Denk-Aufgabe 1308 vom 25.12.2013

 

Die Hausmaus Mauro

Mauro schaute aus seinem Versteck beim Abfallsack und schnupperte prüfend herum. Die Luft schien rein zu sein. Hmm, so rein sie eben sein konnte in diesem Haus. Immerhin: es gab im Haus keine Katzen. Dafür beim Nachbarn 4 (in Worten VIER) Stück! Aber die waren alle recht wohlgenährt und doch schon recht weit weg entwickelt von ihrem Ursprung als gefährliche Raubkatzen. Man konnte sich da – wie beim Menschen – mit Fug und Recht fragen, ob das entwicklungsmässig nun wirklich eine Bewegung nach oben sei, in Richtung der Spitze der Darwinschen Pyramide, oder doch eher eine nach unten, Richtung Dekadenz. Und – so viel Latein beherrschte auch Mauro – 'Dekadenz' bedeutete 'das Hinunterfallen', also nix von 'hinauf!' Aber solange die Menschen nur mit sich selbst plapperten, war es ja irgendwie verständlich, dass sie sich für das Non-plus-ultra, für das nicht überbietbare Endprodukt der Entwicklung hielten. Er, Mauro, fand das Gerangel um die Spitze der Pyramide derart lachhaft, dass er in einem mäusephilosophischen Geniestreich gefordert hatte, man möge die Pyramide flachlegen und einfach die Verschiedenheit der Wesen, ihre Angepasstheit ans Umfeld und ihre Aufgabe miteinander vergleichen – ohne diese doofe Wertung, bei der jeder der Superhirsch sein wollte (natürlich auch der Hirsch!).

Gegen diese kindlich-naive Selbstbeweihräucherung waren ja auch die Tiere nicht gefeit. Zumindest nicht alle. Wenn Mauro nur schon an die Hunde dachte, die mit ihm das Haus am Fluss bewohnten. Dieser Moritz! Der hiess ja nicht zufälligerweise so. Er hatte einen menschlichen Namensvetter, der auch klein war und eine lächerliche Bubi-Stimme hatte – aber er hatte es geschafft, ein hohes Tier in der Politik zu werden und hielt sich deshalb für sehr bedeutend. Eben genau wie der Hund Moritz, so ein kleiner Gernegross mit Grössenwahn der Extraklasse. Das hatte ja auch was Herziges. Denn Moritz schien wirklich nicht zu merken, dass er winzig war im Vergleich zu anderen Hunden, Pferden, irgendwelchen Tieren, die er ankläffte, wie wenn die Welt ihm gehörte, obwohl sie viel grösser waren als er. Wenn ihn die Angekläfften dann links liegen liessen, war er überzeugt, er hätte sie vertrieben und trabte mit geschwellter Brust davon. Dabei lachten die andern und übten Nachsicht. Die meisten fanden den Grössenwahn des kleinen Kläffers irgendwie lustig, rührend. Es zeigte ihnen, wie relativ die Weltsicht doch war. So erging es auch Mauro. Er hatte Moritz schon unzählige Male provoziert, ja zur Weissglut getrieben, bis er ihm wieder leid tat. Wenn Mauro im Abfall herumwühlte, hörte Moritz das, hatte aber keine Idee, wie er Mauro hätte fangen sollen. Mauro hätte ihm sogar gemütlich vor der Nase durch spazieren können, Moritz hätte ihn bestimmt nicht erwischt. Das war wieder wie bei den Menschen: Wenn die das Maul weit offen hatten, um rumzubrüllen, konnten sie auch nicht mehr zubeissen oder zupacken. Und Moritz kläffte wie wild, wenn er Mauro irgendwo hörte oder durchflitzen sah, aber bis er dann losgerannt war, hatte sich Mauro längst durchs nächste Loch gezwängt und war verschwunden. Und Löcher gab es gottlob genug in dieser alten Hütte. Es gab aber – Hélas! – auch mehr Hunde im Haus als nur diesen Moritz! Da war die grosse Anna, ein beeindruckendes Möbel, die Pfoten hatte, von denen jede einzelne so gross war wie er, der ganze Mauro! Aber sie interessierte sich nicht für Kleingetier. Er hörte sie manchmal, wenn sie im Traum von Löwen redete, die sie jagte und zur Strecke brachte. Natürlich auch eine Form von Grössenwahn, aber eine, die für ihn, Mauro, zu den guten Mängeln gehörte. Denn das Gebiss dieser Anna war schon sehr beeindruckend. Wenn sie gähnte, hätte er locker in ihr Maul reinspazieren können – und sie hätte es kaum bemerkt. Er hätte sozusagen eine Sight-seeing-Tour durch ihr Maul machen, die Zähne wie architektonische Meisterwerke bewundern und dann wieder raus huschen können, bevor sie ihr Riesenmaul wieder schloss. Hätte er wirklich locker machen können. Aber, na ja: so wahnsinnig interessierte er sich dann doch nicht für Architektur.

