Denk-Aufgabe 1803 vom 20.3.2018

 

Der Radfahrer

Zart fuhr er sich über die frisch rasierten Beine und schlüpfte etwas unbeholfen in die kuschelige Unterwäsche aus Merlinowolle. Beim Versuch, die atmungsaktiven Salewa Longsleeves in einer fliessenden Bewegung anzuziehen, verhedderte er sich und es knackte unschön in den Schultergelenken. Und auf der Vorderseite lag das edle Stück auf seinem markant vorspringenden Bauch auf. Aber deswegen fuhr er ja so ausdauernd Rad und hinten reichte es schön bis über die Nieren – eine besonders delikate Region bei ihm. Dann wählte er angesichts der tiefen Temperaturen und des Schnees die Power Trail Two-in-One-Hose von Gore Bike Wear – höchste Beweglichkeit bei maximalem Windschutz, dachte er frohlockend. Mit dem grossen Schuhlöffel füllte er seine etwas breiten Plattfüsse gekonnt in die edlen Sidi Frost Gore Shoes. Der stolze Preis hatte sich gelohnt: er sah richtig elegant aus! Nackenwärmer, Radhandschuhe, Helm, Stoppuhr, Pulsmesser - alles vom Feinsten. Endlich konnte es losgehen. Stolz und behutsam trug er sein neu erstandenes Full Suspension Carbon-Mountainbike hinaus in den Wintermorgen – ultraleicht, sündhaft teuer, aber absolut angesagt; das Beste auf dem Markt zurzeit für ins Gelände. Und dorthin wollte er heute wieder, Start immer genau um 10 Uhr jeden Sonntag, seit er vor drei Monaten auf der Waage gestanden und grimmig beschlossen hatte, dass etwas geschehen musste – und zwar sofort und nachhaltig. Er hatte die weitgehend über Neben- und Waldstrassen führende Strecke von Altnau durch den Güttingerwald, vorbei an Dozwil, Egnach, Roggwil, Berg und dann zurück über Häggenschwil, Muolen, Zihlschlacht, Langrickenbach zum Ausgangspunkt genau ausgemessen, Länge, Höhenunterschiede, Bodenbeschaffenheit – alles. Heute wollte er seinen persönlichen Rekord unterbieten. 'Gelände' war allerdings etwas übertrieben. Er wollte auf Natursträsschen durch die Wälder flitzen – er war ja nicht mehr zwanzig. Aber Ehrgeiz hatte er immer noch – und der Bauch musste weg.

Letzteres sagte er sich immer wieder während des kräftezehrenden Aufstiegs vom Dorf hinauf auf den Seerücken. Er schämte sich zwar ein wenig, dass er im steilsten Stück den ersten der zehn Gänge anwählen musste. Aber er schwor sich, auf der Flachen im Wald wieder Zeit gut zu machen. – Endlich hatte er die letzten Häuser von Altnau hinter sich und bog bei der Kirche links ab. Von jetzt an wollte er parallel zum See die Höhe möglichst halten. Aber zuerst musste er noch den kleinen Aufstieg auf dem Apfelweg bewältigen – dann, endlich konnte er durchatmen und in die höheren Gänge schalten. Für die wunderschöne Aussicht auf den glitzernden See blieb allerdings keine Zeit, wenn er seinen eigenen Rekord brechen wollte. Die Pulsuhr zeigte zwar bereits beachtliche 160 an, aber er liess sich nicht beirren. Jetzt oder nie. Die bislang asphaltierte Strasse ging jetzt in einen naturbelassene Waldstrasse über. Jetzt mussten sich die Vorteile seines Top-Bikes ausspielen lassen. Der Fahrtwind kühlte sein erhitztes Gesicht und er fühlte sich richtig gut, als er schwungvoll in den Güttinger Wald hineinflitzte.

