Denk-Aufgabe 1604 vom 8.12.2016

 

OPTI und PESSI

 

Mist: bin ich nun eher der eine oder der andere -mist? Und wenn ja, wieviel von welchem? Und auf wessen Mist ist denn das Ganze gewachsen? Ist 'Mist' grundsätzlich und immer einfach nur 'Mist'? Kann man mit Mist nicht auch Felder düngen? Auch Gedankenfelder?

Ein Opti- und ein Pessimist sitzen eines Sommers beisammen in einer Gartenbeiz. Der ältere, braungebrannte Optimist sitzt kurzärmlig, barfuss und barhäuptig in der Sonne und hat vor sich ein Glas frische Milch direkt von der Kuh, der bleiche Pessimist mit Mütze, Schal gegen den heimtückischen Luftzug und permanent Keime abtötenden Spezialsneakers hat sich – behandschuht – den Sonnenschirm so zurecht gerückt, dass er im Schatten sitzt, den Rücken gegen die massive Aussenmauer des Restaurants, nervös um sich schauend, ob nicht doch ein Wesen mit Migrationshintergrund, ein verirrter Wolf oder Bär den trügerischen Frieden im Handumdrehen bersten lassen könnte.

Der Opti strahlt mit seinen grossen, blauen Kulleraugen frohgemut in die Landschaft hinaus – etwas dümmlich-tolpatschig, wie der Pessi findet –, lächelt der Kellnerin zu, die ihm gerade eine verlockende kalte Gazpacho-Suppe mit Croutons serviert, alle Zutaten aus dem Garten oder hausgemacht, wie sie zurücklächelnd betont. Die eh schon schmalen Lippen des Pessi verengen sich zu schiessschartenähnlichen Schlitzen, doch er bleibt stumm, schüttelt nur angeekelt den Kopf und gibt eine Tablette Katadyn Micropur Forte in sein mitgebrachtes Wasserfläschchen, wartet misstrauisch, bis sich die Tablette aufgelöst hat und nippt dann verstohlen um sich blickend an seinem Fläschchen, den direkten Kontakt seiner Lippen mit der Flasche allerdings vermeidend.

"Und, mein lieber Freund, was bringt die Zukunft?", fragt der Opti den Pessi ohne den leisesten Anflug von Ironie. Dieser schaut noch einmal links und rechts und hebt dann mit leiser, aber scharfer Stimme an:

"Na, kaum Gutes. Kurzfristig mehr Terroranschläge in Europa, als Antwort mehr Staat, mehr Kontrolle, weniger Freiheit des Einzelnen; auch innerhalb der westlichen Staaten mehr Polarisierung mit dem berühmten Effekt "les extrèmes se touchent", Links- und Rechtsextreme schreien beide nach mehr Staat; die Parteienvielfalt wird auch in der Schweiz abnehmen. Die Verringerung der Meinungsvielfalt, die Reduktion der Sicht auf irgendein Thema auf nur zwei Pole, immer ein Zeichen von tiefem Entwicklungsstand, von Anfängerhaftigkeit oder später Dekadenz, nimmt rapide zu. Genau diese Tendenz ist weltweit zu beobachten in den vermeintlich pluralistischen Gesellschaften. Der Schritt zum diktatorisch geführten Einparteienstaat ist dann nicht mehr gross.

Mittelfristig sehe ich eine wachsende 'fünfte Kolonne' aus Asylanten, Migranten, Flüchtlingen, die unsere ganze Zivilisation und Kultur, unseren Rechtsstaat, unsere Demokratie langsam, aber sicher umwandeln in eine Welt nach ihren Vorstellungen. Vor lauter sozialem Wohlfühlbestreben und dem tollsten Niedergangsfurz, der political correctness und ihren grauenvollen Blüten, machen die heruntergekommenen westlichen Staaten das blind, aber mit offenen Armen mit, immer bestrebt, das aus früheren Jahrhunderten mit Kolonialismus und Imperialismus stammende schlechte Gewissen zu beruhigen.

