Denk-Aufgabe 1204 vom 30.6.2012

 

Die heiligste Kuh Helvetiens


Im grossen internationalen Vergleich gilt die Schweiz als Land der Freiheit und Toleranz. Wer nicht gerade ein Minarett bauen will, kann auch seine Religion fröhlich ausüben. Im Vergleich zu Diktaturen wie China haben wir eine geradezu herrliche Meinungsäusserungsfreiheit. Und sogar wer hierzulande einmal gegen ein Gesetz verstossen hat, wird nicht gleich des Landes verwiesen – wenn er darüber hinaus nicht auch noch das Pech hat, Ausländer zu sein.

Und doch gibt es in diesem hübschen, kleinen, freien, offenen Land eine heilige Kuh, die unantastbar ist. Nur schon den Finger auf sie zu legen ist ein Sakrileg, ein Frevel, der mit dem Bann oder wahlweise mit Mobbing, sozialer Ächtung oder totaler Desintegration und lebenslangem Verstoss aus der Gemeinschaft der Aufrechten bestraft wird: die heilige Kuh Helvetiens heisst ‚Ehrenamtlichkeit‘. Wer seine Zeit ehrenamtlich einem der vielen tausend hier ansässigen Vereine widmet, hat so etwas wie einen Schutzwall um sich, er geniesst eine Immunität, von der Parlamentarier nur träumen können. Was er auch immer tut – und sei es noch so widersinnig, schädlich oder auch nur dumm – es ist geheiligt durch das Sakrament der Ehrenamtlichkeit, das um ein Vielfaches heiliger ist als sowas aus der Mode Gekommenes wie das 'Sakrament der Ehe', das in rund jedem zweiten Fall geknackt wird. Nicht so das ehrenamtlich Angerichtete, das im Alpenland eine festungsgleiche Réduit-Stellung einnimmt. Es ist der beliebteste Freiraum aller Möchtegerne, in dem mit geliehener Macht fröhlichstens herumgepfuscht werden darf - ohne lästige Medienschelte, ohne dieses kleinliche Rechenschaft ablegen oder gar Verantwortung übernehmen müssen. Und wehe dem, der es wagt, auch nur leiseste Kritik anzubringen, noch mehr wehe dem, der gar die Stirn hat, ähnliche Qualitätsansprüche an ehrenamtlich geleistete Tätigkeit zu stellen wie an Berufsarbeit, die ja gegen schnöden Lohn geleistet wird – er ist ein Unhold übelster Sorte.

Denn wer sich unentgeltlich aufopfert im Dienste des Kollektivs, der steht ausserhalb des ach so gewöhnlichen Prinzips der Balance von Leistung und Gegenleistung. Er kriegt ja nichts ausser ein wenig Dank. Und deswegen macht man es ja nicht, oder? Gut, vielleicht gibt es so ganz nebenbei ein paar Kontakte, die sich dereinst geschäftlich oder privat als nützlich erweisen – aber auch das wäre ja kein Grund, soviel Zeit herzugeben. Klar, es könnte auch sein, dass es irgendwie ins Konzept passt, wenn die Kinder ausgezogen, der Job quittiert, das Rentenalter erreicht ist und man doch nicht nur zuhause herumsitzen möchte. Aber auch das reicht ja nicht als Grund für dieses exorbitante Engagement, das man zeigt. Und ganz bestimmt tut man es nicht, weil es sich im Dorf und auf dem Visitenkärtchen noch gut macht: ‚Präsident‘, ‚Mitglied des Vorstands‘ oder sowas Ähnliches. Auch nicht weil man ab und zu vor die Leute treten, Preise übergeben, Ehrungen vornehmen, eine Rede ‚an die Nation‘ halten kann – all das hat man doch nicht nötig, im Gegenteil, das gehört ja alles zur Last des Amtes. Und völlig abwegig ist die geradezu schändliche Vermutung, es könnte die geliehene Kompetenz, die Macht über Geld und Leute sein, die fürs Ehrenamt reizt, der eingangs erwähnte Freiraum, in dem man für Misswirtschaft, Scheitern, Machtmissbrauch oder Null-Leistung nicht – oder kaum – zur Verantwortung gezogen wird. – Nein, all das mögen Randerscheinungen sein. Die wahre und einzige Motivation für ein Ehrenamt ist Selbstlosigkeit, Dienst am Kollektiv.

Und wenn überhaupt je darüber nachgedacht werden darf, wie es denn mit der eigenen Motivation genau aussehe, wie sie sich zusammensetze, welche Elemente da allenfalls mitspielen – dann nur vom Ehrenämtler ganz allein, mit sich und für sich. Laut darüber sinnieren im Kreise anderer, die sich selbstlos aufopfern oder gar in der Öffentlichkeit darüber schreiben, ist ein ‚No -go‘ in der Eidgenossenschaft. Das Thema ist tabu wie kaum etwas in unserer sich gern so aufgeklärt, so enttabuisiert wähnenden Gesellschaft. Vielleicht würde der Schutzwall um die heilige Ehrenamtlichkeit aufgebrochen, wenn ein überlebender Milizoffizier, der seine Truppe aus purer Inkompetenz in den sicheren Tod führte, sich im Prozess unter Verweis auf seine ehrenamtliche Tätigkeit aus der Verantwortung zu stehlen versuchte? Aber dazu bräuchte es einen Krieg, und das ist es dann doch nicht wert, oder? Also decken wir die heilige Kuh doch besser wieder zu und freuen uns weiterhin ungetrübt darüber, dass es in unserem Land nur so wimmelt von Aufopferungsbereiten, deren einzige Motivation die Hingabe ans Kollektiv ist. Eigentlich wären wir damit doch die idealen Kommunisten?

So schlimm ist es ja gar nicht, dass man unbedingt darüber nachdenken oder gar sprechen müsste. In den meisten Vereinen unseres Landes wird ja hochprofessionell gearbeitet. Und vielleicht fragt sich ja doch ab und an in stiller Klause der eine oder die andere ehrenamtlich Tätige, warum sie tut, was sie tut: ohne Pathos, ohne Selbstbeweihräucherung, einfach ungeschminkt und ehrlich – wenigstens sich selbst gegenüber. Das würde eigentlich reichen und wir könnten uns den dummen Krieg sparen.