Denk-Aufgabe 1807 vom 22.10.2018

 

Kantonstierarzt Ulk

Eigentlich hatte er auf einen ruhigen Job gehofft, nachdem er mit seiner Praxis kläglich gescheitert war. Und eine Zeitlang hatte er das geruhsame Beamtenleben auch geniessen können. Einfache Büroarbeiten. Die vielen Weisungen aus Bern sichten und wo nötig den kantonalen Verhältnissen anpassen. Formulare ausfüllen, Grenzübertritte von Tieren überwachen und Einsätze als Fleischschauer. Tierseuchen gab es keine in letzter Zeit, was ihn eigentlich erstaunte. Die grossen Pharmaunternehmen waren doch hoch interessiert an Seuchen und auch fähig, solche zu lancieren? Dann waren noch die Tierkadaversammelstellen, aber das hatte er delegiert. Mit lebenden Tieren hatte er eigentlich nie etwas zu tun. Und das war ihm durchaus recht. – Doch dann kam dieser Fall. Der Bauer und Züchter aus dem kleinen Kaff war längst aktenkundig. Ein trutziger Kerl, der sich immer wieder gegen die vielen neuen Regeln aus Bern – oder immer häufiger aus Brüssel! – auflehnte. Dazu war er gross und kräftig und hatte eine Ausstrahlung, die keinen Zweifel daran liess, dass er sich notfalls auch mit Gewalt zur Wehr setzen würde. All die stets anwachsenden und wechselnden neuen Vorschriften stellten die Bauern tatsächlich teils vor riesige Probleme. Ganze Ställe mussten umgebaut werden, weil sie wegen ein paar Zentimetern Höhe oder Fläche nicht den neusten Regeln entsprachen. Die Sennhütten waren abgeschafft. Jeder Milchbauer musste sich teure Kühlanlagen anschaffen, um den neuen Hygienevorschriften und dem neuen Abholungssystem gerecht zu werden. Er hatte durchaus Verständnis dafür, dass es für die Bauern immer komplizierter wurde, sie immer mehr Zeit am Computer anstatt im Stall oder auf dem Feld verbringen mussten, um all den administrativen Anforderungen zu genügen. Aber letztlich war er nur ausführender Beamter und nicht verantwortlich für die Regelflut. Er musste für die Einhaltung der Regeln sorgen, auch wenn er sie nicht alle sinnvoll fand. Und er hatte keinen Spielraum für eine dem Einzelfall gemässe Anwendung. Wenn er auch nur ein Mü von den Vorgaben abwich, würde ihn ein Mitarbeiter verpetzen und er war seine Lebensstelle los. Petzen war salonfähig geworden, seit es 'whistleblowing' hiess und ein paar berühmt gewordene Vorbilder hatte. Er erinnerte sich gut, was sie früher auf dem Pausenplatz mit Petzern, Verrätern, 'Täderlis' gemacht hatten. Meist reichte ein einmaliger Abrieb, dass sie es nie mehr taten. Aber wenn man wie heute dafür viel Geld und positive Medienpräsenz erhielt, war das eine Einladung für alle, es auch zu tun. So schnell änderten sich die moralischen Werte einer Gesellschaft.

Wovor ihm am meisten graute, war die Vorstellung einer grösseren Tierseuche wie BSE, die zu einer von Brüssel europaweit befohlenen Schlachtung Tausender gesunder Rinder geführt hatte. Damals war die Schweiz noch etwas unabhängiger, aber heute, mit der erzwungenen Übernahme aller EU-Regeln, sah das schlechter aus. Er war sich sicher, dass der trutzige Tierhalter eine Festung aus seinem Hof machen und sie mit Waffengewalt verteidigen würde nach dem Motto: "Nur über meine Leiche!" Nur schon die üblichen Kontrollen, die auf allen Höfen durchgeführt werden mussten, waren ein Spiessrutenlaufen und er selbst wagte sich schon lange nicht mehr auf den Hof, seit sein Stellvertreter verbal und tätlich bedroht worden war. Er würde nicht einmal mit Polizeischutz den Hof betreten, auf dem man ja auch aus irgendeinem Versteck heraus erschossen werden konnte.

