Denk-Aufgabe 1402 vom 3.3.2014

 

Die Sehnsucht nach Gleichheit

oder

Back to paradise?

 

These

Die Sehnsucht nach Gleichheit und Ununterschiedenheit ist ein verständlicher Wunsch des sich abgetrennt von anderen vorfindenden bewussten Individuums. Sie kann während des Lebens über Liebe und Meditation in hoher Qualität und mit grosser Entwicklungsrelevanz, aber zeitlich und räumlich nur bruchstückhaft und nur auf dem Weg individueller Bemühungen befriedigt werden. Jeglicher politische, religiöse, ideologische Zwang zur Gleichheit ist kontraproduktiv.

Das Paradoxon der Unterscheidbarkeit

Wahrnehmung setzt Ungleichheit, Unterscheidbarkeit voraus. Dafür braucht es Zeit, Raum und voneinander getrennte Entitäten, die miteinander verknüpft sein können - und Bewusstheit als Voraussetzung der Wahrnehmungsfähigkeit. Das älteste Paradoxon bewusster Entitäten ist die Freude an der Wahrnehmung des Unterscheidbaren - Voraussetzung für das, was wir 'Leben' nennen - und dazu im Widerspruch die Sehnsucht nach Aufhebung der Wahrnehmung und damit ebendieser wahrgenommenen Unterschiede, die wir - so zumindest die Vermutung Vieler - erst bei Aufgabe des Lebens, im Tod erreichen, wenn wir wieder 'zu Staub', zu Humus werden, wenn nicht zu 'Gleichen', dann doch zu 'Ähnlichen'.

Seit Wesen darüber nachdenken und vor allem 'nachfühlen', gibt es Legenden, Mythen, Ideologien, religiöse und politische Visionen, wie diese Paradoxie gelöst werden könnte: Wie kann eine Entität weiterhin abgetrenntes, unterscheidbares, wahrnehmbares und wahrnehmungsfähiges Individuum bleiben - und trotzdem über die immer wieder stossende, schmerzende Ungleichheit hinwegkommen, die Sehnsucht nach Gleichheit befriedigen, die Scheidung, die Voraussetzung der Unter-Scheidung ist, überwinden und irgendeine Form von Einheit, Gleichheit, Verschmelzung, Ununterscheidbarkeit erreichen?

Die Paradoxie ist - so meine ich - wunderschön, abenteuerlich und herausfordernd. Es handelt sich um zwei sich ergänzende Teile einer durchaus harmonischen Sinuskurve, die wir weder einseitig bewerten noch gegeneinander ausspielen müssen. Wir können - z.B. bei Übersättigung durch Wahrnehmung zu vieler, zu grosser, zu stossender Unterschiede - die Sehnsucht nach Überwindung der Wahrnehmung auch innerhalb der Daseinsbedingungen als von anderen Entitäten abgetrenntes und mannigfach mit ihnen verknüpftes Individuum in Zeit und Raum immer wieder auszuleben versuchen. Zum Beispiel indem wir wenigstens kurzfristig 'Ferien vom Ich' machen, Zeit und Raum auszublenden versuchen und mithilfe von Liebe und Meditation wenigstens 'Jetzt-Momente' der Verschmelzung erreichen. Diese Aus-Zeiten - im Wortsinne 'Zeiten ausserhalb der Zeit' - können wir auch als Sterbe-Vorbereitung nutzen und so die Lebensqualität erhöhen, indem wir die Angst vor dem Sterben verlieren. Tun wir dies im uns gemässen Masse, wächst umgekehrt wieder die Freude am Leben mit all seinen dazu gehörenden Formen der Wahrnehmung, der Ungleichheit, der Unterscheidbarkeit und der Freiheit der Verknüpfbarkeit des Unterschiedenen. Wenn es uns gelingt, unserem Wesen, unserem in diesem Leben gerade erreichten Entwicklungsstand gemäss diese beiden Sinuskurvenhälften auszubalancieren, in der uns gemässen Frequenz und mit der uns gemässen Amplitude den Wechsel zwischen dem Streben nach Individualität und nach Gleichheit, nach Unterscheidbarkeit und nach Ununterscheidbarkeit, nach Vielheit und nach Einheit zu leben, kann sich eine Art von Glück einstellen, die jenseits materieller Güter und äusserer Erfolge liegt. Dann können wir auch lernen zu lachen über die Unbeholfenheit der Versuche, die Lösung der Paradoxie im Aussen mithilfe von Macht und Gewalt zu erzwingen, wie es menschliche Politik seit Jahrtausenden versucht. Dann kann sich - aber auch dies bitte freiwillig und nach eigenem Nachdenken - die Einsicht einstellen, dass kein Kollektiv diese so ungemein delikate Sinuskurve zwischen den beiden gegensätzlichen Fahrtrichtungen für ein Individuum bestimmen kann. Das für ein Individuum gemässe Mass an Ungleichheit und Gleichheit, an Markanz und Profillosigkeit, an Trennung und Verschmelzung, an 'Nein' und 'Ja' zum Wahrgenommenen kann nur dieses selbst erahnen, ertasten und zu leben versuchen - es ist schwierig genug. Das Kollektiv kann auf die Thematik aufmerksam machen, kann im Bildungssystem und über die Kultur Angebote für die auf der Suche nach der Balance befindlichen Individuen machen. Diese Angebote zu wählen, zu nutzen und den ureigenen Weg zu finden muss freiwillig bleiben. Denn verordnete Wege führen weder zu Weisheit noch zu Glück oder gar zu Erleuchtung.

