Denk-Aufgabe 1710 vom 27.10.2017

 

Taking Risk vs Taking Care


Lebensfreundliche Werte, die nicht ausbalanciert werden von ihren Gegenspielern, kippen ins Lebensfeindliche. Es ist das Spiel der Sinuskurve, die sich in allem Lebendigen manifestiert, wobei wir die Bewertung der beiden Schwingungshälften auch weglassen können: eine noch so gewaltig grosse Ausschwingung nach der einen Seite erzwingt irgendwann eine ebenso grosse Ausschwingung auf die andere. Alles Lebendige strebt nach Balance, nach Ausgleich, was sich in der menschlichen Debatte im Wert der Verhältnismässigkeit manifestiert. Das Verhältnis der beiden Seiten der Sinus-Schwingung strebt nach Balance, nach gleicher Grösse, nach Ausgewogenheit, wenn man neben die räumliche Vorstellung die des Gewichts, der Schwere stellen will. Wir können nun versuchen, diese naturwissenschaftliche Erkenntnis auf unsere geisteswissenschaftliche Wertedebatte anzuwenden. Mir geht es bei dieser Debatte nicht um die Etikettierung, sondern um das Spannungsverhältnis der Werte. Ich bezeichne sie vorläufig einmal als 'männlich' und 'weiblich'. Wer an der Etikettierung hängen bleibt, mag das tun, aber das zu erwartende Geschrei von Gender-Ideologinnen ist nicht Gegenstand der Debatte.

Taking Risk
Zu der sogenannt 'männlichen' Wertegruppe zähle ich z.B. Betonung der Verschiedenheit, Individualismus, Täterbewusstsein, Eigenverantwortung, Risiko, Mut, Abenteuer, Freiheit, Wettbewerb, Kampf, Eroberung, Herrschaft, Härte, Disziplin, Angstfreiheit, Nie-liegen-bleiben, Schmerz, Leid und Niederlagen ertragen, Befindlichkeiten für sich behalten. Am pointiertesten wurde diese Wertegruppe vielleicht vom deutschen Schriftsteller Ernst Jünger vertreten im oft zitierten Satz, den er auf einer Verschiebung frontwärts im 1. Weltkrieg als Antwort auf die Frage eines Generals nach seinem Befinden geäussert haben soll: "Darf man denn hoffen, dass man noch ins Feuer kommt?" Einseitige Dominanz dieser Wertegruppe würde also nach meiner Theorie unvermeidlich vom Lebensfördernden, Lebenserhaltenden ins Lebensfeindliche kippen. Die überblickbaren Jahrtausende der Menschheitsgeschichte mit ihren unzähligen Millionen Ermordeter oder auf dem Schlachtfeld Getöteter liefern wohl genügend Beispiele zur Bestätigung dieser These.

Taking Care
In den letzten Jahrzehnten gewannen die Gegenspieler an Bedeutung und Dominanz, die sogenannt 'weiblichen' Werte wie Betonung der Gleichheit, Kollektivismus, Opferbewusstsein, Delegation der Verantwortung ans Kollektiv, Fürsorge, Empathie, Anspruch auf Gleichstellung, Forderung nach möglichst schrankenloser Umverteilung aller umverteilbaren Güter, Anspruch des Individuums auf Wohlbefinden und Schmerzfreiheit, Sicherheit, Schutz, Regulierung, Einschränkung der Freiheit zugunsten der Sicherheit, Harmonie, Sozialkompetenz, Adelung von Betroffenheit und Befindlichkeit. Obwohl der Prozess des Aufholens der 'weiblichen' Werte und des Ausgleichs der beiden Wertegruppen in gewissen Bereichen auch in den westlichen Wohlfahrtsstaaten ganz klar noch nicht abgeschlossen ist - man denke nur an den Dauerbrenner 'gleicher Lohn für gleiche Arbeit' - und viele Staaten der restlichen Welt noch in massiver Dominanz der 'männlichen' Werte stecken, hat die Dominanz der 'weiblichen' Werte bei uns ein Ausmass angenommen, das meines Erachtens eine Ausbalancierung sinnvoll und hilfreich erscheinen lässt. Sinnvoll unter dem Aspekt, dass wir im Westen und vor allem im alten Kontinent Europa noch nicht gleich abdanken möchten - ein Ziel, das man durchaus hinterfragen darf. Es gibt ohne Zweifel eher zu viele Menschen als zu wenige. Wenn denn ein Teil über die Klinge springen soll, dann vielleicht eher die dekadenten, auf dem Abstieg befindlichen, kraftlosen Gesellschaften, deren Immunitätsabwehr eh schon massiv geschwächt ist. Die Geschichte ist voll von Beispielen für den Untergang ehemals hochkultivierter Kollektive. Auch hier spielt die Sinuskurve und wir könnten uns dem bereits viel besungenen 'Untergang des Abendlandes' auch einverständlich hingeben. Das ist eine durchaus nachvollziehbare und legitime Haltung, aber nicht meine. Ich möchte einen klitzekleinen Beitrag leisten, um Dekadenz und Untergang wenigstens etwas hinauszuzögern.

