Denk-Aufgabe 1602 vom 27.5.2016

 

Echt?

Kleine Hommage an den grossen Dürrenmatt

Er stand an ihrem Sarg und berührte die Stoffblume, die darauf festgeklebt war. Dabei spürte er, dass auch der Sarg aus einem ihm unbekannten Kunststoff gegossen war, der Holz täuschend ähnlich sah. Er war allein im Aufbahrungsraum. Einer Eingebung folgend, versuchte er den Deckel anzuheben. Vergeblich. Er suchte nach Nägeln, nach irgendeinem Schliessmechanismus. Schliesslich fand er an der Fusseite des Sargs eine Kunststoffklappe, die ein Display freigab. Einer spontanen Eingebung folgend tippte er das Geburtsdatum der Leiche ein. Kein Erfolg. Dann versuchte er es mit dem Todestag – und ein schmatzendes Geräusch zeigte ihm an, dass sich der vakuumverschlossene Sargdeckel nun öffnen liess. Vorsichtig hob er den Deckel an, der sich gummig, fast glitschig anfühlte. Er erwartete Gestank, Fäulnis, Verwesungsgeruch. Doch ihm schlug nur Waschmittelgeruch, nein, der Duft eines ihm vertrauten Weichspülers entgegen. Irgendwie war es kein Schock mehr, was er dann sah, als er den Deckel genug weit zur Seite gekippt hatte. Im Sarg lag eine Puppe. Originale Menschengrösse. So etwas wie eine Schaufensterpuppe. In wohlriechende Tücher gehüllt. Aber definitiv keine Leiche. Schon gar nicht die von ihr.

Er lächelte. Irgendwie schien der Tod zum Leben zu passen. Nichts war so, wie es hätte sein sollen. Wobei, wer hatte denn die Deutungshoheit darüber, wie irgendetwas sein sollte? Muss man Künstler sein, um sich die Freiheit herausnehmen zu dürfen, eine Kunststoffpuppe in einen Gummisarg zu legen? – Und auch im Leben davor: wer legt fest, dass ein Lachen, überhaupt: dass gezeigte Gefühle echt sein müssen? Wer weiss überhaupt, was echt ist? Authentisch? αὐθεντικός – als Original befunden. Das mag – nicht immer, aber ab und an – bei Artefakten beweisbar sein: Ist der Picasso echt oder nicht? - Aber bei Menschen?

Schon Dürrenmatts 'Alte Dame', die in Güllen zu Besuch kommt, ist zumindest physisch weitgehend nicht mehr 'original'. Und bei den heutigen medizinischen Möglichkeiten wimmelt es von Menschen, die mit 'nicht-originalen' Herzen und anderen künstlichen Körperteilen durch's Leben sausen.

Und was ist schon 'echt' im schwammigen Bereich der Gefühle? Und wer wollte mit Fug behaupten, er hätte einen echten, authentischen, eigenen Gedanken gedacht? Eine authentische, unbeeinflusste Handlung vollzogen?

Sein Blick verlor sich in der Puppe und ihm schien, der Boden schwanke unter seinen Füssen. Er dachte an die Vorstellung aus der fernöstlichen Philosophie, dass die Welt, die wir wahrzunehmen glauben, in Wirklichkeit gar keine Wirklichkeit, sondern nur Illusion, Traum sei, dass der Schleier der MAYA den Blick auf die wahre Welt hinter der Welt, jenseits des Traums, den wir mit dem Leben verwechseln, verdecke.

War es eine Anmassung von ihm, zu glauben, er wisse, dass sie nicht echt, nie authentisch war, weder in ihren Gefühlen, Gedanken noch in ihren Handlungen? Was, wenn das, was er als unecht wahrnahm, genau der Kern ihres Wesens, ihr authentisches Sein, ihre Echtheit war? Wenn jemand Gefühle vortäuscht, die er nicht empfindet, kann das doch seinem echten Wesen entsprechen? Wenn jemand Gedanken anderer so lange verinnerlicht, bis er sie als zu sich gehörig, als seine eigenen Gedanken empfindet, dann können sie doch irgendwann so mit ihm verschmelzen, dass sie nicht nur original wirken, sondern tatsächlich authentisch sind?

