Denk-Aufgabe 1504 vom 26.5.2015

 

Selbstvergewisserung

Vorbemerkung
Wenn ein Phänomen von vielen bei vielen beobachtet werden kann, heisst das noch nicht, dass es sich um eine absolute Wahrheit handelt. Aber die Quantität ähnlicher Wahrnehmungsinterpretationen erhöht zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass man etwas Relevantem auf der Spur ist. Es gilt jedoch, das Fehlerpotenzial bei den Verknüpfungen im Auge zu behalten.

Testen wir's mal aus mit folgender Behauptung:
Bei fast allen Menschen ist mehr oder weniger gut verpackte Machtgier auszumachen.
Es scheint sich bei der Gier nach Macht um ein sehr archaisches Bedürfnis zu handeln, das die meisten Menschen unschwer bei den allermeisten Mitbewohnern des Planeten (und merkwürdigerweise die wenigsten bei sich selbst) zu entdecken wähnen.

Erklärungsangebot
Macht dient und hilft der Selbstvergewisserung. Und zwar viel praktischer und signifikanter als die zwar berühmte, aber deswegen um kein Iota einleuchtendere Selbstvergewisserungs-Empfehlung des guten alten Cartesius: "Ich denke, also bin ich." Denn Denken ist zwar grundsätzlich allen Menschen möglich, bleibt aber - wie Curt Goetz trostspendend festhielt - den meisten erspart. Und wenn sogar irgendwelche Ströme im Gehirn von Otto Normalverbraucher ihn dazu antreiben, im Kühlschrank nach einem Bier zu greifen und sich damit vor die Glotze zu hauen, so ist ja sogar er selbst sich dabei keineswegs sicher - falls er ja dazu angehalten würde, sich dazu zu äussern -, in wie weit diese seine impulsorientierte Handlung der Bierwerbung, seiner Peergroup, die ebenfalls "Kronquell" bevorzugt, seinem anerzogenen Patriotismus, der ihn sich als Zugehörigen zu einer Biertrinkernation fühlen lässt oder schlicht und simpel seinem Durst und der einzigen Verfügbarkeit eines diesen qualifiziert löschenden Nasses zuzuschreiben ist.

Sich wirklich als Otto zu fühlen und sich seiner Identität als ebendieser einmalige Otto gewiss zu sein - dem hilft der Gedanke ans Bier käumlich und wenn schon, dann nur schwächlich. Die Macht hingegen, sich gegen das Ansinnen der Gattin Frieda, gegen die Empfehlungen seines Leibarztes Wunibald und gegen die Unterstützungsentzugsdrohungen der schmallippigen Mahnfingertante Erna vom Sozialamt und das Gehuste und Gebrüll der beiden Schnudergoofen ein zweites und ein drittes Bierchen zu genehmigen und die Wohnung mit herrlichem Zigarettenqualm zum nebligen Erlebnispark zu machen, diese Macht lässt ihn sich viel deutlicher seiner gewiss werden, behaupte ich.

Dem diffusen 'Denken' fehlt meist der Widerstand. Macht hingegen wird erst zur Macht im Bezwingen des Widerstands. Das Nein der von unserer Macht Bezwungenen lässt uns die Verschiedenheit, die Trennung, die Unterschiedlichkeit der Willen, die Grenze spüren zwischen uns und dem 'Rest der Welt'. In der Machtausübung spüren wir uns klar als individuelle Entitäten. Und die so verstandene Macht ist immer 'missbräuchlich' aus der Sicht derer, die von ihr betroffen sind, da sie ja auf dem Nein, auf dem Widerstand beruht. Eltern und Pädagogen kennen die Trotzphase des Kindes, wenn es das Nein, das 'Ich will selber' entdeckt. Das Spannende daran ist, dass das Umfeld diese Phase durchaus als notwendig, als zur Entwicklung gehörig betrachtet und die negative Wertung dieser Selbstvergewisserung durch Machtausübung erst später ansetzt.

Meine Einladung
Versuchen wir einmal, das Phänomen der Selbstvergewisserung durch Machtausübung so wertfrei wie möglich anzuschauen und uns dabei auf die eigene Entwicklung zu fokussieren. Wer sich noch in diesem Leben in Richtung 'Erleuchtung' entwickeln möchte, stellt sich natürlich der Herausforderung, indem er einerseits versucht, die Art der Macht, deren er (noch) bedarf, um sich seiner selbst zu vergewissern, so achtsam wie möglich auszuüben, andererseits indem er Wege sucht, das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung zu minimieren.

Die Hölle? - Das sind die andern!
Selbstvergewisserung ist ja nur so lange ein unabdingbar wichtiges Ziel, als wir Angst haben vor dem Zustand der Verschmelzung mit dem 'Andern', das wir als bedrohlich - oder gar wie in Sartres Bühnenstück 'A huis clos' als die Hölle: "L'enfer, c'est les autres!" - empfinden und die Sicherheit in der möglichst abgeschotteten Autonomie des Ichs suchen, das wir zu steuern und zu kontrollieren glauben.

Das fischige Ich
Nach einer gewissen Zeit stellen sich bei vielen Menschen Zweifel ein an dieser Sicherheit. Sie spüren, dass alle Trennungs- und Grenzziehungsversuche immer wieder scheitern und uns dieses vermeintlich so klar abgetrennte Ich immer wieder wie ein glitschiger Fisch entwischt. Die Steuerung durch das rational trainierte Gehirn versagt oft - und oft nachhaltig. Wer schon einmal eine Sucht aufgeben oder seine Figur verändern wollte, kennt diesen mühseligen Mechanismus, der laut Matthäus 26 schon Jesus seufzend seine Jünger ermahnen liess mit dem seither milliardenfach zitierten Spruch "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach". Ob's nun wirklich 'das Fleisch' sei oder ob die gewünschte Steuerung des Ichs durch nichts anderes als das eigene Köpfchen, das ja auch irgendwie zum 'Fleisch' gehört, schlicht nicht so funktioniere, wie wir das gerne möchten, gehört zu den lustigen Rätseln, über die Philosophen noch ein wenig brüten dürfen.

Tatwam asi
Idealer Zeitpunkt für einen Wechsel der Sicht- und Handlungsweise ist also diese Krise in der Gewissheit, der einzig richtige Weg zum Identitätsgefühl, zur Selbstvergewisserung führe über die Abgrenzung des Ichs gegen den Rest der Welt. Wenn der Leidensdruck genug gross wird, sind wir bereit, auch andere Wege zumindest anzuschauen. Meist hilft dabei auch der altershalber eintretende Zerfall des vormals so vor Potenz strotzenden Ichs: sowohl der Geist wie das Körperfahrzeug zeigen immer mehr Verschleisserscheinungen, verlieren dadurch an Autonomie. Wir können uns mit allen Mitteln gegen diesen Prozess wehren - und ihn doch nicht aufhalten. Die Verzweiflung darüber kann helfen, unseren Fokus zu verschieben, unsere Bereitschaft erhöhen, zwischen uns und dem Rest der Welt vermehrt das Verbindende zu suchen anstelle des Unterscheidenden, Trennenden und dabei entdecken, dass das Gefühl, mit allem Wahrgenommenen verbunden zu sein, vielleicht noch schöner ist als das meist nur kurzlebige Gefühl, ein ganz wahnsinnig bedeutend einmaliger Platzhirsch zu sein.

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