Denk-Aufgabe 1601 vom 13.1.2016

 

Angst und Vorsicht

Bei Debatten über Angst gibt's immer wieder Krach. Vor allem in Familien mit Kindern. Der eine Elternteil - meistens der Papa - findet Angst zwar nachvollziehbar, aber doof, hinderlich, zu überwinden. Der andere, meistens Mama, findet, Angst sei hilfreich, mache den, der Angst hat, vorsichtig, vernünftig, klug.

Als erstes schlage ich eine Begriffsklärung vor, um Missverständnisse wenn nicht zu vermeiden - zu schön um wahr zu sein - so doch wenigstens einzudämmen. Unabhängig davon, was womöglich irgendwo in Büchern oder im Netz zu finden ist an tausendfältigen Definitionsversuchen der beiden Begriffe Angst und Vorsicht, schlage ich folgende klare Unterscheidung vor:
ANGST ist eine reine Emotion und deckt jegliche Rationalität, Vernunft, Nüchternheit und die Fähigkeit, wohl überlegt zu entscheiden, zu.
VORSICHT ist ein Produkt von 1) rationalem Denken, das von Neurologen eher der linken Gehirnhälfte zugeordnet wird, und von 2) suprarationalem Wahrnehmungsvermögen, das vor allem in Gefahrensituationen eingeschaltet wird und von Neurologen eher in der rechten Gehirnhälfte verortet wird und das ich der Einfachheit halber 'Intuition' nennen möchte, da 'suprarationale Wahrnehmungsverarbeitung' etwas kompliziert und den meisten wenig vertraut klingt. Vorsicht beruht demzufolge in meiner Definition auf Überlegungen und Erfahrungen, auf Wissen, Können, Datenverarbeitung, Denken in Szenarien, Prognostik und Prävention einerseits, auf Intuition andererseits.

Natürlich werden die beiden Termini im Alltag von den vielen Anwendern nicht so sauber getrennt, aber wir wollen ja für die Debatte Ordnung schaffen. So wie hier eingegrenzt überlappen sich die beiden Begriffe nicht, aber das Primat kann wechseln in ein und demselben Menschen, je nach den äusseren Umständen. Ein verängstigtes Wesen kann sich beruhigen, sich fassen, die Emotion herunterfahren, das Hirn einschalten und der VOR-SICHT Platz machen, der angstfreien Intuition und/oder dem nüchternen Versuch, rational die Situation zu analysieren und voraus zu schauen. Umgekehrt kann die ruhig überlegte Vorsicht durch unerwartete Dramatisierung der Umstände in Angst umschlagen und zu panischem Verhalten führen.

Bei dieser Begriffsbestimmung sollte klar sein, dass der Zustand der ANGST einer ist, den man zu vermeiden oder dem man zu entkommen trachtet. VORSICHT hingegen, die nüchterne Risikoabwägung verbunden mit zeitverzugslos funktionierender Intuition, ein Zustand ist, der anstrebenswert erscheint.

Ein Beispiel: Jemand entfernt sich von einer Situation, einem Naturereignis, einem durch Menschen verursachten Geschehen, einem anderen Wesen, einer Beziehung, einem Suchtmittel etc. Die Art, wie er sich entfernt, gibt Aufschluss darüber, ob der sich Entfernende in einem Zustand nüchterner Risikoabwägung, also der VORSICHT ist, oder ob er sich in einem Zustand der ANGST befindet. Wenn sich der Verängstigte entfernt, nennen wir dies gern 'Flucht' oder 'Panik'. Wenn der Vorsichtige sich entfernt, nennen wir es sich Fernhalten, Rückzug, Desinteresse, Abstinenz.

Für Berufsleben, Sport, Beziehungen, Erziehung, Coaching - letztlich, so meine These, für alle Lebensbereiche von der Wiege bis zur Bahre, ist ANGST ein miserabler, kontraproduktiver Berater, VORSICHT ein ausgezeichneter, vor allem, wenn man die Vorsicht nicht mit Feigheit, Risikoscheu verwechselt, sondern ins Wort hineinhorcht: VOR-SICHT, also VORAUS SEHEN, NACH VORN SEHEN. Aber so ganz nackt nur mit der Vorsicht ausgerüstet besteht wohl schon die Gefahr, dass man wenig Abenteuer erlebt, ein langweiliges Leben führt. Soll es spannend werden - und doch nicht schon an der nächsten Strassenecke enden, sollte die Vorsicht in Balance sein mit Risikobereitschaft, mit Abenteuerlust und Optimismus. Man kann das auch Neudeutsch ausdrücken: Ziel ist die Ausbalancierung von 'taking care', was eben ein bisschen mehr ist als 'Sorge tragen' oder 'Vorsicht' und vielleicht am treffendsten mit 'Achtsamkeit' übersetzt werden könnte - und 'taking risk'. Wir leben aber - dies die zweite provokative These - in einer feminisierten Gesellschaft, in der 'taking risk' zu wenig Raum, zu wenig Förderung, zu wenig Anerkennung erhält. Eine Gesellschaft, in der wir vor lauter wattiger Wohlfahrtsstaatlichkeit zu einem aus immer fürsorglich und gut gemeintem Vermeiden von Unwohlbefinden und einer Übersteigerung von Angst und Sicherheitsbedürfnis zu Insassen eines geschlossenen Heims geworden sind.

Der langen Rede kurzer Sinn: Angst ist ein Phänomen, das jeder kennt. Man braucht nicht so zu tun, als hätte man noch nie Angst gehabt oder hätte sie ein für allemal überwunden. Ängste ernst nehmen heisst für mich, sie als zu überwindende Hindernisse ernst nehmen, als Herausforderungen, die man mit Mut und wenn möglich auch mit Munterkeit anpackt. Angst sollte aber nie eine Legitimation sein, irgendwo stecken oder kleben zu bleiben, unbeweglich zu verharren oder sich gar darin zu suhlen und jegliche Bemühungen, sich davon zu befreien, aufzugeben. Angst ist für mich eine Zwischenstation, die uns im besten Fall einen Motivationsschub gibt wie eine stinkende Schlammkloake, aus der wir uns so rasch und so nachhaltig wie möglich befreien wollen.

Noch deutlicher: Wer es sich gestattet, in seinen Ängsten zu verharren oder es sogar als sein Lebensziel ansieht, andere mit seiner Angst anzustecken, in seine Kloake hineinzuziehen, tut aus meiner Sicht etwas hochgradig Kontraproduktives, Dummes, ob es sich dabei nun um die Angst vor Weltuntergang, Klimakatastrophe, Atomkrieg, Terroristen, Flüchtlingen, Diktatoren, Kriminellen, den Neonazis, den Ultralinken, Krankheit, Alter und Tod oder nur um so kleinkarierte Ängstlein wie die vor dem Spinnlein oder Mäuslein im Keller handelt.

Ich behaupte aber, dass es für alle hilfreich sei, zu erkennen, dass jedwede Angst eine Aufforderung darstellt, sie zu überwinden und dass die völlige Angstfreiheit zwar zu Lebzeiten kaum erreichbar, aber immer Ziel sein sollte. Auf dem Weg dorthin hilft die Verwandlung von Ängsten in Vorsicht und die Anreicherung der Vorsicht mit einer guten Portion Abenteuerlust und Risikobereitschaft. - Viel Spass!

 

 

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