Denk-Aufgabe 1304 vom 15.10.2013

 

Machtmissbrauch

'Macht' ist das einer Entität zu Gebote stehende Potenzial, irgend etwas zum Ausdruck zu bringen, mit irgend etwas in einem wie auch immer gearteten 'Aussen' Spuren zu hinterlassen. 'Missbrauch' meint diejenigen Arten der Anwendung dieses Potenzials einer Entität A, die, von anderen Entitäten angewendet, von A als inakzeptierbar eingestuft würde. Oder, anders ausgedrückt: Missbrauch ist all dasjenige Ausdrücken eigenen Potenzials, was Kants kategorischem Imperativ widerspräche, also vom Agierenden selbst nicht als tauglich für die Verallgemeinerung in einem für alle geltenden Gesetz eingeschätzt würde.

Nach dieser Begriffsklärung nun die These 1:
Alle Entitäten verfügen über Macht, und sei es nur diejenige, die aus der Abtrennung, der Unterscheidbarkeit, der Absonderung, aus der Gegenüberposition in Bezug zu anderen Entitäten, aus dem Besitz einer unverwechselbaren Identität ergibt. Aber keine erliegt der Versuchung, sie zu missbrauchen, quantitativ und qualitativ so exorbitant wie der Mensch.
oder kompakter:
Wo wir auf Machtmissbrauch treffen, ist der Mensch nicht weit.
oder zugespitzter:
Es gibt keine dem Menschen zu Gebote stehende Macht, die er nicht permanent missbrauchte.
oder messerscharf:
Beim Menschen ist die Regel der Missbrauch, die Ausnahme der achtsame Umgang mit Macht

 

Oma hops mal!

Im alten frechen norddeutschen Spottlied "Oma hops mal..." lässt eine kleine Göre ihre blinde Oma auf der Strasse über imaginäre Löcher hopsen, wird wegen ihres respektlosen Verhaltens gemahnt und meint dazu berlinerisch schnoddrig: "Diese Oma, die ist meene, die kann ich hopsen lassen, wann und wo ich will..."

Andere Wesen nach unserer Pfeife tanzen zu lassen, ohne dass sie eine Wahl haben, nicht oder anders zu tanzen, ist die wohl verbreitetste Motivation des Menschen, überhaupt irgendetwas zu tun, was über den Empfang von Sozialhilfe hinausgeht. Vielen ist diese geile Lust am Machtmissbrauch auch Ersatz für Erotik, die sie nicht leben können oder die sie sich nicht zu leben trauen. Als Beamte, mit politischer Macht Betraute, als Vereins- und Verbandsfunktionäre, als Unternehmer bleibt dieses Machtgefühl aber immer etwas Innerliches, mehr oder weniger Abstraktes. Die Sinne miteinbeziehend und damit näher bei der verpassten Erotik wird es beim Reiter, der unmittelbar sinnlichen Körperkontakt hat mit dem Wesen, das er tanzen lässt, oft genug ohne dass es eine Wahl hat, nicht oder anders zu tanzen. Erst beim Begrabschen, bei Tätlichkeiten, bei Folter, Vergewaltigung und Mord wird auch der Machtmissbrauch an Menschen spürbar konkret, sinnlich in der Bedeutung von 'mit den Sinnen wahrnehmbar'. Eine spannende Frage scheint mir, ob eine weltweite befreite Sinnlichkeit, eine von allen religiösen, ideologischen, moralinsauren Hemmnissen emanzipierte und allseits gesellschaftlich befürwortete Erotik diesen hier als surrogativ gesehenen Machtmissbrauch eindämmen würde?

Legitimation des Widerstands
Aber hier und heute geht es mir primär darum, die Legitimation des Widerstands gegen jegliche Formen von Machtmissbrauch zu prüfen: Wann dürfen wir uns - sollen wir uns! - mit welchen Mitteln und in welcher Form zur Wehr setzen, wenn wir Machtmissbrauch erleben, sei er nun gegen uns gerichtet oder gegen Wesen, für die wir uns mitverantwortlich fühlen?