Natürlich geht es beim Ausstieg aus den Daseinsbedingungen, beim Anstreben der Verschmelzung um eine Aufgabe des Egos, zumindest eine partielle und vorübergehende, solange wir noch am Leben bleiben wollen. Aber sie muss freiwillig erfolgen. Mithilfe von Drogen oder durch kollektive Gewalt erzeugt, findet kein Entwicklungsprozess statt. Genau so wenig wie bei Kinderkrankheiten, die durch Impfung vermieden werden. Nur eine durchlebte, durchlittene Krankheit kann einen Entwicklungsschub auslösen. So verständlich die Lust politisch links Denkender und Handelnder ist, allen Mitmenschen das selbst vielleicht erlebte Glück der Gleichheit, der Verschmelzung, der Ununterschiedenheit oder wenigstens der liebevollen Integration und der Solidarität mit anderen Individuen nicht nur zu vermitteln, sondern sie dazu zu zwingen - so kontraproduktiv ist das Resultat dieser Bemühungen. Zwang zu Ego-Abbau führt bei den einen in die Demenz, bei den andern zur Erhöhung der Ego-Mauern, um sich gegen diesen Zwang zu wehren - aber bei keiner Entität zu seelisch-geistiger Entwicklung.

Die Sehnsucht nach Gleichheit, nach Einebnung aller Unterschiede, nach Verschmelzung von allem, was ist in der Ununterschiedenheit 'himmlischer' oder 'paradiesischer' Einheit, ist so alt wie es bewusstes Wahrnehmen der Ungleichheit gibt. Unzählige Geschichten ranken sich um diese Sehnsucht. Und noch viel mehr Geschichten transportieren die andere, die gegenläufige Sehnsucht nach Einmaligkeit, Unverwechselbarkeit, nach ewigem Ruhm, nach Unvergessenbleiben als unterscheidbares, profiliertes Individuum.

Allem Anfang wohnt nicht nur ein Zauber, sondern auch ein Ende inne - dieser abgewandelte Hesse-Satz gilt auch für die Legenden rund um die Schöpfung oder für die wissenschaftlichen Weltentstehungs-Theorien. Wer des Berndeutschen mächtig ist - zumindest passiv als Lesender - kann sich dazu die Weltenstehungsversion zu Gemüte führen, die sich der Berner Strassenphilosoph Housi Moser in einem seiner Essays ausdachte:
Im Anfang war das Wort

