern auch Scheisse? – Das Display zeigte nun ein schlichtes Ja. Kaum erloschen, folgte
Du bist alles
Geil!, dachte Carlo, dann bin ich auch der reichste Mann mit der schönsten Frau der Welt? – Sicher blitzte auf. – Aber eben: auch Scheisse und Berlusconi und Hartz-4-Empfänger, spann Carlo den Faden weiter.
You've got it http://www.joergschneider.ch/wp-includes/images/smilies/icon_biggrin.gif! verkündete das Display.

Sein Einsitzer-Geschoss war immer noch in sausender Fahrt, es wimmelte nun von bekannten Gesichtern links und rechts – alle Politiker, Abzocker, Gauner, Beamte und sonstige missliebige Personen, die er je verflucht hatte in seinem Leben, standen winkend oder blöd grinsend neben den Schienen. Aber auch blökende Schafe, meckernde Ziegen, grunzende Schweine blickten kurz auf und schienen samt und sonders ein spöttisches Lächeln auf der Visage zu haben. Er wollte schon darüber nachsinnen, ob er auch einer der konkursiten europäischen Wohlfahrtsstaaten sei oder gar alle miteinander – naja, wenn er auch Scheisse war, dann gab's da wohl keinen Grund, daran zu zweifeln –, da kam die nächste Aufgabe:

Denk den folgenden Satz zu Ende: Ich habe...

Carlo packte die schiere Angst. Er hätte seine Grossmutter verwettet, dass bei einer falschen Antwort wieder dieser fürchterliche Sturz käme. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte er: Ich habe Schiss!, und schon hörte er wieder dieses Ausklinkgeräusch, das schon beim letzten Mal den Fall ins Leere eingeleitet hatte. Rasch dachte, nein schrie er: "Ich habe ALLES!" – und sein blödes Schienenmobil glitt gottlob wieder ruhig und horizontal weiter. Carlo sah seine weissen Fingerknöchel an und lockerte den Griff um den Sturzbügel. Immerhin: Ein Game hatte er gewonnen! Und er glaubte zumindest zu ahnen, was der Stil von Antworten war, mit denen man diese Folterknechte, die hinter der entsetzlichen Erleuchtungsbahn steckten, wenigstens vorübergehend zufriedenstellen konnte. Als die nächste Aufforderung auf dem Display erschien, erlaubte er sich bereits ein entspanntes Lächeln:

Denk den folgenden Satz zu Ende: Ich will...

Locker dachte Carlo: Ich will NICHTS! – und staunte nicht schlecht, als sein Gefährt sofort in freien Fall überging und rund um ihn alle Todesgefahren, Todesarten in Bild und Ton auf ihn eindrangen. Instinktiv begriff er, dass er gelogen hatte, dass es ihm noch nicht völlig wurst war, ob und wie er zu Tode kam und er schrie: "Ich will LEBEN!" – Der Fall stoppte abrupt, aber im selben Augenblick spürte er fürchterliche Schmerzen am ganzen Körper, die ihm das Bewusstsein zu rauben drohten. Er schrie: "Ich will keine Schmerzen haben!" – Die Schmerzen hörten augenblicklich auf, aber auch die Landschaft mit all den Figuren und Ereignissen rund um ihn verschwand und er glitt in absoluter Dunkelheit orientierungslos dahin. Carlo stammelte: "Ich will nicht allein sein, ich will Licht, ich will ein Ziel haben, ich will raus hier, ich will, dass jemand gut ist zu mir, ich will... ganz Vieles..."

Schallendes Gelächter erklang nun von allen Seiten, Party-Beleuchtung blinkte auf, die Rails links und rechts füllten sich wieder mit Menschen, Tieren und Pflanzen, und auf dem Display erschien die Frage:

Willst du je über deine vielen 'Ich will...' hinaus gelangen?

Ja, dachte Carlo, sie sind wie Fesseln, die mich einengen, abhängig, verwundbar, hilflos, ohnmächtig machen. Aber wie werde ich diese blöde Wollerei los? – Das Gefährt wurde langsamer und auf dem Display erschien der merkwürdige Satz:

ICH kann nicht erleuchtet werden, nur DU.

Was soll der Quatsch?, dachte Carlo, also doch alles nur Mogelpackung?, und laut sagte er: "Du verkaufst Erleuchtung und schaffst es selbst nicht? Aber ICH als Neuling und Kunde soll es fertig bringen?" – Nicht ICH, DU! kam blitzschnell die leuchtende, aber Carlo nicht einleuchtende Antwort. – "Eben das sag ich ja: DU nicht, ICH aber schon?" polterte er, "aber wer um Teufels willen bist denn DU überhaupt?"

Auf diese Frage kam nun eine Antwort, die Carlo vollends an seinem Verstand zweifeln liess. Und an dem seines mysteriösen Gesprächspartners: Alles, ausser ICH. – Jetzt kannst du mir aber langsam den Buckel runterrutschen... dachte Carlo. Da sagt irgendein Depp von sich, er sei 'alles, ausser sich selbst'! Kann man überhaupt einen grösseren Stumpfsinn formulieren? – Ja, kann man, leuchtete sofort auf. Carlo kam nun richtig in Fahrt und fing an, laut mit seinem unsichtbaren Gegenüber zu streiten: "Aber jedes Wesen ist doch zuerst einmal sich selbst, hat ein Ich, das sich – zugegeben – im Verlauf des Lebens verändern kann: gewisse Probleme, Sorgen fallen weg, neue kommen hinzu, aber auch neue Inhalte, die das Ich gelernt, Eigenschaften, die es entwickelt hat und dann auch zu sich zählt. Soweit kann ich folgen. Aber wie kann ein Jemand – und auch du bist wohl ein 'Jemand', oder nicht? – wie kann jemand 'Alles, ausser ICH' sein?" schnaubte er verärgert.