Wann reissen wir einen Pferdeschinder vom Pferd? Wann ohrfeigen wir Kinder, die eine Katze quälen? Wann gehen wir sogar noch weiter und bringen - falls wir die Möglichkeit haben - einen Stutenaufschlitzer, den wir in flagranti erwischen, gleich um? - Wie weit gehen wir, wenn wir Augenzeugen von Machtmissbrauch gegenüber uns nahestehenden Menschen werden? Und schauen wir nur weg, wenn die vom Machtmissbrauch Betroffenen uns unbekannt sind? Und wie ist es, wenn wir selbst die Betroffenen sind? Wie lange ducken wir uns - sei es, dass wir noch viel mehr Missbrauch fürchten, wenn wir Widerstand leisten, sei es, dass wir eine kühle Werte-Abwägung machen und die Vorteile, die ein Kuschen, ein Erdulden des Machtmissbrauchs uns bringen, höher gewichten als die Vorteile, wenn wir durch heldenhaften Widerstand den Machtmissbrauch beenden können? Wann ist der point of no return bei uns erreicht, wo wir ungeachtet der möglichen Nachteile erbitterten Widerstand leisten? Und was gibt es für Tricks, wenn wir denn den Kampf einmal aufgenommen haben? - Und ganz unangenehm: Wo sind wir selbst gefährdet, unsere Macht zu missbrauchen? Wem gegenüber? Was sind unsere Mittel? Und weshalb tun wir es? Was für Ziele verfolgen wir damit?

Ich versuche, nach der Klärung der wichtigsten Begriffe, ein paar allgemeine Thesen aufzustellen, die uns helfen können, die aufgeführten Fragen - oder noch viel besser: unsere ganz persönlichen Probleme im Zusammenhang mit Machtmissbrauch zu beantworten - und sei es nur, indem man sich pointiert GEGEN die vorgeschlagenen Thesen stellt.

Differenzierung des Begriffs ' Machtmissbrauch'
Ich habe dieser Denk-Aufgabe den Versuch einer allgemeinen Begriffsklärung vorangestellt, verbunden mit der Behauptung, dass es sich dabei um ein spezifisch menschliches Phänomen handle. Nun geht es aber in der Folge vor allem um das Verhältnis zwischen dem seine Macht Missbrauchenden und dem davon Betroffenen. Und dabei möchte ich den Hauptfokus auf die Legitimation des Widerstands legen.

Was ist also in diesem Text alles gemeint mit 'Machtmissbrauch'? Ich sagte eingangs: 'Andere Wesen nach unserer Pfeife tanzen zu lassen, ohne dass sie eine Wahl haben, nicht oder anders zu tanzen.' Dies ist aus der Sicht des Machtausübenden formuliert. Schauen wir uns diese Färbung des Begriffs ewas genauer an.

Machtmissbrauch aus Sicht des ihn Ausübenden:
Wesentlich ist im obigen Bild, dass der Machtausübende die Möglichkeit hat, sich gegen den Willen des von seiner Machtausübung Betroffenen durchzusetzen; wenn er also auch über die Zwangsmittel verfügt, seine Absichten durchzusetzen bzw. wenn er weiss, dass die Wahl, die er dem Betroffenen lässt, keine eigentliche Wahl ist, da für dessen Wertabwägung kennt oder zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen zu können glaubt. Der Kidnapper der Millionärsgattin rechnet in der Regel nicht mit der legendären Antwort des Gatten, der sagt, er bezahle die verlangte Million - aber nur wenn der Kidnapper die Frau behalte. Der clevere Entführer versucht natürlich, seine Erpressung auf einem für den Erpressten so hohen Wert aufzubauen, dass die Wahl, die er ihm lässt - z.B. zwischen dem Tod der entführten Person oder der Bezahlung einer hohen Geldsumme - für diesen keine echte Wahl ist. Bei Auseinandersetzungen zwischen Kollektiven entspricht diesem Szenario etwa das Ultimatum, das der Machtausübende oder Erpessende stellt und das eine Forderung enthält, die für das betroffene Kollektiv nicht annehmbar ist, da sie mit zu hohen Wertverlusten verbunden wäre. Machtmissbräuchlich ist es also nicht nur, den oder die andern mit physischer Gewalt zu etwas zu zwingen, sondern auch, ihn bzw. sie in eine voraussehbar unlösbares Werte-Dilemma zu treiben.

