Denk-Aufgabe 1207 vom 24.12.2012

 

Olympische Tricks

Kopfschüttelnd zoomte Zeus die Szene etwas näher heran und rief halb besorgt, halb belustigt die Nymphen herbei. Er staunte selbst immer wieder, wie viele attraktive junge Damen den Olymp bevölkerten und schmunzelte selbstzufrieden beim Gedanken, dass er an der Entstehung all dieser hinreissenden Halbgöttinnen irgendwie mitbeteiligt war. Er selbst hatte den Überblick über sein Liebesleben und seine Nachkommenschaft längst verloren und überliess es untergeordneten Chargen, darüber Buch zu führen, Stammbäume zu zeichnen und Querverbindungen zu markieren. Man musste schon über ein rechtes Mass an rückwärtsgewandter Biederkeit und über ein dominantes Buchhalter-Gen verfügen, um sich so intensiv mit dem Liebesleben anderer abzugeben, anstatt selbst eins zu haben, dachte er bei sich, als er einen dieser bleichgesichtig-schmallippigen Sekretär-Archivare eiligen Schrittes und mit diesem auch auf der Erde so verbreiteten missbilligenden Gesichtsausdruck vorbeihuschen sah.

Vergnügt wandte er sich nun an die Nymphenschar, die sich – eine schöner als die andere – rund um seinen bequemen Polstersessel niedergelassen hatte. Er hüstelte, bis auch die kurvenreiche Nereide Sarina ihre Augen endlich vom Display ihres Smartphones zu heben geruhte und ihm ihre volle Aufmerksamkeit schenkte, verbunden mit ihrem verschmitzt-schelmischen Lächeln, das auch den leisesten Anflug von Ärger im damit Beschenkten gleich wieder in Luft auflöste.

Der Göttervater wollte schon loslegen mit seinem Anliegen, als sich der Brokatvorhang nochmals teilte und die Najade Cinderella in ihrer gleichzeitig bescheiden und aristokratisch wirkenden, lasziven Eleganz eintrat und sich mit einer Anmut zur Gruppe ihrer Freundinnen setzte, die sogar dem diesbezüglich ja nicht ganz unverwöhnten olympischen Obermacho kurz den Atem raubte. Wie kann man sich nur so schön bewegen ohne dass es gemacht, aufgesetzt, eitel wirkt? – dachte der Blitzeschleuderer voller Bewunderung und fragte sich, ob Cinderella ihre natürliche Anmut teilweise oder ganz verlöre, wenn sie sich ihrer bewusst würde. Auf jeden Fall würde er ihr die Lektüre von Kleists 'Marionettentheater' vorerst nicht empfehlen. Der gelassen und geduldig auf ihn gerichtete Blick Cinderellas liess ihn aus seinen Gedanken erwachen. Er lächelte und hub an:

"Ich brauche eure Unterstützung, ihr lieben wundervollen Helferinnen. Die Menschen waren und sind ja immer schon langsam im Lernen, aber zurzeit wuselt da einer auf der Erde herum, der ist so unsäglich schwer von Begriff, dass ich ihn etwas schubsen möchte. Ihr wundert euch vielleicht, dass ich mich so intensiv mit einem Einzelfall beschäftige, wie wenn es nicht genug Probleme zu lösen gäbe, die ganze Völker, ja den ganzen Planeten betreffen. Aber dieser Pit ist insofern ein Sonderfall, als ich ihn für Spezialaufgaben ausgewählt und entsprechend mit den nötigen Gaben ausgerüstet habe, er nun aber über Hindernisse stolpert, die in seinem Wesen angelegt sind und die ich zugegebenermassen unterschätzte. Wenn eine von euch mir behilflich sein könnte, ihn zu einem dringend nötigen Entwicklungsschritt zu motivieren, könnte dieser Pit endlich das tun, was er tun sollte."