Gibt es nicht sogar positiv besetzte Wörter, die genau dieses Phänomen einzufangen versuchen: Höflichkeit, Diplomatie, Rücksichtnahme, Schonung, Achtsamkeit? Sind das nicht alles Begriffe, die dem, was für ihn Lüge, Heuchelei, Künstlichkeit, Täuschung, Unechtsein ist, einen schönen Mantel überstreifen? Und macht uns das Tragen eines Mantels unecht? Sind wir nur nackt echt? – Langsam beschlich ihn ein schlechtes Gewissen. Hatte er ihr Unrecht getan mit seinem Vorwurf, an ihr sei alles unecht?

Gäbe es denn ein Kriterium für die Echtheit? Vielleicht die Bewusstheit und damit die Wahlmöglichkeit des Denkenden, Fühlenden, Handelnden? Die Absichtlichkeit der Täuschung, das Wissen um die Verstellung? – Aber liesse sich nicht auch dies verbergen oder vortäuschen? Konnte man nicht den andern - ja auch sich selbst! - täuschen über seine Täuschungsabsicht? Unbewusstheit vorspielen? Wer konnte mit Sicherheit sagen, dass sich jemand bewusst verstellt? Und wenn er es noch zugäbe, könnte das Geständnis erzwungen und ebenfalls unecht sein?

Wer konnte wirklich in die tiefsten Abgründe einer anderen Seele schauen? – Dazu musste man wohl Gott sein. Oder eine ähnliche Instanz mit All-Wissen. Ein futuristischer Supercomputer. Akasha-Chronik 2.0. – Aber wir kleinen, minderbemittelten Idioten doch nicht.

Wissen wir denn überhaupt sicher, was an unseren eigenen Gedanken, Gefühlen und Handlungen 100% echt und authentisch ist? Kennen wir denn das Kapillarsystem der in und um uns wirkenden Einflüsse, die letztlich zur Manifestation eines vermeintlich eigenen Gedankens, eines vermeintlich authentischen Gefühls, einer durch das Original unserer selbst vorgenommenen Handlung führen?

Ist der Einsilber 'echt' nicht zur schlappen Verstärkung geworden im heutigen Sprachgebrauch? "Es tut mir echt leid?" – "Ich finde es echt Scheisse!" Werden Mitgefühl und Scheisse wirklich 'originaler' durch diesen Zusatz?

Er schloss den gummiartigen Sargdeckel über der Puppe und trat einen Schritt zurück. Wo war sie, wenn sie nicht da drin lag? Oder war sie diese Puppe geworden im Laufe ihres Lebens und es gab nirgends eine 'echtere', 'originalere' Leiche? Oder war sie kremiert worden und die Urne bereits bei ihrer Restfamilie gelandet? Und der Sarg war samt Stoffblume und der noch folgenden Lobhudelei des Pfarrers, den sie nicht mochte, der Schwester, die sie nie mochte und des ehemaligen Mitarbeiters, den sie schon gar nicht mochte, stellvertretend in die Sichtbarkeit gehobene Materialität?

War auch die Inszenierung in diesem Aufbahrungsraum nur Show, nur 'Staffage'? – schoss es ihm durch den Kopf. Doch er korrigierte den Ausdruck sofort wieder. Insbesondere das 'NUR', in dem die Abwertung lag.

Gewöhne dich daran, dass deine Vorstellung von Echtheit nicht mehr ist als eine Vorstellung. Deine Vorstellung. Man kann – und darf! – echt unecht sein. Authentizität impliziert nicht einmal Täuschungsfreiheit. Wenn einer ein ganzes Leben lang tagaus tagein rund um die Uhr sich und andere täuscht, dann wäre er doch völlig unecht, wenn er dies eines Tages gänzlich bleiben liesse. Er müsste seine Umwelt längerfristig und nachhaltig überzeugen, dass die Verwandlung vom Täuscher zum Nicht-mehr-Täuscher echt sei, dass seine neue Echtheit nicht mehr die Unechtheit sei.