Moritz und Anna waren die ständigen Hausbewohner, wenn man mal von den Holzwürmern, den Spinnen, den Wespen im Estrich und kurzfristigen Mitbewohnern wie den süssen, kleinen Maden im Grünabfall und den Menschen absah, die ja alle samt und sonders nicht nur ungefährlich waren für Mauro, sondern sogar nützlich. Er mochte die Menschen, die immer wieder grosszügig Speisen rumliegen liessen oder sogar wegschmissen. Der Küchenmensch im Haus war zwar etwas anstrengend, weil er ihm vieles vorenthielt, was auch Mauro gemundet hätte: altes Brot, Äpfel, Rüben wanderten in den Stall, Käserinden und Speckschwarten kriegten Anna und Moritz und die Gäste – und der Grünabfallbehälter war meist satt verschlossen. Nur wenn er fast überquoll und sich der Deckel leicht anhob, konnte Mauro sich an den leckeren Mädlein und sonstigen feinen Abfällen gütlich tun.

Aber eben die Gäste: Da gab es nun tatsächlich ein paar darunter, die Mauro fit hielten mit ihrer Jägerei. Da waren die beiden Schwestern Danza und Malzi, die manchmal eine ganze Woche zu Besuch waren. Sie waren geschickter als Moritz und viel interessierter an kleinen Tieren als Anna. Und wenn sie zusammenspannten, musste man wirklich auf der Hut sein. Denn floh man in blinder Hast vor der einen, lief man bestimmt der andern in die Fänge. Er hatte einmal beobachtet, wie eine der Nachbarskatzen sich nur noch mit einem mutigen Satz auf einen Zaunpfosten retten konnte. – Nicht dass er, Mauro, einer Katze viele Tränen nachgeweint hätte, aber von Danza und Malzi in Stücke gerissen zu werden – so etwas wünschte er nicht mal seinen Feinden von nebenan. Man hatte ja doch noch ein Herz…

Die liebste Besucherin war Lasha, dunkel wie er – und immer in Spiellaune. Sie wollte niemanden wirklich auffressen. Am leidenschaftlichsten jagte sie Vögel, wie er aus seinem Versteck gesehen hatte – aber wahrscheinlich auch nur, weil sie wusste, dass die immer eine Chance hatten, zu entkommen Mit Lasha hätte er wahrscheinlich gefahrlos Tennis oder Frisbee spielen können – wenn sie nur irgendwas hinterher sausen und es zurückbringen konnte. Ihre Menschin regte sich manchmal auf, wenn Lasha ihr immer wieder etwas vor die Füsse legte. Aber sie schien etwas schwer von Begriff zu sein: Nie warf sie das Ding weg, dabei war Lasha doch sooo deutlich, dass es sogar Menschen hätten verstehen können. Wären diese Dinge nicht meist zu schwer gewesen, hätte sich Mauro selbst heldenhaft vorgewagt und Lasha die Freude gemacht.

Dann war da der grosse schwarze Wero – ein beeindruckendes Tier, aber so alt und kurzsichtig, dass er keine Gefahr mehr darstellte für Mauro. Meist lag er gemütlich im Stall und im Sommer besuchte ihn Mauro manchmal. Er erzählte dann gern von früher, als er noch Augen hatte wie ein Adler. Mauro hörte geduldig zu. Vielleicht würde er ja auch mal so werden im Alter…

