Denk-Aufgabe 1404 vom 24.9.2014

 

Die Verwechslung von 'Wahrheit'

und 'Aufrichtigkeit
'

 

Alle plappern von 'Wahrheit' - und meinen im besten Fall 'Aufrichtigkeit'. Das Antonym zu 'aufrichtig sein' ist 'bewusst lügen', also nicht das sagen, was man als 'seine aktuelle Wahrheit' anschaut; nicht so handeln, wie man es gemäss seinem aktuellen Entwicklungsstand für 'richtig' hielte. Der grosse Unterschied zwischen 'Wahrheit' und 'Aufrichtigkeit' liegt im Absolutheitsanspruch, der im Begriff 'Wahrheit' mitschwingt und der vernebelt, dass jede Entität immer nur im besten Fall 'aufrichtig' die Wahrnehmungsinterpretation vermitteln bzw. als Leitlinie seines Handeln wählen kann, zu der sie gemäss ihren Wahrhnehmungsinstrumenten und ihrem Entwicklungsstand Zugang hat. Wenn wir den Begriff der 'Aufrichtigkeit' wählen, wird klar, dass wir nur 'unsere Wahrheit', nur unsere subjektive Sicht meinen, dass wir nicht den Anspruch stellen, eine absolute, für alle gültige 'Wahrheit' zu verkünden oder als handlungsbestimmend zu deklarieren. Absolute, von allen Bedingungen losgelöste 'wahre' Aussagen über Wahrgenommenes sind eine contradictio in adiecto, ein Widerspruch in sich selbst, denn wie zumindest der deutsche Begriff der 'Wahrnehmung' deutlich macht, handelt es sich um 'Nehmungen': eine Entität NIMMT, wählt aus allem ihrer Wahrnehmung Zugänglichen etwas heraus und INTERPRETIERT es, deutet es mithilfe seines Wahrnehmungsapparats. Dazu gehören je nach Art der Entität organische, sinnliche Wahrnehmungswerkzeuge wie Augen, Ohren, Nase, Tastorgane, Schmeckorgane, Radarsysteme, Magnetfeldrezeptionsorgane, Kommunikationssysteme und ein Leitungsorgan, ein System wie das menschliche Gehirn, das die Selektion, Verknüpfung und Memorisierung von Wahrgenommenem erlaubt.

Die Lachnummer des Universums
Fauna und Flora sind voll faszinierender Unterschiede in der Ausprägung und der Ausbalancierung dieser Wahrnehmungswerkzeuge - und nur schon das zeigt ihre Relativität, ihre Wandelbarkeit und Verschiedenheit. Das Gesamtsystem einer einzigen Gattung von Entitäten für das 'absolute', das einzig wahre und richtige Erkenntnis verschaffende anzuschauen, zeugt von einer kaum zu überbietenden Dummheit und Blindheit, mit der sich diese Entität zur Lachnummer des Universums degradiert.

Es hilft auch nicht, wenn wir versuchen, unsere subjektiven Wahrnehmungsinterpretationen bedeutender, allgemeingültiger zu machen oder gar mit dem Prädikat 'absolut' auszuzeichnen, indem wir sie einer selbst gebastelten religiösen Autorität in den Mund legen und dieses bedeutungsschwangere Gefasel dann noch unanfechtbar zu machen versuchen, indem wir das menschengemachte Gekritzel als 'Gottes Wort' und 'Heilige Schrift' verkaufen. Die katholische Kirche setzte da noch einen drauf mit der Festlegung, dass alles, was der CEO von der Kanzel aus sage, ebenso Gottes Wort und damit unhinterfragbar richtig und 'absolut wahr' sei. Wie die meisten hanebüchenen Übertreibungen hat auch diese etwas Rührendes, Herziges, ja unfreiwillig Aufrichtiges, weil sie zu allzu durchsichtig die wahre Absicht dahinter zeigt, nämlich die eigene Wahrnehmungsinterpretation von ihrer beschränkten, relativen und deshalb als zu bedeutungsarm empfundenen Subjektivität zu befreien und in den Status unanfechtbarer, allgemeingültiger, 'absoluter Wahrheit' zu erheben. Wichtig für jeden Machthaber ist, seine Aussagen jeglicher Debatte zu entziehen. Deshalb muss ein Diktator, der etwas auf sich hält und seine Macht vergrössern und absichern will - sei es nun eine politische, wirtschaftliche oder wissenschaftliche aufgeblasene Witzfigur - alles daran setzen, sich mit der Aura der Unfehlbarkeit, der Allwissenheit zu umgeben und mit Akribie darauf achten, dass er die Macht, die Bedeutung der Wörter zu bestimmen, bei sich behält. Diskurskontrolle ist Chef-Sache! Das Ausschalten von Nestbeschmutzern, Landesverrätern, Journalisten, Künstlern und anderen frechen Mäulern kann hingegen delegiert werden.

