Denk-Aufgabe 1306 vom 22.11.2013

 

Die Crux mit dem Primat der Naturwissenschaften

Nicht die Naturwissenschaften selbst, aber ihr Weltbild ist von einer fast schon rührenden Einfachheit. Von den vier Kausalitäten des Aristoteles - der im Unterschied zu heutigen Fachidioten nicht nur Allround-Naturwissenschafter, sondern genauso rundum gebildeter Geisteswissenschafter und damit auch Philosoph war - hat in der modernen Naturwissenschaft nur gerade eine einzige überlebt, die causa efficiens oder zu Deutsch 'Wirkursache'. Bei dieser Kausalität ist die Ursache auf der Zeitachse immer vorher, die Wirkung nachher. Und die ganze Sache lässt sich deshalb auch nicht umdrehen. Etwas, was Ursache ist für eine bestimmte Wirkung, kann also in diesem Modell nicht plötzlich Wirkung sein und das, was vorher Wirkung war, wäre dann plötzlich die Ursache. Diese causa efficiens ist also eine ziemlich einseitige Sache. Das klingt aber für Otto Normalverbraucher trotzdem sehr einleuchtend: Stier ist spitz = Ursache, kuckt rum wo es eine Kuh hat, die nach Brunst aussieht, riecht, sich benimmt = Wirkung. Stier besteigt eine Willfährige = Ursache, 9 Monate später gibt's ein Kalb = Wirkung. Hmm, was soll es da auszusetzen geben? So kann man sich doch wunderbar die Welt erklären? - Tja, die einfachen, materiellen Abläufe, und auch die nur, solange man nicht genauer hinschaut. Fritz haut Fratz eins in die Fresse = Ursache, Fratz fällt tot um = Wirkung. Ok, wenn wir jetzt aber ein bisschen mehr wissen wollen und fragen, WIESO haut Fritz Fratz eins in die Fresse, dann fallen wir bereits aus dem schönen System raus. Denn wenn der Grund für den Faustschlag in der Zukunft liegt, z.B. dass Fritz in Zukunft, also zeitlich nach und dank dem tödlichen Schlag, den Job oder die Frau oder das Haus oder die Karre vom Fratz haben möchte, dann ist bei dem in den letzten viertausend Jahren doch recht häufigen und auch nicht irgendwie speziell komplexen Ereignis die causa efficiens bereits am Ende und man versteht, warum die Jurisprudenz keine Naturwissenschaft sein kann. Denn dort muss ja der Grund, die Ursache zeitlich immer VORHER sein auf der Zeitachse und die Wirkung NACHHER und die Verknüpfung zwischen den beiden Dingen darf nicht umkehrbar sein? Und hier ist auf der inneren, geistigen, psychischen Ebene der Grund für den Faustschlag in der Zukunft: das Haben des Jobs, der Frau, des Hauses von Fratz ist causa, Motiv, Antrieb, Grund, Ursache - und der Faustschlag ist die Wirkung. Und auf der physischen, materiellen Ebene ist immer noch der Faustschlag Fritzens der Grund für den Tod Fratzens, der zumindest die Möglichkeit für das Ergattern von Job, Frau Haus eröffnet. Wir haben also eine Wechselbeziehung, eine Interdependenz: die beiden Phänomene sind gegenseitig verknüpft, jedes kann je nach Ebene und Betrachtungsweise Ursache für das andere bzw. Wirkung des anderen sein.

