Denk-Aufgabe 1709 vom 14.8.2017

 

Gretchenfragen

Wie hast du's mit der Motivation? Zum Beispiel mit der für die Kollektive, denen du dich zugehörig fühlst? Willst du damit primär die Grenzen markieren zu denjenigen, mit denen du nichts am Hut hast, die du als Gegner, Feinde, Nichtsnutze, letztlich nicht Existenzberechtigte betrachtest? Dann bist du am besten bei Ideologen, Rassisten und Fanatikern aufgehoben. Es gibt eine riesige Auswahl, von den gerade trendigen Islamisten über die etwas aus der Mode gekommenen, von den Alt-68ern aber immer noch wacker am Leben gehaltenen Marxisten, über die effizienzgläubigen, Dollarzeichen-in-den-Augen tragenden Ultraökonomisten, über die Welt mit titanhaltigen Scheuklappen auf Quantifizierbares reduzierenden Wissenschaftsanbeter, über all die schon fast wieder rührend doofen Sektenfritzen (vielleicht hat ja Tom Cruise bei den 3-G-Manövern in 'Top Gun' eben doch eine Hirnmélange abgekriegt?), bis zu den gestiefelten Neonazi-Glatzköpfen ("nein, der Ärmste, zuerst die orthopädischen Schuhe, und jetzt noch die Chemotherapie!") und den richtig gruseligen Ku Klux Klanisten, die seit Twitter-Trumplis Amtsantritt ihre spitzen Käppis wieder aus dem Mottenschrank geholt haben.

Aber man kann sich auch in einem harmlos scheinenden Kaninchenzüchterverein durch Abgrenzung motivieren, wenn man eben die Donaublauen mit den Stichelhaaren als die einzig wahren, echten, authentischen und damit auch züchtenswerten betrachtet und für die Ignoranten, die sich mit sowas Grässlichem wie Dreifarbenkleinschecken oder Belgisch-Riesen abgeben (wie wenn wir mit Brüssel nicht schon genug belgisches Riesen-Geküngel hätten!), nur Verachtung übrig hat.

Die Alternative wäre, seine Motivation in der Innenwelt des Kollektivs zu finden, in der gemeinsamen Freude an einem Tun, der gemeinsamen Leidenschaft für irgendeine Form des Erlebens, der Begeisterung dafür, dass im Kollektiv Dinge möglich sind, die dem Einzelnen verwehrt sind. Das scheint in einer politischen Partei vielleicht auf den ersten Blick etwas schwieriger zu sein als in einem Unternehmen oder einem Reitverein, aber es ist keineswegs unmöglich. Der Unterschied, ob man sich permanent im Kampf befindet gegen die 'andern' und sie eigentlich am liebsten weghaben, ausradieren möchte - oder ob man sich zuerst mal frohgemut an den Aktivitäten des Kollektivs erfreut, ist riesig. Für die Frohgemut-Gelassenen sind die andern im besten Fall bereichernd, man besucht sie vielleicht einmal, lässt sich ihre Leidenschaften erklären oder noch besser vorleben - und manchmal springt der Funke sogar über, wenn man die Begeisterung in den Augen des Belgisch-Riesen-Züchters sieht. Und die andern 'Andern' lässt man einfach leben, links oder rechts liegen, solange sie uns auch leben lassen. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Fangen wir bei uns an. Sind wir in Romeo-und-Julia-Familien, verfeindeten Clans aufgewachsen? Haben wir schon mit der Muttermilch aufgesogen, welche Religion die einzig richtige sei? Haben wir in der Ausbildung eingetrichtert gekriegt, dass wir in der einzig wirklich wichtigen Branche tätig seien? Und hat sich daraus die eigene kämpferische Haltung entwickelt, die uns Fussballer die Handballer, uns Reiter die Fahrer, uns Walliser die "Üsserschwyzer" (sorry, ich liebe einfach diese herrliche Bezeichnung aller Nicht-Walliser), und Romands die 'Totos', uns Weisse die Farbigen missbilligen lässt? (Hmm, ich habe noch nie im Leben einen 'Weissen' gesehen, aber Myriaden von lachs-aprikosen-rötlich- je nach Gesundheits- und Alkoholisierungszustand auch grün-gelb-bläulich gefleckte, ein ganzes Panorama von teils recht scheusslichen Farbkombinationen umfassende Typen gesichtet, jaja, auch im Spiegel, die man - wenn schon - als 'farbig' bezeichnen könnte, die sich aber notorisch als 'weiss' ausgeben und - anstatt um Mitleid zu bitten für ihre Hässlichkeit - sich für die überlegene Rasse halten; wobei zugegeben, die Atombombe haben diese Hellgefleckthäutigen erfunden, so hell sind sie, aber ob das ein Grund zum Stolzsein ist?).

Tja und da weder die äussere noch die geistige Welt schwarz-weiss sind, entdecken wir bei der Selbsterforschung wahrscheinlich eine reich changierende Auswahl von Motivationsfaktoren, je nach Kollektiv, je nachdem, was wir drinnen und draussen gerade erlebt haben und erleben. Wenn wir von aussen, von den nicht zum Kollektiv Gehörenden, tätlich angegriffen werden, wehren wir uns selbstverständlich. Das muss uns aber die Motivation nicht verderben, die immer noch nach innen gerichtet ist.

Also bleibt mir zum Schluss die Aufforderung, die ich allen Rösselern bereits bei der Frage nach der Motivation fürs Reiten ans Herz gelegt habe: Wenn bei der Erforschung deiner Motivation für die menschliche oder tierische Familie, in der du lebst, für das (oder dein) Unternehmen, für das du arbeitest, für den Verein oder Club, bei dem du mitmachst, für die Gemeinde, die Region, das Land, das du dir als Grosskollektiv gewählt hast, wenn bei der Motivationserforschung für irgendeins deiner Kollektive irgendetwas anderes als Hauptmotor herauskommt, als die Liebe nach innen, ins Kollektiv hinein, und du nicht willens oder fähig bist, diese Motivation in die Liebesrichtung zu ändern, dann lass es doch besser bleiben. Du tust dir, dem Kollektiv und den 'andern' einen Gefallen.

Vor vielen Jahren gab es im Nebelspalter eine Rubrik mit 'Giovanettis Kaminfeuergeschichten'. Eine davon erzählte zwar nicht vom Kollektiv, aber von der Motivation für das, was wir tun. Es geht um einen Maulwurf, der beim Aufwerfen eines schönen Erdhaufens kurz ans Tageslicht kommt und am Himmel einen Adler kreisen sieht (jaja, Giovanetti wusste, dass die Maulwürfe fast bis gar nichts sehen, aber versaut uns jetzt die schöne Geschichte nicht). Der Maulwurf hielt kurz inne und sagte dann zu sich: "Ja, bewundernswert, was der Adler da macht - aber der hat noch nie eine richtige Scholle durchwühlt!"; sprach's und stürzte sich lustvoll zurück in die lockere Erde.


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