Die frohe Suche nach dem Absoluten
Und wenn es nun gelänge, irgendeine Wahrnehmungsinterpretation zu finden, bei der alle mit menschlichem Bewusstsein ausgestatteten Entitäten einvernehmlich nickten und männiglich einverstanden wäre, sie als 'absolute Wahrheit' zu bezeichnen? Zum Beispiel das nach bestem Wissen und Gewissen geführte Grundbuch, das durch die zentimetergenaue Festlegung von Eigentumsgrenzen Rechtswirklichkeit schafft? Kann man daran überhaupt zweifeln? - Aber natürlich. Grenzen sind immer nur Spielregeln und gelten nur für die Mitspieler. Dazu gehören bereits Würmer und Schmetterlinge nicht. Aber auch eine angreifende Armee kümmert sich einen Deut darum. Dann halt etwas Grösseres? Zum Beispiel die Relativitätstheorien von Einstein? Googeln Sie mal und lesen Sie dann alle Bücher, die intensivste Kritik an diesen Theorien üben. Ich gehe solange mal in die Ferien. Mit der Existenz Gottes müssen Sie schon gar nicht kommen. Wann hat der schräge Friedrich Nietzsche behauptet, der alte Herr sei tot? Fragen Sie Ihren Pastor, Priester oder Popen - er wird ihnen vorjammern, wie sich die Gotteshäuser immer mehr leeren. So ganz privat für mich gibt es Gott durchaus, und falls Sie mehr dazu lesen möchte, freut mich das ungemein.
Hier der Link: 4/08 Gibt es Gott?
Am besten gefällt mir die hinduistische Vorstellung, dass das, was wir 'Welt' oder 'Realität' nennen, nur 'Maya' sei, die Göttin der Zauberei, der Illusion, der Täuschung, aber auch die Weltenschöpferin, die uns Vielheit vorgaukelt, wo dahinter nur für uns unerkennbare Einheit sei. Erleuchtung - also das, was die Aufklärung unbescheiden für sich beansprucht mit dem englischen 'enlightenment' gelingt nur dem, der hinter dem Schleier der materiellen, vielfältigen und unterschiedenen Welt die Einheit erkennt. Es ranken sich viele Legenden über die Entitäten, die diesen Schritt geschafft haben sollen. Ihre erste Reaktion auf die Erkenntnis, dass die 'Welt' nur Illusion sei, soll nicht enden wollendes homerisches Gelächter sein - eine hübsche Vorstellung, finde ich.

Ich bin aber jederzeit offen für Ihre Alternativ-Vorschläge, was denn eine 'absolute Wahrheit' sein könnte. Nur behaupte ich, dass sie dem rationalen menschlichen Bewusstsein nicht zugänglich seien. Vielleicht einem spirituellen Bewusstsein, das die Grenzen wissenschaftlichen Vorgehens sprengt. Aber der Versuch, sich absoluter Wahrheit mit rationalem Instrumentarium zu nähern, scheitert meines Erachtens an der mangelden Distanz zwischen Beobachter und Beobachtetem.

Die Selbstbezüglichkeit des Bewusstseins
Ich behaupte, dem menschlichen Bewusstsein sei die rationale Erkenntnis absoluter Wahrheiten per definitionem unzugänglich, so es sie denn gibt. 'Absolut' bedeutet 'von jeglichen Bedingungen losgelöst'. Das menschliche Bewusstsein ist aber nichts anderes als eine Bedingung, eine Bedingtheit, etwas Relatives. Es ist ein weder einmaliges, noch in irgendeiner Hinsicht nach absolutem Endstand der Entwicklung riechendes Wahrnehmungsinterpretations-Instrumentarium mit verschiedensten 'tools' oder 'Werkzeugen'. Dazu gehören unsere sinnlichen Wahrnehmungshilfen, die - unvollständig, aber vertraut - in die fünf Sinne Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken eingeteilt werden; dazu kann man den unterschiedlich entwickelten 'sechsten Sinn' nehmen, den wir auch Intuition nennen können, dann die - allerdings nur von wenigen und auch von denen nur selten autonom genutzte - Denkfähigkeit, die auf der Zeitachse Wahrnehmungsinterpretationen verknüpfende Empirie, die emotionale Intelligenz, die kreative und viele weitere unterscheidbare 'Intelligenzen'.

