Denk-Aufgabe 1205 vom 19.7.2012

 

Staat und Wissenschaft - die Götter der Neuzeit

Religion sei Opium für das Volk, meinte Karl Marx - und ich halte das nicht für den dümmsten seiner Sätze. Aber für ein sonst nicht zu ihm passendes Understatement, eine deftige Untertreibung. Denn Opium brauchen doch vergleichsweise nur Wenige. Religion hingegen - so meine These - brauchen fast alle Hominiden. Wenn ich den Religionsbedarf auf die Menschen beschränke, dann schlicht deshalb, weil ich es bei den übrigen Entitäten so schlecht beurteilen kann, dass es nicht mal für eine These reicht. Da es sich bei 'Religion' um einen arg abgelutschten Begriff handelt, muss ich kurz skizzieren, was ich in diesem Text darunter verstehen möchte: Ich spreche immer dann von 'Religion' im Sinne von 'Rückbindung', wenn Einzelne oder Kollektive Teile oder die gesamte Verantwortung für sich und ihre Welt bzw. ihre Weltwahrnehmung nach aussen delegieren, an irgendeine Instanz, die 'es richten soll', die die Verantwortung für was auch immer übernehmen soll. Der Gegenstandsbereich und das Mass der Verantwortung - also Qualität und Quantität - können sich beliebig unterscheiden, wichtig ist mir vorerst nur mal, dass Verantwortung delegiert wird. Eine weitere Voraussetzung dafür, dass im hier entworfenen Sinne 'Religion' vorliegt, ist die Haltung, aus der heraus die Verantwortungsdelegation erfolgt. Sie muss verbunden sein mit einem Gefühl der Hingabe, bei der das eigene kritische Denken ausgeklammert, nicht weiter nachgefragt, nachgehakt wird. Eine gewisse unreflektierte Vertrauensseligkeit gehört - zumindest auf seiten des 'Users' - dazu. Und bei denen, die noch einen Rest von Hirnaktivität zeigen in ihrer gefühlsdussligen Hingabe, gehört typischerweise ein Absolutheitsanspruch dazu, der den vordergründig rationalen Ansatz sofort als pseudointellektuell demaskiert.