Naturwissenschaft und 'Liebe'
Hier liegt meines Erachtens die Erklärung dafür, dass die Naturwissenschaft nichts, aber auch rein gar nichts von komplexen inneren, seelisch-geistigen Dingen versteht wie z.B. Musik, Literatur, Kunst - oder eben 'Liebe'. Die Naturwissenschaft kommt ganz knapp bis zur äusserlichen Beschreibung der Libido, des Sexualtriebs und seiner Wirkungen, wie im Beispiel Stier oben skizziert. Leiderleider kommen auch die Geisteswissenschaften heutzutage nicht mehr viel weiter. Sie 'höseln',den Naturwissenschaften wegen ihres materiellen Erfolgs dienstfertig und unterwürfig hinterher seit dem Aussterben der Universalgelehrten und dem Auftauchen von Zwitterfiguren wie Freud. Sie lassen sich blenden von der Messerei der Naturwissenschaft, die sie für so 'exakt', so 'präzis' und ihre Aussagen damit - welch grossartige Täuschung - vermeintlich für so unanfechtbar wahr, so absolut richtig halten. Universalgelehrte früherer Jahrhunderte waren sich noch bewusst, wie relativ und auf nicht weiter hinterfragten Axiomen jede wissenschaftliche Disziplin beruht und dass es Aufgabe der 'Dach-Disziplin', der Philosophie war, immer wieder auf den Spiel-Charakter aller anderen Disziplinen hinzuweisen. Von Aristoteles über Platon bis zu Goethe liess sich kein Universalgelehrter so täuschen, dass er nur wegen der leichteren Messerei in äusserlich-materiellen Bereichen den Naturwissenschaften ein Primat über die Geisteswissenschaften eingeräumt hätte. Die Wende kam mit der Aufklärung, die den absoluten Wahrheitsanspruch der Kirche Gottlob-und-Dank hinwegfegte, um ihn - Gott-sei's-geklagt - ganz simpel durch den absoluten Wahrheitsanspruch der Wissenschaft zu ersetzen, anstatt ein für allemal absolute Wahrheitsansprüche ins Reich der Märchen zu verbannen. Seither beten wir Studien und Experimente an und 99% der Menschheit verdrängt die hehre Einsicht des Philosophen Karl Popper, dass das untrügliche Merkmal einer wissenschaftlichen Aussage ihre Falsifizierbarkeit ist. Und es gab bis heute auch keine einzige, die ewig Bestand hatte. Auch die so absolut riechende Lichtgeschwindigkeit Einsteins ist längst in die Kritik geraten - und das ist wunderbar so, finde ich. Aber solange sich für bedeutend haltende Wissenschafter in ihrer fast schon rührenden Naivität und Verblendung Sätze bilden, die mit 'Man weiss heute...' beginnen, kann man kaum vom Fussvolk erwarten, dass es der Wissenschaft gleich kritisch gegenüberstünde wie Diät-Anbietern und anderen Sektenpredigern. Solange alle sich über die Relativität, Subjektivität und Individualität jeglicher Wahrnehmungsdeutung im Klaren sind, hat alles Platz, was nicht gerade direkteste Aufforderung zu Mord und Totschlag ist. Aber in dieser Unsicherheit und Relativität zu leben, erfordert eine innere Reife und psychische Stärke - Eigenschaften, die im Wohlfahrtsstaat gezielt zum Aussterben gebracht werden.

Freudloser Freud
Es entbehrt nicht der Komik, dass der bis heute als 'Vater der Psychoanalyse' angebetete Sigmund Freud selbst offenbar weder Liebe erlebte noch das geringste davon verstand, weil er eben in der naturwissenschaftlichen Simpel-Kausalität stecken blieb. Er äusserte sich einmal über die bedingungslose Liebe oder 'Nächstenliebe' (in 'Unbehagen in der Kultur') und gab unumwunden zu, dass so etwas nicht funktionieren könne und er sie nicht verstehe, denn wenn schon müsste ihn ja zuerst jemand anders bedingungslos lieben, dann könnte er das vielleicht erwidern. Er suchte also nach einer Ursache, die zeitlich vorher zu liegen hatte - das andere Wesen, das ihn ZUERST bedingungslos lieben würde - was dann vielleicht die Wirkung haben könnte, dass er das auch probierte - mit wenig Aussicht auf Erfolg, wie er selbst prophezeite.

Liebende Verknüpfungen (oder - neulateinisch:) Loving Links
Wenn man komplexe Phänomene wie Liebe, Krankheit, Tod besser verstehen möchte, braucht es aber noch einen weiteren Schritt, von dem unser aktuelles materielles Weltbild meilenweit entfernt ist: die Erkenntnis, dass es nicht nur kausale Verknüpfungen gibt zwischen Wahrgenommenem, also noch mehr Möglichkeiten, Wesen oder Dinge miteinander in Beziehung zu bringen als die vier Causae des Aristoteles. Diese Verknüpfungen sind derart out of fashion, dass sogar das Begriffsvokabular dafür fehlt. Wenn man z.B. die Verknüpfungsart der Liebe zu benennen versucht, ist die wechselseitige Bedingtheit, die Interdependenz zu eng. Obwohl Thema Nummer 1 unter Menschen, entzieht sich das Phänomen Liebe dem rein rationalen Denken - und damit auch der rein rationalen Sprache, die eindeutiger begrifflicher Zuordnungen bedarf.

