Denk-Aufgabe 1305 vom 4.11.2013

 

Tipps zur Unterdrückung des Denkens

 

Dass es gefährlich ist, wenn sich das Fussvolk dem Abenteuer des Denkens und Hinterfragens hingibt, wissen Machthaber aller Art seit der Steinzeit. Deswegen wurde dieses anspruchsvolle Vergnügen stets mit allen zu Gebote stehenden Mitteln verboten, eingeschränkt, kontrolliert, zensuriert, als 'entartet', schädlich, negativ, das Kollektiv spaltend gebrandmarkt. Darin übten sich in den letzten paar tausend Jahren Familientyrannen, Sekten-Gurus, fanatische Pädagogen, grössenwahnsinnige Vereinsheinis, Partei-Ideologen, Paten, Popen, Mullahs, Wirtschaftsmogule, Kommandeure jedweder Couleur bis hin zu den veritablen 'greaten' oder weniger 'greaten' Diktatoren und Warlords. - Aber erst in allerletzter Zeit gelang der grösste Coup in der faszinierenden Geschichte der Unterdrückung des Denkens auf eine hinreissend einfache, gewaltfreie oder zumindest 'blutarme' Art. Die geschickt inszenierte und promovierte Etablierung des permanenten, uneingeschränkten, garantierten und gesicherten vorleistungsfreien Konsums als höchsten Wert westlicher Nachkriegsgesellschaften führte logisch und zwingend zu dem, was wir heute euphemistisch den 'sozialen Wohlfahrtsstaat' nennen, der für seine Insassen denkt und lenkt. Das Geniale und Gewaltfreie an diesem Trick ist, dass die Insassen sich gegen den Entzug des Denkens gar nicht zur Wehr setzen, denn Denken ist im Unterschied zu Konsum nicht anstrengungs- und verantwortungsfrei. Die Lenkdenker der Machthaber in diesen modernen Dementenkollektiven waren schlau genug, auch die Bedeutung der alten, gefährlichen Wörter sanft zu ändern. Das Verb 'DENKEN' wird heute fast nur noch für die Beschreibung von Konsum- oder Abstoss-Impulsen benutzt und hat seine revolutionäre Brisanz längst verloren. "Ich denke, ich esse jetzt noch diesen Riegel" - "Ich denke, ich muss mal - wo ist denn hier die Toilette?" - "Ich denke, dafür sorgt bestimmt unser Staat?" In solchen neurologischen Höhenflügen erschöpft sich das 'Denken' des modernen Wohlfahrtsstaatsinsassen. Auch dem ursprünglich brandgefährlichen und abenteuerreichen Term 'Freiheit' wurden schmerzfrei die Zähne gezogen. Die Freiheit des modernen Konsumisten besteht, wie ein genialer Cartoonist als Legende unter eine Zeichnung der amerikanischen Freiheits-Statue schrieb, die statt der Fackel ein Eiscreme-Cornet in der erhobenen Hand hielt, darin, aus 20 Eis-Sorten auswählen zu können. Und da sich dieser Wandel der Bedeutung still und langsam und perfekt parallel mit der gezielten Dementisierung und Infantilisierung der Insassen vollzog, verlief der Prozess nett und ohne Blutvergiessen. Denn auch in der Ausschaltung Renitenter bewiesen die Initiatoren der heutigen staatlichen Gross-Heime Geschick. Was früher - oder heute noch in primitiven Diktaturen wie Russland, China, Nordkorea, vielen afrikanischen und arabischen Staaten - durch Mord, Gefängnis, Arbeitslager, Gehirnwäsche, Folterung und anderen gruseligen Methoden erreicht wurde, klappt heute wunderbar mit dem Hilfsmittel der Ignoranz. Denn 'Nicht-Sprechen-Über', keine 'Gefällt mir'-Klicks sind, wie jeder Facebook-Nutzer weiss, in einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit, Beachtung neben dem Konsum der höchste Wert ist, eine unüberbietbare Strafe. Man muss unbequeme Mahner, Motzer, Alles-Hinterfrager und Querdenker nicht mehr aktiv ausschalten. Es reicht, sie einfach nicht zu beachten, die Lästigeren unter ihnen freundlich-lächelnd in die Psychiatrie oder in die Eso-Ecke zu schubsen oder - am allergenialsten - sie mit ein paar Tricks zurück in die Welt des Konsums zu ziehen. So geschehen mit einer amerikanischen Konsum-Kritikerin, deren Protest-Sprüche flugs auf T-Shirts gedruckt wurden, die sich verkauften wie frische Semmeln.