Die anspruchsvolle, mündige, denkfähige Bürger erfordernde Demokratie verschwindet. Putins, Erdogans, Orbans, Le Pens, Trumps und wie sie alle heissen, sorgen für ein Revival des Nationalismus und für Machtkonzentrationen, die zwingend zu Konflikten führen; Auseinandersetzungen, die typischerweise nicht am Verhandlungstisch ausgetragen werden. Irgendwann gilt dann auch bei uns die Scharia und es finden wieder inner- und aussereuropäische Kriege statt, die von Völkern gewonnen werden, die noch nicht so verweichlicht, feminisiert, schlappschwänzig und auf den eigenen Bauch, die eigene Befindlichkeit fokussiert sind wie die europäischen. Langfristig dominieren am Zürcher Paradeplatz chinesisch beschriftete Staatsbanken.

Das alles wird gekrönt von der unvermeidlichen Klimakatastrophe. Die Meeresspiegel steigen rasch und stärker als erwartet. Die Niederlande und viele Inseln werden überschwemmt. Dazu kommt eine drastische Zunahme von Tsunamis und Hurrikans. Die kontinentalen Festplatten prallen aufeinander und es kommt zu noch nie dagewesenen Erdbeben. Grosse Teile der Erdbevölkerung werden all dem zum Opfer fallen. Mit ihnen auch alles, was wir heute als Errungenschaften der Zivilsation, als Kultur, als 'Fortschritt' anschauen, sowohl auf der Ebene des Individuums wie auf dem Level der Kollektive.

Die Oberhand werden die brutalsten Egomanen gewinnen, die rücksichtslosesten und machtgeilsten Folterer und Schlächter. Diese müssen zwingend ungebildet sein, da sie ihr primitives Programm sonst nicht durchziehen könnten. Dummheit in Form von gesteigertem Fundamentalismus, absolutem Wahrheitsanspruch, religiösem, politischem und wissenschaftlichem Fanatismus und Ideologismus – all dies wird Urständ feiern. Als untergebene Manipuliermasse der herrschenden Diktatorenkaste sehe ich ein Heer von wirbellosen Feiglingen, Petzern, Verrätern, Whistleblowern, die sich ein Quentchen Vorteile zu verschaffen hoffen, indem sie andere ans Messer liefern – alles wie gehabt in Nazideutschland, in der DDR, in Stalins Sowjetunion, in Erdogans Türkei und allen anderen Diktaturen der letzten Jahrtausende.

Direkt parallel zur Digitalisierung nimmt die Verblödung der Menschheit zu. Begriffe wie 'Eigenverantwortung' haben künftige Generationen weder im aktiven noch im passiven Wortschatz, sofern es so etwas wie einen 'Wortschatz' überhaupt noch gibt. Die maximale Konzentrationsdauer der fünf oder mehr Geschlechter, die wir in fünfzig Jahren haben und die alle zum Verwechseln gleich aussehen und gleichermassen normiert blöd sind, liegt bei 140 Zeichen inklusive Leerzeichen. Ja die meisten dannzumaligen Zweibeiner sind nichts anderes mehr als fressende, scheissende, hirnlose Leerzeichen. Und die letzten Zuckungen von Humor werden von der staatlich überwachten political correctness ausradiert.

Die beiden Trends 'Mehr Diktatur' und 'Abschaffung der Eigenverantwortung des Individuums' sind natürlich ineinander verschränkt und werden befördert durch die Digitalisierung und Robotisierung des Alltags. Der ursprünglich witzig gemeinte Spruch von Curt Goetz, Denken sei grundsätzlich allen Menschen möglich, vielen aber bleibe es erspart, wird nüchterne Tatsache. In fünfzig Jahren wird es nicht mehr nötig sein, irgendeinen eigenen Gedanken zu irgendetwas zu haben oder gar zu Ende zu denken und handlungsrelevant werden zu lassen. Der Staat tut das für den Bürger – und setzt es auch durch mithilfe perfekt durchstrukturierter Technik.