Die gefährlichste Mitbewohnerin aber war Tschigga – so wurde sie von den Menschen gerufen, wenn sie gerade mal nicht gehorchte, das heisst eigentlich immer. Diese drahtige, rauhaarige Dame war kaum grösser als Moritz, aber dreimal so schnell und viermal so geschickt und fünfmal so schlau – eine Frau halt, hatte ihn seine Frau Maura geneckt, als er ihr von Tschigga erzählt hatte. Wenn Tschigga zu Besuch war, musste er sich vorsehen. Da konnte er es sich nicht leisten, in der Stube rumzuspazieren und nach Krümeln zu suchen, die der Küchenmensch fallen liess, wenn er mal wieder eins der Brötchen mit dem knusprigen Rand verdrückte und gleichzeitig mit seinen Wurstfingern in horrendem Tempo auf so kleine Vierecklein hieb und ziemlich blöd auf eine weisse Fläche stierte, die sich hinter den Fingern befand und sich bei dieser Draufhauerei zunehmend dunkel verfärbte – eine Tätigkeit, die für ihn, Mauro, ziemlich sinnlos aussah. Wenn dieser Küchenmensch denn schon nichts wirklich Sinnvolles tat – wie zum Beispiel Abfälle zu produzieren und ihm, Mauro, zugänglich zu machen! – , dann hätte er ja vielleicht so auf diese Vierecklein hauen können, dass er, Mauro, auf dieser weissen Wand erschienen wäre. Ja, sowas hatte er nämlich schon mal gesehen, als er noch beim Nachbarn wohnte, bevor der sich diese 4 (in Worten VIER!) Katzen zugelegt hatte: Die Wand war zwar viel grösser gewesen und nicht weiss, aber man sah alle möglichen Dinge darüber flitzen – und einmal, seine Frau Maura war dabei gewesen – hatten sie auf der Wand Verwandte durchspazieren sehen! Entfernte Verwandte vielleicht, aber immerhin! Und wenn der Küchenmensch das jetzt mit ihm machen würde, dann könnte der Nachbar ihn, Mauro, vielleicht auf seiner komischen Wand ebenfalls sehen und noch viele andere Menschen auch? Mauro geriet ins Träumen: Er würde berühmt, die Welt würde ihn kennen! Wenn das diesem kleinen Menschen-Moritz mit der Pieps-Stimme gelungen war, wieso sollte es ihm, dem Hausmäuserich Mauro, verwehrt sein?

Tschutschu, die alte, kleine, schwarze Hundedame, holte ihn aus seinem schwärmerischen Traum in die raue Wirklichkeit zurück. Sie bewegte sich selten, und wenn, dann sehr würdevoll-gemessen. Ausser es gab Futter. Dann wurde die Oma kurzfristig zur Tänzerin, die wie ein Derwisch in Trance wild um die eigene Achse rotierte um sich dann mit einer Gier auf die Häppchen zu stürzen, die alle Sprüche über die Geruhsamkeit des Alters Lügen strafte. Genau dieses Theater fand jetzt gerade wieder statt. Und die Chance, dass bei dieser Fütterungs-Orgie auch nur das kleinste Krümelchen für ihn, Mauro, abfallen würde, tendierte arg gegen Null. Denn nicht nur die bereits erwähnten Hunde waren von entwürdigender Fressgier gezeichnet; da war ja auch noch Piiin, ein junger Schönling mit lang-schlanken Beinen, der selbst hingerissen schien von der Anmut seiner Bewegungen. Die Zweibeiner schienen alle auf seinen Erdmännchen-Blick hereinzufallen und konnten sich jeweils kaum überbieten mit ihren 'Jööö'-Rufen. Dabei war das doch nur eine Masche, um zu mehr Aufmerksamkeit zu kommen. In Wirklichkeit – das hatte Mauro sofort gemerkt – hatte der Beau hinter seiner grossen Klappe ein Hasenherz und liess sich sogar von ihm, einer vergleichsweise winzigen Hausmaus, in die Flucht schlagen.