Für den Nachvollzug, wie es beim Machtausübenden zum Machtmissbrauch kommt, ist wichtig zu wissen, ob es sich um vom Machtausübenden selbst durch Eigenleistung erworbene Macht handelt, wie z.B. im Ausdruck: 'X ist nicht nur seiner Muttersprache Deutsch, sondern auch des Altgriechischen mächtig.' Hier hat einer die Schulbank gedrückt und Altgriechisch gebüffelt, bis er die Macht über diese Sprache soweit erworben hatte, dass er sich ihrer bedienen konnte. Anders sieht es aus bei Personen, die Macht von irgendeinem Kollektiv geliehen bekommen, meist eine beschränkte Macht auf beschränkte Dauer, aber doch nicht wirklich erworben, sondern meist erschlichen, ertrickst, oder schlicht nachgeworfen bekommen, weil niemand anders die damit verbundene Arbeit leisten oder Verantwortung tragen wollte. In diese Kategorie fallen Politiker und Beamte in Rechtsstaaten, Ehrenämtler in Verbänden oder Vereinen. Immerhin sind solche Figuren zumindest mehr oder weniger legitimiert durch das Gremium, das ihnen die Macht lieh, sei es eine Partei, eine Mitgliederversammlung, ein Parlament oder sogar die Bevölkerung einer Region oder Nation. Am wenigsten legitimiert ist derjenige Machtausübende, der sich die Macht einfach mit Gewalt genommen hat, der also bereits Machtmissbrauch betrieb, um zu noch grösserer Macht zu kommen. Hier gehören alle Putschisten und Diktatoren hin. Natürlich gibt es auch unzählige Zwischen- und Mischformen, aber bereits die grobe Einteilung in diese drei Kategorien könnte der Plausibilisierung der These dienen, dass die Tendenz zum Missbrauch grösser wird, je weniger Eigenleistung beim Erwerb der Macht erbracht wurde.

Machtmissbrauch aus Sicht des davon Betroffenen
Wenn wir uns in die Position des von Machtmissbrauch Betroffenen versetzen, erkennen wir schnell, dass die Grenzen fliessend sind zwischen dem klaren Machtmissbrauch, bei dem wir überhaupt keine Wahl haben, über die Fälle, bei denen uns nur eine unechte Wahl bleibt, da ein Nachgeben zu einem aus unserer Sicht unzumutbaren Verlust führen würde, bis zum mehr oder weniger unangenehmen Druck, dem wir uns im Alltag subjektiv ausgesetzt fühlen. Es erfordert in jedem Fall eine genaue Analyse, ob und in welchem Masse Machtmissbrauch vorliegt, der uns zu entsprechend hartem Widerstand legitimiert.

Wenn wir von irgendeinem Vorgesetzten in irgendeinem Verhältnis einen Auftrag erhalten, den wir eigentlich daneben finden und ihn dann aber doch ausführen, ohne nur schon auf kommunikativem Weg unsere Kritik an dem Auftrag auszudrücken oder uns auf andere Art und Weise zur Wehr zu setzen und ohne zu wissen, ob der Auftraggeber überhaupt die Mittel hätte und sie auch einsetzte, um uns zur Ausführung zu zwingen, so erfüllt dies m.E. noch nicht die Anforderungen, die ich an den Begriff des Machtmissbrauchs stelle. Es fehlt das Element des versuchten Widerstands und des unausweichlichen äusserern oder inneren Zwangs. Wir müssen also immer wieder versuchen, echten Machtmissbrauch gegen Formen des Drucks abzugrenzen, die gegen uns oder andere ausgeübt werden, die dem Betroffenen aber immer die Wahl lassen, Widerstand zu leisten oder dem Druck auszuweichen, die Szene, das Kollektiv, die Arbeitsstelle zu verlassen, die Missstände direkt bzw. in der Öffentlichkeit anzuprangern ohne unzumutbare Folgewirkungen. Nicht alles, was heute modisch und hübsch Neulateinisch unter 'Mobbing' angeprangert wird, erfüllt die Kriterien des Machtmissbrauchs.