Nun bleibt noch der im Titel verwendete Begriff 'Götter' mit dem skizzierten Begriff der 'Religion' zu verknüpfen: Wer Verantwortung vertrauensselig delegieren will, sucht sich in der Regel eine oder mehrere Figuren, Projektionsflächen aus, am liebsten solche mit Händen, damit er seine Verantwortung mitsamt all seinen Sörgelchen und Nöten eben in diese 'Hände' legen kann. Dass dies in patriarchalischen Kulturen meistens oder zumindest vornehmlich Männerfiguren waren, braucht deshalb nicht zu erstaunen. Selbstverständlich gab und gibt es Ausnahmen wie den altgriechischen, den altägyptischen oder den altgermanischen Götterhimmel, wo eine vergnügliche Vielzahl von männlichen und weiblichen Projektionsflächen angeboten wurden; und auch die clevere Inthronisierung der Mutter Gottes und die vielen Heiligen der katholischen Kirche kann man zu dieser Ausweitung des etwas gar engen Projektionsangebots der monotheistischen Religionen zählen. Immerhin gibt es ja auch im protestantischen Christentum die Ausweitung auf die Dreiheit 'Vater', 'Sohn' und 'Heiliger Geist', im Islam wenigstens auf Allah und seinen Propheten Mohammed. So richtig 'sauber' monotheistisch kommt eigentlich nur das Judentum daher. Doch der Unterschied zwischen mono- und polytheistischen religiösen Angeboten ist hier nicht das zentrale Thema. Es mag der Hinweis genügen, dass meines Erachtens polytheistische Modelle die Einsicht in die Relativität, die kulturelle, historische, soziale, geographische, aber auch individuelle und geschlechtsbedingte Färbung der angebotenen Projektionsflächen erleichtert.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Die Reformation brüstete sich damit, den Gläubigen, also den 'Endverbrauchern' oder 'Usern', direkten Zugang zu 'Gott' und der 'Heiligen Schrift' zu verschaffen und damit wenigstens die Kontaktschaffungs- und Deutungshoheit der Kirche anzuknabbern. Aber das Resultat war bescheiden und insbesondere der Reformator Calvin blähte sich zu einem diktatorischen Superguru auf, der mit seinen irrwitzigen Regeln und absoluten Forderungen den übelsten Päpsten jederzeit das Wasser reichen konnte. Ein tiefgreifender Wandel auf der Verantwortungsebene fand nicht statt. Es war Etikettenschwindel, Wechsel des Designs der Hardware - bei völliger Identität der Software. Der absolute Machtanspruch des Papstes wurde auf die neuen Chefs übertragen, die dessen Deutungshoheit und absoluten Wahrheitsanspruch an sich rissen. Mit der stärkeren Betonung und Anerkennung des Staates durch die Reformatoren ("...gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, aber Gott, was Gottes ist. Markus 12,17) wurde der Boden gelegt für eine weitere Umetikettierung, einen weiteren Transfer der Projektionsfläche für die Masse der Verantwortungsscheuen: auf den Staat. Diese Entwicklung erhielt in der Aufklärung durch das weitere Zurückdrängen der politischen Macht der Kirche einen starken zusätzlichen Schub und führte vielerorts zur Trennung von Kirche und Staat. In den heutigen dekadenten sozialen Wohlfahrtsstaaten hat diese Verantwortungsdelegation an den Staat ein Mass erreicht, von dem man sich fast nicht vorstellen kann, dass es noch grösser werden könnte. Entmündigte, permanent kranke, arbeitslose, angefaulte Menschenmassen verludern das letzte kleine bisschen Geld, das einige wenige Fleissige verdienen. Obwohl die Steuersätze teilweise astronomische Höhen erreicht haben und die Progression immer steiler wird, sausen all diese 'Nanny-States' mit ungebremstem Schwung in die Zahlungsunfähigkeit. Erst wenn all diese Staaten mit leeren Taschen dastehen und die Forderungen der selbst verschuldet unmündigen, am Staatstropf hangenden Massen beim besten Willen nicht mehr erfüllen können, wird sich wohl die Sackgasse dieser Art von Verantwortungsdelegation, die Untauglichkeit des Staates als Projektionsfläche, als Gott-Ersatz manifestieren. Das ist aber weiter nicht tragisch, denn dann wird wieder eine Generation heranwachsen, die Verantwortung tragen muss.

Wissenschaft als Sekte

Konkurrenz hat der Staat als Gott-Ersatz seit der Aufklärung durch die Wissenschaft erhalten. Nur schon die bauernschlaue Wortspielerei mit den Verben 'glauben' und 'wissen' ist bei näherem Hinsehen ein Schildbürgerstreich erster Güte. Aphoristisch zusammengepfercht könnte man sagen:
Kein Glaubenssystem ist heute erfolgreicher als die Wissenschaft. Sie ersetzte das Wort 'glauben' durch 'wissen' und umflorte es mit einem Wahrheitsanspruch, der höher sein sollte, weil er tiefer war.
Falls das doch etwas zu verschlüsselt sein sollte: Das Markenzeichen der wissenschaftlichen Aussage ist ihre Falsifizierbarkeit. Die Wissenschaft gibt zu, dass alles 'Wissen' relativ und nur vorübergehend gültig ist, es sich also um das handelt, was die Alltagssprache 'glauben', 'für wahrscheinlich halten' nennt. Dies im Unterschied zu religiösen oder ideologischen Aussagen mit ewigem und absolutem Gültigkeitsanspruch, was dem entspricht, was man in der Alltagssprache als 'wissen' bezeichnet, nämlich nicht nur 'für wahrscheinlich halten' , sondern 'für gesichert', 'für objektiv richtig bzw. wahr halten'. Der Unterschied liegt also nur im - in beiden Fällen unberechtigten - Wahrheitsanspruch. Bei Licht besehen sind menschliche Wahrnehmungsinterpretationen immer relativ, subjektiv, da sie nie von einer unabhängigen Instanz - z.B. einer Intelligenz mit einem Bewusstsein, das die für jede Analyse nötige Distanz zum menschlichen Bewusstsein hätte - geprüft werden können. Mithin handelt es sich bei allem menschlichen Gefasel stets nur um ein 'Für-wahrscheinlich-Halten', ob man es nun mit fanatischer Glut in den Augen 'glauben', oder mit cooler Arroganz 'wissen' nennt.