Er dachte an Molière und seinen grandiosen Hypochonder, 'Le malade imaginaire', der überzeugt war, echt krank zu sein, obwohl sein ganzes Umfeld seine Krankheiten samt und sonders für Einbildung hielt. – In seiner Weltwahrnehmung WAR er krank, schwer krank. Dass Molière, der in seinem Stück die Hauptrolle spielte, bei der vierten Aufführung auf der Bühne starb und die Zuschauer tobten vor Begeisterung über die Echtheit seines Spiels, das eben in diesem Fall gar kein Spiel, sondern echt echt war, zeigt die Doppelbödigkeit des Echtheitsprinzips. 'Echt' ist das, was als 'richtig' erwartet wird von dem oder den Wahrnehmenden. Bei einem Theaterstück besteht das stille Einverständnis aller Beteiligten, dass das, was auf der Bühne gezeigt wird, nicht 'echt' im Sinne von real, äusserlich-materiell 'wirklich' geschieht. Auch wenn ein Schauspieler sehr 'echt' spielt, so ist diese 'Echtheit' ein Qualitätsmerkmal seines SPIELS, aber nicht des realen Geschehens. So gesehen war der tatsächliche Tod Molières in einer falschen, unerwarteten, nicht im Konsens über das Bühnengeschehen liegenden Weise 'echt'.

Er stand noch immer sinnierend am Sarg, der für ihn unecht war, weil er einen Sarg aus dem lebendigen Material Holz für 'richtig', usanzgemäss, 'spielkonform' hielt; betrachtete die tote Stoffblume, die für ihn genau so falsch war, weil er es gewohnt war, rund um Tote lebende, 'echte' Blumen zu sehen – dabei gab es doch eigentlich nichts Passenderes als eine tote Blume auf dem Behältnis aus totem Material, das eine künstliche und damit auch nicht echt tote Tote enthielt? – Warum eigentlich all diese Metaphern des Lebens beim traditionellen Begräbnis? Ging es darum, dass Holz, Schnittblumen und Leiche alle zumindest einmal gelebt hatten und damit echte Gestorbene, echte Tote waren? Denn weder die Stoffblume noch der Gummisarg noch die Puppe hatten je gelebt, waren somit gar nicht sterbefähig und damit auch keine richtigen, echten Toten.

Und doch liess ihm die Entdeckung keine Ruhe. War sie vielleicht gar nicht tot? War sie abgetaucht und baute sich am andern Ende der Welt eine neue Existenz auf? Und wenn ja, würde sie in diesem zweiten Leben nun endlich versuchen, echt zu sein? Oder würde sie wieder ein ganzes Universum aus Täuschung, Heuchelei, falschen Versprechungen, Lug und Betrug aufbauen?

Wenn er sie fände, hätte er vielleicht Gelegenheit zu entdecken, dass all dies nur seine Wertungen waren? Dass sie in ihrem Sein und Tun völlig echt war? Dass sie einfach eine andere Art von Echtheit lebte? Gab es nicht auch in seinem Leben, in seinem Wertsystem immer wieder Umstände, in denen er Lüge, Verstellung, falsche Versprechungen als richtig, als situationsadäquat empfand und nicht nur bejahte, sondern auch selbst lebte? Hasste er nicht die Petzer, die Verräter, die modischen Whistleblower – alles Feiglinge, die es nicht wagten, ihre Gegner zu konfrontieren und ihnen ihre Meinung ins Gesicht zu sagen? Hatte er nicht schon oft irgendwelche Autoritäten brandschwarz belogen, um andere vor üblen Folgen zu bewahren? Und war er nicht sogar stolz darauf gewesen, Eltern, Lehrer, Vorgesetzte zu täuschen, wenn er damit einem höheren Wert – eben zum Beispiel der Freundschaft – dienen konnte? Liebte er nicht Odysseus, den 'krummdenkenden', den Meister der Kriegslist? Überhaupt alle Strategen, die ihre Gegner übertölpelten, austricksten, die mehr mit Köpfchen als mit roher Gewalt siegten? – Also hatte er doch eigentlich ein recht ungebrochenes Verhältnis zu Täuschung, Lüge und Betrug. Es mussten einfach höhere Werte im Spiel sein, dann war er jederzeit für solche Mätzchen zu haben.

