Denk-Aufgabe 1303 vom 27.5.2013

 

Identität

These: 'Identität', 'Gleichheit' ist ein zutiefst naturfremdes, Konzept, eine vereinfachende Setzung, die es nur in von Menschen erfundenen Spielen und Systemen gibt.

Die Vorstellung von 'Gleichheit' basiert auf Angst und Unsicherheit. Sie soll dem wenig Entwickelten in seiner Unbedarftheit helfen, mit der komplexen 'Welt' zurecht zu kommen. Solange diese Hilfskonstruktion auch als solche wahrgenommen wird - wie die seitlichen Stützräder bei Kinderfahrrädern - ist so wenig dagegen einzuwenden wie gegen Schwimmflügeli, denn auch die Identitäts-Vorstellung hilft dem Denken und Leben Lernenden, nicht gleich abzusaufen im Meer der Verschiedenheit. Immer, wenn wir äusserlich oder innerlich Neuland betreten, brauchen wir solche Gleichsetzungen, um uns zurechtzufinden. Es wirkt beruhigend, wenn uns jemand versichert, alle 'A' seien identisch, und uns nicht gleich bombardiert mit der unendlichen Liste nur schon optisch verschiedener 'A' je nach Schriftart, geschweige denn der ganzen akkustischen Palette verschiedenster A-Färbungen je nach Herkunft des Sprechers. Weise Ausbilder nehmen dem Schüler die Illusion der Gleichheit nur ganz langsam; häppchenweise wird er mit der Grauslichkeit der komplexen, identitätsfreien 'Welt' bekannt gemacht. Für die Angstvollsten und Unsichersten reicht die Seifenblase der 'Gleichheit' der A' aber nicht. Da ist schon die Vorstellung, dass zwar alle 'A' gleich seien, es daneben aber - zumindest im deutschen Alphabet - noch rund 25 weitere Buchstaben plus die drei schröcklichen Umlaute Ä, Ö und Ü gebe, schlicht zuviel an Komplexität. Hier hilft die Reduktion auf Zweierpäckli, z.B. die schlichte Zweiteilung in Vokale und Konsonanten.

Was als Doppel-Stützrädchen, als motivierende Super-Vereinfachung geschickter Wohlfühlpädagogen gedacht ist, kann aber übelste Folgen haben: das Denken, Fühlen und Handeln einfacher Menschen findet oft gar nie mehr heraus aus dieser Vereinfachung auf Binarität, auf Antonyme wie Schwarz-Weiss, Gut-Schlecht, Wahr-Falsch, Links-Rechts. Der Einfachheit halber werden alle Zwischenstufen zwischen den Extremen ausgeblendet "weil nicht sein kann, was nicht sein darf" - und es darf nicht sein, weil Komplexität - wie ja schon der Begriff ahnen lässt - eine komplizierte Sache ist und man es gern einfach hat. (Interessanterweise will niemand einfach sein, aber fast alle wollen es einfach haben, vor allem bei der anstrengenden und in der Regel kaum Cash einbringenden Tätigkeit des Denkens...).

Und nun passiert das, was den Menschen zu einem der unangenehmsten Tiere macht: er verwechselt seine gigantisch vereinfachte Weltsicht mit der Fiktion einer für alle gleichen 'Realität'. Er wendet das Konzept der Identität auch gleich auf die von ihm wahrgenommene 'Welt' an, die dann selbstverständlich sofort und für alle identisch, gleich zu sein hat. Im Fahrradbeispiel: die Stützrädchen werden nicht mehr als Hilfe für Radfahren-Lernende durchschaut, sondern werden zur einzig richtigen Ausrüstung. Mit den beiden simplen Konzepten der Identität und der Binarität zimmert er sich eine herrlich einfache Welt zurecht - auch ohne diese Begriffe je gehört geschweige denn verstanden zu haben.

Geradezu schauerlich, ja fast schon wieder rührend ist, dass die sogenannte 'moderne Logik' als Herzstück zumindest zürcherischer Universitätsphilosophen-Ausbildung mit ihren putzigen 'Wahr-Falsch'-Tabellen auf genau diesem Züglein mitfährt: axiomatische Setzung der Identitätsregeln und Reduktion auf 'wahr' oder 'falsch' - tertium non datur. Natürlich ist das ein lustiges Spiel, mit dem man - wie mit allen guten Spielen - amüsantes Denktraining betreiben kann. Aber in den Händen thumber Fundis wird aus einem auf simplen Annahmen beruhenden, 'naturfernen' Spiel schnell tödlicher Ernst. Wenn Leute wie der alte Adolf die Wahrheitstabelle ausfüllen, kommt dann eben schnell mal so hirnverbrannter Unsinn raus wie 'allen Juden kommt die identische Eigenschaft "unwertes Leben" zu', 'unwertes Leben am Leben zu lassen ist falsch, richtig ist also, sie umzubringen'. Und Kim Jong Un ist kaum der einzige heute lebende Volldepp in Adolfs Fussstapfen, oder nicht? Man muss sich das Bild dieses pausbäckigen Hirnamputierten mal auf der Netzhaut zerschmelzen lassen und sich dann vorstellen, wie er mit seinen fetten Fingerchen nach dem Knopf grabscht, das uns ein möglichst viel Heil bringendes Bömbelchen beschert - und wir überlegen uns höchstens, ob man ihm nicht irgendwas verkaufen könnte. Tja, vielleicht mach ich mir ja völlig unnötige Sorgen und er übergibt sich und sein Ländle schon bald seinem noch zu zeugenden und bestimmt mit einer Hirnzelle mehr ausgestatteten Sohnemann Kim Jong Due?

Mithin - und dafür werbe ich hier - könnte es ja durchaus sinnvoll sein, unseren Kinderleins die Komplexität schon im frühzarten Alter nahezubringen, die Begeisterung zu wecken gerade für die Nicht-Identität, für die berauschende Ungleichheit und für die riesige Palette von Abstufungen, die es zwischen Extrem-Wahrnehmungen und ihren vereinfachenden Benennungen gibt. Das erspart uns den Kim Jong Tre noch nicht, aber es könnte die uns verbleibende Zeit vielleicht etwas fruchtiger machen?

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