Das sozialistische Menschenbild wird Realität, das gespalten ist in die Gruppe der Vielen, der Masse, der Nietzscheschen 'hoi polloi', der Viel-zu-Vielen, die arm, dumm und hilflos sind und deshalb betreut, angeleitet und geführt werden müssen und die Gruppe der Wenigen, die wissen, was richtig und falsch ist, und damit auch genau erkennen, was gut ist für die Masse und sich so in Eigenregie die Legitimation erteilen, die Masse der Dummen, die dannzumal wirklich dumm sein werden, zu führen – und dafür zu sorgen, dass keiner aus der Masse aufsteigen und ihnen, den selbsternannten Eliten, dreinreden oder gar den Führungsanspruch streitig machen kann.

Bildung im Sinne von Anleitung zu eigenständigem Denken findet verständlicherweise in einer solchen Konstellation nicht mehr statt, darf nicht mehr stattfinden, da sie die Stellung der Wenigen gefährden würde. Es geht bei der Aus- und Weiterbildung nur noch um die Vermittlung von Kenntnissen und Kompetenzen, die das Fussvolk befähigt, aus Sicht der Herrschenden nützliche Beiträge für das Funktionieren des allmächtigen Staatsapparates mitsamt der Staatswirtschaft zu liefern. Der Traum Alain Bersets und seiner Genossen von der Einheitskasse und der Abschaffung des Steuerwettbewerbs wird längst wahr geworden sein. Es gibt nur noch öffentlichen Verkehr, der private ist mit der Technik der selbst fahrenden Fahrzeuge keiner mehr, der eigenständige Entscheidungen des Individuums erfordert.

Getarnt wird das alles wie die Mode. Geschickte PR und Werbung vermittelt dem Einzelnen, dass er dieses 'Denken', das keines mehr ist, dieses 'Leben', das kein selbstbestimmtes mehr ist, genau so 'freiwillig' gewählt hat, wie er glaubt, die gerade von der Klamottenindustrie in die Läden gespülten Kleider und Accessoires selbst gewählt zu haben. Zynische Pointe des Menschenbilds der Diktatoren und selbsternannten etatistischen Eliten ist, dass sie die Existenz eines freien Willens sowieso negieren – zumindest bei der Masse. Je dümmer die Masse wird, desto wissenschaftsgläubiger wird sie. Deshalb wird es politisch gekauften oder gelenkten Neurowissenschaftern leicht fallen, die allenfalls noch Fragen stellende Mittelschicht letztendlich davon zu überzeugen, dass sie den freien Willen nicht verloren, sondern dass sie gar nie einen gehabt haben, dass sich all ihr Sein, Denken und Tun aus ihrer DNA und ihrem zivilisatorischen Umfeld automatisch ergebe und damit alternativlos sei.

Damit wird auch das klassische Strafrecht obsolet, da Schuld zwingend einen freien Willen voraussetzt. Wer keine Entscheidungsfreiheit hat und einfach naturgesetzmässig funktioniert, ist nicht schuldfähig. Das öffnet den jeweiligen Machthabern die Möglichkeit, einfach die wegzusperren, deren 'Funktionieren' sie für schädlich halten für das Prosperieren ihres Kollektivs. In der Türkei und vielen anderen Diktaturen gab und gibt es Anschauungsmaterial zuhauf für diese wissenschaftliche Verbrämung totalitärer Führung.