Dass der unsäglich simple Trick seit Jahrhunderten nicht durchschaut wird, zeigt, wie verblödet die Massen sind, die neben der Verantwortung für das Handeln auch die für das Denken seit ewigen Zeiten delegieren. Früher dachten die Pfaffen für sie, dann die Lehrer, Schergen und Beamten - und heute soll's doch bitte die Wissenschaft richten, am liebsten eine Expertenkommission... So gesehen war die Wissenschaft nie ein alternatives Konzept zur Kirche, sondern einfach eine neue, zeitgemässer konstruierte und mit modernerem Design ausgestattete Religion. Aus den religiösen Dogmen, deren Infragestellung mit Folter und Tod bestraft wurde, ist das experimentell, durch Studien und Statistiken belegte 'gesicherte Wissen' geworden. Die Reaktion auf die Infragestellung wissenschaftlicher Erkenntnisse, die gerade als gültig gelten, ist allerdings bedeutend subtiler als der mittelalterliche Scheiterhaufen: Marginalisierung, Ignoranz oder - ebenfalls sehr beliebt - Abschieben in die Eso-Ecke. Das kann durchaus auch renommierten Schulwissenschaftlern passieren, wenn sie es wagen, Thesen aufzustellen, die für den konservativen Mittelbau der einfachen 'Wissensvermittler' zu innovativ, zu verrückt klingen. Paradigmenwechsel dauern in der Wissenschaft manchmal sogar länger als in anderen Gesellschaftsbereichen. Auch hier gibt es Päpste und Kardinäle, die die Deutungshoheit für wissenschaftliche Erkenntnisse für sich reklamieren und Neues 'ex cathedra' verurteilen, das sich ein paar Jährchen später dann vielleicht doch als substanzielles Forschungsfeld entpuppt - und nicht nur als spirituelles Gelabber. Gott, Götter und Projektionsflächen also auch hier zuhauf. Unter dem Aspekt der Verantwortungsdelegation haben wir denselben alten Wein der Hingabe - einfach in neuen Schläuchen.

"Kauft die Wahrheit bei mir!"

Der einzige Unterschied zu mittelalterlichen Zeiten ist heute die grössere Auswahl an Projektionsflächen, der farbenfrohe Markt von Gottes-Ersatz-Angeboten: Es wimmelt nur so von Religionen, Sekten, Heilsanbietern - aber witzigerweise führt diese Vielfalt nicht etwa zu einer Relativierung des Absolutheitsanspruchs wie bei anderen Produkten. Im Gegenteil: je mehr Konkurrenz sich tummelt, desto lauter schreien die billigen Jakobe und preisen ihre Auslage als die einzig wahre Ware an. Es ist aber in keiner Weise zwingend, all diese Figuren mit Allmachtsansprüchen anzuhimmeln. Einzig dort, wo die Obermullahs auch politische Macht haben, ist es ratsam, zumindest so zu tun, als verehre man einzig und allein Allah und seinen feinen Propheten. Aber im ganz leicht zivilisierteren Westen darf jeder in die Knie, wo und vor wem er will, insbesondere auch vor dem goldenen Kalb. Es gibt längst bekennende Materialisten, 'Geiz ist geil' darf laut gesagt und unübersehbar an die Wände gekleistert werden. Auch der postklerikale Gott namens 'Staat' wird nicht von allen angebetet. Es sind vornehmlich politisch am linken Abgrund Torkelnde, die in ihm die alleinseligmachende Instanz sehen. Der sich aufgeklärter Wähnende hingegen hebt die Wissenschaft auf den Thron. Wenn er nicht mehr weiter weiss - und das ist fast immer - gibt er sich vertrauensselig den Professoren und Experten hin, die dann ein wichtiges Gesicht machen, eine teure Studie fabrizieren, die etwas belegt, was jeder Dorftrottel beim Pinkeln schon wusste, eine gefälschte Statistik (ich weiss, das ist ein weisser Schimmel, Statistiken sind immer gefälscht), die belegt, dass die Schwarzen dümmer sind als die Weissen, worauf die Gegenstatistik dann selbstverständlich das Gegenteil beweist - und der User darf glauben, was er will, merkt den faulen Zauber nicht, da die Glauberei ja als Wisserei getarnt ist.

