Denk-Aufgabe 1713 vom 24.12.2017

 

"Feliz Navidaaaad – Feliz Navidaaaaad…"

"Nein, nicht schon wieder!" – Mama Care schüttelte deprimiert den Kopf und räumte die zerfledderten Bücher vom Tisch. Sie hatten es also wieder getan. Wie konnten sie nur. Als sie die Scherben auf Alains Stuhl sah und die eingetrockneten roten Tropfen an der Gabel, wusste sie, dass es nicht bei Wortgefechten geblieben war. Wieso konnten diese Kinder nicht einfach brav in der Schule lernen und das Gelernte dann irgendwann nutzbringend anwenden. Es wäre doch so einfach, ein wohlanständiges Leben zu führen. So wie sie. Es hatte doch immer Platz für friedfertige, arbeitsame Menschen auf dieser Welt. Ihre schmalen Lippen wurden noch schmaler, als sie die Zeitung zu Papas Frühstücksgedeck legte. Wieder ein Terroranschlag, wieder Unfriede, Unfälle und Verbrechen überall. Sie spürte, dass in Bälde noch mehr, noch grössere Unglücke geschehen würden, dass die Welt am Abgrund stand. So konnte es unmöglich noch lange weitergehen. Und ganz leise, tief hinten in einer dunkleren Ecke ihres so friedfertigen Herzens reckte sich ein ganz kleines Hälmchen Kritik an dieser unvollkommenen Schöpfung. Aber sie schob den unziemlichen Gedanken sofort wieder zur Seite und murmelte: "Mir fehlt wohl nur die Einsicht…"

In diesem Augenblick kamen die Drillinge die Treppe heruntergepoltert, schon wieder mit lautem Gefrozzel. "Anarcho-Schnarcho – du kannst in den Keller umziehen. Du raubst mir den Schlaf des Genies!", meckerte Alain.  – "Linki-Stinki, ich schnarche nur, weil du so stinkst!", raunzte Aljoscha zurück und schüttelte entsetzt seine Locken. – "Ich? Ich dusche doppelt so oft wie du, Gesetzloser!", wehrte sich der etwas eitle junge Mann und tätschelte sich dabei die Wangen, die er gerade frisch mit Aftershave vewöhnt hatte – ohne dass es vorgängig etwas zu 'shaven' gegeben hätte.  – "Das hilft nichts, es ist deine politische Einstellung, die zum Himmel stinkt!", gab Aljoscha zurück, bei dem bereits etwas Flaum am Kinn spross. – "Euch sollte man beide des Landes verweisen", knurrte Alex, "ich spendiere ein Ticket 'Havanna-Einfach' für Linki-Stinki und für unseren Anarchisten müsste man wohl eine neue Verbrecherinsel finden, nachdem sowohl die USA wie Australien dir wohl nicht mehr gesetzlos genug sind?"

Mama Care seufzte hörbar. "Könnt ihr wenigstens fürs Weihnachtsfrühstück euer Gekeife unterbrechen?" –  "Ach Mama Cääääre-Clääääre, das ist doch alles nicht so todernst!", versuchte Aljoscha sie zu beruhigen. "Diese beiden extremen Idioten haben mir sehr geholfen bei der Schöpfung meines genial-liberalen Weltbildes." – "Und ohne sein Schnarchen wüsste ich gar nicht, wie herrlich sich Ruhe anfühlt!", spottete Alex. – "Und mir bestätigen die beiden Deppen täglich, wie wichtig und nötig Nudging ist", fügte Alain spöttisch grinsend an. "Je dümmer das Volk, desto mehr muss der Staat eingreifen und die Dummies sanft und zart mit Anreizen auf den richtigen Weg…" – "…law and order sind da besser geeignet", unterbrach ihn Alex. "Arrogante, staatsgläubige Möchtegern-Diktatoren, alle beide", blaffte Aljoscha, "einfach ein linker und ein rechter Trottel, aber ihr meint beide, ihr wärt schlauer als die andern, habt euch selbst einer frei erfundenen Elite zugeordnet, die jeden Einzelnen nach ihrem Wunschbild stricken und ihm vorschreiben möchte, wie man richtig lebt? Ihr könnt wohl 'Freiheit' nicht einmal buchstabieren?" – "Frei ist nur Zeus, mein liebes Anarcho-Bubi", deklamierte Alex. – "Und der wärst du gern, du aufgeblasener Korkser?" kam die Replik von Aljoscha wie aus der Pistole geschossen. "Vergiss nicht, dass es mit Zeus' Freiheit auch nicht so weit her war. Prometheus klaute ihm das Feuer – und zuhause wartet die ätzende Hera mit dem Nudelholz, wenn er wieder mal mit einer Sterblichen ein Halbgöttlein gezeugt hat."