Nun aber war Weihnachten und damit – so die Mär – wurde alles besser. Tatsächlich wohnten neu – und hoffentlich für immer, befand Mauro – noch zwei weitere Gäste in seinem Haus. Sie sahen aus wie braune Würste und lagen auch meist herum wie braune Würste, konnten sich aber wider Erwarten fortbewegen, wenn auch eher selten. Mauro meinte zuerst, sie hätten Räder, aber bei genauerem Hinlugen aus seinem Versteck entdeckte er, dass unterhalb der Würste kaum sichtbare Beine angebracht waren, die bestimmt von der Belastung durch das Wurstgewicht krumm geworden waren. Die rundere der beiden Würste hörte auf den wenig schmeichelhaften Namen 'Leiche' – das heisst, sie hörte natürlich nicht darauf, wenn jemand sie rief, denn sie nahm die Rolle, die sie im Laientheater ihrer Heimatstadt zugewiesen bekommen hatte, offenbar sehr ernst und spielte sie – das musste Mauro neidlos zugeben – sehr überzeugend. Sie lag eigentlich fast immer bewegungslos da. Nur das leichte, rhythmische Heben und Senken der Wurstmitte verriet, dass sie sich doch noch nicht ganz kompromisslos in ihre Rolle gefunden hatte. Aber wer nicht genau hinschaute, konnte durchaus meinen, es läge eine Leiche im Hundebett, da sie den Aufwand scheute, ihre Liegeposition innerhalb von lächerlichen 12 Stunden unnötigerweise zu verändern. Wenn nun die Fütterungszeit des Grossrudels anbrach und all die aufgeregten Biester wie die Gepickten von Ungeduld und Gier getrieben herum wuselten, nahte die Stunde von Mauro. Denn die Leiche war so tief in ihre Rolle versunken, dass sie auch die für den ihr zugewiesenen Zustand widernatürliche und ja auch unabhängig davon furchtbare Anstrengung der Nahrungsaufnahme scheute und den Napf, den sie vorgesetzt bekam, meist nur mit Verachtung strafte. Um zu verhindern, dass sich die andern Hunde über Leiches Futter hermachten, wurden sämtliche Türen rund um die Stube, in der die Leiche bewegungslos über die Welt nachzusinnen pflegte, geschlossen, was Mauro natürlich nicht hinderte, durch seine Schlupflöcher zu sausen und ihr seine Hilfe anzubieten. Da er wusste, dass man den Totenfrieden nicht stören sollte, bot er seine Hilfe allerdings nicht lautstark an, sondern durch sogenanntes 'schlüssiges Verhalten'. Das heisst, er knabberte einfach an ihrem Futter herum und schaute, ob sie seine Hilfe auch ohne Widerrede anzunehmen bereit war. – Und siehe da: sie nahm sie an! Mauro war sich sogar sicher, dass sie einmal kurz zu ihm herüber geblinzelt hatte und dass in ihrem Blick Einverständnis zu lesen gewesen war. Er bedankte sich schmatzend und – wer hätte das gedacht – sie gab sogar Antwort, ja sie erklärte ihm ihr Leben! "Ich bin froh, wenn du mitisst. Dann meinen die Menschen, ich hätte wenigstens ein bisschen was gefressen und sind zufrieden. Die meinen ja immer, sie wüssten, was für uns gut ist. Dabei muss ich mich doch auf meine grosse Rolle im Spielfilm 'Die Unerschrockene' vorbereiten. Dort kann der grausliche Verbrecher Murk Hauebeil nur gefasst werden, weil er meint, ich sei tot und mich nicht weiter beachtet. Im entscheidenden Augenblick erwache ich aber zum Leben und gebe mit gezielten Lauten dem Detektiv Jan Knatterton den Hinweis, wo sich Murk versteckt hält. So werde ich zur Heldin und die ganze Welt wird mich bewundern. Da kann ich doch meine Zeit nicht mit so ordinären Tätigkeiten wie Fressen oder sinnlosem Herumrennen vergeuden!" – Mauro antwortete begeistert mit vollem Mund: "Hinreissend, grosse Lady! Ich bin völlig und restlos und gänzlichstens deiner Meinung und trage gern dazu bei, dir den Weg zur Weltberühmtheit zu ebnen – und sei es nur, indem ich dir behilflich bin, deinen Fressnapf etwas weniger voll aussehen zu lassen!" – Mauro war echt multitasking und konnte locker gleichzeitig fressen, sprechen und rumgucken, ob nicht schon die lustige Menschin hereinplatzte und ihn bei seiner interkantonalen Hilfsaktion ertappte – oder ob gar der Küchenmensch sich wieder vor seine weisse Wand setzte um vielleicht ihm, dem grossen Hausmäuserich Mauro, ein Denkmal zu setzen. Wer wusste denn schon – mitten im Kauen hatte Mauro wieder einmal einen seiner mäusephilosophischen Anfälle – was wirklich war? War er nun Teil einer Geschichte oder Teil der Geschichte? Schrieb er mit seinem Dialog mit der bald weltberühmten 'Leiche' nun Weltgeschichte oder nur eine Geschichte? Und schrieb er die Geschichte oder dieser Küchenmensch, der ständig die weisse Wand vor sich schwärzte, indem er mal schnell, mal langsam, mal mit Stirnrunzeln und oft mit verschmitztem Lächeln auf die kleinen Vierecklein vor der Wand hieb? Und – das sich wohlig in ihm ausbreitende Sättigungsgefühl erlaubte ihm noch einen weiteren, extravaganten mäusephilosophischen Exkurs – war sein Sein, sein Leben und seine Taten Grund dafür, dass der Küchenmensch schrieb – oder war es möglicherweise sogar umgekehrt: dass das Schreiben des Küchenmenschen Grund für sein Sein, zumindest für sein So-Sein war? Als sich Mauro diese existenzielle Frage stellte, hätte er sich beinahe verschluckt: War das letztlich die legendäre Huhn-Ei-Frage: 'Was war zuerst?' – 'Was ist Ursache, was Wirkung'? Und war er, ein winziger Hausmäuserich, dazu berufen, diese Frage zu hinterfragen, darzulegen, dass die Unbeantwortbarkeit dieser Frage zeigte, dass sie falsch gestellt war, nicht