Schöpfung und Urknall - zwei ähnliche Bildspender für den Anfang der Ungleichheit
Mit dem Urknall - oder im alttestamentlichen Bild mit dem Mythos der Schöpfung - wurde aus Einheit Vielheit, aus Ununterscheidbarkeit Unterscheidbarkeit, aus Gleichheit Ungleichheit. Um Unterscheidbarkeit herzustellen waren neue Parameter nötig, zum Beispiel Zeit. In der Ununterscheidbarkeit der Einheit, in der vor-urknalligen Ruhe brauchte es auch keine Zeit. Erst das Einsetzen von Prozessen erforderte irgendeine Achse, entlang derer die Prozesse ablaufen konnten. Ich behaupte damit nicht, Gott hätte sie erfunden oder im anderen Bild, sie hätte nicht existiert vor dem Urknall, sondern nur, dass sie vorher nicht nötig war. Wobei das Wort 'vorher' bereits die Vorstellung einer Zeitachse impliziert und deshalb gar nicht passt. Vielleicht müssen wir zugeben, dass wir uns die Zeit - schon wieder diese verflixte 'ZEIT'! - vor der Schöpfung bzw. dem Urknall nicht vorstellen können, weil unser Bewusstsein irgendwie ganz fest mit der Vorstellung von Zeit verknüpft ist. Wiederum: ich behaupte nicht, es gebe kein Bewusstsein jenseits der Zeit. Ich behaupte nur, dass das durchschnittliche menschliche Bewusstsein Mühe hat mit der Vorstellung der Zeitlosigkeit und dass die Verbalsprache uns dabei ziemlich im Stich lässt, weil sie selbst so untrennbar mit dem Zeitverlauf verbandelt zu sein scheint. Sobald Worte aus einem Mund oder einer Feder plätschern, vergeht Zeit. Und wenn sie wahrgenommen, gehört, gelesen, decodiert werden, vergeht jedesmal wieder Zeit. Höchste Zeit, sich mal mit zeitlosen Kommunikationsformen zu beschäftigen.

Dasselbe können wir jetzt durchspielen mit dem Raum. Beim Bild des Urknalls und dem expandierenden Universum wird es besonders deutlich, dass Raum, gigantisch viel Raum benötigt wurde ab Sekunde Null. Aber auch bei den Schöpfungs-Mythen - nicht nur dem alttestamentlichen - wird klar, dass die Bastlerei Gottes Raum brauchte. Gott war der erste Raumplaner, schied Himmel und Erde, Wasser, Luft und Boden voneinander ab und begann, den Raum zu gestalten. Damit schuf er auch Entitäten, unterscheidbare, voneinander getrennte Seinsteile, Dinge. Das war ja gerade der Witz der Sache, dass Himmel und Erde unterscheidbar wurden, nicht mehr dasselbe waren. Genau so waren Wasser, Luft und Boden unterscheidbar geworden durch diese Schöpfungsakte. Was man an diesem Punkt der Überlegungen festhalten kann, ist, dass die Ungleichheit, die Unterscheidbarkeit gewollt, ja Ziel oder sogar Sinn der Schöpfung war. Wenn man lieber im Bild des Urknalls bleibt und ein Weltbild ohne Ziel und Sinn bevorzugt und für 'wissenschaftlicher' hält, stellt man einfach fest, dass durch den Urknall Unterscheidbarkeit und Verschiedenheit entstanden oder zumindest in Erscheinung traten. Mir geht es hier noch nicht um die Streitfrage, ob Welt Sinn enthalte oder nicht, sondern nur um den offensichtlichen Zusammenhang, die Konditionalität zwischen Urknall bzw. Schöpfung und Unterscheidbarkeit bzw. Verschiedenheit. Durch die Abtrennung der Entitäten voneinander, völlig egal ob durch Schöpfung oder Knall, entstanden Grenzen, Ungleichheit und Bewegungen. Bei der Urknall-Vorstellung vor allem Bewegungen auseinander, bei den Schöpfungsmythen in alle Richtungen. Dies alles noch völlig ohne die Vorstellung von Lebewesen, die die frisch verurknallte oder geschöpfte 'Welt' bevölkert hätten. Mir ist dies so wichtig, weil es erklärt, warum ich den Begriff der Entität dem Begriff des Lebewesens oder gar des Subjekts vorziehe. Schöpfung und Urknall wären auch höchst interessante Ereignisse und liessen alle die folgenden Überlegungen auch zu, wenn das daraus Entstandene nie mit 'Lebewesen' bevölkert worden wäre und wir nur als aussenstehende Beobachter Einblick in diese Prozesse hätten.