Die quirlig-lockige Quellnymphe Melinda erhob sich und fiel ihrem Grossonkel Zeus ohne Scheu ins Wort: "Du sprichst in Rätseln, grosser Herrscher. Wer ist dieser Pit? Was ist seine Aufgabe? Was hindert ihn daran, sie auszuführen? Und wie können wir Nymphen ihm dabei helfen?"

"Gemach, gemach, liebe Melinda. Aber du gibst mir eigentlich gleich den Steilpass: Pit ist ähnlich wie du, nur etwas schlimmer, also etwas ungeduldig und frech, ja oft geradezu aggressiv, sogar gegen die Wesen, die ihn am meisten unterstützen, denen er am meisten zu verdanken hat. Ihm fehlt nicht nur die Demut anderen Wesen und insbesondere uns Olympiern gegenüber, sondern noch etwas, was dir nicht mangelt, eigentlich keiner von euch herrlichen Halbgöttinnen (diese geschickte captatio benevolentiae sicherte ihm die Aufmerksamkeit aller und liess auch die leichte Missstimmung auf dem hübschen Antlitz von Melinda wieder verschwinden): es ist die Gelassenheit – und damit das Tor zur Weisheit. Ich schenkte ihm so viel Durchblick, so viel Erkenntnis, aber ich wollte ihn nicht zum Halbgott erheben und musste ihm auch typisch menschliche Eigenschaften lassen. Ihr wundert euch vielleicht, dass ich als allgewaltiger Gott nicht einfach eingreife, ihn wegfege und ersetze oder ihn zwinge, seine Aufgabe zu vollenden. Das wäre zwar durchaus möglich, aber es ist nicht die Lösung, die ich anstrebe. Es ist mit Pit wie mit allen Menschen: sie haben die Möglichkeit, sich zu entwickeln – aber sie haben jederzeit den freien Willen, diese Möglichkeit nicht zu benutzen. Ich will keine Roboter, keine entmündigten Sklaven ohne Eigenverantwortung. Die Menschen dürfen ihre Freiheit missbrauchen für unsäglichen Unsinn – und das tun sie ja auch, seit es sie gibt. Es entbehrt nicht der Ironie, dass sie zurzeit selbst genau das tun, was ich nicht tue, obwohl ich es könnte: sie entmündigen sich gegenseitig, delegieren alle Verantwortung an zentrale Kollektivgebilde wie ihre 'Staaten' – und entwickeln sich so in beängstigendem Tempo rückwärts. Sie nutzen ihre Freiheit, um immer unfreier zu werden. Aber genau das dürfen sie. Irgendwann kommt die Bewegung an einen Tiefpunkt und es wird wieder Menschen geben, die bereit sind, für ihre Freiheit zu kämpfen, Verantwortung zu übernehmen und sich in unsere Richtung, statt von uns weg zu entwickeln."

Melinda konnte ein Gähnen kaum unterdrücken – und schaute in die Runde ihrer Kolleginnen, die entweder an sich rumzupften oder verstohlen ihre Smartphones checkten. Nur Cinderella sass in ihrer unnachahmlichen Anmut gleichmütig da, den Blick ruhig und unverwandt auf Zeus gerichtet. Melinda wunderte sich wieder einmal über diese merkwürdige Najade und bemerkte, dass sich zu ihrer Wertung, dass sie insgeheim die blonde Schönheit nämlich für reichlich langweilig und dümmlich hielt, auch ein Schuss Eifersucht dazu gesellte. Denn so sehr sie sich bemühte, diese Cinderella innerlich runterzumachen und nicht zu mögen – die messerscharf analysierende Frau in ihr kam doch nicht darum herum zuzugeben, dass dieses doch eigentlich bedeutungslose Nymphchen von überirdischer Schönheit war – einer Schönheit, die sogar diejenige der üppig-erotischen Aphrodite in den Schatten stellte. – Diese Erkenntnis sass wie ein Stachel in ihrem Fleisch und sie wandte sich leicht verärgert wieder dem Göttervater zu. Sie alle kannten diese Reden ja zur Genüge. Immer diese Grundsatz-Predigten über Freiheit – naja, die meisten von ihnen hätten lieber selbst mehr Freiheiten gehabt. Jede hatte ja einen bestimmten Ort, eine bestimmte Aufgabe zugeteilt erhalten – und von Job-Sharing wollte der Alte – bislang jedenfalls – gar nichts wissen. Dabei hätte es nach einem kurzen Briefing doch problemlos geklappt damit, alle paar Monate die Plätze und Aufgaben zu tauschen – anstatt ewig im selben Hain, bei derselben Quelle rumzuwuseln.