auf das Wesentliche zielte, ja dass das Denk-Konzept hinter dieser Fragestellung wenn nicht falsch, so doch zumindest nicht sehr klug war? Ihm schauderte vor der weltgeschichtlichen Bedeutung, die ihm, der Hausmaus Mauro, dereinst zukommen würde, sollte es ihm gelingen, diesen Denk-Knoten zu lösen. Er müsste also nichts Geringeres tun, als das simple und einbahnartige Denk-Konzept von Ursache-Wirkung, wo die Ursache immer vor der Wirkung zu liegen hatte und die Wirkung nur Folge der Ursache und nie umgekehrt, sozusagen rückwärts wirken konnte – dieses schwerfällige System müsste er, Mauro, durch ein viel farbigeres Denksystem mit Gegenverkehr ersetzen. Ein System, bei dem alles sich gegenseitig beeinflussen konnte, auch zeitlich und räumlich. Die Zukunft, der grosse Hollywood-Film 'Die Unerschrockene' wirkte sich auf die Gegenwart, das intensive Rollentraining der 'Leiche' aus, ja auch auf die Vergangenheit, denn sie trainierte ja schon lange! Und was er, Mauro, gerade tat und überlegte, hatte Einfluss auf das, womit der Küchenmensch seine komische weisse Wand schwärzte – und umgekehrt hatte genau diese Schwärze auf der weissen Wand Einfluss auf das, was er, Mauro, gerade tat und dachte. Aber war das nun nur mäusephilosophisches Geschwätz, letztlich bedeutungslos und nur für den Streit am Stammtisch der Profi-Denker interessant? Oder könnte es Bedeutung für den Alltag aller Wesen haben, also auch der vielen, die nie weiter als bis zum nächsten Futternapf dachten (so verächtlich konnte natürlich nur einer über das Fressen denken, der sich gerade den Bauch vollgeschlagen hatte)? Wenn alles sich gegenseitig beeinflusst, dann ist doch auch alles miteinander verbunden? Denn ohne Verbindung kein Einfluss? Und wenn alles miteinander verbunden ist, dann ist doch auch gleichzeitiger gegenseitiger Einfluss möglich? Also wäre ich auch mit dieser braunen Hundewurst namens 'Leiche' irgendwie verbunden und es wäre möglich, dass wir uns gleichzeitig gegenseitig beeinflussen? Hmm, mal ausprobieren. Mauro schielte zu 'Leiche' hinüber und fragte: "Wie heisst du eigentlich richtig? Ich höre die Menschen immer nur – ähm, ja deine Filmrollen-Bezeichnung rufen?" – Die braune Wurst blinzelte und seufzte: "Du störst mich wieder beim Rollenstudium. Ich hatte gerade eine Tiefenentspannung erreicht, in der ich auch die Sichtbarkeit der Atmung reduzieren konnte. – Aber gut, wenn ich schon mal aus der Rolle gefallen bin, kann ich ja auch versuchen, deine Frage zu beantworten, die aber – dem Hundegott sei's geklagt – viel komplizierter ist, als du denkst. Denn ich bin so eins geworden mit meiner Rolle, dass ich die Bezeichnung 'Leiche' nicht als Beleidigung, sondern als Kompliment auffasse. Mit meinem ursprünglichen Namen 'Sophie' verbindet mich nur noch seine Bedeutung: es heisst 'die Weise' – und das trifft natürlich einen zentralen Kern meines Wesens, der Voraussetzung ist dafür, dass ich meine Rolle so überragend spiele." – "Sophie klingt sehr schön, gefällt mir viel besser als – naja du weisst schon. Wenn du erlaubst, werde ich dich von nun an Sophie nennen. – Aber du sagst, deine Weisheit sei Voraussetzung dafür, dass du deine Rolle so gut spielst? Könnte es nicht gleichzeitig auch umgekehrt sein, dass eben gerade dein gutes Rollenspiel zu deiner wachsenden Weisheit beiträgt, dass Weisheit und Rollenspiel so miteinander verquickt sind, dass sie sich gegenseitig in immer höhere Sphären hinauf schubsen?" – "Das hast du sehr schön gesagt. Möchtest du mein PR-Manager, mein Impresario, mein Agent werden?" – "Ja sofort! Dann würde ich ja mit dir so verbunden, dass deine Weisheit vielleicht auf mich abfärbte und ich an deiner Seite auch weltberühmt würde!" – "Und umgekehrt, wenn ich dich richtig verstanden habe: deine Klugheit, die sich in deinen Fragen zeigt, wird auf mich abfärben und mir vielleicht nach dem Grosserfolg des Films 'Die Unerschrockene' noch zu weiteren Star-Rollen verhelfen, die auch dich wieder berühmter machen werden. – Wie heisst denn du eigentlich? Ich sah dich nur schon oft rumflitzen hier – aber du warst so schnell, dass ich dich fast nicht erkennen konnte. Ich bewunderte deine Schnelligkeit und dachte mir, dass du wahrscheinlich das Gegenteil meiner Rolle trainierst, aber mit demselben Ziel: nicht erkannt zu werden als das, was wir wirklich sind?" – "Du bist wirklich klug, Sophie. Genau das ist es. Ich renne so schnell, dass die, die mich zu sehen glauben, nie sicher sind, ob sie sich nicht getäuscht haben, ob das nicht nur eine Vision, ein Schattenspiel, ein von einem anderen Wesen erzeugtes Geräusch gewesen sei, dass sie sich über die Augen fahren und nicht wissen, ob es mich wirklich gibt in ihrer Welt. Und du machst ja etwas Ähnliches, wenn Murk Hauebeil meint, du seist nur ein Kadaver – und in Wirklichkeit bist du der klugste Hund der Welt, der ihn zur Strecke bringt. Wir zwei sind die Einzigen, die wirklich wissen, dass es uns gibt – und wir werden zusammen die Welt aus den Angeln heben! – Ach ja, ganz vergessen: mein Name ist Mauro." – Sophie nickte fast unmerklich: "Hmm, Mauro der Dunkle, das passt. Du bist ja nicht nur von der Fellfarbe her dunkel, dein Wesen bleibt ja auch im Dunkeln für die andern, weil sie dich wegen deiner Schnelligkeit gar nicht wirklich erkennen und fassen können."

