Denk-Aufgabe 1810 vom 24.12.2018

 

Zeus und Gaialina

Marpa-Weihnachtsgeschichte 2018

Als Zeus noch jung war, erhielt er von seinem Vater Kronos, dem Herrscher des Universums, den kleinen Planeten Gaialina zugeteilt. Die runde Göttin Gaialina war auch noch jung und voller Tatendrang. Einfach nur brav immer um ihre Sonne rumsausen reichte ihr nicht. Die Spiele mit dem kleinen Mond, der um sie herumscharwänzelte, waren zwar lustig, und je nachdem, wo er gerade war, liess sie den grossen Wasserteppich, der sie fast vollständig überzog, ein bisschen rumschwappen. Aber Gaialina träumte von mehr 'Action', und als der junge Zeus sie erstmals besuchte, wusste sie: Jetzt geht's los!

Wie das ein guter Jungunternehmer nach einer Übernahme macht, liess sich Zeus von Gaialina den gesamten Betrieb zeigen und lotete anschliessend im Gespräch mit ihr die Entwicklungsmöglichkeiten aus. Er erwähnte stolz, dass ihm sein Vater völlig freie Hand gelassen habe, was er aus und mit Gaialina machen wolle. Gaialina wurde angesichts des jungen, hübschen Gottes so warm ums Herz, dass sich ihre Oberfläche an verschiedensten Stellen öffnete und lustige heisse Fontänen aus ihr herausspritzten – die ersten Vulkane waren geboren.

Die beiden kugelten sich vor Lachen, was Gaialina natürlich besonders leicht fiel, da sie ja bereits eine Kugel war. In dieser übermütigen Stimmung liessen sie dann ihrer Phantasie freien Lauf und begannen, Wesen zu erfinden, um ein bisschen Farbe und Leben in die endlosen Wassermassen zu bringen. Das Spiel der beiden bestand darin, sich gegenseitig immer wieder zu überraschen, was beide zu Höchstleistungen antrieb und viele Lachstürme und Freudentänze auslöste.

Natürlich gab es auch ein Gerangel um die Vorherrschaft unter all den Myriaden von Wassertieren. Zeus bat seinen Bruder Poseidon, im Wasser für Ordnung zu sorgen, damit er sich neuen Aufgaben zuwenden könne. Dieser kam postwendend angerauscht samt Dreizack und versprach, seine Augen unter Wasser offen zu halten.

Doch irgendwann erlahmt auch die Innovationskraft von Genies und Zeus schlug vor, nun zur Abwechslung Wesen zu erschaffen, die in der Luft herumtoben konnten, die als grosse Schicht die wasserreiche Gaialina umgab. Die beiden überboten sich wieder in ihrer Kreativität und schufen eine geradezu atemberaubende Vielzahl flugfähiger Wesen, von winzigen Mücken bis zu fliegenden Sauriern.

Als auch die Lüfte so voll verschiedenartigster, verschiedenfarbigster Flugwesen war, dass es immer wieder zu Fast-Kollisionen kam, legten die beiden Schöpfungswilden eine kurze Pause ein. Zeus warf einen Blick auf die fast überall von Wasser bedeckte Gaialina und blieb an den paar bizarren Felsspitzen hängen, die da und dort aus den Wassermassen herausragten – und da traf ihn der Gedankenblitz – nicht weiter verwunderlich, da das Blitzeschleudern ja schon in jungen Jahren zu seinen Lieblings-Freizeitbeschäftigungen gehörte. Dynamischer Macher, der er nun mal war, machte er sich flugs an die Umsetzung seiner Idee. Da es gerade Nacht war und sein Coucousin Helios, der Sonnengott, also nichts zu tun hatte, bis Eos sein Auftauchen mit dem von vier herrlichen Hengsten gezogenen Sonnenwagen am nächsten Morgen wieder ankündigen würde, rief er ihn herbei per Gedankenblitz, das war sowas wie eine mentale Whatsapp ohne Smartphone und Eintipperei.