Woher die Lust an der Verantwortungsdelegation?

Leben ist grundsätzlich lebensgefährlich, abenteuerlich, mit Risiken, Gefahren, Unwägbarkeiten gespickt. Glücklich - das wussten und wissen archaische Kulturen - ist, wer sich den Abenteuern stellt, sich auf sie vorbereitet und sie besteht, nicht wer ihnen ausweicht, sie vermeidet. Dummerweise ist das grösste Ziel aller dekadenten Wohlfahrtsstaaten aber genau das: möglichst alles vermeiden, verdrängen, aussen vorhalten, was im geringsten abenteuerlich sein könnte. Ziel ist, dass alle permanent und ohne eigenes Dazutun fett, krank und sicher daliegen können - und doch nicht von irgendeinem bösen Wolf gefressen werden. Das ist so gut gemeint wie dumm, denn damit wird die Fähigkeit, Gefahren zu trotzen, Abenteuer zu bestehen, gar nicht ausgebildet. Der Wohlfahrtsstaat züchtet Generationen von unmündigen Weicheiern, die beim kleinsten Windstoss nach Mami-Papi-Staat schreien, der das Gratis-Wohlbefinden wieder herstellen soll. In den letzten Jahrzehnten wurde die Eigenverantwortung und die unternehmerische Abenteuerlust gezielt und mit grossem Erfolg zurückgedrängt und ist heute nahezu ausgestorben. Wer heute noch etwas wagt, macht sich verdächtig und sein Mut wird mit einer Flut von einschränkenden Regeln so rasch und so nachhaltig wie möglich erstickt. Das Rad zurückdrehen ist gar nicht so einfach, denn Verantwortung ist anstrengend und in jedem echten Abenteuer ist die Möglichkeit des Scheiterns integriert. Und genau das will der Wohlfahrtsstaat abschaffen: Anstrengung und die Möglichkeit des Scheiterns. Was gefördert wird ist die Hingabe-Bereitschaft. Falls man dies als typisch weibliche Eigenschaft - und Verantwortungsgier und Abenteuerlust als typisch männliche - bezeichnen will, wären wir also auf tollem emanzipatorischem Weg. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht mehr, dass man in diesen sicheren, anstrengungslosen westlichen Gesellschaften zwar viel älter wird als anderswo, aber auch viel früher verblödet. Mit Stolz verweisen wir auf unsere medizinischen Fortschritte, deren Segnungen zwar unendlich teuer, aber - echt sozialistisch - natürlich der ganzen breiten Masse zukommen und uns einen stetig wachsenden, in hotelartigen Heimen wohlversorgten Bevölkerungsanteil von Dementen beschert, die dann mit 100 nicht einmal mehr rechtswirksam nach dem Exit-Becher schreien können. - Tja, wenn das kein Fortschritt ist!