Nach einer langgezogenen Rechtskurve sah er einen Reiter vor sich hertraben, daneben ein grosser Hund. Von denen würde er sich nicht bremsen lassen und womöglich seinen Rekord versauen. Als altgedienter Unternehmer war er es gewohnt, kalkulierte Risiken einzugehen. Und hatte er bislang nicht immer gewonnen? Alle Konkurrenten entweder übernommen oder vom Markt gefegt? Wäre ja gelacht, sich von zwei lächerlichen Viechern und einem Zipfelmützentrottel sein hehres Tagesziel vermiesen zu lassen. Eine Klingel hatte er nicht, zum Rufen fehlte ihm die Luft – also einfach links vorbeisausen, schliesslich war das ja eine Strasse und links überholen nicht verboten. Gedacht, getan. Doch als er den Reiter fast erreicht hatte, fiel Schnee von einem Ast auf der rechten Seite und das Pferd machte einen Schreckhüpfer nach links – auf die Überholspur! Er bremste, sah aber sofort, dass es bei seinem hohen Tempo und der Nähe zum Hindernis nicht mehr reichte. Ihm blieb nur noch die Wahl, dem Pferd in den Hintern zu fahren oder links ins Unterholz zu steuern. Beides keine beglückenden Aussichten – aber er wählte dann doch weiserweise die zweite Variante. Büsche schlagen nicht aus, war sein letzter Gedanke, bevor er unsanft zum Stillstand kam. Das edle Bike etwas früher als er. Das erste, was er wahrnahm nach seinem Sturz, war die feuchte Nase des Hundes, der ihn sorgfältig beschnupperte. Eigentlich hätte er jetzt gerne losgeflucht und den Reiterdeppen angeschrien, er solle seinen gottverdammten Köter entfernen, aber angesichts des halbgeöffneten Mauls mit den blitzendweissen, scharf aussehenden Zähnen wenige Zentimeter über seinem Gesicht liess er es bleiben. Der Reiter war abgestiegen, pfiff seinen Hund zurück, leinte ihn an und erkundigte sich: "Hallo, sind Sie verletzt?" Der Radfahrer rappelte sich auf und als er sah, dass der Hund an der Leine war, konnte er endlich seinem Ärger Luft machen: "Wieso bleibst du verdammter Idiot nicht auf deiner Strassenseite? Wenn du deinen Gaul nicht im Griff hast, hast du auch nichts verloren im Wald! Ich fahre jeden Sonntag zur selben Zeit hier durch, habe aber noch nie einen Idioten angetroffen, der den Weg in seiner ganzen Breite für sich beansprucht!" – Mit Entsetzen sah er sein teures Bike, das von einem Baumstrunk so schnell gebremst worden war, dass das Vorderrad alles war, nur nicht mehr rund. Dazu seine zerfetzte Hose, und als er sich mit den edlen, hellgelben Handschuhen übers Gesicht fuhr und sie sich rot verfärbten, schloss er messerscharf, dass er minimal Schürfungen im Gesicht hatte, wenn nicht Schlimmeres. "Das kommt dich teuer zu stehen, du nichtsnutziger Lümmel!"

Als keine Antwort kam, wandte er sich von seinem Schaden ab und dem Reiter zu, der vom Weg aus die Szene mit seinem Handy filmte und lächelnd fragte: "Ich hab den Ton etwas zu spät eingestellt. Könnten wir das nicht nochmals haben? Am liebsten natürlich mit dem Sturz!" – Nun platzte dem Radfahrer der Kragen – wobei der seines eleganten Longsleeves eigentlich schon beim Sturz geplatzt war. Wenn diese unberechenbaren Biester nicht gewesen wären, hätte er dem frech grinsenden Reiter die Fresse poliert. Der sah nämlich nach Leichtgewicht aus und die Vorstellung, ihn mit einem Uppercut in die Büsche zu schicken, war mehr als reizvoll. Doch der grosse Hund begann höchst ungemütliche Geräusche von sich zu geben, als er sich den Dreien nähern wollte. "Hören Sie, ich verstehe Ihren Frust", meinte der Reitersmann nun in versöhnlicherem Ton. "Ich bin ja froh, dass Sie nicht in mein Pferd hineingerast sind – wobei dies für Sie wahrscheinlich schlimmer ausgegangen wäre als für das Pferd. Aber ich und viele andere, die zu Fuss, mit Pferd oder Hund unterwegs sind im Wald, wären Ihnen und Ihren Bikerfreunden sehr dankbar, wenn Sie so durch die Wälder fahren würden, dass Sie auf Sicht anhalten können. Ganz toll wäre auch, wenn Sie sich mit Rufen bemerkbar machen könnten, wenn Sie von hinten kommen. Pferde sind keine Maschinen, sondern Lebewesen, die auch mal erschrecken können – wie meiner vorhin, als der Schnee vom Baum fiel. Ich wohne in der Nähe und kann Sie in einer halben Stunde mitsamt Bike hier aufladen und zu Ihrem Ausgangspunkt zurückbringen." Dann griff er in eine seiner vielen Jackentaschen, zauberte ein Visitenkärtchen hervor, streckte es dem Biker entgegen und sagte mit einem verschmitzten Smile im Gesicht: "Für den Fall, dass Sie mich immer noch einklagen wollen." – Der Radfahrer winkte wütend ab, knurrte etwas von blödem Oberlehrer-Geschwafel, sammelte seine Sachen ein, schulterte das kaputte Bike und entschwand, leise vor sich hinfluchend und leicht hinkend in die Richtung, aus der er gekommen war. Er zückte sein Handy, das gottlob den Sturz unversehrt überstanden hatte und wollte schon einen seiner Rad-Kumpane anrufen – doch dann steckte er es wieder ein. Diesen Anblick gönnte er keinem von ihnen. Der einzig mögliche Rekord heute ist der Kalorienverbrauch – wenigstens etwas für das Ziel 'Bauch weg!', dachte er sich und wechselte das unbequeme Bike auf die andere Schulter.