Der Küchenmensch, der die beiden die ganze Zeit belauscht hatte, schmunzelte. Die beiden wussten also Bescheid. Auch darüber, dass – und wie – sie mit ihm oder er mit ihnen verbunden war. Denn ohne sie hätte es ihn, den Küchenmenschen, ja gar nicht gegeben. Jedenfalls nicht so wie in dieser Geschichte. Und ohne ihn hätte es die beiden nicht gegeben, jedenfalls nicht so wie in dieser Geschichte. Natürlich war es möglich, dass es die beiden ausserhalb dieser Geschichte gab. Und vielleicht gab es ja auch ihn ausserhalb dieser Geschichte. Nur: waren sie dann noch Sophie und Mauro? Und war er noch der Küchenmensch? Und wenn sie es nicht mehr waren, was waren sie dann? Konnte man denn einfach in eine Geschichte, eine Welt hinein- und unbeschadet wieder herausschlüpfen? Oder war man beim Herausschlüpfen dann doch irgendwie ein anderer als beim Hineinschlüpfen? Er beschloss, die Frage, ob es so etwas wie ein gleichbleibendes, fassbares, beschreibbares So-Sein, eine 'Identität' überhaupt gebe, bei nächster Gelegenheit mit Sophie und Mauro zu besprechen. Sofern es sie dann noch gab und sie nicht schon in einer anderen Geschichte mit anderen Namen auf- oder untergetaucht waren? Das Einzige, was er einigermassen sicher aus der ganzen Geschichte mitnehmen zu können glaubte, war das mit der Verbindung von allen mit allem und der daraus resultierenden gegenseitigen Kontaktmöglichkeit.