Man kann die 'liebende Verknüpfun'g zwischen Entitäten poetisch umkreisen, sich ihr mit allen Mitteln der Kunst anzunähern versuchen - einfangen und in einer Begriffskiste festnageln lässt sie sich nicht. Sie umfasst durchaus auch wirkursächliche Elemente, aber das ist nicht alles. Ganz wesentlich gehört auch das Gegenteil, die Grundlosigkeit zum Phänomen Liebe. Man kann soweit gehen und sagen, dass die Unfähigkeit, Gründe für Zuwendung und Hingabebereitschaft angeben zu können, ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass es sich um Liebe handelt. Eine mögliche Differenzierung des suprarationalen Phänomens 'Liebe' für den rationalen Diskurs könnte die Einteilung in verschiedenen Liebes-Qualitäten wie LIBIDO, EROS, PHILIA und AGAPE sein. 'Libido' steht hier (im Unterschied zur Verwendung bei Sigmund Freud) nicht synonym für Eros, sondern für die rein triebhafte, sexuelle Ausdrucksform der Liebe, 'Eros' steht hier für alles, was die Sinne zur sinnlichen Liebeserfahrung beitragen, was weit über das Sexuelle hinausgeht und auch die sinnliche Zuwendung zu Tieren, Pflanzen, Dingen umfasst, 'Philia' steht für die Qualität der Liebe, die wir mit 'Freundschaft' übersetzen und die bereits einen stark inneren, geistig-seelischen Aspekt hat, 'Agape' schliesslich für die Nächstenliebe, die in ihrer höchsten Form keine Unterschiede mehr macht und völlig bedingungsfrei wird.

Interessant ist aber, dass das Mass an Bedingtheit, also die Zahl und die Art der Bedingungen, die wir daran knüpfen, dass wir zu lieben bereit sind, nicht linear abnehmen bei der oben vorgeschlagenen Stufung, die wir aus ethischer Sicht vielleicht als eine Hierarchie anschauen mit der Libido auf der untersten, Agape auf der obersten Stufe. Am meisten äussere Bedingungen stellen wir beim Eros, am meisten innere bei der Philia. Die Libido hingegen funktioniert bei den meisten - insbesondere den Männern - relativ bedingungsarm. Dies zeigt sich auch quantitativ: wenn sich Agape-Liebe mit allem Wahrgenommenen ohne Unterschied liebend verknüpft, so sind es bei der Libido je nach Veranlagung und Ehrlichkeit immer noch Tausende, wenn nicht Millionen von potenziellen Liebesobjekten, die wir (naja, vorsichtigerweise: die meisten Männer :-) nicht 'von der Bettkante schubsen' würden. Regelmässig aber ist die Zahl grösser und sind die Bedingungen, die Hemmschwellen geringer als beim Eros und erst recht bei Philia. Wer unser Freund sein will, muss meist sehr viele Bedingungen erfüllen, bedeutend mehr als ein ONS. Vielleicht könnte man als Kriterium für die Differenzierung der verschiedenen Liebes-Stufen die Bewusstheit, den bewussten Entscheid für die liebende Verknüpfung nehmen. Libido funktioniert weitgehend unbewusst und oft können wir nicht erklären, wer oder was sie weckt in uns. Über Eros lässt sich meist schon sehr viel mehr Bewusstes sagen. Wir können Bedingungen formulieren, die in uns ein visuelles, auditives, taktiles, olfaktorisches oder gustatorisches Sinnlichkeitserlebnis auslösen können. Am höchsten ist die Bewusstheit betreffend die Gründe bzw. Bedingungen bei der Freundschaft. Die meisten von uns können recht klar angeben, weshalb sie sich um eine Freundschaft bemühen, was für Bedingungen ein potenzieller Freund erfüllen muss, damit eine dauerhafte Verknüpfung entstehen kann. Und Agape? Hier beisst sich die Schlange in den Schwanz: einerseits braucht es höchste Bewusstheit, um sich der Nächstenliebe, der unterschiedslosen 'All-Liebe' überhaupt anzunähern - und andererseits ist es gerade das Ziel der Agape-Liebe, Bewusstheit im Sinne des rational-analytischen Differenzierungsvermögens völlig auszuschalten, zu lieben, wie die Sonne uns alle wärmt, ohne zu fragen, ob wir nach irgendwelchen Massstäben ihre Wärme verdient hätten. Auch 'bewusst' bzw. 'Bewusstheit' sind eben schillernde Begriffe, die je nach 'User' mit verschieden grossen Inhalten gefüllt werden. Hier in diesem Text gehe ich von einem weiten Begriff von Bewusstheit aus, der auch 'suprarationales Bewusstsein' umfasst, also ein Gewahrsein, das über das rationale, Abstand erfordernde und auf causa efficiens beschränkte naturwissenschaftliche analytische Erkennen beschränkt ist.