Helios liess sich nicht lange bitten. Er wusste, dass der freche Zeus immer für ein Abenteuer gut war. Baseballkappe und verspiegelte Sonnenbrille dämpften die Helligkeit seines Strahlenkranzes ein wenig. Trotzdem erschienen Gaialina und Zeus in unwirklichem Licht, als sich Helios zu ihnen gesellte. Zeus kam sofort zur Sache: "Hallo Strahlemann! Du hast doch so wunderschöne Tiere vor deinem Wagen…" – Helios fiel ihm sofort ins Wort: "Meine Hengste kriegt niemand! Nur über meine Leiche! Und da ich unsterblich bin, kannst du also lange warten!" – Zeus lachte, stupste Gaialina an: "Ich hab's dir ja gesagt, Heli ist fleischgewordener, flammender Protest!" – dann wandte er sich beschwichtigend seinem leuchtenden Verwandten wieder zu: "Wir wollen dir nichts wegnehmen. Wir haben nur eine Bitte. Wir möchten, dass in Bälde auch so wunderschöne Tiere wie deine Hengste auf Gaialina rumgaloppieren – und du könntest uns dabei helfen!" – Helios dimmte sein feuriges Strahlen weiter und warf zweifelnd ein: "Was sollte ich dazu beitragen können? Ich behalte auch die Nachkommen meiner Hengste für mich. Für den Fall, dass einer der hochentwickelten Vollblüter einmal unpässlich sein sollte." – Zeus lachte wieder: "Jetzt entspann' dich, Kumpel. Wir möchten nur, dass du ein paar Tage lang etwas näher an Gaialina vorbeifliegst, damit ein Teil der Wassermassen verdunstet und etwas mehr Land auftaucht als nur die paar felsigen Berge", und deutete dabei mit ausladender Geste auf die sie umgebenden Wassermassen. Gaialina meinte mit ihrer verführerischsten Stimme: "Du hast doch bestimmt gesehen, dass wir Meere und Lüfte mit schwimmenden und fliegenden Wesen bevölkert haben. Jetzt möchten wir Tiere schaffen, die sich auf festem Boden bewegen können – wie deine wunderschönen Hengste. Eigentlich bis Du schuld, dass wir auf diese Idee kamen", schloss sie mit verschmitztemLächeln. Endlich dämmerte es Helios (obwohl es gar noch nicht Zeit war für die Morgendämmerung Eos), und das Kompliment der schönen Gaialina schmeichelte ihm – schliesslich war er ja auch nur ein Mann und damit leicht an der Nase herumzuführen. Er willigte sofort ein und lenkte seinen Sonnenwagen bereits am kommenden Morgen so nah über die Wasseroberfläche, dass gewaltige Dämpfe und Nebelschwaden aufstiegen. Fasziniert schauten Gaialina und Zeus zu, wie nicht nur steile Felszacken, sondern auch flaches Land sichtbar wurde, je mehr die Fluten zurückgingen. Und bevor sie sichs versahen, begannen die Flugtiere das Land in Besitz zu nehmen, offenbar froh, mehr Landefläche zur Verfügung zu haben als nur die paar schroffen Felsen von bis anhin.

Auch einzelne Wasserbewohner kamen kurzzeitig an Land, merkten aber schnell, dass ihnen die Ausrüstung fehlte, um sich ausserhalb des Wassers zu bewegen – und dass ihre Kiemenatmung nur im Wasser funktionierte. Flugs schwupsten sie ins kühle Nass zurück, das aber wegen der Nähe von Helios zurzeit gar nicht so kühl war. Abtauchen in die Tiefe, lautete deshalb die Devise.

Damit wurde für Gaialina und Zeus klar, wie sie die Landwesen auszustatten hatten. Die erste geniale Idee bestand darin, dass die Pflanzen, die sie schufen, von Helios-Licht und Poseidon-Wasser leben konnten, und dass sie genau den Stoff produzierten, den die neuen Landtiere einatmeten und den verbrauchten, den die Land- und Lufttiere ausatmeten.

Damit war ein System geschaffen, das sich weitgehend selbst regulierte. Nun konnten die beiden ihrer Phantasie wieder freien Lauf lassen und sie übertrafen sich gegenseitig mit Ideenreichtum, Farbenpracht, Formenvielfalt und Sinnlichkeit ihrer Geschöpfe.

Irgendwann waren sie aber erschöpft von der Schöpferei, legten ihr Werkzeug beiseite und schauten dem emsigen Treiben zu Lande, zu Wasser und in der Luft vergnügt zu. Zeus meinte angesichts des Gekrabbels, Geplantsches und Gesauses schmunzelnd zu Gaialina: "Und wenn's dir mal zuviel wird, einfach schütteln!" Doch Gaialina freute sich über all die Action auf, in und über ihr. Es war genau, was sie sich gewünscht hatte und sie konnte sich kaum sattsehen an all der Farbenpracht und dem Reichtum an Lebendigem.