Die Einsamkeit des Verantwortungsträgers

Die Lust an der Verantwortungsdelegation sitzt aber noch tiefer, ist nicht nur ein Produkt der Weicheier-Zucht in den sozialen Wohlfahrtsstaaten. Verantwortung macht einsam. Wer einen Entscheid in völliger Eigenverantwortung fällt, muss über ein gesundes Mass an Selbstsicherheit verfügen und bereit sein, die Verantwortung auch selbst zu tragen, wenn er sich als Fehlentscheid entpuppen sollte. Diese Persönlichkeitsstruktur echter Erwachsener war schon immer selten. Das Lieblingsspiel der Normalos ist die Schuldprojektion. Die meisten Mitmenschen erzählen uns mit Vorliebe, wer schuld ist, dass auf der Welt generell und in ihrem Leben speziell so vieles schief läuft. Und diese wenigen echt Erwachsenen können die Talfahrt des Wohlfahrtsstaates nicht stoppen. Verantwortung und Schuld sind immer gekoppelt. 'Schuld' ist nur die negativ bewertete Form des neutralen Begriffs 'Verantwortung'. Die positiv bewertete Form wäre 'Kompetenz'. Aber unsichere Menschen verzichten lieber auf Kompetenz, als dass sie die Möglichkeit der Schuld auf sich nähmen. Und wenn die ganze Gesellschaft und der Zeitgeist sie dabei unterstützen, fällt ihnen das Delegieren noch leichter. So sind es immer weniger Einsame, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Ein geradezu lächerliches Zeichen für diesen Mangel an Mut sind die 'goldenen Fallschirme' für scheiternde Manager. Genau dann, wenn sie wenigstens einen winzigen Bruchteil der finanziellen Verantwortung für das Scheitern ihrer meist sehr gut bezahlten Akrobatik übernehmen sollten, hängen sie sich in den Schirm und gondeln sicher in ihre goldene Villa - oder gleich zum nächsten fetten Job.

Anzeichen für das Aussterben dieser verantwortungsbewussten und freiheitsdrängenden Haltung ist auch der Niedergang der liberalen Parteien. Vor rund zwanzig Jahren warb die in früheren Zeiten landesweit dominante helvetische FDP noch mutig mit dem Slogan 'Mehr Freiheit, weniger Staat'. Heute dümpelt sie mit unsicheren, ambivalenten Mitte-Sprüchen dahin und verliert jede Wahl. Und im traditionell preussisch-bürokratisch-zentralistischen Totalstaat Deutschland waren liberale Ideen sowieso nie mehrheitsfähig - aber so schlecht wie heute gings der deutschen FDP wohl noch nie. Frankreich? Der neue Chefbeamte Hollande versprach eine Besteuerung der Reichen im Rahmen von netten 75% - und der Zentralismus ist dort so ausgeprägt, dass der Präsident bestimmt, ob in St. Marie de la Mer im Kindergarten-WC der Deckel ersetzt wird oder nicht. Wäre vielleicht wieder mal eine kleine Revolution mit Guillotine fällig... England? Das Land mit der weltweit höchsten Dichte an Überwachungskameras riecht auch nicht extrem auffällig nach Freiheit und Eigenverantwortung. Von Irland, Italien, Spanien, Portugal oder gar Griechenland wollen wir ja kaum reden, wenn es um das Thema Verantwortung geht, oder nicht?

Heitere Gelassenheit

Grund zur Verzweiflung oder zum Herbeireden des Weltuntergangs? Ich denke nicht. Wie 9/11 gezeigt hat, braucht es nur ein kleines Kataströphelchen, und schon werden all die entschlafenen, zugedeckten, verdrängten Qualitäten wieder wach, sozusagen freigebombt. Es kann auch weniger spektakulär und etwas langsamer zugehen wie beim aktuellen Bankrottgehen der überschuldeten Sozialstaaten. Das Resultat wird früher oder später ähnlich sein. Sobald der Leidensdruck genügend gross ist, die Projektionsflächen und Gott-Ersätze genügend nachhaltig versagt haben, wird - zwangsweise oder freiwillig - wieder vermehrt Verantwortung übernommen vom Einzelnen. Die Staatskässelein sind leer, die Wissenschafter hauen sich die Köpfe ein mit widersprüchlichen ökonomischen Modellen - man muss wieder selber den Kopf schief halten, damit die lange nicht gebrauchte Hirnflüssigkeit zusammenläuft und die vertrockneten Denk-Synapsen in Funktion treten können. Dann kommt vielleicht auch die Lust am Abenteuer, die Freude an der Kompetenz wieder auf - und das herrliche Gefühl der erarbeiteten und im Abenteuer angewendeten Kompetenz wird wieder mehr Menschen glücklich machen. - Und selbstverständlich wird auch diese Phase irgendwann wieder an ihren Kulminationspunkt kommen und in Sinkflug übergehen, denn - Stand des heutigen Irrtums - bislang entpuppte sich alles hienieden als Sinuskurve. Das Problem ist nur, dass wir jeweils weder die Frequenz noch die Amplitude kennen. Aber fragen Sie doch einfach einen Experten!