Denk-Aufgabe 1302 vom 29.4.2013

 

Beamtenträume

Warum ist der Beamtenstatus so begehrt? Vielleicht, weil man alle Vorteile der Macht hat, ohne ihre Nachteile? Andere Menschen gängeln, belästigen, ja nur schon andere endlos warten zu lassen ist doch ein Genuss? Denn der Beamte ist in der Regel ein konkurrenzloses Nadelöhr, durch das man - zwingend und alternativlos - durch muss. In der Privatwirtschaft gibt es immer Alternativen: Wenn die Kassierin im Laden A unfreundlich, der Salat angefault, der Parkplatz zu teuer ist, geht man in Laden B. Beim Beamten ist da nix drin. In gewissen Fällen kann man vielleicht den Zeitpunkt des Kontakts verschieben, wenn man sieht, dass gerade ein besonders übles Exemplar Dienst tut. Aber wer sagt denn, dass am nächsten Tag was Angenehmeres auf dem Platz sitzt? Der Beamte muss sich in aller Regel nicht um seine Kunden kümmern, muss sich nichts einfallen lassen, um die Kunden zu gewinnen, zu binden, zu halten. Er muss auch nicht effizient sein, geschweige denn gut oder gar brillant. Sein Lohn ist nicht an seine Leistung gekoppelt. Er wird weder grösser bei herausragendem Einsatz noch kleiner bei Kotzbrocken-Verhalten. Dass dies auf das Verhältnis zwischen herausragenden und Kotzbrocken-Beamten einen Einfluss hat, der klar die Tendenz zugunsten der Kotzbrocken stärkt, ist eigentlich auch für Leute mit bescheidenen geistigen Möglichkeiten nachvollziehbar. Und genau die wollen dann Beamte werden. Weil sie wissen, dass sie mit selbst erarbeiteter Macht nie zu solchen Jobs kämen, wo sie so herrlich andere runtermachen, unten halten, belästigen können - je nach Position vielleicht auch verhaften, einkerkern, schnoddrig vernehmen oder - welch ein Hochgefühl! - sogar ein klitzeklein wenig fölterlen können. Nicht jeder träumt auch davon, andere umlegen zu können. Das ist dann doch das Privileg der Militärs und der höheren Politiker. Aber attraktiv ist das natürlich schon: wer einen legitim umbringen darf, ist vielleicht ein Polizist, wer mehrere straflos ins Jenseits befördert, vielleicht ein Soldat, wer reihenweise Leute von der Karte pustet, könnte General sein und - das wäre dann in dieser Hierarchie das höchste - wer ganze Völker oder wenigstens Volksteile, Ethnien umbringt, ist ein Staatsmann, wenn es Millionen waren, ein grosser. Von dieser letzteren Sorte gibt es verständlicherweise nicht sehr viele, weil es ja auch gar nicht so viele Völker gibt, die man vergasen oder sonstwie beseitigen könnte, aber das Spiel mit der geliehenen Macht mach auch im Kleinen Spass.

Und eben: Die Nachteile der Macht, z.B. die Verantwortung, die hat man als glücklicher Beamter eben nicht. Jeder Nicht-Beamte muss für das, was er tut, gerade stehen und haftet für das, was er anrichtet (ok es gibt da ein paar Ausnahmen, z.B. gelten die Banker in unserer Gesellschaft als zu unerwachsen, als dass man sie für ihre Misswirtschaft haften lassen könnte. Man sprach deshalb früher auch von 'Bankbeamten', weil sie dieselbe Haftungsfreiheit genossen wie die 'richtigen' Beamten, die bei all ihren Handlungen - und vor allem, was häufiger vorkommt, bei all ihren Unterlassungen - stets die Hände in Unschuld waschen können mit dem Lebensmotto: "Ich halte mich nur an die Vorschriften!" Damit ist der Beamte auch völlig befreit von einem weiteren Nachteil, der sonst mit Macht verbunden ist: dem Denken. Wer sich als Privater, als Unternehmer Macht erarbeitet, muss schon bei diesem Prozess autonom denken, erst recht aber bei der Ausübung und beim Erhalt der Macht. Herrlich dagegen die Situation des Beamten: er muss weder etwas denken noch etwas können. Er muss auch die Vorschriften nicht verstehen, die er durchsetzt; er muss sie nur einhalten - und vor allem dafür sorgen, dass wir, die hochverdächtigen, nicht zu seiner Kaste gehörenden Privatmenschen, sie einhalten, ansonsten... Natürlich wünscht sich der Beamte zutiefst, dass wir die Vorschriften NICHT einhalten, denn nur so kann er seine unmittelbare Macht auch ausüben und spürt sich selbst, wenn er Nachteile androhen, mahnen, strafen, foltern oder - Klimax der Lust - töten kann.

