Denk-Aufgabe 1712 vom 22.11.2017

 

Die wirklich grossen Rätsel der Menschheit

Was wird in den Laboratorien, den Regierungszentralen, den Generalstabsbunkern und an den Stammtischen alles gerätselt über vermeintlich furchtbar wichtige Fragen wie 'Wer drückt zuerst auf den roten Knopf?', 'Wer bastelt die Pille, die uns 120 werden lässt?', 'Wie lange trumpt er noch rum?' 'Isst Macron Maccaroni oder ist er der Messias?' 'Wo und wie kann ich mich direkt nach der Ausbildung pensionieren lassen?' und viele weltbewegende Fragen mehr. Dabei gehen die wirklich hochkarätigen, zeitlos rästelhaften Rätsel gern vergessen. Oder haben Sie sich zum Beispiel schon einmal gefragt, ob der Samichlaus ein Unsterblicher ist? Oder wie er das anstellt, seit Jahrhunderten der Gleiche oder gemäss Heraklit ('Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss') eben doch nicht der Gleiche zu sein? - Tja, ich schon:

 

Der Samichlaus

Klar, viele wissen, dass der Rauschebart und der rote Kapuzenmantel die ideale Verkleidung abgeben für einen Banküberfall in einer Grossstadt am 6.12. Im härenen Sack können locker Millionen und erschossene Schalterbeamtinnen weggeschleppt werden. Dass man ihn mit einem Sprüchlein aufhalten und – wenn's denn ein ganz gutes ist – zum Leeren seines Sackes bewegen kann, wissen hingegen meist nur Ermittler unter 10 Jahren, weshalb die meisten Banküberfälle am 6. Dezember unaufgeklärt bleiben. Was aber niemand weiss – und dies ziemlich genau 233 Jahre nach dem Essay 'Was ist Aufklärung'  des Königsberger Denkprofis Immanuel Kant – ist, wie es kommt, dass es den Samichlaus nun doch schon viele Jahrhunderte lang – ja vielleicht Jahrtausende oder sogar seit dem Urknall oder länger gibt. Was auch immer die Lösung des Rätsels ist – sie bedeutet eine frohe Botschaft – und dies so kurz vor Weihnachten.

Ein Unsterblicher?
Die naheliegendste Variante ist: Der Samichlaus war immer schon ein und derselbe, ein Methusalem, vielleicht sogar ein Unsterblicher. Wäre dem so, liesse das doch hoffen, dass wir alle irgendwann auch so alt werden können. Für die boomende Branche der Geriater vielleicht ein Traumziel, für andere eine eher etwas gruselig-faltige Vision. Bislang ist nur von Abraham belegt – immerhin im Alten Testament, das ja von Gott Jahwe persönlich verfasst worden sein soll – dass er 800 und glaub noch ein paar verquetschte Jahre alt wurde.
Studien müssten nun allerdings noch zeigen – Studien zeigen ja schlicht alles, ich liebe Studien! – ob es nötig oder zumindest hilfreich ist, wenn man so alt werden will, möglichst chlausig, chlausophil (und nicht etwa chlaustrophob!) zu leben, also – und das wäre die frohe Botschaft für die Schwulen – lebenslänglich mit Schmutzli bzw. Knecht Ruprecht und seiner Fitze weitab vom Getümmel im tiefen, dunklen Tannenwald zu leben. Die Nebenfrage, ob Samichlaus auch einmal jung war und wie das auf die inzwischen gut tausendjährigen Kinder wirkte, wenn er mit dunklem Jihadistenbart, mit Sixpack und Rayban-Sonnenbrille gegen die Schneeblindheit mit seinen olympischen Renn-Elchen anrauschte, müssten weitere Studien zeigen. Fragt jetzt nicht nach der Kindheit von Chlaus und Schmutzli und schon gar nicht, wie sie denn überhaupt das Licht der Welt erblickten und was davor war. Die Kosmologen machen auch mal Schluss beim Urknall und man riskiert, eine Uhr knallend an den Kopf geworfen zu bekommen, wenn man einen im Gwunderfitzli-Stil fragt, was denn genau VOR dem Urknall gewesen sei. Bestenfalls kann man ihn mit einer Ur- oder Uhr-Suppe wieder beruhigen.

