Denk-Aufgabe 1501 vom 1.1.2015

 

MURMUR

Königin Anna beugte sich besorgt über ihr erst wenige Tage altes Baby. Es weinte nicht. Nie. Zumindest bis jetzt nicht. Das hübsche kleine Mädchen hatte auch beim Auf-die-Welt-Kommen nicht geschrien. Kaum hatten die Hebammen es abgenabelt und ihr auf den Bauch gelegt, hatte es gelächelt – und keinen Ton von sich gegeben. Als die Königin das Kind an sich gedrückt und ihr Ohr an den kleinen Kopf geschmiegt hatte, glaubte sie ein ganz zartes Murmeln zu hören. Deshalb taufte sie die lächelnde Prinzessin auf den Namen Murmur. Sie wusste, dass der König enttäuscht sein würde. Und sein fetter Vetter Ulrich würde bestimmt wieder entrüstet sein. Ulrich war immer entrüstet, was auch immer geschah. Zutiefst entrüstet war er nur schon, weil er nicht selbst König war, wo er doch so viel begabter gewesen wäre als der zaudernde Artan. Ulrich entrüstete sich aber auch sonst über alles und jedes. Sogar über das Wetter. Wenn die Sonne schien, war er entrüstet darüber, dass nun wohl wieder die ganze Ernte verbrennen würde. Regnete es, war er entrüstet, dass nun wieder das ganze Land ertrinken würde. Natürlich geschah nie etwas dergleichen, aber Ulrich war dann längst bei der nächsten Entrüstung angelangt. Und so würde er sich jetzt wie schon bei den beiden Schwestern von Murmur darüber entrüsten, dass sie, Königin Anna, offenbar unfähig war, einen Prinzen zu gebären. So bitter dies für Anna war, so musste sie doch beim Gedanken an Vetter Ulrich lächeln. Seine Dauerentrüstung hatte nämlich bereits dazu geführt, dass am ganzen Hof das Stichwort 'Ulrich' gebraucht wurde, wenn jemand mit einer griesgrämigen Miene daher kam. Man sagte dann: "He, Ulrich oder was?"

Doch die Enttäuschung ihres Gemahls machte Anna Sorgen. König Artan wünschte sich dringend einen Sohn, der eines Tages sein Königreich regieren würde. Als die Königin ihn zu beruhigen versuchte und vorschlug, dass eine der Prinzessinnen dereinst als Königin seine Nachfolge antreten könnte, lehnte er mit grimmigem Gesicht ab. Er wolle nicht, dass seine Töchter so hart, kalt und kriegerisch würden, wie es nötig sei, um ein so begehrtes, fruchtbares und reiches Land gegen die zahllosen Feinde schützen zu können. Als die Königin ihm antwortete, man könne ein Reich auch mit weiblichem Geschick regieren und durch Verheiratung der Töchter mit den Prinzen anderer Länder die Gefahr eines Krieges abwenden, lachte er sie nur aus. Auch das wolle er nicht für seine Töchter, dass sie aus reiner Berechnung an irgendeinen Hof verschachert würden und vielleicht mit einem Prinzen das Lager teilen müssten, den sie gar nicht liebten. Königin Anna schüttelte den Kopf und entgegnete, Liebe könne auch wachsen, wenn man den Partner als vom Schicksal zugewiesen anschaue und auf die Weisheit des Schicksals vertraue. Es sei nicht nötig, dass man zuerst so kindisch verliebt sei, wie das die Männer immer wieder zeigten, die dann in diesem kopflosen Zustand eine Dummheit nach der anderen begingen. Er masse sich nicht an, Schicksal zu spielen, erwiderte der König.

Artan erschrak über die Worte seiner Gemahlin und fragte sich im Herzen, ob seine geliebte Anna ihn gar nicht aus Liebe geheiratet, sondern ihn einfach als vom Schicksal auferlegte Pflicht angenommen habe. Oder steckte gar politisches Kalkül ihres Vaters dahinter? Sie war zwar eine richtige Prinzessin gewesen, aber ihr Vater regierte ein winziges Inselreich, das Artan als junger Prinz mit seinem grossen Dreimaster entdeckt hatte. Als er die schöne Königstochter Anna sah, war es um ihn geschehen. Er war über beide Ohren verliebt in die so unnahbar scheinende Prinzessin. Und ihr Vater brachte immer wieder zum Ausdruck, wie glücklich er sich schätze, seine Tochter bei einem so mächtigen Regenten wie König Artan zu wissen. Doch bis zu diesem Tag hatte König Artan geglaubt, Anna sei ihm aus Liebe gefolgt – und nicht nur um ihrem Vater zu Willen zu sein oder aus Demut dem Schicksal gegenüber.

