Denk-Aufgabe 1809 vom 22.12.2018

 

Aber es sind doch nur Menschen!

Die Tiere haben den Planeten übernommen, nachdem sich die Menschen gegenseitig im 'Dritten Weltkrieg' weitgehend dezimiert und nur noch in archaischer Weise in den Wäldern überlebt haben. Die Tiere jagen und essen die Menschen, aber es gibt auch Vegetarier unter ihnen, die das ablehnen. Die Antworten der menschenfressenden Tiere sind simpel und stereotyp: "Aber es sind doch nur Menschen!" - Beim Höhlen- und Nestbau werden Menschen als Arbeitersklaven eingespannt. Auch dagegen erhebt sich Protest von einzelnen Tieren. Die Antwort ist wiederum: "Aber es sind doch nur Menschen!" – In China werden lebende Menschen zum Amusement der umstehenden Kühe und Schweine Raubtieren zum Frass vorgeworfen. In Spanien hängen die Tiere gefangene Menschen an Drähten an Bäume und lassen sie dort verhungern. Auch hier kommt der ewig gleiche Spruch zu allen,die sich daran stören: "Aber es sind doch nur Menschen!"

An einer grossen Tierversammlung wird darüber debattiert, was eigentlich hinter diesem Argument steckt, weshalb die Mensch so minderwertig sein sollen, dass man sie ohne schlechtes Gewissen fressen, versklaven, quälen, missbrauchen dürfe, weshalb sie eigentlich so tief unter allen Tieren stehen.

Die Argumente, die die verschiedenen Tiere vorbrachten, sind vielfältig:
Die Menschen sind dumm, hässlich und unbegabt!, hörte man immer wieder von denen, die diese unselige Spezies am liebsten ausgerottet hätten. Sie behaupten, die Menschen sähen nichts, hörten nichts, röchen nichts, schmeckten nichts, seien langsam auf dem Boden, könnten nicht selber fliegen, fast nicht schwimmen, hätten kein Fell, keine dicke Haut und auch sonst keinen Schutz und seien in ihrer Nacktheit unsäglich hässlich. Und die Menschen seien die einzigen, die meinten, sie seien die Einzigen, der Planet gehöre ihnen und alles, was da wachse und lebe, sei nur dazu da, dass sie sich vollfressen könnten zu fetten, unbeweglichen Klössen.

Fast ebenso häufig war zu hören: Die Menschen sind zutiefst bösartig und schlecht! Alles, was sie je an Fertigkeiten erworben hätten, hätten sie dazu genutzt, das Töten von Tieren, das Vernichten der Pflanzen, das Vergiften des Wassers und der Luft und vor allem das Umbringen anderer Menschen zu perfektionieren. Dies habe ja auch dazu geführt, dass jetzt nur noch ein kleiner Teil der einst riesigen Zahl von Menschen übrig geblieben sei. Und sie hätten sich immer schon auch völlig grundlos umgebracht. Andere Aussenfarbe, anderes Revier, andere Bräuche in den Herden – und schon schlügen sie sich reihenweise tot. Es reiche schon, wenn aus dem Mund des einen Zeugs quölle, das dem andern nicht passe: Bumm! Auch hiergegen wurden Einsprüche geäussert. Es gebe auch solche, die ganz gut miteinander umgingen, sich gegenseitig helfen würden, wenn sie verletzt seien, ihre komischen Hütten teilten mit solchen, die keine hätten. Der Papagei witzelte: "Dann sind das wohl Kreuzungen mit Tieren? Haben diese seltenen Exemplare auch Federn oder ein Fell?"

Ein weiteres immer wieder vorgebrachtes Argument war: Die Menschen sind nutzlos! Die Menschen könnten eigentlich nichts, was direkt nützlich wäre für die Tiere. Auch die Haltung als Sklavenarbeiter lohne sich kaum. Das Verhältnis von Aufwand und Ertrag sei schlechter als bei allen Tieren. Wenn es zum Beispiel um das Transportieren schwerer Lasten gehe, sei ein einziger Elefant effizienter als 20 Menschen, die man noch anziehen und füttern und ihnen Höhlen und Behausungen zur Verfügung stellen müsse. Auch das Mästen lohne sich nicht. Es dauere viel zu lang, bis sie ein einigermassen rentables Schlachtgewicht erreichten. Und den meisten fleischfressenden Tieren schmecke Mensch einfach nicht besonders. Luftgetrocknet würden einige Tiere etwas Menschenfleisch für den Winter als Notration aufbewahren, aber es sei für die meisten letzte Wahl. Und die Maschinen, die nach dem grossen Krieg noch überall vor sich hinrosteten und die nun endlich alle entsorgt seien, wolle man sie nicht mehr bauen lassen. Ausser die Schredder- und Vergasungsanlagen, mit denen die Menschen früher alle männlichen Küken umgebracht hätten. Die brauche man jetzt zur Entsorgung nutzloser Menschen. Aber auf all den restlichen Quatsch könne man gut verzichten. Man habe ja erlebt, was sie damit für Unsinn anstellten. Auch die Menschenversuche, die man bis jetzt gemacht habe, hätten für die Tiere letztlich auch nicht viel gebracht, da sich die Resultate der Versuche mit diesen nackten Schwächlingen gar nicht auf die starken Tiere übertragen liessen.

Aber auch da gab es Gegenargumente: Mit Gesang und Musik würden die Menschen doch auch die Tiere und Pflanzen erfreuen. Man könne die Menschen doch singen und musizieren lassen. Das sei vielleicht das einzig Nützliche, ja Schöne, zu dem sie fähig seien, aber doch ein guter Grund, um zumindest die zu erhalten und weiter zu züchten, die hier besondere Begabungen zeigten.