Mit diesen riesigen verblödeten Manipuliermassen macht es in Zukunft wieder vermehrt Spass, Kriege zu führen, auch wenn die Insassen der dekadenten Wohlfahrtsstaaten wenig geeignete Soldaten produzieren. Aber im Zuge der Renationalisierung, der Wiederaufrichtung von Grenzen, Mauern, Zäunen allüberall zur Eindämmung jeglicher Migration werden die kulturellen und religiösen Differenzen markanter, virulenter, die ökonomisch-spirituellen Phantasien vom globalen Dorf entpuppen sich als lächerliche Illusionen, der Machthunger der Diktatoren steigt, die Generalsneurosen, diese unbezähmbare Gier, tolle neue Waffensysteme auch real auszutesten, lässt die Anzahl und Grösse kriegerischer Auseinandersetzungen exponentiell anwachsen.

Insgesamt also gar nicht viel Neues. Neu ist nur die Konzentration all des Bösen, Schlechten und Dummen in nächster und fernerer Zukunft. Ob und wann es zur Apokalypse reicht, kann ich nicht mit Sicherheit sagen."

Der Pessi hatte sich regelrecht in Schwung geredet. Ihn nervte, dass das stupide Dauerlächeln partout nicht aus dem Gesicht des Opti verschwinden wollte und er fragte sich säuerlich-indigniert, ob dieser ewigfröhliche Tölpel seinen konzisen Ausführungen überhaupt folgen konnte und wollte. Als der Opti dann noch frohgemut die Melodie des legendären Songs vom 'Zündhölzli' von Mani Matter zu pfeifen begann, war es mit der Contenance des Pessi definitiv vorbei und er zischte boshaft: "Dann wollen wir doch mal hören, wie der naive Einfaltspinsel seine handkolorierte Zukunft ausmalt. Schiess los!"

Der Opti lächelte immer noch, legte dem Pessi freundschaftlich die Hand auf den Unterarm, der sich augenblicklich verspannte, und sagte sanft: "Ich mag das und bewundere dich, wie scharfkantig und wortreich du deine Sicht zum Ausdruck bringst. Es hilft mir und motiviert mich, meine manchmal etwas wenig konturierten Visionen auch ein wenig präziser zu fassen. Also lass es mich versuchen."

Dann schloss der Opti die Augen, lehnte sich zurück in seinem Gartenstuhl, sodass sein Gesicht ganz der prallen Mittagssonne ausgesetzt war, und hob an:

"Ich sehe eine wärmere Welt, aussen und innen. Dank der Klimaerwärmung werden weitere Teile des Planeten von der Mentalität der Völker erfasst, die in warmen oder gar heissen Klimazonen leben. Die mediterrane Sinnlichkeit, die afrikanische Tanzlust, die australische Gelassenheit tragen zu mehr Lebensfreude bei – und gleichzeitig zu weniger Verkrampftheit, weniger religiöser Sexverteufelung, weniger sturer Fokussierung auf die maximierte Arbeitsleistung, weniger verbissener Kämpferei um Macht und Geld – zugunsten glücklicher Jetzt-Momente.

Die Digitalisierung und Virtualisierung führt zur Erkenntnis der Relativität jeglicher Wahrnehmung. Auf dem Umweg über die Quantenphysik, die uns mit den synchron verschränkten Elektronen ein Beispiel der Relativität der Vorstellung eines geschlossen kausalen Universums und damit auch der Relativität jeglicher wissenschaftlicher 'Wahrheiten' demonstriert, und mithilfe moderner digitaler Kommunikationstechnologie, die jedermann den Zugang zu virtuellen Welten ebnet, findet die westliche Moderne zu Einsichten, die in asiatischen Kulturen seit Jahrtausenden greifbar sind. Zum Beispiel die Vorstellung, dass das, was wir 'Wirklichkeit' oder 'Realität' nennen, nur eine Möglichkeit, nur virtuell, nur ein Traum, eine Vorspiegelung unseres Bewusstseins sein könnte und es darum geht, irgendwann den Schleier der 'Maya', der Illusion einer 'Wirklichkeit' zu lüften, zu erwachen aus dem Traum und in homerisches Gelächter auszubrechen, wenn wir erkennen, dass wir nur geträumt haben.