Die kleine Murmur konnte zwar weder sprechen noch hören, aber sie konnte Gedanken lesen. So verstand sie alles, was ihre Eltern verband, aber auch, was sie trennte. Sie beschloss, so bald wie möglich hinaus zu gehen in die Welt um den richtigen Prinzen für ihren Vater zu suchen – und um zu lernen, ein Land so zu regieren, wie ihre Mutter sich das wünschte.

Rasch lernte sie sich mit den Tieren des Hofes zu verständigen. Sie wunderten sich gar nicht so wie die Menschen, dass Murmur nicht mit dem Mund sprach, sondern über Gedanken und durch ihre Ausstrahlung. Wenn Murmur sich lächelnd vor ein Kalb stellte und ihre kleine Hand ausstreckte, war diesem sofort klar, was sie meinte. Es trat näher, leckte Murmurs Hand und die beiden begannen, ihre Gedanken auszutauschen. Das funktionierte bei allen Tieren, bei ganz kleinen Ameisen und Schnecken, aber auch beim riesigen Drachen Huvudwärk, der in den Wäldern hinter dem Schloss hauste. Als Murmur ihn zum ersten Mal sah, war sie beeindruckt von seiner Grösse, seinen sieben Hälsen und Köpfen und seinen riesigen Flügeln. Sie dachte, wie toll es doch sein müsse, auf diesem grossen Tier zu reiten oder gar mit ihm durch die Lüfte zu fliegen. Huvudwärk verstand ihren Wunsch sofort, freute sich, endlich einmal einem Menschenwesen zu begegnen, das nicht gleich vor Angst erstarrte bei seinem Anblick und lud sie zu einem Rundflug ein. Murmur war begeistert. Sie durfte sich in die Nische zwischen Hals drei und Hals vier setzen. Kaum hatte sie sich dort festgeklammert, startete Huvudwärk fast senkrecht himmelwärts und drehte eine hinreissende Schlaufe über dem Schloss. Murmur sah ihre Schwestern brav bei den Schulaufgaben sitzen im Park, sie sah ihre Mutter, die Königin Anna, die nach ihr zu rufen schien. Sie winkte ihr zu und sandte ihr die besten Gedanken – doch die Königin schien sie weder zu sehen noch zu verstehen, was Murmur ihr auf dem inneren Weg sagen wollte. Murmur begriff nicht, warum alle Tiere ihre Gedanken lesen konnten, aber ihre eigene Mutter nicht. Huvudwärk spürte, dass seine Passagierin traurig wurde und flog vom Schloss weg Richtung Meer.