Die Aufklärung meinte, mit der Rationalität, mit der sogenannten 'Vernunft' ein absolutes Erkenntniswerkzeug freigeschaufelt zu haben, das sie der allmächtigen Kirche mit ihrem 'Glauben' entgegensetzen könne. Ein tragischer Irrtum, meine ich, den die Mehrheit der sich intellektuell Wähnenden bis heute nicht durchschaut hat. Denn auch der Aufklärung ging es primär um Macht. Und Macht bedarf des Absolutheitsanspruchs. Die Aufklärung wollte die Macht der Kirche brechen. Das ging nur, indem die absolute Autorität Gottes, vertreten durch Papst und Kirche, durch ein ebenso absolutes Alternativsystem ersetzt wurde. Schlau war schon die Bezeichnung 'Aufklärung', noch schöner im Englischen mit dem herrlich spirituell anmutenden 'enlightenment', was ja wörtlich übersetzt immerhin 'Erleuchtung' bedeutet und für unsere Ohren so gar nicht nach kühl-rationalem Laborwissen klingt. Da wurde also ganz bescheiden der Anspruch gestellt, die thumbe, kirchenhörige Menschheit 'aufzuklären' über ihren bisherigen Irrtum und ohne lange Umschweife direkt der 'Erleuchtung' zuzuführen. - Hmm, wir warten immer noch drauf. Aber seien wir nicht ungeduldig.

Das Jonglierspiel mit 'glauben' und 'wissen'
Der genialste Schachzug der PR-Abteilung der Aufklärung war dabei die Erfindung des Unterschiedes zwischen 'glauben' und 'wissen'. Die beiden vorher schon existierenden Begriffe wurden mit anderem Inhalt gefüllt und erfolgreich umgewertet. 'Glauben', von der Kirche bis dato als Hochwertwort gehandelt mit der Bedeutung von 'ohne Zweifel und mit Gottvertrauen felsenfest sicher WISSEN' wurde abgewertet und der Inhalt pejorativ geändert auf 'nur annehmen ohne den geringsten Beweis'. Der Begriff 'wissen' hingegen wurde zwar als Hochwertwort belassen, aber sein Inhalt wurde neu determiniert: 'Wissen' ist 'durch Vernunftüberlegungen und/oder Experimente bewiesene und deshalb allgemeingültige Weltdeutung'. Und die 'aufgeklärte Wissenschaft' beanspruchte ab sofort genau das, was die Kirche - und die meisten anderen religiösen Systeme auch - bislang für sich beansprucht hatten, nämlich die 'absolute Wahrheit' im Angebot zu haben. Dass diese Mär auch heute noch, gut 300 Jahre nach dieser Macht-Schlacht zwischen Kirche und 'Aufklärung', munter geglaubt - oder vermeintlich 'gewusst'? - wird, entbehrt nicht der Komik. Daran änderte auch der träfe Spruch des deutsch-britischen Philosophen Karl Popper nichts, der feststellte, dass das Merkmal einer wissenschaftliche Aussage ihre Falsifizierbarkeit sei. Denn eine religiöse Aussage habe einen absoluten Gültigkeitsanspruch und sei mithin nicht falsifizierbar. Damit deutete er ja genau auf das Gegenteil dessen, was die Wissenschaft für sich beanspruchte. Die Wissenschaft möchte uns ja glauben machen, dass ihre Aussagen verlässlich, sicher, absolut wahr seien - noch viel 'wahrer' als die religiösen Aussagen. Dass dieser Widerspruch nicht bis zum 'Endverbraucher' gelangte und heute in der ganzen 'aufgeklärten' Welt in Debatten wissenschaftliche Studien und Aussagen mit dem Nimbus der absoluten Wahrheit ausgestattet werden, zeugt einmal mehr von der Qualität der PR-Abteilung der Wissenschaft. Ein aufrichtiger Wissenschaftler, der Popper verstanden hat - und das gibt es vor allem ganz oben, bei den Nobelpreisträgern und Genies durchaus - relativiert alles, was er auf wissenschaftlichem Weg herausfindet und beginnt seine Sätze mit Formeln wie "Stand des heutigen Irrtums ist...". Damit verzichtet er aber auf die Macht, die der Absolutheitsanspruch vermittelt, auch wenn er auf so tönernen Füssen daherkommt wie bei all den Popen, Mullahs, Sektenpredigern und vielen Vertretern des akademischen Unter- und Mittelbaus.