Doch dann geschah das, was immer schon geschah, geschieht und geschehen wird, wenn Ziele erreicht sind, das Glück selbstverständlich wird und damit – traurig, aber wahr – zu verblassen beginnt, bis es sich auf leisen Sohlen ganz davon und der Langeweile Platz macht. Zeus wurde unruhig, schaute immer häufiger im Weltall herum und Gaialina spürte, dass er im Begriff war, auf und davon zu neuen Taten zu schreiten. Ein Gott konnte ja nicht einfach so rumsitzen. Also machte sie das, was viele Frauen in ähnlichen Lagen tun: sie wurde schwanger. Von ihm natürlich. Und gebar ihm Zwillinge, ein Mädchen und einen Jungen.

Kaum sahen die beiden, was für komische splitternackte Schreihälse das Licht der Welt erblickt hatten, wurde ihnen klar, dass dieses Experiment in die Hosen gehen könnte. Zumindest ohne Hosen, denn die Zwillinge waren fell-, feder-, orientierungs- und hilflos. Sie hatten auch keine sinnvollen Rufe oder Signale, wie die Tiere, die sie geschaffen hatten. Nur ohrenquälendes Geschrei in hohen Tonlagen. Gut, wenn man die Augen zusammenkniff und sie aus grosser Distanz anschaute, hatten sie schon gewisse Ähnlichkeiten mit Erscheinungsformen, die Zeus manchmal benutzte, aber wie sich bald zeigte, konnten sie sich nicht verwandeln wie ihr Erzeuger. Sie blieben nackte Affen, wurden sehr langsam etwas grösser, krabbelten auf dem Boden herum und begannen, auf den Hinterbeinen herumzutorkeln. Doch Zeus riss sich – ganz Gentleman – zusammen und verbarg sein Entsetzen über die Brut, da er Gaialina nicht verletzen wollte. Aber ihr Trick, den wegstrebenden Partner zu binden, ging – wie meistens in ähnlich gelagerten Fällen – nicht auf und Zeus sprach entschuldigend von neuen Aufgaben in anderen Weltecken, die – leider – niemand ausser ihm bewältigen könne. Gaialina durchschaute natürlich die faule Ausrede und ihr schwante, dass die Kids Papas Grössenwahn geerbt haben könnten. Big Businessman ergänzte vor seinem Abtritt noch mit grosszügiger Geste, sie könne ihn jederzeit herbeirufen, wenn es ernsthafte Probleme gebe mit diesen – ähm, Dingern, Affenartigen, und sie wisse ja: im Notfall helfe schütteln bestimmt. Gaialina weinte dem unsteten Gott ein paar salzhaltige Tränen nach, was man heute noch den Meeren anmerkt, spielte dann aber die Starke und wünschte ihm alles Gute bei seinen neuen Herausforderungen. Zeus nickte etwas zu rasch, machte kurz Winkewinke und war dann weg. Blitz-artig natürlich. Da sass sie nun. Oder lag in der Luft. Oder besser: sie raste sich wild um die eigene Achse drehend durch's All. Auch das nicht untypisch für Alleinerziehende.

Und nun ging einiges schief. Die beiden Nacktaffen waren gross geworden und das einzige, was sie garantiert von ihrem Papa in den Genen hatten, schien der Fortpflanzungstrieb zu sein. Sie vermehrten sich zwar nicht wie die Karnickel, aber doch rascher, als es ihr eigentlich lieb war. Und weil sie so benachteiligt waren gegenüber allen anderen Tieren, half ihnen Gaialina immer wieder und scheute sich auch nicht, weitere Verwandte von Zeus um Unterstützung zu bitten. Bei aller Skepsis waren es eben doch ihre eigenen Kinder, und da ist man als Mutter verständlicherweise etwas blind. Zeus' Schwester Demeter, die Göttin der Fruchtbarkeit, kam immer wieder für Seminare vorbei und weihte die Nacktaffen in die Geheimnisse des Ackerbaus ein.