Fazit: punkto gewaltfreier Kriegführung kann man heute von den Fädenziehern in den sozialen Wohlfahrtsstaaten mindestens so viel lernen wie früher von der katholischen Kirche. Der Lerneifer erhält höchstens ein kleines Risslein, wenn man sich einen Rest Denkvermögen erhalten hat und es wagt, die Bedeutung des Adjektivs 'gewaltfrei' zu hinterfragen und die eigentlich banale These zu behaupten, es gebe auch nicht-brachiale Gewalt, also Gewalt, die über die Sprache, über soziale Mechanismen, über den Geist, die Psyche ausgeübt werde und die - wie Beispiel zeigt - nicht minder effizient sei als all das plumpe Geballer und Gefolter der Ewiggestrigen. Nur: wenn der, an dem diese hier auch als 'Gewalt' bezeichneten Massnahmen appliziert werden, sich gar nicht dagegen wehrt? Wenn er oder sie gar einverstanden ist damit, dass ihm vorgegeben wird, was richtig und falsch, was gut und böse, was zu tun, was zu lassen, was anzustreben und was zu meiden, was als Glück zu empfinden, was als Unglück zu entfliehen, was zum Leben nötig, was unnötig sei, was die Wörter bedeuten und vor allem, was sie nicht bedeuten - wenn alles vom dümmlichen Nicken des Dementen quittiert wird, können wir den Lenkdenkern, die sich vielmehr als therapeuten, als Fürsorger, als Sozialhelfer verstehen, noch den Vorwurf der Gewaltanwendung machen? Vielleicht könnte man noch ein paar gewinnen, die der These zustimmten, man könne auch einverständliche Kinder vergewaltigen, sowohl äusserlich wie innerlich. Aber Erwachsene? Und wenn ich nun behaupte, dass es in den sozialen Wohlfahrtsstaaten kaum mehr Erwachsene gebe, und dass dies genau das Ziel der Lenkdenker sei: ein Staat voller gefügiger, abhängiger Kinder, die dankbar sind für alle Segnungen von oben und für die der ursprünglich witzig-spöttisch gemeinte Spruch von Curt Goetz gelebte Wirklichkeit wird: "Denken ist grundsätzlich allen Menschen möglich. Vielen aber bleibt es erspart." - Was dann? Die Heimleiter, die Kinderbetreuer im Nanny-Staat meinen es doch nur gut mit ihren Insassen? Darf man ihnen einen Gewaltvorwurf machen? Ihnen, die doch gerade alles tun, um jegliche Auseinandersetzung, jegliche Abenteuer, jegliche Debatten und Streitereien von ihren Schutzbefohlenen fernzuhalten? Ist es denn nicht erlaubt, auch mit ein wenig harmlos blutfreier Gewalt die Kinderleins von der grossen, der bösen, der blutigen Gewalt fernzuhalten, die droht, sobald zuviele mit Denken beginnen, das doch immer nur zu Streit und ins Risiko führt, weg von der friedlichen, sicheren Wohlfahrt des Heimlebens als Konsument?

Hmm, nun wird es tricky mit der Denk-Aufgabe: denn wenn Sie das Denken aufgegeben haben, bevor Sie begannen, am Denken rumzudenken, dann kommt jetzt natürlich nicht mehr viel raus. Der Witz ist, dass man eine Aufgabe eben erst aufgeben sollte, wenn man sie gelöst hat. Deshalb empfehle ich ja immer, zuerst ganz heftig und deftig zu denken, bis man die Denk-Aufgabe gelöst hat und dann locker und mit Selbstvertrauen zur Aufgabe des Denkens schreiten kann.

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