Nun könnte diese doch etwas gruselige Vorstellung dazu angetan sein, den Nicht-Beamten das Leben gründlich zu vermiesen. Ganz so schlimm ist es aber nicht, da auch hier die Sinuskurve spielt: in Frankreich ist es ja schon fast so weit, dass alle Insassen Beamte sind, und in kommunistischen Staaten war es sogar ganz so, dass alles dem Staat gehörte und jeder, der damit irgendwas tat, staatliche Macht ausübte. Deutschland, der alte Preussenstaat, hinkt zwar quantitativ noch leicht hinter Frankreich her, aber qualitativ sind die deutschen Beamten natürlich 1A! Die lassen nichts anbrennen und scheuen auch vor kriminellen Handlungen nicht zurück, wenn sie nötig sind, um den heiligen Vorschriften Nachachtung zu verschaffen.

Und doch funktioniert das unterhaltsame Spiel natürlich auf die Dauer nicht, da ja irgendwann gar keiner mehr da ist, den man nach Herzenslust gängeln und quälen könnte, wenn das ganze Kollektiv nur noch aus denen besteht, die gängeln und quälen möchten. Deshalb gibt es dann irgendwann einen Umschwung: der Spass an der geliehenen Macht nimmt ab, da man sie nicht mehr so richtig geil ausleben kann und es wird wieder lustvoller, selbst etwas auf die Beine zu stellen, sich dem Abenteuer des Wettbewerbs zu stellen, bis es dann irgendwann wieder dreht... Es ist doch wie mit allen Furzideen linker Provenienz: sie führen früher oder später in den Bankrott, in den totalen Stillstand. Der ist im Idealfall dann erreicht, wenn solange umverteilt wurde, bis es nichts mehr umzuverteilen gibt und es deshalb auch keine Beamte mehr braucht, die diese permanente Umverteilung durchführen. Dieser untere Wendepunkt der Sinuskurve ist - so scheint es mir zumindest - bald erreicht. Und ich freue mich drauf! Denn dann geht ja die Gegenbewegung wieder los und es geht aufwärts, zumindest wenn man eine Zunahme des autonomen Denkens und Handelns, ein Wachsen der Freiheit und der Verantwortungsübernahme durch den Einzelnen und den bewussten, eigenverantwortlichen Umgang mit Macht als 'aufwärts' wertet, wie ich das - mit Vorfreude - tue.

Wobei, ganz ehrlich, ich hab mich auch schon erwischt beim Gedanken, wie es denn wäre, wenn ich die Macht geliehen bekäme, alle Beamten, die mich oder meine Nächsten und Freunde schon mal zur Weissglut brachten, im Gegenzug auch ein wenig zu ärgern oder gar - nur ein ganz klitzeklein wenig - zu quälen. Ich wäre dann sowas wie ein Chefbeamter in einem Lager für Beamte, die zu beamtisch waren und dürfte sie - natürlich streng nach Vorschrift - korrigieren, reparieren, therapieren, soweit letzteres überhaupt möglich wäre.... Hmmm ich weiss wirklich nicht, ob ich der Versuchung widerstehen könnte :-)

Feedback - auch und gerade von begeisterten Beamten - erfreut wie immer info@marpa.ch