Alles war mit allem verbunden – nur merkte das fast niemand, ausser natürlich Sophie, Mauro und vielleicht der Küchenmensch. Und wer verbunden war, konnte Kontakt aufnehmen mit dem, was er wahrnahm, völlig unabhängig davon, ob er es in seiner Aussenwelt oder in seiner Innenwelt entdeckt hatte. Deshalb war es auch egal, ob etwas in der Gegenwart, in der Vergangenheit oder in der Zukunft lag, ob man es herbei zerren und anderen unter die Nase halten konnte. Sophie und Mauro gab es auch, wenn niemand ausser ihm, dem Küchenmenschen, sie je antreffen würde. Wobei sie ja für jeden, der ihre Geschichte las, bereits existierten, einfach in der Innenwelt. Für den Küchenmenschen und noch ein paar wenige andere gab es Mauro aber auch in ihrer Aussenwelt, allerdings nicht unbedingt mit dem Namen Mauro, ausser sie hätten auch die soeben erzählte – erlebte? – Geschichte gehört.

Wenn das also alles nebeneinander Platz hatte, dann war es doch auch völlig Wurst, ob Sophie wirklich aussah wie eine Wurst? Und war es in dem Fall nicht auch Wurst, ob je ein Engel gefangen, in einen Käfig gesperrt, überall rumgezeigt und von sich furchtbar wichtig wähnenden Menschlein in weissen Umhängen mit Netzlein vor dem Mund und über dem Kopf untersucht und für 'real', für 'dem Namen Engel entsprechend' befunden worden waren? Die einen erlebten Engel in ihrer Aussen-, die andern in ihrer Innenwelt, die dritten gar nicht – und alles durfte sein, konnte auch wunderbar sein, solange keiner seine Erfahrung oder Nicht-Erfahrung den andern aufzwingen wollte.

