Denk-Aufgabe 1603 vom 2.9.2016

 

Endlich Opfer!

 

Die Kunst, das klebrige Verantwortungsgefühl loszuwerden, mitfühlend notiert von Zwieselm, Freiherr von Rettich, Sozialpsycho-log-er

Sie sind gesund? Kräftig? Durchtrainiert? Intelligent? Gut ausgebildet? Psychisch stabil? Belastbar? – Lassen Sie den Kopf nicht hängen. Lesen Sie diese kurze Anleitung, und schon bald gehören auch Sie zur wachsenden Gemeinde der Opfer, der Bemitleidenswerten, der arg Gebeutelten, zu der wachsenden Schar der Auserwählten, denen geholfen wird, geholfen werden muss, wenn nicht von einsichtigen Mitmenschen, dann vom Staat. Dann dafür ist er da, das ist seine hehrste Aufgabe – und nicht etwa das Heer. Wobei es bald Heerscharen sind, die diesen wichtigsten, staatstragendsten Teil der Bevölkerung neben den Alten ausmachen. Denn wer trüge – nicht betrüge, trüge – den Staat besser als die, die ihm Gelegenheit geben, das zu tun, was seine ureigentlichste Aufgabe ist, wereliwer, wenn nicht die Opfer? Und was sind die Alten anderes als Opfer ihres Alters, Opfer der vergehenden Zeit? Ist es nicht grausam, das Schicksal, das sie einfach so mir nichts dir nichts alt werden lässt? Wobei: noch grausamer ist das Schicksal mit denen, die sie nicht alt werden lässt, mir nichts dir nichts. Und am grausamsten ist es mit denen, die zwar noch nicht alt, aber bereits so herrlich hohlhändig, so entropisch nach dem Energieminimum strebend sind wie kaum ein Alter es je wird.

Rezept 1: Werden Sie wahnsinnig!
Das ist viel leichter, als Sie denken. Und es geht ohne Beeinträchtigung Ihrer körperlichen Unversehrtheit. Der medizinische Weg ins Opfer-Dasein ist zwar der meist begangene, aber er ist mühselig und stellt viel höhere Ansprüche an die Verstellungskünste. Natürlich ist es ein gutes Training, wenn Sie jederzeit ein leidendes Gesicht machen, Schmerz, ja Weltschmerz mimen können, wenn Sie glaubhaft hinken, Rheuma, Gicht rüberbringen. Auch ein tiefes, bronchiales Husten gehört ganz unbedingt ins Repertoire des Simulanten und verfehlt in der Regel seine Wirkung nicht. Wenn Sie es als Mann und Nicht-Mönch zudem noch schaffen, beim Anblick knackiger Damen, schneller Autos und von Fussball-Endspielen nur müde abzuwinken, stehen die Chancen auf staatliche Zuwendungen noch höher. Als Frau müssen Sie sich schon etwas mehr einfallen lassen. Stützen Sie sich ungeschminkt, ungeliftet, ungelippenspritzt und ungefettabsaugt mit grauem Naturhaar auf einen knorrigen hölzernen Stock und starren Sie mit desinteressiert-leerem Blick nicht ins Schaufenster eines Bahnhofstrassen-Juweliers – Sie werden nicht nur private und staatliche Hilfe in Hülle und Fülle erhalten, auch die Medien werden sich auf Sie stürzen und schon bald sammelt die Glückskette für Sie, ja es werden sich Selbsthilfegruppen um Sie scharen, in denen andere ähnlich schwer Getroffene mit Ihnen den jammervollen Austausch pflegen. So weit bringen Sie es gesund nie!