Aber jetzt mussten sie irgendetwas unternehmen. Eine anonyme 'Tierschützerin' hatte Bilder eines toten Pferdes an die Medien weitergeleitet. Aus der Gerüchteküche hatte er vernommen, dass es sich bei der Petzerin um eine verschmähte Kundin des Bauern handelte, die früher auf dem Hof mitgearbeitet habe, dann aber das Pferd ihrer Träume aus der Zucht des Bauern nicht gekriegt hatte, was sie offenbar so beleidigte, dass sie – mit einer Raffinesse, wie sie wohl nur weiblichen Wesen zueigen ist – ein in der riesigen Herde von über hundert Tieren zu Tode gekommenes Pferd genau in dem Augenblick fotografierte, als der Bauer Traktor und Hänger holte, um es wegzuführen. Sie war clever genug, dafür zu sorgen, dass auf dem Foto aufgrund des Umfeldes und der sichtbaren Gebäudeteile klar zu erkennen war, dass es sich um den Hof des besagten Beamtenschreck-Bauern handelte. Doch das waren Gerüchte. Beweisen konnte man zumindest vorläufig nichts.  

Er hatte die Kantonspolizei orientiert und hoffte, dass die einen Grosseinsatz durchführen würden, an dem er sich nicht beteiligen musste. Rasch öffnete er die unterste Pultschublade und zog einen Flachmann hervor, der mit echtem regional produziertem Kernobstbrand gefüllt war, und nahm einen tiefen Schluck. Die hochprozentige Flüssigkeit brannte in seiner Kehle und erzeugte sofort ein wohliges Gefühl im Magen. 'Wozu haben wir eine Sondereinheit bei der Kapo? Jetzt können die doch mal zeigen, was sie drauf haben?', dachte er für sich, als es an seiner Bürotüre klopfte.

Die hohe Kunst, aus Scheisse Hochzeitstortensahne zu zaubern

Nach einem etwas schmatzenden "Herein" des Kantonstierarztes trat sein Stellvertreter ein. Er kannte den Fall und hatte in seinem Auftrag mit der Kapo verhandelt. "Und, machen Sie es?" fragte er seinen Adlatus. Dieser schüttelte den Kopf. "Der Kommandant der Sondereinheit will seine Leute nicht wegen sowas Lokalem verheizen. Die hätten alle Frau und Kinder – und ein wild gewordener Bauer sei weniger berechenbar als islamistische Terroristen." – "Shit. Eine schlagkräftige Bundespolizei haben wir nicht." – "Wie wärs mit der Armee?", schlug der Stellvertreter vor. "Vergiss es. Einsätze im Landesinnern gibt es höchstens fürs WEF, aber nicht gegen renitente Bürger. Es ist zwar hundert Jahre her seit dem Aufgebot der Armee gegen die landesweit streikende Arbeiterschaft, aber das sitzt tief im Gedächtnis", meinte der Kantonstierarzt kopfschüttelnd. "Dann halt Brüssel, schliesslich kommen die meisten Regeln direkt von dort!", knurrte der Stellvertreter. "Die EU hat gar keine Armee!", wehrte der Chef ab. – "Dann halt die NATO!", meinte der Beamte mit grimmigem Gesicht. Wir müssen nur beweisen, dass der renitente Bauer russische Ahnen hat, dann kommen die!" – "Das dürfte beim Namen 'Hagebüechli' schwierig werden", versetzte der Kantonstierarzt mutlos. "Vielleicht mütterlicherseits, oder grossmütterlicherseits, da haben wir schon zwei Chancen – und bei den Urgrossmüttern vier!" – Doch alles Suchen half nichts. Der Bauer war astreiner Eidgenosse – und bei den Urgrosseltern verlor sich die Spur, weitere Ahnen waren nicht aktenkundig. So kam es, dass die beiden schliesslich das taten, was Beamte weltweit am besten können: sie sassen das Problem aus, schwiegen so lange, bis – so hofften sie – das Interesse der Medien erlöschen, sich neuen Skandalen zuwenden und sich langsam eine Staubschicht auf die Akte Hagebüechli legen würde. Doch es kam anders. Die aufgebrachten Tierschützer liessen nicht locker. Das Ganze wuchs ihm über den Kopf und er tat einmal mehr das Falsche, allerdings mithilfe der Polizei, des zuständigen Regierungsrats, der die Kunst des Schönredens so toll beherrschte, dass trübste Scheisse zu Hochzeitstortensahne mutierte. In einer riesigen Polizeiaktion wurden Hunderte von Tieren beschlagnahmt und in einer Jahrmarkt-Auktion verscherbelt. Der böse Bauersmann erhielt hundert Jahre Tierhalteverbot, der schleimige Regierungsrat und der dusslige Kantonstierarzt Ulk hingegen blieben kleben auf ihren Sesseln, die nur leicht gewackelt hatten.

