Denk-Aufgabe 1801 vom 16.2.2018

 

Katastrophitis macht Spass

 

Dass Wahrnehmung – wörtlich: das, was wir als wahr hernehmen – eine relative Sache ist, scheint eine ziemlich banale Feststellung zu sein. Trotzdem gibt es immer wieder interessante Aspekte, zum Beispiel bei der Erforschung der Bündelung ähnlicher Interpretationen des Wahrgenommenen. Spannend ist nicht nur, wie und warum diese Verdichtung, Angleichung, Kollektivierung jeweils zustande kommt, sondern auch, was für Inhalte sie betrifft. Bei dieser Arbeit lassen sich repetitive Muster erkennen, die sich in Sinuskurven mit unterschiedlicher Amplitude und Frequenz darstellen lassen. Auch diese Forschung – dass sie überhaupt jemand betreibt und wie er sie betreibt – und ihre Resultate sind selbstverständlich derselben Relativitätsproblematik unterworfen und mit entsprechender Vorsicht zu geniessen.

Wie bei den legendären Babuschka-Puppen, in denen immer wieder eine noch kleinere, im übrigen aber höchst ähnliche Figur steckt, stehen wir bei jedem Forschungsergebnis zum Was, Wie und Warum bei der Kollektivierung von Wahrnehmungsinterpretationen wieder vor der ähnlichen, aber nicht identischen Frage, was die Forscher wie und warum dazu getrieben habe, sich just diesen Fragen zuzuwenden. Dieses bis ins Unendliche fortsetzbare Spiel entbehrt nicht der Komik und erinnert an die Kinder, die sich bei ihrer Warum-Fragerei weder mit Adam und Eva, der Schöpfung oder dem Urknall zufrieden geben und munter weiterbohren, was ermatteten Eltern den letzten Nerv kosten kann.

Ich bin mir also durchaus bewusst, dass die Erforschung dieser Kollektivierungen, die man auch mit verbalen Etiketten wie 'Zeitgeist', 'Mainstream', im Wissenschaftsbereich in Anlehnung an Thomas Kuhn 'Paradigmata', 'herrschende Lehre', 'mehrheitsfähige Diskurse' oder – ganz modisch – 'gültige Narrative' versehen könnte, auch wieder hinterfragt und ausgeleuchtet werden darf und soll. Gerade wenn es aus einer zeitlichen und/oder geistigen Distanz erfolgt, kann es sowohl für Forschende wie für Rezipienten höchst hilfreich sein, wenn ein Aussenstehender das Was, Wie und Warum eines Forschungsansatzes zu durchleuchten und vielleicht ebenfalls einem Paradigma zuzuordnen versucht.

Aber jetzt mal los, damit es Fleisch am Knochen gibt, sowohl für Forscher wie für diesen auf den Zahn fühlende Meta-Forscher. In einer ersten Runde möchte ich mich dem Phänomen zuwenden, dass viele - auch geistig einfache, im übrigen wenig phantasiebegabte - Zeitgenossen eine wahre Meisterschaft entwickelt haben darin, den Weltuntergang in allen möglichen Varianten herbei zu reden, zu fühlen, ja man kriegt manchmal sogar das Gefühl, ihn herbeizusehnen. Als Nichtmediziner liebe ich es, irgendeinem Begriff die Endung 'itis' anzuhängen, um ihn damit gleich als Krankheit zu verballhornen. So entstand die 'Katastrophitis', mit der sich vor allem viele vollgefressene Wohlfahrtsstaatsinsassen schmücken, um sich statt in den leidigen Arbeitsprozess in die zarten Arme einer Traumatherapeutin zu stürzen.

'Katastrophitis'
Ich meine also mit diesem wenig attraktiven Kunstwort die weit verbreitete Tendenz, die Gegenwart als elend, als in einem noch nie dagewesenen Masse schlecht, als Tiefpunkt der Entwicklung, ja sogar als Endzeit kurz vor dem Weltuntergang, sei es durch einen Atomkrieg, die Klimakatastrophe oder die Weltherrschaft des Terrorismus zu sehen. Spätestens wenn die Untergangspathetiker feststellen, dass wir, unser Planet, ja noch lieber das ganze Universum eigentlich gar keine Zukunft mehr hätten, kann sich der eine oder andere Rezipient dieses Gejammers eines mehr oder weniger versteckten Schmunzelns nur noch schwerlich erwehren. Die Seriöseren verweisen auf die vielen nüchternen Statistiken, die das Gegenteil beweisen sollen, dass es nämlich noch nie so vielen Menschen so gut ging wie gerade jetzt, in der Gegenwart – und verheddern sich in Debatten, wie man die höchst subjektive Wahrnehmung des 'Gut-Gehens' so weit objektivieren könne, dass es für eine Statistik tauge.