Auf jeden Fall erreichten die paar Tiere, die sich für die Menschen einsetzten, dass ihnen über die sattsam bekannte Eigenschaft, anderen Leid zuzufügen, nun doch auch so etwas wie Leidensfähigkeit zugestanden wurde. Die 'Menschenschützer', wie sich die wenigen Tiere nannten, die sich für die Erhaltung dieser zerstörerischen Spezies einsetzten, sprachen sogar von 'Würde'. Das führte aber nur zu grossem Gelächter bei den anderen Tieren. Prustend erinnerten sie die jungen Eiferer unter den Menschenschützern an die Ereignisse im grossen Krieg. So blieb bei den meisten Tieren die Überzeugung tief verankert: "Aber es sind doch nur Menschen!" Sie sagten es etwas weniger laut, manche liessen sich ab und zu mit einem dieser komischen Zweibeiner sehen vor andern Tieren, tätschelten sie jovial. Aber wenn niemand zuschaute, behandelten sie sie genau gleich wie immer, hielten sie in engen Käfigen, liessen sie schuften, Höhlen und Gänge bauen, mästeten sie ein paar Jahre, frassen sie aber meist schon vor Erreichen des Schlachtgewichts oder machten Winternotrationen aus ihnen.

Bei grossen Tierzusammenkünften wie dem alljährlichen Thing, der weltweit in allen Regionen auf grossen Waldlichtungen zur Zeit der Wintersonnenwende gefeiert wurde, gehörten die besten Stücke vom Menschen traditionell zum Speiseplan: das grosse Fest der Liebe feierten die Tiere am liebsten mit fein geschnittenen Menschenfiletwürfelchen, die sie mit langen Ästen in eine auf dem Feuer köchelnde, in Menschenschädelhälften aufgegossene Brühe tunkten, garten und dann mit Kräutern bestreuten, da rohes Menschenfleisch einfach einen unangenehmen Nebengeschmack hatte. Wenn sich nicht mehr für den Verzehr geeignete Zweibeinsklaven der Arbeit widersetzten oder sonst unbrauchbar wurden, setzte man sie im Wald aus. Mit ihrem schlechten Orientierungssinn liefen sie im Kreis herum, erfroren oder verhungerten. Aber das störte nur wenige Tiere. Es waren ja nur Menschen.

Die wenigen Menschenschützer unter den Tieren liessen sich jedoch nicht beirren. Sie hielten ihre Menschen fast wie ihre eigenen Verwandten und sorgten dafür, dass sie zusammen singen und auch wieder Musikinstrumente bauen konnten. So entstanden weltweit immer mehr Menschenchöre und -orchester, die tagein, tagaus für die Tiere musizierten. Auf diesem Weg konnten sich die so wenig geschätzten Zweibeiner ganz langsam wieder etwas Anerkennung verschaffen bei den Tieren. Sogar diejenigen, die lange die Ausrottung der Menschen verlangt hatten, akzeptierten – wenn auch etwas widerwillig und zögerlich – dass man eine kontrollierte Population dieser Wesen am Leben lassen konnte. Da die in den Chören und Orchestern wirkenden Menschen auch an den grossen Tierfesten und den Thingzusammenkünften auftreten durften, während gleichzeitig viele andere Menschen geschlachtet und zu Filetwürfeln verarbeitet wurden, kam es immer wieder zu Demonstrationen der Menschenschützer, die ein Verbot des Menschenfleischkonsums wenigstens an diesen Festen verlangten. Aber gegen die Macht der Konservativen mit ihrem unschlagbaren Argument, dass man sich altbewährte, schöne Traditionen doch nicht von ein paar Eiferern vermiesen lasse, hatten die von edlen Motiven Getriebenen wenig auszurichten. Als einmal einer grösseren Gruppe von Menschen der Ausbruch aus einem Mastbetrieb gelang und die Ausbrecher keinen Moment zögerten, die von ihnen überwältigten Wärter, lauter muskulöse Munis, Bären und Jungelefanten, sofort zu grillieren und zu verspeisen, wurden viele Stimmen laut, die massive Bestandesreduktionen forderten und davor warnten, dass die Verhältnisse wohl rasch wieder drehen würden, sollten die Zweibeiner je wieder so mächtig werden, wie sie es einst waren.

Doch die Menschenschützer gaben nicht auf. Immer wieder versuchten sie, mit Menschen auf Augenhöhe zu kommunizieren, mit ihnen zusammenzuarbeiten und zusammenzuleben. Die Hausmenschen, die sie sich hielten, durften mit ihnen essen, durften in ihren Behausungen wohnen, ihre Bedürfnisse kundtun. Mit der Zeit lernten sie sie immer besser kennen und schätzen und merkten bald, dass gar nicht alle Menschen so dumm, unbegabt, nutzlos oder gar bösartig waren, wie von vielen Tieren behauptet wurde. Immer neue Formen der Kooperation wurden ausprobiert, die Menschen zeigten sich willig und immer mehr auch fähig, die Tiersprachen zu erlernen, das Sozialleben der Tiere zu verstehen, ihre Art, in kleineren oder grösseren Kollektiven zu leben ohne irgendeine Form als die einzig richtige, die einzig wahre und damit die einzige zu duldende hinzustellen. Und die Tiere lernten die Musik der Menschen zu lieben und erweiterten auch ihr eigenes Repertoire an Lauten, Pfeifen, Gesang, an Rufen, Trompeten, Klopfen und Rhythmen in Feld und Wald, in den Lüften und unter Wasser.

Und so häuften sich die Momente, in denen der ganze blaue Planet voller Klang war.

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