Neuer Sport: Schafe-Werfen

Doch dann kam der Fall Backstein. Wieder hatten böswillige Tierschützer hinterrücks einen sportlichen Schafzüchter bei seinem frohgemuten Tun gefilmt, anstatt anständig, wie der Kantonstierarzt und seine Schergen es immer machten, eine nicht angekündigte Betriebskontrolle anzukündigen. Das war ganz einfach: Man rief den Betriebsinhaber an und sagte, man möchte gern einen Besuch machen, am liebsten am kommenden Montag etwa um 14 Uhr, man komme aber unangekündigt. Und dann kam man um 15 Uhr, also völlig unerwartet auf den Hof. Dies hatte sich über Jahre bewährt und man hatte so kantonsweit nie und nirgends etwas zu Beanstandendes festgestellt. – Und jetzt behaupteten diese Miesmacher, der frohgemute Arthur Backstein aus Kurzrickenrinnsal würde seine Schafe herumwerfen und mit Stöcken schlagen. Tja, Ulk erinnerte sich an den Fall Hagebüechli und behauptete wieder als erstes, das Bildmaterial sei manipuliert. Das hatte damals doch auch eine zeitlang funktioniert? Da brauchte es nur einen Experten, der selbstverständlich anonym bleiben wollte, der überzeugend dartun konnte, wie leicht man heute Fotos und Videos fälschen konnte. Und für den Fall, dass das nicht hinhaute, fanden sich bestimmt auch noch Leute, die aussagen würden, dass Schafe werfen und hauen ganz normal sei. Wenn man sie so dicht gedrängt halten müsse, damit es noch rentierte, dann seien die halt manchmal etwas widerspenstig. Ulk machte wieder seinen bewährten angekündigt-unangekündigten Betriebsbesuch, fand nichts, was zu Beanstandungen Anlass gab – Aktendeckel zu.

Doch wieder ging es schief. Die Hauptabnehmer des Schafzüchters stellten die Zusammenarbeit sofort ein, der Ruf Backsteins war dahin. Auch die rührseligen Familienbilder, die Backstein überall veröffentlichte, verloren etwas an Glaubwürdigkeit und Wirkung, als ein zweites Video auftauchte, das zeigte, wie Backstein seinen etwa zehnjährigen Sohn anleitete, wie man mit einer Eisenstange auf Schafe einprügelte, um sie in den Transporter zu zwingen, der sie zum Schlachter bringen sollte. Und schon wieder gerieten der Schönredner-Regierungsrat und sein tolpatschiger Kantonstierarzt in die Negativschlagzeilen. So ganz langsam schienen Vokabeln, die man in Mostindien vor kurzem noch kaum buchstabieren konnte wie 'Tierschutz', 'Umweltschutz', 'Kinderschutz' auch im Nordosten Helvetiens in die Schädel der Ureinwohner einzudringen und bei den einen oder andern sogar die Herzen zu erreichen. Dass einige davon träumten, dem Backstein möge doch bei nächstmöglicher Gelegenheit ein Backstein auf den Kopf fallen, auf dass man ihn an den Beinen in Richtung Kadaversammelstelle schleppen und schwungvoll in die entsprechende Klappe schmeissen könne, wurde allerdings von offizieller Stelle bislang nicht bestätigt, was bekanntlich noch lange nicht bedeutet, dass es nicht doch den Tatsachen entsprach.

Ulk blieb ulkigerweise bis an sein vielerorts herbeigesehntes Erreichen des Rentenalters weiterhin auf seinem Stuhl als Kantonstierarzt, auch wenn ihm der Stuhlgang seit dem Fall Backstein etwas schwerer viel. Leichter fiel ihm hingegen der Zugriff auf den Flachmann in der untersten Schublade seines Pultes, obwohl die Pensionskasse für höhere Beamte ja durchaus so ausgestaltet war, dass ihm nach dem aufreibenden Arbeitsleben noch ein paar ruhige Jahrzehnte winkten.

Auf Feedback, auch entrüstetes von Ulk, Schönredner und anderen Mostindiern freut sich  info@marpa.ch.