Das Erlebnis der Manipulierbarkeit unserer Weltwahrnehmung durch technische Geräte wie die VR-Brillen und alle Formen von mixed reality wird es breiten Bevölkerungsschichten erleichtern zu erkennen, dass sie immer schon in gemischten, virtuell überbauten Realitäten lebten, dass jede Form von religiösen, politischen, ideologischen, aber auch als 'wissenschaftlich' etikettierten Anleitungen zur 'richtigen' Weltwahrnehmung letztlich virtuell, nicht zwingend, relativ und damit änderbar ist.

In den nächsten Jahrzehnten wird sich mit dieser Erkenntnis das legendäre Beispiel vom 'hundertsten Affen' wiederholen. Du weisst: wenn hundert Affen auf einer Insel damit anfangen, eine Frucht zu waschen vor dem Verzehr, tun es plötzlich alle auf der Insel; dann greift es über auf andere Inseln, ohne dass ein direkter Kontakt zwischen den Affen der ersten und der weiteren Inseln bestanden hätte. Genau so wird es geschehen mit der Einsicht in die Relativität jeglicher Wahrnehmung.

Dies wird wundervolle Folgen haben. Die Vielfalt der Wahrnehmungs-interpretationen wird bestehen bleiben, ja noch zunehmen, da sich nun auch all diejenigen getrauen, ihre von andern sich unterscheidenden Wahrnehmungsresultate kundzutun, die es früher aus Angst vor der Reaktion des Umfeldes nicht taten; eine oft berechtigte Angst, wenn im Umfeld Menschen waren, die einen absoluten Wahrheitsanspruch für ihre eigene oder die gerade modische Art der Wahrnehmungsinterpretation reklamierten. Der so blutig geführte Kampf um 'Wahrheit' wird dem entspannten Wettbewerb um Spielregeln weichen, bei denen allen Beteiligten immer klar bleibt, dass sie nur innerhalb des Spiels, innerhalb des Sports, des Modells, innerhalb einer klar begrenzten Rechtsordnung gelten. Bei diesen Spielregeln gibt es zwar richtig und falsch, aber sie sind änderbar, wie es die Regeln eines Spiels oder einer Rechtsordnung heute schon sind. Systeme mit absolutem Wahrheitsanspruch wie gewisse Religionen, Sekten oder politische Utopien geraten so ganz automatisch an den Rand, werden belächelt und liefern bestenfalls noch Stoff für historische Filme. Der Sinn von 'richtig' und 'falsch' und allem, was im Graubereich dazwischen liegt und die Institutionen, die das jeweils gerade Gültige und damit 'Richtige' in einem Modell durchsetzen, ist einzig und allein die Funktionalität. Alle Spieler wissen, dass ein Spiel nur funktioniert und allen nachhaltig Spass macht, wenn sich alle an die Spielregeln halten. Im Modell einer Rechtsordnung oder einer Religion ist es genauso. Es ist grundsätzlich wurst, ob man auf der linken oder auf der rechten Strassenseite fährt. Aber alle Mitspieler in einem geographisch klar bestimmten Gebiet sollten sich an die dort geltende Spielregel halten, sonst funktioniert das Spiel nicht mehr und es entstehen unnötige Schäden. Genauso ist es mit den Religionen. Es ist doch egal, auf welche Weise man seine Dankbarkeit zeigt, die Schöpfung, einen Schöpfer preist. Aber wenn man zu einer bestimmten Weise, diese Freude und Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, ja gesagt hat, sollte man sich an die Rituale und Spielregeln dieser Gemeinschaft halten. Speilregeln ohne Absolutheitsanspruch, aber 'richtig' und ernst zu nehmen innerhalb der Gemeinschaft, genau so ernst wie das Linksfahren in Greatbritain. Aber mit welcher Religion man offen und tolerant gegenüber Andersgläubigen ist, kommt letztlich nicht drauf an und wird in naher Zukunft zur Privatsache.