Nun war es die kühle Nordmeer-Nymphe Ismelda, die den sich so gerne reden hörenden Donnerer unterbrach und mit einem ganz leicht spöttischen Zug um den Mund sagte: "Allmächtiger, bitte sag' uns doch ganz konkret, was du von uns wünschst – wir sollten ja dann auch wieder an unsere Arbeitsplätze zurück." – Zeus, der laut Homer ja stets unvergänglichen Rat weiss, schaute für einen Augenblick etwas ratlos in die Runde, bis sein Blick auf der wie eine Sphinx dasitzenden Cinderella haften blieb und sich in seinem Innern ein Lösungsansatz abzuzeichnen begann. Er spürte auch, wie wenig sich die Nymphen für sein Lieblingsthema interessierten und meinte trocken: "Also meine Lieben, machen wir's kurz. Ihr alle intensiviert in den nächsten Tagen eure Präsenz und Ausstrahlung an euren Plätzen so stark, dass alle Wesen, die in eure Nähe kommen, euch und die Kraft des Ortes spüren. Die Energiefelder, die ihr damit auf dem ganzen Planeten miteinander verbindet, sollen so nachhaltig und stark sein, dass auf die Dauer sogar die wenig sensiblen Zweibeiner etwas mitkriegen und damit zumindest die Chance haben, sich auf eine höhere Freiheitsebene einzuschwingen. Für dich, liebe Cinderella, habe ich eine Sonderaufgabe, die ich dir gleich erläutere, wenn alle andern gegangen sind."

Das Aufatmen der Nymphen war hör- und spürbar – ein Rascheln, Trippeln und Gekicher – und im Nu war der ganze Nymphenspuk verschwunden. Bis auf Cinderella, die – so ging es Zeus durch den Kopf – wohl gar nicht anders konnte als in vollendeter Anmut dazusitzen. Einen Augenblick lang spürte er Begehren aufkeimen und schien zu vergessen, wie nah dieses wundervolle Geschöpf mit ihm verwandt war – dann schüttelte er über sich selbst den Kopf und erinnerte sich daran, dass die Wassernymphe Gaiana, die Mutter von Cinderella, in seinen Knabenjahren an seiner Erziehung mitgewirkt hatte. Sie lehrte ihn, die befruchtende Kraft des Wassers zu erkennen, zu achten und zu nutzen. Vielleicht hatte die junge Cinderella ja nicht nur die Schönheit, sondern auch die Weisheit ihrer Mutter geerbt?