Kausalität - Verknüpfung oder Trennmethode?
Und damit wären wir wieder bei der eingangs angesprochenen Problematik der auf die Wirkursache beschränkten Weltsicht der Naturwissenschaft, deren Ziel es ist, mit rational-analytischem Differenzierungsvermögen alles Wahrgenommene zu beobachten, auseinanderzunehmen, eben zu differenzieren und die damit immer auf einen Abstand zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten angewiesen ist. Wenn wir mit unseren Augen unsere Augen betrachten wollen, müssen wir einen Trick anwenden und eine künstliche Distanz schaffen, sonst klappt es nicht und wir können keine wissenschaftlich brauchbare Aussage machen. Ohne den Trick mit dem Spiegel oder der Fotografie können wir nicht einmal die Farbe unserer Augen feststellen. Nun drängt sich die Erkenntnis auf, dass die Kausalität im Sinne der Reduktion auf die Wirkursache, wie sie das heute aktuelle naturwissenschaftliche Weltbild dominiert, gar keine Verknüpfungsart, sondern im Gegenteil eine Trennungsmethode ist. Und da wundert sich noch einer, dass wir in einer Welt der permanenten kriegerischen und individuellen Auseinandersetzung leben? Sich mit etwas AUSEINANDERSETZEN bedingt ja eben, dass man Abstand nimmt, sich nicht zusammen, sondern auseinander setzt. Natürlich braucht es so etwas wie eine Zuwendung zu einem Thema, einem Problem, einem Beobachtungsobjekt. Aber ein Abstand muss gewährleistet bleiben, eine Verknüpfung, Verbindung oder gar Verschmelzung findet nicht statt, kann systemabhängig nicht stattfinden. Jede wirkliche Verknüpfung zwischen Beobachter und Beobachtetem sprengt den Rahmen dieses beschränkten Erkenntniswegs der Naturwissenschaft, der durchaus seine Berechtigung hat, solange man sezieren, auseinandernehmen will. Aber wer ein Auto in seine Einzelteile zerlegt, um zu erkennen, wie es funktioniert, sollte es irgendwann wieder zusammenbauen, wenn er fahren will. Und wer nach mehr strebt als nach Auseinandersetzung - und das sind bislang offenbar so ziemlich alle wahrnehmbaren Entitäten, sollte also die naturwissenschaftliche, auf die Wirkursache beschränkte und zwingend auf Auseinandersetzung, auf Sektion, auf Zerstückelung angewiesene Herangehensweise an die Welt durch mindestens eine weitere ergänzen. Ob er sie 'liebende Verknüpfung', 'auf Einswerdung zielende Zuwendung', 'integrative Erkenntnismethode', 'Verschmelzung' oder wie auch immer nennt, ist dabei piepegal. Das kann er uns, den Kommunikationsfritzen, Sprachtheoretikern und Philosöphlein überlassen, die als Wissenschafter ja auch schon wieder auseinandernehmen, differenzieren, analysieren, schubladisieren und etikettieren. Hauptsache er erlebt diese andere Herangehensweise und die in der Qualität so völlig andere Art von Erkenntnis, die sie evozieren kann und die man mit einem anderen Allerweltsbegriff, mit 'Glück' bezeichnen kann - worauf die ganze Begriffshuberei wieder von vorne losgeht. Es soll ja Leute geben, die schreiben 600 Seiten dicke Wälzer über das Glück. Da kann man nur hoffen, dass sie es daneben auch erleben :-)

Diesmal wird es ziemlich anspruchsvoll mit der Denk-Aufgabe: Sie können natürlich selektiv vorgehen und primär einmal schauen, wie wissenschaftsgläubig Sie sind und wie oft Sie Wendungen brauchen wie 'Man weiss heute, dass...'. Mehr Spass macht es natürlich, zu schauen, wann ANDERE das tun. Dann könnten Sie sich mutig der Frage der Verknüpfungen, den Causae des Aristoteles und meiner These zuwenden, dass causa efficiens gar keine Verknüpfung, sondern im Gegenteil eine Trennungsmethode ist. Selbstverständlich dürfen Sie diese Behauptung falsifizieren, denn ich erhebe ja nicht einmal im Traum einen absoluten Wahrheitsanspruch auf meine Aussagen :-). Wenn Sie sich dann mit den 'loving links' in Ihrem Weltbild und (Er-)Leben befassen, wäre das sozusagen die Krönung der Denk-Aufgabe. Aber Achtung: wenn Sie sich mit den Bedingungen Ihrer Liebe beschäftigen und mit der These, dass die Qualität höher sei, je weniger Bedingungen Sie stellen, dann könnte es schlimmstenfalls ein - allerdings vielleicht auch heilendes - Tohuwabohu in Ihrem Liebesleben geben. Aber eben: Erleben ist ja letztlich wichtiger als Reflektieren - drum geben Sie das Denken doch wie immer am Schluss zugunsten des Erlebens auf.

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