Eins muss hingegen gar nicht untersucht werden: ob nur Männer so alt werden können, weil Samichlaus und Schmutzli ja zumindest in der Tradition Männer seien. Da braucht es keine Studien, denn auch wenn sie zu diesem üblen Schluss führen würden, wäre das politisch zutiefst unkorrekt und diskriminierend. Und heute muss der Autor jeder Studie – und Studien sind doch der Inbegriff von Wissenschaft, oder etwa nicht? – bei Allah oder einer linken Bundesrätin schwören, dass seine Arbeit diskriminierungsfrei ist, q.e.d. 

Ein weiteres Argument, das so unschlagbar ist wie der vegane Rahm aus dem Viertweltladen, wäre, dass der Unterschied zwischen Männlein und Weiblein ja eh nur ein Konstrukt, eine Behauptung, ein macho-soziologischer Wahn sei und es nie etwas anderes gegeben habe als 'Die Chlausperson' und 'DAS Schmutzli' – wie es ja auch 'DAS Christkind' heisse, nach dessen Schlitzli oder Zipfeli zu fragen oder gar zu forschen einer Häresie gleichkäme, die allerdings von DAS  Gleichstellungsbüro-mitarbeiterin noch nicht gleichermassen inquisitorisch geahndet wird wie die Anmassung, DER Chlaus sei ein ER.

Nun, wie auch immer, die Variante 'Samichlaus als Unsterblicher' würde zwar sein methusalemisches Alter erklären, würfe aber neue Fragen auf, so diejenige nach seiner Göttlichkeit. Denn bislang unterschieden sich die Sterblichen von den Göttern ja – der Name sagt's bereits – durch ihr irgendwanniges Verbleichen. Und diese Irgendwannigkeit müsste ja dann auch beim Chlaus schon mal erreicht sein, damit er sich noch in die Kategorie der 'Sterblichen' verdrücken möchte, um keine schlafenden Götter zu wecken. Würde nun aber die Unsterblichkeit und damit Göttlichkeit der Chlausperson von den Studien der Myriaden von Kinderpädagoginnen und Genderprofessorinnen bestätigt, kriegten hinwiederum die Theologen der monotheistischen Religionen rote Köpfe, da stereo, quadro oder gar noch mehr Kanäle und Lautsprecher bei ihnen ein mindestens so lautes "Nix-da!" auslöst wie die Todsünde, den Chlaus als Monogott die jeweiligen Chairmen ersetzen zu lassen. Insbesondere bei Allah gäbe das wohl ziemlich bleigetränkten Stunk (wobei die Vorstellung, dass ein Terroristli "Chlausu-akhbar" schreit, bevor er seinen Unterhosensprengstoff zündet, irgendwie doch auch etwas Charmantes hätte – ausser, oder höchstens sehr kurzfristig, für die in der Nähe besagter Unterhose Weilenden). Die alten Griechen wären da vielleicht toleranter und würden ihn auf dem Olymp der Hestia, der Göttin des Herdfeuers zuordnen, damit er sein vielen Guetsli backen könnte.

Bei allem Bemühen: das Ziel, auch die Monotheisten mit ins Boot zu holen, entschwindet uns definitiv, wenn wir auch noch an den Schmutzli-Ruprecht denken. Da ist fertig-lustig mit Mono. Der Kerl ist ja ebenfalls seit dem Urknall mit dabei – oder schwamm gar schon in der Ursuppe mit?