Die Darwinsche Pyramide wackelt - gottlob
Wir tun uns ja schwer damit, festzulegen, was an all den wahrgenommenen Entitäten eine Würde, einen Wert besitzen soll, für dessen Erhaltung wir uns einzusetzen gewillt sind. Für die einen sind es nur die Menschen gleicher Religion, Nation, Rasse, Hautfarbe, für die andern alle Menschen, alle Säugetiere, die ganze Fauna, die ganze Flora - und seit der Club of Rome 1960 erstmals den Gedanken des Umweltschutzes laut gedacht hat, sind es für immer mehr Menschen auch Meere, Seen, Flüsse, Berge, Wälder. Seit es Kulturgüter gibt, sind auch Bauwerke nicht mehr ausgenommen von dem, was viele unter die 'schützenswerten Entitäten' zählen. Und schon entfernen wir uns vollends von den 'Lebewesen' und sind bei den menschengemachten Dingen. Wenn wir aber architektonische und skulpturale Kulturgüter für schützenswert halten, dann doch auch musikalische und geistige. Die Jurisprudenz hat allerdings Mühe mit der Vorstellung, dass auch rein Geistiges wie eine Idee, ein Gedanke, ein musikalisches Motiv eine schützenswerte Entität sein könne, was man beispielsweise beim Schutz geistigen Eigentums sieht, wo nur der materielle, konkrete Träger des Geistigen, das Buch, die Partitur geschützt wird und nicht die abstrakte Idee, die dahinter steckt und doch das Wertvolle viel klarer bezeichnet als der austauschbare konkrete Träger. - Mir geht es mit dieser Ausweitung des Entitätsbegriffs hier nur darum, für die These zu werben, dass alles Wahrnehmbare Entität ist. Alles, was von anderem getrennt, unterschieden wahrgenommen werden kann, erfüllt den hier postulierten Entitätsbegriff.

Das Gegenteil von 'gut' ist 'gut gemeint'
Und nun kommt ein Mensch und wählt aus diesem Riesenangebot von unterscheidbaren Entitäten diejenigen aus, die er als ihm am ähnlichsten wahrnimmt, nennt sie 'Mitmenschen' und beschliesst, sie hätten 'gleich' zu sein wie er bzw. wie sein von ihm konstruiertes 'Idealbild' des Menschen. Nur schon die Willkür dieser Auswahl aus dem riesigen Entitäts-Angebot von Ungleichem, Unterscheidbarem zeigt die Fragwürdigkeit dieses Prozesses. Weshalb er das beschliesst, ob aus rationaler Analyse, aus Machtbedürfnis, aus religiösen oder spirituellen Erlebnissen oder schlicht aus einem warmen Gemeinschaftsbedürfnis heraus, ist sekundär. Wesentlich ist meines Erachtens der schwer zu übersehende Aspekt des Freiheitsentzugs, ja der Vergewaltigung, wenn es ihm gelingt, die geforderte Gleichheit zu erzwingen. Hier liegt eine der schärfsten Problematiken unserer Zeit, dass sich fast alle, die Gleichheit herbeiführen wollen, nicht bewusst sind, was für ein illegitimer Eingriff in die völlig natürliche, der Schöpfung immanente Verschiedenheit aller Entitäten die erzwungene Gleichmacherei einer Subspecies ist - und mag die Motivation dazu noch so lieb, nett, gut gemeint sein. Konsequent wäre doch, wenn der Gleichheits-Junky alles Wahrnehmbare in die Gleichheit zu zwingen versuchte. Täte er dies, würde er erkennen, dass dies tatsächlich ein spiritueller Weg sein kann, der aber immer nur freiwillig und von entsprechend entwickelten Individuen gegangen werden kann. Man könnte von einem gegenläufigen Prozess zur Schöpfung, zur Kreation von Ungleichheit sprechen und diesen Prozess Ent-Schöpfung nennen. Wenn man in der Bilderwelt der Schöpfungsgeschichte bleiben will, könnte man vom Weg zurück ins Paradies sprechen, in die Welt VOR dem Essen vom Baum der Erkenntnis. Denn Erkenntnis ist ja nichts anderes als das unterscheidende Wahrnehmen, das sich Gewahrwerden der Unterschiede. Wer sich auf diese Thematik vertieft einlassen möchte, kann das unter anderem in Denk-Aufgabe 805 tun.