Bewusster oder unbewusster Machtmissbrauch?
Eine wichtige Frage ist weiter, ob Bewusstheit über die Macht und deren Missbrauch auf seiten des Täters ein zwingendes Erfordernis sei, damit Machtmissbrauch vorliegt, der den Widerstand legitimiert. Ich meine nein. Auch wer unbewusst und ohne Unrechtsbewusstsein und ohne konkretes Ziel seine Macht missbraucht, erfüllt den Tatbestand des Machtmissbrauchs. Mag sein, dass er strafrechtlich letztlich nicht belangt werden kann mangels Schuldfähigkeit - z.B. bei einem psychisch kranken oder dementen Täter - aber das interessiert hier nicht, da es uns um die Legitimation der Reaktion auf Machtmissbrauch geht. Und ob ein Vergewaltiger oder Mörder psychisch krank oder dement ist, ändert nichts an der Legitimation unseres Widerstands. Bei den Formen des Machtmissbrauchs, die sich in äusserlich sicht- und messbaren Taten niederschlagen, ist die Legitimation für den Widerstand auch kaum bestritten. Delikater wird es bei den subtileren, auf den ersten Blick harmloseren Formen des Machtmissbrauchs, bei den kleinen Nötigungen und Erpressungen im Alltag, in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Verein, in der Partei. Die folgenden Thesen sind explizit auch für diese Formen des Machtmissbrauchs gedacht.

These 2: Machtmissbrauch ist Krieg
Erpressung, Nötigung, Vergewaltigung und viele andere Formen des Machtmissbrauchs sind kriminelle Handlungen und damit von der ehtischen Qualität bzw. deren Abwesenheit für mich auf derselben Ebene wie kriegerische Handlungen, die in der Regel nicht Einzelne, sondern Kollektive betreffen und damit quantitativ in einer anderen Grössenordnung spielen. Mir geht es bei der Legitimation zum Widerstand aber primär um die Qualität der Handlungen, und da setze ich kriminelle Handlungen den kriegerischen gleich. So ist z.B. der Erpresste meines Erachtens ohne weiteres legitimiert, alle Gegenmassnahmen zu ergreifen, die auch im Krieg erlaubt sind, also z.B. Fehlinformation, Täuschung, Lug, Betrug und wenn nötig auch Gegengewalt. Gerade bei der Erpressung mithilfe einer Entführung ist der Widerstand meist auf Täuschung und Betrug angewiesen, wenn er zum Erfolg führen soll. Wenn jemand unser Kind entführt, werden wir kaum plumpen Widerstand leisten und verkünden, dass wir uns nicht erpressen lassen - und damit riskieren, dass das Kind umgebracht wird. Wir werden wohl viel eher zum Schein auf die Forderungen eingehen und mit allen Mitteln zuerst einmal versuchen, unser Hauptziel zu erreichen: unser Kind heil zurück zu kriegen. Das sekundäre Ziel ist dann wohl, die Ablösesummer nicht wirklich zahlen zu müssen bzw. die Täter zu fassen und das allfällig Bezahlte wieder zurück zu kriegen. Um diese Ziele zu erreichen, sind uns alle kriegerischen Listen, Täuschung, Lug und Betrug, aber auch alle Mittel recht. Wir nehmen auch ganz bewusst und vielleicht sogar mit Vergnügen in Kauf, dass der oder die Entführer bei der ganzen Aktion zu Schaden kommen.

