Denk-Aufgabe 1206 vom 12.10.2012

 

"Dummheit ist keine Schande – Feigheit schon"

Dummheit – oder etwas schöner gesagt: Kompetenzmangel – ist keine Schande, meine ich. Sie gehört zu allen komplexeren Entitäten. Je grösser die Entwicklungsmöglichkeiten eines Wesens, desto grösser und länger die Lernprozesse, die nur schon die Überlebensfähigkeit sichern. Ein Fisch kann sofort schwimmen, ein Känguruh verbringt mal ein Weilchen in Muttis Bauchtasche, Hunde und Katzen sind bei der Geburt blind – und das menschliche Baby ist über Jahre völlig unselbständig. Dass auch beim erwachsenen Menschen die Lernprozesse nie abreissen, liegt an der immensen Komplexität der Lernmöglichkeiten, die zur banalen Erkenntnis führen: 'Niemand kann je alles!' oder andersrum: 'Jeder ist irgendwo inkompetent oder eben dumm.' Nun gibt es auch noch Riesenunterschiede in der Lernfähigkeit. Jeder stösst bei jedem Lernprozess auf andere Grenzen, mal früher, mal später. Doch wer sich redlich bemüht beim Lernen, muss sich dieser Grenzen nicht schämen.

Ganz anders ist es mit der Feigheit, finde ich, und gehöre damit wohl zu einer vom Aussterben bedrohten Randgruppe pädagogischer Hinterwäldler, denn Feigheit ist heute nicht nur in breiten Kreisen unserer dekadenten Gesellschaft akzeptiert, sie wird sogar gefördert und mitunter reich belohnt. Mich interessieren in der Folge nicht alle Verängstigten, die mit ihrer Angst nicht zu Rande kommen und sich irgendwas nicht zu denken, zu fühlen oder zu tun trauen. Solange sie damit anderen keinen Schaden zu fügen, kann man es als Sonderform der eingangs erwähnten Dummheit oder Inkompetenz betrachten, der man mit Lernwillen zumindest zu Leibe rücken kann. In den Fokus nehmen möchte ich die Feiglinge, die zwar Schiss vor der direkten, offenen Kommunikation haben, dann aber nicht die Schnauze halten, sondern doch soviel Aufplusterungsbedürfnis haben, dass sie trotzdem etwas unternehmen, in der Meinung, sie könnten auf dem Weg indirekter Kommunikation ihren Hintern besser retten. Sie bleiben anonym oder petzen bei irgendeinem ¨Vorgesetzten des Verpfiffenen oder sonst einer mit Machtbefugnissen ausgestatteten Stelle, von dem bzw. der sie annehmen, dass sie sie schützen wird vor der Reaktion des Verratenen. Der eigentliche Skandal - oder, etwas gelassener: das Dekadenzzeichen - ist für mich nicht, dass es solche Feiglinge gibt. Charaktermängel gehören immer zum Gesamtbild einer Gruppe. Das Untergangsmal liegt meines Erachtens im Schutz durch diese Vorgesetzten, Chefs, Kollektive, ja sogar Regierungen.

Dies motiviert die aufplusterungsgeilen Feiglinge und solche, die es werden wollen, natürlich nachhaltig. Sie gründen bereits Whistleblower-Clubs und rufen damit weit mehr als eine Selbsthilfegruppe für mit miesem Charakter Geschlagene ins Leben, denn die Charakterschwäche des Petzers dient den Gegnern des oder der Verratenen – und diese Gegner sind sehr oft Machtgierige, ja sogar Staaten, die dank der Feigheit der Whistleblower Munition gegen ihre Widersacher in die Finger kriegen. Vielleicht verachten sie die Petzer insgeheim auch, aber als Instrumente benutzen kann man sie ja trotzdem.