Das kann kein 'Jemand'. Erst wenn du das Ich, das Jemand- oder Etwas-Bestimmtes-Sein aufgibst, wird der Weg zur Erleuchtung frei. – "O Gott..." stöhnte Carlo. – Genau, Gott hat's geschafft, witzelte das Display. – "Und Allah, Jesus, Buddha und wie sie alle heissen?" – Die natürlich auch. Und tausend andere in anderen Legenden. Das sind ja alles nur Namen für Wesen, die ihr Ich aufgegeben haben. – "Aber ein Wesen ohne Ich ist doch auch kein Wesen mehr?" bohrte Carlo weiter. – Doch, es ist eben 'Alles, ausser Ich'. – "Und was zum Teufel ist 'Alles, ausser Ich? Du?" – Genau: DU – "Nein ich meine doch DICH, bist DU 'Alles ausser Ich'?" – Nein, DU, das DU, das Andere, das Erkannte – Im Vorbeisausen erkannte Carlo einen alten Militärkollegen, der grinsend die Kulturzeitschrift DU schwenkte. "Aber nur ein Jemand, ein Ich kann doch irgend etwas erkennen?" – Fehlschluss. Ein Jemand kann etwas wahrnehmen, aber nicht erkennen. – "Und was, bitte, ist da der Unterschied?" – Der fehlende Unterschied – "Hä???" – Beim Wahrnehmen unterscheidet der Jemand minimal zwischen sich und dem, was er wahrnimmt, zwischen sich als Subjekt und dem Wahrgenommenen als Objekt, zwischen Beobachter und Beobachtetem. beim Erkennen hingegen unterscheidet er gerade nicht mehr, sondern vereinigt sich mit dem Erkannten, er nimmt es zu sich, integriert es und vergisst dabei sein Ich. Der Erkennende verliert sich, sein Ich, sein Jemandsein in der Begegnung mit dem Erkannten. – Carlo brummte der Schädel. Das ging ihm alles zu schnell und er hätte diesen abstrakten Krimskrams gern ein zweites Mal gelesen und weitergefragt, aber sein Einsitzer hielt abrupt im gleissenden Licht der Starthalle, der mollige Grizzly trat behende herzu und öffnete grinsend den Sturzbügel. Carlo schaute angestrengt auf das Display, aber es war erloschen. Wie war das genau? Was verliert der Erleuchtungsbegierige – oder der Erkennende? – da genau? Er hatte tatsächlich etwas verloren in der Begegnung mit dieser Rummelplatzbude: satte dreieinhalb Euro, drei Minuten Lebenszeit - langfristig wegen des Stresses vielleicht auch drei Lebensjahre – und an die drei Deziliter Angstschweiss...

Geld zurück, dachte Carlo und sofort kam die Antwort, aber diesmal nicht als Leuchtschrift, sondern einfach so direkt in seinem Bewusstsein, und für ihn war sonnenklar, dass der Satz vom Grizzly kam: War's denn die dreieinhalb Euro nicht wert? Er grinste den Grizzly an und dachte: 'Doch, doch, auch wenn ich mich jetzt nicht gleich verlieren will in der Begegnung mit dir!' – Würde ja dein Lebendgewicht auch unzulässig erhöhen... kam die selbstironische Replik des Grizzlys, ohne dass der eine oder der andere den Mund bzw. die Schnauze aufgemacht hätte.

Carlo erhob sich noch völlig benommen aus dem Gefährt, hob die Hand zum Abschied in Richtung des Grizzlys, trat in die kühle Winternacht hinaus und war erleichtert, als er draussen Carla stehen sah. Sie hatte wieder einmal ihr schelmisches Lächeln auf dem Gesicht, das ihn schon bei der ersten Begegnung umgehauen hatte. Er trat auf sie zu und liess sich in ihre Arme fallen. "Und? Bist du nun erleuchtet?", murmelte sie. "Nein, weit entfernt davon. Aber ich glaube, ich wüsste jetzt, wie es geht..." – "Und, verrätst du's mir?" Carla kuschelte sich neugierig näher an ihn heran und spielte das wunderfitzige Kind mit ihren grossen Kulleraugen. "Aber gern. Der Schlüsselsatz ist: 'Verlier dich in der Begegnung mit dem Erkannten." – "Okaaaay", meinte Carla gedehnt. "Verlieren tönt nicht so reizvoll, aber Begegnung ist gut. Und wenn du mich erkennst und dich in der Begegnung mit mir verlierst? – Doch, dann kannst du von mir aus weitermachen mit dem Erleuchtungs-Trip!" schloss sie lachend. Carlo kniff sie in die Seite, machte ein furchtbar kluges Gesicht und fügte schmunzelnd an: "Übrigens, 'erkennen' heisst im Hebräischen noch ein bisschen mehr als im Deutschen!" – "Seit wann kannst du Hebräisch?" frotzelte Carla. "Kann ich natürlich nicht, aber ich hab's gegoogelt. Und was 'erkennen' noch bedeutet, weiss jeder, der schon mal im Alten Testament rumgeblättert hat: "Er erkannte sein Weib – und sie gebar ihm einen Sohn..." zitierte Carlo gespielt feierlich. "Hmm, wenn uns das der Erleuchtung näher bringt, dann nur zu", spöttelte Carla, fasste ihn unter, beschleunigte den Schritt und steuerte weg vom Rummelplatz. Könnte aber deutlich mehr als 3.5 Euro kosten..., dachte Carlo bei sich und war froh, dass auf diese Aussage nicht gleich wieder eine Leuchtschriftantwort folgte.