Denk-Aufgabe 1702 vom 14.1.2017

 

Software ohne Hardware?

 

Hardware ohne Software kann sich jeder vorstellen, der sich mal einen tollen Laptop gekauft hat und dann kein Geld mehr hatte für die vielen leckeren Programme - wie Mani Matter im Lied vom 'Portemonnaie'. Aber was soll Software ohne Hardware? Wenn man's genau nimmt, sind ja die Datenträger, auf denen die Software drauf ist, auch schon wieder Hardware? Reine Software wäre dann sowas wie eine nicht aufgeschriebene Idee, ein geistiger Inhalt, der nirgends konkret in eine Form gesteckt wurde. - Und jetzt kommt dieser Platon vor fast 2500 Jahren und behauptet, die Software, die Ideen existierten völlig unabhängig vom Materiellen, von den Dingen, die wir Realität oder - noch vertrackter - 'Wirklichkeit' nennen. Vertrackt deshalb, weil da das Verb 'wirken' drinsteckt. Dies entspricht durchaus dem heutigen Mainstream-Denken, das die Materie als das 'Wirkende', als die Ursache für das 'Geistige' ansieht. Unsere Ideen sind dann sowas wie vom Hirn Ausgeschwitztes. Bei Platon war es genau umgekehrt. Das Geistige, Immaterielle, das Reich der absoluten und unzerstörbaren Ideen war das 'Wirkende', das die konkreten, immer unvollständigen, mangelhaften und relativen körperlichen Dinge formte, bewirkte, erzeugte bzw. ihnen mehr oder weniger grosse Anteile an den Ideen mitgab.

Die Seele, griechisch 'psyche', bei Platon etwas Immaterielles, Unzerstörbares, vor und nach unserem Körper Existierendes, das dem einzelnen beseelten Wesen Zugang zum Reich der Ideen verschafft, ist von unserem materieversessenen Zeitgeist längst abgeschafft worden. In der 'Psychologie' und der 'Psychiatrie' steckt sie als Begriff noch drin. Aber in der psychologischen Praxis gibt es sie auch kaum mehr. Da wird viel geredet, um die Schuldigen für unser Opferdasein zu finden. Statt der Seele gibt es bei jeder und jedem unzählige Traumata, wir sind alle depressiv, 'outgeburnt' in unserer sinnentleerten Welt (mit der Ersetzung der die Inhalte zu deuten versuchenden Religionen durch die die Materie untersuchenden Wissenschaft wurde lustigerweise auch gleich die Vorstellung, Welt könnte Sinn haben, den es zu deuten gälte, abgeschafft. Und fast im gleichen Aufwaschen wurde dann auch Gott vor über 100 Jahren von Nietzsche (und anderen) für tot erklärt. Und die, die sich heute noch auf ihren Allah berufen, sind meist auch nicht gerade anmächelige Typen. Aber in der Psychologie, die eigentlich die Seelenlehre sein sollte, werden Statistiken gemacht, es wird gemessen und am Körper rumgedrückt und es werden die erlaubten Drogen verschrieben, die witzigerweise 'Psychopharmaka' heissen (salopp übersetzt: 'Seelenvergifterli'). Ohne Seele sind natürlich all die armen Körper reine Opfer ohne Eigenverantwortung. Bei Platon - und auch noch bei Kant - läge es an uns, uns aus der 'selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien' (Kant) und uns um einen 'Zugang zum Reich der Ideen' zu bemühen (Platon).

Und deshalb bemühe ich ja die Vorstellung einer ohne Hardware existierenden und die Hardware wo nötig sogar erzeugenden Software und versuche mir auszumalen, wie das wäre, wenn wir Zugang zur Software hätten ohne dafür Hardware zu brauchen. Ein Software-Entwickler könnte doch einer sein, der eine Idee hat - aber nicht im Sinne eines Einfalls, sondern im platonischen Sinne einer, der einen geistigen Zugang zu einem absoluten, reinen Ideal hat, von dem er weiss, dass er es in der konkreten Umsetzung nicht erreichen wird, aber dem er nacheifert, das er so gut wie möglich zu realisieren sucht: die ideale Behausung, der ideale Online-Shop, die ideale Verteilung der Güter, das Ideal der Schönheit und so weiter. Und während der Phase der Realisierung, der Umsetzung der idealen Idee in konkrete materielle Form ist es doch nicht abwegig, zu behaupten, die Idee, der geistige Inhalt, die Software sei das Ursächliche, das Bewirkende, das die Formwerdung Bestimmende.