Und wo ist die grosse Kontrolle durch die vierte Gewalt im Staat, die Medien? – Je primitiver das Medium, desto grösser die Freude über Petzerei und Whistleblowing. Es ist jedes Mal ein eigentliches 'Chäferfäscht' für sensationsgeile Medien. Stellen Sie sich vor, der Informatiker bei der Nationalbank, der die fraglichen Bewegungen auf dem Konto seines obersten Chefs entdeckt hatte, wäre zu ihm gegangen und hätte gesagt "Du Chef, ich bin da bei meiner Büez über ein paar Transaktionen deiner Frau gestolpert. Meinst du nicht, das sei ein bisschen delikat? Willst du dieses Risiko wirklich eingehen?" – Ich wette, der Chef hätte das genau angeschaut, sich bei ihm bedankt und mit grösster Wahrscheinlichkeit sofort rückgängig gemacht. – Das wäre eine direkte, gesunde, starke Lösung gewesen – aber null Stoff für die Boulevard-Medien! Und deshalb fällt das Wort 'Feigling' eben auch im Blätterwald kaum, da er oft dank der Feiglinge erst so recht ins Rauschen kommt. Hätte der Chef den Informatiker abgeputzt und die Transaktion nicht rückgängig gemacht, hätte Letzterer ihm immer noch klar machen können, dass er das nicht auf sich sitzen lasse und beim zuständigen Aufsichtsorgan melden werde. Das wäre immer noch klare, direkte Kommunikation gewesen und er hätte sich nie den Vorwurf machen müssen, er sei ein Feigling und scheue die direkte Auseinandersetzung. Es gibt haufenweise solche Beispiele, in der Politik – man denke z.B. ans Zürcher Sozialamt, in der Finanzwelt mit den von den USA und von Nordrhein-Westfalen doch reichlich fett und nett bezahlten gestohlenen Unterlagen bzw. Steuer-CD's; aber auch in der kleinen Welt der Verbände, Vereine und Unternehmen wimmelt es von Feiglingen. Gerade Ehrenämtler tun sich oft unheimlich schwer damit, dass ihre Büez bei aller Unentgeltlichkeit und Freiwilligkeit nicht im luftleeren Raum der Kritiklosigkeit stattfindet. Und wenn sie dann mit leisester Kritik konfrontiert werden, sind sie oft derart entsetzt, dass sie sich weder inhaltlich der Kritik stellen noch die Auseinandersetzung mit dem Kritiker suchen, sondern sich bei ihren Vorgesetzten ausheulen und Trost suchen für die Verletzung ihres zart-fragilen Egos. Und jetzt, erst jetzt, kommt das leuchtende Dekadenzzeichen: die 'Adelung' der Feigheit durch die Vorgesetzten oder – in der Familie – durch die Erziehungsberechtigten. Anstelle der Ohrfeige oder – da dies in unserer Softy-Gesellschaft selbstverständlich auch längst verboten ist und Grund für weiteres Verpfeifen wäre – einem scharfen, möglichst unvergesslichen Hinweis auf die Feigheit des Petzens, wird der Feigling (mit der maskulinen Form sind selbstverständlich weibliche Feiglinge mit gemeint, aber meines Wissens haben die Sprachfeministinnen bislang noch nicht darauf bestanden, den Begriff 'Die Feiglingin' im Duden aufzunehmen), wird also der feige Petzer in den Arm genommen, belobigt – und der Kritiker des Mobbings bezichtigt oder sonst rausgeekelt, selbstverständlich wiederum möglichst indirekt, da – Gott sei's geklagt – im sozialen Wohlfahrtsstaat spätdekadenter Prägung leider auch viele Empfänger der Petzerei, die Vorgesetzten, Chefs, Eltern, Lehrer, Vereins- und Verbandspräsidentinnen, Parteioberjehudis, Direktoren und Amtsinhaber Feiglinge sind. Vielleicht sind sie es nicht einmal von Natur aus wie die Petzer, aber sie haben gelernt, dass Machtmissbrauch und totale Kontrolle über die Untertanen oder 'Schutzbefohlenen' besser funktioniert, wenn man jede direkte Konfrontation meidet, wenn man ausweicht, beschönigt, schummelt, um den Brei salbadert, heuchelt und lügt. Das Schöne an dieser Umkehrung der Stossrichtung ist ja, dass sich weder der Petzer noch der, der ihn schützt, mit dem Inhalt der Kritik auseinandersetzen müssen. Es reicht, entrüstet zu sein darüber, dass jemand es wagt, überhaupt Kritik anzubringen, seine Wunden zu lecken und den Kritiker in die Wüste zu schicken.

Und mit jedem Fall, der so funktioniert, wird der kleine, dumme, schwache, verachtenswerte Petzer darin bestärkt, dass Petzen okay ist und direkte Auseinandersetzung ungut. Und so dreht sich das Rad munter weiter bis die Eigenschaft 'Feigling' und die Tätigkeit des 'Petzens' von Tief- zu Hochwert-Wörtern mutieren. Noch gibt es ab und zu einen erfreulichen Suizid eines Petzers, der trotz des Schulterklopfens irgendwie spürt, dass er eigentlich ein mieser Hund war. Das sind letzte Hoffnungszeichen, die aber die rasante Talfahrt der Dekadenz kaum aufhalten werden. Und früher oder später gingen in der Geschichte dekadente Gesellschaften unter, wurden überspült von jüngeren, gesunderen Völkern, in denen Mut noch etwas zählte und Feiglinge nach hinten durchgereicht wurden. Denn eine echte Schlacht gewinnen können nur die, die gleichzeitig kompetent und mutig sind – weder Winkelried noch Tell konnten ihren Job als Whistleblower machen.


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