Parthenogenese?
Wir haben uns da also mehr Ungemach als Nobelpreise eingehandelt und probieren es mal mit einer anderen Lösung: Der Samichlaus pflanzt sich fort. Nicht nur von Ort zu Ort fort um des Reimes willen, sondern auch auf der Zeitachse (ist ja eh irgendwie verknüpft, Ort und Zeit, oder?, gekrümmte Sache diese Raumzeit, hat doch Einstein gesagt? Oder war das eine Studie?). Also Fortpflanzung. Wie eine Pflanze, fort vom Ursprung, in einem fort – da haben wir's doch schon wieder: 'fort' räumlich und 'fort' zeitlich! – und da gibt es nun wieder mehrere Varianten. Entweder macht er's ganz allein. So Jungfernzeugung wie gewisse Schnecken (jaja, auch gewisse Blattläuse und Wasserflöhe). Da braucht er also keine Jungfer zu sein. Aber zumindest in der Natur sind das Weibchen, die kein Männchen brauchen, nicht umgekehrt. Müssen wir halt wieder die Gendertussis bemühen, die behaupten, diesen Unterschied gebe es gar nicht. Zumindest muss man nicht gleich den Heiligen Geist herpfeifen wie bei Maria, der hat ja bestimmt Wichtigeres zu tun, vor allem an Pfingsten. Also: unser Klaus zeugt ganz solo was? Natürlich Klein-Kläuse. Vielleicht hat er dann so einen Känguruh-artigen Taschen-Sack, vielleicht auch wasser- bzw. pipidicht wie eine Freitagstasche, die er allerdings die ganze Woche tragen müsste, wo die Mini-Kläuse rausgucken könnten. Dagegen spricht natürlich, dass das noch niemand gesehen hat, obwohl es ja heute kaum mehr wirklich tiefe, dunkle Tannenwälder gibt, wo einer da längerfristig ohne Promi-Dschungelcamp oder studienmachende Jungförscherlis so Sachen machen könnte.

Homo-Ehe?
Vielleicht macht er's aber – und das würde definitiv weltweit den Weg, den Trampelpfad, nein, die Autobahn für die Homo-Ehe plattwalzen – mit dem Schmutzli, der ja vielleicht so heisst, weil das in weniger aufgeklärten Kulturen als 'schmutzlig' galt, wenn da so hinten – na, Sie wissen schon. Kein mühseliges Schlangestehen vor den Adoptionsschaltern mehr – schwupsdiwups und von zwei Männlein gibt’s – logo – wieder ein Männlein, in den geraden Jahren Kläuslis, in den krummen Schmutzli-lis.

Pädophilie?
Bleibt die pädophile Variante mit dem Christkind. So wie die Amazonen sich bei Bedarf schwängern liessen, flugs wieder abhauten und die Pimmelträger einfach stehen liessen, könnten sich auch Chlaus und Christkind so bei Bedarf ab und zu paaren und schön abwechslungsweise ein Christkindkindli und ein Kläusli oder Schmutzli-li zeugen. Als Anwalt des Chlauses – natürlich nur, wenn Valentin Landmann gerade keine Zeit hätte – würde ich in die Waagschale werfen, dass der Name 'Christkind' irreführend und das steinalte Wesen längst kein Kind mehr sei und die fröhlich-einverständliche Kopuliererei in keiner Weise den Tatbestand des Kindsmissbrauchs oder sonstiger pädophiler Untaten erfülle, ja dass nicht einmal bewiesen werden könne, ob das Christkind 'emänd' sogar älter sei als der Chlaus, vielleicht so viel älter, dass man, wenn schon umgekehrt ihm, dem Christkind vorwerfen könnte, den holden Knaben mit lockigem Haar verführt zu haben zu unlauterem Tun.