Das heisst aber auch, dass das proklamierte grausliche Jahrhundert der Religionskriege in Bälde versandet, sich wandelt zu einem Jahrhundert der Toleranz. Wenn alle wissen, dass Wahrnehmung nicht nur zu völlig unterschiedlichen Resultaten führen darf, sondern dass dies sogar zwingend und logisch ist, fällt der Schritt zur Toleranz leicht. Man besucht sich dann gegenseitig in den benachbarten Weltsichten, wie wir uns heute in unseren Wohnungen und Häusern, Gärten, Ländern und Kulturen besuchen. Und genau wie bei den Besuchen in der materiellen Welt, die so materiell gar nicht ist, sind wir auch bei den Besuchen in den geistig-seelischen Bereichen der andern manchmal begeistert, manchmal verwundert, manchmal auch etwas ratlos.

Damit ist auch der Weg für die weltweite Demokratisierung geebnet. Wenn wir wissen, dass die Wahrnehmung jedes einzelnen Individuums gleichberechtigt ist, dass keiner – kein Führer, kein Diktator, kein Ideologe, kein Religionsgründer, aber auch kein Wissenschafter und kein Experte – einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, auf absolute Wahrheit seiner Wahrnehmungsinterpretation hat, werden vermehrt alle Einzelwesen angehört, unabhängig von ihrer äusseren Form, ihrer Stellung und Bedeutung in irgendeinem Kollektiv. Auch und gerade die Wahrnehmungen der Kinder werden in Zukunft ernster genommen und wir werden erkennen, dass sie oft noch eine Verbindung in andere Welten haben, die den meisten Erwachsenen abhanden gekommen ist. Auch die Weltsichten derer, die wir heute als 'abnormal' bezeichnen, weil ihre Wahrnehmungen sich stark vom mainstream unterscheiden, werden in Zukunft achtsamer gehört und beachtet werden.

Der nächste Schritt wird unseren Umgang mit Tieren betreffen. Wenn ein Grossteil der Menschheit erkannt hat, dass das menschliche Bewusstsein und seine Art, die Welt wahrzunehmen, nur eine Möglichkeit und innerhalb der Menschheit höchst unterschiedlich ausgeprägt ist, spricht nichts mehr dagegen, auch die Weltwahrnehmung der Tiere ernster zu nehmen. Der zukünftige Mensch wird die ihm nie wirklich zustehende 'Krone der Schöpfung' ablegen, die eitle Wertung aus Darwins Pyramide herausnehmen, sie um neunzig Grad drehen, sozusagen flachlegen und wertfrei die unterschiedliche Weltwahrnehmung mitsamt den so faszinierend verschiedenen Möglichkeiten, wie sie zustande kommt, die so unterschiedlichen Wahrnehmungssysteme von Myriaden von Entitäten auf unserem Planeten erforschen.

Wenn wir unsere Mitbewohner auf diese neue Weise, auf Augenhöhe und mit der Vorstellung gleichberechtigter Teammitglieder wahrnehmen, werden wir auch die faszinierenden Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Tieren, Pflanzen, Mineralien, ja Einzelzellen mit viel mehr Respekt und Gewinn studieren und erkennen, dass die menschliche Sprache, auf die wir uns so lange so viel einbildeten und sie sogar als elitäres Merkmal für unsere herausragende Sonderstellung in der Schöpfung betrachteten, im Vergleich zur riesigen Welt anderer Kommunikationsformen eine recht bescheidene Art der Verständigung mit einer unerreicht hohen Missverständnisquote ist.

Wir werden uns mit der gleichen Leidenschaft, mit der sich unsere Vorfahren der Spaltung bis hin zur Kernspaltung widmeten, um Macht und Gewinn zu erzielen, der Vereinigung bis zur Verschmelzung der Atomkerne widmen –und siehe da, es wird bei der Verschmelzung keine lebensgefährlichen Abfallprodukte geben wie bei der Spaltung.