These 3: Widerstand gegen Machtmissbrauch erfordert Mut - eine Eigenschaft, die vom Aussterben bedroht ist
Es braucht immer Mut, gegen Menschen aufzustehen, die am längeren Hebel sitzen, die Macht über andere haben. Und Menschen, die durch ihr Verhalten bereits zeigten, dass sie keine Hemmungen haben, ihre Macht zu missbrauchen, werden auf Widerstand hin erst recht alle Register ziehen, um einen oder mehrere 'Aufständische' niederzumachen. Noch viel mehr Mut braucht es, Widerstand zu leisten, wenn uns die ihre Macht missbrauchenden Menschen nahe stehen. Wenn es der Partner, ein Familienmitglied, unser Arbeitgeber oder sonst eine Person ist, zu der wir in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen. Und trotzdem lohnt es sich auf die Dauer immer, Widerstand zu leisten, wenn wir nicht jegliche Selbstachtung verlieren wollen. Duckmäusertum schlägt sich früher oder später meist in der 'Radrennfahrerhaltung' nieder: gegen oben den Kopf einziehen und einen Buckel machen, gegen unten treten. Der Schwächling imitiert den, der Machtmissbrauch mit ihm betreibt, eine Stufe weiter unten mit Leuten oder Tieren, denen gegenüber er über irgendeine kleine Macht verfügt. Selbstverständlich wimmelt es von Ausreden und Euphemismen, mit denen er seine Mutlosigkeit bemäntelt: Wohlklingende schmückende Beiwörter wie 'friedliebend, diplomatisch, realitätsnah, einsichtig, vernünftig' heftet er sich auf's Revers, um den Blick in die feige Seele zu verhindern. - Aber Mut, Zivilcourage sind keine Eigenschaften, die im Trend sind im sozialen Nanny-Staat, wo der Grossteil der Insassen lebenslänglich mit Schnuller und Windeln am Staatstropf hängen und als Gegenleistung Freiheit und Eigenverantwortung zur Disposition stellen.

These 4: Widerstand gegen Machtmissbrauch schafft Respekt und hat präventive Wirkung
Mit Widerstand macht man sich nicht beliebt, weder bei den Sozialstaat-Betreibern noch bei dessen Insassen - und schon gar nicht bei denen, die in Ruhe ihren Machtmissbrauch weiter ausleben möchten. Aber ist die Freiheit nicht wichtiger als die Beliebtheit? Wenn wir uns über den Widerstand frei machen von Machtmissbrauch, so verschafft uns das nicht nur eine höhere Lebensqualität, es verschafft uns auch Respekt. Es spricht sich schnell einmal herum, ob wir Leute seien, die man ungestraft missbrauchen kann - oder ob wir zu den wenigen gehören, die sich zur Wehr setzen, die Widerstand leisten und ihre Selbstachtung nicht verlieren wollen. Wer sich ein paarmal erfolgreich zur Wehr gesetzt hat, erzielt auch eine präventive Wirkung. Andere Machtmissbraucher werden die Finger von uns lassen, wenn sie erfahren, dass wir zur Sorte der schnappenden Terrier gehören und keinen Kadavergehorsam leisten. Und unser Beispiel kann Schule machen, andere zum Widerstand motivieren - und auf Missbraucher und solche, die es werden wollen, eine abschreckend Wirkung haben.

These 5: Low oder no tolerance!
Je früher, schneller und schärfer du auf Machtmissbrauch reagierst, desto weniger wird dich das Thema belasten. Die kleinen Erpressungen und Nötigungen des Alltags sind diesbezüglich besonders delikat. Wo, wann und wie lange geben wir nur Warnschüsse ab - und wo schiessen wir scharf? Wie oben ausgeführt sollten wir in der Analyse, ob es sich bei dem von uns missbilligten Verhalten überhaupt um Machtmissbrauch im hier skizzierten Sinne handelt, recht genau sein. Aber wenn wir zur Überzeugung kommen, dass Machtmissbrauch vorliegt, sollten wir rasch und klar Widerstand leisten. Im besten Fall helfen wir damit sogar dem Einzelnen oder dem Kollektiv, noch rechtzeitig vom Machtmissbrauch Abstand zu nehmen, bevor die Situation eskaliert und strafrechtlich oder sogar völkerrechtlich relevant wird.

