Denk-Aufgabe 1806 vom 14.9.2018

 

Jenseits des Opfer-Täter-Modells


Letztlich sind alle Gegensätze Fiktionen, Konstruktionen, Projektionen – je nach Absicht durchaus funktionale Täuschungen, mit denen man Geld verdienen, Macht ausüben, sein Ego stärken kann. Dagegen ist gar nichts einzuwenden, aber irgendwann darf das Kind ja auch merken, dass das mit dem Osterhasen ein zwar lustiger, aber doch fauler Zauber ist. Zum Stichwort 'faul': Uns Knirpsen fiel einfach eines Tages auf, dass die Mutter beim Eier- und Nester-Suchen immer wieder halb-verstohlen einen Zettel konsultierte und uns dann jeweils dezent in einen bestimmten Teil unseres riesig-unübersichtlichen Gartens lotste, manchmal Unverständliches mit Vater tuschelte, um uns dann nach vergeblichem Durchforsten sämtlicher Johannisbeer- und Brombeerstauden kopfschüttelnd wieder Richtung Kastanienbäume zu geleiten, irgendetwas von der Unorganisierteit heutiger Osterhasen murmelnd. Noch verdächtiger war's dann aber im darauffolgenden Sommer, als wir beim Tomatenklauen plötzlich einen fauligen Geruch wahrnahmen und in einem Mauerloch auf ein gigantisch stinkendes, schön zwiebelschalengefärbtes Osterei stiessen, genau dort, wo die Brombeerstauden anfingen und wo wir an Ostern vergeblich gesucht hatten. Wir schluckten eilig die sonnenwarmen Tomaten runter, wischten völlig vergeblich die Mäuler an den Armen sauber und holten Mutter zum Fundstück. Prompt vertschnäpfte sie sich und rief: "Genau das hat mir gefehlt!"- Es wanderte dann samt unserem Osterhasenglauben auf den Kompost.

Zurück zum faulen Zauber mit den Gegensätzen. Natürlich gibt es die Sinuskurve mit dem oberen und dem unteren Bogen, den beiden Kreishälften, die um einen Durchmesser versetzt nebeneinander auf einer Achse liegen. Das ist das Urmuster des Lebens, die Grund-Struktur alles Physischen – und ich will jetzt gar nicht darauf eingehen, dass ein Zustand denkbar ist, bei dem wir zuerst die Bewegung auf der Zeitachse stoppen, sodass die beiden Sinuskurvenhälften übereinander zu liegen kommen und ein Kreis entsteht, und wir dann noch die Ausdehnung, den Raum schrumpfen lassen, bis der Kreis zu einem Punkt wird. Das wäre dann nämlich der springende Punkt, die Quintessenz, wo man aus der Aufgespanntheit in Zeit und Raum rauskäme. Allerdings müsste das aufgeblasene Monster-Ego auch ziemlich Luft ablassen: genau soviel, dass es durch die winzige Öse in der Mitte des ausdehnungslosen Punktes durchflutscht, also ordentlich klein, und das kann ja dem Egolein kaum in den Kram passen, also lassen wir das vorläufig. Jetzt geht es mir nur um das Theater bei der Bewertung der einzelnen Hälften, ob es nun Sinuskurvenhälften oder sonstige gegenpolare Dinge sind. Beim Atem nickt zwar alles noch andächtig: "Ja, Einatmen ist genau so richtig wie Ausatmen." Auch bei Tag und Nacht sind noch viele dabei. Bei heiss und kalt scheiden sich bereits die Geister: da die fetten, rauchenden Herzinfärktler, denen bei über 15 Grad Celsius bereits der Angstschweiss herunterrinnt und das Wachstuchheft 'Mein letzter Wille' in den Fingern herumrutscht – und vis-à-vis die weiss-knöchernen Heizungsanbeter, die es sogar reut, ihr Blut in alle Aussenstationen rausfliessen zu lassen und die darum auch bei 35 Grad am Schatten mit Rollkragenpullover, Wollstrümpfen und Bettflasche verkrümmt unter den schweren Decken liegen. Aber der Krieg zwischen diesen beiden Lagern ist harmlos im Vergleich zum Krieg zwischen den Kriegsgurgeln und den Friedenskämpfern, die beide zum letzten bereit sind, um ebendiesen Krieg zu gewinnen, was bei den Friedenskämpfern bedeutend lustiger ist als bei den Gurgeln, da sie ja Letzteren mit deren eigenen Mitteln an die Gurgeln wollen – auf dass dann irgendwann nie mehr Krieg sei. Ganz prächtig ist auch der Krieg zwischen den Reichen und den Armen, zwischen den Gebildeten und den Ungebildeten, den Mächtigen und den sich machtlos Wähnenden – und damit stossen wir endlich zum Thema: dem vielleicht dümmlichsten, gewiss aber zu den folgenreichsten zählenden von all diesen mit viel Fahnen, Pathos und Bühnenblut ausgetragenen Kämpfen vermeintlicher Gegensätze: Opfer und Täter.