Doch machen Sie es sich nicht unnötig schwer: werden Sie schlicht und einfach ein klein wenig mehr wahnsinnig, als alle rund um Sie herum das sowieso schon sind. Manchmal reicht es, wenn Sie irgendeine Mode, einen Besitz- oder Verhaltenstrend nicht mitmachen. Haben Sie einmal kein Handy! Laufen Sie barfuss in ein Schuhgeschäft und fragen Sie nach Schnürsenkeln. Essen Sie keine Sushi. Erhalten Sie keinen Bonus – es ist so kinderleicht, als wahnsinnig zu gelten. Sagen Sie Ihrer besten Freundin, Sie hätten ausser der Zahnbürste mit zugehöriger Zahncreme und einer Seife und ein paar Tüchern nichts – NICHTS! – im Badezimmer. Und dann melden Sie sich in der Psychiatrie und eben genau diese Freundin als Zeugin für Ihren Wahnsinn an: Schwupps und Sie sind alle Sorgen los. Ein völlig verantwortungsfreies Leben im Hotel erwartet Sie. Und im Unterschied zur Arbeitslosigkeit können Sie nicht 'ausgesteuert' werden. Der Segen hört nie auf. Sie sind bis zum seligen Ende Berufs-Opfer, also nicht Opfer Ihres Berufs, sondern von Beruf Opfer. Wobei das eher eine Berufung ist. Man hört die innere Stimme, die uns sagt: "Das kann es nicht gewesen sein: täglich von früh bis spät malochen – und dann noch zusammengeschissen werden wegen winziger Fehlerchen. Eine Stelle nach dem Komma, was ist das schon. Eine Null zu viel, zu wenig, was solls'? Fläschchen verwechselt. Benzin statt Brennsprit – na und? Beides stinkt, beides in braunen Fläschchen he. Ja gut, das klöpfte dann natürlich im Fondue-Caquelon ein wenig, aber bitte, wieso denn ein solches Theater wegen ein paar schwarzen Köpfen? Nein, dieses ewige verantwortlich sein müssen, dieses haften – haften – das klingt ja schon so klebrig! Und überhaupt, die Schufterei: schuften und haften – ist das ein Leben? Nein. Das Leben von der schönen, der lockeren Seite nehmen – ohne schlechtes Gewissen, ohne verächtliche Blicke auf sich zu ziehen, oder noch besser: liebevoll-mitleidige Blicke und Geschenke kriegen, Naturalien und Kohle – das ist es, das ist Lebensqualität. Gibt es denn etwas Genialeres, als Opfer zu sein, ein klitzeklein wenig wahnsinniges Opfer? Sie sind jeder Situation gewachsen, weil Sie immer bereits im Voraus entschuldigt sind, weil alle wissen, dass Sie ein armes Opfer sind, dem man sein Verhalten nicht zur Last legen kann, legen darf, dem man im Gegenteil bereits im Voraus alles verzeihen muss. Denn Sie wissen ja nicht, was Sie tun – zumindest sollen das die andern glauben.

In Wirklichkeit sind Sie ein echter Schmied Ihres eigenen Glücks. Denn es gibt einiges an organisatorischem Know-how, das Sie intus haben müssen, damit es klappt. So müssen Sie genau evaluieren, wo Sie Ihr Opferspiel spielen. Es muss – versteht sich von selbst – ein moderner Sozialstaat sein, aber das sind ja heute fast alle. Dann müssen Sie die Sozialgesetzgebung des Landes Ihrer Wahl genau studieren. Lassen Sie sich beraten – genau dafür sind ja all die vielen Ämter da, um Ihnen einen Weg zu bahnen, den Weg ins neue Leben als Opfer. Sie müssen in Erfahrung bringen, welches die aussichtsreichsten Symptome sind, welches Amt, welches Kässeli es anzubohren gilt, ob es denn auch schön voll ist und wie viele Opfer-Freunde bereits am selben Tropf hängen. Seien Sie aber unbesorgt: Es ist wie mit 'Sesam-öffne-Dich': mit dem richtigen Spruch tut sich immer wieder eine neue Quelle auf, die Ihre Opfernot lindert. Gibt es denn eine schönere Möglichkeit, sich als PolitikerIn zu profilieren, als mit dem Einsatz von Bürgergeldern für die Opfer, die Armen, die Bemitleidenswerten, denen das Schicksal übel mitspielte, die vom Fatum Gezausten, Gebeutelten... Und sind denn die Wahnsinnigen nicht die schönste Gruppe, um seinen Helferwillen zu demonstrieren? Sind nicht gerade sie es, die unserer Zuwendung am meisten bedürfen?

Und wenn die Quelle mal kärglicher sprudelt: Gehen Sie ins Stadthaus, nur mit einem schäbigen Mantel bekleidet, raufen Sie sich das Haar und pinkeln Sie in die nächstbeste Topf-Pflanze – und schon gilt wieder Heraklits weises Diktum: Panta Rhei – Alles fliesst. Vergessen Sie bei alledem den Spass nicht, auch das Abenteuer, zumindest zu Beginn Ihrer Opfer-Karriere: "Glauben mir die Leute? Auch die Amtsvorsteher? Nimmt man mir das ab? Ohne Schauspielschule, einfach so als Laiendarsteller?" – Doch bald wissen Sie: die nehmen Ihnen alles ab. Das ist ja gerade der riesengrosse Vorteil gegenüber dem Vorspielen körperlicher Beeinträchtigung. Wenn einer allzu plump so tut, als hätte er ein Magengeschwür oder eine schwere Bronchitis – und die Untersuchung ergibt nix dergleichen, dann sieht er alt aus. Bzw. zu wenig alt um Leistungen zu kriegen. Der wird mit Schimpf und Schande in den grauslichen Arbeitsprozess zurück gejagt.