Und Nein!, die Variante, dass er böse Mädchen, die er in seinem Sack mit in den Wald schleppt und dann, wenn sich die jungknackigen Zwangsarbeiterinnen bücken, um die Bleche mit den Guetsli aus dem Ofen zu nehmen – nein, definitiv nein! Das wäre nur wieder Wasser auf die Mühlen der wachsenden Gilde der 'Wir-sind-immer-Opfer und schuld sind ebensoimmer-die-bösen-Männer'. Nein. Stellen Sie sich vor, was Sie wollen, aber ich mache da nicht mit. - Auch wenn es, zugegeben, so rein als Film, also rein fiktiv, vielleicht doch noch recht amüsant sein könnte. Man erinnere sich an den Erfolg von Kleists Theaterstück 'Der zerbrochene Krug', mit dem durchaus chlaus-artigen Richter Adam, der der jungen Eva, der Verlobten eines Kerls namens Ruprecht hinterhersteigt - die Namen sind keineswegs zufällig gewählt - und dann unter Aufsicht den Fall beurteilen muss, in dem er selbst der Täter ist; ein Stück, das vielen als 'die Komödie schlechthin' gilt. In unserem Film könnte sich der Schmutzli, um das Fuder voll zu machen, an die mitgeschleppten Chorknäblein und Ministräntlein ranmachen... – Aber nein, vergessen Sie's, Sie haben das gar nicht gelesen. Es ist wirklich die denkbar übelste Variante. Liefert dem zurzeit grassierenden männerfeindlich-hysterischen Zeitgeist ja die Lieblings-Klischees geradezu frei Haus! - Wobei das natürlich auch bedeutet, dass sich bestimmt Produzentinnen fänden. Ist ja ein teures Unterfangen, so ein Spielfilm. Ach der Versuchung, das Gegenteil von dem zu erzählen, was man eigentlich erzählen möchte, sozusagen Storytelling verkehrt rum, ist gross, wenn der Rubel, oder lieber der Dollar rollt...

Glauben oder Wissen?
Tja, jetzt haben wir doch eine ganze Palette von Lösungsvorschlägen für dieses grosse Rätsel der Menschheit. Jetzt dürfen Sie wählen, ob Sie einfach eine davon – oder eine ganz andere, vielleicht selbst er- oder gefundene – glauben wollen. In dem Augenblick, wo Sie sich für 'glauben' entschieden haben, ist das Problem ein für allemal gelöst. Denn dann müssen Sie nie mehr darüber nachdenken und Ihr Glaube kann auch nicht angefochten werden. Das ist ja das Witzige am Glauben, dass es eigentlich 'Wissen' meint im Sinne von unhinterfragbar, absolut, gesichert, abgeschottet und für immer richtig – einfach nur für den, der das für sich entschieden hat, was einige leiderleider ab und zu ein bisschen vergesserlen und dann ein bisschen kreuzügerlen oder terroristlen oder einfach sonst rumtöterlen. Das ist natürlich nicht nett. Aber grundsätzlich dürfen Sie selbstverständlich glauben, was Sie wollen, solange Sie den andern auch gestatten, zu glauben, was sie, die andern wollen. Man muss dann auch nicht mehr darüber reden. Jeder glaubt über den Klaus in seiner Klause, was er will.

Oder Sie entscheiden sich für das, was man 'wissen' nennt, was eigentlich aber 'glauben' im Sinne von 'annehmen', 'zurzeit beim jetzigen Informationsstand für wahr halten' meint. Das kann irgendeine der Varianten oder eine andere sein. Aber dann bleibt das Rätsel eben offen und es kann weiter darüber gewerweisst werden bis in alle Ewigkeit oder Raumzeitkrümmung oder dem nächsten Urknall oder dem Zusammenzug des Universums zu einem Klumpen von schwarzer oder Antimaterie oder auch nur bis zum Verlöschen unserer lieben Sonne, die auf den Kinderzeichnungen immer so ein fröhliches Gesicht macht.

Lieben Sie Geheimnisse?
Letztlich geht es wohl nur darum, ob Sie Rätsel und Geheimnisse lieben wie die Kinder, die darauf bestehen, dass ein Geheimnis ein Geheimnis bleibt – oder ob Sie eher auf Sicherheit, Orientierung, feststehende Pfeiler stehen, auf ein festgefügtes, unerschütterliches Weltbild, das möglichst wenige weisse Flecken enthält. – So gesehen war das natürlich eine Studie, auf deren statistische Auswertung ich aber liebend gerne verzichte. Da wende ich mich lieber dem nächsten grossen Rätsel der Menschheit zu…

 

Ich freue mich auf Ihren Beitrag zum grossen Rätsel - oder zur Beschreibung einer weiteren grossen ungelösten Menschheitsfrage:  info@marpa.ch