Balance?
Das Mittel dazu wären die besagten Anstrengungen allüberall nach Ausbalancierung der beiden Wertegruppen, die ich in der Folge nur noch mit den beiden englischen Etiketten 'Taking Care' und 'Taking Risk' einander gegenüberstelle. Taking Care ist wundervoll - und ohne Fürsorge hätten wir alle nicht einmal die Baby-Zeit überlebt. Aber immerdar und überall und ausschliesslich Taking Care führt zur 'Generation Panik', die dann die 'Generation Weichei' heranzieht. Angst vor allem und jedem schreit nach Schutz, Sicherheit, und die ist nur zu haben mit Regeln und immer noch mehr Regeln, die gnadenlos und ohne Anwendung des Verhältnismässigkeitsprinzips angewendet werden. Das ungewollte Ende ist der totale Staat, die Diktatur, das, was ich 'Sowjetisierung durch die Hintertür' nenne. Es ist das klassische Beispiel für den bösen Spruch, dass das Gegenteil von 'gut' nicht immer 'schlecht' ist, sondern oft 'gut gemeint'. Heute werden die Kinder todgeschützt. Die grosse Panik besteht darin, dass ETWAS PASSIEREN könne. Dabei denken die Schutzwütigen natürlich immer an etwas Schlechtes, Grässliches, an Verletzungen, Schmerz und Herzeleid. Im Wahn, dass eben NICHTS PASSIEREN darf, wird die Grenze für das zu Vermeidende immer weiter in Richtung harmlosester und lebensnotwendigster Erfahrungen verschoben, bis das Ziel erreicht ist und tatsächlich rein gar nichts mehr passiert. Leider auch nichts Angenehmes, Positives mehr. Die Kinder sind unbeweglich festgezurrt in ihren absolut sicheren Kinderbetten, Autositzen etc. von der Wiege bis zur Bahre. Und bleiben verständlicherweise Kinder. Und haben leiderleider gar nicht gelebt. Dies allerdings sehr sicher und beschützt. Es passierte rein gar nichts. Ausser dass sie geboren wurden und starben. Dazwischen permanent und sicher festgezurrt.

Die ungelebten Geschichten
Die deutsche Slam-Poetin Julia Engelmann bringt es wunderbar auf den Punkt mit ihrem "Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können." Es trifft den Nerv unserer Zeit mit all dem Nichtgetanen, Nichtgedachten, Nichtgesagten - aus lauter Angst und Sicherheitswahn. Nun kann man einwenden, jede Gesellschaft kriege das, was sie verdiene, was zu ihr passe. Einverstanden. Aber genau deshalb setzen sich Menschen wie Julia dagegen zur Wehr. Und ihr Riesenerfolg zeigt, dass es in vielen Menschen schwelt, diese Ablehnung des überbeschützten Nichtlebens.

Ich selbst bin in der glücklichen Lage, dass ich gemäss obiger Ansichtskarte leben konnte und immer noch lebe, die mir eine heiss verehrte Lady einmal schenkte. Ich wuchs aber auch noch nicht mit Nannys, Hortnerinnen, Kindergärtnerinnen und Primarlehrerinnen auf, die mich vor jedem Schnitt, jedem offenen Knie, jeder Niederlage, jedem Seelenschmetter bewahren wollten. Und bereits als kleines Pfadiwölfli lernte ich das herrliche Gefühl kennen, wenn man irgendein Ängstlein überwunden hatte, mutig über den Bach balancierte, am überhängenden Felsen abseilte, einen Sprung tobelabwärts ins Unwägbare machte - und lebend, aber gestärkt, selbstsicherer aus dem Abenteuer hervorging. Nicht nur wir Jungs, auch die Mädels waren tough und waren genau so stolz wie wir, wenn sie Angst oder Schmerz nicht zeigten. Einmal waren wir eingeladen bei zwei Schwestern, die ein Haus unmittelbar am See hatten. Die beiden kletterten auf eine Trauerweide, deren Äste gerade so weit in den See hinausragten, dass sie ins tiefe Wasser springen konnten - aus einer Höhe von rund zehn Metern. Sie machten das mit Vorliebe immer dann, wenn gerade ein Züriseeschiff in Ufernähe am Haus vorbei Richtung Landesteg rauschte. Sie schrieen dann laut und gestikulierten in der Luft, damit die Leute auf dem Schiff meinten, sie stürzten gerade schnurstraks in den Tod. Mein Freund und ich schauten uns die tolle Demo der Girls an und wechselten einen Blick. Es war klar, wir mussten rauf, ob wir wollten oder nicht. Von Lust war zumindest bei mir keine Rede. Ich war und bin ein miserabler Schwimmer und bin lieber auf dem Wasser als drin. Aber die Blamage als Weichei hätte ich noch viel weniger überlebt. Also rauf, abrechnen mit dem Leben, rausbalancieren auf dem blöden Ast und dann noch richtig abstossen. - Heute würde das Haus evakuiert, Careteams würden die Leute auf dem Schiff, die Eltern der Mädchen und unsere gesamte Verwandtschaft zwangsbetreuen, wir vier kämen in den Jugendstrafvollzug und würden wahrscheinlich lebenslang verwahrt. Wobei mir das abenteuerlose Nichtleben der heutigen Kids ausserhalb einer Verwahrungs-Institution gar nicht so anders scheint als das drin.

Wehrt euch, ihr dem totalen Schutz der Brut verpflichtete Supermütter und ihr im Kokon absoluter Sicherheit gross gewordene Soft-Kids - ich freue mich auf euer Feedback: info@marpa.ch