Aber hier, beim kleinen Wahnsinn, gibt es doch nicht die geringsten Beweise, weder für noch gegen ihn. Denn wie schlecht Sie auch immer spielen – es kann alles dem Wahnsinn zugerechnet werden. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Amt vor einem Kässeliverwalter und der ist völlig untypisch ein skeptischer Kerl, wahrscheinlich ein junger Schnuderi, womöglich sogar ein Schweizer, was eigentlich selten ist in dieser Branche, und der zweifelt ein bisschen an der Echtheit Ihrer Not. Sie stehen auf, blicken wirr durch ihn hindurch und sagen mit tonloser Stimme schlicht und ergreifend die Wahrheit: "Ja, ich spiele Ihnen das alles nur vor, nur vor, nur vor, nur... Ich bin gesund, geistig gesund, geistig völlig gesund...das wurde mir immer wieder gesagt, von vielen gesagt, von allen gesagt. Ich will nur - nicht arbeiten, will arbeiten, nicht arbeiten... diese Last der Ver... Verant...Verantwrt... sie drückt, lastet so schwer, ich bin gesund, ich weiss, gesund, (ersterbend)...sund, und..." – Gut, das wäre natürlich meisterhaft, wenn Sie ihm die Wahrheit so brillant erzählen könnten. Aber Sie können Sie auch viel stümperhafter bringen, er glaubt Ihnen sowieso nicht. Denn das ist ein Urgesetz der Kommunikation: die Wahrheit glaubt Ihnen kein Mensch. Jedenfalls nicht die Wahrheit über Sie selbst. Also seien Sie getrost: was auch immer Sie sagen, wie auch immer Sie es sagen – es klappt immer mit dem Wahnsinn. Und lernen Sie Ihren kleinen Wahnsinn lieben, verinnerlichen Sie ihn – bis er eines Tages ganz zu Ihnen gehört und Sie selbst nicht mehr so genau wissen, ob und wie lange Sie ihn eigentlich schon spielen. Und dann kommt der Augenblick, wo endlich auch das letzte Flüstern Ihres ekligen Verantwortungsgefühls, Ihres so schwer völlig abzutötenden Gewissens, ganz verstummt. Versuchen Sie es! Sie werden begeistert sein!

Rezept 2: Werden Sie Grossbanker
Gut, Sie werden vielleicht einwenden, das sei ja gar kein eigenständiges Rezept, denn das sei ja eigentlich gleichbedeutend mit wahnsinnig werden. Da gebe ich Ihnen bis zu einem gewissen Grade Recht, weise aber doch auf gewisse Unterschiede hin: Als Grossbanker sind Sie in der Gesellschaft hoch angesehen, ja im materialistischen Zeitparadigma ist bekanntlich das Kriterium für Ansehen die Verquickung von Geld und Macht – da mischen die Grossbanker ganz vorne mit. Das für die Erlangung des so begehrten Opferstatus notwendige Mitleid des Kollektivs stellt sich beim Grossbanker erst ein, wenn er Milliardenverluste verursacht hat. Das ist eine nicht zu unterschätzende Leistung. Für einen Normalsterblichen ist es schon schwierig genug, Millionen in den Sand zu setzen – das allein lockt das Kollektiv aber nicht aus der Reserve, kostet es ein müdes Lächeln. Da müssen schon zwei- bis dreistellige Milliardenbeträge fehlen, damit sich echte Empathie regt und die Gemeinschaft tätig wird und alles tut, damit Sie als Grossbanker standesgemäss weiterleben können.

Nun, wie wird man Grossbanker? Da sind Voraussetzungen gefragt, die relativ weit verbreitet sind: Sind Sie geistig eher bescheiden? Reicht Ihnen eine Tätigkeit, bei der Sie primär triebhaft handeln können? Haben Sie seit vielen Jahren kein Buch mehr gelesen? Dafür viele Akten, die Sie locker triebhaft erledigen konnten? Haben Sie einen stark ausgeprägten Machttrieb, der auf einem tiefen Minderwertigkeitsgefühl fusst? Fühlen Sie sich angezogen vom Leben der in der Regenbogenpresse Abgeleckten: Jacht im Mittelmeer, Villa am See mit Selbstschussanlagen und Kampfhunden, Bodyguards, eine Armada von teuren Autos, einen Privat-Jet und all diese wichtigen Dinge? Sind Sie bereit, sich entsprechend zu prostituieren – als Mann oder Frau – damit dies möglich wird? Haben Sie ein gutes Gespür dafür, wer Ihnen auf Ihrem Weg als Trittbrett, als Treppenstufe nützlich, wer aber schädlich sein könnte? Und verfügen Sie auch über die nötige kriminelle Energie, die Schädiger zu vernichten bzw. vernichten zu lassen? Und über die Klarheit der Prioritätenfolge im Geschäft: 1. Ich und mein finanzieller Erfolg, 2. Ich und mein Erfolg als – männlicher oder weiblicher – Macho, 3. Ich und mein gesellschaftlicher Erfolg? Lieben Sie es, wenn andere Leute Sie fürchten und alle übrigen Sie wenigstens aufs Heftigste beneiden? Sind Sie unzimperlich, auch Weggefährten auszuschalten, wenn es darum geht, ganz nach oben zu gelangen?