Murmur war hin und weg von all den Wasserläufen, die auf das Meer zuhielten und bat Huvudwärk, etwas tiefer zu fliegen. Murmur sah Tiere, die sie noch nie gesehen hatte, aber Huvudwärk sagte ihr alle Namen. Das war das Praktische mit den sieben Köpfen: einer hatte immer Zeit, sich ihr zuzuwenden. Sie sahen grosse und kleine Affen, die in den Bäumen herum hangelten, Vögel in allen Farben, darunter einen Specht, der in einem Affenzahn mit seinem Schnabel auf einen Baum einhackte, sodass Murmur laut lachen musste. Doch Kopf vier von Huvudwärk erklärte ihr, dass er in der Rinde kleine Würmchen finde für sich und seine Jungen. Kopf drei widersprach sofort: "Er frisst alles, was er unter der Rinde und in morschen oder hohlen Stellen findet, auch Insekten, Ameisen und ihre Puppen." Kopf vier lachte und sagte zu Murmur: "Weisst du, mein Nachbar ist ein Besserwisser und ist beleidigt, wenn man nicht immer zuerst ihn um Rat fragt." Und zu Kopf drei meinte er spöttisch mit einem Blick zum Boden: "Also du Naseweis: was ist denn der kleine gelbe Strich da unten am Boden?" Kopf drei blieb zuerst eine Weile still. Erst als Huvudwärk näher zu dem gelben Ding hinflog, sagte er: "Das ist etwas, was es gar nicht gibt! Es sieht aus wie ein kleines Schokodil, aber die sind nicht gelb, sondern wie der Name sagt schokoladebraun!" – Kopf vier lachte wieder: "Dann wollen wir doch sehen, ob es vielleicht doch etwas gibt, was es gar nicht geben darf, wenn die Welt sich nach den beschränkten Vorstellungen dieses Nachbarkopfes richten würde. Huvudwärk flog ganz nahe zu dem Gelbstrichding hin und landete schliesslich unmittelbar neben dem gelben Winzling, der aus kleinen Augen den Anflug des riesigen Drachens bestaunte und sein Maul mit den vielen Zähnchen vor Verwunderung kaum mehr schliessen konnte. Murmur stieg aus ihrer Nische zwischen Hals drei und vier, trat zu dem gelben Wesen hin und sagte in Gedanken: 'Ich bin Murmur und komme vom Schloss der Menschen. Was für ein wundervolles Wesen bist du?' – Das kleine gelbe Wesen antwortete: 'Ich bin Gulödlan, das einzige gelbe Schokodil weit und breit. In meiner Familie sind alle braun und sie lachen mich aus, weil ich gelb bin. Mein Vater sagte letzte Nacht zu meiner Mutter, ich sei eine Gefahr für die Familie, ja für die ganze Sippe, da unsere Feinde uns leichter aufspüren könnten, weil ich so gelb leuchte. Er glaubte, dass ich längst schlafe und nicht hören könne, was er sagte, aber ich kann seine Gedanken lesen.' – 'Mir geht es ganz ähnlich', nickte Murmur, ' ich kann nicht hören und nicht sprechen, aber ich verstehe wie du, was die andern denken. Ich bin so froh, dich getroffen zu haben. Auch mein Freund Huvudwärk versteht mich. Er hat mich hierher geflogen!' – Gulödlan sah den riesigen Drachen neben Murmur genauer an: 'Aber mein Papa sagt, Drachen seien die grösste Gefahr für uns Schokos! Wird er mich denn nicht fressen?' – Huvudwärk begann dröhnend zu lachen. Aus sieben Kehlen schepperte und röhrte sein Lachen. Mit seinen vierzehn Armen hielt er sich seine sieben Bäuche, wischte sich die Lachtränen weg und sagte dann zu Gulödlan: 'Wir Drachen sind Vegetarier! Wir leben von Gras, Blättern, Sträuchern und Ästen – ab und zu genehmigen wir auch etwas Algen aus dem Meer, sozusagen als Dessert oder als Delikatesse zwischendurch. Du brauchst dich also nicht zu fürchten.' – 'Danke, lieber Huvudwärk', antwortete Gulödlan, 'aber du siehst schon sehr beeindruckend aus – und wenn die Flammen aus deinen Köpfen züngeln, dann kann man schon um sein Leben fürchten.' – Murmur lachte auch: 'Aber lieber Gulödlan, wenn man deine spitzen Zähne sieht, könnte einem auch Angst und Bange werden! Willst du mit uns kommen? Ich suche einen Prinzen für meinen Vater, den König Artan. Er wünscht sich so sehr einen Nachfolger, der irgendwann sein Reich regieren soll – und meine Mutter hat ihm nur drei Mädchen geboren.' Nun meldete sich Huvudwärk mit seinen Gedanken: 'Ich kenne einen Prinzen. Er heisst Garmur und wohnt viele Flugmeilen entfernt von hier im hohen Norden.' – 'Oh, lieber Huvudwärk, könntest du uns nicht dorthin fliegen? Vielleicht möchte ja Gulödlan auch einen Freund finden?' Gulödlan nickte eifrig und sagte: 'Meine Eltern sind sicher froh, wenn sie mich loshaben. Dann bin ich keine Gefahr mehr für sie.'