Dann war der Unterschied zwischen ihm und ihr vielleicht doch nicht so gross, wie er angenommen hatte? Er hatte nur nie damit gerechnet, dass sie sich auch ihm, ihrem Partner gegenüber der ganzen Klaviatur der Tricks und Täuschungen bediente. Er war verletzt, weil er geglaubt hatte, ihm gegenüber sei dies nicht nötig, er gehöre ins Innenfeld, sei dicht bei ihr, er hatte sich zu ihr gehörig gefühlt und nicht als Aussenstehender, als Spielball, als zu täuschendes und zu gängelndes Objekt. Er hatte angenommen, sie seien Freunde, die sich aufeinander verlassen könnten. Und dann war sie beim ersten Missbehagen ausgestiegen, hatte hinter seinem Rücken ihr Leben ohne ihn geplant und durchorganisiert. Sie war nie sein Freund gewesen. Das Eheversprechen war Routine, fauler Zauber, bedeutungslos. DAS war es, was ihn so plagte.

Dabei wusste er doch aus tausend Geschichten, von Freunden erzählten und gelesenen, dass gerade in vermeintlich 'nahen' Beziehungen am meisten gespielt wird, dass nirgends soviel gelogen und betrogen wird wie in der Zweierkiste, der vermeintlichen 'Partnerschaft'. Waren nicht die meisten Frauen offener, ehrlicher zu ihren besten Freundinnen als zu ihren Männern? Und wenn er an das Stammtischgequatsche vieler Männer dachte, war das auch nicht viel besser. Die echte Enttäuschung für ihn war gar nicht so individuell und konkret die, die ihm die nun echt oder unecht Tote zugefügt hatte, sondern die traurige Einsicht, dass es echte Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Solidarität zwischen Menschen offenbar nur im Märchen gab.

Wehmütig dachte er an seine Hunde, an ihre Treue bis in den Tod. Aber hatten sie denn eine echte Wahl? Sie hatten kein Handy, mit dem sie ein Whatsapp schreiben konnten mit der Mitteilung, sie hätten ein Herrchen gefunden, bei dem es für sie 'besser stimme'…

Für einen Augenblick kam ihm der ketzerische Gedanke, dass es vielleicht gar nicht so eine gute Idee gewesen war, Beziehungen allseits und jederzeit durch alle Beteiligten ohne Kündigungsfrist aufhebbar zu machen. War es wirklich so hoffnungslos rückständig gewesen bei unseren Ahnen, die noch ein Leben lang zusammenblieben, Krisen bewältigten, sich zusammenrauften und nicht beim ersten Missbehagen per SMS oder Mail ihre Beziehungen auflösten? Nicht wie die Tote, die nicht einmal die Chuzpe gehabt hatte, ihm in die Augen zu schauen, als sie ihm mitteilte, sie würde das gemeinsame grosse Projekt mit anderen, gefügigeren Genossen durchziehen. War es wirklich so kleinkariert und engstirnig, in der Heimat ansässig und beim einmal gelernten Beruf – und beim Vater seiner Kinder zu bleiben? Ist die hochgepriesene Freiheit von jeglicher Bindung wirklich eine echte, eine bessere Freiheit? Oder nur eine andere Freiheit als die, die derjenige hat, der in einer Gemeinde, einer Familie, einer Sippe, einem Berufsstand verankert ist und auf dem Boden dieser äusseren Stabilität seine innere Freiheit leben kann? Ist denn das Herumsausen auf dem Globus, das vielfache Wechseln von Beruf, Partner, Hobby, politischer und religiöser Überzeugung wirklich das, was uns glücklich macht?