Unsere Gleichheits-Ideologen tun es aber nicht so konsequent, vielleicht auch, weil sie doch einsehen, dass - bei aller Missbrauchsbereitschaft - ihre Macht dann doch nie ausreichen wird, um nur schon Fauna und Flora über den Gartenzaun hinaus zu gewünschtem, geschweige denn zu gleichem Tun und Lassen zu zwingen. Also beschränken sie sich doch meist aus einigermassen realistischem Machtkalkül auf die Menschen, die sie mit ihren Gewaltmitteln und ihrem Zwangsapparat erreichen können. Auch die emotional naiven Gutmenschlis unter ihnen dürften aber irgendwann zur Erkenntnis gelangen, dass sich Gleichheit so wenig befehlen und erzwingen lässt wie Liebe und Vereinigung. So beschränkt sich die erzwungene 'Gleichheit' auf den winzigen Teil des 'Habens' einer Entität, die ihm mit äusseren Gewaltmitteln weggenommen bzw. nachgeschmissen werden kann. Denn auf das Innere, auf Fühlen und Denken der Ungleichen, können weder Diktaturen noch soziale Wohlfahrtsstaaten direkt und mit Zwang einwirken. Sie können mit Zwang Vermögenswerte umverteilen - und sie tun dies auch ausgiebig. Doch das reicht ihnen nicht. Sie wollen auch das Innenleben ihrer Insassen egalisieren. Sie träumen von einem Kollektiv, in dem alle gleich fühlen, denken und handeln, einem Kollektiv von Norm-Menschen, deren Verhalten jederzeit voraussagbar, kontrollierbar, steuerbar ist und jegliches Abweichen von der vorgegebenen Norm blitzartig geahndet wird. Und - zugegeben - sie sind bereits recht erfolgreich unterwegs zu diesem Ziel. Die Gentechnologie kann da sicher noch ein wenig helfen, es schneller zu erreichen.

Interessant ist, dass diesem eigentlich recht transparenten Ziel der Gleichmacherei nicht mehr Widerstand erwächst. Das Bedürfnis, Gleichheit zu erzwingen über staatliche Bevormundung, scheint das prioritäre Anliegen aller linken, etatistischen Politik zu sein. Was so lieb, so sozialstaatlich, so wohlfahrtsorientiert, so schnuckelig und rührselig daherkommt, zerstört - so meine ich - gezielt oder ungezielt alles, was sich Menschen an Freiheit erkämpft und erobert haben in den letzten paar tausend Jahren. Nirgends wird deutlicher, dass das Gegenteil von 'gut' oft 'gut gemeint' ist.

Die beiden ungleichen Menschenbilder der Gleichheits-Junkys
Letztlich geht es nicht um politische Ideologien und Präferenzen, sondern um ein geteiltes Menschenbild, das hinter allen Versuchen steckt, andere Entitäten mit Gewalt in ein Korsett zu zwingen, das sie nicht selbst gewählt haben. Der Machtmissbraucher, der Freiheitseinschränker, der Vergewaltiger, der Gleichmacher, der Diktator - ihnen allen ist gemein, dass sie zwei Menschenbilder haben: Eines zeichnet die Manövriermasse, die Untertanen, diejenigen, die es zu gestalten, zu formen, zu erziehen, gleich zu machen gilt. Für diese Knetmasse gilt ganz wesentlich, dass ihre 'Bestandteile' in den Augen der 'Gestalter' nicht selbst in der Lage sind, den für sie gemässen Weg selbst zu finden, ihr Leben selbst zu gestalten. In oft gut gemeinter Absicht wird ihnen das abgenommen, was doch bestimmt eine Last sein könnte, bevor sie danach gefragt haben. Dass jemand gern die Last der Eigenverantwortung, das Risiko der Freiheit tragen könnte, übersteigt bereits die Vorstellungskraft dieser 'Gestalter' - oder, wenn sie es sich vorstellen können, halten sie es für falsch, für eine Überforderung der zur Manövriermasse, zu den 'Dummies' Gehörenden. Das andere Menschenbild zeichnet sie selbst - und allenfalls die Genossen und Mitstreiter im Kampf um das Gestaltungsziel, die Herstellung von Gleichheit. Zu diesem Eigenbild gehört im Kern, dass sie wissen, was für den andern frommt, auch ohne sie zu fragen, was in ihren Augen ja nichts brächte, da die zu Gestaltenden zu blöd sind, um zu wissen, was gut ist für sie. Die Politik, die mit dem Ziel auftritt, Unterschiede zu verwischen und mit allen Mitteln Gleichheit zu schaffen, ist deshalb nicht nur zutiefst lebensfeindlich, da Leben Unterschiedenheit bedingt, sondern immer auch ab ovo, vom Ursprung her verlogen, da die Ungleichheit bereits beim Menschenbild beginnt. Das im Gegensatz dazu stehende liberale Menschenbild ist kohärent: es lässt jeder Entität die grösstmögliche Freiheit, freut sich über die Unterschiedenheit, Unterscheidbarkeit und Ungleichheit, geht davon aus, dass jeder in Eigenverantwortung den ihm gemässen Weg finden soll, seine Freiheit zu leben, seine ihm gemässen Ziele auf ihm gemässem Weg zu erreichen. Der Liberale will die anderen Entitäten weder formen noch gestalten, will ihre Freiheit nicht einschränken, will sie weder bevormunden noch gleich machen noch vergewaltigen. Er will nur das, was er auch allen andern zugesteht, möglichst grosse Freiheit darin, anders, eigen, speziell, unterscheidbar, individuell, ungleich zu sein in seinem Denken, Fühlen und Handeln. Der Unterschied zwischen dem Gleichmacher, der mithilfe staatlichen Zwangs möglichst alle so gestalten will, dass sie seinem selbst gemachten Bild entsprechen und dem Liberalen, der grösstmögliche Freiheit für sich und die andern beansprucht, könnte grösser nicht sein. Als extrem auseinanderliegende Kollektive könnten wir den totalen Staat Orwellscher Prägung, wie er in Diktaturen, aber auch mehr und mehr in den sogenannten 'sozialen Wohlfahrtsstaaten' verwirklicht ist auf der einen Seite, den Nachwächterstaat, der nur gerade das Allernötigste vergemeinschaftet, das die dem Kollektiv Angehörenden unbedingt aus eigenem Antrieb und in eigener Verantwortung wollen, auf der anderen Seite skizzieren.