Prometheus, ein entfernter Verwandter des Zeus, der mit diesem noch eine Rechnung offen hatte, klaute das Feuer im Olymp und brachte es den Zweibeinern – auf diesen Streich war Gaialina besonders stolz, weil sie damit dem abgehauenen Blitzeschleuderer eins auswischen konnte.


Mit der etwas bieder-braven Haus- und Jungfrau Hestia kam dann eine weitere Zeus-Schwester vorbei, lehrte die Nackten den Hausbau und die Bewahrung des Herdfeuers. So wurden die Zweibeiner immer kluger und lernten, ihre Mängel gegenüber den Tieren mehr und mehr auszugleichen und sich mithilfe von Gaialina und ihrem olympischen Beziehungsnetz vor dem Aussterben zu bewahren.

Aber dann uferte das Ganze aus. Die Nacktaffen nahmen alles in Beschlag, fuhrwerkten rum, wie wenn alles nur für sie da wäre, ihnen allein zustünde – und da alle Zweibeiner das glaubten, gab es Streit untereinander und sie begannen, sich zu bekämpfen und gegenseitig auszurotten. Die ganze Nacktaffenpopulation zersplitterte in unzählige Untergruppen, die ihr Selbstverständnis nicht durch ihre Gemeinsamkeiten, sondern durch die Abgrenzung gegenüber ihren Feinden fanden. Ihre einzige Gemeinsamkeit war die Feindschaft mit allen anderen Zweibeinern. Diese Haltung prägte zunehmend auch ihren Umgang mit den andern Lebewesen auf Gaialina. Die Zweibeiner glaubten, sie hätten alles selber erschaffen, es gehöre ihnen und 'leben' bedeutete für sie Kampf um grösstmögliche Macht über alles, was sie wahrnahmen. Sie hatten keinen Blick, kein Gespür dafür, dass alles zusammengehörte und alles Leben eine gleichartige Berechtigung hatte, da zu sein. Dass sie ihren Papa und seine Verwandten nicht kannten und damit auch nicht wussten, dass sie im Vergleich zu den Göttern ziemlich bescheiden ausgestattet waren – geschenkt. Der war ja nicht da.


Aber dass sie nicht einmal erkannten, wer ihre Mutter war, schmerzte und erzürnte Gaialina. Ihr wurde immer deutlicher bewusst: diese Zweibeiner waren die einzigen, die glaubten, sie seien die Einzigen. – Wie konnte sie ihnen das begreiflich machen, was alle Tiere und Pflanzen, alle Meere und Berge wussten: dass alles als riesiger Spielplatz gedacht war, auf dem alle mit allen ihren Spass haben durften? Ein unablässiges Geben und Nehmen, ein Austausch, Dialog aller mit allen? Sie erinnerte sich an Zeus' Tipp, sich einfach mal zu schütteln und tat es, zuerst zögerlich, dann heftiger. Aber die Schüttlerei reduzierte nur den Bestand der Zweibeiner und traf zudem weitgehend die falschen. Kluger wurden sie dadurch nicht. Also rief sie schweren Herzens Zeus herbei, gab unumwunden zu, dass sie allein nicht fertig wurde mit demProblem, und bat ihn um Hilfe. Ob er den Zweibeinern nicht die Augen öffnen könne für diese eigentlich banale Einsicht, die jedes noch so winzige Pflänzchen und jede Minimücke habe, weil sie es ihnen bei der Erschaffung mitgegeben hatten.