 

Bimbo und Trutzli

Und nun ein kleines Beispiel anhand der selbstverständlich völlig und ausschliesslich frei erfundenen Geschichte von Bimbo und Trutzli:

Vor undenklicher Zeit gab es einen eher unbequemen Schreiberling namens Trutzli. Er hatte die unangenehme Eigenschaft, vor irgendwelchen Machthabern nicht den geringsten Respekt zu haben und unverhohlen auf alle Ungereimtheiten und Missstände hinzuweisen, die er zu entdecken glaubte. Dieser Trutzli bat nun eines schönen Tages den Bimbo, einen Oberehrenämtler eines Dino-Hops-Verbandes um ein Frage-Antwort-Spiel, in dem er ihm kritische Fragen stellte und versuchte, ihn etwas aus der Reserve zu locken, damit er ihn nicht mit Blabla-Antworten abfertigen konnte, wie das Bimbos aller Länder seit eh und je gern taten. Der grosse Bimbo reagierte zuerst locker und bedingte sich etwas Zeit heraus, da er ja eben Ehrenämtler sei und noch anderes, Wichtigeres zu tun habe. Trutzli gab sich gelassen, gab ihm die Zeit mit einer Befristung und stellte in Aussicht, dass er bei Nichtbeantwortung die Fragen halt ohne Antworten per Rauchzeichen publiziere. Genau so kam es und auf diesem Weg erfuhr auch Bimbos Eheweib von den Fragen und tobte, da sie sich darin nicht genügend ehrenvoll erwähnt wähnte. Nun tobte der Bimbo auch und sah im Toben über die Art und Form der Fragen auch eine herrliche Möglichkeit, sich die mühselige und schwierige, für ihn auch fast nicht bewältigbare Arbeit zu ersparen, die schlauen Fragen ebenso schlau beantworten zu müssen. Stattdessen drohte er dem Trutzli und den Leuten, die er für die Schreiberei von Trutzli für mitverantwortlich hielt, Übles an.

Da sich Trutzli nicht beeindrucken liess und ihn sogar auslachte - etwas, was Oberbimbos aller Zeiten und Länder auf den Tod nicht leiden können - tobte er bei der lieben Vorsitzenden des Stamms, zu dem Trutzli gehörte und für den er tätig war. Als auch dies nicht zum Ziel führte, fuhr Bimbo gröberes Geschütz auf. Er nutzte - Trutzli fand: er missbrauchte - seine Macht als Oberbimbo der in fröhlichem Wettbewerb mit ihren Dinos durch die Prärie Hopsenden, über die Trutzli seine Rauchzeichen und Stein-Graffitti machte und zu denen er, Trutzli, auch selbst gehörte. Der Bimbo drohte damit, alles hinzuschmeissen und auch die bereits unmittelbar vor der Tür stehende Veranstaltung zu blockieren, zu der aus den umliegenden Ländern bereits viele Dino-Hopser angemeldet und unterwegs waren, wenn der Stamm den nicht kuschenden Trutzli nicht sofortiglichstens und für immerdar seines Amtes enthebe. Der Bimbo benutzte auch ausdrücklich das Wort 'Erpressung' als er, auf seinem Schild stehend, durch ein hölzernes Sprechrohr den Trutzli anbrüllte: Es sei ihm, dem grossen Bimbo, jedes Mittel recht, auch Erpressung, um ihn, den ungehorsamen Trutzli, loszuwerden und ihm eine Lektion zu erteilen. Die gute, es am liebsten immer allen recht machen möchtende Stammesvorsitzende war der Verzweiflung nahe. Einerseits hatte sie durchaus auch etwas Trutz in sich und wollte sich nicht erpressen lassen, andererseits war sie eben auch harmoniebedürftig und diplomatisch und in keiner Weise einverstanden mit den unweichen Rauchzeichen, und kantigen Steininschriften, die der Trutzli immer wieder mal erzeugte. Als Bimbo merkte, dass niemand ihn so ernst nahm wie er sich selber, zog er geschickt ein weiteres Register seines melodramatischen Repertoires und setzte im frühmorgendlichen Nieselregen eine Frist, wie das jeder rechte Erpresser eben so macht: Wenn bis zum Sonnenaufgang seine Forderungen nicht erfüllt seien, finde die grosse, tolle und von vielen bereits herbeigesehnte, in helvetischen Wäldern und Feldern fast einmalige Dino-Hopserei schlicht gar nicht statt. Trutzli, der seine Stammeälteste schätzte und der auch keinesfalls all den Dino-Hopsern die Freude am Hopsen verderben wollte, entschloss sich zum Einsatz einer kleinen Täuschung, zu der er sich berechtigt fühlte, da er die erpresserische Forderung Bimbos als Kriegserklärung auffasste, die es ihm erlaubte, von den Gepflogenheiten im anständigen Verkehr zwischen Dino-Hopsern Abstand zu nehmen. Ohne die Täuschung sah er nur noch die Wahl zwischen zwei Übeln, die ihm beide unannehmbar schienen.

