Denk-Aufgabe 1804 vom 23.4.2018

 

Der den Untergang Herbeiahnende

Er sass nur still da. Und doch war seine Ausstrahlung unheimlich stark. Auch der unsensibelste Rüpel spürte die Kälte, die den knochigen, angegrauten Mann umwaberte. Und die mit etwas stärker ausgefahrenen Antennen registrierten auch den Todesgeruch, der von ihm ausging. Seine aussen leicht nach unten weisenden, grauen Augen mit den schweren Tränensäcken waren ins Leere gerichtet. Sein Gesicht von tief eingekerbten Falten übersät. Und seine messerschneidedünnen Lippen zeigten eine präzise Uhrzeit an. Es war nicht zehn nach zehn, die klassische 'Uhrmacherzeit', die einem Lächeln glich. Es war auch nicht fünf vor zwölf, das hätte ja eine kleine Chance bedeutet, das Ruder noch herumzureissen in den letzten fünf Minuten. Nein, es war klar und deutlich zwanzig nach acht. In jedem Fall zu spät.

Als seine Tochter mit ihren quietschfidelen 5-jährigen Zwillingsbuben den Raum betrat, blieb es zwanzig nach acht. Leise zischte er: "Es ist verantwortungslos, in dieser Zeit noch Kinder auf die Welt zu stellen," und warf den Dreien einen vernichtenden Blick zu. "Opa, kommst du raus und spielst mit uns?", trällerte Fix, und Fox stimmte sofort ein: "Jaaa, Opa, spiel mit uns Fussball!" – Opa schüttelte den Kopf: "Die Luft ist vergiftet. Die Wiese kontaminiert. Und wenn der Ball auf die Hauptstrasse rollt, werdet ihr mit Garantie überfahren." – Er stellte das Radio an, denn in Wirklichkeit war es nicht zwanzig nach acht, sondern zwölf Uhr dreissig, Zeit für die Nachrichten. Er wollte wissen, ob Kim den Knopf schon gedrückt hatte, gefolgt vom grösseren Knopf, den Donald zu drücken versprochen hatte. Er wollte wissen, welches AKW gerade leckte. In welchem afrikanischen Land welche Ethnien sich gerade mit Macheten den Schädel einschlugen, in welcher Gemeinde bärtige Migranten oder kurz eingeflogene Balkanis gerade eine Raiffeisenkasse oder einen Volg überfallen, junge Frauen vergewaltigt oder einfach mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge gerast waren, in welcher amerikanischen Schule gerade ein Amokläufer seine Mitschüler samt Lehrpersonal ausradiert hatte. – Nicht dass ihn diese Nachrichten gefreut hätten – Freude kannte er seit unvordenklicher Zeit nicht mehr. Er hatte sie sogar ganz bewusst aus dem Arsenal der zulässigen Emotionen gestrichen. Bei dieser Weltlage hielt er es für geradezu unanständig, stillos, respektlos, sich über irgendetwas zu freuen. Aber es gab ihm eine gewisse Genugtuung, seine Vermutungen bestätigt zu bekommen und zu wissen, dass ihn seine Ahnungen nicht trügten: es ging zu Ende. Nebst allen Kriegen und aller Gewalt gab es da ja auch noch den Klimawandel. Vielleicht erledigte der ja das Kapitel 'Mensch', noch bevor die Idioten auf die Knöpfe drückten. Aus seiner Sicht klar die zu bevorzugende Lösung. Mitleid mit den Enkeln? – Klar, sie konnten nichts dafür, dass sie hier waren. Er hatte seine Tochter gewarnt. Und sie hatte nicht auf ihn gehört. Jetzt konnte er nichts mehr tun. Er hatte versagt, sich nicht durchgesetzt. Hätte er sie rechtzeitig sterilisieren lassen, sie vor sich selbst schützen sollen? Müsste man nicht alle Menschen vor sich selbst schützen? Zumindest all die Idioten, die nicht sehen, wie das Ende mit zunehmender Geschwindigkeit auf sie zurast?

In diesem Augenblick teilten sich spontan wieder einige Krebszellen in seiner Lunge und halfen ihm damit, sich mit etwas Glück schon vor dem grauenhaften Weltuntergang  verabschieden zu können. Still und leise Blut hustend.  

Tja, die Gretchenfrage lautet diesmal: Wie hast denn DU es mit der seit mindestens zweitausend Jahren in Mode stehenden Weltuntergangsstimmung? Ich muss immer ein wenig lachen, wenn ich auf Menschen treffe, die das nahende Ende in herrlich farbenreichen Bildern ausmalen können. Aber mit der Zeit langweilt es auch und ich habe den unfeinen Verdacht, dass es - bewusst oder unbewusst - den kleinen kranken Brüder- und Schwesterleins des ollen Nostradamus mehr darum geht, ihrer bedeutungslosen Existenz wenigstens ein bisschen vom Glanz des höllischen Untergangs-Infernos zu verleihen. Aber ich lasse mich gern von euch überzeugen, dass es diesmal nun wirklich gaaaanz ernst ist und wir das Nötigste zusammenraffen sollten. Hmm, da stellen sich natürlich sofort die existenziellen Fragen nach den Grabbeilagen: braucht man im Jenseits eine Zahnbürste?
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