Huvudwärk lachte: 'Es hat genug Platz für euch zwei. Ihr müsst euch aber warm anziehen. In Noretanien, wo Garmur wohnt, ist es viel kühler als hier.' Murmur zog sich ihre dicke Kappe etwas tiefer ins Gesicht und Gulödlan zauberte einen knallblauen Wollschal aus ihrem Schoko-Täschchen. Dann stiegen sie gemeinsam zwischen Hals drei und vier von Huvudwärk, klammerten sich an einer der vielen dreieckigen Flossen fest und los ging's. Gulödlan jauchzte vor Vergnügen, als der riesige Drache fast senkrecht in den Himmel schoss. Huvudwärk hielt sich aber nach dem fulminanten Start absichtlich ziemlich tief über dem Boden, damit die beiden etwas von der abwechslungsreichen Reise hatten. Sie flogen über die grossen Urwaldbäume, sahen unzählige Tiere im Geäst und am Boden. Doch dann führte die Reise lange Zeit übers Meer. Am Anfang sahen sie noch Möwen, die ihnen zuwinkten, ein paar spielende Delfine, die lustig aus dem Wasser sprangen, Kapriolen machten und kunstvoll wieder eintauchten. Murmur stellte zufrieden fest, dass sie auch die Gedanken der Delfine lesen und mit ihnen im Vorbeifliegen kurz in Kontakt treten konnte. Sie staunte, wie klug die Gedanken der Delfine waren. Kaum hatte sie ihnen ihren herzlichen Gruss gesandt, kam die erfreute, aber auch erstaunte Frage zurück, ob sie wirklich ein Menschenwesen sei, denn diese verstünden normalerweise nichts von alledem, was sie dächten. Murmur lächelte, bat Huvudwärk, ein paar Schlaufen über den Delfinen zu drehen und gab zurück, dass sie dafür die Sprache der Menschen weder sprechen noch verstehen könne. Nur gerade ihre Gedanken könne sie lesen. – 'Schade, sonst hättest du den Menschen von uns erzählen können. Wir spielen gern mit ihnen und retten sie auch, wenn sie am Ertrinken sind – sie können ja so schlecht schwimmen und sind so langsam!' Murmur musste lachen und bedankte sich dafür. Da ergänzte ein besonders elegant springendes Delfinweibchen, es komme auch manchmal vor, dass Menschen einen von ihnen retten würden, wenn er an Land gespült werde und es aus eigener Kraft nicht mehr bis ins Wasser schaffe. Aber nicht einmal dann würden die Menschen ihren Dank verstehen. Murmur versprach, den Menschen davon zu erzählen, wenn sie einen Weg finde, ihre Gedanken mit einem Wesen auszutauschen, das auch die Menschensprache beherrsche, winkte den Delfinen nochmals zu und bat Huvudwärk, wieder nordwärts zu fliegen.

