Denk-Aufgabe 1802 vom 18.3.2018

 

Die Joggerin und das Wildschwein

Akkurat geschminkt und in den angesagtesten Markenklamotten, die edlen Ohrstöpsel mit dem neusten iPhone verbunden und bereits die Klänge des ersten der aktuellen Tophits hereinrieseln hörend, zog sie los an diesem herrlich verschneiten Sonntagmorgen. Diesmal nicht ins Fitnessstudio auf's Laufband, sondern raus in die Natur. Ihr Trainer hatte ihr dies empfohlen: leicht unebener Boden sei gut für die Gelenkbeweglichkeit, die Koordination und wegen des Luftwiderstands verbrauche sie draussen auch mehr Kalorien. Angesichts – oder eher 'angespürs' – ihrer kleinen Fettpölsterchen an den Hüften und der sich bedrohlich in Richtung Birnform entwickelnden Silhouette ihres Hintern war es vor allem das letzte Argument, das sie überzeugt hatte. Sie fühlte sich wohl in den eigens für diese Outdoor-Trips angeschafften, speziell gut dämpfenden Laufschuhe einer Top-Marke, auch wenn sie dafür einiges hatte hinblättern müssen. Sie parkte ihren riesigen SUV unmittelbar am Waldrand hoch über dem Bodensee, schloss ihn mit einer lockeren Bewegung mit einem ein Klacken erzeugenden Klick ab, verstaute den Schlüssel in ihrem ins Outfit integrierten Handytäschchen, atmete einmal tief durch und wandte sich dann in ruhigem Tempo dem Wald zu, der mit den tief hängenden, verschneiten Ästen märchenhaft aussah. Einen Augenblick musste sie an Hänsel und Gretel und ans Rotkäppchen denken, denen im Wald Ungemach widerfuhr, doch dann lächelte sie über diese bekanntlich frei erfundenen Kindergeschichten und trabte fröhlich hinein in den ruhig und weiss schimmernden Wald.  

Plötzlich brach ein Wildschwein aus dem Unterholz links des Weges. Es war eine Bache mit unzähligen Frischlingen – was unsere Joggerin natürlich nicht wusste. Sie sah einfach ein grosses, irgendwie urtümlich aussehendes Tier mit ein paar kleineren Exemplaren der – mutmasslich – gleichen Sorte, aber mit horizontalen Streifen. Sie erinnerte sich, sowas schon einmal auf einem Foto gesehen und dort ziemlich süss gefunden zu haben, aber jetzt hier, real in ganzer Grösse und Wucht, wenige Meter von ihr entfernt, fand sie das gar nicht süss, sondern erschreckend. Zur Angst mischte sich Wut. Wieso liessen die Verantwortlichen das zu? Gefährliche wilde Tiere gehörten doch nicht in die geordnete, geregelte Welt einer modernen Wohlfahrtsgesellschaft? – Doch als die Bache mitten auf dem Weg stehen blieb und sie direkt anschaute, spülte die aufkommende Panik ihren Ärger über die Störung ihres reibungslosen Sonntagmorgens hinweg. Würde das grosse Biest sie angreifen? Sie niedertrampeln, beissen und zu fressen versuchen? Waren Wildschweine Fleischfresser? Sollte sie umdrehen und wegrennen? Wie schnell war so eine Wildsau? – All dies schoss ihr durch den Kopf, während sie spürte, wie sie am ganzen Körper zu zittern begann. Sie wusste alles über Buchhaltung, kannte jede App und beherrschte alle Programme in ihrem Fachbereich – aber Tiere? Im Zoo, okay, aber da waren sie weggesperrt. Und auf dem Teller, aber da waren sie in der Regel tot. Freilebende Tiere jedoch, die niemandem gehörten, der sie gefälligst an der Leine oder am Zügel zu halten hatte und den man anschnauzen konnte, wenn er das nicht schnell genug tat, das kannte sie nicht und war immer noch entsetzt, dass es das überhaupt gab. Sie war schon fast stolz auf sich, dass sie das Monster als Wildschwein erkannt hatte, aber damit hatte es sich dann schon.

Die Sau wandte den Blick wieder ihren gestreiften Miniaturausgaben zu. Eins der kleinen Wesen kam der Joggerin entgegen, was die Grosse – offenbar die Mama – natürlich dazu bewegte, dem Kleinen zu folgen. Nun musste die Joggerin handeln. Sie drehte auf dem Absatz ihres teuren Laufschuhs um und ging schnellen Schritts in die Richtung, aus der sie gekommen war – einfach weg von dem Monsterverein. Der Schweiss brach ihr aus, ihr glühender Kopf drohte zu platzen und sie hatte einen Puls wie noch nie auf dem Laufband. Da sie immer noch die Stöpsel in den Ohren hatte und Nummer sieben bis fünf der Hitparade in der Aufregung verpasst hatte, hörte sie das Geräusch nicht, das die Bache von sich gab, als sie sich mit ihrer Frischlings-Schar wieder ins Gehölz schlug. Ein Bussard, der gerade die Stelle überflog, war aber überzeugt, dass das tief gurgelnde Geräusch ein Lachen war, einfach ein Wildschwein-Lachen. Und noch heute, wenn man ganz still und stöpselfrei durch den Bleihofhau spaziert oder reitet, kann man die Wildsau leise, aber vergnügt über die Joggerin lachen hören.  

Ich freue mich auf Ihren Beitrag zur Frage, die viele ZeitgenossInnen zutiefst bewegt: Laufband oder Outdoor? -  info@marpa.ch