Denk-Aufgabe 1401 vom 7.2.2014

 

'Offene', 'geschlossene' oder 'semipermeable' Beziehung?

Das klassische Beispiel für eine geschlossene Beziehung ist die vertragliche. Ein guter Vertrag umreisst genau seinen Gültigkeitsbereich und legt Rechte und Pflichten, Freiheiten und Verantwortlichkeiten der Vertragspartner klar fest. Die Partner wissen, wo sie frei und wo sie gebunden sind. Die Idee der vertraglichen Bindung wurde auch ins Verhältnis des Bürgers zum Staat übertragen. Der Nachwächterstaat - für mich immer noch das Idealbild des sozialen Kollektivs - entstand aus einem Vertrag zwischen Individuen, die gewisse Lebensbereiche gemeinsam regeln und bewältigen wollten. Erst später verselbständigte sich der Staat zum allmächtigen Leviathan, der die Bürger vergessen liess, dass er ein reines Konstrukt ist, ein von ihnen selbst gemachtes und gestaltetes Abstraktum.

Auch die Ehe ist bis heute eine unter den Argusaugen des Staates geschlossene, vertragliche Verbindung zweier Individuen. Im Unterschied zu anderen Verträgen war - bzw. für die Katholiken ist - der unter dem Dach einer monotheistischen Religion geschlossene Ehevertrag grundsätzlich unkündbar. Dies wurde von vielen als derart stossend empfunden, dass in weiten Teilen der westlichen Welt der Ehevertrag heute als genauso kündbarer Vertrag behandelt wird wie alle anderen Verträge auch. Goethe liess in seinem Roman 'Die Wahlverwandtschaften' eine seiner Figuren postulieren, die Ehe nur auf fünf Jahre abzuschliessen, um sie dann bei gegenseitigem Einverständnis zu erneuern. Damit zeigte er die Vorteile der Kündbarkeit, der zumindest bezüglich der Auflösungsmöglichkeit 'offenen' Beziehung: es geht nicht nur um die Möglichkeit der Flucht, sondern genauso um die Möglichkeit der freiwilligen Verlängerung. Die meisten von uns schliessen viele solcher verlängerbarer Verträge ab, zum Beispiel indem sie ein Jahresabonnement einer Zeitung erwerben und damit einen auflösbaren, aber auch verlängerbaren Vertrag eingehen. Die Wirkung liegt auf der Hand. Der Anbieter bemüht sich in ganz anderer Weise um die Qualität des Produkts als einer, der ein Produkt herstellt, das obligatorisch erworben werden muss. Die Kündbarkeit, die auf freiem Willen beruhende Auflösbarkeit einer vertraglichen Beziehung wirkt sich also direkt auf die Qualität aus, in der die vertraglich festgehaltenen Rechte eingefordert bzw. die Pflichten erfüllt, die Verantwortlichkeiten wahrgenommen werden. Diese ungemein zentrale Wirkung der Freiwilligkeit ist eine doch recht simple Einsicht, die den Betreibern sozialer Wohlfahrtsstaaten völlig verschlossen zu sein scheint.

Nun möchte ich mich aber den Beziehungen zuwenden, in denen die rational und ökonomisch so schwierig zu fassende Liebe mitspielt. In meiner Vorstellung nimmt die Qualität der Liebe indirekt proportional zu mit den Bedingungen, an die sie geknüpft wird. Einfacher gesagt: je weniger Bedingungen wie Vorschriften, einzuhaltende Regeln, Verbote und Gebote der Liebende dem geliebten Wesen stellt, desto höher die Qualität der Liebe. Konkret auf unseren Vertrag übertragen: je inhaltsärmer der Vertrag zwischen Liebenden, desto wertvoller die Liebe. Am höchsten wäre die vertragslose Liebe, die an gar keine Bedingungen geknüpft ist. Wie man schnell feststellt, ist bei dieser Höchstform der Liebe jegliche Selektion, jegliche Wahl und Auswahl ausgeschaltet. Denn ein Objekt der Liebe auszuwählen, zu bestimmen, die eigene Zuwendung auf dieses Objekt zu fokussieren, entspricht bereits einer Bedingung. Wir können diese im christlichen Diskurs als 'Nächstenliebe' oder 'Agape' bezeichnete Liebe also getrost als hohes, aber für die meisten unerreichbares Ziel in den Hintergrund rücken und uns der möglichen Minimierung der Bedingungen zuwenden. Die aus meiner Sicht absurdeste Bedingung, die von weiten Teilen auch unserer Gesellschaft bejaht wird, ist die der Ausschliesslichkeit. Zumindest von einer bestimmten Gattung darf gleichzeitig nur ein einziges Exemplar geliebt werden, ansonsten wird der Liebende der Untreue bezichtigt. Ausnahmen innerhalb der Gattung sind höchstens die gemeinsamen Kinder und die je eigenen Familien, also Eltern und Geschwister der beiden Kontrahenten des bei uns üblichen und gesellschaftlich akzeptierten Ehevertrags.

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