"Liebe Cinderella. Ich habe dich ausersehen, diesem Menschensohn Pit den Weg zu weisen. Erscheine ihm so, wie du bist, er wird in unsterblicher Liebe für dich entbrennen. Dann locke ihn zu deiner Quelle und lass ihn daraus trinken. Er wird in einen erquickenden Schlaf fallen und als ein anderer daraus erwachen. Er wird aber noch verletzlich und unsicher sein, wie ein Küken, das sich eben erst aus dem Ei befreit hat, wie ein hellgrün sprossender junger Keim. Er wird also noch geraume Zeit auf deine Begleitung angewiesen sein. Er wird dich verehren, wird deine Anmut, deine Gelassenheit, deine Demut, dein Mitgefühl mit allem, was ist, bewundern und vielleicht auch darob fast verzweifeln, dass er nicht ist – und auch nie sein wird – wie du. Dies ist aber auch nicht seine Aufgabe. Ich gab ihm die Fähigkeit, das in Worte, Bilder und Klänge zu fassen, was du bist – aber selbst nicht beschreiben kannst. Noch ist er aber zu sehr in seine Wertungen verstrickt, als dass er innerlich und äusserlich frei wäre für die Erkenntnis der grössten Freiheit: der Freiheit von der Wertung. Noch lebt er in einem Weltbild, in dem zuerst die Tiere und die ganze Natur – und erst ganz am Schluss seine menschlichen Mitwesen kommen. Deshalb wird er von ihnen auch nicht gehört mit allem, was er erzählt und beschreibt. Wenn er nun aber in Liebe für dich entflammt und dich für ein Menschenwesen hält, kann er vielleicht die nötigen Entwicklungsschritte machen und ganz langsam zu mehr innerer Gelassenheit und weniger Wertung finden. Gib ihm so viel Einblick in dein Wesen, dass er auf dem Weg bleibt, auch anderen Menschen die nötige Zuwendung zu geben. Deine göttliche Herkunft und Unsterblichkeit aber soll ihm verborgen bleiben. Wenn es gelingt, wird er endlich seine Aufgabe erkennen und wahrnehmen. Er wird es immer noch freiwillig tun – auch wenn wir etwas nachgeholfen haben. Ich werde dich davon in Kenntnis setzen, wenn du befreit bist von deiner Zusatzlast. Ich danke dir jetzt schon für deine Hilfe." Also sprach der allgewaltige Kronide. Cinderella aber nickte, erhob sich in ihrer unnachahmlichen Grazie, verneigte sich vor dem Herrscher des Olymps und schritt von dannen, zu tun, was Zeus sie geheissen. Dieser aber schaute ihr noch lange hinterher und merkte wieder einmal, dass die Mär von seiner Allwissenheit eben wirklich nicht mehr als eine Mär war. Denn er wusste nicht einmal, ob Cinderella die Aufgabe mit Freude oder Widerwillen anpackte – so sehr war sie schon im lichten Hain jenseits vordergründiger Wertungen angelangt.

Alles trug sich so zu, wie Zeus, der unergründlichen Rat weiss, es vorausgesagt hatte. Pit verlor bei der Begegnung mit Cinderella fast den Boden unter den Füssen, verwickelte sich zuerst in begehrende Liebe, erkannte aber bald die Unerreichbarkeit dieses Wesens und entwickelte über die Jahre – unsäglich langsam zwar – so viel Gelassenheit und Menschenliebe, dass diese ihm vermehrt zuhörten, auch und gerade weil so viele von ihnen die hohe Schwingungsenergie all der von Nymphen beseelten Quellen, Flüsse, Bäume, Haine, Orte und Plätze zu spüren begannen. Die so verfeinerten Menschen entdeckten hinter dem immer noch wechselhaften Menschen Pit auch immer mehr die Botschaften, die ja gar nicht von ihm stammten und deshalb viel bedeutender waren, als ein Einzelner es je sein kann.

Nur in einem hatte sich Zeus getäuscht: Pit roch in der ersten Sekunde ihrer Begegnung die göttliche Herkunft Cinderellas und ahnte auch bald, dass er offenbar als 'besonders schwieriger Fall' eine Spezialbetreuung brauchte. Aber er konnte sich mit dieser für ihn wenig schmeichelhaften Idee und der dahinter steckenden Trickserei der Olympier leicht aussöhnen: bei dieser Begleitung war er gerne noch etwas länger 'schwer von Begriff'.

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(aber, liebe Mitmänner, fragt nicht alle nach der Handynummer von Cinderella, ich hab sie auch nicht! Und - zugegeben - wenn ich sie hätte, gäb ich sie bestimmt nicht raus :-)