Denk-Aufgabe 1701 vom 1.1.2017

 

Eigentherapie

 

Wenn du mit der Mode gehst, hast du selbstverständlich bereits ein ganzes Set von Therapeuten. In gehobeneren Kreisen gehört das längst zum guten Ton. Und zwar hat man beileibe nicht nur sowas Gewöhnliches wie einen Psychotherapeuten, womöglich einen vorgestrigen Freudscher oder Jungscher Machart. Auch die abgelutschte Vokabel 'Therapeut' wird vom In-People locker umschifft: Coach klingt bedeutend sportlicher. Irgendwie weniger krank. Und für Notfälle wie das Sackmesser, das der vorsintflutliche Patenonkel vom Land unserem Jüngsten zu Weihnachten geschenkt hat, gibt es immer noch die allzeit verfügbaren Care-Teams, die die traumatisierten Geschwister, Mitschüler, Lehrer und den Hauswart der evakuierten Schule betreuen helfen.

Und jetzt kommt das beschämende Geständnis – bitte nicht weitersagen! Ich muss am Boden zerstört und völlig zerknirscht zugeben: obwohl an der Goldküste aufgewachsen, gehöre ich nicht dazu. Weder zu denen, die sich eine so beeindruckende Armada von Coaches leisten können noch zu jenen, die – wie so viele arbeitsferne Millionärsgattinnen vom Zürichsee – freiwillig bei den unzähligen Care-Teams mitmachen oder zumindest mitzahlen. Nur schon für dieses bedrückende Gefühl des Nicht-Dazugehörens, des 'Out'-Seins, hätte ich einen gefühlten Anspruch auf eine junge, hübsche Trauma-Coachin; ähm: Coachöse, Coachina? Ja wenn man den Anspruch nicht einmal formulieren kann, darf man auch nicht auf seine Befriedigung hoffen. Ausser vielleicht man sei Asylant, Migrant oder noch besser 'Flüchtling'. Aber nicht ein innerhelvetischer Landflüchtling, den es in die verdichtete Stadt zieht, in der naiven Meinung, dort seien mehr Dichter zu finden als zwischen den Miststöcken. Nein, ein wahrer Flüchtling muss einer sein, der zu den Gewiefteren seines fernen Herkunftslandes gehört und deshalb dort eigentlich spätestens beim Wiederaufbau gesellschaftlicher Strukturen gebraucht würde, es aber vorzieht, die Entwicklung mal vom sicheren Hotel Schweiz aus zu beobachten. Ein solcher junger, arbeitsfähiger Einwanderer braucht seinen Anspruch nicht formulieren zu können. Unsere Willkommenskultur weiss, was er braucht: zuallererst ein Smartphone seiner Wahl. Dann Kleider, Sneakers und möglichst auch eine Wohnung seiner Wahl. Er soll sich ja wie zuhause fühlen; also, eigentlich natürlich besser als zuhause, weil dort gefiel es ihm ja nicht mehr. Dass er vielleicht gern arbeiten würde, um sich so sein Auskommen selber zu verdienen – darauf kommt die Willkommenskultur nicht. Denn Arbeit ist ja – zumindest in den Kreisen, die die Willkommenskultur bei uns repräsentieren – etwas Negatives, etwas, was man nur tut, wenn man muss.

Tja, lassen wir das. Eigentlich geht es ja nur darum, all denen einen praxistauglichen Tipp zu geben, die sich all die modischen Therapeuten und Coaches nicht leisten können. Der Tipp ist simpel: Coache dich selbst! Einziger Trick dabei: Du solltest üben, sozusagen aus dir auszusteigen, dich neben dich zu stellen und dich anzuschauen wie einen Fremden, einen anderen. Nüchterne, leidenschaftslose Selbstbeobachtung. Das erfordert eine nicht zu unterschätzende Anstrengung, weil du dich wenigstens kurzfristig von deiner Befindlichkeit, deinen Emotiönchen und – vor allem – von deinem grenzenlosen Selbstmitleid verabschieden solltest. Schaffst du das, ist das schon die halbe Miete. Der beste Beweis, dass du es geschafft hast, ist, wenn du von einem Lachanfall überwältigt wirst, ähnlich dem des Archimedes, Merlins blitzgescheiter Eule im Disneyfilm The sword in the stone.