Und damit könnte uns plötzlich plausibel erscheinen, dass es vielleicht doch etwas schade war, die Seele abzuschaffen und das platonische Reich der Ideen, die das nur vorstellbare, aber nie materiell vorfindbare oder erschaffbare Ideal meinten, zu reduzieren auf ein simples neurologisches Phänomen, auf ein paar Hirnzellen, die interagieren und uns zum Beispiel den grandiosen Einfall bescheren, ein Atombömbeli zu basteln. Was da wohl die platonische Idee, das grosse, anzustrebende Ideal dahinter war?

Wenn wir jetzt noch einen kleinen Schritt weiter zu denken versuchen, könnten wir uns vorstellen, dass wir über unsere Software, unsere Seele - oder wem das Wort zuwider oder zu wenig geläufig ist, über unseren Geist - Zugang haben zu allen Idealen, zum Ideal der Schönheit, der Besonnenheit, der Gerechtigkeit, der Achtsamkeit und so weiter, aber dass bereits die Materialisierung in unserem Kopf und Körper - und damit auch unser das Handeln steuernder Charakter mangelhaft ist, vom Ideal abweicht. Das riecht doch herrlich nach grosser Freiheit und - vielleicht etwas strenger duftend - nach Eigenverantwortung?

Es ist dabei aus meiner Sicht völlig wurst, ob Platon Recht hat oder nicht. Hauptsache ist für mich die Vorstellung, dass wir einen direkten Zugang hätten, nein haben, und dass niemand uns daran hindert, ihn auch stärker zu benutzen. Und dass die Benutzung dieses Tickets zur Welt der Ideen unser Leben reicher, spannender machen kann.

Es geht mir nicht darum, die Hardware runterzumachen, den Leib im mittelalterlichen Stil zu verachten, sondern ihn liebevoll-kritisch in seiner Mangelhaftigkeit anzunehmen. Wir könnten doch versuchen, unseren Körper und alle von uns wahrgenommenen Wesen und Dinge, auch die 'Welt', die wir wahrnehmen, so anzuschauen, wie wir zum Beispiel Autos anschauen, im Wissen, dass es das perfekte, das ideale Auto nicht gibt, dass keines für jeden Einsatz ideal ist, dass jedes irgendwelche Mängel hat und - je älter es wird - die Mängel zunehmen. Tun wir das, dann werden wir lockerer, verzeihender dem Mangel gegenüber, dem Mangel in und an uns, den Mangel, den wir an andern, an den Dingen, an der Welt täglich entdecken. Und gleichzeitig könnten wir uns bemühen, immer wieder die ideale Software zu denken und sie so gut wie eben möglich zu realisieren, zu materialisieren.

Die Vorstellung, dass das Reich der Ideen und auch unsere Seelen unzerstörbar sind, lässt uns die Mangelhaftigkeit der Hardware besser verkraften. Nicht im fatalistischen Stil den Mängelhaufen sich selbst überlassen, der Entropie freien Lauf lassen, aber mit einem nie ganz verschwindenden Schmunzeln uns der täglichen Aufgabe stellen, den Stein des Sisyphos den Hügel hinaufzustossen - im Wissen, dass wir das Ziel, den Gipfel, das mängelfreie Ideal nicht erreichen, solange wir in der Hardware stecken, im Fleisch, im Gefängnis des Körpers, der im Zusammenhang mit der Inkarnation eines Gottessohnes auch einmal als 'Sarg' bezeichnet wurde ("kai ho logos sarx egeneto" - meist übersetzt mit "Und das Wort ward Fleisch"; im girechischen 'sarx' hören wir aber den deutschen 'Sarg' heraus, das Fleisch, der Körper ist in dieser Vorstellung der Sarg des 'Wortes', der 'Idee').

Das Schmunzeln ist mir wichtig. "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen", empfahl der französische Autor und Philosoph Albert Camus.

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