Denk-Aufgabe 1203 vom 6.6.2012

 

Ode an die Heiterkeit

Was willst du dich ans Jammern klammern
wo doch das Heitre liegt so nah?
Statt mies-getrimmter Nabelschau
Erotik mit der Babel-Frau:
Nur tasten, riechen, schmecken, schauen,
statt redend alles zu versauen
und hängen bleiben stets im Gestern.

Ihr lieben Brüder, liebe Schwestern:
wagt den Sprung mit mir ins Jetzt!
Bereuen könnt ihr's dann zuletzt.
Streift ab die Ängste, die Prognosen
wie klebrig-feucht verkackte Hosen,
befreit die jammermüden Hirne,
lasst frischen Wind in eure Birne,
pfeift auf eure Scheiss-Erfahrung,
die euch hindert an der Paarung
mit allem, was ihr je erkennt -
und wegstösst, weil ihr es benennt.

Bezeichnung, Name, Sprache, Wort
nimmt das Geschaute von euch fort,
schafft Wertung, Unterschied, Distanz,
Distanz auch zu dem Lichterkranz,
dem Himmel ohne Hierarchie
wo alles eins ist, ohne 'Wie'?,
wo alles Gott ist, oder nichts,
wo 'Paradies' und 'Paradox'
zusammenfinden unterm Gox,
wo Grenzen wie im Nass zerfliessen
und alles – oder nichts – umschliessen,
wo 'ewig' 'zeit- und raumlos' meint,
das Ich sich mit dem Tao eint.

Nana, da wollt ihr gar nicht hin?
Auch das ist gut und hat wohl Sinn.
Denn irgendwer muss doch noch bleiben
und sich am Unterschiednen reiben?
Wie öd wär's ohne Zank, Gepolter,
Kriegerei mit Mord und Folter
Polit-Geplärr und Klima-Stöhnen,
der Kunst, die heut in lauten Tönen
Kaputtheit überall besingt -
denn das macht, dass die Kasse klingt
und lässt uns letztlich munter schmunzeln:

Die Welt von rundum anzubrunzeln,
den Untergang herbei zu schreiben
sich Frust und Krise einverleiben
sich ekelvoll den Hals zuschnüren?
Auch dieser Weg kann weiterführen:
Jenseits von Trauma und Demenz
gibt's auch für Triste neuen Lenz,
und sei es erst im nächsten Leben,
dem sie entschlackt entgegen weben.

Wer's lustvoll mag, wird schneller neuer
und stürzt sich flugs ins Abenteuer,
schlägt in den Wind das dröge Mahnen
der leidgeprüften Jammer-Ahnen,
das Sicherheitsgeschrei der Weichen
das Pathos angesichts der Leichen,
sagt "Ja!" zu allem 'Stirb-und-Werde'
zum Farbenchaos auf der Erde,
zieht ungeschützt und fröhlich weiter,
und wenn er stirbt, so stirbt er heiter.

Denk-Aufgabe? - Hmm, ich glaube schon. Denken Sie doch einmal darüber nach, wie oft Sie sich schon um Genussreiches, Sinnliches, Schönes, Leidenschaftliches gebracht haben mit 'vernünftigen Argumenten', mit innerem oder äusserem Geschwätz - das Sie natürlich im gleichen Aufwaschen vor unabsehbaren Gefahren - und genau das sind ja echte Abenteuer - bewahrt hat. Wenn Sie unter Einbezug von emotionaler und intuitiver Intelligenz zum Schluss kommen, die Balance zwischen vernunft-ummänteltem, aber letztlich immer angstgesteuerten Sicherheitsstreben und heiterem, abenteuerlichem 'In-der-Gegenwart-Sein' stimme für Sie, dann umso besser. Und sonst liesse sich ja daran wohl etwas ändern? Heute ist schliesslich der erste Tag des Rests Ihres Lebens - zumindest der aktuellen Runde, die Sie gerade drehen mit Ihrem Körperfahrzeug, das ja nach ein paar hunderttausend Kilometer und unzähligen 'Services' doch dann auch mal ausser Betrieb gesetzt werden darf, und deshalb doch gar nicht dieses hysterischen Schutzes und all der Massnahmen zur Verewigung und Musealisierung bedarf, oder nicht? -

Und für die, die wirklich gern denken, auch abstrakt, weggezogen von direktem, gar monetärem 'User-Nutzen': Denken Sie mal über die These nach, dass Bezeichnung, Benennung der Dinge - die Verbalsprache, auf die wir so stolz sind und die wir gern als Legitimation für das Primat des Menschen über den Rest der Natur, des Vorgefundenen, Wahrgenommenen angeben - dass genau diese Benennerei , die ja nur möglich ist mit einer minimalen Distanz zum Erkannten, das ist, was uns vom horizontalen Weltbild trennt, von der Kommunikation auf Augenhöhe mit allem Wahrgenommenen, von der Loslösung von hierarchischem, vertikalem Denken und damit letztlich von dem, was mit so unterschiedlichen, aber alle das Gleiche umkreisenden Begriffen wie 'Himmel', 'Paradies', 'Nirwana', 'Tao', 'Erleuchtung', 'Gott' etc. gemeint ist.

Wenn Sie es pathetisch mögen: Sprache als Segen und Fluch des Menschen zugleich. Sie hilft beim Erkennen der Dinge - und verhindert gleichzeitig das Erkennen dessen, was hinter den Dingen ist. Sie erlaubt es, Materie bis in die letzten und kleinsten Unterschiede zu beschreiben - und ist das grösste Hindernis auf dem Weg zum Blick hinter die Materie. Das sollte doch für ein paar Wochen Denk-Arbeit reichen? Falls nicht, beschweren Sie sich bitte flugs bei mir. Überhaupt gilt natürlich wie immer:

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