Es ist leicht nachvollziehbar, wie es zu diesem Gegensatzpaar kam: Bei allen Kriegen zwischen anderen Gegensätzen gab es immer wieder Sieger und Verlierer. Das wechselte zwar fröhlich ab, aber doch, es gab zumindest partiell und vorübergehend Verlierer – das schleckt keine Geiss weg. Was macht ein fettes Ego, wenn es verliert. Sicher nicht zugeben: "Scheisse, ich habe verloren!" Es kann – wie die Deutschen im 2. Weltkrieg – den siegreichen Rückzug erfinden. Eigentlich originell und sicher heldenhafter als das, was die meisten andern machen: sie spielen Opfer. Damit wollen sie das Recht, die Zuwendung, das Mitleid, die Opferhilfe (die dann selbstverständlich als Aufrüstung für den nächsten Waffengang benutzt wird), auf ihre Seite ziehen. "Schaut her, wie übel uns mitgespielt wurde! Wir sind die Ärmsten, wir sind unschuldig, wir können nichts dafür, die andern haben angefangen, wir sind die OPFER!!!" – Das Geschrei, das jede Mutter, die mehr als ein Kind aufzieht, bestens kennt, wäre ja nicht weiter erwähnenswert, wenn es als das abgetan würde, was es ist: dummes Geschrei. Kaum eine Mutter fällt mehr als einmal darauf herein, aber wisst Ihr was? – Die Psychologen, die Soziologen, und in ihrem Schlepp die Politikwissenschafter und in aller Schlepp die Politiker fallen reihenweise darauf herein! Wobei die letzten vielleicht gar nicht reinfallen, sondern den faulen Zauber durchschauen, ihn aber bei Bedarf sich zu nutze machen.