Wenn du dich genügend ausgiebig gekugelt hast vor Lachen über das, was du da entdeckt hast, nämlich dich, dann trockne die Lachtränen und nimm die Erkenntnis mit, dass du einen Behinderten gesehen hast. Und bevor du jetzt wieder die in diesem Setting absolut verbotene Emotion des Selbstmitleids zulässt, überträgst du – gewagt, ich weiss, wie alle analogen Schlüsse, aber nichtsdestotrotz highly efficient – die Erkenntnis auf alles, was du siehst:

Alle sind und alles ist 'behindert', handicapé – oder, wenn dir der Begriff zu sehr nach Rollstuhl riecht, 'mangelhaft', 'unperfekt'. – Tja, vielleicht banal, diese Erkenntnis. Das hat es doch seit dem Urknall oder der Schöpfung – was dir lieber ist – so an sich mit der Welt, die wir vorfinden: sie ist nicht perfekt, war es nie und man braucht kein Prophet zu sein um vorauszusagen: sie wird es wohl auch nie sein. Das glauben höchstens ein paar religiös kontaminierte Halbwahnsinnige; und auch bei denen muss zuerst sowas wie ein jüngstes Gericht über die Lande brausen – sodass dann nur noch ihre eigene Sekte, Gruppe, Kirche, Gemeinschaft, Bande übrig bleibt. Dann, aber erst dann, wenn es nur noch Zeugen Jehovas oder Scientologen oder Sunniten oder Schiiten oder Furziten oder Clitorisschnipsler oder die Weihräuchler der una ecclesia oder die selbstgerecht verblödeten Calvinisten oder was weiss ich für herausragend Behinderte gibt, die ihren unsäglichen Quatsch für allgemeingültig erklären, dann ist die Welt für diese paar verbliebenen Sunnyboys vielleicht 'perfekt'.

Lassen wir den doch recht unwahrscheinlichen Fall mal beiseite und nehmen wir fröhlich an, sie, die Welt, sei es fürderhin nicht: 'perfekt'. Also haben wir es mit lauter Mängelwesen und Mangelerscheinungen zu tun, uns selbst eingeschlossen. Und was bauen Mängelwesen den ganzen Tag? Natürlich Scheisse. Weil dem so ist, sind ja auch alle Dinge, alles von den lebendigen Mängelwesen Gebastelte bzw. Mitverursachte mangelhaft. Also ist – ich weiss, für mit Smartphones aufgewachsene Menschen mit der Aufmerksamkeitsspanne eines toten Goldfischs, nämlich ca. 0.0 Sekunden, ist Denken entweder völlig unbekannt oder mit einer gigantischen Anstrengung verbunden. Genau das gehört ja zu den eklatantesten Mängeln der modernen Mängelwesen. Das macht es natürlich – logischerweise für die wenigen Vorgestrigen, die jetzt noch mit mir sind – den meisten unmöglich, meinen Gedanken zu folgen, die zur sensationellen Erfolgsquote meiner hier skizzierten Eigentherapie führen; trotzdem führe ich den langen Satz hier noch weiter: also ist die eigene Mangelhaftigkeit keine Katastrophe, so wenig wie die Mangelhaftigkeit von allem, was in unser Blickfeld gerät.

Also ist auch die mangelhafte Fähigkeit vieler Mitwesen, aufmerksam wahrzunehmen, zu denken und zu kommunizieren – Dinge, die mich bislang an den Rand des Wahnsinns trieben – keine Katastrophe, sondern im Gegenteil der beste Beweis, dass wir uns immer noch auf der Folgespur von Schöpfung oder Urknall befinden. Wenn wir jetzt noch den Dreh rauskriegen, immer mit dem Mangelhaften zu rechnen, nie mit dem, was wir für ganz simpel, ganz logisch, ganz aufgeklärt, ganz vernünftig, ganz emotional intelligent halten, sondern grundsätzlich mit dem, was nicht nur uns, sondern auch den agierenden Mängelwesen, uns miteingerechnet, selbst mehr schadet als nützt, dann kommen wir aus dem archimedes'schen Lachen gar nicht mehr heraus. Wenn wir dann doch – sozusagen irrtümlicherweise – doch einmal Zeuge einer eigenen oder fremden Tat, eines eigenen oder fremden Gedankens, Ereignisses werden, das wir für logisch, vernünftig, aufgeklärt, sinnreich halten, hat unsere Freude, ja Begeisterung die Chance, echt zu sein, nicht zynisch, verbittert, abwinkend und das Ereignis als 'Tropfen auf den heissen Stein' marginalisierend wegzuschieben.