Inzwischen hatten sich die drei Jungs an den von Mama liebevoll und kerzenreich gedeckten Tisch gesetzt und wollten sich gleich über den grossen, herrlich duftenden Zopf hermachen, als Schwesterchen Angie hereinschwebte, noch immer im Nachthemd, über das sie einen scheusslich pinkfarbigen, viel zu grossen Morgenmantel geschlungen hatte. Und wie wenn das nicht schon genug des Grausens gewesen wäre für die Brüder, stand ihr blondes Engelhaar in alle Richtungen und die Füsse steckten noch noch in den riesig-dicken Bettsocken. Auf den Wangen waren sogar noch Abdrücke des Kissens erkennbar. "Oh je, Christkindchen hatte wohl eine strenge Nacht?", höhnte Alain, "haben alle was gekriegt von Engel-Angielein?", setzte Aljoscha nach. "Und wo sind denn unsere Geschenke geblieben?", wollte Alex wissen. – "Ach ja, das schwarze, superstarke Klebeband aus dem Tierarztkoffer hätte ich besser gar nicht verpackt, dann könnte ich eure Mäuler jetzt schon stopfen. Aber ich wollte euch eigentlich noch frühstücken lassen", gab Angie locker zurück. Die drei pfnuchsten vor Lachen. "Als sie erwachte, war sie wacher als ich dachte", reimte Aljoscha und neigte den Kopf theatralisch vor seinem Schwesterchen.

Nun hatte endlich auch Papa seinen Auftritt. Strahlend nahm er sein Eheweib in die Arme und bedankte sich für den schönen Tisch mit all den leckeren Sachen. "Daddy Cool, Daddy Cool, setz dich schnell auf deinen Stuhl", Aljoscha war richtig in lyrischer Fahrt. Eigentlich hiess Papa Kuno, aber das klang den Jungs zu sehr nach Mittelalter und er nahm 'Daddy Cool' durchaus als Kompliment. Alex wollte nicht nachstehen und ergänzte: "Hast du endlich dies gemacht, schreiten wir zur Frühstücks-Schlacht!" – "Na ja, kleiner Möchtegern-Kriegsgott, überlass das Dichten lieber mir!", kommentierte Aljoscha den etwas dürftigen Versuch von Alex. – Mama schüttelte den Kopf, Papa schmunzelte: "Hallo Ihr Schätze! Schön, dass ihr überhaupt schon alle auf den Beinen und hörbar wach seid. Aber Mama zuliebe und zu Ehren lade ich euch ein, euch die nächsten paar Minuten andächtig dem herrlichen Frühstück zu widmen." – "Aber Lobgesänge auf Mama dürfen wir anstimmen?", fragte Aljoscha mit ironischem Smile. "Ja, am liebsten vierstimmige!", antwortete Papa gutgelaunt und griff zu. Und nun war es tatsächlich für einige Sekunden still am Tisch. Wobei: es war natürlich nicht 'still', man hörte Geklapper, ab und zu ein Schmatzen, das Glucksen beim Trinken, das vor allem bei Angie lauter tönte, als ihr lieb war. Und nach rund 30 langen Sekunden legte sich eine in diesem Haus fast unbekannte Langeweile, eine Ödnis, ein Wolke fader Ereignislosigkeit über die Tafel. Aljoscha hielt es nicht mehr aus und intonierte den deutschen, neo-frommen Kitschsong 'Danke', natürlich mit hauchig-verstellter Stimme und dem Anlass angepasstem Text: "Danke, für diesen guten Zmorgen, danke, für diesen Weihnachtstag. Danke, ach Mom ich will dir danken, dass ich danken kann!" – Erlösendes Gelächter, alle andern fielen ein, mit vollem Mund und honigsüssen Lippen: "Danke…". Mama wusste nicht recht, ob sie sich ärgern sollte, weil die Kids den Song ja veräppelten und die von ihr herbeigesehnte, feierliche Weihnachtsstimmung ironisierten, aber andererseits wollte sie sich doch freuen. Papa erkannte ihr ambivalentes Mienenspiel und sagte, als der Song in einem mehrstimmigen Schlussakkord ausgeklungen war. "Claire, freu dich und denk' an das Dictum von Dürrenmatt, dass man heute auch Tragödien als Komödien schreiben müsse." – Und Aljoscha ergänzte: "Es gibt nur etwas, was schlimmer ist als falsches Pathos. Echtes Pathos." – "Für einmal gut gebrüllt, Brüderchen", warf Angie ein.