Dann kommt der Tag, an dem wir erkennen, dass Vereinigung, Verschmelzung nichts anderes ist als das Prinzip der Liebe. Wir werden erkennen, dass Vereinigung nur zum Preis der mehr oder weniger vollständigen Aufgabe des Egos, mit dem mehr oder weniger vollständigen Verzicht auf Bedingungen zu haben ist. Und je mehr Menschen dies erkennen, desto häufiger wird es vorkommen, dass einzelne nach einem erfüllten Leben den Schritt in die völlige Aufgabe des Egos, in den ausnahmslosen Verzicht auf Bedingungen wagen, damit den Schleier der Maya lüften und in der Einheit, aus der wir alle ursprünglich stammen, erwachen werden.

Die Zurückgebliebenen, die als Letztes das herzerfrischende Gelächter der Erwachten hörten, kriegen Lust auf diesen Prozess der 'Entschöpfung', des Rückwegs aus der Schöpfung ins Paradies, und immer mehr Alte hören auf, sich verzweifelt an ihr Körperfahrzeug zu klammern, widmen sich nach ihrem abenteuerlichen Weg auf dem blauen Planeten dem Heimweg, entdecken die Relativität der vier Schöpfungsparameter Zeit, Raum, unterscheidbare Objekte, kausale (und andere) Relationen zwischen den Objekten.

Nach und nach wird aus dem Schmunzeln ein Lächeln, wenn sie erkennen, dass die Zeit nur ein grandioser Witz ist, ein nötiger Witz allerdings, da das menschliche Bewusstsein so konstruiert ist, dass es nur ansatzweise eine Fülle von Erscheinungen gleichzeitig wahrnehmen kann; dass der Raum ebenfalls nur ein Hilfskonstrukt ist und nur nötig, solange wir die Illusion der Abgetrenntheit voneinander, die Vorstellung des Abstands, der Getrenntheit, der Subjekt-Objekt-Spaltung pflegen; und dass schliesslich der Zerfall, die Aufspaltung der Einheit in Myriaden von Objekten, von denen sich jedes einzelne mit Bewusstsein ausgestattete als Subjekt empfindet, auch nur eine Vision ist, die man als ein Spiel des Schöpfers anschauen kann, eines Schöpfers, der dieses Spiel auch jederzeit beenden kann, wie wir es mit unseren Gedankenspielen auch tun können.

Das Einverständnis wächst für die Verschiedenartigkeit der kulturellen Verpackung dieser uralten Einsichten, aber auch das Verständnis der Alten für die Jungen, die noch auf dem Hinweg der möglichst abenteuerlichen Entfaltung und Stärkung ihres Egos sind – und das Verständnis der Jungen für die Alten, die auf dem Heimweg sind und ihr Ego abbauen, wenn irgendmöglich bis zur vollständigen Aufgabe, die einhergeht mit der einverständlichen Loslösung vom Körperfahrzeug, sodass die Heimkehr in die Einheit zu einem Glückserlebnis wird.

Ob es diese Einheit, diesen Zustand des Paradieses, des Himmels, des Nirwanas, des Tao dann wirklich gibt und ob wir das mit unserem menschlichen Bewusstsein, das wir vor dem Übertritt ja aufgeben müssen, oder mit einem anderen, höheren, kosmischen Bewusstsein wahrnehmen können, darf und soll offenbleiben. Gerade dieses Geheimnis macht ja auch den Übergang, der von vielen nur als jämmerliches und endgültiges Versagen des Körpers gesehen wird, zu einem geheimnisvollen, ja vielleicht zum spannendsten Abenteuer des Lebens.

Insgesamt gehen wir wundervollen Zeiten entgegen, in denen die Menschheit Quantensprünge der Erkenntnis machen wird."