Der Streit um die Deutungshoheit
Wer bestimmt, welche Begriffe in einer Kultur zu den Hochwertwörtern, welche zu negativ besetzten 'Tiefwertwörtern' gehören? Und wer masst sich an, ihren Inhalt festzulegen? Wieso verblasst der Glanz von klassisch männlich assoziierten Begriffen wie Freiheit, Autonomie, Trutz, Schneid, Eigenverantwortung, Risiko, Abenteuer? Und nach Angst, Weicheiigkeit und Opfer-Befindlichkeit riechende Begriffe wie Sicherheit, garantierte Wohlfahrt, Umsorgtheit, Versorgungssicherheit, Gesundheit, Stabilität, Hilfe, Betreuung, Integration, Gleichheit etc. werden zu modischen Hochwertwörtern, die zu hinterfragen einem Sakrileg gleich kommt (was ich hier gerade mit grösstem Vergnügen mache)?

Den Frauen die ganze lebensfeindliche Gleichmacherei in die Schuhe zu schieben, schiene mir dann doch etwas zu einfach. Denn gerade Frauen geniessen und betonen doch ihre Verschiedenheit, ihre Einmaligkeit, Einzigartigkeit bereits im Äussern mehr als alle Männer? Andererseits passen die oben zitierten modischen Hochwertwörter rein biologisch tatsächlich besser zum femininen Archetypus. Und vielleicht ist die Tatsache, dass unsere Kinder seit Jahrzehnten vornehmlich von weiblichen Lehrkräften sozialisiert werden, auch nicht von der Hand zu weisen? Vielleicht ist eine 'Emanzipation der männlichen Werte' nötig, um die Balance zwischen männlichen und weiblichen Hochwertwörtern wieder zu erreichen? Es sollte doch jedes Kind, jeder Heranwachsende selbst wählen dürfen, ob es Gleichheitsmissionar oder Freiheits-Liebhaber werden will? Solange ich die Missionare jedweder Provenienz auslachen und zum Teufel schicken kann, stören sie mich keineswegs. Es gehört zu meiner liberalen Grundhaltung, dass man genauso für religiöse oder politische Produkte und Dienstleistungen werben darf wie für Latzhosen, Kugelschreiber, Steuerberatung und Sex-Dienstleistungen. Nur zwingen darf man mich nicht, die beworbenen Angebote anzunehmen. Und nur deshalb wehre ich mich so entschieden gegen Gleichheitsmissionare, die mithilfe staatlicher Gewalt den Kauf ihrer Produkte und Dienstleistungen erzwingen. Wer sich aus Gleichheits-Sehnsucht operativ dieselbe Nase wie Michael Jackson basteln lässt, soll das tun. Wer aus Gleichheits-Sehnsucht leben will wie in der guten alten DDR, kann ja eine Niederlassungsbewilligung in Nordkorea beantragen - mich kratzt weder das eine noch das andere. Erst wenn mich der Herr Berset oder sonst ein Gleichmacherli zur Einheitsnase zwingen will, erst wenn einer die im Vergleich zu anderen Ländern noch einigermassen liberale Schweiz Nordkorea gleich machen will, dann werde ich stinkig. Und ich hoffe, dann nicht der einzige zu sein.

"Wie hältst Du's mit der Gleichmacherei?", lautet hier die Gretchenfrage.
Auf Ihr Feedback freut sich
info@marpa.ch