Denk-Aufgabe 1405 vom 9.10.2014

 

Linkes Denken - ein Grundlagenirrtum

Vom kontraproduktiven Versuch, Ego-Auflösung zu erzwingen

In den meisten spirituellen und religiösen Denksystemen gilt als Ziel der Entwicklung die Vereinigung mit einem kulturell unterschiedlich metaphorisch umschriebenen 'grossen Ganzen' wie 'Gott', 'Allah', Jahwe', 'Tao', 'Brahman', 'Universum'. Dieser Vorgang wird auch beschrieben als Eingehen in den 'Himmel', ins 'Paradies', ins 'Nirwana', in die 'Einheit'. Wesensmerkmal dieses 'grossen Ganzen' ist die Einheit, die Nicht-Getrenntheit, die Ununterschiedenheit aller vorstellbaren Entitäten. Hindernis auf dem Weg ist also die Trennung, das Unterschiedensein, die Individualität, die Einzigartikeit jeder Entität, die sie als etwas Besonderes, Gesondertes im Aussen beschreibbar, im Innen als bewusstes Ego erlebbar macht. All das, was Wahrnehmung, Erkenntnis, Identität, Denken, Fühlen und Handeln als Individuum überhaupt möglich macht, gilt es also aufzugeben bei diesem Prozess mit dem Ziel, in die Ununterscheidbarkeit des 'grossen Ganzen' zu gelangen. So gesehen wird plausibel, dass das Ziel wirklich 'nur' das Ziel sein kann, das zeitlich und räumlich am Ende, am Schluss des Weges steht. Es wird auch nachvollziehbar, dass sich jede unterschiedene und unterscheidbare Entität individuell und subjektiv in ihr gemässem Tempo und ihr gemässen Schritten auf diesem Weg befindet. Wer weiter ist - oder zumindest annimmt, er oder sie sei weiter - auf dem Entwicklungsweg von der Abgetrenntheit als Subjekt zum Ziel der Ego-Auflösung, fühlt sich oft motiviert, Entitäten, die seines Erachtens noch stärker verhaftet sind in der Abgetrenntheit, motivierende Ratschläge zu geben für die Fortsetzung oder gar Beschleunigung des Wegs, zum Beispiel durch Beschreibung des eigenen Wegs mit allen Umwegen. Philosophie, Literatur, Musik, bildende Kunst, Fotographie, Film sind wunderbare Mittel für die Greifbarmachung dieses Angebots, das von den Individuen freiwillig und im ihnen gemässen Zeitpunkt und Ausmass angenommen werden kann. Wenn das Angebot nun nicht in dem Masse und in dem Tempo genutzt wird, wie es den Anbietern richtig scheint – was berechtigte Zweifel daran aufkommen lässt, ob die Anbieter wirklich auf ihrem Entwicklungsweg so viel weiter fortgeschritten seien als die, denen sie ihr Angebot unterbreiten – kommt in vielen Anbietern die Versuchung auf, die Annahme des Angebots ein wenig zu promovieren. Wenn Werbung und PR nicht ausreichen, ist der Anreiz gross, ein ganz klein wenig mehr Druck, ein winziges Bisschen Zwang, und - wenn es denn nicht anders geht - auch ein klitzekleinwenig Gewalt anzuwenden, ganz nach dem Motto: 'Uneinsichtige muss man zum Glück zwingen':

Wenn die Ehefrau, die Partnerin oder auch eine wildfremde Lady partout nicht einsehen will, wie glücklich die sexuelle Vereinigung machen kann und wie leicht sich im Orgasmus doch ein erster Spritzer Ego-Auflösung erleben lässt, dann muss man die (männliche) Macht halt ein ganz klein wenig brauchen - 'miss-brauchen' im Sinne von 'brauchen für die Miss', oder nicht? – Bei diesem Gedanken schütteln sich hoffentlich nicht nur, aber auch alle politischen Linksdenker.