Der Reiter erzählte zuhause die Geschichte, nicht ohne dem Bauchträger-Oldy auf dem Rad auch Respekt zu zollen, der offenbar jeden Sonntag zur selben Zeit verbissen seine Strecke fuhr. Alle lachten, aber es fiel ihm auf, wie die beiden Jungs miteinander tuschelten, grinsten und dann in der Werkstatt verschwanden, in der seit wenigen Tagen auch ein paar der ausgestopften Tiere des kürzlich verstorbenen Onkels Franz standen, der zeitlebens alles gejagt und erlegt hatte, was ihm vor die Flinte kam, was immer wieder zu unerspriesslichen Debatten geführt hatte. Der Reiter konnte einfach nicht verstehen, wie man vorgeben konnte, Tiere zu lieben, nur um sie dann unter viel Trara und pathetischen Ritualen zu töten und sich dann prahlerisch mit den Skalps, den Trophäen ablichten zu lassen. Aber jetzt, wo auch der alte Franz nur mehr ein Skalp oder vielmehr ein Häufchen Asche war und seine Urne sozusagen als Trophäe auf dem Kachelofen von Tante Emma stand, wollte der Reiter wenigstens den wunderschön präparierten Opfern seines jagdwütigen Onkels sowas wie eine letzte Ehre erweisen und hatte sie zu sich in das alte Bauernhaus genommen. Aber für alle war einfach kein Platz im Haus und so waren die grössten Exemplare vorübergehend in der Werkstatt gelandet.

Am nächsten Sonntag machte sich der Radfahrer wieder auf den Weg, wie immer genau um 10 Uhr und getreu dem Motto: 'Fallen ist nicht schlimm. Nur liegenbleiben.' Die Kratzer im Gesicht waren noch sichtbar und das linke Knie war auch noch nicht hundert Prozent einsatzfähig, aber er war ja kein Weichei und würde auch unter erschwerten Bedingungen seinen Rekord zu brechen versuchen. Für den Fall, dass er wieder irgendwelche reitenden Volldeppen antreffen würde, hatte er sich eine batteriebetriebene Tröte an den Lenker montiert, die so laut war wie eine Schiffshupe und allfällige Viecher garantiert in die Flucht schlagen würde. Mit grimmigem Grinsen machte er sich auf den Weg. Die Wut auf das, was vor einer Woche passiert war, gab ihm zusätzliche Kräfte und beim Abzweiger oberhalb der Kirche war er schon 10 Sekunden voraus. Dies beflügelte ihn noch mehr und er schaltete früher in die höheren Gänge als beim letzten Versuch. Beim Einfahren in den Güttingerwald war er im 7. Gang und hatte bestimmt gut 50 Stundenkilometer drauf. Eingangs der langen Rechtskurve griff er zur Tröte. Wehe dem Gaulpiloten, wenn er es wagen sollte, ihm wieder den Weg zu versperren. – Doch nichts dergleichen. Er atmete entspannt aus und beschleunigte, obwohl noch ein paar weitere wenig übersichtliche Kurven folgten. Und tatsächlich! Was war das? Ein Riesentier stand mitten auf dem Weg! Er drückte auf seine Tröte, die ohrenbetäubende Geräusche von sich gab. Doch das Biest blieb regungslos stehen. Kein Mensch zu sehen. Wütend bremste er ab und sah seine erkämpften Sekunden davonrinnen. War das ein Elch? Er verstand nichts von Tieren, aber dass es bei uns freilebende Elche geben sollte, war ihm neu. Wölfe, Luchse, davon hatte er gelesen, aber doch nicht Elche? Die gehörten doch in den hohen Norden? Langsam näherte er sich dem gewaltigen Tier mit dem ausladenden Geweih, immer noch unablässig auf seine Tröte drückend. Endlich kam Bewegung in das Tier. Aber es bewegte seine Beine nicht, es schien sich wie auf Rollen zu drehen und sich ihm zuzuwenden. Die Haltung des Elchs blieb dabei irgendwie unbeweglich, steif. Langsam kam der Elch auf den Radfahrer zu, der sein köstliches Fahrzeug flugs drehte und noch einmal zurückschaute, bevor er die Flucht ergriff. Da sah er zwei Jungs hinter dem Elch, die die Szene filmten und sich dabei kugelten vor lachen. "Halt mal still!", gröhlte der eine zum andern, "das gibt ja total verwackelte Pics!"

Laut allen befragten Naherholungssuchenden der Region wurden seither im Güttingerwald weder der Rekord-Radfahrer noch der rollende Elch je wieder gesichtet.

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Ich freue mich auf die Kommentare, vor allem auf die von kompetenten Bikern, die mir klar machen, dass beim Equipment meines Protagonisten nicht alles state-of-the-art sei, aber auch von Rösselern und Hündelern, die schon ähnlich Lustiges erlebt haben in Feld und Wald.
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