Masse und Macht
Es gab und gibt immer Denkfaule, Orientierungslose und Schwächlinge, die einen Vorbeter brauchen, einen, der ihnen sagt, was richtig und was falsch sei. Freiheit ist anstrengend - das scheint offenbar auch für die Denkfreiheit zu gelten. Literaturnobelpreisträger Elias Canetti hat sich in seinem Hauptwerk 'Masse und Macht' sehr umfassend mit dem Phänomen der Gier nach Führung befasst.

Was bei der Kleider- und Frisurenmode wenig bedeutend, ja lächerlich ist, scheint mir bei Denkmoden, die nicht als Moden durchschaut werden, etwas weniger harmlos. Wenn es immer noch klappt, einem jungen Terroristen-Aspiranten weis zu machen, dass er im Himmel 19 Jungfrauen vögeln dürfe, wenn er bei seiner hübschen Selbst-Sprengung möglichst viele 'Feinde' mitnehme, und er das tatsächlich glaubt, für absolut wahr hält und tut, was ihm gesagt wird, so zeigt das doch, dass der Absolutheitsanspruch immer noch eine feine Sache ist, wenn man Macht ausüben will. Und daran - am Spass, Macht auszuüben - hat sich in den letzten paar tausend Jahren wenig geändert. Vielleicht die Mittel und Methoden des Spasses. Aber die Lächerlichkeit ist geblieben. Als der Perserkönig Xerxes I. 480 v.Chr. mit seinem riesigen Heer und seiner Flotte die Griechen angreifen wollte und die stürmische See den Angriff verzögerte, liess er das Meer auspeitschen. Wenn wir dem Meer ein Bewusstsein zusprechen, was biedere Schulwissenschaftler wahrscheinlich noch als spirituellen Quatsch bezeichnen, bis man es dereinst vielleicht 'messen' kann, könnte man behaupten, das Meer habe sich gerächt, da es in der alles entscheidenden Seeschlacht von Salamis die zahlenmässig massiv unterlegenen Griechen gegen Xerxes moderne und riesige Flotte gewinnen liess. - Als Putin die Ukraine zu Neurussland umfunktionieren wollte, schickte er ganze Bataillone russischer Soldaten ohne Abzeichen über die Grenze und liess den dummen Hinterfragern ausrichten, er könne nicht verhindern, dass russische Bürger halt gerne Ferien in der Ukraine machten und ihre Spielsachen mitnähmen. Der Westen stämpfelte und gab sich empört - und vergewisserte sich, dass die Gaslieferungen aus Putins Ländle weiterhin pünktlich eintrafen. - Da liegen zwar mehr als 2500 Jährchen dazwischen - aber sehen Sie einen Unterschied in der Lächerlichkeit?

Zurück zum alleinseligmachenden Wahrnehmungsinstrument der Aufklärer, der Vernunft oder 'Ratio', mit der sie ihren Anspruch, die 'absolute Wahrheit' zu erkennen, zu legitimieren versuchten. Nagen wir doch etwas an diesem unbescheidenen Ansatz:

Ratio und Liebe
Dass die hochgelobte und alles absolut sicher auf- und erklärende Vernunft auch nur ein relatives Werkzeug ist, scheint mir am augenfälligsten zu sein beim kläglichen Scheitern vor dem Phänomen der Liebe, der für die meisten wichtigsten, zentralsten, begehrtesten aller beobachtbaren Relationen zwischen wahrnehmbaren Entitäten. Die Wissenschaft steht hilflos davor und kann bestenfalls ihre primitivsten Phänotypen wie den Fortpflanzungstrieb mehr oder minder plausibel erklären. Aber jeder, der schon einmal kontaminiert wurde von den komplexeren Formen des Phänomens Liebe, bemerkt, dass sie sich der rationalen Begründung entzieht, ja dass sogar ein gegenläufiger Prozess stattfindet: je mehr Gründe für 'Liebe' angeführt werden können, desto rascher verschwindet sie und weicht einem 'deal' wie der Prostitution, einem Tauschgeschäft, einem Vertrag wie der Ehe, einem Projekt, das man eben 'vernünftigerweise' oder 'realistischerweise' zusammen anpackt. Umgekehrt: je tiefer die Liebe, desto weniger begründbar, erklärbar ist sie. Die Nichtbegründbarkeit, die Unvernunft wird sogar zur differentia specifica der Liebe, die diese Bezeichnung verdient.