Mama seufzte erleichtert und knipste mit der Fernbedienung ihre heissgeliebten drei Tenöre an, die 'Feliz Navidad' um die Wette sangen. "Carreras ist einfach unerreicht", stöhnte sie begeistert. "Domingo schlägt ihn um Lichtjahre mit den Feinheiten im Ausdruck", widersprach Aljoscha. "Neben dem Gott Pavarotti sind die beiden nur Statisten", schwärmte Angie. Papa lächelte in sich hinein: "Könnt ihr die drei wirklich in jedem Augenblick unterscheiden?" – "Na klar!", behauptete Alex, "Domingo ist etwas sonorer, Carreras metallischer und Pavarotti verschleift die Übergänge manchmal etwas…" – "…und hat mit Abstand das schmelzendste Piano!", fiel ihm Angie ins Wort.  In den nächsten Minuten wurde das Fachwissen und die Unterscheidungsfähigkeit aller Frühstückenden getestet, indem der Proband nur hören und die andern auch hinschauen durften. Und immer wieder täuschten sie sich, tippten falsch.

Schliesslich fasste Papa schmunzelnd zusammen. "Seht ihr, mit den drei Tenören ist es wie mit den Religionen, den Ideologien und den Weltbildern..." – "Das hat doch Lessing im Nathan schon erzählt!", unterbrach ihn Alain. "Klugscheisser", zischte Alex. Papa fuhr unbeirrt fort: "Letztlich ist es piepegal, mit welcher Ansicht ihr offen und tolerant seid. Offensein heisst, den andern wirklich zuhören, auch und gerade, wenn sie etwas vertreten, das euch widersinnig scheint. Es fällt immer wieder etwas Spannendes dabei ab, auch bei ganz entlegenen, uns abstrus dünkenden Meinungen und Ideen. Tolerant sein heisst, niemanden zu zwingen, die Welt so zu sehen, wie ihr sie seht. Einladen dazu, werben für eure Ansicht – jederzeit. Wenn in einem Kollektiv nicht mehr debattiert und gestritten wird, ist es eigentlich schon tot. Leben ist Auseinandersetzung. Und Auseinandersetzung bedeutet, einen gewissen Abstand zu nehmen – vor allem zu den eigenen Überzeugungen, die wir für absolut sicher und unhinterfragbar richtig halten. – So, das war nun mein Senf dazu. Auch darüber dürft ihr selbstverständlich herziehen und meine Behauptungen bis ins Detail auseinandernehmen." – Sprach's und schenkte sich munter in die Runde schauend eine dritte Tasse Kaffee ein. In der kleinen Pause, die nun entstand, quittierte Angie, die sich in ihrem fürchterlich zerknautschten Pink-Morgenrock etwas aufgericht hatte, Daddy Cools Weihnachtspredigt mit dem einzig passenden Wort. Sie neigte sich etwas vor und sprach mit pastoraler Intonation: "Amen", gefolgt von Applaus und Gelächter. – Dann ging es sofort wieder los, von den drei Tenören mäanderte die angeregte Diskussion über die grössten Musiker, die klugsten und die dümmsten Sätze der Weltgeschichte bis zu den favorisierten Weltbildern.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann debattieren sie noch heute.

Feliz Navidad allerseits!

Ich freue mich auf Ihren Beitrag zur Debatte über das Debattieren:  info@marpa.ch