Nach einem nicht enden wollenden Flug sahen sie endlich wieder Land: 'Noretanien in Sicht!' meldete Huvudwärk. Murmur und Gulödlan fröstelten, je näher sie dem Land kamen. Unmittelbar am Meer erhob sich eine gewaltige Mauer aus riesigen Steinen. Huvudwärk flog elegant darüber hinweg und tauchte dann wieder etwas tiefer über die karge Landschaft. Es gab keine Bäume und kein Gras, nur niederes Strauchwerk und braun gestampfte Pfade. Endlich sahen sie die ersten Behausungen: schmucklose Hütten aus schwarzem Stein mit winzigen Luken, die mit undurchsichtigem Glas verschlossen waren. Als sie die ersten Menschen sahen, fiel ihnen auf, dass alle griesgrämige Gesichter machten. Keiner lachte, keiner spielte, aus keiner Behausung drang fröhliches Geplapper oder gar Musik. 'Warum sind die Menschen so traurig?', fragte Murmur. Doch Huvudwärk wusste es auch nicht. 'Wir fragen Garmur, gleich sind wir beim Schloss. Tatsächlich zeichneten sich am Horizont die Umrisse eine riesigen roten Schlosses mit unzähligen Türmchen und Erkern ab. Mit einer eleganten Schlusskurve landete Huvudwärk in einem Wäldchen, das zum Schlosspark zu gehören schien, denn der dunkle Burggraben lag ausserhalb und die beiden Passagiere schauten neugierig in das fast schwarze Gewässer, das von einer dünnen Eisschicht überzogen war. Kaum hatten Murmur und Gulödlan wieder festen Boden unter den Füssen, hörten sie ein Knacken und Knirschen, das aus dem Burggraben drang. Eine ganze Schokodilfamilie war durchs Eis gebrochen. Ein imposantes Männchen, das sich ziemlich wichtig vorkam, wie Murmur und Gulödlan seinen Gedanken anmerkten, dahinter eine schwergewichtige Schoko-Mama mit sieben Jungen. Alle schauten sie todernst in die Welt – und alle waren sie schokoladebraun, bis auf das letzte Junge, dessen Haut feuerrot leuchtete. Murmur grinste und dachte: 'Wenn das mein fetter Vetter Ulrich sähe, würde er sich bestimmt entsetzlich entrüsten...' Gulödlan trat an den Rand des Burggrabens und wäre beinahe hineingefallen. 'Hallo da unten du rotes Schokodil! Kannst du nicht mal hochgucken?' Das feuerrote Junge blickte erstaunt hinauf, entdeckte Gulödlan und strahlte über das ganze Gesicht, sodass sein eh schon grosses Maul noch viel grösser wirkte. 'Hallo! Träum ich oder bist du ein knallgelbes Schokodil?' – 'Du träumst nicht! Ich bin ein echtes gelbes Schokodil! Komm doch zu uns. Ich möchte so gern deine Geschichte hören!' – 'Hmm, das setzt aber bestimmt eine Strafe ab, wenn ich unbemerkt abhaue. Aber ich möchte dich auch unbedingt kennenlernen! Ich weiss nur nicht, wie ich an dieser steilen Grabenwand hochklettern soll?' Huvudwärk hatte den Gedankenaustausch der beiden farbigen Schokodile belustigt mitverfolgt, streckte vorsichtig und ohne dass die Schokofamilie es bemerkte Arm zwölf in den Graben, liess das kleine rote Schokodil auf seine Pranke klettern und setzte es zwischen Gulödlan und Murmur wieder ab. 'Danke!', strahlt das rote Schokodil, 'schaute von Huvudwärk zu Murmur und blieb dann fasziniert an Gulödlan hängen. 'Ich bin Rödödlan. Und wer seid ihr? Und woher kommt ihr?' – Murmur war begeistert, dass sie auch die Gedanken Rödödlans auf Anhieb verstand. Gulödlan hing noch ganz in den Seilen und konnte es nicht fassen, dass sie offenbar nicht das einzige Schokodil auf der Welt war, das nicht braun war. Murmur stellte sich und ihre beiden Reisegenossen vor. Als sie auf Gulödlan zeigte und Rödödlans Blick auf dem hübschen gelben Schokodil ruhte, errötete diese leicht. Murmur bemerkte dies und begann zu kichern. Da wurde Gulödlan noch röter, sodass auch Huvudwärk zu lachen begann. Doch bevor alle Köpfe Huvudwärks zu prusten begannen, legte Rödödlan seine Pfote ans rote Maul und dachte den feuerroten Gedanken 'Hört auf! Lachen ist im ganzen Land Noretanien bei Todesstrafe verboten!' Murmur erschrak und verstummte, aber Huvudwärk brüllte erst recht los und kriegte sich fast nicht mehr ein vor Lachen! 