Ratio und Intuitio
Die Relativität der Ratio zeigt sich aber auch darin, dass das Bewusstsein je nach Lebenslage automatisch auf nichtrationale Automatismen umstellt, die wir z.B. 'Intuition' nennen und deren Schaltzentrum von der Neurowissenschaft ursprünglich in der rechten Gehirnhemisphäre verortet wurde. In hochemotionalen Situationen wie zum Beispiel Lebensgefahr schaltet auch das Bewusstsein des staubtrocken-rationalen Professors automatisch um auf blitzschnelles intuitives Agieren. Ein Grund dafür könnte im vergleichsweise grossen Zeitaufwand für rationales Abwägen und Entscheiden liegen. In gewissen Gefahrensituationen fehlt schlicht die Zeit für eine langwierige Analyse. Und doch erleben wir immer wieder, wie situationsgerecht, wie klug die Intuition uns in solchen Lagen die adäquate Entscheidung treffen lässt.

Der mangelnde Abstand zwischen Untersuchendem und Untersuchtem
Aber auch mit den Mitteln der klassisch-wissenschaftlichen Rationalität lässt sich zeigen, dass es dem Versuch, das menschliche Bewusstsein zu untersuchen und dabei zu absoluten Erkenntnissen zu gelangen, an der wichtigsten Voraussetzung fehlt, die jeglicher wissenschaftlichen Arbeit zugrunde liegt: der Distanz zwischen Erkennendem und Erkanntem, dem Abstand zwischen Subjekt und Objekt. Wer einen Fremdkörper im Auge hat, kann ihn nicht anschauen, wissenschaftlich betrachten, analysieren - ausser er greift zum Hilfsmittel des Spiegels, der einen künstlichen Abstand schafft. Nun ist es uns aber - zumindest vorläufig und der Mehrheit von uns - meines Wissens nicht möglich, mit unserem Bewusstsein unser Bewusstsein zu untersuchen. Es fehlt der Abstand. Das Subjekt untersucht das Subjekt. Natürlich können wir die wahrgenommene Welt als Spiegel unseres Ichs anschauen. Der erste Schritt wäre, die Verantwortung für alle unsere Wahrnehmungsinterpretationen zu übernehmen, zu erkennen, dass das Wahrgenommene nur nach aussen gestülptes Innen ist, dass wir alles gefiltert durch unser Wahrnehmungssystem und unsere Bewertungshierarchien wahrnehmen, mithin auch bei grösstem Bemühen um Erkenntnis bestenfalls UNSERE Welt erkennen, die von uns durch unsere Wahrnehmungsinterpretation zurecht gezimmerte Welt. Damit haben wir aber im Idealfall unseren eigenen Ausschnitt aus dem Gesamtbewusstsein erkannt, unser 'Weltchen' im Sinne eines winzigen Teils der Gesamtheit von Welten, die sich aus den Myriaden von Welten zusammensetzt, die jede Entität sich erschafft. Und obwohl das bereits eine gewaltige Leistung ist, legitmiert sie uns nicht im entferntesten, einen Absolutheitsanspruch zu stellen und zu behaupten, nur weil wir unsere kleine, relative Welt erkannt, unseren winzigen Bewusstseinsausschnitt durchleuchtet hätten, könnten wir irgendetwas sagen, was auch für die Welt- und Bewusstseinserkenntnis anderer von Belang oder gar zwingend sei. Wir können, dürfen, ja ich finde sogar wir sollen von unseren Welt- und Bewusstseins-Forschungsreisen berichten und anderen bei ebensolchen Erzählungen lauschen. Aber so, wie man seine Eindrücke von einem Kunstwerk mit andern austauscht: mit Neugier und Interesse, mit Respekt vor der Verschiedenheit der Bewertungen, mit Freude an Gemeinsamkeiten und Dankbarkeit für die Horizonterweiterung durch völlig kontroverse Sichten - aber ohne dass irgendeiner der am Diskurs Beteiligten auch nur im Traum daran denkt, seine Meinung für absolut wahr und allgemeingültig zu halten.