Den einzigen Opferstatus, den ich jedermann zugestehe, ist der folgende: "Ich bin Opfer meiner eigenen Blödheit." Das ist dann aber auch einer, wo wir etwas dagegen unternehmen können: Blödheit ist zwar lern- und lehrbar, ihr Gegensatz, die Klugheit, aber auch. Und auch bei diesem Gegensatzpaar machen wir keine Ausnahme: die Unversöhnlichkeit und die einseitige Bewertung ist auch bei diesem Gegensatzpaar unnötig und führt in die Sackgasse. Es geht also nicht um das verzweifelte Vermeiden der Blödheit und das ebenso verkrampfte Jagen der Klugheit. Wir haben alle ein gutes Recht auf beides. Ziel ist wie beim Atem die Balance. Sind wir ehrlich: wenn wir gleich blitzklug, ja gar weise zur Welt kämen, wir würden wohl das meiste gar nicht tun, was wir tun. Fast alle menschlichen Aktivitäten brauchen ein Quäntchen Blödheit, einen guten Schuss Täuschung, Einbildung, Märchenglauben. Würden wir sonst wie verrückt unsere Körper trainieren, die ja dann doch zwingend verfallen und sterben? Würden wir unter Missachtung unserer Gesundheit und oft auch unserer Moral Geld und Besitztümer zusammenraffen, um dann vor Sorge fast zu platzen, jemand könnte sie uns streitig machen, klauen – und um dann mit einem schäbigen Hemdchen bekleidet in einer mickrigen hölzigen Mini-Einzimmerwohnung im Dreck verscharrt, von den Würmern gefressen oder verbrannt zu werden? Würden wir andere wegen ihrer anderen Meinung verachten, verfolgen, umbringen, wenn wir nicht ganz gehörig blöd wären? Würden wir im Übermass fressen, saufen, rauchen, vögeln, wenn wir nicht eine gute Portion Blödheit mit auf den Weg gekriegt hätten? Würden wir vor der Glotze noch ganz verblöden, wenn wir nicht die Anlage dazu mitbrächten? – Aber ganz viel von dem Aufgezählten macht doch Spass? Blödsein macht Spass! Vergleichen Sie mal die Stimmung an einem Fussballturnier mit der Stimmung an einer Psychologen-Soziologen-Philosophen-Runde: die Fussballzuschauer mögen blöder sein, aber sie leben wenigstens! Sie lachen, schreien, freuen sich über klitzekleinen Nonsens: wenn's Balli ins Netzli fliegt – selbstverständlich nur in eins der beiden Netzli, sonst ist Huronengebrüll und Staatstrauer, aber auch das ist intensiv, ist lebendig. Bei der Wissenschaftler-Runde hingegen ist stiere Jammerstimmung. Jeder der Pfauen schlägt das Rad und will den drei Zuschauern beweisen, dass er der Klugste sei, dass er haargenau wüsste, wie die Welt zu retten wäre, wenn die Welt nur wollte, wie er. Vor lauter Eitelkeit und Nabelschau kommt kaum Kommunikation zustande, wo die Fussballzuschauer zwar auf tiefstem Niveau, aber doch ganz deutlich Kontakt aufnehmen mit dem Gegenüber, aufeinander einschreien, einander niederschreien, aber immer bezogen bleiben aufeinander. Ein Fussballspiel, bei dem nur Supporter der einen Mannschaft anwesend sind, ist auch für diese ein Non-Valeur, langweilig, wogegen bei der Wissenschaftler-Runde jeder froh wäre, er könnte sich ganz allein präsentieren, da er nicht die Kommunikation, den Dialog, sondern die monologische Selbstdarstellung sucht.
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Balance ist gefragt Mut zur Blödheit für die sich neunmalklug Wähnenden, Mut zur Bildung mit allgemeiner Richtung Klugheit für die, die sich so oft blöd vorkommen, dass es sie zu stören beginnt. Kriterium für das Erreichen der Balance ist genau das: das Stören bzw. dessen Abwesenheit. Wenn uns keine Einseitigkeit mehr stört, wenn wir weder über die eigene Blödheit bzw. Neunmal-Klugheit, noch über die anderer uns aufregen, weder auf die primitiven Blöden noch auf die eitlen Klugen zeigen müssen, sondern beides integriert haben, erkannt haben, dass es von beidem eine Portion braucht, um sich des Lebens erfreuen zu können und wir uns darauf konzentrieren, die Balance bei uns auch im Kleinen herzustellen: dort wo wir bislang blöd waren, ein bisschen Klugheit erarbeiten oder beimischen; dort, wo wir so furchtbar klug waren, die ewige rationale Analysiererei ein wenig hintanstellen. Genau das ist das Ziel der Meditation – da drin steckt übrigens die Mitte, die Balance, wo ich ja hingelangen möchte – das Denken, für das wir uns ja so klug finden, zu bremsen, beiseite zu legen und dem Sein Platz zu machen. Die von östlichen Weisheitslehren so gepriesene Leere ist dem klugen Rationalisten zutiefst zuwider, denn sie führt ja gerade weg von der Fülle toter Information, auf die er so stolz ist. Noch schlimmer: sie führt weg aus Zeit und Raum und – als Clou: weg von der Persönlichkeit, über das profilierte Ego hinaus in die Grenzenlosigkeit, wo es weder Blöde noch Kluge, weder Opfer noch Täter gibt – oder alles zugleich. Dorthin, wo sich auch die Hamlet-Frage 'Sein oder Nicht-Sein' erübrigt, weil es in der Mitte, in der Balance, im Jetzt keine Fragen mehr gibt. Es braucht auch keine Antworten mehr, keine Modelle und schon gar keine Denk-Aufgaben: dort, wo das Denken aufgegeben werden kann.

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