Zeus runzelte die Stirn. Auch für einen Gott war das eine echte Herausforderung. Und er fühlte sich ja mitverantwortlich für diesen Systemfehler in seiner eigenen Brut. Beim bewussten Erschaffen überlegen sich eben auch Götter mehr als beim wilden Kopulieren. Gaialina sah das nachdenkliche Zögern ihres Schwängerers. "Oder wäre es kluger, das Experiment abzubrechen und die Zweibeiner einfach aussterben zu lassen?" – Zeus knurrte: "Wenn sie so weitermachen, schaffen sie das auch ohne unsere Hilfe. Aber dann ist der ganze Rest wahrscheinlich auch hin. Dann könntest sogar du…" er sah sie erstmals wieder mit diesem liebevollen Blick an, der sie bei der ersten Begegnung hatte schmelzen lassen, "… dabei mit untergehen. Wir müssen eine andere Lösung finden." – Gaialina strahlte ihn an: "Was soll ich tun?" – "Hast du Geduld?“, fragte er sie mit leiser Stimme. Sie nickte sofort: "Aber ja, eine Erdsgeduld! Zeit, du weisst schon, ist eh eine Illusion." Zeus erläuterte ihr seinen Plan: "Wir müssen sie erziehen. Und zwar in einer Weise, wie das bei allen andern Wesen nicht nötig ist. Wir müssen ihre eigenen Methoden anwenden. Es sind die einzigen, die sie verstehen." – "Du meinst Zuckerbrot und Peitsche?" – "Ja, aber ganz gezielt. Ich meine das Spiel mit der Macht. Wir müssen das, nach dem sie so rücksichtslos streben, was ihnen offenbar als das höchste Gut erscheint, die Macht über andere, unattraktiv machen." – "Das versuche ich ihnen schon seit es sie gibt verständlich zu machen…", seufzte Gaialina. "Das geht nicht auf die sanfte Tour. Dafür sind sie – so ungern ich es sage von meinem eigenen Nachwuchs – schlicht zu dumm, zu wenig entwickelt. Machtmissbrauch muss auf jeden zurückfallen, der sich dazu hinreissen lässt. Je schneller und heftiger, desto bessern", knurrte Zeus entschlossen. – "Ich verstehe", warf Gaialina sorgenvoll ein, "wir sorgen dafür, dass jeder, der Macht über andere ausübt, automatisch stolpert und sich in der umgekehrten Rolle erlebt, nämlich als einer, an dem andere ihre Machtgier ausleben?" – "Genau. Das erfordert aber eine gigantische Informationszentrale und ein Heer von Mitarbeitern, die diesen Automatismus erdweit in Gang halten. Wenn es funktioniert, können wir im Olymp unser Pilotprojekt vorstellen und zur Nachahmung empfehlen", schwärmte der siegesgewisse Jung-Gott,bereits wieder optimistisch in die Zukunft blickend. Gaialina lächelte, rieb ihm aber seine Eitelkeit und Ruhmsucht nicht unter die Nase. Schliesslich wollte sie, dass er ihr weiterhalf. Und bei Männern war die Aussicht auf ewigen Ruhm mitunter die stärkste Motivation, ein Projekt zum Erfolgzu führen. – Gesagt, getan. Anfänglich waren es nur die ganz grossgekotzten Zweibeiner, die von der Infozentrale aus in die Bredouille gelenkt wurden. Mit der Zeit wurde das System aber immer differenzierter, verfeinerter und erreichte schliesslich auch den kleinen Jungen, der eine Weinbergschnecke zerquetschte – und dann früher oder später von irgendeinem andern Wesen oder Ding wenigstens teilgequetscht wurde.

Trotzdem begriffen die meisten noch während Jahrhunderten den Zusammenhang nicht, hielten alles für Zufall, Schicksal oder das Walten irgendeines ungerechten Gottes. Sie erkannten nicht, dass alles ein Echo hatte, dass sich alles im Aussen spiegelte und sie durch ihr Denken, Fühlen und Handeln alles auslösten, was ihnen widerfuhr. Und vor allem entdeckten sie während vieler Generationen die Freiheit nicht, die in diesem System lag. Sie brauchten ja auf ihre Freude an der Macht gar nicht zu verzichten. Sie konnten sich Kompetenzen aneignen, vieler Fähigkeiten und Sprachen mächtig werden, sich sogar raffgierig Wissen und Können aneignen, ohne dabei Macht über andere auszuüben.

Es dauerte aber eine halbe Ewigkeit, bis die Nacktaffen begriffen, dass es viel mehr Spass machte, sich auf Augenhöhe mit andern Wesen und Dingen auszutauschen, als mit Unterdrückten, Geknechteten, Missbrauchten, Gequälten, die ja sowieso nie das zum Ausdruck brachten, was sie wirklich dachten oder fühlten, sondern nur das, was ihnen vermeintlich Vorteile verschaffte bei den Machthabern, und sei es nur Leidenslinderung.


Aber nach ein paar tausend Jahren gelang es immer mehr Zweibeinern, sich mit Tieren anzufreunden.

Zuerst mit den Tieren, die sie anfänglich aus reinen Nützlichkeitserwägungen um sich hielten wie den Wachhunden, den Reitpferden, den Kühen, Schweinen, Ziegen, Schafen, Hühnern und Gänsen.