Zu seinem Glück fiel der selbstgefällige Bimbo reichlich naiv auf den faulen Trick herein: Trutzli tat nämlich so, als trete er freiwillig zurück von seinem Amt und teilte dem grossen Bimbo seinen freiwilligen Rücktritt schnörkellos mit. Und siehe da: grosses Aufatmen, Bimbo liess sich auf seinen Schild heben und teilte der Welt mit grossem Pathos mit, dass er in all seinen Ämtern bleibe und die Dino-Hops-Veranstaltung durchführe. Trutzli teilte selbstverständlich seiner Stammesältesten und auch andern, die es wissen wollten, umgehend mit, dass der Rücktritt nur vorgetäuscht war und machte dies auch sichtbar, indem er bereits von der besagten Dino-Hopserei im Wald und Feld der Frauen in Rauchzeichen und auf Steintafeln wie gewohnt berichtete. Er blieb auch immer auf der Steintafel erwähnt, wo die Vorsitzenden des Stammes mit ihren Ämtern aufgeführt waren. Ohne Unterbruch kam er seinen Obliegenheiten als Sprecher und Schreiber des Stammes weiterhin nach. Dies entging natürlich auch dem grossen Bimbo nicht und - wer weiss - vielleicht sah er ja im Nachhinein ein, dass sein Versuch, den besten Stamm der Dino-Hopser Helvetiens zu erpressen, kläglich gescheitert war und dass er dabei eine eher lächerliche figur gemacht hatte. Ob der Trutzli dies dem Bimbo in der Folge hämisch unter die Nase band und ihn damit provozierte, seine Drohungen wenigstens für die mittelferne Zukunft wahr zu machen, oder ob schon bald Gras wuchs über die ganze Geschichte, erfahren wir in der Fortsetzung des Märchens, die bald erscheinen wird - per Rauchzeichen natürlich...

Fazit des Märchens von Trutzli und Bimbo: Wenn du erpresst wirst oder sonstige Formen von Machtmissbrauch erlebst, trau dich fröhlich, alle Register zu ziehen für deinen Widerstand. Wenn bereits eine simple Täuschung wie im Fall von Trutzli zum Ziel führt, umso besser. Aber duck dich nicht, lass dir nicht auf die Kappe scheissen, wie prahlerisch und mächtig sich die Bimbos dieses Planeten auch geben. Mach dich lustig über die Aufgeblasenen, wie Pussy Riot sich über den lächerlichen Vladimir lustig machten, wie Chaplin sich über den Great Dictator lustig machte - und sende damit wenigstens in deinem unmittelbaren Umfeld ein Signal der Freiheit, die sich nie und nirgends ganz unterdrücken lassen wird.

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