Wenn Sie alle diese Fragen locker-schmunzelnd mit 'Ja' beantworten können, dann ist das Ihr Weg. Aber denken Sie daran: Denken Sie nicht zu viel auf diesem Weg. Es braucht nicht viel Hirn, nur gerade soviel Schläue, wie sie ein geschickter Strassenräuber mitbringt. Für alle die, die mit etwas zu viel Intelligenz belastet sind, ist der Weg geistig zu langweilig – bei aller äusseren Abenteuerlichkeit.

Rezept 3: Werde Fanatiker!
Einige werden einwenden, das sei ja ganz was Ähnliches wie wahnsinnig werden. Ja und Nein. Zumindest ist es eine spezielle Form von Wahnsinn, die eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz hat. Ganz im Unterschied z.B. zu Schizophrenie, zur 'gespaltenen Persönlichkeit', die Stimmen hört - in anderen Kulturen ein verehrungswürdiges Phänomen, ja die Vorbedingung für Laufbahnen wie diejenige eines Schamanen; und auch im Unterschied zur Depression, die zwar immerhin einen wesentlichen Beitrag zum Bruttosozialprodukt westlicher Wohlfahrtsstaaten leistet und eine ganze Industrie beschäftigt, oder zum noch modischeren Burn-Out, einer Erscheinung, die als grossartige Hilfe beim Freischaufeln wichtiger Kaderstellen geschätzt wird. Doch als Fanatiker haben Sie ungleich bessere Karten, denn es ist nicht die Lücke, die Sie hinterlassen wie der Out-Geburnte oder die Para-Industrie, die sich dank Ihrer Nutzloswerdung bereichert wie bei der Depression, sondern es sind Sie selbst, ihr Fanatisch-Sein, das direkt einen Mehrwert generiert. Denn Fanatiker lassen sich – im Unterschied zu den gewöhnlichen Verrückten – instrumentalisieren und aktiv für Ziele einspannen, von denen der gesteuerte Fanatiker selbst keine Ahnung hat.

Und schon sind Sie im schönsten Sinne ein Opfer. Sie wurden verführt, gegängelt, mit falschen Versprechungen gelockt, oder, noch viel klangvoller: Ihnen wurde eine Gehirnwäsche verpasst! Das funktioniert auch, wenn weder beim Wäscher noch beim Gewaschenen überhaupt etwas Waschbares vorhanden war. Auf jeden Fall können Sie nichts dafür, dass Sie plötzlich so leidenschaftlich delinquierten (das klingt irgendwie vornehmer als 'Köpfe vor laufender Kamera vom Rumpf trennten') und haben Anspruch auf Hilfe, Opferhilfe, ein Careteam – womit Sie mit der Inanspruchnahme dieser Hilfe der einzigen wachsenden Industrie in unserem Lande helfen: eine Win-win-Situation!

Und einen geheimen Nebeneffekt möchte ich Ihnen hier zum Schluss meines Plädoyers auch noch verraten: Wenn Sie zu den jüngeren Semestern männlichen Geschlechts zählen, die den Weg als Fanatiker ins Opfer-Dasein beschreiten möchten, können Sie mit etwas Glück vom Sexappeal profitieren, der coole Verbrecher offenbar umlodern soll: dieser Mut zum Aufbruch aus der braven Schweizer Altloki-Stadt in die Wüste, um dort wüste Dinge zu tun, dieser Abenteuergeist, den es braucht, um sich mit Haut und Barthaar dem Kalifat hinzugeben, scheint mehr Höschen zu nässen als ein unbeschränkter Einkaufsgutschein für die Zürcher Bahnhofstrasse – étonnament. So können Sie endlich aus Ihrem Frust, ein unansehnliches, pickliges, unsportliches, schul-dummes fettes Milchbartbubi zu sein, verlacht, gemobbt, von den Mädchen missachtet – damals schon Opfer! – und nun zum gefahrenumrankten, nach Schiesspulver riechenden Supermacker – und gleichzeitig zur publikumswirksamsten und medienrelevantesten Form des Gross-Opfers mutieren, lange – oder vielleicht nicht so lange – bevor Sie dann im Reiche Allahs neben dem Propheten die Unzahl nicht alternder Jungfrauen vernaschen dürfen – oder müssen?

Die Denk-Aufgabe liegt auf der Hand und trieft geradezu vor Ironie: Wo bin ich Opfer? Und wo könnte ich den angestrebten Status noch optimieren?