Bewusstsein?
Auch der Trick, dass das Bewusstsein von Subjekt A das Bewusstsein von Subjekt B untersucht, funktioniert nicht, denn das Bewusstsein von B hat dieselbe Grundausstattung wie das Bewusstsein von A. Es mag sich in der Ausprägung, im Resultat der Wahrnehmungsinterpretationen unterscheiden, aber nicht in der 'Werkzeugkiste'. Es gibt richtigerweise keinen Plural des Wortes 'Bewusstsein'. Bewusstsein ist eine Etikette, ein Sammelbegriff für die 'condition humaine', für unsere sinnliche und neurologische Ausstattung, mit der wir Wahrnehmungen interpretieren. Dass diese Ausstattung relativ ist, erlebt jeder 'evidenz-basiert', wenn er sie mit den vielfältigen Wahrnehmungs-Instrumentarien der Tiere vergleicht. Die körperlich-sinnliche Ausstattung des Menschen ist höchst bescheiden. Im Vergleich zu vielen Tieren sehen wir nur gewisse Frequenzen, bei Infrarot ist es bereits vorbei, und wenn man unsere Nachtsichttauglichkeit nur schon mit derjenigen von Katzen vergleicht, sehen wir armselig aus. Unser Gehör ist ebenfalls bescheiden ausgestattet und erfasst nur gerade einen gewissen Frequenzbereich, der von vielen Tieren weit übertroffen wird. Unser Geruchssinn ist im Vergleich zum Hund geradezu lachhaft. Und wenn wir schauen, wie schlecht wir mit unserer Geschmacksausrüstung uns Bekömmliches von weniger Bekömmlichem unterscheiden können - etwas, was die meisten Tiere mit einer stupenden Sicherheit beherrschen - dann ist auch dieses Instrument kein Grund, uns für überragend zu halten. Auch unsere taktilen Fähigkeiten sind nur gerade bei den Händen überdurchschnittlich. Im übrigen ist sowohl das aktive Tasten wie die Oberflächensensibilität keineswegs beeindruckend. Viele Fische verfügen über einen Ferntastsinn, eine Mischung aus auditiven und taktilen Fähigkeiten, die sie befähigen, Druckveränderungen aus erstaunlicher Distanz wahrzunehmen. Sie haben mit dem Seitenlinienorgan ein eigenes Instrument dafür. Manche Raubfische können elektrische Felder erkennen, die von anderen Lebewesen erzeugt werden. Zugvögel verfügen über die Fähigkeit, Magnetfelder wahrzunehmen, von denen man annimmt, dass sie der für unsere Begriffe unglaublich sicheren Navigation dienen. Es ist aber nach wie vor nicht geklärt, welche Organe dafür zuständig sind und wie die Kommunikation im Schwarm bei Richtungsänderungen genau funktioniert. Es gibt Tiere wie zum Beispiel Schlangen, die über eine ausgeprägte thermische Wahrnehmung verfügen, die viel höher entwickelt ist als die simple Kälte-Wärme-Fühligkeit des Menschen. Andere Tiere wie Katzen und Spinnen haben eine im Vergleich zum Menschen viel höher entwickelte vibratorische Wahrnehmungsfähigkeit. Dass auch Pflanzen kommunizieren können ohne über ein uns vertrautes Nervensystem zu verfügen, ist für viele Biologen derart verwirrlich, dass sie es nach dem Motto ablehnen 'weil nicht sein kann, was nicht sein darf'. Alle diese nur angetippten Besonderheiten von Flora und Faune dienen hier nur zwei Zielen: sie sollen die These plausibel machen, dass unser Wahrnehmungsapparat in höchstem Grade relativ ist und im gleichen Aufwaschen zeigen, dass die Überheblichkeit des Menschen jeglicher Grundlage entbehrt, da sie nur auf seiner Macht, seiner Zerstörungsfähigkeit beruht.