'Lachen verboten! Wie lächerlich! Wie doof! Wie langweilig!' Erst als ihn Murmur bat, doch bitte aufzuhören um Rödödlan nicht in Schwierigkeiten zu bringen, verebbte Huvudwärks dröhnendes Gelächter. Doch es war zu spät. Schon kam ein kleiner Junge mit todernster Miene angerannt, der in der Nähe gespielt hatte. Als er den riesigen Drachen, die hübsche Murmur und die beiden farbigen Schokodile sah, blieb er in angemessener Entfernung stehen und rief: 'He passt auf! Hier ist Lachen verboten! Wenn mein Vater euch hört, wird er euch...' Huvudwärk lächelte ihn mit sechs Köpfen an und liess aus dem siebten ein paar neckische Feuerstösse entweichen, die wie kleine Feuerbälle in Richtung Schloss schwebten. Das sah so lustig aus, dass Murmur, Gulödlan und Rödödlan wieder zu kichern begannen. Der kleine Junge kam näher und Murmur sah genau, wie es um seine Mundwinkel zuckte. Sie streckte ihm die Hand entgegen und sandte ihm den Gedanken 'Ich bin Murmur, und das sind meine Freunde Huvudwärk, Gulödlan und Rödödlan. Und wer bist du?' Gespannt schaute sie ihn an – und freute sich riesig, als sie ihm ansah, dass er ihren Gedanken verstanden hatte und sie wissen liess, dass er Garmur heisse und der Sohn König Nortans sei. Murmur hätte jubeln können. Endlich ein Mensch, der wie sie und alle Tiere Gedanken lesen konnte! Sie strahlte ihn an. Auch diesen Gedanken verstand Garmur, vergass für einen Augenblick, dass Lachen in seinem Land verboten war und strahlte zurück. Als Rödödlan das sah, konnte auch er sich nicht länger zurückhalten und strahlte Gulödlan an, die ihn schon die längste Zeit mit verliebtem Blick angehimmelt hatte. Huvudwärk begann wieder zu lachen, schüttelte den Kopf und dachte zu Garmur gewandt: 'Lachen ist doch so gesund! Warum ist es bei euch verboten?' – Garmur antwortete: 'Mein Vater hat nur ein Auge, ein Ohr, einen Arm und ein Bein. Als Kind wurde er deswegen von allen ausgelacht. Das hat ihn so traurig gemacht, dass er sich schon als kleiner Prinz schwor, das Lachen zu verbieten, sobald er König sei. Und so geschah es, dass unser Land zum traurigsten Ort der Welt wurde. Als immer mehr Menschen das Land verliessen, liess mein Vater eine riesige Mauer bauen um unser ganzes Reich herum. Nur wer fliegen kann wie du, grosser Huvudwärk, kann unser Land überhaupt besuchen. Aber wer will das schon', fügte er traurig hinzu. 'Wer fliegen kann, kann das Land aber auch verlassen', dachte Murmur und schaute Garmur mit ihrem unwiderstehlich ansteckenden Lächeln an. Garmur nickte: 'Ich weiss, aber wohin soll ich denn gehen?' – 'Komm zu uns nach Gartanien, dort ist es wunderschön. Es gibt grünes Gras, Bäume, klare Flüsse, farbige Vögel...' – '...und ein gelbes Schokodil', dachte Rödödlan verträumt, '...und den tollsten Drachen, den ich je gesehen habe!', dachte Garmur, '...und Lachen ist erlaubt!' kicherten Kopf eins und zwei von Huvudwärk, während seine vierzehn Arme einladende Bewegungen machten, zwischen den Hälsen Platz zu nehmen. Da hörten sie alle Waffengeklirr und sahen eine ganze Legion Soldaten aus dem Schloss stürmen. Mit todernsten Gesichtern kamen sie auf den Burggraben zu. Garmur überlegte nicht mehr lange. Murmur streckte ihm die Hand entgegen und dieser folgte ihr willig auf den Platz zwischen Hals drei und vier. Gulödlan und Rödödlan nisteten sich zwischen Hals fünf und sechs ein. Kaum hatten sie sich festgeklammert, schoss Huvudwärk in die Höhe, spie auf allen sieben Köpfen noch ein paar neckische Feuerbällchen in Richtung der Soldaten und flog dann eilig davon, über die hohe Mauer nach Gartanien zurück.

Was für Kinder werden wohl Gulödlan und Rödödlan haben? Rote, gelbe und orangene? Und wenn da plötzlich ein grünes Schokodil dabei ist? Wird Garmur dereinst König von Gartanien? Oder bringt er das Lachen zurück nach Noretanien? Wird Murmur Königin in einem anderen Reich und zeigt dort, wie man ein Land mit weiblichem Geschick und ohne Krieg regiert, wie ihre Mutter Anna sich das träumte? Oder werden Murmur und Garmur ein Paar mit vielen Kindern, die alle Gedanken lesen und die Tiere verstehen können?

Vielleicht schreibt ihr ja selbst die Geschichte weiter? Und – wer weiss – vielleicht findet ihr die Geschichte von Murmur ja irgendwann in einem Buchladen? – Ein bisschen Geheimnis muss sein, nicht nur, aber auch an Weihnachten. Nur eins ist jetzt schon ganz sicher: Vetter Ulrich wird sich entrüsten!

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