Tja, das war jetzt die Theorie und angesichts oder eingedenks der vielen Mitwesen, die nur schon bei der Vokabel 'Theorie' Hautausschläge kriegen oder – hautschonender – das Buchstabenkonglomerat weder im aktiven noch im passiven Wortschatz haben, wollen wir flugs zur Praxis übergehen. Versuchen wir es mit der Kommunikation. Als man noch mit Rauchzeichen Botschaften versandte, meist überlebenswichtige, war das Gelingen von Kommunikation von vielen Faktoren abhängig: es durfte kein Nebel herrschen, kein starker Wind, der die Wölklein in die falsche Richtung getrieben, kein prasselnder Niederschlag, der sie erstickt hätte – und vor allem: der oder die Empfänger hatten zur richtigen Zeit in die richtige Richtung zu glaren – und sie mussten das Codesystem kennen, mussten wissen, was die Abfolge der Wölklein zu bedeuten hatte. Wenn das alles klappte, war die Freude – so stelle ich mir das zumindest vor – gross und sowohl beim Sender wie beim Empfänger stellte sich wohl ein gewisser Stolz über das Gelingen ein, auch wenn die übermittelte Datenmenge vielleicht winzig gering war, zum Beispiel "Achtung Gefahr. Die Komantschen haben das Kriegsbeil ausgegraben."

Heute sind grosse Teile der Menschheit über unzählige Kommunikationskanäle permanent verbunden. Sie könnten sich also jederzeit beliebige Datenmengen übermitteln. Sie tun es aber nicht. Das Mängelwesen lässt grüssen. Die Möglichkeit allein birgt bekanntlich in keiner Weise ihre Umsetzung. Das mag bei den vielen Atombömbelis, die allüberall in dunkeln Kavernchen lagern, eine halbwegs tröstliche Einsicht sein, bei der vermeintlich harmlosen Kommunikation ist es doch eher erstaunlich. Die hochgejubelte technische Entwicklung – ich vermeide ganz bewusst den für meine Ohren in seiner positiven Konnotation leicht lächerlich klingenden Begriff des 'Fortschritts' – scheint nicht das geringste zur Freude an gelingender Kommunikation beigetragen zu haben. Im Gegenteil. Die Freude scheint sogar fast völlig abhandengekommen zu sein.

Sogar die urururalte Grundregel jeder Form von kommunikativem Austausch hat ihre Gültigkeit verloren: dass man antwortet, wenn man angesprochen wird. Damit sind wir zurück auf Feld 1. Denn schon Adam und Eva haben geantwortet, nicht nur mit Sprache, auch metaphorisch: Schöpfung oder – wem das lieber ist – Urknall-Derivate, deren wir gewahr werden, kann man als 'Ansprache' verstehen, auf die wir mit Wahrnehmung, Erkenntnis und respektvollem, achtsamem Agieren antworten (könnten). Das moderne Mängelwesen scheint nicht einmal mehr das hinzukriegen. Es stopft sich von früh bis spät voll mit Daten, die aus allen möglichen Geräten quellen. Unfähig, sie zu verdauen, kotzt oder scheisst es sie vorn oder hinten in wenig qualifizierter Weise wieder aus, wenn die Darm- und Hirnwindungen überfüllt sind. Mit 'Antworten' hat das wenig zu tun. Mit dem exponentiell wachsenden Bedarf an Therapeuten oder Coaches vielleicht schon mehr.

Aber wie gesagt: Ärger darüber, dass wir uns gar nie ernsthaft von Feld 1 wegbewegt haben, ist unnötig. Entsetzen darüber, dass die Spielwiese sich nur äusserlich ständig ein wenig verändert, die Klamotten der Rumwuselnden und ihre Spielsteine oder Bälle ein bisschen wechseln – die Mangelhaftigkeit und Lächerlichkeit der Spieler aber stets dieselbe geblieben ist, hilft nicht weiter. Das beste Remedium – also ein Mittel, das uns wieder in die Mitte zurückhülfe – ist das, was Merlins kluge Eule Archimedes tut, als sich dessen Bart im Propeller seines Modellflugzeugs verheddert und dieses jämmerlich abstürzt. Er kriegt sich fast nicht mehr ein vor Lachen.

Für alle die, die nur den Anfang und den Schluss eines Textes lesen, hier also die vorgeschlagene Eigentherapie für die, die sich keinen Strauss von Therapeuten-Coaches leisten können: Seien Sie nachsichtig mit sich und allen anderen Behinderten. Und lachen Sie sich futsch!

 

Bildergebnis für Archimedes Disney

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