Mauro hatte mitbekommen, was der Küchenmensch gerade weitergedacht hatte, da er ja in der gleichen Geschichte vorkam wie er. Und zugegeben, dieser Wurst-Gedanke beflügelte Mauros Phantasie, schliesslich war Wurst etwas Feines – zumindest für ihn als Hausmaus. Wurst war in dem Fall doch auch, dachte der Küchenmensch weiter, ob sich die hübsche Geschichte, die zurzeit gerade wie jedes Jahr vielerorts nacherzählt wurde, genau so zugetragen hatte vor gut zweitausend Jahren in der Aussenwelt der komischen Menschen mit den weissen Kitteln. Die Geschichte von Maria und Josef, die dringend einen Krippenplatz für ihr Neugeborenes suchten und dann halt mit einem Stall vorlieb nehmen mussten, weil es den für alle sorgenden, vorausschauenden und -denkenden, gütigen, hilfreichen, lieben Sozialstaat damals noch nicht gab. Der Küchenmensch schauderte beim Gedanken daran, wie grauenvoll das Leben damals gewesen sein musste, als die Menschen noch wie die Tiere selbst für sich sorgen mussten. Ein Wunder, dass die überlebt hatten bei all den Keimen! Es gab ja noch nicht einmal die Basler Chemie! Da musste schon ein Gott mitgemischt haben, dass das Neugeborene dann doch gesund und stark wurde, trotz dieser unhygienischen und nicht einmal amtlich sauber erfassten Geburt. Auch gesellschaftlich war das Ganze ja nicht sauber: Maria und Josef waren nicht nur nicht verheiratet, das Kind war nicht einmal von ihm! Zumindest behauptete die Maria das. Sie behauptete später sogar, das Kind mit keinem Mann gezeugt zu haben. Also auch nicht mit einer Frau. Sondern irgendwie anders. So 'schwupps' sei sie wie von Geisterhand einfach schwanger geworden. Vielleicht kriegte sie ja auch deshalb keinen Krippenplatz? Weil es da einfach nicht sauber zugegangen war und sie den Bedarf auch nicht rechtzeitig mit dem richtigen Formular bei der richtigen Stelle vorangemeldet hatte. Und trotzdem hatte dann dieses unsauber entstandene Kind eine richtig saubere Karriere gemacht. Es war das, was wir heute 'sozialkompetent' nennen würden, sammelte einfache, hilfsbedürftige Menschen um sich, tat Gutes und legte sich so mutig mit dem Establishment an, dass es zum Tod verurteilt wurde. Das inzwischen zum Jungbart gereifte Kind stand dann aber einfach wieder auf und erschien ein paar wenigen Auserwählten. Man rätselt bis heute, wie das möglich war. Vielleicht hatte es sich ja unsterblich in die Menschen verliebt – und wurde deshalb unsterblich? Mauro hatte mitgedacht und fand, das sei auf jeden Fall eine schöne Geschichte. Eine Geschichte, die Mut machte, sich nicht immer so brav, korrekt und sauber zu benehmen, wie das von einem erwartet wurde. Man durfte offenbar auch Wesen lieben, die andere für nicht liebenswert hielten. Und vor allem durfte man mehrere, ja alle gleichzeitig lieben – also ganz anders, als er das bei den Menschen beobachten konnte, die erst einen neuen Menschen lieben durften, wenn sie dem vorher geliebten die Liebe gekündigt hatten.

Und die Geschichte gefiel ihm umso besser, als es Wurst war, ob sie je in der Aussenwelt stattgefunden hatte oder einfach in der Innenwelt eines grossen Geschichtenerzählers und dann in all denen, die seiner Geschichte lauschten. Und wenn das Wurst war, dann durfte es tausend andere schöne Geschichten geben, die das Herz der Menschen und Tiere berührten und sie dazu brachten, starre, lieblose Regeln zu hinterfragen, sich nicht an sie zu halten und einfach frisch drauflos zu lieben. Es gab ja riesig viele Geschichten. Alle Tiere hatten solche schönen Geschichten, die zu ihrer Art, zu ihrer Gattung und ihrer Lebensweise passten. Und auch bei den Menschen gab es unzählige solcher Geschichten, die alle etwas Ähnliches erzählten, einfach mit anderen Bildern, anderen Figuren, anderen Orten, Zeiten und Ereignissen gewürzt. Da gab es Allah, der über den Wüstensöhnen thronte und seinen Propheten Mohammed schöne Geschichten erzählen liess, es gab Buddha, der sogar einen Weg über das Geschichtenerzählen hinaus zeigte, es gab die farbige Welt der griechischen Götter mit ihrem witzigen, aber auch lehrreichen Haushalt auf dem Olymp, es gab die herrlichen germanischen Gottheiten, die die Phantasie der nordischen Völker beflügelten – und es gab Tausende von weiteren Geschichten in allen Weltregionen und bei allen Völkern. Und alle hatten nebeneinander Platz, denn eine Geschichte wirkte immer auf diejenigen, die sich auf sie einliessen. Und so konnte man nicht nur viele Wesen lieben, sondern auch viele Geschichten – gleichzeitig, nebeneinander, miteinander. Keine war allein wahr – aber alle waren wahr. Alle hatten ihre Wahrheit, die sich dem erschloss, der die Verbindung mit ihr entdeckte und sich auf sie einliess. Und das, so fand Mauro, war doch eine so festliche Erkenntnis, dass er seinen mäusephilosophischen Exkurs über das Wurst-Sein nun beenden und sich dem Genuss der Wurst widmen konnte, die seine neue Freundin, die Wurst Sophie, übrig gelassen hatte. Die Frage bleibt, ob das Verspeisen dieser Wurst nun in der Aussenwelt oder in der Innenwelt stattfand? Das wird wahrscheinlich ein Geheimnis bleiben. Nur etwas meldet Mauro noch dem Küchenmenschen: sie war gut!

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