Meine These ist, dass sie - die Linksdenker und -politiker - genau das tun im grösseren Stil: Vergewaltigung, Zwang zum 'Glück' der Ego-Auflösung. Dass dies - zum Beispiel in der Schweiz - unter dem Deckmäntelchen demokratischer Prozesse geschieht, macht die Geisteshaltung dahinter keinen Deut akzeptabler oder besser. Linke Politik hat meines Erachtens immer im Visier, ethisch von ihren Vertretern für richtig, für 'gut' befundene Werte wie freiwillige Solidarität, freiwilligen Verzicht auf ein höheres als das 'Durchschnittseinkommen einer Bevölkerung', freiwilliges Teilen von Wissen, Können und Mitteln mit allen politischen Mitteln zu erzwingen - und damit des wesentlichsten Elements, eben der Freiwilligkeit, zu berauben. Dafür braucht es eine Macht, die über das Gewaltmonopol, über die konkurrenzlose Legitimation zur Ausübung von Gewalt verfügt. Das kann ein Kollektiv sein wie die Familie, die Sippe, die Gemeinde, die Kirche – heute ist es weltweit in allererster Linie der Staat, der die meisten Machtbefugnisse anderer Kollektive übernommen bzw. übertragen gekriegt hat. Es scheint mir somit einleuchtend, dass linkes Denken geradewegs in den Etatismus führt. Es unterscheidet sich damit aber nur in der äusseren Ausstaffierung vom System aller mit Zwangsmöglichkeiten ausgestatteten Kollektive, wie uns Diktaturen, Religionen, Sekten, Terrormilizen jedweder Couleur täglich zeigen.

Darüber, dass die Ego-Auflösung und das freiwillige Eingehen in die 'Einheit' des 'grossen Ganzen' oder wie immer man dies nennen möchte, das Ziel spiritueller Entwicklung ist, sind sich wahrscheinlich grosse Teile der Menschheit einig. Was Fauna und Flora dazu meinen, wissen wir nicht. Aber ich wage die These, dass in der ganzen Natur das 'Eingehen ins grosse Ganze' als Endpunkt des Lebenswegs selbstverständlich ist und nur der Mensch seine Mühe hat damit. Das, was ich unter 'linkes Denken' subsumiere, beginnt dort, wo dieser Prozess eingefordert wird von allen, unabhängig davon, wo sie auf ihrem Lebens- und Entwicklungsweg gerade stehen, unabhängig davon, wie viel Ego-Auflösung in welchem Bereich ihnen gerade gemäss ist. Linkes Denken ist bereit, diesen Prozess mit allen Tricks politischer Gewalt zu erzwingen. Hierin liegt meines Erachtens der Grundlagenirrtum aller linken Politik - und der Kern des Unterschieds zwischen liberalem und linkem Denken.

Das konkreteste Produkt linken Denkens ist der soziale Wohlfahrtsstaat, der die westlichen Nationen zurzeit schnörkellos und geradlinig in den Bankrott führt. Auf den ersten Blick erstaunlich, dass auch Demokratien nicht gefeit sind vor dieser Art dekadenten Abstiegs. Die Erklärung könnte darin liegen, dass Demokratie mündige Bürger erfordert, der soziale Fürsorgestaat aber genau die gegenteilige Entwicklung fördert und Bürger zu unmündigen Insassen macht, die gelenkt, geschützt, gestützt und in einer überregulierten Lebensbahn von der Wiege bis zur Bahre geschubst werden. Sobald eine Mehrheit von Demokratie-Insassen erkannt hat, dass es einfacher ist, sich Wohlergehen per Stimmzettel zu sichern als über eigenverantwortliche Arbeit im grauslichen Gegenwind des Wettbewerbs im freien Markt, ist die Talfahrt erst wieder durch den Staatskonkurs zu bremsen. – Das Gute an solchen Visionen: so weit ist die Talsohle nicht mehr entfernt. Und dann kann es ja nach Adam Riese und dem Gesetz der Sinuskurve nur noch aufwärts gehen, oder nicht?