Die Motivation der Zweibeiner, diese Tiere besser zu verstehen, ihre Sprachen zu erlernen, basierte anfänglich nur darauf, sie besser ausnutzen zu können für die vorgesehenen Zwecke. Aber dabei entdeckten sie, dass die Tiere über Intelligenz, ein erstaunliches Gedächtnis, Empathie, Solidarität, Kooperationsbereitschaft, Treue, Leistungsbereitschaft und ja, sogar über die Fähigkeit des Verzeihens und differenzierte Kommunikationsformen verfügten.

Das nötigte ihnen Respekt ab und immer mehr Zweibeiner fanden zu dem von Zeus und Gaialina angestrebten Zusammenleben auf Augenhöhe und in gegenseitigem Respekt.

Einige von ihnen dehnten die Erfahrung auch auf die Pflanzen aus und waren verblüfft, dass es auch eine Form des Austauschs mit Bäumen, Sträuchern, Blumen, Wiesen und Wäldern gab und dass es durchaus wichtig war, mit was für einer Haltung man ihnen begegnete, ob man sie nur als Nutzobjekte betrachtete, deren man sich bediente, oder als Mitwesen mit eigener Daseinsberechtigung, eigenen Bedürfnissen und Wünschen.

Und dann gab es sogar Zweibeiner, die erkannten, dass auch Dinge, die alle für tot hielten, gar nicht tot waren, dass die Vorstellung der meisten von 'Leben' viel zu eng war. Eine der ersten, die dies erkannte, war eine hochbegabte Zweibeinerin, die einem aus Holz gefertigten und mit Darmsaiten bespannten Instrument wunderschöne Klänge entlockte. Ihr Instrument wurde zu ihrem wichtigsten Partner, mit dem sie jeden Tag unzählige Stunden verbrachte und die schönsten Melodien spielte. Das Musizieren wurde zum Wichtigsten in ihrem Leben und sie erkannte, dass das Leben, das sie zu leben wünschte, nur zusammen mit ihrem Instrument möglich war – und dass umgekehrt auch ihr Instrument nur seinen Zauber entfaltete, wenn sie es zur Hand nahm und sie zusammen Musik machten. So war es ihr ein Leichtes, ihr Instrument als für sie lebendigen Partner zu repektieren, und nicht nur als seelenloses Ding zu benutzen. – Es dauerte wiederum unendlich lange, bis auch ein paar Männlein Ähnliches erlebten und begriffen. Ihnen gelang es am ehesten über das Spiel mit Maschinen, Geräten, die sie selbst hergestellt hatten und die sie sich so vernarren konnten, dass sie ihnen wichtiger wurden als alle anderen Zweibeiner.


Die Geduld Gaialinas war unendlich, und zwischendurch musste sie sich auch wieder mal schütteln, ihre Vulkänlis speien und die Wasser über die Lande fegen lassen, um zu verhindern, dass die Zweibeiner während ihres ewig langen Lernprozesses alles andere Leben auf ihr zerstörten. Aber sie gab ihre Kinder nie ganz auf.

Als dann im dritten Jahrtausend nach Zweibeinerzeitrechung die klugsten zweibeinigen Forscher ganz langsam dem Echo- oder Spiegeleffekt auf die Spur kamen und immer mehr Nacktaffen das lange hochgehaltene, aber eigentlich hilflose und auch langweilige Zufallsprinzip auf dem grossen Haufen der Irrtümer entsorgten und sich dem Abenteuer zuwandten, in allem, was ihnen geschah, ja in allem, was sie wahrnahmen, Sinn zu suchen, eine ganz speziell an sie gerichtete Botschaft zu entschlüsseln, die ihnen half, ihre Freiheit, ihre Eigenverantwortung, ihre Selbstbestimmung zu entdecken, da begann auch Zeus daran zu glauben, dass es vielleicht doch noch gut kommen könnte und er im Olymp, den er inzwischen präsidierte, sein gelungenes Experiment vorstellen und damit unsterbliches Ansehen einheimsen könne.

Gaialina atmete ebenfalls spürbar auf. Die Zweibeiner hatten – wenn auch als letzte ihrer Bewohner – endlich ihre Mutter erkannt. Das fühlte sich an wie Weihnachten und Geburtstag in einem.