Denk-Aufgabe 1901 vom 6.1.2019

 

Rassist, Fundi – oder beides?


Der Entwicklungsstand eines Menschen zeigt sich daran, worauf er sein Selbstverständnis stützt. Der Hochentwickelte sucht und findet das Verbindende, die Gemeinsamkeiten mit allem, was er wahrnimmt: mit Dingen, Bergen, Gewässern, Pflanzen, Tieren, anderen Menschen, Gedanken, Kreationen, Ideen und Weltbildern. Er setzt sich damit auseinander und versucht, GANZ zu werden – im Bewusstsein, dass ihm dies nicht vollständig gelingen kann, solange er in einer Körper- und Geisteshülle inkarniert ist. Der wenig Entwickelte sucht und findet das Trennende, die Unvereinbarkeiten mit allem, was er wahrnimmt: Alter, Geschlecht, Hautfarbe, materieller Besitz, Beruf, Bildungsstand, Weltläufigkeit, fremde Gedanken, Kreationen, Ideen und Weltbilder, die andere Art der Fortbewegung auf zwei, vier oder gar keinen Beinen, die nicht ebenbürtige Fähigkeit aller wahrgenommenen Entitäten, im gleich grossen Stil zu töten wie er, den (vermeintlichen) Mangel an 'Leben', 'Bewusstsein', 'Seele' im von ihm Wahrgenommenen. Und mithilfe all dieser pejorativ bewerteten Andersartigkeit des Wahrgenommenen nährt er seinen Rassismus – ich bin ok, alles, was sich von mir unterscheidet, ist nicht ok – und seinen Fundamentalismus – nur ich nehme richtig wahr, alle andern nehmen falsch (oder gar nicht) wahr. Beides zusammen ergibt sein Selbstverständnis als vom Abschaum des 'Andern', des 'Fremden' Gesonderter.

Anhand dieser beiden Extreme können wir unseren eigenen Entwicklungsstand zu bestimmen versuchen und werden auf die faszinierende Verzahnung von Rassismus und Fundamentalismus stossen und die beiden Phänomene ganz nah, in den uns selbstverständlichsten Vorurteilen entdecken. Rassismus und Fundamentalismus bedingt sich gegenseitig: Nur wenn wir davon ausgehen, dass unsere Wahrnehmungsinterpretation absolut wahr ist – wenn wir also einen fundamentalistischen Standpunkt einnehmen – können wir rassistisch denken und handeln. Sobald wir unser Urteil als subjektives, relatives unserem derzeitigen Kenntnisstand geschuldetes Vorurteil erkennen, sind rassistische Äusserungen und Verhaltensweisen nicht mehr möglich. Umgekehrt mündet gefühlsinduzierter Rassismus – z.B. unreflektierte Ablehnung von irgendetwas als 'anders', als 'fremd' Wahrgenommenem – meist in fundamentalistische Äusserungen, um das Gefühlte zu legitimieren.

Und was steckt dahinter? M.E. die gute alte Angst. Zumindest die Rassisten und Fundamentalisten, die mit bislang begegnet sind – und die rassistischen und fundamentalistischen Aufwallungen, die ich in mir selbst schon diagnostiziert habe – sind samt und sonders angstinduziert. Bei mir ist es die Angst um die Tiere, die meinen Rassismus nährt, dass tierhassende, tierquälende Menschen minderwertig, notfalls einzusperren oder aus dem Verkehr zu ziehen seien, verzahnt mit der fundamentalistischen Einstellung, dass, wer Tiere nicht liebt, ein wertloser Mensch sei. – Keine Bange, ich arbeite daran. Und ich habe bislang noch keinen Tierhasser umgebracht. Aber ich weiss, dass ich es bei meinem aktuellen Entwicklungsstand tun könnte, tun würde, wenn sich die Gelegenheit böte. Mein Ziel ist es, diese Angst zu überwinden, gelassener zu werden und Tierquäler nur noch nüchtern über das Gesetz zu verfolgen. Aber der Weg ist noch weit.

Die Denk-Aufgabe besteht nun natürlich darin, deinem eigenen Rassismus-Fundamentalismus-Gespann auf die Schliche zu kommen. Viel Spass dabei!