Er begann an seiner eigenen Biographie herum zu deuten und die Skepsis wurde immer grösser. Vielleicht hatte er diese Drama-Queen, bei der sich alles als gespielt, vorgetäuscht erwiesen hatte, ja verdient? Vielleicht brauchte er genau diese Erfahrung, um die hohe Bedeutung von Werten wie Verlässlichkeit, Freundschaft, Treue zu erkennen und in Zukunft mit grösster Achtsamkeit zu leben? Vielleicht ging es im letzten Drittel seines Lebens auch um die Verankerung, die innere wie die äussere?

Mit diesen Gedanken schwand sein Interesse daran, ob sie nun echt oder unecht tot war. Der Tod war genau so aufgemotzt dramatisch gewesen wie ihr Leben. Beides war eigentlich von grandioser Banalität und Verwechselbarkeit. Aber sie hatte es täglich geschafft, ihr Erleben derart mit Bedeutung und Dramatik aufzuplustern, dass man sich ständig nach den Papparazzi umsah, die sie doch eigentlich hätten verfolgen müssen. Und dass man lange Zeit glaubte, am nächsten Tag stehe alles im BLICK. Er hatte nicht mitgespielt. Das war seine echte grosse Verfehlung. Er hatte nicht perfekt mitgestaunt, hatte nicht gebannt den täglichen Erzählungen gelauscht, aus denen sie immer als ganz knapp der Katastrophe entronnene Heldin hervorging, umgeben von Bösewichten und Vollidioten. Er hatte – das war wohl noch übler gewesen – nicht nur eine eigene Meinung gehabt, sondern es auch gewagt, sie zu äussern, sogar wenn sie offenkundig nicht deckungsgleich war mit der Meinung der grossen Vorsitzenden. Das konnte sie nicht dulden. Es kratzte an ihrem Lebensentwurf, an ihrem Selbstverständnis, an dem, was sie an sich selbst als 'echt' empfand. Und jeder Kratzer an ihrem Selbstbild, und sei er auch noch so klein gewesen, schürte in ihr die Angst vor Kontrollverlust, Machtverlust – und das war gleichbedeutend mit Ausgeliefertsein. Tertium non datur. Also war es letztlich zwingend, dass sie sich seiner entledigen musste. Eigentlich war der minutiös geplante Rauswurf eine vergleichsweise gnädige Form des Abhakens. Verglichen mit anderen von panischer Angst vor Kontrollverlust Getriebenen, die sich ihrer Kritiker lieber per Tod als per Gulag entledigen, war das geradezu nett, sanft, ein fast schon menschlich zu nennendes Entsorgen.

Er lächelte und die Spannung wich von ihm. Es war nun gleichgültig, ob sie echt tot war, ob sie irgendwo ein neues oder eine Kopie des alten Lebens lebte, ob sie dabei die bewährten, ewig gleichen Bühnentricks spielte oder sich zu einer neuen Authentizität mauserte. Für ihn war sie Geschichte. Nicht nur im Sinne von Vergangenheit, sondern auch im Sinne einer Geschichte, die man sich am Lagerfeuer erzählt und bei der es zweitrangig ist, ob sie sich in der äusseren Welt abgespielt hat oder nicht. Wer sagt uns denn, dass nicht auch das, was wir als Wirklichkeit zu erleben glauben, nur eine Geschichte ist? Nur? Wer sagt denn, dass fabulierte Geschichten weniger bedeutungsvoll seien als solche, die sich im vermeintlichen 'Aussen', vermeintlich nachweislich, mit vermeintlich echtem Blut, Schweiss und Tränen abgespielt haben? War nun Molière echter, wirklicher in der vierten als in den drei vorherigen Aufführungen?

Er liess den Gummisarg mit der Stoffblume hinter sich und trat ins grelle Nachmittagslicht hinaus. Flirrende Hitze schlug ihm entgegen. Es war die Stunde des Pan. Für einen Augenblick glaubte er, ihr angestrengt gespieltes, übertrieben breites Lachen mit den bleckend-falschen Zähnen zu sehen hinter der tief hängenden Trauerweide. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, und als er wieder in dieselbe Richtung blickte, war der Spuk verschwunden.

Die Denk-Aufgabe liegt auf der Hand. Die Gretchenfragen lauten: Wie hast du's mit der Echtheit? Mit der Freundschaft? Mit der Verlässlichkeit?

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