Der Pessi schüttelte nur den Kopf über so viel naiven Zukunftsglauben. In diesem Augenblick liess ihn ein Geräusch zusammenzucken. Es war ein metallisches Klicken, wie wenn Magazine in Gewehre eingesetzt werden. Mit einem Satz sprang er von seinem Sitz hoch und versuchte, den völlig entspannt im Stuhl hängenden Opti ebenfalls hochzureissen. Vier vermummte Männer mit Gewehren – es waren Kalaschnikows, wie der Pessi sofort erkannte – stürmten in die Gartenbeiz und eröffneten das Feuer, "Allahu akbar!" brüllend. Dem Pessi gelang es gerade noch, den Opti um die Mauerecke zu zerren, doch nach wenigen Metern brach der Opti zusammen. Ein Schuss hatte sein linkes Bein getroffen und er blutete stark.

Aus dem Innern des Restaurants ertönten Schüsse und Schreie. Pessi zischte: "Sobald die drinnen fertig sind, kommen sie raus und erledigen auch uns!" – "Nur mich. Ich bin alt und bereit. Aber du bist jung und hast das Leben noch vor dir." Pessi zögerte, versuchte Opti anzuheben, doch dieser winkte ab: "Flieh bitte, du hast eine Chance, wenn du im Spurt zum Parkplatz rennst und dich dort hinter den LKWs versteckst. Sie werden sich nicht die Zeit nehmen, dich dort zu suchen. Du schaffst es", sagte er erstaunlich ruhig.

In diesem Augenblick hörte das Gewehrfeuer im Gebäude abrupt auf. Mit einem gepressten Fluch rannte der Pessi los. Keine Sekunde zu früh. Die vier Vermummten stürmten aus dem Lokal und inspizierten zum Glück zuerst die andere Seite des Gartens. Als sie sich der Parkplatzseite zuwandten, war der Pessi verschwunden. Anstatt sich tot zu stellen, nickte der Opti den Männern zu und sagte: "Ja, Allahu akbar. Aber auch Buddha und Christus sind akbar." Einer der Vermummten wandte sich ihm zu und wollte gerade das Feuer eröffnen, als ihn einer der andern, der den Angeschossenen offenbar verstanden hatte, zurückhielt. "Komm, wir nageln den Kafir an die Wand. Als Zeichen dafür, was allen Ungläubigen wartet."

Der Angesprochene nahm etwas unwillig sein Gewehr aus dem Anschlag und nickte dann dem Anführer zu. Ein Dritter ging zurück in die Restaurantküche und kam mit mehreren langen Messern und einem Hammer zurück. Mit erstaunlicher Behändigkeit nagelten die vier den Opti an die Balken des alten Riegelhauses, indem sie sich auf die an die Mauer geschobenen Gartentische stellten. Die Füsse des Gekreuzigten baumelten allerdings blutend und haltlos vor der Hausmauer, die sich als undurchdringlich für die Küchenmesser erwies. Mit einem hämischen Grinsen verliessen die vier den Ort des Geschehens, sprangen in den bereitstehenden weissen Kombi und brausten davon.

Der Pessi hatte die Kreuzigung mit Entsetzen mitangesehen und kam nun aus seinem Versteck hervor, nervös um sich blickend. Als er vor dem Gekreuzigten stand, sah er, dass dieser aus einer Wunde an der Seite, aus seinem Bein und den Wundmalen an den Füssen bereits viel Blut verloren hatte. Sofort schob er die Gartentische wieder zur Mauer, zerrte mit aller Kraft mit beiden Armen gleichzeitig die Messer aus den Händen des Gekreuzigten, sodass dieser mit einem Krachen auf einen der Tische fiel und nun auch noch aus den Händen blutete. Pessi riss sich sein Hemd vom Leib und zerriss es in Bahnen, um die Blutungen zu stillen.

Doch der ermattende Opti schüttelte sanft den Kopf, lächelte den Pessi an und sagte mit brechender Stimme: "Es ist alles nur ein Spiel….und das Beste kommt…jetzt…".

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