Darwins Pyramide locker um 90 Grad kippen
Unser Körper ist plump, langsam, wir können nicht fliegen und sind miserable Schwimmer. Wir haben weder Felle noch Panzer noch sonstigen Schutz gegen die Unbill der Witterung. Unsere Kommunikationsfähigkeiten sind beschämend schwach, wenn wir sie nur schon mit Vogelschwärmen oder Delphingruppen vergleichen. Um überhaupt in der Tierwelt bestehen zu können, mussten wir deshalb die Hirnkapazitäten erweitern. Über diesen Umweg waren wir fähig, viele der Mängel einigermassen auszugleichen. Die technischen Navigationssysteme helfen uns zumindest, den Abstand zum natürlichen Orientierungsvermögen der meisten Tiere zu verringern. Unser Hauptfokus lag und liegt aber auf der Entwicklung der Waffensysteme: Vom Knochenmesser als Antwort auf Bärentatzen und Haifischzähne bis zur Atombombe ist all das, was wir heute in läppischem Stolz 'Fortschritt' nennen, immer nur kriegerisch, militärisch induziert gewesen. Jeder sogenannte 'Entwicklungsschritt' der letzten 4000 Jahre war eine Optimierung der Kunst, möglichst viele andere Wesen mit möglichst geringem Aufwand umzubringen. Darin, das sei zugestanden, ist der Mensch das erfolgreichste Tier unseres Planeten. Die Frage ist nur, ob das Grund zum Stolz sein soll, ob uns das legitimiert, uns als 'Spitze der Darwinschen Pyramide' oder - religiös-kitschig verbrämt - gar als 'Krone der Schöpfung' zu bezeichnen und uns mit dieser Legitimation 'die Erde untertan' zu machen.

Mein Vorschlag: Lasst uns die eitle Pyramide des lieben Onkel Darwin um 90 Grad kippen und die Vielfalt an Entitäten auf unserem Planeten inklusive dem Planeten selbst horizontal auf einer Ebene betrachten und fasziniert die verschiedenen, jedem Wesen gemässen Wahrnehmungsapparate erforschen und vergleichen. Eine Bewertung ist dabei nur dann nötig, wenn wir an der Gemässheit des Wahrnehmungsapparates einer Entität oder einer ganzen Art oder Gattung zweifeln, weil sie z.B. ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört. Da fällt mir aber als Zielobjekt nur gerade das Tier 'Homo sapiens' ein, bei dem man auch mit Fug und Recht fragen darf, wie gemäss nur schon die Bezeichnung 'sapiens' sei.

Ist all mein Geschreibsel nun 'wahr' oder nur 'aufrichtig'?
Selbstverständlich nur 'aufrichtig'. Stand des heutigen Irrtums meiner Versuche, hinter die Diskursmacht derjenigen zu leuchten, die für sich und die von ihnen vertretene Ideologie, Religion oder Wissenschaft einen Absolutheitsanspruch reklamieren. Mich interessiert die Thematik vor allem deshalb, weil es mich erstaunt, dass die Verwechslung von 'wahr' und 'aufrichtig' quer durch alle Bildungsschichten geht. Wenn sogar ein auffallend kluger und weit über die Schulwissenschaft hinaus blickender Intellektueller wie der Arzt und Bestseller-Autor Rüdiger Dahlke behauptet, die von ihm als Buch und aktuell auch gerade als Film promovierten 'Schicksalsgesetze' seien absolut wahr, er hätte sie nur entdeckt, aber sie gälten seit jeher und seien immer schon 'dagewesen' - glaubten wir das nicht auch jahrhundertelang von gewissen 'Naturgesetzen', von der Newtonschen Physik und vielen weiteren für sicher gehaltenen Erkenntnissen, die dann doch irgendwann falsifiziert und durch neue, ebenfalls falsifizierbare ersetzt wurden? - dann scheint es mir durchaus statthaft, zu versuchen, in den grossen Fussstapfen von Michel Foucault den Machtbezug der Diskursbeherrscher zu durchleuchten und an ebendiesem Anspruch, zu bestimmen, was Wörter zu bedeuten haben, zu rütteln und die lieben Zeitgenossen zu ähnlichem Tun einzuladen. Rüttelt also munter auch an meinen Vorschlägen, an meinen Versuchen, wesentliche Wörter mit meinen Bedeutungen zu füllen. Aber füllt sie doch lieber fröhlich und aufrichtig mit euch gemässem, eurer Wahrheit entsprechendem eigenem Inhalt, als den gerade im Trend liegenden Denkmode-Designern nachzuplappern.

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