Soweit zum 'Was?', zu den wahrgenommenen Symptomen, zum Forschungsgegenstand. Nun aber zum 'Wie?', zum Entstehungsgrund, dem Prozess, der Herkunftsgeschichte dieser Wahrnehmung der 'Katastrophitis'. Wer es gern kausal hat, kann es als die Frage nach der in der Vergangenheit liegenden 'causa efficiens' bezeichnen, der Wirkursache, die ich trennen möchte von der Frage nach der 'causa finalis', der Frage nach dem Sinn, Zweck, Ziel, das naturgemäss in der Zukunft liegt.

Wie kommt es zu dieser verbreiteten Haltung?
Generell kommt es zu Kollektivierungen der Wahrnehmung des Individuums durch Angst, Unsicherheit, Einsamkeit, Verlorenheitsgefühl in der isolierten eigenen Wahrnehmungswelt, Orientierungslosigkeit – all dem, was sich so herrlich im jammervollen Grundgefühl des Existenzialisten verdichtet, dem von passivem, ohnmächtigem Opferbewusstsein beherrschten Gefühl des Hineingeworfenseins in eine unwirtliche, sinnlose, grausame, ungerechte Welt. Eine Haltung, die durch die modische #me-too – Bewegung wieder herrlich Auftrieb gekriegt hat. Opfersein und dann auch noch zu wissen, wer die Täter sind, auf die man aus sicherer Distanz zeigen kann und sich dabei von Millionen Gleichgesinnterinnnen umflort zu wissen, muss für schwache Persönlichkeiten ein geradezu berauschendes Gefühl sein.

Speziell kommt es zur kollektiven Katastrophitis aus dem Bedürfnis nach einer Erhöhung der eigenen Bedeutung (die ja zumindest beim armen Existenzialisten nicht sehr gross ist). Wenn wir schon nicht in der tollsten, glorreichsten, strahlendsten Zeit leben, dann wenigstens in der schlimmsten Zeit, der Endzeit. Dies gibt ein Gefühl der Wichtigkeit, der tragischen Bedeutung und die Aussicht auf eine Prise herostratischen Ruhms, falls es überhaupt noch Wesen – vielleicht aus anderen Galaxien? – geben sollte, die nach dem Weltuntergang die Kunde von unserer Teilhabe an diesen letzten Tagen der Menschheit weitertragen können. Wir finden in religiösen und literarischen Texten Hinweise auf diese Lust am Pathos der Teilhabe an der Endzeit. Das ganze Geschwurbel um die Wiederkunft des Messias und das 'jüngste Gericht', bei dem dann endlich die Bösen zur Kasse gebeten werden, die grosse Klasseneinteilung in Dantes 'Göttlicher Komödie', wo messerscharf kategorisiert wird, welcher Bösewicht in welcher Hölle schmort und welcher Gutmensch wie nahe an Gottes Thron rückt – bis zu den Versprechungen der Islamisten an ihre hingebungsvoll-trottligen Jünger, dass sie als Gegenleistung für ihr endzeitliches Gemetzel dann mit 79 Jungfrauen belohnt würden. Diese Bedeutungserhöhung und Lohnaussicht scheint es offenbar leichter zu machen, den Sprengstoffgürtel am eigenen Leib zu zünden.

Und wie entziehen wir uns dieser Haltung?
Es braucht ein klitzeklein wenig Mut, eine Prise Eigenständigkeit und zum Abschmecken einen Hauch Humor – also lauter Ingedienzien, die ziemlich ausser Mode geraten sind bei der Generation Weichei. Wer darüber verfügt, schwimmt mit kräftigen Zügen gegen den Strom, gewinnt dem Anblick all der aufgeschreckt herumwuselnden Jammerlappen jede Menge Stoff zum Lachen ab und führt jederzeit eine kleine, aber scharfe Stecknadel mit sich, um aufgeblasenen Zeitgenossen mit einem herzhaften Pieks die Luft abzulassen. Das Bild erinnert mich an die 'Furzballons', die wir als Kinder hatten und denen die Luft eben in der geräuschvollen Weise entwich, die ihnen den Namen eintrug. – Selbstverständlich dürfen die Jammeris weiterjammern, solange uns niemand zwingt, ihnen zuzuhören, und die Gepieksten dürfen sich alleweil wieder aufblasen, wir sind ja keine Missionare. Wir wollen nur lachen und uns Anregenderem zuwenden.

  

Gut Stich allerseits!

Ich freue mich auf Ihren Beitrag zur Katastrophitis - vielleicht haben Sie ja ein alternatives Medi dagegen? -  info@marpa.ch